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0
Frivate il amtliclie Bezielmieii
der
Brüder Grimm
ZU Hessen.
Eine
Sammlung von Briefen und Aotenstücken
als Festschrift zum.
hundertsten Geburtstag Wilhelm Grimms
den 24. Februar 1880
zuaammengeatellt und erläutert
von
E.J|tengel.
Band I:
Briefe der Brider Grimm in hessische Freude.
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^ Marburg.
N. G. Elwertsohe Verlagsbuchhandlung.
1886.
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^
Briefe
der
Brüder Grimm
hessische Freunde
gesammelt
E. Stengel. rv,^^
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^ Marburg.
le Verlagsbuchhandlung.
1886.
y Google
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y Google
Vorwort.
'leräiischloser aber mit nicht minder innigem
Antheil wird am 24. Februar 1886 die hundert-
jährige Wiederkehr des Geburtstages von Jacob
Grimms Bruder Wilhelm in Deutschland ge-
feiert werden. Möge dann auch diese Sammlung
als Kranz das Denkmal, das sich die Brüder im
Herzen des deutschen Volkes selbst errichtet haben,
zieren ! In dankbarer Liebe ist er gewunden, nicht
zierlich und kunstgerecht, aber voll duftender Blüthen
und saftiger Blätter, zwischen denen auch viel
dürres Strauchwerk, auf dem sie ruhen, deutlich
hindurchschimmert. Nicht Wilhelm allein ist er
gewidmet, nein ebenso wohl auch dem von ihm un-
zertrennlichen älteren Jakob, ebenso wie an Jakob's
Geburtstag Jedermann auch seines Bruders Wilhelm
gedachte. Welche enge Bande die Brüder an
Hessen knüpfte , wie viel Liebe und Leid ihnen
hier zu Theil wurde, es wird aus dieser Sammlung
von neuem hervorgehen. Stolz und freudig kann
auch die Alma Philippina sich ihrer Zugehörigkeit
rühmen. Möge die bescheidene Gabe eines Marburger
Docenten bezeugen, dass sie sich dieser Ehre be-
wusst ist, und als Spende eines Romanisten zugleich
ein Schärflein der Dankbarkeit abtragen, welche die
romanische Philologie den Begründern der deutschen
y Google
VI Vorwort.
schuldet! Mögen vor allen aber auch die hier
zusammengestellten Äusserungen ohne Falsch und
Flitter, voll von edler Gesinnung, Herzensgute und
warmer Liebe zum deutschen Vaterland dazu bei-
tragen, das Bild des sittenreinen, gemüthvollen
Brüderpaares tiefer und tiefer in das Herz unseres
Volkes zu drücken, und es vor den Irr- und Ab-
wegen charakterlosen Streberthums und pietätloser
Frivolität zu schützen!
Durch jfreundliches Entgegenkommen von ver-
schiedenen Seiten ist es mir gelungen nach und nach
eine recht stattliche Anzahl von bisher ungedruckten
Briefen der Brüder an hessische Freunde zusammen
zu bringen, imd denselben aus den noch ungehobenen
Schätzen unseres Archivs auch eine Reihe für die
Beurtheüung namentlich Jacob Grimms wichtiger
Actenstücke hinzuzufügen, auf deren Vorhandensein
mich Arcbivrath Dr. Könnecke freundschaftlichst
aufmerksam machte. So musste der anfanglich
nur auf einen Band berechnete Umfang der Sammlung
auf zwei ausgedehnt werden. Da diese Erweiterung
wie die Fixirung des derzeitigen Planes aber erst
erfolgen konnte, als bereits die ersten Bogen fertig
gestellt waren, so sind einige Unebenheiten in der
Anordnung des Stoffes entstanden, welche ich zu
entschuldigen bitte. Der eilige Beginn des Druckes
war besonders dadurch veranlasst, dass von einer
Anzahl Briefen die Originale mir nur auf kurze
Zeit anvertraut waren und möglichste Genauigkeit
auch hinsichtlich der schwankenden Schreibung bei
der Wiedergabe von mir angestrebt wurde. Nur in-
dby Google
Vorwort. VII
soweit wich ich prinzipiell von den Originalen ab,
als ich alle Briefe in Antiquasatz wiedergeben liess,
während Jakob in den Briefen erst 1826 durchaus
die Antiquaschrifb verwandte und Wilhelm ihm
sogar erst 1838, nachdem er Göttingen verlassen,
auch in dieser Beziehung folgte. Alle mir vor-
liegenden Briefe theilte ich vollständig mit. Nur
in den letzten Briefen Jakobs waren einige durch
Pünktchen angedeutete Kürzungen geboten. Einige
wenige Briefe passen, da sie nicht an Hessen ge-
richtet sind, nicht in die Sammlung, wie sie sich
jetzt darstellt; doch sind sie so schön, dass man
sich nur ihrer Mittheilung freuen wird. Anderer-
seits fehlen hier viele Briefe, welche, wäre möglichste
Vollständigkeit beabsichtigt gewesen, mit Recht
?ermisst werden könnten. Um manche derselben
habe ich mich zwar vergeblich bemüht, von anderen
hörte ich zu spät und erst als der zu Gebote stehende
Raum ohnehin überschritten war, noch andere
werden mir gänzlich unbekannt geblieben sein.
Möchten die empfindlichsten dieser Lücken bald von
anderer Seite ausgefüllt werden!
Dass für die Anmerkungen, so weit es die Kürze
der Zeit gestattete, keine Mühe gespart worden ist,
wird schon ihr beträchtlicher Umfang zeigen. Ausser
dem Jedermann zugänglichen gedruckten Material
konnte ich besonders die in der Berliner Bibliothek
aufbewahrte umfangreiche Grimm - Correspondenz
dafür ausbeuten. Mit gütiger Genehmigung der
Kinder Wilhelm Grimms suchte mir Dr. Ippel
freundlichst die von hessischen Freunden herrühren-
y Google
VIII Vorwort.
den Briefe heraus. Weiterhin hatte K. Weigands
Tochter, Frau Oberlehrer Dr. Flach in Wiesbaden
die Güte mir nebst den Briefen der Brüder Grimm
an ihren Vater, auch dessen übrigen wissenschaftlichen
Nachlass, soweit er noch in ihren Händen war, zu
übergeben. Aus der recht umfangreichen wissen-
schaftlichen Correspondenz entnahm ich manche
Äusserung über die Brüder und theilte ausserdem
eine Anzahl Briefe Schmellers, dessen hundertster
Geburtstag ebenfalls in diesem Jahre begangen
wurde, mit, sowie einige interessante Stellen aus
Briefen Müllenhofs. Sonst suchte und erhielt ich
bereitwilligst von verschiedenen Seiten Auskunft
über die und jene Stelle. Da wo es angezeigt er-
schien, habe ich die freundlichen Rathgeber namhaft
gemacht, alle sonstigen Gönner und Förderer dieser
Sammlung mögen meines aufrichtigen Dankes eben-
so versichert sein.
Die chronologische Tabelle der hier gedruckten
Grimmbriefe, sowie das alphabetische Namenregister
werden hoffentlich erwünscht sein, ebenso wird die
Wiedergabe der philosophischen Doctordiplome,
welche schon dem Grimmprogramm der Universität
Marburg beigefügt war und hier wiederholt ist.
Manchem, dem jenes Programm nicht zu Gesicht
kommt, willkommen sein.
Marburg, Ende October 1885.
E. Stengel.
y Google
L Aus Briefen Jacob Grimms an Paul Wigand.
1.
[1802] Marburg, den 31. — 15. May, Abends,
^7 TTv tt xt' Ao 18910«5321100216787 « i
7 Uhr 11 Min. 43 -loooooooooööooo- ^ek.
Mein lieber Wigand!
Da bin ich nun in Marburg und Gott sey Dank
noch gesund. Ungewohnt thut mir's jfreilich noch,
aber doch nicht mehr so wie anfangs, da ich wegen
meiner Geschäfte jetzt mehr Zerstreuung habe. Be-
sonders leid that mir die Trennung von meinen
Brüdern, Ihnen und noch einigen.
Es gefällt mir sonst recht gut hier. Ich weisz
nicht, ob Sie, mein lieber, schon einmal hier waren,
aber die Lage Marburgs und umliegende Gegend ist
gewisz sehr schön. Besonders wenn man in der
Nähe des Schlosses steht und da herunter sieht,
die Stadt selbst aber sehr häsziich. Ich glaube, es
sind mehr Treppen auf den Straszen als in den
Hausern. In ein Haus geht man gar zum Dach
hinein. —
2.
Marburg, den 30. Juni 1802.
Bisweilen gehe ich spazieren. 0 eine prächtige
Gegend. Mit jedem Schritt romantischer und schöner.
£. fitengeL Briefe der Brüder Grimm. 1
Digitized by VjOOQ IC
2 I. J. Grimm an P. Wigand. 1802—14
Hohe Berge, aber keine kahle Hügel, sondern mit
mannichfachem Grün geschmückt. Wiesen und Wiesen-
quellen. Links das Schloss auf dem Berge von der
Abendsonne vergoldet. Vor mir ein Dörfchen, das
man vor Bäumen nicht würde sehen können, Ter-
riethe es nicht der aufsteigende Rauch. Da gehe
ich aber oft sinnig herum und sehe nichts. Meine
Gedanken sind nicht hier. Dann sitze ich unter
einem Weidenbaum und sehe nichts wieder als die
schöne Gegend aber plötzlich fallts mir ein, dasz ich
so einsam dasitze. Dann mache ich nur um wieder
nach Haus zu kommen.
8.
Marburg, den 12. Aug. 1802.
Am Sonntag besah ich die hiesige Elisabether-
kirche. Ein wahres Meisterstück, in acht gothischem
Geschmack, und die farbigen Fenster — eine leider
jetzt verlorene Kunst — wie feierlich und die Gruft
mancher Landgrafen wie schauerlich! Der Vorwelt
Schattengebilde umsäuseln uns imd erinnern uns an
unsre Vergänglichkeit! — Auch findet man da öe-
mählde.von dem berühmten Alb. Dürer, die aber,
schade, sehr beschädigt sind.
V August 1814.
An Aergemiss über unsere Regierung fehlt es
nicht; der Kurfürst ist auch zu alt, um sich emsfc-
y Google
1813-14 n. W. Grimm an P. WigancL 3
lieh zu ändern, aber es thnt einem weh, dasz das
Unglück nnd Glück unseres Vaterlandes den Kur-
prinzen nicht, wie sie sollten, und es das allematür-
Hehste wäre, rühren und beszem. Ein braves Volk,
wie wir Hessen sind, sollte von Miszgriffen, Persön-
lichkeiten und der Verstocktheit nach allem Vorher-
gegangenen nichts zu leiden haben .... Unsere
bevorstehende deutsche Verfassung wird hoflfentlich
den Rechten des Volks aufhelfen und darum wollen
wir guter Hoffnung sein.
II. Aus Briefen Wilhelm Grimms an Paul
Wigand.
5.
Cassel, den 29. Mai 1818.
. . . »Wir haben wie Wanderer Regen, Sturm, Sonnen-
schein untereinander erlebt. Der Qedanke an das
eine hat immer das andere gemaszigt, und wenn auch
die Wolken alle Berge verdeckt, ist uns doch die
Oewiszheit noch geblieben, dasz noch höher die Sonne
leuchte, nur wann sie aufgehe, das war in Oottes
Hände gelegt. Dazwischen haben wir, sobald es
ging, fori^earbeitet; es ist im äuszeren Leben nichts
besseres als solch^ ein fester Beruf, wie ich unser
Arbeiten betrachte, und ohne ihn würde Freud oder
Leid uns zu Boden werfen, wie wir beides, Sonnen-
schein und Frost, ohne Schutz nicht vertragen,
sondern darunter ohne Bewegung hinsterben.*
y Google
4 ni. J. Grimm an den Kurfürsten. 1813
6.
9. Febr. 1814.
Ich habe am Sonntag das Rescript als Secretarius
der Bibliothek erhalten, dazu Einhundert Thal er
Besoldung, was ich mit Buchstaben schreibe, damit
Du nicht glaubst ich habe mich verschrieben.
7.
? Mai 1814.
Vielleicht ist noch niemals eine Zeitung in
Deutschland mit so freiem, edlem Sinn geschrieben
[als der Rheinische Merkur von öörres],
8.
Ende 1814.
Ich habe 200 Thaler Zulage bekommen, sodass
mir die Laubthaler schon aus der Tasche tanzen.
IIL Vier Gesuche Jakob Grimms an den Kur-
fürsten von Hessen.
9.
Durchlauchtigster Kurfürst
Gnädigster Fürst und Herr!
In der Hoffnung, dasz ich unter den jetzigen
Zeitumständen meinem Yaterlande in der diplo-
matischen Laufbahn am meisten nützen könnte, und
im Vertrauen, mich durch ein eifriges Studium der
Geschichte nicht unwürdig dazu vorbereitet zu haben,
wage ich es, Eure Kurfürstliche Durchlaucht zu bitten :
y Google
1813—15 m. J. Grimm an den KurfQrsten. 5
mir die Stelle eines Secretars bei einer Ge-
sandschafb Imldreichst zu verleihen.
Mit Fleisz und Treue werde ich diese Gbade
onablaszig zu yerdienen suchen, und ersterbe in
tiefster Ehrfurcht
Euer KurfElrstlichen Durchlaucht
unterthanigster
Jacob Grimm
vormals Kriegssecretar
Caszel am 16. Dec. 1813.
10.
Allerdurchlauchtigster Kurfürst
Allergnädigster Kurfürst und Herr.
Ehe und bevor Eure Königliche Hoheit mich mit
den in meiner anderweiten unter heutigem Dato
überreichten unterthanigsten Vorstellung erbetenen
Ämtern begnadigen, flehe ich nothgedrungen um
Allergnädigste Verfügung zur strengen Untersuchung
der nachfolgenden mir höchst empfindlichen Ver-
anlaszung.
Der Geheime Regirungs-Rath von Lepel macht
mir den Vorwurf, dasz ich während des Congresses
meine Pflicht nicht geleistet hätte und äuszert sich
darflber auf die kränkendste und unanständigste
Weise. Die unmittelbare Gelegenheit dazu bricht
er von einem mir vermuthlich zur Last liegenden
geringen Versehen ab, welches leicht zu berichtigen
gewesen wäre und zu dessen Berichtigung ich mich
aaf der Stelle erbot. Da ich indessen bald merkte,
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6 ni. J. Grimm an den Kurfürsten. 1815
dasz ihm an einer uns beiderseits anständigen Ver-
ständigung nichts gelegen sey, so förderte ich ihn,
getrost auf mein gutes Gewiszen, auf, seine Beschwerde
Allerhöchsten Orts anzubringen.
Ein Theil meiner in Wien gefertigten Expedi-
tionen liegt Eurer Königlichen Hoheit selbst vor
Augen , und wird allein schon' hinreichend die Be-
schuldigung, dasz ich meine Hände gespart, Ton
mir abwenden. Allein das Bewusztseyn, in meinen
früheren Dienstverhältniszen stets vorwurfsfrei da
gestanden zu haben, zwingt mich auch gegenwärtig
zu der ehrerbietigsten Bitte:
dasz allerbuldreichst befohlen werden möge,
gedachten Geh. Regirungs-Rath von Lepel,
falls er es aufschieben sollte, zur Angabe seiner
Beschwerden anzuweisen und hiegegen meine
Rechtfertigung vernehmen zu laszen.
Der ich ehrfurchtsvollst ersterbe
Eurer Königlichen Hoheit
unterthänigster , treugehorsamster
pflichtschuldigster
der Legationssecretar Grimm.
Caszel, den 10. August 1815.
U.
Alerdurchlauchtigster Kurfürst
AUergnädigster Kurfürst und Herr
Aus einem so eben erhaltenen Schreiben des
Herrn Geheimen-raths von Carlshausen habe
ich zu ersehen gehabt, dasz es Eurer Königlichen
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1815 UL J. Grimm an den Knrfarsten. 7
Hoheit allergnadigste Absicht ist, mich von neuem
in der Eigenschaft eines Legationssecretars zu der
frankfurter Bundesversammlung abzuordnen. So
sehr ich di^es Zeichen Allerhöchster Zufriedenheit
mit meinen geringen Diensten in schuldigstem Dank
ond um so lebhafter anerkennen musz, als ich nach
meiner Rückkehr aus Wien einige Merkmale eines,
wie ich glaube , nicht verdienten, Misfallens erfuhr,
80 sehe ich mich gleichwohl nothgedrungen , meine
allerunterthänigste , verwichenes Frühjahr bereits
aus Wien ergangene und später in Caszel wieder-
holte Vorstellung um Entlaszung aus der diplo-
matischen Laufbahn hiermit zu erneuern. Nicht nur
meine schwächliche Gesimdheit und die Überzeugung,
dasz ich meine etwaigen Kenntnisse in eine solche
Richtung bringen musz, worin sie nützlich werden
könn^i, bewegt mich zu diesem Schritt, sondern
auch die Erwägung, dasz ich durch nunmehr zehn-
jährigen Dienst in öffentlichen Ämtern einen andern
Posten verdient zu haben glaube, als einen solchen,
der mich zu einer unordentlichen, unbequemen Lebens-
art verbindet, meine Besoldung völlig verzehrt und
mir im Grunde die Arbeit eines bloszen Cancellisten
auflegt.
Ich hatte daher jene Veranlaszung ergriffen, um
mich zu der Stelle eines Hofarchivars allerehrer-
bietigst zu melden, bin aber darauf mit keiner Aller-
höchsten Resolution versehen worden. Wenn Eure
Königliche Hoheit von Allerhöchst Dero Regirung
zn Caszel Bericht zu fordern geruhen wollen: in
welchem Zustande sich gegenwärtig die für die
y Google
8 in. J. Grimm an den Kurfürsten. 1815—16
vaterrändiache heszische Geschichte wichtigsten
Sammlungen und Verbriefungen befinden? so wird
sich daraus ergeben, dasz ich wenigstens um keinen
Platz gebeten habe, deszen Besetzung der Staat
länger entbehren könnte.
.Darf ich diesem allem hinzufügen und in ge-
ziemender Ehrerbietimg erwähnen, dasz ich Aus-
sichten, welche sich mir auswärts zu einer ange-
nehmen und einträglichen Anstellung eröffnet haben,
stets vernachlässige, weil ich vor allen Dingen mich
meinem Vaterlande zu widmen trachte?
In tiefster Ehrfurcht ersterbe ich
Eurer Königlichen Hoheit
allerunterthänigster , treugehorsamster
und pflichtschuldigster
Grimm.
Paris 23 October 1815.
12.
Allerdurchlauchtigster Kurfürst
Allergnädigster Kurfürst und Herr!
Seitdem Eure Königliche Hoheit allergnädigst
geruheten, mich aus der diplomatischen Laufbahn zu
entbinden, habe ich nun verschiedene Monate lang
den als Legationssecretarius genoszenen Gehalt blos
in der steten Hoffnung einer bald erfolgenden ander-
weiten, meinen geringen Talenten entsprechenden
Wiederanstellung fortbezogen. So dankbar ich diese
Wohlthat anerkenne, so widerstreitet es dennoch
meinen Grundsätzen, eine Besoldung zu empfangen,
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1817 IV. J. Grimm an Ch. Bauer, geb. Ramus. 9
die ich mit keinen Arbeiten yerdiene , die mich aber
gleichwohl in einer meinem künftigen Unterkommen
hinderlichen Gebundenheit und Ungewiszheit läzst.
Daher ich, unter Beziehung auf die in meinen früheren
ehrfurchtsvollsten Vorstellungen dargelegten Ghründe,
hiermit wage, meine allerunterthänigste Bitte um
Ertheilung der ledigen Hofarchivarienstelle zu er-
neuern.
Der ich in tiefster Ehrerbietung erharre
Eurer Königlichen Hoheit
allerunterthänigster, treugehorsamster,
pflichtschuldigster
Grimm
Caszel am 14. April 1816.
IT. Zwei Briefe Jacob Grimme an Frau Olier-
medicinalrfttliin Bauer, geborene Ramue.
18.
Gas sei, den 5. Dec. 1817.
Werthgeschätzte Freundin,
Da es mir die Mäuse tagtäglich ärger machen
und sogar Bücher freszen, die ich erst noch recensiren
soll, so bin ich Willens, eine Katze in Dienst zu
nehmen; könnten Sie mir nicht eine wohlerzogene
nnd hoffnungsvolle verschaffen? Dieselbe hat zeit-
lebens Brot und Milch bei mir und wird anständig
behandelt Ich bin und bleibe
Ihr ergebenster Freund
Jacob Grimm.
An
Fr&nlein Charlotte Bamos.
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10 IV. J. Grimm an Ch. Bauer, geb. Ramus. 1835
14.
Liebe Charlotte!
Wir sind recht erschrocken über den harten Fall,
der Sie betroffen hat. Als ich Bauer vorigen Herbst
sah, freute ich mich seiner, wie es schien, ganzlichen
Wiederherstellung von der Krankheit, mit der er in
den letzten Jahren zu schaffen gehabt hatte. Gott
hat es anders beschieden. Wie bald ist er meiner
guten seeligen Schwester nach gefolgt, und welche
gewaltige Lücken hat der Tod schon in den kleinen
Kreis unserer alten Bekanntschaft gerissen.
Wir haben uns alle etnander in der letzten Zeit seltner
gesehn als in der früheren, aber ich meinestheils
bin oft der Vergangenheit eingedenk gewesen und
der Freundschaft, mit der Sie ims zugethan waren;
auch von Bauer weifs ich, dafs er immer noch Theil
an uns genommen und [uns] nicht vergessen hat.
Einen traurigen Winter haben wir eben zurück-
gelegt. Wilhelm, der schon so viel aushalten muste,
litt diesmal lange und fast ununterbrochen an einem
gefährlichen Gichtübel , das sich auf das Herz ge-
worfen hatte. Seit einigen Monaten bessert es sich,
Gott sei Dank entschieden, aber äulüserst langsam.
Sein Sie von uns allen herzlich gegrüfst. Es
bedarf kaum der Versicherung, wenn sich je einmal
Gelegenheit darbieten sollte , Ihnen , liebe Freundin,
oder Ihren Kindern beizustehn, dafs ich es mit
Freuden thun werde.
Jacob Grimm.
An Ihre Schwester Julie meine Empfehlung.
Göttingen, 22. April 1835.
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1838 V. J. Grimm an K. Gödeke. H
Liebsie Charlotte, ich möchte Dir auch so gern
ein Wort der Liebe und des Trostes sagen aber Dein
Verlust ist zu grosz Gott allein musz Dir Kraft
geben ihn zu tragen. Ach es hat uns alle tief er-
schüttert in solchem Augenblick regt sich recht die
alte Freundschaft im Herzen — Wären wir doch
jetzt nur nicht so weit von einander ich musz inuner
an Euch denken, vergeszt nicht in Eurem Schmerz
dasz Ihr gute treue Freunde in Göttingen habt
Dorothea.
Fran Obermedicinalräthin Bauer,
Wohlgeboren, Caszel.
T. Jacob Grimm an stud. phil. K. Gödeke
gegenwärtig Profeseor in Göttingen.
15.
Werthester Freund,
ich konnte nicht früher zum antworten gelangen,
erst war mir eine augenkrankheit hinderlich, und
dann trat ein geschäft nach dem andern in den weg.
Durch Ihren brief bin ich herzlich erfreut worden
imd diese fortwährende Zuneigung eines auch meiner-
seits unvergessenen zuhörers thut mir in meiner
jetzigen zurückgezogenheit doppelt wohl. Die über-
sandten beitrage zur mythologie sind mir lieb und
willkommen und gleich dankbar sein werde ich
Ihnen für alle ähnliche aufzeichnungen, die sie aus
dem lebendigen munde des yolks entnehmen wollen.
y Google
12 V. J. Grimm an K. Gödeke. 1838
ich gebrauche sie treu und gewissenhaft und weisz
aus erfahrung, wie sehr dadurch meine arbeiten ge-
fördert werden. Auch die grammatische bemerkung
über 'ohne zu' hat für mich werth; meine eignen
Sammlungen sind mir nicht zur hand, aus denen
ich Ihnen das älteste beispiel für diesen Sprachge-
brauch herschreiben könnte.
Sie fragen mich nach Platens spräche, es hat
mir bei lesung seiner gedichte beständig den an-
genehmsten eindruck hinterlassen zu sehn, wie er
auf reinheit und frische des deutschen ausdrucks
sorgsam hält, seine reime sind fast ohne tadel, und
stehn vortheilhaft ab von der freiheit und nach-
lässigkeit, die sich Schiller, zum theil auch Göthe
zu schulden kommen lassen, denn selbst diese
autoritäten dürfen ein feines ohr nicht bestechen,
es bezeichnet vielmehr die laxe metrische ausbildung
ihrer zeit, dass sie oft so fehlerhaft gereimt und
handiert haben. Rückerts spräche ist blühender
und gezierter als Platens, aber nicht so rein, auch
nicht so ergreifend. Dagegen scheint mir Platen
hin und wieder an das kalte und marmorne zu streifen;
er liebt einige orthographische abweichungen , die
an sich nicht unrecht sind, aber lange nicht aus-
reichen, wenn unsre Schreibung aus dem grund
sollte gesäubert werden. Ich entsinne mich einzelner
granmiatischer yerstösze bei ihm, die er absichtlich
begangen haben musz, z. B. „rathschlug^^ für „rath-
schlagte". ich habe seine gedichte nicht zur band,
und kann nichts nachweisen. Das Schicksal hat
diesen edlen dichter nicht vergönnt, seine poesie
y Google
1839 VI. J. Grimm an Berlit. 13
mit einem groszen werk, wonach er rang und strebte,
zu yersiegeln; das würde licht und glänz auf seine
frühere laufbahn zurückgeworfen haben.
Bleiben Sie gut Ihrem
ergebensten
Jacob Grimm.
Caszel 12. April 1838.
Herrn Sind, philol. K. Gödecke
Wohlgeboren Celle.
Tl. Zwei Briefe Jacob Grimms an Gymnasial-
lelirer Berlit in Herefeid.
16.
Cassel, 2a oct. 1839.
Ich habe viel zu thun, besonders auch briefe zu
schreiben, daher komme ich so spät zur beant-
Wertung des schon vorigen monat von Ew. Wolgeb.
empfangnen. Fürs ags. Sprachstudium sind jetzt
ziemlich viel hülfsmittel da, doch kosten alle eng-
lischen bücher viel und sind selbst dort nicht immer
zu haben, z. B. Lyes Wörterbuch, das wegen seiner
reichen citate weit brauchbarer ist, als das im vorigen
Jahr von Bosworth herausgegebne, auch sonst den
jetzigen forderungen nicht entsprechende. Dagegen
ist die englische Übersetzung der Raskischen
grammatik von Thorpe Copenh. 1830 leicht zu-
ganglich und wahrscheinlich auch in Ihren bänden.
Von Eembles Beovulf erschien 1835 die zweite
aosg. in zwei bänden, text, genaue Übersetzung und
Wörterbuch; darin ist zwar nicht aUes doch vieles
y Google
14 VI. J. Grimm an Berlit. 1839
für das yerständnis des wichtigsten denkmals der
ags. poesie geleistet. Leo zu Halle hat eben eine
erläuterungsschrifk herausgegeben, worin einiges gute
und treffende vorkommt. In diesem augenblick lasse
ich zwei bedeutende ags. gedichte drucken, die zu-
sammen fast so Yiel text wie Beovulf liefern und
schwer genug sind, ich gebe zwar keine Version,
aber erläuterungen. Prüfen Sie einmal an bei-
liegendem correcturbogen , wie weit Sie im Ver-
ständnis dieser spräche und dichtkunst voi^erückfc
sind. Bei Caedmon hat auch Thorpe noch man-
ches zu thun übrig gelassen.
Diese kleine arbeit beschäftigte mich nur neben-
bei, als ich gerade darüber her war, in der neuen
ausg. des ersten th. meiner grammatik auch die ags.
umzuarbeiten. Das buch (nemlich die grammatik)
wird aber vor einem halben jähre nicht erscheinen.
Auch Alfreds Boethius verdient in der neuen
Gar dal eschen (nicht besonders gelungnen) ausg.
gelesen und studiert zu werden. Die sündlich weg-
gelassenen metra hat hinterher Samuel Fox (Lond.
1835) geliefert.
Hätten Ew. Wolgeb. lust und mdse einige
deutsche Schriftsteller für das von mir und meinem
bruder untemommne deutsche wörterb. zu excer-
pieren? ich werde dann näheres mittheilen. Hoch-
achtend und ergebenst
Jacob Grimm.
y Google
VL J. Grimm an Berlit. 15
17.
Geehrter herr,
ich entsinne mich nicht mehr dessen, was Sie mir
Tor langer zeit (es musz etwa 12 jähre her sein)
über Ihre Sprachstudien gemeldet, noch was ich Ihnen
geantwortet habe. Sobald Sie irgendwo tiefer ein-
schlagen wollen und können, wird auch ein erfolg
nicht ausbleiben, denn es ist noch allenthalben viel
zu forschen; die näheren wege musz sich jeder selbst
brechen.
Sie erbieten sich noch zu auszügen f&rs Wörter-
buch und es ist nicht zu spät dazu; doch kann die
yerlagshandlung , nachdem sie früher einen be-
deutenden fonds dazu verwandt hat, jetzt kein
honorar mehr dafOr gewähren. Von jagdbüchem
sind auszer dem alten weidwerkbuch (Fft. 1582 fol.)
schon Döbels practica und Tänzers jagdgeheim-
msse zu rathe gezogen, nicht Heppes Jäger; es
könnte nicht schaden, wenn daraus das merkwürdigste
gezogen würde, die art und weise ist aus den er-
schienenen heften des wb. zu entnehmen.
Hit dem wünsche dasz Ihre persönlichen yerhält-
mse sich wieder besser gestalten mögen
hochachtend und ergebenst
Jac. Grimm.
Berlin, 3. Aug. 1852.
y Google
46 VII. J. Grimm an Frl. Gies. 1858
TII. Drei Briefe Jacob Grimms an Fräulein
Luise Gie^, damals in Hanau, Jetzt in Cassel.
18.
Liebe Fräulein Luise,
Sie haben mir so zutraulich geschrieben, dass ich
gleich zu der vorstehenden Anrede berechtigt bin;
ich will auf Ihre Frage Alles antworten, dessen ich mich
entsinnen kann. Allerdings bin ich in dem jetzt von
Ihnen bewohnten Hause, in der Langen Gkwse neben
dem Hinterhaus des Rathhauses, zum ersten Be-
wusztsein gekommen. Mein Vater war Stadtschreiber
beim Amt Bücherthal und wurde im Sommer 1791
als Amtmann nach Steinau versetzt, wo er frühe,
schon Januar 1796 starb und sechs Waisen hinter-
liesz. Meine frischesten Enabenerinnerungen stehen
natürlich zu Steinau, doch ist mir noch Manches
aus der Hanauer Zeit im Gedächtnisz. Die Kinder-
stube war hinten imd ging in den von einer nahen
Mauer beschränkten Hof, über die Mauer ragten
Obstbäume aus dem benachbarten Garten, wahr-
scheinlich dem Rathhausgarten. Im Rathhaushof
spielten wir oft, gegenüber auf der anderen Seite
der Strasze wohnte damals ein Handschuhmacher,
dessen Namen ich lang behalten, doch jetzt ver-
gessen habe. Ich wurde oft über den Paradeplatz
in die Altstadt zum Groszvater getragen und geführt,
muszte im letzten Jahr, etwa 1790, in eine Schule
laufen, die auf der entgegengesetzten Seite hinter
dem Neustadter Markt am Platz der französischen
Kirche lag. Wollen Sie wissen, wie ich damals
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1858 YU. J. Grimm an Frl. Gies. 17
aussah, so kann ich ein Bildchen in den Brief legen,
das nach einem Angust 1787 von dem Mahler Urlaub
gemahlten Oelbild radiert worden ist; ich stehe
darauf in violetter Jacke und Hose mit grüner
Schärpe, doch gewöhnlich werde ich damals noch
im bloszen Kittel herumgelaufen sein. Zur Zeit des
Bildes war ich also 27» Jahr alt, jetzt wäre ich da-
nach nicht wieder zu erkennen.
Aus der Zeit, wo wir in der Langen Gasse
wohnten, ist mir zufällig etwas in Erinnerung ge-
blieben und ich habe später im Leben daran denken
müssen. An einem frühen Sommermorgen stand ich
neben dem Vater in der Wohnstube am Fenster,
alle Anderen schliefen noch, da sah ich eine Magd
mit einem Zuber auf dem Kopf Über die Gasse
gehen und die Sonne spiegelte sich hell in dem
Wasset ab. Ln Geist sehe ich noch immer das
Sonnenbild in dem Wasser zittern. Das wird im
Jahr 1789 gewesen sein.
Aber geboren wurden wir in diesem Hause nicht,
sondern in einem am Paradeplatz, wenn man vom
weiszen Löwen an hinaufgeht, etwa im zweiten oder
dritten Haus der Reihe oben, falls dasselbe Haus
noch stehen geblieben ist, denn es sind seitdem
schon 75 Jahre verstrichen. Ich hörte einmal, in
diesem Haus sei später die Polizei gewesen, daran
können Sie sich vielleicht zurechtfinden. Die Eltern
zogen aus diesem Haus in das andere jetzt von
Ihnen bewohnte wahrscheinlich 1787 oder 1788.
Gesetzt Sie ermitteln es, so bitte ich mir die Haus-
E. Stengel. Briefe der Brüder Orimm. 2
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18 Vn. J. Grimm an Frl. Giee. 1859
nummer aufzuschreiben, wie auch die von Ihrem
Haus in der Langen Gasse.
Nehmen Sie vorlieb mit diesen wenigen und
mageren Nachrichten, ich bin mit herzlichem Grus8
Ihr ergebenster
Jacob Grimm.
Berlin, 30. Dec. 1858.
19.
Wertheste Freundin,
Welche Ueberraschimg haben Sie mir und uns
Allen mit dem Bilde. bereitet! Es ist mir sehr lieb
es zu besitzen, ich wollte nur, der Photograph hätte
sich mit seinem Kasten ins Jahr 1783 zurückversetzen
und mir den Augenblick festhalten können, wo mein
Vater zu dieser Thür seine Braut hineinführte.
Thür und Schwelle mögen damals schon so gewesen
sein, der dritte Stock ist sichtbar später aufgesetzt.
So streben die Menschen, den Dingen immer ein
anderes Ansehen zu geben.
Gerührt hat mich die grosze Mühe, die Sie meinet-
halben gehabt und mit wie reinlicher Feder Sie die
Nachrichten aus dem Kirchenbuch abgeschrieben
haben. Das Meiste davon war mir schon durch
eine vom Groszvater begonnene , vom Vater fort-
geführte Aufzeichnung in eine Bibel bekannt, doch
nicht Alles und ich danke sehr für diese Bereicherung
meiner Familiengeschichte.
Auch Ihrem Herrn Vater sagen Sie meinen Dank
für die mir zu Gefallen gethanen Gänge. Sollte er
y Google
1859 VIL J. Grimm an Frl. Gies. 19
Gelegenheit haben, meine Base, die Philippine Hone,
wieder zu sehen, so bitte ich ihn, sie herzlich von
mir zu gröszen (Lieber lege ich ein Blatt für sie
ein).
Der Buchbinder hat mich aufgehalten, sonst wäre
meine Antwort längst in Ihren Händen. Ich wollte
Dmen gern ein Exemplar der Märchen senden.
Darin müssen Sie nur zuweilen irgend ein Stück
lesen, denn solche Dinge vertragen sich nicht hinter-
einander gehäuft. Vomen habe ich eine wahre Ge-
schichte eingeklebt, die sich letzten Sommer hier
zutrug.
Die Bilder mögen Ihnen wenigstens Einiges aus
Berlin vor Augen führen. Ich kann Ihnen darauf
kein Haus bezeichnen, wo ich wohne oder gewohnt
Habe, höchstens angeben, dasz ich durch das Branden-
bui^er Thor fast täglich schreite, obwohl weit da-
von wohne. Man musz hier viel Zeit mit entlegenen
Wegen verthun, viel schöner, wenn man, wie bei
Omen, in zehn oder fünfzehn Minuten von einem
£nde der Stadt zum andern gelangen kann.
Beigelegt sind, da Sie den Kindskopf schon er-
sten haben, zwei später, 1815 und 1845, gemachte
Zeichnungen zur Vergleichung.
Von Herzen Ihr ergebenster
Jac. Grimm.
18. Apr. 1859.
2»
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20 VII. J. Grimm an Frl. Gies. 1860
20.
Wie lange Rchon, werthe Freundin, ist mein
Dank ausgeblieben für die Aufmerksamkeit, mit
welcher Sie mir eine dort erschienene kleine Schrift
zu übersenden bedacht waren. Solche öffentlich
gemachte Nachrichten über ein Privatleben sind be-
schämend, denn die gute Meinung des Verfassers
weisz immer nicht genug von der Sache, um die
aufgetragenen Lichtfarben durch gehörigen Schatten
mäszigen zu können.
Zu den früher übersandten Bildern sende ich
Ihnen hier noch eine Photographie, die neulich von
mir genommen wurde und die vor Ihrem betrachten-
den Auge nicht einmal den Hut abzieht, sondern
still stehen bleibt. Ich wünsche in Ihrem Andenken
stehen zu bleiben.
Jacob Grimm.
Berlin, 31. Juli 1860.
y Google
183? VIIL J. Grimm an Fr. Oetker. 21
TnL Brief Jacob Grimms an RacMsaiiwaK
Fr. Oetker.
2L
Berlin, 29. October 1860.
Sehr geehrter Herr,
Spuken ist kein hochdeutsches wort und mir bei
uns nicht Tor ende des 17 jh. erschienen. Seitdem
aber bedeutet [es] ganz einfach das was umgehn, um-
ißanddn und wird Ton gespenstern gebraucht, f&r
spuk wird niederl. spook oder spodked^ schwed.
spoge , dän. ^pogdse gesagt , wie bereits in meiner
mythologie s. 866 zu lesen ist. man sagt es spukt
greulich^ das ist ein greulicher spuk! wol von lärm
zu nachtzeit und in der dämmerung, wenn geister
omgehen. ander[e] redensarten weisz ich nicht, finde
auch beim nachschlagen keine in niederländ. wdrter-
bfichem. ich mag nach meinem tod nicht spuken
gekn, nicht umgehen.
Sie werden genug gequält und sollten des wdrter-
spuks überhoben bleiben
in Toller eile ergebenst
J. Gr.
Couvertadresse :
Herrn Rediteanwalt Friedr. Oetker
Cassel.
y Google
22 X. J. Grimm an D. u. H. Dahlmaim. 1861
IX. Brief Jacob Grimms an Dorothee
Dahlmann, Tochter Fr. Chr. Dahlmanns.
22.
[Göttinjjen 183?]
Liebe Dorothee,
beides ist gleich richtig, zu schreiben getraide
oder getreide. ich ziehe ersteres vor, aus bloszem
mitleiden, weil wir so wenig ai in unserer spräche
haben und soviel ei. Diese diphthongen entspringen
in getraide aus der zusammenziehung der vollen ur-
sprünglichen wortform gitragidiy von tragen, denn
getreide bedeutet was von der erde getragen
wird. Wenn ich an Hermann schriebe, würde ich
etwa hinzufügen, wie ceres = geres a gerendo. Das
brauchst du aber nicht zu verstehen. Ich bin dein
treuer freund
Jacob Grimm
X. Brief Jacob Grimms an Hermann Dahl-
mann, gegenwärtig Landgerichtsdirector in Marburg.
28.
Lieber Hermann, es macht mir die gröszte fireude,
dasz ich zu deinem neugebomen söhn, dem künftigen
Christoph, mit zu gevatter stehen soll, ich ant-
worte sogleich, damit mein Brief noch vor dienstag
oder doch dienstag morgen eintreffen und dir meine
förmliche einwiUigung, an der du ohnehin nicht
zweifeln wirst, ausdrücken kann, möge gott das
y Google
1861 X. J. Grimm an Hennann Dahlmann. 23
kind segnen, und es seinem schönen namen und
Vornamen einmal ehre machen, wenn es erwachsen
ist and du ihm erzählst von seinen pathen, so wird
es auch erfahren, mit welcher treuen liebe ich seinem
groszvater zugethan gewesen bin. schon dein älterer
sehn soll diesem sehr ähnlich sein, die dahlmannischen
spuren laszen sich nicht verwischen, sage auch
deiner lieben frau , meiner gevatterin , herzlichsten
dank und es ist erwünscht, dasz sie sich so bald
wieder erholt hat.
Jammerschade dasz die aufzeichnungen deines
Vaters über sein leben unvollendet geblieben sind,
aber es versteht sich dasz alles erhaltene bekannt
gemacht werden musz und der weit nicht darf entzogen
werden, den rechten augenblick der herausgäbe
wirst du schon noch zu treflFen wiszen. es darf
nicht zu lange währen, damit ich auch noch die
freude und genugthuung des erscheinens erlebe, wie
rührt es mich, dasz eine so kostbare hinterlassen-
schaft mir zugeeignet werden soUte.
Ist denn Luischen Reysiher noch in Bonn?
80 kommt sie auch zur taufe, sage ihr sie möge
mir gut bleiben.
Dortchen und wir alle grüszen dich getreulichst
am Sonnabend 4. mai [1861]
Jacob Grimm.
Schreib uns auch öfter, oder wenn sie will deine
frau, damit wir vom gedeihen des kindes hören.
y Google
24 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1814
XL Achtunddreissig Briefe von Wilhelm und
Jacob Grimm an Pfarrer Bang in Goszfelden.
24.
Wilhelm Grimm an Bang.
Ich danke Ihnen bestens für Ihre Bemühungen
zu Gunstendes armen Heinrichs; es kommt noch
alles zu rechter Zeit, weil ich von manchen Orten
noch den Erfolg, wenigstens Antwort abzuwarten
habe. Auszerdem ist durch die Zeitumstande die
Copie der röm. HS. au%ehalten worden, und von
einer andern, die wie ich eben aus Schlegels Museum
sehe, sich in Ungarn befindet, will ich wo mdglicfa
auch Nutzen ziehen. Also werden leicht ein paar
Monate hingehen, ehe der Druck anfangen kann.
Das Geld bitte ich an Herrn Prof. Conradi zu
schicken, der mir ohnehin seine Sammlung über-
senden wiU.
Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme. Meine
neue Stelle hat mir in dieser Zeit einige Arbeit
gemacht, da die Fächer gerade in der Kalte nach-
zusehen waren, welche die Franzosen bestohlen, um
das Geraubte in Paris, so Gott hilft, wieder zu
holen. Dies Amt ist mir an sich angenehm und
ohne Nutzen wird es auch nicht für mich seyn.
Sobald es warm geworden, will ich einmal sehen,
was wir an den alten Eloster MSS. besitzen. Viel-
leicht, wenn Sie gerade in Marburg sind, kann Xhnen
einer meiner beiden Brüder, der diesen Brief mit-
y Google
1814-15 XI. W. und J. Grimm an Bang. 25
nimmt, solchen selber geben. Ein dritter ist bei
den Baiem, der älteste, wie Sie vielleicht wissen ist
Legationssecretär im Hauptquartier; so bleibe ich
allein hier mit Wünschen fOr ihr Heil und das
Glück der guten Sache. Nach einem Brief vom
20. aus Troyes war das Hauptquartier wieder dahin
zurfickgegangen und allerlei Ungünstiges vorgefallen.
Indessen rückt von allen Seiten Verstärkung heran,
mid wir dürfen doch in guter Zuversicht leben.
Schenken Sie mir ein Freundschaftliches An-
denken, idi bin mit der aufrichtigsten Hochachtang
Ihr gehors. Dr.
W. C. Grimm.
Gas sei, am 28. Febr. 1814.
Folgende sind die Interessenten:
1) Herr Krücke, 2) Herr Licherhof, 3) Herr
Leipold, 4) Herr Schulz, 5) Herr Hupfeld, 6) Herr
Theobald, 7) Herr Weife, 8) Herr Bang. Diese
haben jeder 1 Thlr. bezahlt. 9) Herr Prof. Tenne-
mann, 10) Herr Pfarrer Hopf, 11) Herr Vdecan
Creozer. Diese haben noch nicht bezahlt.
An Herrn Pfarrer Bange. Hochwürden
d. G. Goszfelden.
25.
Wilhelm Grimm an Bang.
Gas sei, 28. Aognst 1815.
Hochwürdiger, Hochgeehrtester Herr!
Es liegt ein sehr werther Brief von Ihnen vor
nur, welcher beinahe anderthalb Jahre alt ist, den
y Google
26 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1815
ich damals sogleich beantworten wollte und dennoch
komme ich ietzt erst dazu. Aber es hat an den
Umständen, nicht an mir, gelegen, wenn der gute
Vorsatz nicht ist ausgeführt worden. Die Haupt-
sache betraflF Conradi's Berufung nach Heidelberg,
ich hatte Gelegenheit genommen, weil sie sich leicht
darbot, die Sache, so wie sie war, unserer Kur-
prinzessin, die eine in vieler Hinsicht ausgezeichnete,
alles Gute fördernde Frau ist, erzählen zu lassen;
das nähere darüber wollte ich Ihnen eben melden,
als mir Conradi selbst vertraulich deshalb schrieb,
so dasz ich ihm nun unmittelbar die Antwort schickte,
die er Ihnen wohl mitgetheilt hat. Damach wollte
ich warten , bis ich Ihnen den armen Heinrich zu-
schicken könnte, aber das dauerte von einem Monat
zum andern ein Jahr, denn solang ist es etwa dasz
die Handschrift zum Druck bereit war und über ein
halbes Jahr hat es gedauert, bis die 14 Bogen in
Frankfurt fertig wurden. Endlich ist es zu Ende
gekommen, und ich bin so frei Ihnen die Exemplare,
Ihrer Theilnehmer in kurzem, wahrscheinlich durct
Krieger, zuzusenden, freilich wird es Ihnen schwer
fallen, einige, welche Studenten zugehören, an den
Mann zu bringen, aber ich weisz mir nicht anders
zu helfen und denke mir am natürlichsten, dasz
sie sich bei Ihnen melden oder einmal angefragt
haben. —
Wie vieles ist seit Ihrem Brief vorübergegangen
und wie wenig sind die frischen und jugendlichen
Ho£Ehungen erfüllt, zu denen wir uns berechtigt
glaubten. Die Fürsten liaben wenig Einsicht in das
y Google I
1S15 XI. W. und J. Grimm an Bang. 27
Leben der Völker gezeigt und wenig Bereitwilligkeit
sich mit ihnen zu verständigen, dennoch aber bin
ich fest überzeugt, nicht blos davon, dasz guter
Saamen gesät, sondern auch das er aufgegangen und
nicht mehr zu unterdrücken ist. Kann er nur lang-
sam wachsen, so wächst er desto sicherer, wie sich
in Pflanzen die edlere Natur zeigt, die längere Zeit
nöthig hat, aber desto dauerhafter ist.
Ich bin Willens nach Frankfurt zu reisen und
freue mich sehr darauf, dort Savigny zu finden,
der, wie Sie wohl wissen, seit der Mitte dieses
Monats da ist, dann habe ich im Sinn, Conradi in
Heidelberg zu besuchen, vielleicht auch bis an den
Rhein zu gehen. Künftigen Freitag werde ich in
Marburg mit dem Postwagen eintreflFen, da wäre es
fiir mich ein glücklicher Zufall, wenn Sie gerade
dort wären , und mir eine rechte Freude , wenn ich
Sie in der Stunde, die ich mich dort aufhalten musz,
sehen imd sprechen könnte. Was Sie mir etwa an
beide unsere Freunde aufzutragen hätten, will ich
gern übernehmen. Nach zehn Jahren ist mir Mar-
burg so fremd geworden , dass ich keine Bekannten
mehr dort habe, sonst hätte ich meine Zeit so ein-
getheilt, dass ich ein paar Tage dort hätte zubringen
können und den Weg zu Ihnen, den ich zwar nur
einmal gemacht, doch wiederfinden wollen.
Leben Sie wohl und schenken Sie mir ein freund-
schaftliches Andenken, mit der aufrichtigsten Hoch-
achtung
der Ihrige
W. C. Grimm.
y Google
28 XL W. und J. Grimm an Bang. 1816
26.
Jakob Grimm an Bang.
Caasel, 12. Juni 1816.
Verehrter Herr Pfarrer
Hierbei bin ich so frei unsre Deutsche Sagen
zu übersenden. Nehmen Sie sie mit derselben Freund-
lichkeit auf, welche Sie unsem übr^en Versuchen
bisher gegönnt haben. Vielleicht bietet Ihnen Ober-
hessen (zumal das Darmstadtische und das Vogels-
gebirgische) ein oder den andern Beitrag zur Fort-
setzung des Werks an, welches mir gar lieb wäre
und warum ich bereits früher gebeten hatte.
Näher liegt mir in diesem Augenblick folgende
Bitte. Ein Sprachforscher läszt eben eine grosze
Sammlung über deutsche Mundarten drucken und zu
dem Ende zwei Bibelstellen in möglich viele Volks-
idiome übersetzen. Es sind die Gleichnisze vom
Sämann Marc. IV. 3 — 8 und verlorenen Sohn Luc.
XV. 11—32. — könnten Sie mir fttr dies ungemein
nützliche Unternehmen die gedachten Stücke, so wie
sie der oberhess. Bauer aussprechen und erzählen
würde, aufschreiben oder aufschreiben lassen; so
geschähe mir dadurch ein wahrer GeMlen. Es
müszte aber, weil der Druck des Werks schon an-
gefangen hat, bald geschehen
Mit wahrer Hochachtung und Ergebenheit
der Ihrige
Grimm.
y Google
1817 XI. W. und J. Grimm an Bang. 29
27.
Wilhelm Orimm an Bang.
Casael, am 7. Jan. 1817.
Are beiden Briefe, werthgeschätzter Herr Pfarrer,
sind richtig angelangt und ich sage Ihnen daffir, so
wie f6r die Beilagen herzlichen Dank; der sonstige
Inhalt ist wohl beachtet um bei vorkonmiender Ge-
legenheit davon Gebrauch zu machen. Das Stück
ans dem N. T. in der dortigen Mundart war zu einem
deutschen Sprachatlas bestimmt, den Radio f, der
jetzt in Frankfurt sich aufhalt, herausgibt und wo-
von schon Bogen gedruckt sind. Es ist ein nütz-
liches, langst gewünschtes Unternehmen, das zu
mancherlei wichtigen Ergebniszen führt, wenn man
80 in nah aneinander liegenden Stufenreihen die
Sigenthümlichkeiten und Bildungen der Sprache
verfolgen kann z. B. den Übergang der Vocale.
Was wir bis ietzt von deutschen Mundarten wissen
betrifft einzelne Puncte, vom Ganzen kennen wir
höchstens nur die groben Umrisze und das zumeist
hervorspringende, ja wie viele meinen gewisz noch,
es sey mit dem Unterschied zwischen dem platt-
dentschen und hochdeutschen abgethan. Jenes Werk
ist fireilich nur ein Anfang, aber es geht doch auf
rechtem Weg und wird mindestens darthim, wie
wichtig und nothwendig ein solches Studium für so
viele Rücksichten ist. Radi of ist auf der einen
Seite gelehrt, scharfsinnig und fieiszig auf der andern
Uebt ihm eine gewisze hölzerne steifstellige Vor-
stellung an, wie man die gegenwärtige Sprache ver-
Digitized by VjOOQ IC
30 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1817
beszem und reinigen müsze, die jedem lebendigen
Menschen zuwider ist und leicht zu einem ungerechten
XJrtheil über ihn verleitet. Ohne Vergleich ist er
tüchtiger als Krause, (dessen Urwortthum ich noch
nicht gesehen) oder gar als Wolke, den man
lächerlich nennen kann, obgleich der bis ins hohe
Alter bei ihm ausdauernde Eifer für die Sache etwas
rührendes und achtbares hat.
Die Sagen sind, wie wir sie wünschen und Sie
erzeigen uns einen grossen Gefallen, wenn Sie sich
noch weiter darum bemühen wollen. Ich schicke
Ihnen in dem Paket eine gute Anzahl unserer ge-
druckten Einladungen ; machen Sie davon beliebigen
Gebrauch. Dasz viel versprochen imd nicht viel ge-
halten wird, ist bei dieser Sammlung eine alte Er-
fahrung, es liegt nicht sowohl im Mangel an gutem
Willen, als in der Schwierigkeit, die Sache leicht
und einfach anzugreifen, nach dem Anfang gehts
gewöhnlich gut und der Quelle musz nur erst Luft
gemacht werden. Die vier Stücke, die Sie uns ver-
schafft, sind eben darum nicht etwa ein geringer
Beitrag. Auch von andern Orten kommen allmählig
Unterstützungen an und es könnte ein zweiter Band
wohl schon gedruckt werden. Da dieser auch die
deutschen Sagen, die sich bei den Geschieh tschreibem
von Tacitus an [finden,] zusammenstellen wird, so
musz manche Erscheinimg mehr auffallen und die Ge-
lehrten werden einen Blick darauf zu werfen, nicht
mehr so ganz unter ihrer Würde halten; bis ietzt
hat für sie die Sammlung noch zusehr das Ansehen
eines blosen Lesebuchs. Von den Märchen besitze
y Google
1817 XI. W. und J. Grimm an Bang. 31
ich kein Exemplar mehr, aber sie werden wahr-
scheinlich neu aufgelegt, dann sollen sie gewisz bei
Ihnen erscheinen und zwar in einer viel beszem
Gestalt, da wir auch dafür gar schöne Beiträge er-
halten haben.
Von S a V i g n y haben wir kürzlich Briefe gehabt,
er ist wohl und in groszer Freude über die Ent-
deckung des Niebuhr; Sie werden schon davon ge-
hört haben , es ist ein Codex rescriptas zu Verona,
der wahrscheinlich die Institutionen des Oajus
enthält Arnim war dieses Frühjahr gefährlich
krank, da bin ich zu ihm auf sein Gut, das etwa
18 Stunden von Berlin bei Dahme liegt, gereist.
Ich fand ihn wieder hergestellt und habe dort bei
ihm seiner Frau imd seinen lieben Kindern ein paar
vergnügte Wochen zugebracht. Das ganze Land
dort hat durch seine Ebenen , wo sie bebaut sind,
seme reinlichen, wie zu Festen bereiteten Birken-
walder etwas heiteres, da wo Kiefern und Sand
herrschen etwas sehr ödes, trauriges und armes.
Savigny mit den Seinigen und Clemens kamen
zum Pfingstfest auch hin. Savigny wird Ihnen
wohl schon von seinem Plan zu einer Gesellschaft
fb- deutsche Geschichte gesagt haben, der gerade
damals entworfen war. Wenn er auch nur theil-
weise in Erfüllung geht, so kann viel dadurch ge-
schehen. Vor etwa 8 Wochen war Savigny mit
Arnim zu Göttingen aber nur auf einen Tag, wo
mein Bruder ihn gesprochen hat. — Den Clemens
hatte ich seit 1809 nicht wieder gesehen, er ist
etwas starker und älter geworden, weisz eine Menge
Digitized by VjOOQ IC
32 XL W. und J. Grimm an Bang. 1817
Späsze aus dem Ostreichischen vortrefflich zu er-
zählen, ist dazwischen auch wohl ernsthaft und
spricht von geistlichen Dingen. Die Trutznachtigall
von Spee will erneu auf legen lassen. Sonst hat er
ein Festspiel gedichtet, , Victoria mit ihren Sandern',
aus dem mir Proben wohl gefallen; sonst hat er
auch einen Band Märchen fertig. Von Christian
hat er mir mancherlei erzählt, dasz er ietzt in
Frankfurt ist, werden Sie wiszen, er hat ein paar
Lustspiele geschrieben, soll aber, wie Clemens ver-
sichert, sehr ernsthaft und in sich gekehrt seyn.
Ich schicke ein Paket Bücher für Sie Morgen
oder übermorgen ab, wenn es Krieger nicht an-
nehmen will mit dem Postwagen poste restante.
Seyn Sie also so gut, an beiden Orten nachfragen
zu lassen, ob etwas für Sie da ist und mir dann mit
ein paar Worten die Ankunft zu melden. Es ent-
hält den neuen Band von Göthes Leben und sein
Erwachen des Epimenides, Kleists Erzählungen,
die ich besonders wegen des „M. Kohlhaas" und der
„hl. Cäcilia* in welchen sich das herrliche Talent
des unglücklichen Verfassers recht zeigt, [schicke,] die
Gründung Prags, den heil. Bernhard vonNeander,
Suabedissens Betrachtung des Menschen und den
Pabst Hildebrand von Voigt. Ich habe das letztere
nicht gelesen und hätte lieber die Memoires des M.
de la Roche Jaquelein dafür beigelegt, aber es
ging diesmal nicht, Sie sollen das nächstemal folgen,
denn Sie dürfen dies merkwürdige Buch nicht vor-
beigehen laszen. Die beiden bestempelten Bücher
bitte ich mir zuerst zurück, da sie der Bibliothek
y Google
1817 XL W. und J. Grimm an Bang. 33
zQgehören. Haben Sie Mosers patriot. Phantasien
gelesen? Savigny hat das Buch wieder in der £r-
mnenmg ai^efrischt; wir besitzen es auf der Bibl.
Auch im Fach der Reisebeschreibungen und der
Literargeschichte sind wir so ziemlich versorgt und
ich könnte Ihnen davon manches schicken. Ich
glaube auch, dasz Sie mir die Bibliotheks-Bücher
mit der Post unfrankirt zurücksenden können, nur
ist ausdrücklich darauf zu setzen, dasz es Bücher
för kurfürstl. Bibl. im Museum sind.
Nun leben Sie wohl und seyn Sie von uns beiden
herzUch gegrüszt. Mit aufrichtiger Hochschätzung
der Ihrige
W. C. Grimm.
Wilhelm örimm an Bang.
Cassel, am 25. April 1817.
Werther Freund, vor einigen Tagen habe ich
der Krieger. Buchhandl. ein Paket Bücher für Sie
zustellen lassen und sie hat versprochen, es in der
nächsten Woche zu befördern. Es enthält 1. den
nwzischen Feldzug von Pojrt er. 2. Wellingtons
Leben. 3. Erwin von Solger. 4. Golownins
Beise. 5. Vinke über die Verwaltung von Grosz-
britt 6. Salfelds Napoleon, aber nicht die neue
Ausgabe. 7. Reinhard von Pölitz. 8. Wieland
von Gruber in 2 voll. Vinke's kleines Buch ist
lehrreich und unserer Zeit zum Nutzen von Nie-
buhr herausgegeben. Erwin wird gerühmt, ich
kenne es nur ein wenig nach einzelnen Stellen, aber
£. ßtengeL Briefe der Brüder Grimm. ;j
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34 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1817
unter andern Tieck soll es für das erste Buch, das
er sehr verehre, erklärt haben. Golownins Reise
nach Japan ist äuszerst merkwürdig, man thut einen
Blick in ein ganz fremdartiges, aber vollständig ent-
wickeltes Staatsleben, auf der einen Seite Ruhe,
Wohlbehagen, Ordnimg und Gutmüthigkeit ; aber
auf der andern, welch ein Erstarren, eine Feigheit
und Ertödtung alles Lebendigen! Wenn sie es
durchführen und fest daran halten, keinen Fremden
einzulaszen, so kann die blose Form, wenn auch
innerlich schon alles vemagt und wurmstichig ge-
worden, noch eine gute Zeit ihr Reich hinhalten,
bis der Stosz kommt, von dem sie zusanmienfaUt.
Für diejenigen, welche keine Landstände, sondern
ein ungehindertes Beherrschen von oben wollen, ist
viel hieraus zu lernen. Eine orientalische Sage von
Salomon paszt auch gut dazu, er starb auf dem
Throne stehend, die Geister stützten den Leichnam
hinten mit einem Holz und niemand bemerkte, dasz
er gestorben war, so regierte Salomon noch lange
fort, bis die Würmer das Holz zernagt hatten, da
fiel er um und alsbald auch das Reich zusammen.
— Von Jungs Leben gibts eine Ausgabe in 5 Thl.
die ich selbst besitze, die aber wie ein Nachdruck
aussieht. Das nächstemal will ich sie Ihnen senden
und dann sollen auch Wielands Briefe und die
Curiositäten, ein Mischmasch, worin auch Schund
vorkommt und aus deszen Hintergrund eine fatale
Gesinnung und Gemeinheit, wie sie Vulpius hat,
blickt, folgen. Kosegartens fünfzigstes Lebens-
jahr habe ich angesehen, mogte es aber für die
y Google
1817 XI. W. und J. Grimm an Bang. 36
Bibliothek nicht kaufen, weil mir zu wenig Wahr-
heft und zu viel Anmaszung darin zu herrschen
schien.
Dasz Sie zom Besten der deutschen Sprache mit-
sammeln und mitarbeiten wollen, ist sehr erwünscht
fiür uns und trifft mit einem schon ordentlich über-
dachten Plan zusanmien. Sie wiszen wohl, dasz
Sa? ig n 7 einen groszen und groszartigen Entwurf
zu einer Gesellschaft ffir deutsche Oeschichte ge-
macht, wenn er noch nicht in Ausführung gekommen,
80 ist blos das hemmende Wesen das in Preuszen
zur Zeit natürlich ist, schuld; dasz er nicht auf-
gegeben wird, können Sie denken. Darin war nun
auch die altdeutsche Literatur und was wir damit
in Verbindung setzen, das deutsche Volksleben, be-
rGcksichtigt, Göthe in deszen Hände jener Plan
auch gelangte und der viel Theilnahme dafür zeigt,
hatte die Oüte . über diesen Abschnitt uns zu
schreiben. Ich habe ihm nun ausführlich geant-
wortet, wie ich glaube, dasz unserm Fach am besten
ond natürlichsten kann geholfen werden. Ein Haupt-
satz dabei ist, dasz alle Prediger Mitglieder derOe-
sellschaft sind und eingeladen werden, Sanunlungen
ftr die Sprache, Sitten, Bechtsgewohnheiten u. s. w.
ihres Umkreises zu machen, welche an den Mittel-
pnnct jeder Landesgesellschaft eingesendet werden.
Ist das Glück günstig und konmit es zur -Ausführung,
80 werden sich unsere Bitten zuerst an Sie wenden.
--Übrigens, Regen pluvia konmit ohne Zweifel
▼om Zeitwort regen (movere) und bezeichnet das
zitternde Herabfallen, die Bewegung der Tropfen,
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36 XL W. und J. Grimm an Bang. 1817
der Himmel regt sich, wami er regnet. Gegen die
Zusammenstellung von Qoyhg mit Roggen (Rocken
ist nur die hochd. Form, k u. g werden oft als
ganz gleichbedeutend verwechselt und in einer alt-
deutschen Hs. kommt ruggen u. rughen Rücken
vor) und atgioc^g mit Strasze ist nichts einzu-
wenden; es gibt so viele Beispiele, wie intlkitt^j
oQoßog aivnog (Stab) u. s. w. die auf eine gemein-
schaftliche Quelle deuten. Die erste Ausgabe von
Adelungs Wörterbuch enthält viele gute und be-
sonnene Etymologien, man sollte seinen Werth in
diesem Fach nicht verkennen, Vosz mit seiner
harten und ungerechten Recension hat viel Schuld.
Auch Ihre glossar. Hoiogoth. ist gelehrt und sorg-
fältig. Adelungs Mühridates^ den Vater eben
beendigt, könnte ich Ihnen zuschicken, nur ist es
ein Buch zum Nachschlagen und nicht zum bloszen
Durchlesen.
M«in Bruder Jacob ist der altd. Hss. wegen
gegenwärtig in Heidelberg, er wird zu Anfang des
künftigen Monats zurückkommen und wenn ihm Zeit
übrig bleibt, auch bei Ihnen ansprechen. Er ist
auch der eigentliche Bibliothecar ich bin noch
bloszer Bibliotheks Secretar. Er war Mher bei der
Gesandschaft in Paris und Wien, hatte aber keine
Lust nach Frankfurt mitzugehen und überhaupt
wenig Freude am diplomatischen Wesen. An
Munkes Stelle kommt Gerling, er ist in seinem
Fache tüchtig und sonst ein durchaus redlicher Mann
von schlichtem Wesen, den wir herzlich lieb gehabt.
Machen Sie doch seine Bekanntschaft.
y Google
1817 XI. W. nnd J. Grimm an Bang. 37
Hr. V. Hanstein sagte mir, dasz er im Sommer
mit Urnen eine Reise nach dem Meiszner machen
wolle. Kommen Sie doch auf ein paar Tage oder
80 lange es Ihnen gefallt, zu uns und wohnen Sie
bei uns, es wird uns eine Freude seyn ; mit Freund-
schaft und aufrichtiger Hochachtung
der Ihrige
W. C. Grimm.
29.
Wilhelm Grimm an Bang.
Cassel, 5. Nov. 1817.
Am 25. April habe ich ein Schreiben an Sie ab-
gehen laszen und ein paar Tage früher ein Paket
Bücher der Krieger. Buchhandlung abgegeben,
das Ihnen sollte zugestellt werden. Seit der Zeit
habe ich nichts von Ihnen gehört, bis auf die Grüsze,
die uns Christian Brentano mitbrachte. Da er
aber die Bücher nicht mitbrachte, Sie ihm auch
deshalb keine Bestellung aufgetragen haben, so fange
ich doch über die richtige Ankunft derselben an,
besorgt zu werden, obgleich ich mir wiederum nicht
denken kann, dasz beides Brief und Paket sollten
Terloren gegangen seyn. Bitte also um ein paar
Zeilen und möglich auch Zurücksendung der Bücher,
oder doch eines Theils, Golownins Reisen, Por-
ters Busz. Feldzug, Vinke über Groszbrittanien
werden öfter verlangt und diese Bücher waren unter
jenen.
Christian B. war den 28. Octbr. angekommen
und den 1. Novbr. haben wir ihn bis Münden be-
gleitet, heute wird er in Berlin angekonmien seyn.
y Google
38 XL W. und J. Grimm an Bang. 1818
Ich lege Urnen eine Ankündigung von unsenn
Beinhart Fuchs bei, vielleicht findet sich doch unter
Ihren Bekannten einer, der die Sache unterstützt.
Herzliche Grüsze von uns beiden, mit aufrichtiger
Hochachtung und Freundschaft
der Ihrige
W. C. Grimm.
80.
Wilhelm und Jacob Grimm an Bang.
Cassel, am 22. Jan. 1818.
Lieber Freund, seit dem November schon, wo
Ihr Brief ankam, habe ich mir vorgenonmien, Urnen
eine neue Ladung von Büchern zuzuschicken, in-
deszen muszte ich es von einer Woche zur andern
verschieben, weil eins und das andere, was mit-
kommen sollte, verliehen war. Überreich sind wir
ohnehin nicht, ein Theil unseres Einkommens wird
wie billig för gröszere Werke und Sammlungen
angewendet (so haben wir erst vor nicht lange den
Bouquet kaufen können) ein anderer geht, ohne
dasz ich so viel Gefallen daran hätte, für Pracht-
werke im Fach der Antiquitäten, Münzkunde u. s. w.
drauf, da bleibt denn nicht so viel übrig um die
andern Fächer so zu bedenken, wie wir wünschen.
Ich habe nun zusammengepackt 1) Maus o 's Con-
stantin. 2) Freygangs Briefe über den Gaucasus.
3) Lüders Gesch. der Statistik. 4) Wolfs Ana-
lekten. 5) Ochs neuere Kriegskunst. 6) Bopps
über die Sanskrit-Sprache. 7) A s t s Piaton. 8) M e -
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1818 XL W. und J. Grimm an Bang. 39
Unchthon's Leben Luthers. 9) Horns Fr. W.
T. Preussen. 10) Die Tumkunst. (Napoleons Feld-
zug in Sachsen von 0 dsleben haben wir nicht.
[Randbemerkung]).
Von mir sind die 5 Bände der Guriositäten und
die Predigten des Mathesius; ein Geschenk von'
meinem Bruder ist Radlofs Sprache der Ger-
manen, wozu Sie ja selbst Beitrage geliefert haben.
Ich schicke das Paket nach Marburg an Hm. Prof.
Gerling, wo Sie es können abholen laszen, viel-
leicht ist es Ihnen angenehm, deszen Bekanntschaft
zu machen, es ist ein Freund von uns und ein ge-
schickter und grundredlicher Mann, der Sie mit
Herzlichkeit empfangen wird. Die Bücher der
Bibliothek können Sie wohl gegen Ostern zurück-
senden, wir müszen ein wenig pedantisch seyn, wenn
nicht Unordnung einreiszen soll. Mein Bruder
hat mir freilich von Ihnen und seinem Aufenthalt
in Groszfelden erzahlt, aber von den Büchern nichts
und als ich um Rücksendung bat, fand ich in meinem
Taschenbuch keine Anmerkung von richtiger An-
kunft.
Christian war gleichfalls acht Tage bei uns,
ging darauf nach Berlin und ist vor kurzem nach
Prag und will von da nach Rom zum Pabst, gegen
den er, wie Sie wohl selbst werden gehört haben,
grosze Verehrung hegt. Ich habe ihn gleichfalls
sehr verändert gefunden, allein auch seit 8—10 Jahre
nicht gesehen; im Ganzen sehr zu seinem Yortheil,
er war mild natürlich ohne Ziererei, auch lustig
dabei und in manchen Stücken gerecht im Urtheil,
y Google
40 XI. W. und J. Griinm an Bang. 1818
was er sonst nur alles mitunter war und mit Ab-
sprechen, Hoffart u. dergl. abwechselte. Insoweit
ist mir auch sein religiöses Streben achtungswerth
vorgekommen, wenn er das Gute gefunden, so hat
er auch Gott gefunden und erkannt, seinen Weg
dazu kann ich ihm laszen. Sein System scheint mir
aus der besondern Lage entsprungen, in der er sich
beständig zu den Menschen befunden, er hat sie be-
trachtet, beobachtet, unter ihnen gelebt, aber niemals
mit ihnen, er war immer für sich mit seinen Ge-
danken und Planen, einsam und abgeschloszen. Was
ein Volk, ein gemeinsamer Sinn ist, hat er nicht
erkannt, beides nie geachtet; sieht er ein, dasz das
AVort auch lebendig seyn kann, so hängt er dem
Buchstaben an, weil seine Erkenntnisz einseitig ist,
denn er glaubt nicht, dasz das lebendige Wort nur
der Ausdruck des gemeinsamen Lebens ist. So
glaubt er nur an einzelne Menschen, wie an den
Pabst und hängt ihnen an, wirft aber mit schneiden-
der Parteilichkeit ganze Maszen nieder. Ungerecht
ist er mir hier schon in seinem Urtheil gegen
Protestanten vorgekommen, in Berlin soll er es noch
mehr geworden seyn. So würde er z. B. nicht im
Stande seyn, die herrlichen Predigten von Mathe-
sius zu würdigen. Dasz er sehr leichtgläubig ist,
scheint mir auch bei jemand, der nur seine Ge-
danken geachtet hat, natürlich ; was ietzt dafür paszt
bei andern, nimmt er ohne weiteres an. Clemens
hat sich in Berlin fast von allen Bekannten zurück-
gezogen, kommt, wie ich gehört habe, auch zu
Savigny nur selten und ist mit einer Liebschaft be-
y Google
1818 XI. W. und J. Grimm an Bang. 41
schäfftigt aas der schwerlich etwas Gutes hervor-
gehen kann. Er hat die Religion auch dabei ein-
gemischt und will, da er wohl nicht heirathen kann,
das Madchen bekehren. Dem Christian hat er in
allem sehr beigestimmt. —
Über Hm. Rommels Entdeckungen verwundere
ich mich gar nicht mehr, es gibt kaum etwas, dasz
er nicht finden wird. Er kam einmal )ner auf die
Bibliothek und sprach von römischen Gefäszen die
er so eben beim Schloszbau bemerkt. (denn er will
Caszel durchaus von CasteUum herleiten), indeszen
fand sich nachher dasz es hiesige Töpferarbeit aus
vorigem Jahrhundert war, welche beim Schöpfen in
den Brunnen gefallen war. Die Runen, die in
Willingshausen entdeckt worden, scheinen mir (nach
der Zeichnung) zufölliges Gekritzel; an Runen
wenigstens ist gar nicht zu denken. Dasz der
Schwälmertanz Aehnlichkeit mit dem Tanz an der
Ukraine habe, daran kann insofern etwas seyn, als
alle nralten Sitten eine gewisze Verwandschafk zeigen.
Das Kinderspiel mit 5 Steinen fand ja Niebuhr in
Arabien wieder.
Die Abschrift der Handschrift zu Verona habe
ich vor ein paar Monaten bei Hugo gesehen, eben
hat er ausführliche Nachricht darOber in den Götting.
Anz. bekannt gemacht, es bestätigt sich nun, dasz
es mit zu dem allerwichtigsten gehört. Sie wiszen
doch auch, dasz ein Theil des Ulphilas vomMaio
entdeckt ist?
Was Sie mir von Ihrem Institut schreiben, werde
ich nicht vergeszen.
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42 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1819
Nun leben Sie wohl, wir beide grüszen mit herz-
licher Freundschaft und Hochachtung
Ihr
W. C. Grimm.
Ich füge nur noch eigenhändig, lieber Freund,
diesen herzlichen Grusz dazu. Ich arbeite an einer
historischen deutschen Grammatik und musz gerade
aus den bloszen Collectaneen die Bogen zum Druck
schreiben, ich stecke also bis an den Hals in Gitaten
von Nominativen, Genitiven u. s- w. gedulden Sie
Sich also, bis ich einmal einen Brief an Sie mit
einem ruhigen und ordentlichen Vocativ anfangen
kann und behalten Sie lieb
Ihren Freund
Jacob Grimm
81.
Wilhelm und Jacob Grimm an Bang.
Gassei, 3. Jan. 1819.
Lieber Freund, der gute Gerling, den ich mit
Freude wieder einmal hier gesehen habe, wird Ihnen
die gewünschten Bilder zugeschickt haben; über
Savigny will ich Ihr Urtheil erwarten, soviel ist
gewisz, er ist sehr schwer zu treffen, es kommt nur
darauf an, wie viel Sie von ihm in diesem Bildniaz
finden. Mein Bruder ist ähnlich; was mich be-
trifft, so müszen Sie nun nicht denken, dasz ich
inmier so finster oder tiefsinnig aussehe; auch ist
beim Ätzen der Steinplatte einiges nicht gerathen,
obgleich sonst die Arbeit Lob verdient. Über die
y Google
1819 XI. W. und J. Grimm an Bang. 43
Bilder von Göthe und Wieland kann ich nicht
aus eigener Ansicht urtheilen, doch da ich weisz,
dasz hei solchen fabrikmäszigen Unternehmungen
selten ein gutes Werk hervorkommt , so wäre ich
insofern geneigt, Ihnen von der Fortsetzung abzu-
rathen.
Die versprochenen Bücher folgen nun hier:
1) Böckhs Staatshaush. d. 6. 2. voll. 2) Stael
fiber die Revolution, ausgezeichnet in lebendiger
Anschauung, scharfer Beobachtung und richtigem
Ürtheil üb«*r die Gegenwart; seicht und oft unleid-
lich in allem dem, was sie Philosophie nennt. Doch
wird man vielfach belehrt und das Buch ist geradezu
practisch fBr uns. 3) Hallers Restauration, eigent-
lich der Gegensatz zu der Stael, in gewissem Sinne
ganz unpractisch, denn sollte die Welt nach seinen
Grundsätzen ietzt restaurirt werden, so würde kein
Stein auf dem andern bleiben, dennoch herrlich in
dem lebendigen Gefühl von dem wahren und tiefen
Grund des Daseyns der Staaten. Das Buch wirkt
wohlthätig, indem es ein verkanntes Element her-
vorhebt, sonst kennt es keine Geschichte, versteht
die Gegenwart nicht und es fehlt ihm alles was die
Stael auszeichnet. Diese betrachtet dagegen die
Welt, wie einen strömenden Flusz, deszen Krüm-
mungen, Windungen, Gewalt undEinflusz sie genau
kennt und berechnet, um deszen Quellen und Aus-
flusz sie sich aber nicht bekümmert. 3) Dohms
Denkwürdigkeiten, ehrlich und wahrheitsliebend, den
eisten Band haben Sie, wo ich nicht irre, gehabt.
4) Aus der Bertuchischen Reise-Bibliothek Bd. 7.
y Google
46 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1819
nachtigall abdrucken lassen und in Zeitschriften
Kleinigkeiten, in welchen sich die alte Spaszlust
doch noch hier und da hervordrängte. Arnim,
nachdem er im Sommer sein Gut selbst bewirth-
schaftet, ist ietzt in Berlin, hat 4 Buben und
1. Mädchen, welches das jQngste ist.
Die Universität in Marburg wird zwar nicht
ihrer Auflösung aber doch Entkräftung entg^n
gehen. Etwas durchgreifendes ftlr sie wird hier
nicht geschehen, und aUes übrige schadet vielleicht,
weil es einer Crise vorbeugt, welche unter ver-
änderten Umständen vielleicht Hilfe verschafft. Die
philos. Facultät hat uns beide zum neuen Jahr mit
der Doctorwürde beehrt, wird aber dadurch die Uni-
versität nicht zu Ehren bringen. Es fragt sich, ob
in B o n n die verschiedenartigen Elemente zusanunen-
gehn? mich hat bei der Gelegenheit gefreut, dasz
die Profeszoren anfangen vor dem beständigen Her-
umfahren und Wechseln eine Scheu zu empfinden,
denn die .Heidelberger hatten sich das Wort ge-
geben keine Yocation anzunehmen.
Die Ghranunatik meines Bruders, nämlich der
erste Band, naht sich ihrem Ende, da es ein sehr
starker Band wird, so hat den ganzen Sommer über,
oder eigentlich das ganze Jahr daran müssen ge-
druckt werden.
Nun leben Sie wohl, lieber Freund, Gott segne
Sie durch das ganze Jahr mit Gesundheit und Heiter-
keit, behalten Sie uns in freundschaftlichem An-
denken von Herzen Ihr
W. C. Grimm.
y Google
1819 XI. W. und J. Grimm an Bang. 47
Was Sie zu wiszen verlangen oder wir zu melden
haben, ist yon Wilhelm weggeschrieben worden,
selbst Yon meiner Grammatik, nach der Sie Sich
erkundigen hat er schon bemerkt, dasz sie immer
noch nicht fertig ist. Der langsame Druck dauert
nun schon ein Jahr, sobald er beendigt wird, soll
sich- ein Exemplar bei Dmen einstellen. Ich fOrchte,
das Ganze wird etwas steif aussehen und zum Lesen
wenig einladen, ich hoffe aber, zum Fortstudiren
reizen. Dasz Prof. Börsch einen ähnlichen Plan
gehabt, freut mich und mein Buch soll ihn ja nicht
Ton der Ausf&hmng abschrecken, denn mit allem
was man recht treibt steht es so, dasz ihm immer
eigenthümliche Wege aufgethan werden. Haben
wir Ihnen denn einen zweiten Band „Deutscher
Sagen'' geschickt; es geht auch noch auf einen
dritten hinaus. Seyn Sie herzlich vonmir gegrüszt;
Sie könnten eigentlich auch einmal nach Caszel
kommen.
Jacob Grimm.
82.
Wilhelm Grimm an Bang.
Casze], am 29. Jan. 1819.
Lieber Freund, ich schicke Ihnen hier die Fort-
setzung der Stael nämlich Bd. 3 u. 4. Durch ein
Versehen habe ich Ihnen das letztemal statt des 3.
den 5. geschickt, es bleibt Ihnen also nun noch der
6. übrig und der soll folgen, wenn diese wieder
zurück sind. Sie werden mit diesen Bänden zu-
friedener seyn, als mit dem 5.; es ist zwar auch
y Google
48 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1819
Conversation darin, aber sie beruht auf einer Ein-
sicht, der man Lebendigkeit nicht absprechen kann,
auszerdem ist doch Vieles eingeflochten, was sie
mit erlebt hat und nicht weniges sollte wohl zum
erstenmal hier bekannt geworden seyn. Sodann
folgt Ne ander über die gnostischen Systeme und
die Lebensbeschreibung von L o s s i u s. Aus meiner
eigenen Sammlung: Doctor Faustus von Marlowe,
zur Vergleichung mit dem Göthischen von deszen
Höhe und Tiefe hier nichts zu spüren ist, der doch
aber etwas tüchtiges hat. Arnims Vorrede ist
gewisz geistreich. Der zweite Band der „Sagen"
versteht sich von selbst ist ein Geschenk.
Den Untergang der Recensir - Anstalten glaube
ich haben wir erlebt. Auszerlich halten sie sich
nur als Fortsetzung und durch die Unterstützung
der Regierungen, die glauben sie gehörten zum
Glanz des Hofes. Niemand aber glaubt ernstlich,
dasz man daraus die Litteratur könnte kennen lernen
und einzelne, sorgfaltige Arbeiten, die hin und
wieder hervor kommen, dauern einen ordentlich.
Man kann wetten, dasz ordentliche Werke gar
nicht oder spät und nebenher angezeigt werden.
Die Redactoren werben die Recensenten wie Falstaff
die Recruten, der ganz richtig meinte , wenn einer
todtgeschoszen wäre, so wärs einerlei ob er ein
ordentlicher und couragirter Mensch gewesen oder
nicht. Die neue Zeitschrift Hermes hat die Idee
eine Anstalt zu bilden, wie das Edinburgh und
Quartherly Review för England ist ; die Absicht
iöt gut aber schwer auszuführen. 1q dem ersten
y Google
1819 XI. W. und J. Grimm an Bang. 49
Heft steht eine Recension Ton der neuen Über»
setzui^ des Shakespeare durch die Vossische
Familie, sie ist von dem wunderlichen Clodius
und angeachtet einiger sehr lächerlicher Ausdrücke
und einer zu groszen Härte gegen Schlegel ist
doch manches Wahre darin. Die Rec. über Presz-
freiheit ist Yon Suabedissen. Die Wiener neu auf-
gestandenen Jahrbücher läszt der Fürst Metternich
anf seine Kosten drucken und zwar sehr prächtig,
damit 6enz einen gewiszen Platz für seine politischen
Abhandlungen hat; sonst ist sie überaus matt.
Mit Sayignys Bild ist es wimderlich. Er
schrieb mir von der Zeichnung, sie sey die ähnlichste,
die je von ihm gemacht worden, (im Verhältnisz des
Ganzen ist dadurch gefehlt, dasz die Nase zu lang
und groszist [Randbemerkung]), diese haben wir ietzt
und ich kann versichern, dasz sie das radirte Blatt
treu wieder gibt. Dagegen schrieb er über dieses nach-
her auch nicht sehr günstig, und noch niemand hat mit
dem Bild recht zufrieden seyn wollen. Das Berliner ist
ähnlich, hat aber etwas unerträglich theatralisches.
Ein Reisender, der von Berlin kam, hat uns
gesagt, dasz Clemens Brentano wieder dort
ist Savigny ist wohl mit den seinigen, nur
sein ältster Sohn, der Franz, den Sie ja auch
gesehen haben, leidet an den Augen und zwar ist
es ihm innerlich auf die Sehnerven gefallen, so dasz
es bedenklich ist. Der Tod nimmt hier viele Menschen
weg, wir haben jemand aus unserer Nachbarschaft
herzlich beklagt. Ich selbst befinde mich seit einigen
£. Stengel. Briefe der Brüder Orimxn. 4
Digitized by VjOOQ IC
50 XI. W. und J. Grimm an BanR. 1819
Wochen unwohl; es scheint sich ein neues Clima
zu entwickeln und auf uns einzuwirken.
Hätte ich noch ein Exemplar unserer i^Märchen',
so würde ich es Ihnen längst geschickt haben, da
Sie es einmal wünschten. Frau von Hanstein
musz also die neue Auflage erwarten, welche aber
dieses Jahr wird zu stand kommen.
Sie sind uns hier zu jeder Stunde willkommen
und von uns beiden auf das herzlichste gegrfiszt.
Ihr W. C. Grimm.
88.
Jacob Grimm an Bang.
C a 8 z e 1 , 18. August 1819.
Auf Ihren Brief, lieber Freund, von vorigen
Ostern folgt eine recht späte Antwort, es war aber
gar nichts neues von Büchern da, was sich hätte
mitschicken laszen. Wir haben allen unsem heurigen
Geldvorrath an einige antiquarische und grosze Werke
verschwenden müszen und ich weisz Ihnen auszer
beifolgendem Göth ersehen Heft nicht das Mindeste
zu übersenden. In einigen Monaten soll aber hoffent-
lich anderes und mehr da seyn. Creuzers neue
Ausg. der S y m b o 1 a Th. 1 sowie die herodotischen
Exercitationen sind sicher in Ihren Händen; ich
bewundere den Fleisz und Ideenreichthum dieses
Mannes, wiewohl ich nicht ganz seiner mythologischen
Ansicht seyn kann, sie ist mir oft zu weit und
springend. Aber ein Hermannianer bin ich
noch viel weniger und das musz jedermann ein-
gestehen, da3z unser Creuzer eine Menge trefflicher
y Google
1819 XL W. und J. Grimm an Bang. 51
Wahrheiten gefanden und verbunden hat. Von
Gor res steht auszer dem übersetzten Ferdusi
ein Werk über die Natur der Sage bevor. Ist
Bitters Erdkunde (bis jetzt zwei starke Bände)
Dmen bekannt? ein ausgezeichnetes, ungeheuer
fleisziges Buch , das ich Ihnen auf kurze Zeit nur
zQschicken kann, weil es häufig verlangt wird und
eben diesen Augenblick verliehen ist.
Dasz Savigny, seit er nun auch Mitglied des
Bevisionshofes für die Rheinländer geworden, noch
mehr in seiner Zeit für die alten Studien beschränkt
ist, können Sie denken. Von dem ersehnten Gajus
smd erst vier Bogen fertig. Die Gerüchte von der
preosz. Verschwörung werden Ihnen auch zu Ohr
gekommen seyn und obgleich sich bei Ihnen eine
vernünftige Meinung, wie das Ding anzusehen sey,
schnell gebildet haben wird; so gereicht es doch
wohl zu Ihrem besonderen Tröste, wenn ich Ihnen
hier abschreibe, was in einem frischen Briefe Savignys
vom 8. dieses steht und zwar folgendes :
»Was nun die hiesigen Angelegenheiten betrifiFt,
so scheint es, dasz man Nachrichten von tadelns-
werthen Verbindungen gehabt hat. Wie weit aber
diese giengen und ob sie sich zu einem corpus
ddidi qualificirten , läszt sich noch nicht beur-
theilen. Aber auch im äuszersten Fall ist sehr zu
tadeln: 1) die Art der Behandlung. Die Papiere
sind groszentheils von rohen Polizeileuten genommen
nnd gelesen worden, z. B. selbst die Papiere eines so
imbescholtenen Mannes, wie Reimer, und vor Gericht
ist bis auf diesen Augenblick noch niemand gestellt.
Digitized by VjOOQ IC
52 XI. W. tmd J. Grimm an BanR. 1819
2) Die Hände, in welche die Sache gelegt worden,
nämlich die von Eamptz, der nicht nur über-
haupt ein sehr leidenschaftlicher Mann ist sondern
sich gerade in diesen Dingen schon in unwürdigen
Parteistreit eingelaszen hatte. 3) Die Wichtigkeit,
womit man die Sache behandelte und besonders die
Art der Bekanntmachungen, wodurch man auszer
Preuszen fast zu dem Gedanken kommen muszte,
als sey hier im Lande eine Verschwörung, wohl gar
unter bedeutenden Leuten. Jene Wichtigkeit ist
auf jeden Fall tactlos. Denn wie auch Verbindungen
unter einer Anzahl von jungen Leuten existiren
mögen (was ich nicht wiszen kann) so sind diese
doch politisch ganz unbedeutend, sie würden es in
jeder Rücksicht seyn, wenn nicht aus Eotzebues
Ermordimg der Gedanke an eine früher nicht ge-
ahnte Gefahr hervorgienge, aber selbst in dieser
Rücksicht kann ich jenes Benehmen nur sehr un-
weise finden. Denn im unseeligsten Fall, wenn
Sands That ansteckend wirkte oder wenn Ver-
bindungen beständen im Sinn jener That (was ich
weit entfernt bin zu glauben) was kann thörichter
und verkehrter seyn, als dem Wahnsinnigen merken
laszen, dasz man sich vor ihm fürchtet und dasz
man ihn für eine wichtige Person hält?*
Der Beifall , den Sie meiner „Grammatik" geben,
hat mich herzlich gefreut. Ich denke es darin noch
einmal weiter zu bringen und bitte mir dazu alles
mitzutheilen, was Ihnen von Eigenheiten der dortigen
Volkssprache aufstöszt. Unter andern wäre ich auf
einen Punct begierig: die Dualformen im persönl.
y Google
1819 XL W. und J. Grimm an Bang. 53
Pronomen haben sich hin und wieder beim Volk
erhalten, ob es sie gleich wie Plurale braucht.
(S. 340). Ich habe darüber viel genauere Nach-
richten eingezogen und namentlich aus Westphalen.
In der Grafschaft; Mark gilt noch jü oder get (vos) ;
inier (vestrikm) ink (vobis und vos) ; auch wohl enker
und enfc st inker^ ink. Auszumachen : bis wie weit
diese Formen gehen, ist mir wichtig, sie könnten
durchs Arensbergische, Waldeckische bis nach Ober-
he^en reichen. Seyn Sie doch so gut aufzumerken:
ob man die persdnl. Pronomina überhaupt ab-
weichend declinirt?
Herzl. Grüsze von uns beiden.
Jakob Orimm.
Von Localsagen erscheint auch noch ein dritter
Band, worin sich Beitrage mündlich gesammelter
»ehr gut ausnehmen würden.
84.
Wilhelm und Jacob Grimm an Bang.
Caszel, den 7. Dec. 1819.
Lieber Freund, ich überschicke Ihnen hier die
längst versprochene, aber ietzt erst fertig gewordene
Ausgabe der „Märchen". Ich wünsche, dasz Ihnen
das Buch einiges Vergüten macht und Sie mir
Dir Urtheil sagen sowohl über den Werth desselben,
insofern es ein Bildungsbuch seyn soll, als über die
in der Einleitung mitgetheilten Ansichten von der
mythischen Bedeutung dieser Traditionen.
Sie hätten sich Ihres Versprechens erinnern und
einmal hierherkommen sollen. Oder thun sie es
y Google
54 XI. W. und J. Grimm an Bang, 1819
noch, wann die Feiertage vorüber sind, da Sie doch
zu Fusze reisen so sind die gelinden Wintertage
am einladendsten. Wie manches liesz sich gut und
bequem besprechen, wozu man die Feder nicht gerne
ansetzt. Wir haben diesen Sommer auch den so
arg verschrieenen Schleiermacher auf seiner
Dxurchreise gesehen imd gesprochen und zwar gerade
an dem Tage, wo die Zeitung enthielt, dasz er Berlin
nicht verlaszen dürfe. Er ist geistreich, heiter und an-
genehm ob gleich er nicht eigentlich als Geistlicher
erscheint; er erzählte unter anderm, dasz er in der
letzten Zeit ganz unbekannte und fremde Gesichter in
der Kirche gesehen, die nur gekommen wären, um den
Eindruck zu beobachten, den es machen müsze, wenn
ein Gensdarmes, wie das Gerücht ging, hinter ihm auf
der Kanzel stände. Er brachte uns Grüsze und
einen Brief von Savigny, der uns bestätigte was
wir gleich über das unsinnige Geschrei gedacht hatten.
Lesen sie doch in dem 3. Heft des Sophronizon
von Paulus die ausführliche Beantwortung des
alten Vosz über die Frage: „wie ward Fritz Stol-
berg ein Unfreier?" Wie kann man nur so vor
aller Welt heraussagen, was zwischen vertrauten
Menschen sich zugetragen ! hier ist mehr Heimlich-
keit verrathen, als in den Briefen, welche Körte
bekannt machte und gegen welche sich Yosz doch
auch erklärte. Starr, eigensinnig auch wohl ein-
gebildet erscheint der Yosz noch in seiner eigenen
Darstellung, doch auch so weit es sich damit ver-
trägt recht- und wahrheitliebend. Ich wünsdie,
dasz von der andern Seite ebenso ausführlich dar-
y Google
1820 XT. W. und J. Grimm an Bang. 55
stellend , nur nicht polemisch geantwortet werde.
Für Sie muaz die ganze Verhandlung in alle Wege
merkwürdig seyn.
Leben Sie wohl und seyn Sie von uns beiden
auf das herzlichste gegrüszt
der Ihrige
W. C. Grimm.
Noch eins: nach dem Buch Ton Böckh ist
schon mehrmals gefragt ; es wäre mir lieb , wenn
Sie es zurückschicken könnten. Ich kann es Ihnen
dann wieder einmal zukommen laszen.
Eine Stelle aus dem von Wilhelm gedachten
Briefe Savignys hatte ich Ihnen gleich damals
geglaubt zur Erbautmg mittheilen zu müszen und
f&gfce glaube ich ein Heft von Göthes Kunst und
Alterthum bei. Sie haben es doch durch die Post
richtig empfangen. Das Ghite scheint jetzo in
Pireuszen etwas matt zu liegen, doch hoffe ich immer,
daaz der Staat die fatalen Erbrechungen aushält
Bndsich wieder curirt. Christian Brentano
toll neuerdings zu Frankfurt seyn. Herzl. Grusz.
J. Grimm.
85.
Jacob Grimm an Bang.
Caszel, 28. Juni 1820.
Lieber Herr und Freund. Sie haben lange
weder Brief noch Bücher empfangen. Hier folgt
wenigsiens etwas: ein Heft von Göthes K. und A.
— Zoegas Leben (2 Bde.) Kraus Leben, Ritters
y Google
56 XI. W. and J. Grimm an Bang. 1820
Vorhalle, Görres Ferdusst 1. Theil. Kraus ist
mehr mein Mami als Z o e g a , in dem das italienische
Blut steckt; am Eonigsberger geföUt mir die stille,
thätige, geistreiche Wiszbegier, seine Schriften sind
mir unbekannt, aber in den Untersuchungen über
Zigeunersprache und dem treffenden Urtheil über
Gatharinens W. B. nähert er sich meinen Studien.
Sodann bekenne ich des Geredes über Kunst, Alter-
thimi und Italien beinahe satt zu seyn, wozu münd-
liche Gespräche mit Mahlem, Architecten, die mir
noch bekannt geworden sind, das ihrige thun, Leuten,
die selten recht vriszen, woran sie sind und sich
viel einbilden; das Widerspiel von Naturforschem,
Astronomen u. ähnl. bei denen man gewohnlich
heitere, ehrliche Zufriedenheit antrifft. Die Künstler
halten sich für schöpferischer imd edler als andere
Menschen und stehen darum weiter ab von dem
einzigen und eigentlichen Schöpfer; zur Erzeugung
und Verehrung der alten Mahlerei geholt auch der
alte Gatholicismus , einem Protestanten müszen
Madonnen, Ghristuskinder und Heilige als Heilig-
thum nicht recht seyn. Dennoch hat Göthe in
seiner Polemik gegen die neuen Künstler meiner
Meinung nach Unrecht, die weimarischen Kunst-
freunde giengen von dem noch leerem Princip griech.
Form und Gomposition aus, auch hat ihre Lehre
keine Fmcht getragen. Es ist ihm von Fr. Schlegel
treffend, von Docen rechtschaffen geantwortet
worden (beides in den Wiener Jahrbüchem). Neulich
hat Dr. Schlegel Rohdesmythol. Untersuchungen,
gegen die sich Grenzer so bitter erklärt, un-
y Google
1820 XI. W. und J. Grimm an Bang. 57
bindig gepriesen ; eigentl. hat er Gelegenheit gesucht,
seine Ansicht vom alten Test, und zumahl der
Genesis auseinander zu setzen ; eine, wie Sie denken
können, erzcatholische Ansicht, die sich gewagte
Satze erlaubt, zwischenunter hübsche Bemerkungen.
Bitters Erdkunde hat er auch sehr gerühmt, ohne
sie vennuthl. ordentlich gelesen zu haben. (Die
Recension steht in den Wien. Jahrb. die wir nicht
halten.) Von diesem Ritter, der jetzt nach Berlin
geht, um den Rühs tüchtiger zu ersetzen, sende
idi die Vorhalle, wie mir yßrkommt, doch ein
schwächeres Buch, als die Erdkunde selbst, in dem
Sie mancherlei über Herodot etc. intaressiren
wird. Creuzers mythol. Behandlungsart gewinnt
tigiich mehr Einflusz und Anerkenntnisz ; allmählich
Theben sich gleichwohl einzelne Gegner. Ich habe
Ihnen heimlich schon einmal bekannt und das bleibt
unter uns , dasz auch meinem Gefühl und einigem,
was ich mir von deutscher MythoL vorstellen musz,
die Creuzersche Bearbeitung nicht recht zusagt.
Ich ehre seine Gelehrsamkeit und streite ihr wichtige
Combinationen gewisz nicht ab, au Geist übertrifft
er mir Heynen weit, leidet aber etwas an der vagen
ZQ viel um&szenden Manier, die Heyne ein-
gef&hrt hat. Gründlich untersuchtes verbindet sich
mit halbuntersuchtem und nimmt dieses mit in sich
auf. Ich meine, dasz man sicherer gehen könne,
lüLmlidi langsamer gehen müsze. Es mag leichter
seyn, einzelnes zu bestreiten und au&ustellen, als
das Ganze, aber das rechte Ganze musz auch dem
fimzelnen Stich halten. In diesem Sinne soll
y Google
58 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1820
Lobek (Prof. zu Königsb.) gelehrte und scharf-
sinnige Programme wider Greuzersche Ideen schreiben
(man bekommt dergl. nicht zu lesen, doch die
Marburger sind eifrige Dissertationstauscher und
wenn Sie einmahl nach Marb. gehen, sehen Sie zu
dieser Programme habhaft zu werden und leihen
mir sie dann auch hierher, ich bin darauf neugierig
gemacht worden.)
Ihr Urtheil über Vosz gegen Stolberg freute
mich, letzterm bin ich in der Sache, ersterm in
der Form abgeneigt. * Neulich ist V o s z im Hermes
hart recensiert worden, leider von einem Unrechten,
von Körte, der früher selbst mit Vosz in ge«
häsziger Fehde begriffen war und mir fatal ist
Auch dieser Hermes wird nicht gehalten und also
selbst meinen Artikel wider Jean Paul vermag
ich Ihnen nicht zu schicken. J. Paul hat neulich
in einem eignen Buche (über die Doppelwörter)
geantwortet und so, dasz ich für mich zufrieden
seyn kann, in der Sache genügt er lange nicht.
Sie werden Neuigkeiten aus Preuszen hören
wollen. Dasz Savigny vor. Januar ein Sohn ge»
bohren worden ist, wiszen Sie ohne Zweifel, viel-
leicht nicht, dasz ich zu meiner Freude einer der
Hitgevatter war! Mündlich habe ich noch gans
kürzlich mancherlei gehört. Leiblich ist S. dick
geworden, was ihm nicht 'so gut stehen soll. Er
sagt, dasz ihm die andern Arbeiten in Beendigung
der Recfatsgesch. hinderlich seyen. Es schien mir
vor einem Vierteljahre einmahl möglich, dasz er
gar ins Ministerium rückte; jetzt vemelune ich, da»
y Google
1820 XI. W. und J. Grimm an Bang. 59
sein Einfliiaz im Staatsrath abgenommen haben soll
ond fireue mich. Je gelehrter, unpolitischer, desto
vergnügter. Das politische Preuszen gefällt mir
auch immer nidit. Nicht einmahl haben sies über
sich bringen können, die alberne Yerschwörungs-
geschichte durdi Offenheit zu versöhnen, hundert-
tausend Briefe sind erbrochen worden, um ein
Paar Menschen in zweifelhaften Schein zu bringen.
Ihr überall Torbrechender Dünkel will lieber die
Form retten, öörres haben Sie doch gelesen?
er übertreibt, aber ganz seiner Weise nach und
▼erdient solch ein Mann das Herumirren in der
Fremde, Frau und Kinder zu Haus?
Den Ferdussi habe ich selbst noch nicht gelesen,
iheils misfällt mir die Auszugsmanier, theils ist
die Einleiinng mir zu bunt, ich müszte viel lernen,
um alles ordentl. zu faszen imd lernte ichs, würde
ich mancherlei zu tadeln haben. Hammer mit
9met zwar geistigen aber schrankenlosen Manier
▼erleidet mir auch das Orientalische, selbst ööthes
Diyan ist noch ungekauft und ungelesen, worin doch
banrÜche Sachen seyn sollen.
Wie gehts in Marburg? Vor einigen Monaten
war der Vicecanzler hier und soll viel verleumdet
haben, doch ohne Wirkung. Rommel hat, wie man
sagt, Lust von dort weg und sich hier zu intrudieren,
wozu ihm die heszische Geschichte doch nicht ein-
mahl helfen wird, eher andere Verbindungen. Das
Buch in der gezierten Form unleidlich aber nicht
tidenilos, hat innerlich weder Saft noch Oelehrsam-
keii Haben Sie ein jämmerliches Gedicht auf
y Google
60 XL W. und J. Grimm an Bang. 1820
seines Vaters Jubileum in der Zeitung gelesen?
Es ist unbegreiflich, wie bei solcher Gemeinheit an
Stil und Sprache noch solcher Unsinn des Inhalts
bestehen kann (das seltne soll unter viel tausenden
kaum einem gelingen, das noch seltnere unter ein
Paar Superintendenten gleichwohl schon einigenl)
Dergl. macht der Rector des hies. Lyceums und
unsere Civilisten und Staatsleute erinnern sich dabei
an Horaz. Die Inscription auf den Schloszgrund-
stein rührt, wie das gute Latein zeigt, nicht von
diesem Dichter her, sondern Ton meinem gelehrten
Gollegen, dem man nur das mildere incuria in
perversüate verwandelt hatte.
Welcher lai Grammatik bedienen Sie sich ? Der
Grotefendi sehen ? Eine weit gelehrtere erscheint
jetzt zu Berlin von Leop. Schneider, iuf sieben
Bände berechnet, davon 2 heraus sind (Buchst, und
Declinationen) das Ganze mir überaus willkommen.
Gott befohlen! Mit meiner Gesundheit und
Arbeitslust könnte es beszer stehen, auch des
schlechten Sommers unerachtet, wenn ich im Ge-
müth recht gestinmit wäre. Der Himmel wirds
schon wieder ins Geleise bringen. Wilhelm grüszt
mit mir auf das herzlichste
der Ihrige
Jakob Grimm.
y Google
1820 XL W. und J. Grimm an Bang. 61
86.
Jakob und Wilhelm Grimm an Bang.
Caazel, 8. Oct. 1820.
liebster Freund
Der heute erst eingetroffene Gevatterbriel macht
xms herzliche Freude und wir sehen darin einen
nenen Beweis Ihrer uns schon lange wohlthuenden
Zuneigung. Der Himmel segne und behüte unsem
Pathen, bitten Sie Herrn Würz er, dasz er uns bei
der Taufe mitvertrete, an ein Wegkommen von
bier ist jetzt nicht zu denken, da gerade mein College
Völkel mit Urlaub verreist ist, sonst hätte ich sehr
gern einmahl persönlich die Feierlichkeit verrichtet,
bisher habe ich noch immer abwesend seyn müszen.
Die Frau Gevatterin grüszen wir auch von Herzen.
Die vollständigen Namen sind unterschrieben, nun
wählen Sie; im Carl treffen wir zusammen. Be-
richten Sie uns aber den Hergang, und namentlich
den Tauftag. In dem Tag der Geburt hatten Sie
Sich töchtig verrechnet, da Sie im Julius so schnell
Ton hier abreisten, weil Ihre Frau niederkommen
wollte ; dieser damahls etwas weit hergehohlte Grund
soll Ihnen jetzt vergeben seyn , da Sies auf solche
Weise gut zu machen wiszen.
Dasz Savigny zu Frankfurt haust, haben
wir bereits gehört und glauben, weil er uns nicht
hincitiert hat, dasz er den Rückweg hier über nehmen
wird und das musz bald, binnen 14 Tagen geschehen.
Dann kriegen Sie ihn früher als wir zu Marburg
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62 XI. W. und J. Grimm an Bang.
vor Augen. Nach Frankfurt hätten, wie obgemeldet,
wir auch nicht gekonnt.
Was ich zu Kraus und Zoega gesagt hatte,
weisz ich jetzt nicht genau mehr, ich meine blosz,
dasz mir jener lieber, als dieser wäre, nicht gerade,
dasz letzterer weniger. Beide stehen fast auszer Yer-
gleichungspunkten. Der Drang nach antiker Kunst
und Kunstgeschichte hat mir was unbehagliches und
unpractisches ; dazu die italienische Unruhe in dem
Manne, seine Bücher über die Obelisken u. s. w.
reizen mich gar nicht und viel eher würde ich
Krauses Schriften vornehmen, aber noch lieber
andere, zu denen ich nicht einmahl gelangen kann.
. Nicht am zweiten Theil der Grammatik,
sondern an einer zweiten ganz umgearbeiteten Aufl.
des ersten lasze ich drucken, dann soUs gleich an
den zweiten gehen. Das Feld ist überreich an Auf-
schlüszen, so dasz man mit Fleisz und Arbeit weit
kommt, ohne viel Geist dazu zu brauchen. Vielleicht
geräths desto treuer und ich bin schon mit dem
Gefühl zufrieden, dasz die folgenden nicht neben
mich bauen, sondern auf mich bauen werden, wenn
sie auch so zubauen, dasz von mir nichts mehr zu
sehn seyn wird.
Der Brief soll nicht aufgeschoben werden, darum
für diesmahl nichts weiter als dasz die Freimdschaft
zwischen Ihnen, Ihrer Frau, dem neugebohmen
Kind und mir fort bestehen soll.
Jacob Ludwig Carl Grimm.
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1820 XL W. und J. Grimm an Bang. 63
Ich nnterschreibe nicht blos mit meinem
ToUstandigen Namen Wilhelm Carl Orimm
sondern auch yon ganzem Herzen, was mein Bruder
fiber diese nähere Verbindung zwischen uns gesagt
and gewünscht hat. Oott lasze Sie an Ihren lieben
Kindern Freude erleben, so kommt das Capital mit
Intereszen zurück und die Lust ist neunfach, wie
ietzt die Last. Damit wünsche ich Ihnen denn auch
ein fröhliches Alter.
Ich sehe, dasz von Zoega die Rede war. Ich
will nur zufügen, dasz Leute, die ihn persönlich
gekannt und Verkehr mit ihm gehabt, mir erzahlt,
er sey yiel angenehmer und zutraulicher gewesen,
iJs er so hier in den Briefen erscheint. Er mag
darin seinen Verdrusz und seine Unruhe groszentheils
abgeladen haben, so dasz ihm für den Umgang mit
Menschen das Beszere übrig blieb. Jene durch-
herrschende Gesinntmg macht mir die Briefe etwas
ingstlichi das Vorzügliche der Griechen jene Eben-
mäszigkeit und lebendige Oleichmüthigkeit hat er
auf keinen Fall erworben ; es überrascht fatal, dasz
er nach allen immer neu anhebenden Klagen, heim-
lich eine ziemlich grosze Summe gesammelt hat.
Es fehlte ihm sichtlich eine christliche Beruhigung
und dieser Mangel an inneren Halt, würde mich
bei allem Respect vor der Kraft seines Geistes
0. seiner Gelehrsamkeit auch seiner sonstigen
trefflichen Anlagen, so yon ihm entfernt haben,
dasz ich schwerlich seinen Umgang gesucht
liätie. In der Leichtigkeit, mit welcher er daran
dachte, Frau u. Kinder in Rom zu laszen u. allein
y Google
64 XL W. und J. Grimm an Ban^r. 1820
nach Kiel za gehen, so dasz ihm am Ende nur der
alteklaszische Boden zurückhielt, liegt eine italienische
Kälte der Seele, die nur auf den Yortheil nehi
Doch er war auch ein Italiener durch Abstammung
u. verm. Angewöhnung. Sein Gesicht ist frei, doch
liegt mir etwas thierisch-geistreiches darin.
(Christians genaue Adresse weisz ich nicht,
am sichersten Sie schicken den Brief unter Umschlag
an Franz Brentano. [Randbemerkung v. J. G.])
87.
J. Grimm an Bang.
Cassel 22 Dec. 1820.
Lieber Freund und Gevatter, Sie haben uns die
gewünschte nähere Beschreibung von dem Tau&ctus
und den dabei sich zugetragenen Umständen bis
jetzt noch vorenthalten. Um Sie dazu anzuregen,
sende ich bei dem diesjährigen Bibliotheksbeschlusz
ein Paar Neuigkeiten
Voszens zweite Schrift
Göthes letztes Heft von Kunst
Aus Savignys Besuch im October war nichts
geworden, doch habe ich dafElr einen groszen Brief
aus Berlin empfangen. Ausserdem hat uns vor drei
Wochen Arnim hier besucht, er kam über West-
phalen her und hatte Clemens und Christian
wohl und zufrieden in Dülmen gefunden. Christian
will ein geistreiches leligiöses Buch drucken laszen,
Erläuterungen aus den ersten Kirchenvätern ; Arnim
rühmte es sehr
Gott befohlen, vergnügte Weihnacht und Neujahr
Grimm
y Google
1821 XI. W. and J. Grimm an Bang. 65
38.
Wilhelm und Jacob Grimm an Bang.
Caezel, 14. Juni 1821.
beantwortet d. 29. Aug. Bücher retour.
Lieber Freund und Gevatter,
Werden Sie nicht bös darüber, dasz ich Ihnen
so lange nicht geschrieben habe. Ich war während
dieses Winters in einer vielfach ungewiszen und
unruhigen Lage, die mir alles Briefschreiben, wo
man sich doch gern bestimmt ausdrückt, verleidete.
An Savigny und Arnim nach Berlin habe ich
letzt erst fast nach einem halbjährigen Schweigen
g^chrieben. Ich will nicht davon sagen, dasz ich
seit dem November dem Kurprinzen Unterricht
in der Geschichte geben musz, was mir besonders
im Anfang viel Zeit wegnahm, da ich verschiedent-
lich mit dem Ton wechseln und den paszenden
anfauchen muszte; es war auch die Rede davon,
dasz ich mit ihm auf Reisen gehen sollte und da
war in meiner Lage vielerlei zu bedenken. Nun
ist die Reise selbst aufgeschoben und so gut als
gewisz, dasz ich nicht mitgehe und da sich auf diese
Art meine Verhältnisze zu setzen scheinen, so fange
ich auch an meine nach allen Seiten angewachsene
Schuld im Briefschreiben abzutragen. Nur bleibt
das bisher gesagte völlig unter uns.
In dem was bisher hier geschehen, ist guter Wille
sichtbar und der verdient unbedingt Lob; auch ist
£. Stengel. Briefe der Brüder Grimm. 5
y Google
66 XL W. und J. Grimm an Bang. i821
manchem wirklichen Bedürfnisz schon abgeholfen,
namentlich hat das Militär keine Ursache mehr zu
klagen. Überhaupt aber regt sich eine gewisze
Lebendigkeit, bei manchen auch wohl wirklicher
Eifer für das Qute und das thut einem schon in
der Erscheinung wohl. Sonst ist es die Neigung
der Zeit, die Verhältnisze mehr nach dem, was sich
der Verstand darüber ausdenkt, als nach dem was
die Erfahrung giebt, zu ordnen und diese Schule
will erst durchgemacht seyn. Mit einem guten
Willen und reinem Wohlwollen kommt man eiuUich
doch zum Rechten und diese Gesinnung schätze ich
in der Zeit der Experimente über alles. Zudem be-
findet sich Hessen in mehr als einer Hinsicht in
einer günstigen Lage und bei einem nicht groszen
Staate ist es leichter irgend einen Miszgriff gut zu
machen, weil er nicht so tiefe Spuren eindrückt.
Für die übrigen Branchen wird auch etwas geschehen,
wenigstens hat man alle Hoffnung, ich glaube auch
für die Wiszenschaften (man spricht von einem
Studiendirector); nur wird an diese nach der Welt-
lage die Reihe zuletzt kommen. — Gebaut wird an
vielen Ecken, aber das grosze Schlosz, das wir ge-
meinschaftlich besahen, ruht für die ersten Jahre
ganz ; der verstorbene Eur f ü r s t hatte dafür die Kräfte
gespart und alles andere in Verfall gerathen lassen.
Ich übersende Ihnen hier meine Abhandlung
über deutsche Runen, wenn Sie solche nicht
sehr wichtig finden, so denken Sie wie ich; nur
müszen Sie es gelten lassen, dasz darin ein paar
Alphabete aus sehr alten Hss. zu St. Gallen, Paris
y Google
1821 XL W. und J. Grimm an Bang. 67
und Wien zum erstenmal bekannt gemacht und er-
läutert sind: diese wird man als einen Beitrag zur
Geschichte des Alphabeths betrachten müszen.
Auch l^e ich ein paar Bücher aus der Biblio-
thek bei: die Geschichte des Preuszischen Staats
ist von Manso in Breslau und von der Regierung
nicht gut aufgenommen. Es ist Haltung darin, Styl
und guter Wille, wer kann aber in dieser Zeit eine
Geschichte schreiben", wo niemand so hoch steht,
um den wahren Zusammenhang zu sehen und wo
die Politiker von allen Parteien, wie Pilatus, fragen:
was ist die Wahrheit? Man sollte blos Memoiren
schreiben und in dieser Richtung beweisen die Fran-
zosen wieder ihren Tact. Das Werk über Blücher
scheint mir dirlich und unbefangen geschrieben, sonst
vsk es roh imd in einer modernen Manier gefaszt, die
ich nicht liebe. Doch wird sich manches neue darin
find^. Die Reisebeschreibung lege ich aus
doppeltem Grunde bei, weil sie die Gegenden dar-
stellt, die eben in dieser Zeit so grosze Theilnahme
erregen und weil sie von einem Naturalisten her-
rfihrt, der sichtbar nicht für den Druck niederschrieb
und dem man deshalb sein Triviales und auch Fades
zu Gut halt. Manches hat er angemerkt und heraus-
gesagt, was ein anderer verschweigt, weil er denkt,
es störe die Composition oder den Eindruck, den er
machen will. Vielleicht hat dieser Natürlichkeit
das Buch die zweite Auflage zu danken.
Ich höre eben von einer gewaltigen, mit bittem
Xenien und sonstigen Eigenthümlichkeiten aus-
gestatteten Recension, die Yosz aus Jena gegen
5*
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68 XL W. und J. Grimm an Bang. 1821
Kreuzer hat auslaufen laszen; zu Gesicht ist sie
mir noch nicht gekommen.
Seyn Sie mit herzlicher Freundschaft gegrüszt
der Ihrige
W. C. Grimm.
(Die Geschichte von Preuszen bitte ich bald
zurückzuschicken, da häufig darnach gefragt wird.
[Randbemerkung.])
Der Wilh. wollte Ihnen länccst seine Runen
schicken, da habe ich mit schreiben wollen, heute
finde ich Zeit und Raum zu diesem Postscript. Den
Büchern föge ich noch Schweinichens Leben
hinzu, worin köstliche Sachen aus dem 16. Jahrb.
stehen. Gott stehe den Griechen bei, wenn etwas
heiliges an der heil. Allianz ist, sollte man meinen,
müszte sie ohne Nebenrücksichten helfen, zuschlagen
und endlich Europa säubern. Ich grüsze Sie und
unsem Pathen.
Ihr Grimm
Aus beiliegendem Bogen mögen Sie sehen, wie
die neue Aufl. wird, es sind erst 100 Seiten über
diesen Bogen fertig und der Band kommt nicht
unter 900—1000 aus.
80.
Wilhelm Grimm an Bang.
Caezel, 16. Ang. 1821.
Lieber Freund, seyn Sie doch so gütig, Schwei-
nichens Leben mit umgehender Post an mich mit
y Google
1821 XI. W. und J. Grimm an Bang. 69
dem Zusatz för kurfürstl. Bibliothek im Museum
(unfrankirt) abzusenden. Unser Minister hat schon
dreimal darnach ge&agt und ich habe endlich ver-
sprochen, es einzufordern.
Was sagen Sie zu der Vos zischen Recension
von Creuzer in der Jena. Lr.-Ztg. ? Das fatale,
hämische darin abgerechnet und das unsinnige über
theolog. Umtriebe und Heimlichkeiten Creuzers,
wäre es sonst gut, wenn die Mythologie auch einmal
in diesem Sinne dargestellt würde. Eigentlich sollte
man sich nur gegen Creuzers Schüler erklären, wenn
sie die Sache zu weit, oft ohne Gtnst und manchmal
völlig ins Blaue treiben. Creuzers Erwiderung wäre
wohl beszer unterblieben.
Heute dürfen es nur diese paar Worte seyn.
Herzliche Grüsze an Sie, Frau und Kind, lieber
Gevatter
W. C. Grimm.
40.
Wilhelm Grimm an Bang.
Caszel, 15. Octbr. 1821.
Lieber Gevattersmann, ich hätte Ihnen auf Ihren
Brief, den wir beide mit Vergnügen gelesen haben,
gerne mündlich geantwortet, welches recht gut an-
gegangen wäre, wenn Sie den 19. Septbr. um die
Mittagszeit in Marburg an der Diligence yorüber-
geschritten wären. Ich habe mich wirklich darnach
tungesehen, da sich ja wohl gröszere ZufaUe in der
y Google
70 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1821
Welt ereignet; indessen erblickte ich niemand, auch
bei einem kurzen Gang nach dem Eirchplatz, zwar
die alten, wohlbekannten Häuser und die fernen
Berge, aber lauter wildfremde Gesichter. Von der
Universität sah ich nichts , als hernach einen jungen
Profeszor Namens Sartorius, der sich mit in den
Wagen setzte und etwas determinirtes und resolutes
in seinem Wesen hat. Bei der Rückkehr am 8. Octbr.
kam ich in der Nacht in Marburg an. Meine Reise
ging nur bis Frankfurt, wo sich von der Bren-
tanoischen Familie ein groszer Theil versammelt
hatte, zu der ich freundschaftlich eingeladen war.
Der erste, den ich traf, war Christian, ich fand
ihn wohl, heiter und milder gesinnt als je, das heiszt
gleichförmiger und ohne launenhafte Zwischenakte.
Da ich zwei Puncte nicht berührte, so kam ich gut
mit ihm aus, der eine ist der Fürst Hohenlohe, an
den er unbedingt glaubt, und doch scheinen mir
seine Wunder nicht wimderbarer, als alles andere,
was ein Mensch im Vertrauen auf Gott in ihm imd
gestärkt von jener Liebe, welche das Wesen unserer
Religion ist, vollbringt. Sonst scheint in dem
Hohenlohe, über den ich andere, die nicht aus blinder
Leidenschaft urtheilten, hart habe reden hören, die
Eitelkeit, wenn auch versteckt, mitzuwirken. Der
andere anstöszige Punct bei Christian ist sein
Parteiwesen gegen die Protestanten, oder sein catho-
lischer Eifer. Er soll dort behauptet haben, in dem
Luther habe eigentlich der leibhafte Teufel ge-
steckt und wie aufgebracht er gegen Göthe z. B.
sich äuszert habe ich selbst mit angehört. Er nannte
y Google
1821 XI. W. und J. Grimm an Bang. 71
ihn den deutschen Voltaire und meinte, statt eines
EhrentempeLs müsze man ihm eine Schandsäule er-
richten. Ich glaube, man musz die Zeit beklagen,
in welcher es möglich war, oder sogar erlaubt schien,
jeder Gesinnung oder Gedankenrichtung, die ein-
mal in der Seele eines vom Geist hochgestellten
Menschen sich hervordrängte, eine Gestalt und
poetische Ausschmückung zu verleihen und es ist
betrübt, dasz Göthe Gedichte, wie die Diana von
Ephesus hat machen können oder sagen: im SOsten
Jahr wird der Schwärmer ans Kreuz genagelt. Aber
man hat Unrecht, so etwas f&r seine selbsteigene
Gesinnung zu halten oder ihn deshalb für einen
ungläubigen und Heiden zu ' erklären. Der Faust
allein kann das widerlegen.
Sodann war zugegen die Fr. v. Savigny aus
Berlin nebst ihrer Tochter Bettinchen. Diese
ist grosz herangewachsen und gleicht dem Savigny
sehr, hat dessen dunkle Augen und das ernste und
tiefe Wesen von ihm, so dasz sie fast ein Gegensatz
m ihrer Mutter ist. Savigny konnte nicht mitkommen,
da er an dem 3. Bande seiner Rechts-Geschichte
arbeitet. Auch die Frau von Arnim mit ihrem
jfingsten Kinde war da, noch ziemlich unverändert
in ihrer eigenthümlichen , immer bewegten Natur.
Die Frau Jordis mit ihrem Manne aus Paris werden
Sie kaum kennen.
Ich musz aber Ihren Brief vornehmen und ordent-
lich beantworten. Der Candidat hat Ihre Em-
pfdünng überbracht, ich kann aber nicht sagen,
4a8s er mir gefallen. Er zeigte im Gesprach etwas
y Google ^
72 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1821
von jenem harten, eigensinnigen Wesen, das den
wahren Zustand der Dinge anzuerkennen sich weigert
und sich darüber zu täuschen, eine gewisze Absicht
hat. Ich glaube man ist verbunden, den Griechen
Beistand zu leisten, weil sie Christen und unsere
Brüder sind und weil ich mir eine barbarische Herr-
schaft von Nichtchristen, wie die der Türken ist,
nicht als eine legitime denken kann. Wollte man
untersuchen ob ihr gegenwärtiger sittlicher Zustand
eines solchen Beistandes würdig sey, so könnte man
leicht zweifeln; in mancher Hinsicht vielleicht sind
die Türken vorzüglicher: edler, tapferer und wahr-
haftiger. Jene Rücksicht aber müszte alle Gründe
der Politik überwiegen, gesetzt auch der Zustand
der Griechen unter den Türken, wäre leidlich, da
ein dauernder und natürlicher nur unter einem christ-
lichen Regenten möglich ist, sonst würde man ja
gerade auf das blos zufallige bauen. Das Zaudern
übrigens verdient nicht zusehr gescholten zu werden,
da sich leicht ein allgemeiner Exieg in Europa aus
jenem entwickeln könnte. Helfen aber kann den
Griechen nichts, als der Beistand einer groszen
Macht. Geld und Menschen brauchen sie nicht;
jenes namentlich haben sie mehr ab wir.
In Ihrem ürtheile über Vosz, für den ich sonst
gewisz keine Vorliebe hege, überrascht mich doch,
dasz Sie nicht einen wahren Gedanken in seiner
Recension gefunden haben. Ein solcher scheint mir
doch zu seyn, wenn er auf eine Untersuchung über
die Geschichte des Weinbaus beim Dionysus dringt
und ein Hindemisz seiner indischen Abkunft in dem
y Google
1821 XL W. und J. Grimm an Bang. 73
Mangel der Rebe in Indien findet. Ich glaube, ich
habe Ihnen schon einmal bemerkt, es sei gegen
Creazers Lehre ein ungünstiges Zeichen, dasz sie,
die der Urheber durch Geist imd Originalität halte,
bei den Schülern so sehr ausarte und ungenieszbare
Fruchte trage. Ein solcher ist Mone, den sie schon
aus den Noten zu den ersten Bänden, deren Zierde
sie eben nicht sind, kennen. Dieser soll nun laut
der Vorrede zum letzten Band (in welcher ich auch
die Anspielung auf das gebrachte Vivat wegwünsche)
einen fünften Band über die nördlichen Mythen
dazu schreiben, welcher nach meiner Überzeugung
80 gut wie gar nicht wird zu brauchen seyn. Und
doch ist Mone fleiszig hat auch Geist und Gelehr-
samkeit Eben hat er ein altdeutsches Gedicht:
Otnit herausgegeben, mit einer Einleitung, die das
Maas yoU macht. Ich getraue mir auf diese Art
ans einem Steuerregister, Frachtbrief und Parole-
befehl die Grundzüge der Druidischen Mysterien zu
entwickeln.
Göthe hat in einem neuen Heft über Kunst
und Alterthum das Ihnen, sobald es angeht, mit
andern Büchern soll zugeschickt werden, zahme
Xenien mitgetheilt, die schwerer zu verstehen sind
als die wilden, aber doch deutlich seine gegenwärtige
Gesinnung bezeichnen. Sonst wollte ich, statt dieser
gereizten Stimmung wohnte ihm eine milde, die
Gegenwart mit mehr Lust und Vertrauen beschauende
bei; wir würden gewinnen, das ist klar, aber auch
er. Achtung und Zuneigung genieszt er so viel,
tis ein Mensch sich wünschen mag, doch scheint
y Google
74 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1822
ihn eine gewisze Alterskrittelei zu beschleichen und
dasz er dabei dem Publicum mancherlei zumuthefc,
kann man aus den neuen Wanderjahren sehen. Das
seltsame Erziehungswesen, der Bildungsbund, die
drei Ehrfurchten begreift kein ordentlicher Mensch
und so reizend die einzelnen Erzählungen, so unbe-
deutend das, was den eigentlichen Inhalt ausmachen
soll.
Hierbei kommt endlich Christians Bild, dessen
Ähnlichkeit ich aufs neue bestätigen kann, das
Ihnen geschenkte Exemplar war nicht aufzufinden
und ein anderes schwer zu haben, da nur erst Probe-
abdrücke gemacht waren und hier keine können
gemacht werden.
Leben Sie wohl, und seyn Sie und die Frau Qe*
vatterin auf das Herzlichste von uns beiden gegrüszi
Ihr
Wilhelm C. Grimm.
41.
Jacob und Wilhelm Grimm an Bang.
Cassel 14. Mai 1822.
Lieber Gevatter,
Die verlangten Schreiben gehen auf der Stelle
nach Frankfurt ab und zwar an Senator Thomas
und Senator Brentano, beide werden mit Guaita
reden. Hoffentlich thut es, wenn die Stellen noch
unbesetzt sind, Wirkung, denn wir sind mit diesen
Leuten recht freundschaftlich. Zwar ärgerte mich,
dasz Sie aus Hessen wegwollen und sonderbar, am
frankf. Gymnasium bleiben viele nicht lang; Doch
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1822 XL W. und J. Grimm an Bang. 75
mit Ausnahmen und im Vaterland gefällt mirs seit
einiger Zeit auch immer weniger.
Dasz Ihnen unheimlich über unsere Saumseligkeit
im Briefschreiben wird, ist nicht recht; die liebsten
Briefe alle liegen seit einem halben Jahre vor mir
anbeantwortet; ich will mich zukünftig vor über-
häuften Arbeiten beszer hüten, vor Kummer und
Kränklichkeit wolle uns Gott behüten, dergleichen
ist im letzten Jahre zu viel an und über uns ver-
hängt gewesen. Näheres sobald ich aus Frankfurt
Antwort habe, dieses nur in Eile.
Ihr
Jacob Grimm
Lieber Gevatter, ich habe eben an Brentano,
auch noch an Guaita geschrieben und ich hoffe,
dasz ihre Antwort nicht lange ausbleibt. Da zum
Briefschreiben eine recht heitere und unbedrängte
Stimmung gehört, so habe ich den ganzen Winter
die Feder nicht gerne angesetzt. Meine Gesundheit
hat mir zu schaffen gemacht und mir oft 8 — 10 Tage
ganz geraubt und für noch längere Zeit mich ver-
stimmt. Bücher wollte ich Ihnen ein paarmal
schicken, aber die, welche ich auswählte, wurden
Ton angesehenen Leuten beständig gefordert u. ge-
lesen, daaz ich sie nicht wohl auf längere Zeit weg-
nehmen konnte. Savigny habe ich letzt einmal
geschrieben, als ich den 3. Band seiner Rechts-
gesehichte gelesen u. zu dem darin entwickelten
Verhaltniaz der Florentinisch. Hs. des corpus j. zu
ders. g. bolognes. Recension etwas anzumerken
Digitized by VjOOQ IC
76 XL W. und J. Grimm an Bang. 1822
hatte. Es sind sehr schöne Dinge in diesem Bande
und überall erfreut die Reinlichkeit und Nettigkeit
der Ausführung. Haben Sie die falschen Wander-
jahre Wilhelm Meisters gelesen und was sagen
Sie dazu? Schubert über Göthe kann ich, ob-
gleich dieser es rühmt nicht vor mir behalten, die
Nachahmung ist mir zu widerlich. Wenn Sie wollen,
so kann ich Ihnen in einiger Zeit etwas zusenden,
auch die Memoiren Yon Casanova sollen Sie haben,
in welchen eine merkwürdige Individualitat höchst
lebendig und wahr beschrieben wird, aber Sie müszen
das Buch verschlieszen. Raumers Vorlesungen
über die alte Geschichte ist frei und unbefimgen
geschrieben und enthält schöne Dinge ; ist überhaupt
beszer als man anfangs denkt. Ich habe es noch
nicht zu Ende. Von Savigny habe ich nichts
näheres seit 6 Wochen gehört, wo er schrieb und
zufrieden schien, ich glaube, er hat ietzt etwas mehr
Zeit für sich, als früher. Ein holländ. Gelehrter, der
lebendigste u. angenehmste, den ich noch gesehen,
Namens Thorbecke, der vor kurzem von Berlin
kam, war mit dem dortigen Geist nicht recht zu-
frieden. Von Christian weisz ich gar nichts,
nicht einmal, ob es wahr ist, wie die Zeitungen
melden, dass er nach Rom zum Papst gegangen ist.
Von meinem Aufenthalt in Frankfurt im Herbst
habe ich Ihnen ja geschrieben.
Seyn Sie herzlich gegrüszt lieber Gevatter, Frau
u. Patchen auch. Besuchen Sie doch den Suabe-
dissen, es ist ein geistreicher, gelehrter Mann, von
mildem edeldenkendem Herzen, den ich recht lieb
y Google
1822 XL W. und J. Grimm an Bang. 77
habe. Gott aey mit Ihnen und lasze alles zu Ihrem
besten ausschlagen
Wilhelm C. Grimm.
An Herrn Pfarrer Bang zn Goszfelden bei Marburg.
42.
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 11 Aug. 1822
Lieber Gevatter, endlich lauft Antwort von
Prankfort ein, die ich im Original zu näherer Über-
legung hier beifOge. Zu rathen ist da schwer;
vieles mnsz Ihnen leid thun, das Aufgeben der lang-
gewohnten schönen Gegend, der Gang nach Marburg,
die alten Bekanntschaften. Mir für meine Gemüths-
art ist Prankfurt zu voll, unruhig, reich. Indessen
ists ein anderes, sich an einem Orte als bloszer Gast
zu versuchen und sich an ihm einzuwohnen. Das
Gute lernt sich erst allmählig erkennen.
Zur Erklärung einer Ihnen in Thomas Briefe
unverständlichen Stelle dient, dass meine Schwester
vorigen Monat den hiesigen Obergerichtsrath Hassen-
pflug, einen braven Mann, geheirathet hat.
Der mir neulich empfohlene Mertin oder
Martin war ein curioser Mensch, dessen Reise ich
nicht begreife , inzwischen habe ich seinetwegen an
den oestr. Legationssecretär geschrieben, der ihm
auch den Pasz visiert hat, tmd ihm eine kleine
Geldunterstützung zur Weiterreise auf sein Ansuchen
verabfolgt. Der Himmel fahre ihn wieder heim,
wohin er zu gehören scheint; er sah mehr ungarisch
aus, als österreichisch.
y Google
78 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1822
Die Grammatik ist endlich fertig, liegt Ihnen an
einem Ex. so solls mit Gelegenheit ankommen.
Wenn Sie andere Bücher zum Lesen von unserer
Bibl. empfangen wollen, so ists ein Zeichen, dasz
Sie in Hessen bleiben, in der üngewiszheit mögen
wir nichts hinsenden. Creuzers Selbstbiographie
in den Zeitgenossen werden Sie gelesen haben, sie
ist ehrlich, aufrichtig, aber nicht besonders merk-
würdig; eigentlich möchte ich in solcher brok-
hausischen Gesellschaft mein Leben nicht gern zum
Besten geben, was einem am heiszesten gemacht
hat, kann man so doch nicht recht sagen.
Herzl. Grüsze an Ihre Frau und den Pathen,
auch von Wilhelm.
Ihr
Jacob Grimm
Gelegentl. grüszen Sie doch Koch, der uns seine
Programme freundlich zusendet und der meiner
Gramm, auch in seiner Odyssee gedenkt. Haben
Sie Suabedissen kennen gelernt? Fein von Ver-
stand und gut VQU Herz, wie er ist, musz man ihm
gut seyn, in seinen Mittheilungen dociert er mir zu
sehr. Mit Wilhelm ist er viel genauer.
48.
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 6 Sept. 1822
Lieber Gevatter,
gleich nach Empfang Ihres letzten Briefs habe
ich alles, wie Sie es wünschen, und ausf&hrlich nacb
Frankfurt geschrieben, seitdem aber von dort nock
y Google
1822 XI. W. und J. Grimm an Bang. 79
nichts yemommen. Gestern war ein Mitbewerber
auf unserer Bibliothek, ein Enkel des berühmten
Harles, Sohn des bonner Mediciners, der mir zu-
fällig erzahlte, dasz er nach Frankfurt reise, um
sich far eine der offenen Stellen beim Gymnasium
zü melden. Ich sagte ihm, dem Vernehmen nach
sey schon alles besetzt. Dasz Sie nicht gern andere
Dinge, als phüclogica lehren wollen, ist ganz mein
Gef&hl; ich besinne mich, wie unnütz zu meiner
Schulzeit Moral, Antologie, Logik, Naturgeschichte
des Menschen etc. getrieben wurde und gerade der
gute Philolog Ernesti hat in seine initia so viel
unlehrhaftes untereinander gemengt.
Hierbei folgt die Grammatik zum beliebigen Ge-
brauch; es ist darin keine Zeile der vorigen stehen
geblieben^ buchstäblich genommen, und doch fordert
noch alles Nachsicht und neue Prüfung. Dies Fach
könnte recht lebendig getrieben werden, wenn sich
mehr Leute darum bekünmierten, so aber nehmen
die meisten Schulleute keine Notiz davon und jähr-
lich erscheinen neue deutsche Sprachlehren für ihre
Kreise, ohne allen inneren Werth. Was halten Sie
?on den S. 584 aufgestellten Sätzen? ich glaube sie
«nd für die Etymologie von einigem Werth, wenn
aneh noch manche Schranken beigefügt werden
müazen. Ein Dortmunder Rector, Namens Kuithan,
der auch früher Pindars Gesänge für Comödien er-
Uarie, sonst ein m'cht unbelesener Mann, ist neulich
imk einer caricaturmäszigen Ansicht über die Ver-
^•ödtechafl des Deutschen und Griech. vorgetreten,
y Google
80 XL W. und J. Grimm an Bang. 1822
nach welcher erst jetzo ein griech. Wörterbuch
möglich werden soll.
Mögen Sie die miscell, crüica lesen? ich lege das
zweite Heft bei, es wird zu viel Mittelgut darin auf-
genommen, die Redaction hat keinen festen, gesunden
Plan, darum wirds bald wieder aufhören. Butt-
mann über vv^ &orj ist recht annehmlich, aber nicht
alle Artikel seines Lexilogus verdienen gleiches Lob;
alles wo er Sachen zu erklären hat, gelingt ihm
mehr, als wo es auf blosze Granmiaticalien an-
kommt.
Creuzers Biographie kann ich Ihnen jetzt nicht
schaffen; sie circuliert in Lesegesellschaften. Sa-
vigny schreibt mir darüber, wie folgt: ,Cr. Leben
ist factisch wahr, so weit ich es verfolgen kann,
auszer insofeme der Totaleindruck durch willkür-
liches Auslaszen immer unwahr werden musz; aber
daneben hat es doch manches gar curiose und ge-
schraubte und schon die eigentliche Absicht (Polemik
gegen Vosz, ohne ihn zu nennen) muszte ihm eine
schiefe und befangene Richtung geben. Nichts
kann schlechter motiviert seyn, als die schnelle
Rückkehr aus Holland. Im Ganzen macht doch
Gramer bei aller Eitelkeit imd Burschikosität einen
frischern und lebendigem Eindruck, gibt auch neben
der Biogr. einen vollständigem Eindruck der Zeit
und Umgebung, als Grenze r.*
Auch ich war, gleich Ihnen, mit Savignys
Schilderung von Bologna nicht so ganz zufrieden,
er antwortet: „es ist mir merkwürdig, dasz das
Capitel von den Universitäten, worauf ich eigentlich
y Google
Ifö2 XI. W. und J. Grimm an Bang. 81
am meisten Werth lege, Sie am wenigsten befriedigt
za haben scheint. In demjenigen, was Sie darin
Termissen, haben Sie zwei starke Allürte, meine
Frau und Arnim. Ich werde gewisz recht ernstlich
bedenken, wie viel sich davon nachholen läszt. In-
dessen hat die Sache ihre groszen Schwierigkeiten,
Tieles ist nicht au&ufinden, z. B. die Frequenz,
auszer wenigen und sehr vagen Angaben, anderes
ist nicht klar und brauchbar zu machen, ohne
d^aillirte Untersuchungen etc.^^
Ich mache Ihnen hier Auszüge aus lieben Briefen,
die ich keinem Menschen machte, doch Sie haben
alle diese Leute so lieb, wie ich und darum hats
nichts auf sich, sondern erbaut uns. Hiermit für
heute genug.
Ihr
Jacob Gr.
N. S.
Wie ich diesen Brief zwischen Buch und Titel-
blatt legen will, begegnet ein Unglück, ich reisze es
entzwei, weil der Buchbinder ungebührlich geleimt
hat und weisz nun nicht zu helfen, da ich kein Ex.
weiter habe.
44.
Jacob Grimm an Bang.
Donnerstag 21 Nov.
Lieber Gevatter,
hat Ihre Frau aus lauter Ungeduld, dasz nichts
aus der Sache würde, für diesen Winter noch Bohnen
ttnd Kraut eingemacht? und doch können Sie über
1. StengeL Briefe der Brüder Orixnm. 5
Digitized by VjOOQ IC
82 ^* W. und J. Grimm an Bang. 1822
ein Jahr frankfurter eszen müazen, die etwas zarter seyn
sollen. Der beifolgende Thomasbrief besagt alles
nähere, ich habe kaum Zeit Ghrüsze beizuschreiben
und trage in aller Eile, raj^a, Ta^nna selbst zu Post,
dasz Ihr Rathschlag keinen Tag angehalten wird.
T. T. Grimm
Herrn Pfarrer Dr. Bang Hochwürden Go8zfelden unweit
Marburg.
45.
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 19 Dec 1822.
Diesmahl, lieber Gevatter, folgt schnellere Ast-
wort, weil ich Ihnen noch vor dem jahrig«n
Bibliotheksschlusz die gewünschten Bücher zusammen-
packen will. Die Kürze des vorigen Briefs ent-
schuldigt mein Eifer, Ihnen die frankfurter Nach-
richt unverzögerlich zugehen zu laszen, die Rath-
losigkeit des Briefs rührte daher, dasz ich früher
schon herausgesagt hatte, was für und wider in mir
zu finden war, mich aber, der ich weder im Gosz-
felder Pfarrhaus, noch in der frankfurter Schule
lebendig genug stecke, scheute, bestimmter zu- oder
abzureden. Jetzt, nachdem Sie entschloszen sind,
den Ruf anzunehmen, melde ich dasz ich vorige
Woche an Creuzer geschrieben (der mich vor
6 Wochen um die Sache gefragt hatte): «ich an
B an gs Stelle gienge nach Frankfurt und versuchte^s.*
Sie habens in Hessen genug versucht. Gott wird
weiter helfen; Useners 5000 Gulden sind lächer-
lich, er nmsz nicht wiszen, was mäszig und ordent-
lich wirtschaften heiszt und zu den 2200 erwerben
y Google
1®2 XL W. und J. Grimm an Bang. 83
Sie durch Zöglinge und einige Privatlectionen ohne
Zweifel einen erkleckliclien Snccurs. Was mehr
werth ist, Seele, Muth oimI GManken werden Dmen
in der nenen Lebensweise gelüftet und wer weisz,
wdche Hoffiaungen und Aussichten die nächsten
Jahre offnen. Haben die Frankfurter vor Ihren
^en Kindern Furcht, so geben Sie, wenn sie an-
wachsen, einige nach Hessen (wo Sie gewisz noch
Anhang b^alten) zurück und thun der alten schOnen
Zmeigung damit Genüge. Ich schreibe dieser Tage
anch an Thomas, in Ihrem Sinn; fürchten Sie
nscht durch eine Äusserung Ihres Briefs, den ich
ihn mitgetheilt, compromittirt zu werden. Von
Scbwencks Hitbewerbung wuszte ich noch nichts,
er wohnte zuletzt in Bonn oder ist noch da, er will
Voflsen in der Übersetzung Homers überbieten
and hat jüngst eine Probe der Odyssee gegeben,
auch früher den Eallimachus steif übertragen
and ganz frisch etymol. und myth. Andeutimgen
dmcken laszen, die ich Ihnen hier mitsende. Sie
g^len mir nicht, wenigstens etymologisiert er
leichtsinnig und etwas in Kannescher Art, ohne
Kanne s Combinationsgabe. Beszer, weit beszer
and Welckers Anhänge zum Buch. Mittlerweile
ist ja nun anch an der Heidelberger Schule ein
Platz leer geworden, durch den Tod des jungem
Vosz, (in der Jen. L. Z. stand eine Anzeige von
Vater und Mutter, die mich gerührt hat) worum
sidi Schwenck bewerben kann, ich weisz zwar
nicht, wie er sich mit Creuzer steht, habe aber
diesem neulich meine Meinung von den „Andeutungen*^
y Google
84 XL W. und J. Grimm an Bang. 1822
geschrieben. Soviel sieht man jedoch aus dem
Buche, dasz Schwenck ein Mann von Kopf ist,
der etwa künftig anderes leisten wird.
Creuzern habe ich nie genau gekannt, (wo er
unser in seiner Biographie erwähnt, ist auch ein
Anachronismus) aber bei jeder Gelegenheit geföUig
und freundlich gefunden; ein wenig zu höflich, was
ich für Professorenmanier hielt. Seine weite und
breite Gelehrsamkeit flöszte mir R^spect ein und
ohne dasz sich dieser verloren hat, ist mir hernach
doch seine Methode bedenklich vorgekommen.
Gramer, dessen Lebensbeschreibung Ihnen ge-
fallen hat, soll unklug geworden, wenigstens voriges
Jahr gewesen seyn, wenn jetzt wieder ein lucidum
intervallum eingetreten ist. Er muszte zu Kiel von
allen Dienstgeschäften entbunden werden. Etwas
schwärmerisch burschikoses hat er mit seinem
Bruder, vielleicht auch dem Vater gemein und es
bricht selbst an einigen Stellen jenes Buches hin-
durch.
Ich meinte nur: Ernesti, eigner Tüchtigkeit
unbeschadet, möge der alten, strengen Schulmethode
durch die initia geschadet haben, seitdem wollten
immer mehr die Schulen Vorgeschmäcke von den
einzelnen Universitätsdisciplinen geben. Hier in
Cassel war zu meiner Zeit Richter ein tüchtiger
Philolog Rector, zu Halle gebildet, in Latein und
Griechisch stark, aber die Stunden Homers, griech.
Geschichte und selbst Ciceros wurden aus Liebhaberei
zu Logik, Metaphysik nach Ernesti oft beein-
trächtigt und zwar wider die Neigung, soviel ich
y Google
1822 XI. W. und J. Grimm an Bang. 85
mich erinnere, aller Mitschüler. Jetzt siehts mit
dem hiesigen Lycenm nicht gut aus, kein Lehrer ist
daran, der jenem Richter zu vergleichen wäre.
Das jetzige Ministerium, d. h. der Ministerialrath
Kraft, hat zwar den Gehalt erhöht (der Rector
steht über 1000 Thlr. und hat täglich wohl nur 2
Stunden) begünstigt aber die Realwissenschaften
über alle (Gebühr, da scheint Mathematik, Physik,
Erdkunde, Statistik Hauptsache, kurz die französ.
westphalische Ansicht spukt auch in den Schulen.
In der Bürgerschule hat der Inspector Schmieder
neulich sogar Nosologie vorgetragen; das haben sie
üun zwar gelegt, denn es sitzen im Schulrath noch
ein Paar Verständige. Aber der weltbürgerliche
ünfdg bricht zu leicht durch und möchte lieber den
Primanern den untersten Freimaurergrad ertheilen,
als die alte ehrliche Burschicosität aufblühen laszen.
Alles dieses unerachtet hatte ich, als es mit der
frankfurter Vocation zu zögern schien, vor einigen
Monaten den Versuch gemacht, Ihrer zu gedenken,
aDein meine Stinmie geht nicht weit über den Stein-
wnrf geschweige soweit als man einen rufen hört.
Sie erhalten hierbei: 1.) Oenelli 2.) Pal. des
Scanrus (scheint mir unwichtig) 3.) Schlossers
BildniKE. 4.) Dessen Weltgeschichte 4 Bände (ein
treffliches Buch, wiewohl imgleich und äuszerlich
oft nachlässig, aber der Mann hat studiert und
beobachtet.) 5.) Lachmann über griech. Metrik
(seharfisinnig und noch imgeprüft); ist Hermann zu
boehmüthig dazu? oder störts ihn in seinen Gewohn-
heiten? Ich weisz nicht, ob Sie die Metrik genug
Digitized by VjOOQ IC
86 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1822
interessiert; der Vf. hat auch f&r viel anderem Sinn,
sein Bruder hat neulich einen Göttinger Preis über
Livius gewonnen, beide sind Braunschweiger)
6.) Schwenck. 7.) Mise. crü. particula HI. {wom.
ich etwas gegen den eigensinnigen Grotefend ge-
schrieben habe, der zwar bekritzelte Dachziegeln
alphabetisch würdigt, aber die klarsten Dinge an-
ficht; es stehen auch zwei Lob ekische Programme
drin abgedruckt , gegen C r e u z e r sehe Ideen.)
8.) Stieglitz Arch. d. Unterhalt.
Meine »Gramm." betreflFend. Die Vorrede u.
EinL muszte wegbleiben, weil sie zu viel unreife
Dinge enthält, oder neu geschrieben werden, wozu
Zeit und Raum gebrach. Wegen der Dedication
habe ich mich lange bedacht, endlich überwog das
Bedenken, das mir einer meiner Brüder (den
Sie nicht kennen, er ist zu Berlin in einer Buch-
handlung) in die Seele gesetzt hatte, er schrieb mir
damahls, als ich ihm die erste Ausg. schickte: wie
magst Du so was von der seel. Mutter, von Dir und
uns unter fremde Leute hinaussagen? —
Dem jungen Creuzer will ich gern Bücher
schicken, die er aus der hies. Bibl. brauchen kann;
nur meine ich, einer der aus Heidelberg kommt,
sollte etwas aus den dortigen altd. Hss. zum Besten
geben, mit denen, seit dem sie aus Rom da sind,
blitzwenig ausgerichtet worden ist und sie enthalten
des Wichtigen in Menge; hier haben wir blosz
Wichtigkeiten der dritten, vierten Ordnung.
Senden Sie doch No. 4 (Schlosser, der von
einigen hier gebraucht wird) No. 6 (wegen nöthiger
y Google
1823 XI. W. nnd J. Grimm an Bang. 87
Antwort auf Welk er 8 angeklebten Brief) und
No. 7. früher als die andern zurück. Heerens
tust. Schriften und Eichhorns Jahrhund, sind zwar
auf der Bibl. allein theilweise ausgeliehen.
Sobald sich Ihre Sache entscheidet müszen Sies
gleich melden. Herzliche QrOsze von Wilhelm
Ihr Jacob Grimm.
46.
Jacob Grimm an Bang.
Nachdem ich lange auf Neuigkeiten aus Frank-
furt und Goszfelden geharrt habe, macht beifolgender
Brief der ganzen Sache ein Ende. Es thut mir
herzlich leid, dasz unsere Wünsche scheitern.
Die Bücher von vorigen Weihnachten werden
Sie empfangen haben nebst einem langem Brief,
ab dieser werden kann, denn ich habe seit Anfang
cL M. auch Wilhelms Dienst mitzuversehen und
auszerdem Sollen und Besuche über seine nicht un-
bedenklich gewesene Krankheit auszustehen, und
komme Tag und Nacht wenig zu mir. Es war ein
heftiges Fieber, wenn auch kein Nervenfieber, doch
iuszerst abmattend und niederschlagend. Seit fünf
Tagen ist Gottlob keine Gefahr mehr, aber er liegt
uoeh und gewinnt kaum die Eszlust wieder.
Ihr treuer Freund Grimm
d. 19 Febr. [1823]
Herrn Pfarrer Dr. Bang Hochehrw. Goszfelden bei Marburg.
y Google
88 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1823-24
47.
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 26 Febr. 23
Lieber Freund
ich bestätige Ihnen mit Freuden, gleich auf den
Empfang Ihres Briefes, Wilhelms Genesung; er
ist nur noch schwach, niedergeschlagen und etwas
krittelig, wie es seyn soll, wenn die Nerven gelitten
haben.
Auf das Weitere antworte ich mit den Büchern.
Von dem jungen Osterhausen weisz ich nichts,
glaube aber gehört zu haben, dasz ihn die bisherige
Erziehung nicht verzärtelt hat. Er wird wohl bei
Collmann gewesen seyn und nicht sehr viel ge-
lernt haben.
Ihr Grimm
Herrn Pfarrer Bang Goszfelden b Marburg
48.
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 5 Jan 1824
Lieber Herr Gevatter,
ein kurzer Brief nach langem Schweigen kann es
nur mit Familienneuigkeiten zuthun haben, deren
ich zwei zu melden habe:
1.) heute morgen ist die Schwester von einem
gesunden Knaben entbunden worden.
2.) Gonradi ist Bräutigam. Die Tochter des
Philosophen Schulze hat ihn so schnell
erobert.
y Google
1824 XI. W. und J. Grimm an Bang. 89
Ein gesegnetes Neajahr! bedürfen Sie denn gar
keiner Bibliotheksbücher mehr? Von uns herzliche
Ghrfisze
Jacob Grimm,
49.
Jacob Grimm an Bang.
M^i non uttam moram spatiumque indulget
Dens, Sie mögen nun denken was Sie wollen und
mich auf falschem Wege wandelnd glauben, ich
schreibe bogenweise den zweiten Theil meiner
deutschen Gr. in die Presse, habe im letzten Viertel-
jahr eine kleine , serbische Gramm.* bearbeitet, soll
eine schon gewonnene aber noch nicht fertige Preis-
schriffc über die deutschen Adjectiva liefern und
^erde gekrankt und bekümmert daneben. Doch
mein guter Muth läszt mich selten. Hierbei Eich-
horn 6 Bande, Heeren 6, Augusti 4, Casanova 4,
letzteres ein sündliches, verbotenes Buch, das wohl
ungedruckt hätte bleiben sollen, zwar lebendig, aber
doch halb erlogen ist. Wilh. grüszt herzlich und
wül von Marburgs glänzenden Cirkeln nichts wissen,
blosz bei Schenk habe er einmahl gegessen und
bei Suabedissen seyen nur die üblichen Lichter
Abends gebrannt worden. Ich verbleibe Ihr treuer
Freund und Gevatter
Grimm
Am 14 Jan 1824.
y Google
90 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1825
50.
Wilhelm Grimm an Bang.
Gaszel 10. Man 1825.
Lieber Freund und Gevatter,
ich melde Ihnen feierlich, dasz ich seit kurzem ver-
sprochen bin und in diesem Frühjahr heirath^
werde. Meine Braut heiszt Dorothea, wie meine
selige Mutter, ihr Familien Name aber ist Wild.
Sie ist meine älteste und liebste Freundin, ich habe
sie schon als Kind gekannt und wir Geschwister,
keinen ausgenommen, lieben sie längst wie eine
Schwester ; wenn jemand zu uns und unserm Wesen
paszt, so ist sie es. Das soll nun gerade kein Lob*
Spruch seyn, aber auch in anderer Hinsicht können
Sie mir mit gutem Gewiszen Glück wünschen. Ich
nehme alles an, nur keine Anspielung auf die
Namen Grimm u. Wild, ich habe sie schon so
oft gehört, dasz der Witz keinen Eindruck mehr
auf mich macht, zumal sind wir beide längst brod-
eszende Menschen, leidlig zahm und sanftmüthig.
Ich weisz nicht, ob es sich schickt in einem
solchen Briet auch von andern Dingen zu reden.
Sie haben doch die Bücher abholen lassen? die
AntisymboUk von Yosz biete ich Ihnen nicht an,
weil sie wahrscheinlich längst in Ihren Händen ist
Nun ist ja offener Krieg zwischen den Parteien,
Welker ist in der Leipz. Lit.-Ztg. mitgenommen
worden, doch mit Anstand und billigen Artigkeiten,
dagegen istSchloszer gegen den Götting. Müller
gewaltig ins Zeug gegangen. Von diesem gefallt
mir die Art, wie er den Vosz in den Gtötting.
y Google
1825 XL W. und J. Grimm an Bang. 91
Blättern so eben ai^zeigt hat, sehr wohl, diese
Manier paszt allein. Polemisch ist der Vosz fast
immer trefflieh, dazu paszt auch seine eigene, beides
gewandte n. steifstellige Art sich auszudrücken, soll
er aber nun selbst etvras vorbringen , so gibts auch
wunderliches Zeug. Wiszen Sie wohl, dasz uns beide
die Gdttinger zu Weihnachten in ihre Societät
der Wissenschaften aufgenommen haben, auch
deshalb nehmen wir Gratulation an. Dafür haben
wir auch treffliche Recensionen in die Anzeigen ge-
liefert, wie sie sagen; wenn dies Wohlgefallen an
mis nur lange dauert, weil wir dergleichen eigentlich
nur nach Lust und Geüedlen schmieden, nicht aber
auf Bestellung.
Könnte ich Ihnen doch gute Nachricht von
Sayigny geben ! die neuesten (vom 4. März) sind gar
nicht beruhigend, das Nerrenübel durch Verkältung
gereizt, hat sich wieder eingestellt, nun ists einen Tag
leidUch, den andern desto schlimmer und er liegt den
Tag über mismuthig auf dem Ganapee. Andere, (sehr
ordentliche) Leute, Freunde von ihm und mir, klagen
darüber, dasz der Verf. der Schrift von dem Beruf
zur Gesetzgebung, selbst stark an der Abfaszung
einer Menge neuer Gesetze sich abarbeite. Das
kann ich nicht beurtheilen, doch scheint mir, als
wenn das ausschlieszlich gelehrte Leben seinem
Charakter und Würde angemeszener gewesen wäre
ond für ihn in jedem Falle glücklicher, als ein
solches, welches freilich, wenn er leben bleibt zum
Minister führen kann, aber doch sein Herz schwer-
Hch ausfüllen. Ich glaube, dasz die Frau in diesen
Digitized by VjOOQ IC
92 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1825
Dingen mehr Einflusz auf ihn hat, als er selbst
denkt.
Hier ist alle Welt mit der bevorstehenden Ver-
mählung der Prinzeszin beschäftigt, die so glänzend
als möglich werden soll. Heute sind vor meinem
Fenster die Latemenstöcke ausgegraben worden,
damit die 100 u. mehr Wagen nicht davon gehindert
werden. Nun musz z. B. ausgerechnet werden, wie
viel Minuten jeder Wagen zum Vorfahren nöthig
hat u. wie viel Stunden vorher also der erste an
der Stelle seyn musz. Wenn Sie kommen wollen,
sollen Sie den ganzen Zug aus meinem Fenster mit
ansehen. Ich wünsche der Princeszin das beste
Glück, sie ist, wenn gerade nicht regelmäszig schön,
doch sehr angenehm imd freundlich und von einem
trefflichen Herzen; ich kann das sagen, da ich sie
öfter bei der Kurfttrstin gesehen und gesprochen
habe. Auch der Herzog scheint von wohlwollender
Gesinnung zu seyn und einen schönen Ernst för
seinen Beruf zu haben.
Nun leben Sie wohl, Ueber Freund und Gevatter,
der Gratulations Brief wird Ihnen nicht erlaszen,
wir sämmtlich grüszen Sie auf das herzlichste.
Wilhelm Grimm.
51.
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 23 febr 1826.
Lieber gevatter, hier haben Sie den zweiten
theil meiner „grammatik*, worin Sie gutes unii un-
reifes untereinander finden werden, hinten ist auch
y Google
i
1^ XI. W. und J. Grimm an Bang. 93
was über die griech. zusammensetzungsweise gesagt
und sogar ein futurum I. imperativi nachzuweisen
versucht worden. Hinterher sehe ich, dasz die griech.
grammatiker (ich meine die alten, nicht die heutigen)
auch eine ci-v^fa^g und naqu^^ag gründlich zu unter-
scheiden wiszen, was ganz in meinen kram past.
Wir wollen sehen, was kleben bleiben wird. Haben
Sie den zweiten theil von Buttmanns lexilogus
gelesen? Der mann weisz erstaunlich viel und geht
aufrichtig, grade zu werke; sein etymologisieren
scheint mir gleichwohl zu vag und aus keiner mitte
ausgehend, nur stellenweisze anklopfend. Widrig
unterhaltend sind mir Riemers ausfälle in fast
jedem artikel seines Wörterbuchs. (Jena 1825) gegen
die verschiedensten leute, z. b. Vofs, Creuzer,
Lobeck; und Passow hat ihn in der vorr. zu
seiner neusten ausg., dünkt mich, wohl abgefertigt.
Im promptiMrio^ wenns noch herauskommt, werde
ich schwerlich leer ausgehen. Bloch (der Däne)
hat eben, gegen fast alle deutschen philologen, die
reuchlinische ausspräche in einer besonderen
«ihrift (Altona Hammerich 1826.) umständlich ver-
theidigt. Ich glaube und hoffe aber doch, dasz er
unrecht hat. Interessiert Sie das buch? ich denke
Sie lehren Ihre schüler kein ita sprechen.
Savigny hat seit einem halben jähr nicht ge-
schrieben, ich höre aber seine gesundheit steht
beszer und die frau ist wohler als je. Diese frau
hat gewis auf sein leben einen groszen einflusz ge-
habt durch ihr unruhiges unaufhörliches treiben und
planmachen, das allen Brentanos eigen ist. Der
y Google
94 XI. W. nnd J. Qrimm an Bang. 1826
sahn soll jetzt zu Bonn ordentlicher Studien und die
eitern nur dadurch dasz er keine briefe sdireibt,
quälen. Die tochter ist nachdem es ihr freigestdit
worden, in die protestantische kirche getretai, was
der mutter sidier unlieb war. Clemens haust zu
Goblenz, soll aber, wenn Görres nach Aschaffen-
bürg zieht, auch dahin wollen; neulich schrieb er
uns, bei irgend einem anlasz, unerwartet und auf
einen besudi deutend, den idi mir nidit wünscke:
in ihn, als ein gebrediliches gefäsz, sei so Tiel
wichtiges gegoszen worden, er sudie es in andere
auszuschütten und zu sichern. Was es ist, weisz ich
ungefähr, es sind die reyelationen der dfilmner noone.
Sem bruder George erzählte uns neulich auf der
durchreise: Clemens habe die nonne gefragt, was
der herr Christus in der langen zeit bis zum
dreiszigsten jähr gethan und erfahren hätte; das
wäre ihm nun von der nonne allmahlig haarklein
o£Fenbart worden und er hätte ganze bücher davon
ToUgeschrieben. Wer möchte die schwärm^eien
oder nur einen theil davon anhören! Die proseljten-
macherei ist mir bis in den tod verhaszt, sie ist der
ärgste diebstahl den einer am andern verüben kann.
Von Creuzers vocation nach Berlin habe ich
auch gehört Altenstein, der von Hegel ab-
hängt, also Hegel möchte ihn hinziehen; andere
(Niebuhr etc.) sind dawider. Ich meine, er sollte
ruhig zu Heidelbei^ bleiben, da er hinlängliches
auskommen hat und dem ab- oder zunehmenden
äuszem rühm im vertrauen auf das gute, was sein
eigen ist, gleiehmüthig zusehen, (im zweiteoi Heft
y Google
1£26 XI. W. xmd J. Grimm an Bang. 95
des Hennes von 1826 steht auch wieder eine
hrfbge, misbilligende , aber wenig neues sagende
recension der Symbolik. [Zusatz am Rand.])
Nälier li^ uns hier seines neffen geschiok, den
wir oft sehen, von dem ich aber wenig erfreuliches
melden kann. Er bleibt in dem angetretenen porten
nicht, und tritt ostem heraus. Das yerdenke ich
ilufi an sich keineswegs; die jungen sollen faul und
HBgezogen sein; das ganze haus hat nichts an-
sehendes, freundliches. Aber wenn sich nur
Creuzer nicht selbst wieder um das brächte, was
er durch die stelle erlangen wollte, wenn er nur
seuie ekem nicht dadurch betrübte ! Er ist ein ehr-
licher guter mensch, das sieht man ihm an und ich
traue ihm auch kenntnisse zu, aber wenig gesohick,
sie zu brauchen und anzuwenden. Er hat eine
merkwürdige nnentschloszenheit und unfertigkeit,
die sich bis in phrasen und unbeholfne ausdrücke
Ober die gewöhnlichsten dinge zeigt. Mit rührender
Offenherzigkeit klagt er sich selbst seiner fehler
ond schwächen an, aber er scheint zu keinem ding
rechten muth zu haben. Dun müszen leute helfen,
<äe ihn lieb haben und helfen können. Das können
wir hier in unsrer läge, die ohne allen einflusz ist,
zwar nicht, wollen ihm aber zu rathen suchen, so
hsige er noch hier ist. Er hat gewünscht, dasz wir
Ihnen unsre meinung über ihn schrieben. Auf einer
hiblioihek würde er sich nicht uneben gebrauchen
IttBen; aber da ist hier nichts abzusehen wo wir
fldbst &8t schon zu viel scheinen.
y Google
96 XL W. und J. Grimm an Bang. 1826
Das bücher auswärts leihen haben uns die mar-
burger herren fast verdorben. Warum gönnt uns
keiner ein vernünftiges wort, statt uns beim ministerio
officiell zu verklagen, dasz wir (instructionsmaszig)
ein kupferwerk zu verabfolgen uns weigerten! Den
erfolg hätte ich voraus sagen wollen. Sie sind ab-
schlägig beschieden worden und wir müszen nnis
noch strenger in acht nehmen. Bis sich das wieder
setzt, lege ich mittlerweile aus meiner sanmilung
ein bändchen Tiekischer novellen bei, die, wie er
pflegt, sehr anmuthig erzählt sind, aber die ent-
wicklungen scheinen mir oft den eingängen nicht
gleich zu sein. Wir grüszen herzlich, ich hätte bald
vergeszen zu melden, dasz Dortchen guter Hofnung
ist und allem anschein nach in einigen monaten ent-
bunden werden wird. Der himmel stehe uns allen
bei.
Ihr treuer freund
Jacob Grimm.
52.
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 27 Febr 1826
Nachtrag zum vorigen brief. Kraft, in ungnade
gefallen, ist unerwartet als obergerichtsdirector nach
Marburg versetzt worden. Creuzers eitern kann
also der gedanke beruhigen, einmahl dasz durch das
aufkündigen der informatorstelle keine connexion
verscherzt worden ist, zweitens dasz Kraft in der
neuen läge doch dem Creuzer aufgesagt haben
würde. Jener wird noch vor diesem dort eintreffen
y Google
1826 XL W. und J. Grimm an Bang. 97
and es laszt sich alles von frischem überlegen, ohne
dasz Creuzern die schuld eines gebrochnen Ver-
hältnisses trifft. Wer wird nun curator der uni-
Tersiiat? ich denke ministerialrath Ries.
Da sich Platens schöne, natürliche ode schwer-
lich nach Marburg verirrt hat, schicke ich sie zum
lesen.
Vale
Grimm.
58.
Wilhelm Grimm an Bang.
fCassel, April 1826.]
Lieber Freund und Gevatter, ich melde Ihnen,
dasz am 3. d. M. Nachmittags zwei Uhr meine Frau
von einem gesunden und hübschen Knaben glücklich
ist entbunden worden. Sie hat freilich grosze
Schmerzen ausgestanden, doch nicht sehr lang und
da es ietzt, nachdem die critische Zeit vorüber ist,
fortwährend gut und recht gut geht, so kann ich
und wir alle uns mit mehr Ruhe und Vertrauen der
Freude überlaszen. Vorigen Sonntag den 16. ist
der Kleine schon getauft worden und hat nur einen
Pa&en und den einzigen Namen Jacob erhalten.
Wenig Stunden, nachdem das Kind auf der Welt
war, hatte ich noch eine andere grosze Freude,
Savigny nämlich langte unerwartet an. Vier Tage
ist er bei uns geblieben, den Freitag haben wir beide
ihn bis Münden zurückbegleitet. Seit 9 Jahren hatte
idi ihn nicht gesehen, er ist stark geworden, doch
Dicht so sehr als ich mir nach den Beschreibungen
E. StengeL Briefe der Br&der Orlmm. 7
Digitized by VjOOQ IC
98 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1826
anderer dachte, immer aber macht seine ietzige 6e^
stalt einen Gegensatz zu der hagern, in welcher Sic
ihn früher gekannt haben. Befand er sich wohl,
da war er heiter, belebt und geistreich, wie sonst
imd man merkte keinen unterschied, aber leider
überfällt ihn oft sein Übel und auch während seines
Hierseyns hat er viel daran gelitten. Es ist ein
empfindlicher, alle Geistesthätigkeit hemmender, ganz
fieberloser Kopfschmerz, wenn er kommt musz er
sich horizontal auf ein Sopha niederlegen und sich
ganz stiU halten, die geringste Bewegung mit dem
Kopf macht den Schmerz unerträglich. Die Abende
hat er auf diese Art bei ims zugebracht, aber aud
Morgens stellt sich das Übel manchmal ein u. wir
muszten einmal plötzlich bei einem kleinen Spazier-
gang umkehren u. den, kürzesten Weg nach Hans
suchen. Er trägt sein Leiden mit Geduld, obgleich
es ihn dann auch geistig drückt, er hat mehrmals
geglaubt sich von allen Arbeiten zurückziehen zu
müszen und es war ihm zweifelhaft, ob er in diesem
Sommerhalbenjahr Vorlesimgen halten könnte.
Sonst habe ich in seinem Wesen wenig Veränderung
gefanden, keine Spur einer besondern, einseitigen
Richtung, von der andere erzählt haben, seine Theil-
nahme an allem Lebendigen und Belebenden hat
sich nicht vermindert, im Gegentheil sie ist durch
gröszem Überblick u. reichere Vergleichungspuncte,
die ihm seine ' Stellung gegeben , wohl noch aus-
gedehnter. In der Betrachtung der Welt und der
Beurtheilung dieselbe Milde, Elahrheit u. Geist.
Wir haben, versteht sich mit eingelegtem Scherz u.
y Google
1^ XL W. und J. Grimm an Bang. 99
Spaßz, mancherlei besprochen und es hat uns un-
endlich wohl gethan, einmal offen u. unbefangen
reden zu können, wozu hier die Leute selten Kraft
u, Willen haben. Mit dem ältesten Soim Franz, der
eben in Bonn studiert, scheint er nicht durchaus zu-
frieden die andern Kinder lobt er sehr, und das
Madchen hat viel Ton seiner Natur. Während seiner
Anwesenheit kam Ihr Brief u. wir weissagten ihm
daraus, dasz er einen von Ihnen in Berlin vorfinden
werde; er klagte bei dieser Gelegenheit, dasz dies
seit fftnf Jahren der erste sey.
Creuzer ist hoffentlich längst hergestellt. Theilen
Sie ihm doch so bald Sie ihn sehen, meine Neuig-
keit mit und die besten Ghrüsze von uns allen. In
der Regel war er Sonnabends bei uns und wir haben
ihn wegen seines natürlichen und ehrlichen Wesens
immer gern gesehen. Die Offenheit mit welcher er
mir einmal von sich selbst gesprochen, hat mich an
sich gerfihrt und ist mir achtungswerth erschienen,
ob mich gleich eine gewisze hartnäckige, gleichsam
entschloszene Muthloszigkeit erschreckt hat. Ich
bat ihn sich an irgend einei^ Punct fest und mit
Neigung zu hängen, weil er sich von da ausbreiten
a. die Wurzeln tiefer schlagen könne, er schien aber
jeden Vorschlag mit Ängstlichkeit abzuweisen und
ich sehe, dasz es äuszerst schwer ist, ihm zu rathen.
Überhaupt verbindet er auf eine eigene Art ent-
gegengesetzte Eigensch[aften] er ist durchaus be-
scheiden und doch zu schnellem ürtheil geneigt und
eing[ebildet,] er beobachtet mit natürlichem Blick,
nicht ohne Scharfsinn und mag [auch] gern vor
y Google
100 XI. W. und J. Grimm an Bang.
1
einem Oegenstand mit Wohlbehagen verweilen. Die
Natur reizt [und er]müdet ihn zugleich. Um in der
Welt sein Glück zu machen fehlt ihm eine [gewisze]
Behendigkeit der Gedanken; Tact im Betragen würde
er schon eher erwerben, ob er ihm gleich in seinem
Yerhältnisz hier, soweit ich es beurtheilen konnte,
scheint gefehlt zu haben, allein das wird auch das
einzige seyn, was man ihm dabei vorwerfen könnte.
Auf keinen Fall paszte er in dieses Haus, das habe
ich gleich anfangs gemerkt.
Sie beurtheilen mir diesen Staatsmann in Ihrem
Brief im Ganzen zu günstig. Wenn Leute dieser
Art, die alles u. jedes mit dem Verstand durchsetzen
wollen und die in irgend einer Branche der Ad-
ministration z. B. beim Wegebau, den er eine Zeit
lang geleitet hat, sehr an ihrer Stelle sind, wenn
diese einmal an [einen] Punct gelangen, wo das
sdtsame und unbegreifliche Wesen, das mim die
m[enschliche] Natur nennt, sich auf die Hinterbeine
setzt und gegen alles üb[ermäszig] verstandsgemäsze
Behandlen wehrt, so stehen sie wie die Ochsen am
Berg und [machen], ein dummes Gesicht. Ich er-
innere mich vor Jahren gehört zu haben, er rfih[me
sich] damit, dasz seine Kinder mit dem reinen Ver-
stände sollten auferzogen we[rden] und ietzt nach-
dem das Experiment verunglückt ist, hatte er den
klugen Ei[nfall] der Prediger solle kommen und dem
bösen, hinterlistigen Buben seine Pflich[ten] vor-
halten. Die Sprache ist ihm nichts anders als ein
1 mal 1 damit s[eine] Gedanken auszurechnen und
auszudrücken und soUte er in der Sprache [u. ini3
y Google
1826 XL W. und J. Grimm an Bang. 101
Leben, etwas Unerforschliches anders anerkennen,
als eine alte dunkle [Riimpel]kanimer, in welche
man den zerbrochnen Hausratli wirft, so müszte er
sich selbst aufgeben.
Die Copie von Jacobs Bild zeigt von vielFleisz,
ob wirkliches Talent vorhanden ist würde sich erst
beortheilen laszen, wenn der junge Mensch etwas
nach der Natur gezeichnet hätte, ich meine, eine
Blome, ein Blatt, ein paar Baumstämme oder was
es sonst wäre; es würde sich dann ausweisen ob er
einen eignen Blick hat. Dieses Gopieren von
Köpfen kann zu nichts führen und da er, selbst
wenn er Anlagen hätte, doch schon zu alt ist und
seine Hand zu verwöhnt um ordentliche Eenntnisze
^ro erwerben, so wäre mein Rath, er übte sich in
der Abbildung natürlicher Gegenstände, wie eben
Blumen , Kräuter etc. etc. sind um zur Decorations-
mahlerei, die doch in der Welt ietzt mehr gilt, als
billig ist, tauglich zu werden.
Nun leben Sie wohl lieber Gevatter u. seyn Sie
nnd die Ihrigen auf das herzlichste gegrüszt
Wilh. Grimm.
54.
Wilhelm Grimm an Bang.
Cassel 15. Septbr. 1826
Lieber Freund und Gevatter, hierbei folgen
Rnmohr über die Kochkunst und Canitz über
die Reiterei, freilich nicht so bald als ich beim Ver-
sprechen dachte, aber Sie müszen bedenken, dasz
ein Bibliothekar nicht immer Herr seiner Bücher
y Google
102 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1826
ist. Gefallen werden Ihnen wahrscheinlich beide
Sehr yerschiedenartige Stücke, die sich aber in geist-
reicher Auffassung gleichen, und in dem Spasz, den
es unser einem macht, dergleichen mit einem ge-
wiszen Wohlbehagen zu durchlaufen, ohne Verbind-
lichkeit, es gründlich zu kennen u. zu verstehen.
Ob dieses Kochbuch Gnade vor den Augen der Frau
Gevatterin finden u. Sie geneigt seyn wird, Ihnen daraus
den homerischen Braten zu bereiten, so dasz Sie
sich geistig u. leiblich an demselben Tag auf
griechische Weise nähren könnten, lasze ich dahin
gestellt seyn ; den Frauen, die es hier gelesen haben,
ist das Buch doch nicht practisch genug abgefaszt.
Den Sommer haben wir alle wohl überstanden,
ohngeachtet wir seine Last u. E[itze empfunden, bin
ich doch mit ihm zufrieden gewesen. Denn solche
warme Tage heilen uns sitzende Stadtleute von den
Rheumatismen u. andern neckenden ünpaszlichkeiten
der Art u. ich habe einen Begriff erhalten, wie man
in Italien, Spanien u. den african. Küstenländern
sich wohl befinden u. einiges Behagen an der Faul-
heit spüren kann.
Von Savigny hatten wir Anfangs gute Nach-
richten, er schrieb, dasz er ein Jahr lang in Italien
bleiben und den Winter in Neapel zubringen wolle,
mit der Hoffnung, dasz die ital. Luft oder die ital.
Bäder, oder das Nichtsthun oder endlich alles zu-
sammen ihn heilen werde. Dabei bemerkte Arnim,
dasz es allen Anschein zu einer gründlichen Beszerung
habe. Bis zum 18. August wollte er im Carlsbad
bleiben u. dahin haben wir ihm geschrieben. Neuem
y Google
1826 XI. W. und J. Grimm an Bang. 103
Nadmchten zufolge, die der gutmüthige Mephi-
stophiles Hugo vorgestern mündlich mittheilte, ist
das Carlsbad aber nicht von sonderlicher Wirkung
gewesen, Savigny hat nur den schwächsten Brunnen
vertragen u. ist gegenwärtig wohl schon in Genua
angelangt Die Frau, die erst mit der Tochter nach
Paris wollte, hat ihn nun selbst begleitet, ich
wollte die Tochter wäre es allein, die er bei
sich hätte, denn die ewige unruhige Beweglich-
keit der Frau kann ihm nicht zuträglich seyn.
Andere Berliner haben mir erzählt, sie habe den
geheimen Plan, den zweiten Knaben katholisch zu
machen und er solle deshalb in Paris erzogen werden,
sie locke ihm so und so u. stufenweis die Einwilligung
dazu ab.
In diesen Monaten streichen die Profeszoren wie
die Zugvögel. Welker aus Bonn war vorgestern
hier u. wuszte manches zu erzählen. Clemens ist
öfter dort bei Windischmann u. sollte man es
wohl denken, Görres, bei dem er war, ist von ihm
IM dem Glauben an die Offenbarungen der Dttlmer
Nonne bewogen worden u. hat neulich auseinander
gesetzt, dasz die alte Geographie von Palästina ietzt
erst an den Tag komme. Die Nonne hat nämlich jedes
Hans, das dort gestanden, jeden Weg gesehen u.
beschrieben. Ich lese den Katholik von Görres
mcht, aber es sollen starke Dinge darin stehen.
Ich höre, dasz man in Marburg viel von der
Versetzung der Universität hierher spricht. Nun
ist freilich die Bede davon gewesen, scheint aber
schon wieder vei^eszen zu seyn und ich denke, dasz
y Google
104 XI. W. rmd J. Grimm an Bang. 1827
es niemals recht ernstlich gemeint war. Auf den
zukünftigen Beschlusz folgt erst die AusfOhnmg u.
da würde es an allen Enden happem. Zunächst war
wohl nur die Idee den Glanz der Residenz, nach
dem Beispiel von Berlin u. München zu vermehren
u. der projectirten neuen u. prächtigen Wilhelms-
Stadt gleich Bewohner zu geben. Indessen musz diese
doch erst gebaut seyn u. bis ietzt ist noch nichts
geschehen, als dasz mit hohen Stangen die zukünftigen
Straszen in den Oärten abgesteckt sind.
Die schönsten Qrüsze an Sie u. die Ihrigen von
hier aus. Auch an Creuzer einen Grusz, wie geht
es ihm dort u. läszt er etwas von den Plänen ab?
Mit herzlicher Freundschaft und Liebe
Wilh. Grimm.
55.
Jacob Grimm an Bang.
Lieber gevatter,
auf Ihren brief vom 16. habe ich sogleich einen
an Senator Thomas geschrieben, der mit heutiger
post nach Frankfurt abgeht. Andern weisz ich Sie
nicht zu empfehlen, kann aber nicht einmal sagen,
ob jener unmittelbar oder mittelbar auf die erledigte
stelle einflusz hat. Brentanos sind catholisch und
vermögen nichts dabei. Ich habe Thomas ge-
meldet, welchen tag Sie dort zu gast predigen, und
Sie würden vorher oder nachher bei ihm vorsprechen,
das müszen Sie nun auch thun. Falls der mjrstiker
die stelle bekäme , würde dadurch nicht wieder ein
y Google
'
1828 XI. W. und J. Grimm an Bang. 106
platz an der schule leer? Sie werden sehen und
hören und gehört werden
In eile, wir grüszen alle
Jac. Grimm.
18 Jnr. 1827.
56.
Wilhelm tirimm an Bang.
Caszel 24. Febr. 1828.
Lieber Freund und Gevatter, Sie haben lange
nichts von uns gehört, dafOr sollen Sie aber auch
diesmal einen Brief mit regelmäszigen Nachrichten
erhalten. Also zuerst das beste. Am 6ten Jan.
Morgens 11 Uhr, als Sie wahrscheinlich auf der
Kanzel standen und fOr uns, wie fOr alle gute
Christen gebetet haben, istdieDortchen von einem
gesunden £ nahen entbunden worden und zwar ziem-
Uch leicht tmd glücklich. Wir hätten gerne das
Kind zwei Tage vorher gehabt, weil da auch Jacobs
Geburtstag war. Auch hernach ging alles nach
Wunsch, die critischen Tage vorüber und den 10.
konnte die Dortchen schon wieder aufstehen, und
dasz sie, da sie Nahrung genug hat, das Kind selbst
stillt, werden Sie sich wohl vorstellen. Am 27. ist
das Kind getauft worden und hat vom Jacob, der
der einzige Pathe ist, den Namen Hermann Fried-
rich erhalten, nach den beiden Qroszvätern. Ich
denke ja nicht dasz Bökh ihm das nachtragen wird,
wenn seine erste Dissertation auch von den In-
scriptionen handelte.
Ich, der ich gewöhnlich voran bin, wenn der
Boctor etwas bei uns verdienen soll, habe mich bis
y Google
106 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1828
lapfer gehalten, aber Jacob leidet schon seit
3naten an einem hartnäckigen Catarrh, der
in paarmal auf dem Rückzug war, aber sich
wieder festgesetzt hat. Es beszert sich anch
tzt wieder, aber er ist durch das lange Ein-
an das er gar nicht gewöhnt ist, so empfind-
^en die Luft geworden, dasz ihn die geringste
img damit wieder zurücksetzt. Ich hofife mit
ntritt des wärmern Wetters wird sich alles
n Bruder Louis war zwei Monate in Münster,
1 dem flachen halb holländischen Lande hat
nicht sonderlich gefallen , und Pumpemikel,
er ist, kann man doch nicht beständig kauen.
glaube er hat im Sinn, diesen Sommer eine
lition in 0hl auszuführen, und da stehe ich
aför, dasz er nicht einmal unversehens bei
erscheint, um in der dortigen Gegend Studien
i machen.
habe 10 alte Pergamentblätter, die ich tod
erhielt durch ein chemisches Mittel wieder
gemacht, und da wies sich aus, dasz es
}ücke eines Gedichts aus Barbarossas Zeit
das sich noch obendrein auszeichnete. Diese
h eben unter dem Titel Graf Rudolf edirt,
de das Buch beilegen, wenn ich dächte, dasz
rgleichen interresziren könnte, zumal yiel
es und wie man sagt, gelehrtes Zeug darin
jgeben wird es von Herzen gerne.
neusten Nachrichten von Savigny sind
e: »Berlin 17ten Febr. Savignys Befinden ist
y Google
1828 XL W. und J. Grimm an Bang. 107
übrigens so: Morgens liest er seine Kollegien und
mit Vergnügen. Mittags (alle zwei Tage nach dem
Bnssisclien Bade) liegt er einige Stunden auf dem
So& und hat da meistens starke Kopfschmerzen.
Nachmittags und Abends ist er freyer davon, hat
Abends gern Gesellschaft bei sich und geht auch
in andere. Zu ims auf den Cassationshof (der Brief
ist von einem seiner CoUegen an mich) ist er noch
nicht wieder gekonmien, und der Arbeiten im Staats-
rathe enthält er sich auch noch.* — ^VonSavigny
meinte er (Arnim), dasz derselbe doch viel kränker
zurückgekehrt, als weggegangen sey.** — Ich habe
selbst Savigny vor kurzem geschrieben, aber noch
keine Antwort erhalten.
Sie sehen ja öfter Fremde und Reisende unerwartet
bei sich eintreffen, haben Sie noch keinen gesprochen,
der über die Münchner Universität etwas zusammen-
hangendes zu erzählen wuszte? Ich habe keine
rechte Vorstellung davon, wie es dort zugeht.
Schelling soll so viel Zuhörer haben, dasz kein
Saal grosz genug fär ihn ist, dagegen tadelt man
&Q Görres sein undeutliches in den Bart reden.
Ich habe nicht viel Neues gelesen, einiges firan-
züsiache und da musz ich sagen, dasz mir die fran-
zösische Litteratur in lebendiger Bewegung und
im Fortschreiten erscheint. Sie haben die alten
Sdiranken, die vom besten Holz waren, in welches
jedoch der Wurm gekommen ist, zerbrochen und
benutzen mit Geist und Geschick, was sie bei uns
gelernt haben. Über einige Dinge bin ich erstaunt
mid sie haben mich ungemein angezogen z. B.
y Google
108
XI. W. und .T. Grimm an Bang.
1829
Oeuvres de Cte Kavier de Maistre. Walter Scotts
Napoleon haben wir in einer französ. Übersetzung,
aber das Werk ist weit unter der Erwartung, acht
dicke Octaybände heiszt aber auch zusetzen. Wer
hat Zeit dazu? Zwei habe ich aus der Mitte heraus-
geholt, (das ist so bibliothecarische Unsitte und mit
nichts zu yertheidigen, als der Nothwendigkeit) ; das
Werk ist nicht unverständig und mit achtungswürdiger
Gesinnung geschrieben, aber der wahre Napoleon
steckt nicht in diesen dicken Büchern. — Haben Sie
den Witt. Dörring gelesen, ich meine seine Selbst-
biographie? er ist neuerdings, merkwürdig genug,
Vertheidiger des ^ Herzogs von Braunschweig ge-
worden. Ich möchte Ihnen die Bücher gerne senden,
aber ich kann nicht, gerade solche Dinge werden
bei uns unabläszig begehrt u. wandern aus einer
Hand in die Andere.
An Sie, Frau, u. Kinder die herzlichsten Orüsze
von uns allen, Dortchen lädt Sie zu einem Besuche
, sie hätte Ihnen noch vieles von Bekannten
ein
zu erzählen.
Mit alter Liebe und Freundschaft
Ihr
Wilh. Grimm.
67.
Jacob Grimm an Bang.
Lieber gevatter,
freilich wars unrecht, dasz ich Ihnen das im
September fertig gewordne buch nicht gleich auf
der stelle schickte; ich wollte es thun, da wurde
gerade hier congrefe gehalten und ich muste ein
y Google
XL W. und J. Grimm an Bang. 109
paar aa%6sparte freiexemplare mehr als ich gedacht
hatte atwtheilen, so dasz keins übrig blieb. Begnügen
Sie Sich also mit dem hierbei folgenden schon etwas
gebrauchten exemplar; Sie können es immer dem
angehenden germanisten mit herzlichem grusz von
mir in die band geben, wenn ihm auch sein pro-
feasor nicht dazu rathen sollte. Denn ich hoffe es
spneht Taterlandsliebe daraus und die wurzelt in
jungen leuten am schönsten. Ich selbst bin erst auf
Umwegen, das heiszt zufallig, wieder zum deutschen
recht geraihen, und fun£cig meines gleichen hätten
es f&r immer aufgegeben. Als ich zu Marburg
studierte, war mir neben Savignys belebendem
Tortrag des römischen rechts das germanicum bei
Bauer ein wahrer eckel. Ein buch, nur halb so
gut wie meins, das damit gar nicht gelobt sein soll,
hatte mich damals schon entzündet, aber selbst
Safigny rieth mir den Hufeland nachzulesen,
den ich noch jetzt sehr mittelmaszig finde und er
woUte mir nicht behagen. Erst die deutsche poesie
hat mich lange hernach wieder aufs altdeutsche
«cht geführt
Aber weder vor anderthalb jähren beim anfangen
des buchs noch vorigen herbst beim fertigwerden
hoffte ich, dasz es die Juristen gut aufiiehmen wür-
den; den germanisten fürchtete ich würde es un-
bequem und den romanisten unlieb sein, da ich mich
ffl der vorrede über das Verhältnis des röm. zum
deutschen recht anders geäuszert habe, als es zu
geschehen pflegt. Beinahe scheint es jedoch , diese
fecht war eitel; es haben mich schon viele briefe
y Google
110 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1821^
deshalb beruhigt und die Berliner facultät hai
mir am 18 oct. das beifolgende diplom ausgefertigt
Gelangt mein werk je zu einer Umarbeitung, so soll
es dieser auszeichnung viel würdiger erscheinen, denn
ich habe theils nicht alles gegeben, was ich weiss,
theils mit groszer lust nachgesammelt und thue es
fortwährend.
Oanz umsonst bekommt ihr auch das buch dies-
mal nicht, ich lege euch auf, yater oder söhn, die
ihr solche dialoge führt, mir nun die Statute*)
der oberhessischen wuhrewarte zu schaffen und
andere ungedruckte dorfweisthümer**) aufzu-
treiben. Das alles interessiert mich doppelt, p. 965
citiere ich das wetterauer wassergerichtsweisthum ;
ähnliches aus Ihrer gegend oder aus dem Nassauischen
wäre mir lieb.
Ein glück dasz meine promotion noch im vorigen
jähr erfolgt ist, jetzt erfolgte sie vielleicht nicht
mehr. Die ganze Berliner juristenfacultät scheint
sich zu sprengen, nähere nachrichten fehlen mir
noch, aber was ich weisz betrübt mich genug. Der
minister (d. i. Altenstein, der Hegelianer)
statt den impertinenten Grans etwa nach Breslau
oder Königsberg zu versetzen, hat wirklich in blinder
verkennung der groszen Verdienste Savignys um
die ganze Universität den abtrünnigen Juden zum
Ordinarius ernennen laszen. Darauf sind Savigny
und Holweg gleich aus der facultät getreten.
*) und gewohnheiten
**) aus amtsreposituren
y Google
1829 XI. W. und J. Grimm an Bang. Hl
letzterer geht nach Bonn mit einer ehrenprofessur.
Die übrigen professoren werden wohl auch pro-
testieren. Wie tief es aber Savignyn schmerzen
musz! Seine gesundheit beszerte sich fortwährend,
auch ist wieder ein heft der Zeitschrift (des sechsten
bandes erstes) mit zwei anfsätzen von ihm und einem
mir sehr wohl gefallenden von E lenze (über cog-
naten und affinen) heraus. Wen sie nun nach Berlin
berufen? vielleicht den Hefter aus Bonn, doch der
ist auch niebuhrisch und Hegel soll öffentlich von
Niebuh rs röm. gesch. als einem auskehricht
sprechen. — Wiszen Sie dasz auch Eichhorn
Gdttingen verläazt? er zieht sich ganz aus dem
dienst zurück auf sein gut bei Stuttgart.
Von Creuzer hätte ich mehr hören mögen,
unter andern, ob er auch seiner Symbolik gedacht
hat und ob er sie wieder au&ehmen will? Sein
Plotiims soll in England gedruckt werden.
Thomas war drei monate oder länger hier;
er rühmte, wie sehr ihm und andern Ihre predigt
gefallen hätte, es wäre aber zu spät und von der
andern partei alles schon abgemacht gewesen. Sie
thun übrigens recht auf keine weiteren vorschlage
jetzt einzugehen.
Es geht uns hier wie sonst und was die hauptsache
ist, das kleine Hermännchen gedeiht zu unserer
frende. Ich grüsze alle von den zwölfen, die meiner
gedenken, den pathen auch unbekannterweise.
Ihr treuer freund und gevatter
Jac. Grimm.
Cassel 19. jan 1829.
y Google
112 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1830
68.
Wilhelm Grimm an Bang.
Gottingen 15. März 1890
Lieber Freund und Gevatter, haben Sie vielleicht
Lust, auf mich zu schelten, dasz ich Ihnen aus dem
neuen Wohnsitze noch nicht geschrieben, so rathe
ich es nicht zu thun , denn es ist im Vertrauen auf
Ihre Freundschaft und Liebe geschehen. Ich war
in einer Stimmung, die mich zum Brieüschreiben
nicht aufmunterte und die unumgänglich nöthigen
Schreibereien drückten mich wie eine Last. Es war
nicht blosz äuszerlich ein harter Winter für mich,
und fast kein Tag war ohne eine Bedrangnisz. Der
Abschied von Cassel war an sich schon schmerz-
lich, wer kann einen Ort, wo er 29 Jahre, also den
gröszten Theil des Lebens zugebracht, ohne Be-
wegung verlassen und ich hatte so manches dort
erfahren! Mutter, Eind, andere nah verwandte ge-
liebte Menschen liegen dort begraben. Zwei Tage
vorher ward die Frau krank u. ich muszte sie zu-
rücklassen, schon aUer Häuslichkeit und Bequem-
lichkeit entbehrend, nicht sehr fetti von ihrer
Niederkunft. Als sie sich erholte, erkrankte das
Eind bis auf^ den Tod; noch schwach, unter groszer
Vorsicht, in einem künstlich erwärmten Glaswagen
brachte ich es nach 4 Wochen hierher. Daim wurde
die Frau wieder bettlägrig, daim die Leute, das beste
2iimmer einer kleinen Wohnung liesz sich bei der
furchtbaren Kälte nicht heizen, nun kamen neue
Sorgen von Cassel: Louis, der als Bräutigam dort
zurück geblieben war (er ist mit der Tochter unserer
y Google
1830 XI. W. nnd J. Grimm an Baog. 113
Hauswirthill, der Wittwe des Prof. Böttners,
einem guten, lieben Mädchen versprochen) wurde
Yon einer höchst bedenklichen Brustkrankheit an-
gegrififen, alle Kinder meiner Schwester lagen an
den Masern, kurz, ich weisz wenig so trübe Monate
in meinem Leben. Dazu ein neues Amt, neue imd
angewohnte Verhältnisse, die wie ein neuer Rock
ünmer etwas geniren.
Seit drei Wochen fangt es an besser zu gehen
hier und in Cassel und nach dem glücklichen £r-
eignisz am letzten März scheint sich eine mildere
Zeit anzukündigen. Hilft Gott weiter, so soll auch
bald wieder die gewohnte Heiterkeit zurückkehren.
Dortchen nämlich ist an jenem Tage von einem
Knaben entbunden worden, leicht und schnell u.
hat sich, da sie nicht viel Kräfte hat zusetzen müszen,
auch bald wieder erholt. Der Knabe ist gesund und
stark, gleicht etwas dem Jacob, wenigstens schlägt
er in unsere Familie , wofQr er den Namen aus der
Familie meiner Frau erhalten soll, der ürgroszvater
hat nämlich den Namen Rudolf aus der Schweiz
mitgebracht, so hat der Groszvater und Vater ge-
heifizen und der Bruder heiszt noch so.
Wie es mir hier gefällt, weisz ich noch nicht so
recht zu sagen. Mir thut die freie Luft hier wohl,
nachdem ich von der, die in Cassel herrscht, mich
oft gedrückt fühlte. Wir sind auf das beste em-
pfangen worden und alte Freunde habe ich schon
vorgefunden. Conradis Theilnahme und Beistand
kann ich nicht genug rühmen, wir haben aufs neue
seinen Werth kennen gelernt, er ist ein äuszerst
E. StengeL Briefe der Brüder Grimm. S
Digitized by VjOOQ IC
114 XL W. und J. Grimm an Bang. 1830
thätiger redlicher, tüchtiger Mann, der Universität
von groszem Nutzen. Unter den neuen Bekannten
gefällt mir Dahlmann der Historiker, der kurz
vor uns aus Eiel anlangte, und Göschen am
meisten; auch Lücke aus Bonn erregt Zutrauen.
Otfried Müller wird in diesen Tagen, wo vrir aus-
ziehen, unser Hausgenosz und vereinigt grosze Ge-
lehrsamkeit mit einem frischen und freien Sinn.
Mit Hugo stehen wir gut, es ist ein eigenthüm-
licher, selbst in seiner Wunderlichkeit geistreicher
Mann, der mehr aus Spasz als Ernst zuweilen etwas
boshaft scheint u. doch auch gutmüthig und theil-
nehmend ist; über eine gewisse Pedanterie, die ihm
anhängt, weisz er selbst zu schertzen. Blumen-
bach wird sehr alt, aber sein Humor verläszt ihn
nicht, man könnte sagen, er geht in Späszen unter.
Die Bibliothek ist schön , die Arbeit darauf ein
wenig stark (sie nimmt täglich sechs Stunden weg);
eins und das andere läszt sich vielleicht in der Folge
noch besser einrichten. Jacob hat Rechtsalter-
thümer angekündigt, ob sie zu Stande kommen, weisz
ich noch nicht. Auch hier, wie aller Orten, werden
nur BrodcoUegia gehört und zwar mit Fleisz, aber
das Ziel der Studien ist nicht mehr eine geistige
Ausbildung, sondern der glücklich überstandene
Examen. Einzelne allerdings machen Ausnahme u,
mögen ausgezeichneter seyn als je, aber die Masse
ist geistlos, so wie ihre Lebensweise und das eigent-
liche Studentenleben ist auf dem Wege unterzu-
gehen. . ,
y Google
1831 XL W. und J. Grimm an Bang. 115
Leben Sie wohl, liebster Freund, seyn Sie und
das ganze Haus von uns aufs schönste gegrOszt.
Von der Frau soll ich noch einen besonderen Grusz
bestellen.
Wilhelm Grimm.
59.
Jacob Grimm an Bang.
Göttingen 22 febc 1831.
Was hilft» lieber gevattersmann, dasz ich schreiben
darf was ich will, wenn ich vor geschäft und arbeit
nicht dazu komme? mir wäre fttr meine person
heilsamer als aUe pre&freiheit , wenn mich irgend
eine, aber versteht sich eine deutsche, regierung so
setzte, dasz ich die arbeiten, die ich im köpfe trage
und wozu ich zwanzig jähre lang Studien gemacht
habe, ehrlich, vergnügt und ruhig und auch wohl
dem Vaterland zu einigem nutzen voUftÜiren könnte,
ohne dasz ich meine beste tagszeit auf einen dienst,
den ich gleichgültig und ohne lust versehe, den
aber zwanzig andere eben so tüchtig versehen würden,
zu wenden brauchte. Dann dürfte ick auch mir,
meinen freunden und verwandten leben. Ich habe
mich vorigen sommer hier ärger abgehetzt, als jemals
irgendwo. Diese bibliothek ist ein stets umlaufendes
rad, oder ein stets hungriges thier. Von der
idealischen ruhe eines wolfenbüttler bibliothecars ist
hier kein gedanke. Unsere bibliothek kostet im
sommer taglich, täglich sechs stunden, im winter
fiinf oder wenigstens viere ; in diesen stunden musz
immer eingetragen, controlliert, catalog geschrieben,
8*
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116 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1831
aufgesucht oder reponiert werden ; zu halbstündigem
oder stundenlangem lesen, wie es auf der Casseler
bibl. wohl thunlich war, gelangt hier kein mensch.
Rechnen Sie dazu noch, dasz mir eine stunde Vor-
lesung etwas neues war und Vorbereitung kostete,
dasz ich den dritten theil meiner grammatik be-
ginnen sollte (es sind mit genauer noth heute erst
464 Seiten davon gedruckt), eine menge bücher lesen
und nebenarbeiten z. b. recensionen, antrittsrede und
Programm (ich kann kein exempl. mehr davon finden,
sonst folgte es anbei) zu verrichten hatte, so spüren
Sie, wie es dem angehenden professor zu muthe war,
der sich hundertmal in die hessische einsamkeit
zurückgesehnt und den Rommel verwünscht hat, der
uns unschuldige menschen aus dem gewohnten und
ehrlich besessenen nest jagen muste. Zum professor-
leben, sagt man, musz man sich vom doctor auf
anschicken und bilden, später hin schmeckts nicht
recht mehr. Aber die übrigen professoren sind auch
besser dran, als unser einer, sie lesen zwei, höchstens
drei stunden (manche gar nicht), haben dcts bald an
der schnür upd dürfen dann frei arbeiten und können
die bibl. nutzen, wir die wir sie verwalten, müszen
unsre zeit darauf wenden und können sie wenig
benutzen.
Von unsrer widerwärtigen revolution kein wort.
Sie hatte jedoch dem Wilhelm durch erkältung
eine gefährliche krankheit zugezogen, eine lungen-
entzündung, von welcher er durch Gottes gnade und
Conradis beistand seit drei wochen wieder her-
gestellt ist. Er fühlt sich aber noch sehr abgemattet
y Google
1831 XI. W. und J. Grimm an Bang. 117
und musz diesen, wohl auch den nächsten monat
das haus hüten. Dieser tage traf aus Hannover die
nachricht ein, dasz ihn der könig zum professor
gemacht hat.
Sonst leben wir mit allen coUegen auf bestem
fusz und es ist uns eben in Wilhelms krankheit
viel herzliche freundschaft erwiesen worden. Am
meisten um gehen wir mit Dahlmann.
Arnims plötzlicher tod hat uns sehr betrübt;
er starb sechs tage vor seinem 50 geburtstag ohne
schmerz, in einer gesellschaft bekannter, von der
&mihe war niemand zugegen. Bett ine schreibt
ruhig und gefaszt, und voll der stärksten liebe zu
dem verstorbnen.
Savigny ist mit seiner gesundheit zufrieden;
in zeit von vierzehn tagen wurde er Vormund von
Niebuhrs und Arnims kindem. Ostern wird sein
sechster band fertig. Geht Savigny wieder einmal
nach Marburg, so soll uns nichts hier halten; aber
wie soUte er Berlin je verlassen?
Durch die hess. Constitution sind unleugbar
manche landesübel geheilt worden, aber die fürst-
hche würde wird sich unter dem jetzigen heiTn (das
projectierte Standbild klingt wie parodie) nicht
wieder erheben. Zum andern gehört vor allem zeit.
Mit Schenks popularität soll es schon am ende
sein; man klagt, er erschwere den zutritt und die
(wie mir auch scheint impassende oder unnöthige)
drohphrase am schlusz seiner bekanntmachung hat
den aufstrebenden bürgern misfallen. Man musz
jetzt schonender als je in Worten sein.
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1J8 XL W. und J. Grimm an Bang. 1883
Da Sie doch die artikel im Justi gelesen haben^
80 beauftrage ich Sie, ihn in meinem namen zu
bitten, er möge doch in dem hoffentlich noch nicht
fertig gedruckten buch hinten ausdrücklich bemerken,
dasz mein aufsatz im juli v. j. eingesandt
worden sei. Nachdem er ims jahrelang mit dem
beitrag gequält und ich ihm endlich versprochen
hatte, er solle mich dann, wann der druck des buchst
G. beginne, darum mahnen und ich wolle ihn mit
umgehender post zufrieden stellen ; traf diese mahnung
etwa mitte vorigen juIis ein und ich habe wort ge«
halten und in ein paar abendstunden das geforderte
aufgeschrieben, eigentlich ungern, aber hernach doch
froh, dasz es geschehen war, als der heisze Schlosz
des juli über uns alle hereinbrach, aus dessen unab-
sehbaren Verwirrungen uns und das liebe Vaterland
der himmel frei und geläutert hervorgehen lasse.
Ich bleibe unter allen umständen
Ihr treuer freund Jakob Grimm.
Wilhelm und Dortchen grüszen herzlich.
60.
Jacob Grimm an Bang.
Göttingen 9 jnl 1833.
Lieber freund und gevatter,
ich beantworte Ihren freundschaftlichen brief
ohne allen aufschub. Dortchen ist, gott sei dank,
uns erhalten und beinahe ganz genesen. Sie war
zum besuch meiner Schwester im mai nach Cassel
gereist, aber diese gleich einige tage darauf an einer
lungenentzündung gefährlich erkrankt. Durch un-
y Google
im XI. W. und J. Grimm an Bang. 119
ablässige pflege bei tag und nacht, durch angst und
sorge zog sich Dortchen einige wochen später die-
selbe krankheit zu und lag auch auf den tod da-
nieder. Wilhelm brachte fast die ganze zeit dort
zn, und ich reiste dreimal hin, sobald die gefahren
wuchsen« Bei meiner letzten ankunfb war die liebe
Lotte schon einen halben tag todt. Zu ihrem Übel
war noch eine frühzeitige entbindung getreten. Das
kind lebt imd scheint zu gedeihen. Ihr brief hat
meinen schmerz nicht aufgefrischt, er wacht ohne-
bin and ich nähre ihn gern durch gedanken und
erinnerung. Meine Schwester war Überaus recht-
schaffen und liebevoll, auch dabei recht verständig;
sie schlob sich nur näheren bekannten auf, an uns
geschwistem hieng sie fest, und es war ihr und uns
ein groüser trost, dafs sie uns, einen ausgenommen,
noch unmittelbar vor ihrem tod, auf den sie gefafst
und bereitet war, gesehen hat. Wilhelm muste
Dortchen in der pflege ablösen und wechselsweise
frau und Schwester aufc treuste besorgen. Als für
Lotte die letzte gefahr eintrat, war Dortchen schon
gerettet, obgleich noch niederliegend. Erst anfangs
voriger woche hat sie zurückreisen können.
Als Sie Düren brief schrieben, war Wilhelm
gerade in Harbmrg. er geht nach Wisbaden, das
ihm sein altes proteusartiges , seit vorigem herbst
aber wieder gesteigertes übel austreiben soll. Gott
verleihe es! Er wird zu Marburg blofe bei dem
armen duldenden Suabedissen gewesen sein, zu
Omen hinaus zu kommen hätte ihn übermäßig an-
y Google
120 XI. W. und J. Grimm an Ban^r. 1833
gestrengt. Vielleicht auf dem rückweg, wenn dieser
durch oberhessen führt.
' den ausgang, den die gegen meinen schwager
ige klage nehmen wird, bin ich gespannt. Er
durchaus redlicher mann, den ich aber nicht
iseitigkeit und Überspannung freispreche. In
lern partei gibt es manchen nüchternen libe-
ien ich weniger mag, als seinesgleichen.
Universitäten haben viel feinde, die jetzt
jpt erheben werden. Savignys trefflicher
gieng den letzten ereignissen vorher, jetzt
in wir fast noch wärmere rede (ich hatte, ohne
zu wissen, meine stimme vorher erhoben
mz. 1883. No. 12. [Randbemerkung.]) Sie
;ilen Savignys Wirksamkeit richtig, seine
ichaftliche stockt hin und wieder; an einem
ort, als der grofsen vornehmen Weltstadt, und
Bm Verhältnissen, würde sie sich noch ganz
fruchtbar und reich erwiesen haben,
r haben wir an Dahlmann einen treuen
freund gefunden. An die übrigen hindernisse
it man sich, wenn man sie auch nicht gut
zlichen grusz.
Ihr Jacob Grimm.
Pfarrer Bang Gofafelden bei Marburg in Hesaeu.
y Google
18:39 XL W. und J. Grimm an Bang. 121
6L
Jacob Grimm an Bang.
Cassel 20 Jan 18H9.
Lieber Freund und Gevatter,
Nach so langem Zwischenraum des Schweigens
einen Brief, und auf Ihr herzliche Theilnahme aus-
drückendes Schreiben vom letzten Sommer erst heute
Antwort! Es langte gerade in Tagen an, wo ich
verreisen muste, und ich hatte kaum Zeit Ihnen ein
Exemplar meiner damals erschienenen kleinen Schrift,
ohne ein Wort Begleitung zugehn zu lassen. Ihrer
Theilnahme und Ihrer Billigimg eines Schrittes, der
allerdings fOr unser noch übriges Leben bedeutsam
werden muste, waren wir im voraus sicher. Auch
bei solchen, die uns nicht zustimmen, selbst abgeneigt
sind, wird uns die Zeit rechtfertigen.
Seit Ende October leben wir drei Brüder wieder
wie sonst hier vereint unter dem Dach des jüngsten ;
nicht ohne neue Prüfungen und Leiden. Eben erst
hat Dortchen sechs Wochen lang eine schwere
Krankheit ausgehalten, das war kein glücklicher
Einzug. Und doch bedürften wir in unsrer Lage
und Stimmung nichts mehr als Gesundheit. Ich kann
auch mit der meinigen seit einem halben Jahr nicht
recht zufrieden sein.
Das Übel unsrer Verjagung aus Göttingen und
der hartnäckigen Schwierigkeit aller Wieder-
anstellnngen trägt uns vielleicht eine gute Frucht
Wir haben uns einer Sache unterfangen, die sonst
wahrscheinlich gar nicht in uns aufgekommen wäre,
eines groben , deutschen Wörterbuchs'' von Luther
y Google
122 XI. W. und J. Grimm an Bang. 1839
bis auf Göthe, worin alle Schriftsteller der drei
Jahrhunderte sorgsam sollen eingetragen werden.
Wie wäre es, wenn Sie Lust bezeigten fftr die Her-
beischaffung des Materials mit anzustehn? wir haben
schon einige dreifsig Mitarbeiter geworben (in Mar-
burg Vilmar und Blackert). Möchten Sie uns
auf einzelne Sedezblättchen aus einigen Schrift-
stellern die wichtigen Wörter und Phrasen aehen
helfen? etwa aus einigen Bänden Luther (nach
der Jen. Ausgabe), aus Brockes und Kant? Im
Falle des Wollens läfet sichs näher besprechen, und
für einen Philologen wie Sie bedarfs kaum der Ver-
ständigung. Da£3 Sie Muise haben wissen wir, denn
auch in der Zeit, wo wir nicht schrieben, pflegten
wir uns doch immer fleifsig nach Ihnen zu er-
kundigen.
Da Sie aber neben dem Excerpieren und Ihren
übrigen Geschäften auch spazieren gehn, schaffen
Sie mir doch einige wenn auch, wie zu befürchten,
negative Auskunft Ton dem Ihnen ganz nah liegen-
den Kaldern, welches ein alter, wichtiger Ort ist,
bestimmt in der deutschen Mythologie eine Art BoUe
zu spielen. Sie wissen aus Wenk, dass er ehdem
Ccdantra hiefs, und ein altes Kloster hatte. Die zn
stellenden Fragen lauten so: 1. gibts in der Um-
gegend einen Berg, Hügel, ein Feld des Namens
Gnifsberg, Nifsberg, Nufsberg, Gnitberg,
Gnitheide, Gnifsheide oder was imgefahr so
klingt? 2. weife das Volk, die alten Leute
nichts zu erzählen von einem Wurm, Drachen, Un-
geheuer, und dessen Erlegung?
y Google
1817 XIL J. nnd W. Grimm an Gerling. 123
Wir leben sonst getrost, mutig, arbeitsam, em-
pfengen auch von allen Seiten erhebende Beweise
Ton Wohlwollen und Liebe. Savigny ist voller
Freundschaft, auch der heidelberger Creuzer hat
sich wacker verwendet. Ein leipziger Comit^ sichert
uns unsre Gehälter, und unser Procefe geht seinen
Gang.
Sein Sie herzlich gegrüfet.
Jacob Grimm.
Herrn Pfarrer Dr. Bang Hochwürden Gofsfelden bei Marburg.
XIL Dreizehn Briefe von Jacob und Wilhelm
Grimm an Prof. Gerling in Marburg.
62.
Jacob Grimm an Gerling.
Caszel den 17 Juni 1817.
Lieber Gerling
es tragt sich zu, dasz ich Ihnen am ersten schreibe,
wie wohl eilig. Görres sendet mir hundert Loose
(wovon in den Beilagen umständlicher) und schreibt:
geben Sie diese denen, die in Gaazel mich kennen
und etwas auf mich halten, wenn ich Sie bitte, so
werden sies wohl gerne thun. Marburg und
Gtöttingen kann auch einige nehmen.*
Die einliegenden 10 Loose (2561 — 2570.) werden
Sie ohne Zweifel in Marburg vertreiben, besoiiders
wenn Sie die Hälfte mit meiner Empfehlung Hm.
Iteg. Rath von Hanstein übermachen wollen, der
y Google
Xir. J. und W. Grimm an Gerlbg. 1817
Bekannte hat. Das Geld (25 albus p. Loos)
Sie mir gelegentlich zu.
che Qrüsze von uns an Sie und Dire Fran,
sind gesund, aber mit der Schwester will
nicht recht, welches Gott beszem wolle.
Ihr aufrichtig ergebener Freund
Jacob Grimm.
63.
nihelm Grimm an Gerling.
Caszel 24. Juli 1817
er Gerling, ich danke Ihnen herzlich für
indschaftlichen Brief und die näheren Nach-
her Ihr dortiges Leben, dasz es Ihnen im
►etrachtet beszer geht, als hier freut mich
B Erfüllung meiner gleich gehegten Hoff-
as Unbequeme wird sich allmählig auch
Dasz Ihre Frau, die wir insgesammt
5u grüszen bitten, noch an Cassel zurück-
fällt mir recht wohl, weil es natürlich ist,
i eine Zuneigung zu einem Ort hat, wo
5 Zeitlang doch zufrieden zugebracht, u.
• daran denken, dasz wir auch zu Caszel
so freut es uns noch mehr. Dasz Sie nicht
r sind, thut mir gewisz leid, ich musz nun
e dafür rechnen, Sie einmal besuchen zu
sroraus nur leider dieses Jahr nichts werden
ier, wenigstens bei uns, würden Sie wenig
ang finden, meine Schwester kränkelt leider
y Google
1817 XII. J. und W. Grimm an Gerling. 125
noch immer und das macht mir manchmal Sorgen
Ich wollte mit Hummel, seiner Frau u. der Räthin
Pfeiffer den Meisner besuchen, wir bekamen aber
80 viel Regen , dasz wir uns begnügten zwei Tage
in Glimmerode , einem Gute der Frau von Mals-
bnrg, welches amFusz des Berges liegt, zu bleiben,
wo wir uns ganz wohl vergnügten u. dann wieder
heim fuhren. Die Kurprinzessin ist vor ein
paar Ta^en wieder gekommen, wird aber in ganz
kurzen nach Hanau reisen, da haben Sie wohl Ge-
legenheit, sie in Marburg zu sprechen.
Sie erwähnen unter Ihren Bekannten noch nicht
den Pfarrer Bange; ich hoffe aber dasz Sie sich
noch finden werden. Es ist ein sehr braver, ge-
sunder u. kenntniszreicher Mann.
Görres hat, wie Sie vielleicht gelesen haben,
schon an 40000 fr. zusammen; er hat geschrieben,
dasz er jedem danken läszt, der Theil an der Sache
genommen: Die höchste Noth wäre doch nun
Yorfiber.
Nun leben Sie wohl lieber Gerling u. seynSie
sammtlich, das liebe Kind mit eingeschloszen, herz-
lich Ton uns allen gegrüszt. Von Suabedissen
habe ich seither nichts gehört, hoffe aber, dasz er
wohl ist. Mit treuer Freundschaft
Ihr
Wilhelm C. Grimm.
Das Geld hat mir Schotten richtig ausbezahlt,
hierbei erfolgt Ihr unnöthig ausgestellter Schein.
An Herrn Profeszor Gerling in Marburg.
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126 Xn. J. und W. Grimm an Gerling. 1817
64.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Hierbei erhalten Sie, lieber Gerling, das ver-
langte Buch, wenn Sie noch mehr wollen, so stehen
wir 2U Dienst. Wenn Sie es zurückschicken, so
machen Sie die Ädresze: an kurfQrstl. grosze Bib-
liothek im Museum. Diese hat Portofreiheit u. ich
glaube, dasz es recht u. erlaubt ist, solche auf ihren
Gebrauch anzuwenden.
Wir sind gottlob beide gesund, meine Schwester
ziemlich u. grüszen Sie beide sammt der Emma
tausendmal. Ihr Bruder soll mir willkommen seyn.
Heute nur diese paar Zeilen. Von Suabedissen
haben Sie ietzt durch mich einen Brief erhalten,
d. h. den ich auf die Post gegeben. Mit alter Liebe
und Freundschaft
Dir
W. C. Grimm
Caszel, am 15. August 1817.
65.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caszel, am 5. Nov. 1817.
Liebster Gerling, Ihren Bruder haben wir leider
nur wenig gesehen, er war sosehr an seinen Be-
gleiter gebunden oder band sich aus Freundschaft
an ihn, dasz er keine von unsem Einladungen an-
nahm. In den wenigen Stunden , wo wir ihn ge-
sprochen, hat er uns allen sehr wohl gefallen.
y Google
1817 XII. J. und W. Grimm an Gerling. 127
Heute komme ich mit einer Bitte. Nämlicli die
beiliegenden Ankündigmigen so vortheilhaft als
mdglicli zu yertheilen um Subscribenten für das
Werk zn sammeln. Es ist uns sehr viel daran ge-
legen, dasz es zu Stand kommt und da die darin
abgedruckten Quellen ihren Werth behalten, so
wird niemand sein Geld wegwerfen, sondern etwas
Gfutes befördern, selbst wenn er uns auch nicht
geneigt wäre. Justi der Dichter u. Arnoldi der
Sprachforscher, auch Wagner sollte ja wohl einiges
Interesze f&r diesen Gegenstand haben , auch gibts
Tielleicht einige altdeutsche Studenten. Ich wünsche
die Namen sobald als möglich, noch vor Neujahr
zu haben.
Was kann ich Ihnen von hier Neues schreiben?
Hein jüngster Bruder ist wieder angekommen , und
bleibt vielleicht. Bei Ramus ist es noch wie
sonst, Bauer hat noch immer nicht promovirt.
Zu Ihrem zweiten Töchterlein wünschen wir viel
Glück; was wird die Emma grosz geworden sein!
Meine Schwester ist gottlob beszer, wir viere grüszen
Sie Frau und Kind aufs herzlichste.
Ihr treuer Freund
W. C. Grimm.
bitte um Besorgung der Einlage.
An Herrn Profeszor Gerling in Marburg.
y Google
128 XII. J. und W. Grimm an Gerlinj?. 1817
66.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caszel am 26 Nov 1817.
Liebster Gerling, hätte ich nicht zugleich die
Versicherung Ihrer Wiederherstellung von Ihrer
eigenen Hand gelesen, so hätte mich die Nachricht
von Ihrer Krankheit recht erschreckt. Gottlob, dasz
es vorüber ist, hüten Sie sich vor zu groszer An-
strengung in Arbeiten. Ihre Freunde u. ihre Wünsche
habe ich soweit es mir möglich war gefordert, sowohl
der alte bescheidene Mann, als der Studiosus haben
mir Wohlgefallen; von letzterm habe ich mir den
ganzen Hergang der neulichen Begebenheit erzählen
lassen u. bin dadurch in meinem Urtheil darüber
bestärkt worden ; ich zweifle nicht, dasz Sie auf der
Seite des Rechts gewesen sind. Uns geht es hier
ganz leidlich, dasz mein Bruder Ludwig nun bei
uns ist, habe ich Ihnen wohl schon gemeldet, mit
meiner Schwester geht es nur langsam beszer, doch
ist keine Gefahr dabei. Genaue Nachricht von der
Lotterie habe ich nicht, mag auch darum nicht an-
fragen, inzwischen sobald ich etwas höre, will ich
es Ihnen melden. Ich bin der Meinung, dasz man
solchen, die hier noch Zweifel an Redlichkeit hegen,
diesen laszen musz und sich nicht darum bekümmern :
wie will man sonst fertig werden auf der Welt.
Heute musz ich mich mit diesen wenigen Zeilen
begnügen. Hei*zliche Grüsze von uns allen an Sie,
Frau u. Kind.
Ganz Ihr W. C. Grimm.
Digitized by VjOOQ IC
1818 XII. J. und W. Grimm an Gerling. 129
67.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caszel am 20. Jan. 1818
Herzliche Grfisze zum neuen Jahr, lieber Ger-
ling, Gott erhalte Sie und die Ihrigen bei Gesimd-
faeit und Frohsinn so wird sich das übrige von selbst
finden. Ich schicke Ihnen hier eine Anzeige von
Görres Armenyorlesung , dadurch werden ja eines
jeden Zweiflers Bedenklichkeiten gestiUt werden.
Sodann bitte ich Sie mir einen erneuerten Schein
Ton Schuberts Astronomie, die Sie von der Bibl.
haben zuzuschicken. Endlich erhalten Sie anbei
einen Haufen Bibliotheks-Bücher für den Pfarrer
Bange, der sie bei Ihnen wird abholen laszen;
direct konnte ich sie nicht gut abschicken, weil
einige Unsicherheit dabei ist, und da es Ihnen weiter
keine Mühe macht, so werden Sie mir diese Freiheit
niclit übel nehmen.
Wir viere grüszen Sie mit dem Wunsche, Sie
einmal zu sehen, kommen Sie nicht, so wird
wenigstens einer von uns künftigen Sommer bei
Urnen erscheinen. Meiner Schwester geht es leidlich
Snabedissen hat mir vor kurzem geschrieben und
mir eine schöne Rede von sich zur Reformations-
feier geschickt; er scheint auch heiter. Lesen Sie
doch des Mathesius Predigten, die Arnim wieder
herausgegeben hat, es ist eine herrliche Lebens-
beschreibung von Luther.
Harnier ist noch in Darmstadt u. wird wohl
sobald nicht kommen, da er nach Berlin will.
X. Stengel. Briefe der Brdder Grimm. 9
Digitized by VjOOQ IC
XII. J. und W. Grimm an Gerling. 1818
Bauer ist noch immer dick und lustig, macht
noch nicht Anstalt ein Mann im Staat und
3 zu werden.
^un noch die Grüsze an die Emma, die ganz
ntlich das Wort führen wird. Von Herzen der
je
W. C. Grimm.
68.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caszel, 9. Nov. 1818
iiebster Gerling, ich danke herzlich für Ihr
adschaftliches Andenken u. den Brief, der mir
;e authentische Nachrichten von Ihnen mittheili
habe mich seither bei jedem Marburger, den ich
rochen, nach Ihnen erkundigt und einige Grüsie
sen Ihnen auch auf diesem Wege zugekommen
. Ich freue mich nun die Bestätigung Ihres
ilseyns von Ihnen selbst zu hören; ihre liebe
i hoflFe ich wird sich auch beszern, ich habe an
ler Schwester mit Freude erlebt, wie man sich
angegrififenen schwachen Nerven erholen kann,
wäre wohl gerne diesen Sonmier gekonunen,
le dortigen Freunde zu besuchen, aber Sie
ben kaum, wie schwer es fällt, auf ein paar
ß frei zu werden ; indeszen hatte ich nicht allein
)fft, Sie würden nachdem es voriges Jahr nicht
heben war, in diesem herkommen.
[>enken Sie, sechs bis acht Wochen sind wir
^hwister sämmtlich 6. an der Zahl zusammen-
y Google
1818 Xn. J. und W. Grimm an Gerling. 131
gewesen, mein Bruder ana Bordeaux kam und bald
darauf auch unerwartet der Berliner; so haben wir
manchen vergnügten Abend zugebracht u. manchen
alten Spasz wieder hervorgesucht.
Von Bauer kann ich Ihnen auch nur einiges
melden. Ich habe von seinen Plänen nichts gewuszt
o. bin selbst durch das Resultat überrascht worden.
Ich gestehe dasz es mir nicht ganz gefällt, zumal
da er sonst ein braver und gescheidter Mensch ist,
bei einem andern könnte man leichter die Sache
nehmen. Dasz er etwas im Schilde führte, habe
ich gemerkt, seit er sich zu Jena das Doctordiplom
holte. Den 21. Octbr. haben wir seine Hochzeit
mit einem Ball gefeiert, wo es ganz lustig war; ich
wünsche beiden von Herzen Glück, man wird ja
sehen wie es geht; Vorgestern ist er mit seiner
Frau nach Würzburg abgereist u. zwar über Fulda,
er will dort das CUnicum besuchen u. dann das
noch gröszere zu Wien, welches den Mangel an
Praxis ersetzen soll; in einem Jahr gedenkt er
wieder hier zu seyn. Es kommt mir doch nicht vor,
als habe er so recht die Absicht academischer
Lehrer zu werden, ob mich gleich keine Äuszerung
Ton ihm dazu berechtigt, aber so aus den Anstalten
scheint es mir hervorzugehen.
Von Suabedissen habe ich lange nichts ge-
hört, ob ich ihm gleich vor 8 Wochen einen recht
groflzen Brief geschrieben, ich freue mich sehr ihn
Ostern hier zu sehen, wo der Prinz confirmirt
wird. Wollen Sie denn da nicht herkommen?
9*
Digitized by VjOOQ IC
132 Xn. J. und W. Grimm an Gerling. 1819
Wer hier recht yomehm ist, ist krank und hat
die Rötheln und Masern (dasz wir daher alle gesund
sind, brauche ich nicht ausdrücklich zu sagen) der
Prinz ist ordentlich krank gewesen, gestern aber
wieder ausgefahren, auch die Princesz Marie hat;
sie gehabt u. ihr Gesicht ist noch ganz roth davon.
Neues wüsst ich Ihnen sonst nichts zu schreiben,
ob es gleich , wenn wir zusammen wären genug zu
sprechen gäbe ; dasz die Eönigskrone sollte gehoben
werden, und schon ganz nah war, aber wieder tief
versunken ist, werden Sie wohl gehört haben. —
Das Schlosz wird nach einem groszen Plan gebaut,
das alte steckt schon ganz als Fundament in der
Erde und noch mehr dazu; es ist doch eine Wohl-
that für die armen Leute, die dabei Arbeit u. Brot
finden.
Bei Ihren Freunden, lieber Gerling, stehen Sie
hier im besten Andenken, Gott lasse es Ihnen immer
wohl ergehen. Mein ältester Bruder ist fleiszig an
einer histor. deutschen Granmiatik, die andern Ge-
schwister grüszen mit ihm Sie beide herzlich und
das thut auch Ihr treuer Freund
W. C. Grimm.
An Herrn Profeszor Gerling in Marburg
69.
Wilhelm Grimm an Gerling,
Liebster Gerling, unserer Verabredung gemäss,
schicke ich Ihnen hier ein Paket Bücher f&r unsem
Freund Bange nach Goszfelden, seyn Sie doch so
gut, imd befördern Sie es sobald als möglich. Jetzt
y Google
1819 Xn. J. und W. Grimm an Gerling. 133
da die Feiertage vorüber sind, wird er gern sich
darüber machen.
Hier ist noch alles, wie Sie es yerlaszen haben.
Ich wünsche Ihnen, Ihrer lieben Frau und Kindern
auf das herzlichste Glück zu dem Neuen Jahr, Gott
behalte Sie in seinem Schutz. Wir grüszen Sie alle
herzlich. Mit unveränderter Freundschaft
ganz Ihr
W. C. Grimm.
Caszel am 3. Jan. 1819.
Jacob Grimm an Gerling.
Caszel 3 Sept 1819
Eine kleine Bitte, lieber Gerling. Die Marburger
Bibliothek soll, wie man mir in der Kriegerschen
Buchhandlung versichert, eine seit 1818 erscheinende
Zeitschrift: Eos, herausgeg. von Mann zu München
halten. In derselben (vermuthl. im Jahrg. 1818)
findet sich ein Aufsatz von Docen: über die Zu-
sammensetzung der deutschen Doppelwörter gegen
Jean Paul; Inhaltsanzeigen weisen vermuthlich
leicht aus, in welchem Heft er stehe. Ich bedarf
semer zu einer ähnlichen Ausarbeitung und Sie
können wohl vermitteln, dasz er mir auf ganz kurze
Zeit hierher geliehen wird ?
Wir sind alle gesund und die Lotte dieses Jahr
sogar mehr, wie vorher. Von Suabedissen hören
TO lange nichts. Werden Sie denn diesen Herbst
nicht ausreiszen? denn Ihre Ferien stehen vor der
Digitized by VjOOQ IC
134 XII. J. und W. Grimm an Gerling. 1819
Thür. Wir haben leider keinen Urlaub und müszeH
das schönste Wetter vorübergehen sehen, höchstens
genieszen wirs in längeren Spaziergängen. Herzliche
Grüsze an Frau und Kinder, die erfreuliche Ankunft
des letzten Kinds ist uns zu seiner Zeit richtig ge-
meldet worden
Stets Ihr aufriebt. Freund Jacob Grimm.
Herrn Profeszor Gerling Wohl geboren zu Marburg
71.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caszel, 25. Octbr. 1819.
Lieber Gerling, ihr Brief hat mir doppeltes Ver-
gnügen gemacht, weil er mir Nachricht von Urnen
gegeben und zugleich die Bekanntschaft Ihres
Bruders verschafft hat. Nun kenne ich doch Ihre
ganze Familie, wogegen Sie, wo ich nicht irre,
meinen Bruder in Berlin noch nicht gesehen haben.
Es freut mich herzlich, dasz Sie sich sämmthch
wohl befinden, nach einer Reise in die gesegneten
Rhein u. Maingegenden, (die ich, so oft ich sie er-
blicke, doch nicht ohne eine gewisse Erregimg und
das GefÖhl, dasz sie mein eigentliches Vaterland
sind, ansehen kann), musz man sich neu belebt
fühlen.
Auch uns geht es gottlob wohl, so viel auch zu
wünschen übrig bleibt. Wir müssen uns mit dem
begnügen, was uns Gott verleiht, wer einmal, wie
wir, eine so gewaltige alles verzehrende Zeit erlebt
hat, der ist empfanglich für das Gute das hier und
y Google
182Q Xn. J. und W. Grimm an Gerling. 135
da stehen geblieben ist. Trösten Sie sich über das
Misztrauen, das Ihnen wohl mit Recht weh thut,
durch den Gedanken, dasz alle reine u. gutgesinnte
Menschen in jeder Art von Bedrängnisz sich näher
gerückt fühlen.
Von Suabedissen habe ich lange nichts ge-
hört, ich hoflFe aber, dasz er gesund u. heiter lebt.
Mein ältester Bruder war vor kurzem einen Tag
in Melsungen iL hat auch Ihre Schwiegermutter
besucht, Ihre Schwägerin Carolinchen war aber
nicht dort u. wahrscheinlich schon bei Ihnen. Seyn
Sie alle grosz u. klein von uns, meine Schwester
eingeschloszen auf das herzlichste gegrüszt
Ihr Wilhelm C. Grimm.
Bauer hat, so viel ich weisz, nicht viel von
«ch hören lassen, wann er zurückkommt weisz ich
nicht, ich glaube aber bald. Übrigens bleibe ich
bei meiner alten Meinung, dasz er eigentlich nicht
an die Universität will, es wird sich bald zeigen,
ob ich hierin scharfsinnig war.
An Herrn Professor D. Gerling Marburg.
72.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caszel 1. Juni 1820.
Lieber Gerling, ich danke Ihnen für Ihren Brief
nnd die Nachrichten von den Ihrigen, seyn Sie ver-
sichert, dasz ich auch ohne Schreiben, an allem
was Sie betriflFt, herzlichen und freundschaftlichen
y Google
136 XIL J. und W. Grimm an Gerlinff. 1820
Antheil nehme. Von den meinigen kann ich Ihnen
wenig neues melden, wir sind gesund, nur meine
Schwester kränkelt von Zeit zu Zeit, ohne doch
eigentlich krank zu seyn. Carl ist noch immer bei
uns und hofft auf beszere Zeiten, sein Stand wird,
weil er am meisten aus allen natürlichen Verhäli-
niszen gerückt war, ietzt auch am meisten gedrückt;
ich glaube, dasz der Handel eine andere und im
Ghmzen bescheidenere Stellung einnehmen wird, aber
es wird noch Zeit darauf gehen, bis sich alles dabei
setzt und in Ordnimg kommt. Der Mahler, war in
Frankfurt, Hanau, Birstein, seit Septbr. vorige»
Jahrs und ist eben erst vor ein paar Tagen zurück-
gekehrt; er ist insofern der glücklichste, als er am
wenigsten Sorgen hat oder sich Sorgen macht
Jacob arbeitet fieiszig an der neuen Auflage seiner
Ghrammatik.
Bauer sehe ich wenig, Sie haben ganz recht in
dem, was Sie über ihn bemerken. Er hat eine
schon früher sichtbare Neigung zur Weltklugheit
weiter entwickelt und das ist, insofern man diese
oben anstellt, nicht meine Sache ; femer hat er sein
rhetorisches Wesen ausgebildet, und dafür bin ich
auch ohne Sinn, so dasz es gut ist, wenn unsere
Wege nicht dieselben sind. Etwas gutmüthiges ist
bei ihm dazwischen immer sichtbar, er wäre viel
beszer geworden, wenn er sich nicht zu aller Zeit
seinen Willen gethan hätte; die Einbildung der
jungen Leute unserer Zeit, dasz in ihnen ein Genie,
oder doch so ein Stück davon liege, das man nicht
anrühren dürfe, hat viele zu Grund gerichtet.
y Google
1820 Xn. J. mid W. Grimm an aerling. 13/
Sie fchun ganz recht, lieber Oerling, dasz Sie
alles Geschwätz fBr das ansehen, was es ist und mit
emem guten Gewiszen fireudig auf ihrem Weg fort-
selureiten. Es freut mich, dasz sich die Anzahl Ihrer
Zuhörer vergröszert mithin auch die Freude an Ihrer
Arbeit zunimmt. Glauben Sie mir, dasz die redlichen
Menschen hier ein solches Geschrei zu achten wiszen
und ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, dasz der
Minister Witzleben, der ein gerader ehrlicher
Mann ist, eben jenem, den Sie mir bezeichnet, bei
Tisch in Gesellschaft anderer Vorwürfe gemacht hat
und ihm gesagt, dasz er nicht begreife, wie er solche
Berichte habe einsenden und dadurch die Universi-
täten überhaupt, deren eigenthttmliche Natur von
80 groszem Werthe sey, habe gefährden können.
Ich habe auch sonst bemerkt, dasz man hier nicht
furchtsam ist und von einem blinden Lärm sich
nicht schrecken läszt.
Ich freue mich Suabedissen hier zu sehen.
Zu einer Reise nach Marburg darf ich mir keine
Hoffnung machen, wenigstens nicht in diesem Jahr.
Leben Sie wohl, seyn Sie, Ihre Frau und die
Kinderchen aufs herzlichste von uns allen gegrüszt.
Ihr
W. C. Grimm.
y Google
138 Xll. J. und W. Grimm an Gerling. 1821
78.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caszel 2. Mai 1821
Liebster Gerling, weder einen Globus von Wil-
helm IV noch einen aus seiner Zeit besitzt die
Bibliothek; den Nachfragen zufolge, die Völkel
angestellt, auch nicht die Sternwarte oder das
Museum. Wir haben nichts als die bekannte,
kupferne Kugel von Landgraf Carl mit den Stern-
bildern, die Sie selbst werden gesehen haben. Also
könnte der ihrige wohl der ächte seyn, ich schicke
Ihnen zu weiterm Nachforschen die verlangten
Bücher, lege aber noch eins zu, worin der verstorb.
Matsko Nachricht giebt, von den astronom. Mss.
Wilhelm IV, die noch auf unserer Bibliothek ver^
wahrt werden. Finden Sie etwas darin, das für
Ihren Zweck paszt, so könnte ja auch eine Mit-
theilung derselben eingeleitet werden. Sie erhalten
demnach:
L Weberi Schediasma
2. Bergmann Verdienste Wilh. IV.
3. Treutleri oratio historica
4. Nachricht vom CoUegio Carol. worin das
Programm von Matsko in fine.
Ich würde mich recht gefreut haben, Sie einmal
wieder zu sehen, lieber Gerling, doch ist es hoffentl.
nur aufgeschoben nicht aufgehoben. Grüszen Sie
Ihre liebe Frau Gott lasse Sie u. das kleine recht
gesund weiter leben. .
y Google
1819 XIL J. und W. Grimm an Gerling. 139
Saabedissen hat mir vor etwa 14 [Tagen] von
Leipzig aus geschrieben, eben ietzt wird er in Bremen
angelangt seyn, wo er Pathenstelle bei dem Söhnchen
seines Bruders vertreten will, das 6 — 8 Wochen auf
ihn wartet. Sein kleines Schriftchen , Geschichte und
Philosophie" werden Sie erhalten haben; es ist ein
guter Geist darin.
Alles was bisher hier geschehen ist, erregt die
besten Erwartungen, und unbedingt löblich ist der
gute Wille, der sich in allem zeigt. Manchem
dringenden Bedürfnisz ist abgeholfen, ich glaube
auch, dasz die Zeit konmit, wo f[ir die Universitäten
und überhaupt fOr die Lehranstalten wird gesorgt
werden. Nur auf einmal kann nicht alles geschehen
und dasz dergleichen nicht vorangeht, liegt in der
Zeit. Übrigens ist die Rede des Prof. Wagner so,
dasz man nicht glaubt, der Univ. sey noch etwas zu
wünschen übrig.
Als Neuigkeit melde ich, dasz rmser sanfter
Freund der Hofrath Harnier ein Bräutigam ist und
seine Braut die Tochter des hanöv. Ministers Ruh-
mann. Ich kenne sie nicht, habe aber gehört, dasz
sie, obgleich nicht schön, doch angenehm sey. In-
sofern als sie 37 Jahr alt ist, scheint mir die Ver-
bindung passend. Er selbst hat es mir nicht gesagt,
unsere ohnehin nicht sehr stark betriebene Bekannt-
schaft ist fast ganzlich abgebrochen.
Below ist weggegangen, weil er, wie ich ver-
muthe, in preuszischem Dienste hat bleiben wollen.
Sein Pflegetöchterchen ist ein allerliebstes Kind.
y Google —
140 XII. J. und W. Grimm an Gerling. : 1822
Leben Sie wohl, lieber Freund, nochmalige Grüsze
von uns an die Ihrigen, auch an Ihre Schwl^erin
Caroline, die sich unser wohl noch erinnert. Mein
Bruder Carl ist vor 14 Tagen nach Hamburg, sonst
sind wir noch beisammen.
Von Herzen Ihr
W. C. arimm.
74.
Wilhelm Grimm an Gerling.
Caasel 12. Aug. 1822.
Liebster Gerling. Heute melde ich Ihnen nur
mit wenigen Worten, dasz wir das Werk von La-
place, welches Sie wünschen, nicht besitzen. Ich
sehe aus Brunet Manuel^ dass davon eine 3. Ausg.
Paris 1820 erschienen ist, welche 25 fr. kostet Wir
haben von Laplace ein memoire sur les approxi-
mations des formules qui sant fondions de tres grand$
nomibres et sur leur appUccUion aux probabilües, welches
sich in den Schriften des National Instituts befindet;
damit wird Ihnen aber nicht gedient seyn.
Die Meinigen grüszen Sie herzlich, seit dem
22 Juli ist meine Schwester verheirathet mit dem
Hassenpflug u. gottlob gesund u. vergnügt
Grüszen Sie mir auch Ihre Frau u. Suabedissen.
Der Ihrige
W. C. Grimm.
Die Scheine über die zurückgegeb. Bücher sind
gelöscht. (Randbemerkung.)
y Google
1819 Xm. J. Grimm an Suabedissen. 141
XIIL Zwei Briefe von Jacob Grimm an Hof-
rith Prof. Suabedieeen in Leipzig, Meleungen
und Marburi.
75.
Caszel 15 April 1819.
Durch die Gefälligkeit des Hrn. Hofr. Hamier
übersende ich Ihnen, verehrter Freund, meine deutsche
Grammatik. Den darauf (vielleicht zu sichtbar) ver-
wandten Fleisz werden Sie schon ein bischen loben;
was sonst dem Buche fehlt, sehe ich zum Theil
selbst ein. Die allgemeineren Folgerungen und
Ansichten sind mir dabei nicht das schwerste ge-
worden und nur mit eingegeben, ich leide daher,
dasz man ihnen zuthut oder abschneidet, oder sie
verändert, wie ich selbst, wenn ich im Studium
weiter komme, die Absicht habe, sie erst eigentlich
auszuarbeiten. Jetzt war meine gröszte Noth, selbst
erst so viel unbekannte Dinge zu lernen und andere
eben dazu anzuregen. Es soll mir sehr lieb seyn,
wenn Ihnen doch eins und das andere gefällt. Ich
wünsche, dasz Krug diese Ghrammatik bald recen-
siren&zt.
Wir hatten ims seit den letzten Monaten fast
gewisze Rechnung darauf gemacht, Sie hier an-
kommen zu sehen und Ihre Gtesundheit wieder völlig
hergestellt. Das letzte ist denn doch eingetroffen
and ich denke mir, dasz es Ihnen noch fast an-
genehmer sein musz, während der Abwesenheit des
y Google
142 XIII. J. Grimm an Suabedissen. 1821
Prinzen recht rahig und zwanglos in Leipzig zu
bleiben. Wilhelm hat den Prinzen besucht, und
gesprochen: ich nicht, weil ich ihm eigentlich gar
nicht bekannt bin.
Mit herzlicher Hochachtung
Jacob Grimm.
76.
Gassei 12 Nov 1^1
Verehrter Freund, vorigen Freitag kam der
melstmger Bote in unser Haus, wahrend ich auf der
Bibliothek war und Wilhelm hat ihn auf Dienstag
wieder bestellt. Wollen Sie ihm sagen, dasz er
künftig jedesmahl zwischen 10—1 Uhr auf die Bib-
liothek kommt, so geht es bequemer. Dies mahl
habe ich Ihnen zus. gepackt:
Gott. Anz. 105—168
Heidelb. Jahrb. Jun. Jul. Aug. Sept.
HaU. L.-Z.
Mehr halten wir nicht. Mögen Sie des Paulus
SophronizonP den besitzen wir vollständig. — Mit
Wilhelm gehts beszer, doch noch nicht so recht
was ich der Pillen Cur zuschreibe, die er begonnen
hat und woran sich seyn Magen erst gewöhnen
musz. Ich denke er schreibt Ihnen selbst, ob er
in dieser Zeit noch die Reise wagen will. Herzliche
Grüsze
Grimm
Herrn Hofrath Suabedissen wohlgeb. Melsungen.
y Google
1815 XIV. W. Grimm an Saabedisaen. 143
XIY. Drekmilffififzig Briefe von Wilhelm 6rlmni
an Suabedieeen.
77.
Gaszel 15. Dec. 1815.
Herzlichen Dank, mein liebster Freund, für Ihr
Andenken selbst in lästigen und gestörten Stunden;
ich weisz aus Erfahrung, wie einem zu Muthe ist
und ich hoffe, dasz Sie sich, wann dieser Brief an-
langt, beszer befinden. Ihre Lage dort kann ich mir
80 ziemlich denken, zum Olück kommt das Un-
bequeme, wie an einem neuen Rock, gewöhnlich
zuerst und allmalig legt sichs etwas nach dem Leib.
Wie oft ich Ihnen die beste gewünscht, will ich
nicht sagen, wohl aber mein Vertrauen, dasz sie
noch kommt Mir geht es wie sonst, nur noch ein-
samer und ich habe niemanden mehr, zu dem ich
▼ertrauUch reden könnte oder wollte; der braye
fierling ist der einzige, zu dem ich zuweilen mit
Vergnügen gehe. Jeden Tag werde ich an Ihre
Abwesenheit erinnert, wenn ich auf die Bibliothek
gehe und die hellen ungeA*omen Scheiben und eine
zerbrochene Scheibe in Ihrer Wohnung sehe. So
bin ich wohl schon durch die Stadt gegangen und
habe betrachtet, wie an den Orten, wo sonst liebe
Kenschen bei denen ich oft vergnügt war, wohnten,
ietzk fremde und widerwärtige Gesichter heraus-
gucken; es ist eine der schmerzlichsten Empfindungen
▼on der Welt, die einem wie ein Meszer durch die
Seele schneidet. Selbst an unserer alten Wohnung
bin ich so vorbeigegangen, wo wir noch zusammen
itut unserer lieben Mutter waren. Das Leben einer
y Google
144 ^IV. W. Grimm an Suabediwen. 1815
Wittwe mit ihren Kindern hat etwas sehr schönes
und zutrauliches und ich weisz noch recht gut, wie
bei dem Tode meines Vaters mich dieser Gedanke
von einem festeren Zusammenleben getröstet hat
Eigentlich gedeihen wir hier in Gaszel nicht, Tor
zehn Jahren war ich noch vielmehr zu Haus und
wir sind wie eine Pflanze, welcher in diesem Erd-
reich die Wurzeln allmälig absterben. Auf der
andern Seite hat diese Einsamkeit wieder ihr Gutes
und erhÜt die Gedanken an die abwesenden Freunde
lebendiger. Übrigens scheint mir unser Schicksal
zu schwanken , da ich wohl sehe, dasz mein Bruder,
den ich in kurzem erwarte, sich gefaszt halten musz,
seinen Abschied zu fordern, nachdem er sich bei
dieser Stelle geweigert. Wie es gehen wird, will
ich Gott überlaszen.
Das öffentliche Leben kann einem wenig Lust
machen, die Einsamkeit zu verlaszen. Sie werden
Schmälzens Schrift und Niebuhrs Antwort ge-
lesen haben; die letztere zeigt die ünbehilflichkeit
des Reichthums in der Darstellimg, aber wie leuchtet
wohlthuend die Redlichkeit überall durch und wie
hat er den Gegner getroffen. Schmälzens Erwiderung
ist gerade so elend, wie sie seyn muszte, wenn er
nicht schweigen wollte. Das traurigste bei der Sache
ist, dasz eine grosze Anzahl Menschen seine Partei
nehmen und sie betreiben, theils aus schlechter Ab-
sicht, theils aus philisterhafter Dummheit So liegt
ein Nebel über dem deutschen Wesen, in dem schwer
zu athmen ist, kaum hier u. da ist er zerrissen xuA
gestattet den blauen Himmel zu sehen, doch das
y Google
1816 XIV. W. Ghrimm an Snabedissen. 145
soll der Trost seyn, dasz dieser höher und unver-
gängUch steht. Wie seelig sind die in den ScUachten
von Leipzig bis Montmartre gestorben, in dem festen
Glauben an eine wiedergewonnene reine Freiheit.
Was soll ich Urnen von hier schreiben? ich
danke es geht idles in gewohnter Langeweile fort,
die manchmal in Hochmath, Eitelkeit u. drgl. ehr-
baren Untugenden sich einen Schein von Leben gibt.
Eine gote Gesellschaft ist in der Oemählde-Sammlung
angelangt, an der ich mich schon einmal erfreut,
big mich die bittere Kälte hinausgejagt, wenn es
Sommer u. sie zugänglicher geworden, denke ich mir
manche angenehme Stunde damit zu machen. Es
sind viele schöne Bilder da und wenn ich nicht wüszte,
dan die besten fehlten und ich sie [nie dort] gesehen
hatte, wihde ich mit dem vorhandenen zufrieden seyn*
Ich habe schon einmal meine Landkarte aufgelegt
[und] den Weg fiberdacht, den ich nehmen will,
wenn ich Sie besuche. [Erst nadi] Leipzig, dann
nach Halle, weiter nach Dahme ins Ländchen
[Bemwalde,] wo Arnim sein (Jut hat, endlich nach
Berlin. Wann es [kann aus]gef(lhrt werden musz
ich mm Gott fiberlaszen,'der Willen ist gut. Grüszen
Sie Ihre Frau und die lieben Kinder, das Theehanchen,
das Lachiäubchen, meine Line u. den kleinen Brunmi-
basz, alle aufia herzlichste und behalten Sie mich lieb
W. C. Grimm.
Ich bitte die Einlage an Below zu geben und
den andern Brief auf der Post auflegen zu laszen.
An Herrn Professor SnabediBfen. Bei dem Prinzen Fried-
rich von Hessen in Leipzig
Z. SUngel. Briefe der Brüder Orimxn. 10
Digitized by VjOOQ IC
146 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1816
78.
Caszel am 23. März 1816.
Liebster Freund, ich hatte gleichfeUs, wie die
Nachricht von dem Verbot des „Merkurs* kam, den
Gedanken, unsern Becher auszuführen und besprach
mich mit Henschel. Wir wurden endlich einige
gleichsam ein Gestell von durchbrochener imd leichter
Kunstarbeit gieszen zu laszen, wo möglich ganz von
Eisen und falls dies noch nicht so gehandhabt wer-
den könnte, dasz es schön u. rein ausfallt, die
gothischen Bogen daran mit dem Laubwerk in Bronze
ausführen zu laszen, die kleinen Figuren aber in
diesen Nischen aus Eisen, was vielleicht einen noch
prächtigem und reichern Eindruck gewährt. Der
Figuren sollten viere seyn, eine Mutter Gottes mit
dem Kinde, auf dem halben Mond stehend, ein
deutscher Kaiser, ein Landwehrmann mit dem Kreuz
und ein Rhein. Jene drei ersten wären mir genug
gewesen, sie sollten auf das göttliche und mensch-
liche deuten, von dem diese Zeit bewegt und ge-
trieben worden ; allein die runde Form verlangt noch
ein viertes Bild, da weisz ich nichts beszeres als den
Rhein, in dem der alte Hort versenkt liegt, weil
er der deutsche Flusz vor allen ist und die
lebendigste Ader Deutschlands, dem er sein Blut
nun wieder zuströmt. Nur fühlt man in solchen
FäUen den Mangel alles Sinnbildlichen bei uns und
es bleibt nichts übrig als nach einsamer Ansicht und
Meinimg von dem schicklichen und verständlichen
eine Figur zu dichten, und zwar eine bekleidete,
y Google
1816 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 147
denn ein antiker Fluszgott würde wenig dazu paszen.
Der Stengel steigt schlank aus Pflanzen-Verzierungen
auf, am Fusz unten sollen in halb erhabener Arbeit
zwei Darstellungen angebracht werden. Erstlich der
«Schwanritter*', eine alte Rheinsage, von der ich
nicht weisz, ob sie Urnen bekannt ist. Es kam ein-
mal ein Nachen auf dem Rhein herab , ohne Fähr-
mann nnd Segel von einem Schwan an einer goldenen
Kette gezogen; darin lag ein junger Ritter, schlafend
auf seinem Schild. Der Schwan landete nach ver-
schiedenen Sagen an verschiedenen Orten des Nieder
Rheins, der Ritter erwacht, steigt aus, befreit eine
jmige Fürstin von einem Feind und heirathet sie,
verbietet ihr aber, nach seiner Herkunft zu fragen.
Sie bezähmt ein paar glückliche Jahre ihre Neu-
gierde, verlangt aber dann einmal für die ihm ge-
borenen Kinder Namen und Herkunft des Vaters zu
wiazen. Nun ruft er, sein Schicksal beklagend, den
Schwan, der ihn wieder fortzieht imd niemand weisz,
woher er kam imd wohin er gegangen. Doch ist
ein herrliches Geschlecht (Grafen von Cleve) aus
ihm gesproszen. Es soll dargestellt werden, wie der
Schwan den Ritter auf dem Rheine zieht. Der
Schwan ist nach den altdeutschen Mythen ein Geist.
Ein reiner Geist soll eine beszere Zeit bringen, er
kommt von Gott und kehrt zu ihm zurück. Wer
die Sage kennt, wird auch die Lehre ersehen, ihn
nidit mit zeitlichen Dingen fortzutreiben, eh sein
Werk vollbracht ist. Dabei ist der zufällige Um-
stand erwünscht, dasz Görres diese Sage in einem
altdeutschen Gedicht einmal herausgegeben. Zum
10*
Digitized by VjOOQ IC
148 XIV. W. Grimm an SDabedissen. 1816
Gegenstück wird dann der Untergang des Bösen in
demBischoffHatto, den die Mänse bis in den BheiB-
thurm bei Bingen verfolgen dargestellt. Ich will
mir keine Anspielung erlauben, als einen Kaiser-
Mantel, den das Ungeziefer schon gepackt hat.
In diesem Gestell ruht nun weit überragend,
gleichsam als die BlüÜie, eine Schale von edlem
Erz, nicht weit vom Band eine Verzierung aus zu-
sammengeschlungenen Händen, jedes Paar ist ge-
trennt oder verbunden mit einem Eichenblatt, auf
jedem ein Buchstab seines Namens, oben und unt^
zn^ei Sprüche: „Treue Ebmd geht durch alle Land*
und: , Gottes Gnade erfreut alle Welt." Inwendig
der Becher vergoldet; auszen, wo die Figuren in
gothischen Bogen st^en, auch Gold; oben darüber
Silber. Das Ganze hat Henschel überaus schön
zusammengestellt und hatte sogar unter verschiedenen
Formen eine Wahl zugelaszen. Die Zeichnui^
müszten Sie nun sehen, aus der Beschreibung wird
(sie) Ihnen nichts deutlich werden, als der gute Wilk;
ich habe sie aber deshalb gemacht, damit Sie uns
Bemerkungen und Erinnerungen mittheilen. Viel-
leicht fallt Ihnen ein beszerer Spruch aus d^
Bibel bei.
Nim konmit noch ein Umstand. Henschel ist
ein vortrefflicher Mensch, treu, wahr, bescheiden,
geistreich u. geschickt, wie ein Deutscher aber auch
darin ein Deutscher, dasz er sehr bedachtig d. h.
oft sehr langsam ist. Zwei Monate hat er sich fftr
die mühsamen Modelle bedungen. Nun ist eben die
Kurprincessin zurückgekehrt, er hatte dieser ftlr die
y Google
1816 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 149
Königin yon Holland die Aasfährung einer schönen
Erfindung im Oroszen versprochen, aber auch noch
mchts gethan, so dasz diese verwundert war und
billig verlangt zur Ankunft der Königin in ein paar
Monaten etwas noch aufizustellen. Also ruht unser
Becher. Was ist hier zu thun ? Mein Bruder meint
ein einfeu^hes blos durch seinen Werth aus-
gezeichnetes Trinkgeschirr machen zu laszen bei
einem (Goldschmied. Nun wäre es freilich schön,
wenn der Becher gerade ietzt könnte geschickt
werden, dennoch bin ich entgegengesetzter Meinung
und glaube es müsze auch ein Kunstwerk se]m,
weil es doch sonst inuner geringen Werth hätte und
in keine andere dritte Hand gelangen würde, als
die es wieder in Geld umsetzte. Lieber will ich
noch warten. Was halten Sie davon?
Unsere Lage ist noch immer ungewisz. Mein
Bruder ist nicht wieder angestellt, aber auch nicht
entlaszen, da man ihm seine Besoldung noch zahlt.
Er ist eben auf ein paar Tage nach Göttingen. Ich
gebe nicht gern mein gegenwärtiges, ruhiges und
von allem Druck freies, persönlich angenehmes Ver-
haltnisz auf, doch musz ich ja wohl thun, was Gott
will. Wir arbeiten indesz fleiszig und werden zu
Ostern einen Band ^»deutscher Sagen'' herausgeben;
w^m idi wüszte, dasz Sie es von selbst zu lesen
Lost hatten, wollte ich Ihnen das Buch gern schicken.
Bs freut mich recht, dasz Sie mit der „Edda*^ zu-
frieden sind; f&r die folg. Bände haben wir schon
▼iel gethan und der gröszte Theil des nächsten ist
y Google
150 ^V. W. Grimm an Snabedissen. 1816
ausgearbeitet, ich warte aber noch auf einiges aus
Dänemark und das verzögert den Druck.
Haben Sie Kann es Leben erweckter Protestanten
mit seiner eigenen Geschichte gelesen? Es ist ein
merkwürdiges Buch. Wahrheit ist darin, aber da
ich nicht weisz ob durchaus, so hat es mir etwas
ängstliches. Schon die Scheu vor der Wiszenschaft
ist f&r ein gesundes Gemüth unnatürlich, wir suchen
ja eben Gott darin.
Von politischem Wesen will ich Ihnen nichts
schreiben, und für den Brief an Below, den ich
abzugeben bitte, versparen. Sie werden nicht sehr
verschieden von mir denken. An der Hofhung halt
ich fest. Die Constitution, die, wenn sie so ist,
wie sie einige woUen gelesen haben, Gutes wirken
könnte, soll, wie es heiszt hier nur gegeben werden,
wenn die Landstände einen Theil der Forderungen
bewilligen, wozu sie sich nicht anschicken. Die
Bauern vom Diemeistrom haben eine sehr auf die
Sache dringende rückhaltslose Vorstellung eingereicht
u. die andern wollen folgen. Es ist eine Commission
ernannt, die Beschwerden zu untersuchen und den
Verfasser auszumitteln , als welcher, wie es heiszt,
ein unterdeszen verstorbener Schulmeister angegeben
wird.
Mein Bruder in München hat die Zeichnung
von mir auf Stein gebracht, davon schicke ich Ihnen
einen Abdruck; ich weisz nicht ob das Bild noch
ähnlich ist, vielleicht ist es dadurch an sich be^er
geworden. Auf jeden Fall wird es eine Erinnerung
an mich seyn und die dürfen Sie mir nicht versagen.
y Google
1816 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 151
Grüfizen Sie Ihre Frau und die Kinder und nicht in
Bauseh und Bogen, sondern jedes ganz besonders,
an Marie werde ich oft durch Ihre Schwester er-
innert. Leben Sie wohl, liebster Suabedissen und
behalten Sie mich lieb.
Ihr treuer Freund
W. C. Grimm.
79.
Cassel am 10. Mai 1816.
Liebster Freund, als Sie mich am Ende Ihres
Briefes noch fragten, ob die Reiselust nicht in mir
erwache, haben Sie wohl nicht gedacht, dasz ich
gerade so bald würde die Antwort bringen, wie
dann doch geschehen soll. Wäre nur die Veran-
laszung erfreulicher. Mein lieber Freund Arnim
ist krank geworden und hat mir schreiben laszen
nnd dringend bitten, zu ihm zu kommen. Er hat
eine Brustentzündung gehabt mit heftigem Fieber
und auf den Tod gelegen, die Krankheit hat sich
zwar eben an dem entscheidenden Tag gebrochen,
aber die Genesung wird langsam gehen u. da wünscht
er, dasz ich bei ihm wäre. Wollen Sie mich nun
einen Tag oder zwei bei sich aufnehmen? Sagen
Sie Ihrer Frau, ich hielte mir dafür, dasz ich
so geradezu mit der Bitte konmie, ohne Einladimg
abzuwarten, aus, dasz ich in kein Spiegelzimmer
soiriem in ein kleines, bescheidenes geführt werde.
Arnims Ghit ist Wippersdorf im Ländchen Bem-
waide bei Dahme, ich habe hingeschrieben ob sie
y Google
XrV. W. Grimm an Suabedissen. 1816
innen mit ihrem Wagen dort abholen laszen.
1 ein Brief an mich bei Ihnen deshalb an-
jder ich will ihn erwarten. Hätten Sie zu-
älegenheit Erkundigung über die Weise, wie
5h Wippersdorf am besten reist, einzuziehen^
das gut ftir mich, falls kein Wagen mich
kann.
Jen den lOten reise ich mit einem Zauderer
.uderer ab, der seine 4 Tage braucht, ich
un nicht ob ich erst Dienstag Morgen oder
[ontag Abend eintreffe.
heiszts wieder einmal, das weitere mündlich,
n sind Sie u. das ganze Haus herzlich Yon
len gegrüszt
Dir W. C. Grimm
?rm Profeszor Suabedissen, Erzieher des Prinzen
Friedrich von Hessen Leipzig
80.
Caszel am 3 July 1816
ster Freund, ich habe nicht eher als ietit
Bfunden, Ihnen meine glückliche Ankunft zu
und für so viele Liebe und Freundschaft zu
Bis Kosen war mein Weg leidlich und
lal, wenn die heiteren Viertelstunden mit
Gegenden zusammentrafen, recht angenehm.
; es an fein zu regnen, und wir konnten
m (den zweiten) Tag schon nicht mehr
• erreichen. Die ganze Nacht regnete es 'so,
y Google
1816 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 153
ab hatte es in diesem Fach noch gar nichts geleistet,
und da der Wind nun das Wetter gerade zu mir
kereintrieb kam ich Morgens (Mittwochen) nasz in
Weimar an und konnte es nicht wagen, weiter zu
gehen. Ich verliesz also die Judenbraut u. stieg
imElephanten ab, ziemlich mismnthig, weil ich nun
doch zu einem Aufenthalt gezwungen war, den ich
lieber bei Ihnen gehabt. In Kosen hatte ich schon
gehört, dasz tot kurzem Göthes Frau gestorben
sey, ich wnszte also nicht, ob er jemand schon
sehen wolle, indeszen konnte er mich ja abweisen
XL ich machte den Versuch. Er nahm mich aber
an und ich habe ihn nie so heiter, freundlich und
wohlwollend gesehen. Er sprach über yieles u. wenn
er in seinem Buche von der Kunst in den Rhein-
n. Main Gegenden gegen den heil. Geist, den Herrn
Christns u. die Heiligen eine gewisze kalte und
hnmane Artigkeit äuszert, so sprach er hier recht
schön u. warm über das neuerwachte religiöse Ge-
fthl, das nicht wieder untergehen werde, weil man
empfunden dasz man ohne das nicht leben könnte, und
es war wohl zu sehen, dasz er in jenem Buche nur
aus einer gewiszen Opposition so gesprochen. Gegen
die neuen Bekehrer, den Hr. Adam Müller u. Fried.
Schlegel sprach er sehr bestimmt, sie wollen uns
nehmen, was wir uns erworben haben und ein
rechter Katholik will nichts anders, als ein
Protestant. Mit Vergnügen erzählte er vom Prinz
Anton in Sachsen, dasz er diurch ein paar wild-
lederne Hosen seine Reitknechte zu bekehren suche,
die nur ein katholischer über das Gewöhnliche er-
y Google
154 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1815
halte und die schon manchen verfOhrt habe. Erst
den Freitag konnte ich von Weimar abreisen, da
man wegen der ausgetretenen Bäche den Donnerstag
nicht nach Erfurt kommen konnte. Sonntag den
23. Mittags, nachdem ich die Nacht durch gefahren
kam ich endlich gesund hier wieder an. Oerling
mit Mutter Frau und Eand habe ich gesund gefunden,
Ihre Schwester hat eine Reise nach Melsungen,
Spangenberg etc. gemacht u. scheint davon gestärkt
und vergnügt. Vorgestern hat uns Gerling mit der
Nachricht überrascht, dasz aus seinem Rufe nach
Stralsund deshalb nichts geworden, weil Schuck-
mann überhaupt die Stelle zu besetzen keine Lust
habe. Das thut mir nun leid, weil er sich wahr-
scheinl. auf das geordnete imd ruhige Leben dort
gefreut, sonst ist es mir lieb, ihn noch hier zu be-
halten. Harnier war eben im Begriff nach Pyr-
mont zu reisen, gestern erzählte mir sein Bruder,
der nächstens als Ehemann die Welt betrachten
wird, dasz er schon geschrieben, glücklich ange-
kommen und viel neue Bekanntschaften gemacht
habe, was ihm doch endlich auch etwas altes werden
musz. Mein Bruder Ludwig macht mit einem
frankfurt. Brentano eine Reise nach Italien bis
Neapel u. wird im Herbst erst wieder kommen.
Von Bologna hat er uns geschrieben und schon viel
herrliches an Kunstwerken gesehen« Es wird sich
nun bestinmien, ob ein längerer Aufenthalt in Rom
dann noch nöthig ist, es ist zu bedenken, dasz er
ihm auch eine gewisze deutsche Eigenthümlichkeit
rauben könnte.
y Google
1816 XIV. W. Grimm an Suabedifiaen. 155
Nun leben Sie wohl , seyn Sie mit Frau und
Kindern tausendmal gegrüszt, mit herzlicher Liebe
u. Freundschaft
Ihr W. C. Grimra.
Auch mein Bruder grüszt vielmals
Die Einlage bitte ich auf die Post tragen zu
laszen.
Noch eins: Die deutsche Sprachgesellschaft zu
Berlin hat uns eiu Diplom fQr Sie als Mitglied zu-
geschickt, ich werde es bei erster Gelegenheit Ihnen
senden.
8L
Caezel 10. Nov. 1816.
Liebster Freund, seyn Sie und die Ihrigen tausend-
mal gegrüszt, ich hoffe, dasz Sie sämmtlich gesund
sind und es Urnen ziemlich wohl ergeht. So oft ich an
Sie denke, * fallt mir auch das Lästige eiu, das Sie
ertragffli und das nicht ganz sich wird abheben
laszen, doch trösten mich auch manche Dinge, die
ich aus Baden höre darüber dasz Sie nicht nach
Heidelberg gekommen sind. Hier theilen sich doch
zuweilen ein paar Wolken und laszen ein Licht
dnrch£Etllen, wenn sie auch noch nicht fortziehen.
Am 19. Octbr., wo wir zur Feier des 18. zu einem
Gastmahl u. auch Tanz versammelt waren, habe ich
mit Ihrer Schwester und Ihrem Schwager auf Ihr
Wohlseyn herzlich angestoszen und wenn es Ihnen
y Google
156 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1816
nicht an der günstigen Seite im Ohr geklingelt
hat, so weisz ich nicht, was ich dazu sagen sofl.
Der 18. ward recht schön gefeiert, wiewohl es
immer dazu eines Anstoszes bedarf, nicht wegen
der Gesinnung der Menschen, sondern weil öffentliche
Feste schon aus unserm Leben u. unsem Sitten aus-
getreten sind. Vielleicht erhält es sich dauernder
in Dörfern u. kleinen Städten, als in Residenzen.
Ich schicke Ihnen hier, wie Sie es wünschten,
ein Lied und die Melodie dabei. Brentano hat
es, nach der wahren Begebenheit gedichtet und auch
die recht paszende Weise dazu componirt. Es ge-
fällt mir gar gut imd ist, etwa den zweiten Vers
ausgenommen, wo die epigrammatische Spitze und
das obgleich biblische, doch zu künstliche Oleidmis
.nicht recht paszen, auch volksmäszig, allgemein ver-
ständlich und eindringlich. Femer schicke ich Ihnen
ein paar Blätter von meinem Bruder Ludwig, die
Zwehmer Märchenfrau, die sich die Kinder be-
trachten können und einen charakteristischen Juden,
wovon sie vielleicht die Zeichnung hier schon ge-
sehen haben, welche sich treu an die Natur gehfdten
hat. Das andere Exemplar der Bilder bitte id
sammt dem Brief Bei ow zukonmien und die übrige
Rolle auf die Post tragen zu laszen.
Wir arbeiten nun so fort, mit dem besten Willen
und nach unsem Kräften. Gott gebe, dasz es etwas
Ganzes und brauchbares zusammen aus macht. So
oft etwas allgemein menschliches darin vorkommt,
werde ich mir die Freude machen, es Ihnen zuzu-
schicken, von den Vorarbeiten will ich Ihnen aber
y Google
1816 XIV. W. Grimm an Suabediwen. 157
nicht reden« Gdthe habe ich einen Plan zu einer
Gesellflchaft f&r altdeutsche Literatur, Poesie und
AUerthümer zugeschickt, da er mir die Ehre an-
gethan, mir deshalb zu schreiben und sich freund-
lich und theilnehmend zu zeigen. Ein Hauptstück
darin ist zu zeigen wie gewisze Arbeiten nur ge-
meinschaftlich vollbracht werden können, im übrigen
aber die grdszte Freiheit herrschen musz und nie-
mand durch Theilnahme beschrankt werden dürfe.
Der neue Band seines Lebens ist in den Beschreibungen
wieder meisterhaft, man meint man könnte überall
da herum spatziren gehen« Sonst habe ich noch
gelesen die Memoires derMarquise de la Roche
Jaquelein, die Sie ja nicht übergehen dürfen. Hier
bekommt man wieder Tor einem Theil der Franzosen
Achtung, was fflr grosze Thaten sind da geschehen
imd wie wahr ohne Verschönerungssucht ist es er-
zählt Viel ähnliches mit dem Tirolerkrieg. Könnte
ich einen Abend bei Ihnen zu bringen, so machte
ich Ihnen, nach den ersten Gedanken, die jenes
Buch erweckt, einen Spasz, indem ich Urnen ein
hsndscfariitl. Lustspiel von Brentano auf den
Schmalz yorläse. Es heiszt ,der Geheime Bath
Schnaps' und ist eine Fortsetzung des Göthischen
«Bürger Generals^ ; es ist toU Witz und guter Ein-
iSIle, gedruckt kann es nidit wohl werden.
Harnier ki vor kurzem von Leist wohlbe-
halten zurückgekehrt und wohnt ietzt bei den jungen
Eheleuten, ist aber ietzt, nachdem er nicht auszu-
gehen das Amt hat, noch weniger bei sich anzutreffen.
Trost ist etwa um dieselbe Zeit seinem neuen
y Google
158 XIV. W. Grimm an Suabedisaen. 1816
Schicksal entgegen gegangen und hat noch ein paar
junge Leute von hier mitgenommen. Gerling, der
diesen traurigen Entschlusz, mit denselben Augen
betrachtete wie ich, hat noch einen Versuch gemacht,
ihn abzuhalten, aber bei dem Charakter von Trost
war der Erfolg vorauszusehen. Zu uns ist er nicht
weiter gekommen, als einmal kurz nach seiner An-
kimft. Ich halte die Frau im Verdacht, dasz sie
Schuld an dem Entschlusz hat, aber die schwarze
Majestät zu Haiti kann ihr noch furchtbar genug
werden.
Ihre Schwester wollte einen Brief schicken, wenn
er noch anlangt, lege ich ihn bei; sonst kann ich
versichern, dasz sie beide wohl sind, das Kind gleicht
anßerling oder vielmehr ganz entschieden G^erlings"
Mutter.
Grüszen Sie Ihre Frau, den Hans, das Täubchen,
den kleinen Brunmibasz und die Lehne recht herz-
lich und behalten Sie lieb Ihren treuen Freund
W. C. Grimm.
NB. Wie ich einpacken will, sehe ich dasz die
Exemplare von dem Juden, über die ich verfögen
kann, schon verschenkt sind. Ich will aber neue
in München bestellen. Dafür lege ich zwei Mäuschen
bei ein weiszes u. schwarzes gleichfalls nach der
Natur, die werden den Kindern Freude machen.
y Google
1816 XIV. W. Grimm an Suabedisaen. 159
82.
Caszel am 12. Dec. 1816.
Liebster Freund, Ihr Brief ist mir doppelt werth
gewesen, weil wir, ohne Ursache, wie das pflegt,
uns eingebildet hatten, Sie befönden sich nicht wohl
und das wäre Chrund Ihres Stillschweigens.
Ich schreibe sogleich, um eine Gelegenheit nicht
ZQ versäumen, durch welche ich Urnen die Gesetz-
Tirkunde der B. Gesellsch. fär deutsche Sprache
senden kann. Ihr Exemplar habe ich so gut auf-
gehoben, dasz ich es im Augenblick nicht finden
kann, ich gebe also das meinige; auf dem Ihrigen
stand blos Ihr Name. Es ist ein Gesetz darin,
wornach der, welcher binnen einem Jahr nicht ant-
wortet d. h. nicht Beiträge einschickt, wieder als
ansgeschloszen betrachtet wird. Ihnen, die Sie mir
es nicht misdeuten u. wohl wiszen, dasz ich das
Gute in der Absicht wohl zn schätzen weisz, will
ich gestehen, dasz ich mir jenes Gesetz zu Nutz
machen wiU. Es ist mir allzuviel Fachwerk u.
geradheraus Philisterei in dieser Gesellschaft, die
nimmermehr lebendigen Einflusz u. gottlob ! auf die
Sprache haben u. wahrscheinl. am Ende in eine
recht gute Zusammenkunft zu einem fröhlichen
Mahl sich bilden wird.
Wegen des jungen TEstocq habe ich die
nöthige Anfrage gethan und werde binnen 8 Tagen
Antwort bekommen, die ich Ihnen sogleich mit-
theilen will.
y Google
160 ^^* ^' Orimm an Saabedissen. 1816
Hamier ist so glücklich mit Lei st nach Italien
zu gehen u. so unglücklich im Juli wieder hier
seyn zu müszen, ich weisz nicht, was ich in dem
Fall thäte. Welch wunderliches Schicksal, dasz ein
westphäl. Staats Rath an den Pabst geschickt wird,
geistliche Verhältnisze zu bestimmen! nach diesen
Maasstab könnte ich einmal Inspector der Bergwerke
u. Gewäszer werden.
Leben Sie wohl, liebster Freund, Gott erhalte
Sie gesund, grüszen Sie das ganze Haus
Ihr W. C. Grimm.
88.
Gas sei 23. Dec 1816.
Liebster Freund, ich schreibe Urnen sogleich,
was ich wegen des jungen TEstocq zur Antwort
erhalten. Ist es ein Sohn Ton dem General, der
nicht aus militärischen Verg^en, sondern andern
bösen Anklagen sitzt, so will man ihn nicht auf-
nehmen. Ist aber der Vater ein anderer, so wird
gefragt, ob der junge Mann Vermögen hat, um
etwas zusetzen zu können. Binnen 3 — 4 Jahren ist
keine Hoffnung, dasz ein Junker, da alle Stell^i der
Art im Überflusz besetzt sind, befördert werde u.
er wird also grösztentheils von dem seinigen leben
müszen. Kann er das aber, so könnte er sich mit
einer Vorstellung unmittelbar an den Eurfäreten
wenden, welche dann wahrscheinl. wieder zum Be-
ridit an den G. Thümmel geht, Ton welchem
obige Auskunft herrührt.
y Google
1816 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 161
Harniers Reise nach Italien wahr sehr zweifel-
haft geworden, da die HanöT. Oesandtschaft an den
Pabst durch den Vorschlag Ostreichs, gemein-
schaftlich mit diesem die kirchL Angelegenheiten zu
ordnen einen Aufechub erlitten. Es soll eine neue
Diöcesan-Eintheilung von Deutschi, stattfinden. Das
erzahlte mir H. selbst vor zwei Tagen, nun höre
ich eben, dasz er doch nach Italien zu der Her-
zogin Yon Anhalt, die sich in Pisa befindet, u.
zwar in ganz kurzem abreisen wird.
Der Kurfürst hatte einen Rückfall bekommen,
der ein paar Tage bedenklich war, indeszen befand
er sich gestern beszer u. war wieder bei Laune.
Gerling mit Frau u. Kind sind wohl, ich habe
beide vorgestern gesehen.
Tausend Grüsze u. die herzlichste Liebe
W. C. Grimm.
Ich bin wieder mit einer Einlage da.
Ein Neujahrwunsch
Ich schau hinaus, vor meinem Fenster thut sichs auf,
die Wolken ziehen fort in stillem Lauf,
das Himmelsauge blicket wieder
blau, unvergänglich, mild auf uns hernieder;
Und neben mir hat sich die Blume aufgethan,
schneeweisz und duftend, schaut zur Sonnenbahn,
and durch die Wintersnächte und die kalten Stunden
hat sich das Leben froh und hell gefanden.
1. Stengel. Briefe der Brüder Orlmin. U
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162 XIV. W. Griinm an Suabedissen. 1817
0 Gott und Herr, bescheer all deinen Kindern
solch einen Blick in kalten Wintern
und die dich lieben, all den Deinen
lasz du dein Licht, da wo sie trauern, scheinen.
84.
Caszel am zweiten Ostertage 1817.
Liebster Freund , da die ganze Natur Lust be-
zeigt den kalten und grauen Regenmantel abzu-
werfen und sich mit etwas heiterem Angesicht her-
vorzuthun, so will ich mich auch wieder einmal
regen und ein paar Papierblätter Ihnen in die Hand
bringen, während Sie die grünen vor den Augen
haben, damit Sie auch jene mit ähnlichem Wohl-
gefallen betrachten. In der That hat der seltsame
Winter, mit dem fürchterlichen Wind, der etiicbe
Mal meine Fenster zu zersprengen drohte, durch
seine starre Unabänderlichkeit einen ängstlich ge-
macht und ich bin durch diese schönen Wochen
ganz besonders erfreut, weil ich sehe, dasz der
Hinunel seine alte Weise nicht vergeszen hat. Meine
Altane habe ich au& beste bestellt, Sonnenblumen,
Wicken, Winden sollen Sie, wann Sie herkommen
in schönster Vollkommenheit sehen und Goldlack
blüht schon in einer Pracht. Ich wollte die Marie
und das Hannchen wären bei nur und müszten mir
für das Begieszen sorgen helfen, sie sollten sich
dann auch mitfreuen.
y Google
1817 XIV. W. Grimm an Suabediwen. 163
Zu einem solchen Wunsch habe ich eben ietzt
besondren Antrieb, da ich seit 14 Tagen ganz allein
u. so eine Art von Strohwittwer bin; mein Bruder
ist auf sechs Wochen nach Heidelberg zu den alt-
deutschen Handschriften aus Rom und meine
Schwester ist nebst Ramüs und dem Hn. Bauer,
der noch immer blos proleptisch Doctor heiszt, nach
Frankfurt zu Verwandten und Freunden. Die Ein-
sasikeit hat auch ihr angenehmes, aber nicht zu
allen Stunden besonders nicht Abends und mit dem
besonderen Fleisz wills auch nicht fort, weil mich
ein kleiner Rheumatismus plagt u. wie der Schneider
im Märchen, der nicht zu fangen ist, in mir herum-
bringt Gerling seh ich zuweilen doch nicht zu
oft, er geht Abends nicht gern aus, weil Ihre
Schwester ein wenig kränklich war und sich darüber
mehr Gtedank^i und Sorge macht, als uöthig ist.
Sie kann recht heiter werden, wie ich sie ein oder
zweimal im Theater gesprochen habe, aber ich
glaube, es gehört bei ihr ein kleiner Entschlusz
dazu? Das Kind ist gesund und wächst, schlägt
aber gsanz in die gerlingische Natur.
Von unserm öffentlichen Leben, so unbedeutend
es in der Feme aussehen mag, läszt sich immer
mehr si^en als auf dies Papier geht. Die An-
gelegenheit mit dem Bundestag yon dem Smid,
als er von Bremen zurückkam, mit einigen Er-
wartungen sprach, hat viel Aufsehen gemacht ; hier
hat man sich mit dem Mimn verglichen, indeszen
kum sich doch manches dabei entwickeln und wenn
etwas gesundes und rechtliches zu Stand kommt, so
11*
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164 XIV. W. Grimm an SnabedieseiL 1817
wird man Recht haben zu sagen, so muszte etwas
geschehen und den Anstosz geben. Vielleicht wirkt
auch der neue preusz. Staatsrath gut; vor allem ist
das fCir die Rheinländer zu wünschen; Gör res ist
ziemlich erbittert, Smid sagte, man habe Tor ihn
nach Würtemberg zu berufen, sonst wird man ihm
wohl eine Stelle an der Universität, die nun ent-
schieden nach Bonn kommt, anbieten. Sie wiszen
wohl nicht, dasz er ietzt ganz ohne Stelle -ist und
zwar durch folgenden Hergang. Der König hatte
zu Aachen versprochen, dasz alle Beamten ihre
Stelle behalten sollte[n]; da man aber zu viele Lit-
thauen und rothnaszige Preuszen (welches die schlimme
Sorte ist, die guten wandern natürlich nicht) her-
ausgeschickt hatte , so war jenes Versprechen nicht
zu erfüllen; man unterschied also zwischen denen,
welche von den Franzosen her ihr Amt hatten, und
denen, welche im Provisorium es erhalten und wollte
nur eine Glasze bestehen laszen. Statt aber die zu
wählen, welche die natürlichsten Ansprüche hatte,
wo man sich in der zweideutigen Zeit mit ent-
schiedener Gesinnung ausgesetzt, entschied man sich
fßr die andern und zeigte wieder jenes eigenthüm-
liche Miszgeschick in der Beurtheilung fremder Ver-
hältnisze bei sonst guter Gesinnung; freilich will
ich auch nicht dafür stehen, dasz vielleicht ohne sieli
deszen klar bewuszt zu seyn, die alte Idee mit-
gewirkt, die andere Glasze habe eben durch das
Hervortreten zu viel eigenen Willen gezeigt. Damit
war Görres auch abgesetzt; er hat mir das nicht
selbst geschrieben, aber doch, dasz er viel Ärger
y Google
1817 X^V^ W. Grimm an Suabediasen. 165
sich während zwei Monaten auf den Bergen Ter-
laufen, darnach sey er nach Heidelberg gegangen,
wo er zwei Bücher ans den altd. Hss. geschrieben.
Von der Gensur Commission musz ich doch auch
ein paar Worte melden; sie hat bis ietzt eigentlich
noch kein einziges Buch censirt, jedoch sind auf
munittelbaren, ausdrücklichen Befehl des Kurfürsten
zwei Bücher yerboten worden, das eine angeblich
von einem gewiszen Scheffer in Paris heraus-
gekommene und das [andere] in einer wirklich un-
rechten und unanständigen Form von Berlepsch
geschriebene; über die Sache selbst darin habe ich
kein ürtheil, manches soll unwahr seyn.
Leben Sie wohl, liebster Freund, grüszen Sie die
Ihrigen sämmtlich tausendmal, bald ist es ein Jahr,
dasz ich bei Ihnen war, mit unveränderter, herz-
licher Liebe
Ihr
W. C. G.
Der Kurfürst ist wieder ziemlich wohl, doch
schwankt es seit längerer Zeit hin und her und
darum scheint mir seine Gesundheit bedenklich; er
ist viel schwächer als sonst.
85.
Caszel 24. Juni 1817.
Werden Sie nicht bös auf mich, liebster Freund,
dasz ich ansch^end Ihre Aufträge so schlecht be-
sorge und doch habe ich nichts versäumt, freilich
nichts ausgerichtet, aber das ist auch allein Ursache,
y Google
166 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1817
dasz ich daTon nichts in meinem Brief geschrieben.
Wellentreters Ankündigung sammt den später-
hin durch Oerling erhaltenen Zetteln, habe ich
nach meiner besten Einsicht vertheilt, aber es hat
sich niemand gemeldet, worunter ich freilich auch
gehöre u. das hatte ich allein zu verantworten; aber
wer kauft zur Zeit Gedichte? Den Hausbedarf
Schaft sich jeder leicht an, hat in der Nahe oder
bei einem guten Bekannten eine Maschine, wo so
etwas gegoszen wird. Das hat auch seine gute
Seite, denn das wirklich neue wird wieder ebenso
einsam stehen, wie früherhin jedes Gedicht eines an-
erkannten Dichters, von dem alle Welt sprach u.
das bisher in dem Strom oft hat mitschwimmen
müszen, ohne erkannt zu seyn. Was dk Fasanen
betrifft, so bin ich sehr gründlich zu Werk gegangen;
der Brief an den Gärtner Schwarzkopf schien in
Verbindung mit dem Auftrag, da indeszen Ihr
Schreiben, aus Mangel an Umsicht, nichts davon
sprach und bei meinen Erkundigungen sich ei^b,
dasz dieser Mann nichts mit den Fasanen zu thun
hatte, schien mir das natürlichste, ihn ohne Weiteres
blos abgeben zu laszen. Hierauf ging ich in der
Aue spaziren und mittelte genau aus, wo der Fasanen-
hof sey und wie der ietzige Verwalter heisze. Da
ich ihn gar nicht kannte, so suchte ich jemand von
G^ewicht, der dort Eingang u. Localkennhiisz besasz,
ich &nd diesen endlich in der Person des Baths u.
Stadt Directors Burchardi, den ich bei einem Be-
such präparirte u. ihn bat, mir zu eilauben, ihn bei
heiterem und das Vorhaben begünstigendem Himmel
y Google
1817 XIV. W. Grimm an Suabediiwen. 167
zu einem Otsng dahin abzuholen. Vor wenigen Tagen
ist dieser vollbracht und das Resultat folgendes: in
den zwei letzten naszen Jahren sind die sämmtlichen
Qoid&sanen umgekommen u. man ist deshalb ge-
ndthigt gewesen dieses Jahr Eier aus Ludwigslust
in Wtirtemberg konunen zu laszen, welche soeben
Ton welschen Hühnern ausgebrütet werden. Von
Silberfasanen hat sich noch etwas erhalten und liefen
auch verschiedene Exemplare davon herum, doch
waren es nach der Versicherung des Fasanenmeisters
nicht viel und er wuszte nicht, ob man davon ein
paar verkaufen würde; deshalb aber ist sich an
einen Geheimen oder Ober Jäger Meister zu wenden,
da er nichts darüber entscheiden darf. Zu diesem
ZQ gehen habe ich noch Bedenken genommen, u.
ich werde also schwerlich behilflich seyn können,
das galante Sachsen mit dem schönen Federvieh zu
bevölkern.
Meine Hoffnung dieses Jahr zu Ihnen zu konmien,
ist sehr gering, ich würde schwerlich Urlaub er-
halten u. das wenige, was wir zu Reisen verwenden
dürfen, hat mein Bruder zu einer nach den Heidel-
berg. Mss. gebraucht. Woher Reimer die gute
Meinung hat, weisz ich nicht ; indeszen fügt sich ja
manches über Nacht und unverhofft konmit oft, da-
mit musz ich mich trösten; denn dasz es mir eine
herzHche Freude seyn würde, Sie wiederzusehen,
können Sie denken. Harnier reist diesen Abend
nach Pyrmont, er war kaum ein paar Wochen hier
n. hatte sich mit der Herzogin oder ihrentwegen
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168 XIV- W. Grimm an Suabedissen. 1817
in Frankfurt aufgehalten, dieses Yerhältnisz hat ihm
allerlei Aufträge und Verbindungen erweckt, gegen
seinen Vorsatz, doch weniger gegen Neigung hat
er immer eine diplomatische Beimischung in seinem
Treiben. Italien hat ihm gut, dieltaliäner schlecht
gefallen, ein wenig Ungerechtigkeit mag da mit
unterlaufen, der halbe Naturzustand, in welchem die
Menschen dort leben, wird auch seine guten u.
lebendigen Seiten haben, die er nicht so gesehen
hat; bei einer gewissen Liebe oder Gewohnheit zo
unserer gesellschaftlichen Eleganz ist sein Auge
nicht darauf eingerichtet. Äuszerlich ist ihm die
Reise gut bekommen, nur sind seine Haare ein
wenig mehr gebleicht. Wir haben ihn öfter ge-
sehen u. ich bin ihm fßr seine Freundschaffclichkeit
recht dankbar, womit er meine seit einem halben
Jahr kränkelnde Schwester besucht, ich hoffe, dass
sie sich nach seinen Anordnungen wieder herstellt.
Doctor ßauer schwankt noch immer in seinem
Entschlusz u. weisz nicht, welchen Weg er ein-
schlagen soll, es geht ihm wie dem Hn. v. Schel-
mufsky bei seinem Auszug der nicht wuszte ob es
beszer war, nach Sonnen Aufgang oder Untergang
zu wandern, so weitläuftig kam ihm die Welt Tor.
Es fangt mir an für ihn und seine Braut leid zu
thun, zu rathen ist ihm nicht, er gibt einem sogleich
recht, thuts aber doch nicht.
Göthe hat sich in dem zweiten Heft über die
Kunst am Rhein u. Main ziemlich stark gegen die
Gesinnung der neuen Mahler ausgelaszen, er hat
Recht, dasz die Übertreibungen und Überschätzimgen
y Google
1817 XIV. W. Grimm an Suabediaseu. 169
nicht taugen, aber das wäre von selbst gefallen u.
er thut gewisz hier yielen weh. Dasz er die Nach-
ahmong der griechisch. Welt als die zuträglichste
preiszt, halte ich für falsch zumal in der Mahlerei,
die BerQcksichtigung der altdeutschen ist viel natür-
licher, weil das Leben, das sie darstellt doch noch
Yiel&ch in uns fortlebt. So ruhig er sich im Aus-
druck halt u. von dem bewuszten heiteren und an-
muthigen Wesen spricht, so si^ht man ihm doch
eine innere Bewegung und eine Art Ärgemisz an.
Von Arnim ist ein neuer Roman „die Kronen-
wächter" erschienen, mir ist die Eigenthümlichkeit
des Dichters so lieb u. werth, ich glaube aber dasz
das viele Treffliche darin auch einem andern ein-
leuchten wird.
Grüszen Sie mir Ihre Frau und die lieben Kinder
tausendmal, sie sollten mich nicht vergeszen; auch
Belows bitte ich zu grüszen, er wird mir bald ein-
mal schreiben müszen. Behalten Sie lieb
Ihren treuen Freund
W. C. Grimm.
Damit Sie nichts voraus haben, findet sich auch
eine Einlage von mir, die um Besorgung bittet.
An Herrn Profeszor Suabedissen. Erzieher dea Prinzen
Friedrich von Heszen zu Leipzig. Vor dem Grimmaischen
Thore. Quergaaze,
y Google
170 XIV. W. Grimm an SuabediMen. 1817
86.
Caszel 6. Nov. 1817.
Liebster Freund, vor einigen Tagen habe ich
den zweiten Bogen von ihrem Buch corrigirt, wo-
mit der sechste fertig geworden, zwei nämlich haben
Sie dorthin erhalten, darauf hat Bauer zwei über*
nommen imd 5. u. 6. sind mir zugefallen. Nun
wechseln wir beide ab, und Sie können in Zukauft
leicht ausrechnen, wem eine Sünde zuzuschreiben ist
Warum haben Sie mir ihren Wunsch nicht gerade-
zu gesagt? ich habe die gute Meinung von mir,
dasz ich Ihnen zu lieb noch etwas mehr getfaan, als
ein paar Bogen corrigiren.
Wir sind nun wieder am Eintritt des Winters,
den ein paar überaus heitere Tage ganz zurück-
zuschieben scheinen. Uns ist es den Sommer über
ganz wohl gegangen, wir haben ihn auch insofern
mehr genoszen, als wir häufiger Spaziergänge ge-
macht und drei Tage waren darunter, die wir ganz
im Grünen zugebracht, alle von dem prächtigsten
Himmel begünstigt. Sodann war ich eine Woche
incognito auf dem Haxthausischen Gute im
Paderbömischen u. von da im Teutoburger Wald
im Lappischen bei den berühmten und mächtigen
Extersteinen, es sind Felsen, die in schönen Formen
wie Thürme hoch aus der aufgeschwenmiten Erde
in die Höhe steigen.
Ich schicke Ihnen hier ein paar Anzeigen von
unserm «Reinhart Fuchs** und bitte Sie recht an-
gelegentlich, wo es geht, der Sache Theilnehmer «n
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1817 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 171
erwecken, da hier Quellen abgedruckt werden, die
unbestreitbaren Werth haben, so kann ich getrost
jedermann einladen; selbst wenn er hernach kein
besonderes Wohlgefallen an der Unterhaltung h&tte,
die ihm das Buch gewährt, so mache ich mir wenig
daraus. Ich habe mich zwar bei den Wellen -
treterischen Ankündigungen schlecht benonunen,
ich hoffe aber nicht, dasz Sie mir das vergelten
werden. Die Namen der Subscribenten hätte ich
gerne vor Neujahr oder um diese Zeit.
Der 18. Octbr. ist hier sehr schön, das Refor-
mationsfest anständig gefeiert worden. Eine Be-
schreibung davon d. h. von den äuszerlichen Feier-
lichkeiten enthält die hiesige Zeitung, die Sie wohl
lesen, aber es ist mir höchst empfindlich dasz ein
Jude so etwas schreibt oder auch nur redigirt. Die
Rede des Superintendent Rommel war nach meiner
Meinung schlecht und intolerant im bösen Sinne,
ungeachtet er das Gegentheil genug im Munde ftlhrte.
Er hat das Wesen der Reformation von einer sehr
falschen Seite angesehen und sprach nicht gegen die
Miszbräuche der kathol. Kirche, sondern nannte sie
selbst eine Finstemisz und tadelte die Verehrung
der Heiligen u. der Jungfrau Maria namentlich.
Arnim hat des Mathesius „Predigten ** neu drucken
laszen und rßhmt sie mir sehr; ich habe sie noch
nicht lesen können.
Was sagen Sie denn zu der Geschichte auf der
Wartburg? Der Gemeinsinn und die Lebendig-
keit, die sich dabei gezeigt, sind doch sehr erfireulich;
liier ist nicht sehr laut davon gesprochen worden
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172 XIV. W. Grimm an Suabedisaen. 1817
und man hat an manchen Orten wenig GeMlen
daran gehabt, indeszen hoffe ich nicht, dasz etwas
unrechtes und tadelnswerthes, wie man auch emiii
hat, vorgefallen ist; dasz der Student etwas über die
Schnur haut, ohn es unrecht zu meinen, weisz man
ja. Hallers Restauration hat mir insoweit sehr
gefallen, als mit innerer Überzeugung und an-
sprechender Lebendigkeit dargestellt ist, was uns so
noth thut, die Yerbeszerung des Familienlebens;
ohne wahrhaftige treue Menschen wird die beste
Constitution nichts helfen; aber er ist übrigens un-
glaublich einseitig man kann wohl sagen blind.
Ich musz noch melden, dasz mein jüngster
Bruder wieder hier angekommen ist und Tielleicht
auf längere Zeit bei uns bleibt ; nämlich der Mahler.
Harnier lebt ganz vergnügt und wird wohl zu
Anfang künftigen Jahrs zu Ihnen kommen, seinem
Bruder ist am 18. Octbr ein Töchterlein geboren
worden; es hätte durchaus ein Bube seyn müszen,
weil das Kind eben angekommen ist u. den ersten
Schrei gethan, wie der Thürmer das Fest angeblasen;
es wäre dann eine Kleinigkeit gewesen einen Helden
oder dergleichen in ihm zu prophezeien.
Tausend Grüsze an Ihre Frau und die lieb«i
Kinder, was wird der Hans grosz geworden seyn!
Auch an Belows viel Grüsze. Mit alter Liebe und
Freundschaft Ihr
W. C. Grimm.
Bitte um Besorgung der Einlage.
An Herrn Profeszor Suabedisaen bei bem Prinzen Friedrich von
Heszen zu Leipzig vor dem Grimmaischen Thore, Quergasse-
y Google
1818 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 173
87.
Caszel den 10. März 1818.
Liebster Freund, ihr Buch wächst hier nach den
Kräften der A üb eischen Druckerei, ich habe keine
besondere Nachlaszigkeit gespürt und daher von dem
ertheilten Recht noch keinen Gebrauch gemacht.
Wir sind ietzt am 208ten Bogen, wenn es gut geht,
so werden wöchentlich 2 fertig, es kommen aber
die Anzeigen, Zettel u. dgl. dazwischen, so dasz im
Ganzen doch etwas weniger geliefert wird. Ich
bilde mir ein, dasz ich die Correctur recht gut be-
sorge und wenn es Bauer ebenso macht, so werden
Sie wenigstens so ziemlich zufrieden seyn ; denn ein
Corrector, der jede Sünde auszustreichen weisz, musz
geboren werden und wird nicht gemacht. Für die
Mühe werde ich entschädigt durch die Bruchstücke,
die ich nicht an mir vorübergehen lasze und die
mir lehrreich und erfreulich sind und auszerdem
noch die Abende in Ihrer Gesellschaft zurückrufen,
wo sie ims manchmal vorlasen. Besonders Wohl-
gefallen hat mir, was sie von dem Auge und dem
Schlaf gesagt, wie fein ist manches bemerkt und
wie wahr! denn ich habe es selbst im Leben em-
pfunden. — Auch die kleine Schrift zur Refor-
mationsfeier habe ich mit Freude gelesen, reine
Gedanken sind darin hell und warm ausgedrückt;
besonders gefallen hat mir, was Sie von den beiden
entgegengesetzten Abwegen unserer Zeit gesagt und
wie sie davor gewarnt ; es triflFt den Nagel auf den
Kopf. In der historischen Betrachtung hätte ich
y Google
174 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 1818
mir nur noch deutlicher ausgedrückt gewünscht, dasz
der heidnischen Naturrergötterung doch gewisz die
reine Verehrung eines einzigen Gottes vorangegangen.
Das Bewusztseyn derselben hat eben die Sehnsucht
auch mitten in der allseitigen Belebung der Natur
erregt und das Unzulängliche dieses Dienstes gezeigt
Jener Zustand der ungetrübten Anbätung ist das
Paradies, das voranging nur das weisz ich nicht zu
beantworten, ob es ein wirkliches gewesen oder ein
geistiges, mystisches, ein himmlisches Abbild der
Welt, das uns mitgegeben wurde, als wir in die
Wirklichkeit oder die geschichtliche Welt eingetreten
sind. — Grosze Freude haben mir auch die Predigten
des Mathesius über Luther gemacht, die Arnim
wieder herausgegeben hat. Welch ein lebensvolles
Bild von ihm! wogegen jenes von Melanchthon
farblos wird, hier fühlt man, wie Luther da stand
und die Wahrheit in ihm imverganglich sein
muszte.
Ich sehe aus Ihren Briefen, wie wenig Freude
Ihnen die öffentlichen Angelegenheiten machen, es
geht mir auch so, aber die Antwort des Fürsten
Hardenberg auf die herrliche Rede von Gorres,
auch die Preuszische Erklärung über Yerfiaszungen
am Bundestag sind mir wieder sehr tröstlich vof-
gekonmien. Es war darin ernstlicher, guter Wille
sichtbar und Gefühl für das practische; sie dringen
beide auf etwas, das auszuführen steht und bilden
die Mittel nach der wirklichen Lage der Dinge.
Denn das gröszte Unglück scheint mir, dasz ietst
ein jeder beszern, ein System aufbauen, raisonniren
y Google
1818 XIV. W. Grimm an Suabediasen. 175
mid tadeln will und keiner sich um die Wirklichkeit
z. B. nur um eine genaue Eenntnisz seiner ProTinz
bekfimmeri. In dieser Hinsicht ist mir z. B. die
Oppo8itk>ns Zeitung recht fatal gewesen: nirgends
ein mhiger^ groszartiger Kiek Qberall aber Oeschrei,
gdiasziges Tadeln, G^ezänk und dgl. ttber ein paar
sdiroffe Grundsatze gezogen. Genutzt hatesgewisz
wenig ; wo ich etwa einmal urtheilen konnte, waren
die Thatsachen fast immer entstellt und auszerdem
darauf eingerichtet, Ärger zu erregen. Es ist ein
Unglück, dasz die Preszfreiheit in solche Hände ge-
rath^ ist, wenn Moser noch gelebt hätte, der hätte
sie würdig benutzen können.
Uns drei Brüdern geht es hier ganz gut, obgleich
noch mancher Wunsch übrig bleibt. Dem Maler
ist nun Tor kurzem sein Gesuch um eine An-
steUung förmlich abgeschlagen; ich denke dann
inuner, es wird zu seinem Besten seyn. Er hat sich
ietzt im Ramüsi sehen Haus ein Atelier einge-
richtet und macht den Carton zu einer heil. Familie,
die er in Öhl ausführen will, . Vor einigen Tagen
habe ich unter seinen Zeichnungen die drei Kinder
beirachtet u. daran gedacht, wie sie sich werden
▼eiindert haben; das Hannchen wird nun gar
grosz geworden seyn. Wenn ich ietzt einmal käme,
wüiden sie gewisz ein paar Stunden lang fremd
fton, bis sie den alten Freund wieder herausgefunden
liätten. Wir beide sollten an die neue rheinische
Uniyeraität, es hatte viel anziehendes, doch meinte
mem Bruder, der doch e^entlich zu entscheiden
hatte, dasz wir es ablehnen müszten und ich habe
y Google
176 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1818
seinen Gründen recht gegeben. Meine Schwester
beszert sich, aber doch langsam, Gottlob nur dasz
keine Ursache da ist, ernstlich etwas fiirchten zu
müszen. — Bauer lebt noch immer in den Ver-
hältniszen, in welchen Sie ihn hier gesehen ; es fehlt
ihm an Entschloszenheit und es kann mir manch-
mal bang um seine Zukunft werden, er selbst i^
immer guter Dinge.
Leben Sie wohl, liebster Freund, grüszen Sie die
Ihrigen auf das schönste und behalten Sie mich
in Ihrem Herzen
Ihr treuer Freund
W. C. Grimm.
Ich bitte recht viele Grüsze an Below u. seine
Frau zu bestellen ; ich schreibe ihm nicht besonders,
Sie theilen ihm ja wohl mit, was er von mir zu
wiszen wünscht.
88.
Gas sei am 25. August 1818.
Seyn Sie herzlich gegrüszt, liebster, bester Freund,
dasz Sie sich wohl befinden hat mir Ihr Briefchen
durch Fräulein v. Scheele imd diese selbst ver-
sichert. Ich hoflfe, dasz Sie auf diesem guten W^
fortgewandelt sind und versteht sich in Begleitung
der Ihrigen, das Mariechen und der kleine Basz,
das Elieschen werden nebenher gesprungen seyn,
das Hannchen ist gewisz schon ganz grosz und
geht ehrbar zur Seite. Ich bitte gleich am Eingang
y Google
1818 XrV. W. Grimm an Soabedissen. 177
sie sämmÜich aof das herzlichste zu grüszen. Ich
habe öfter an Sie gedacht, als Sie vielleicht glauben
und aus der 2jahl meiner Briefe abnehmen können;
auch die Reise dorthin ist mir ein rechter Wunsch
gewesen, aber mehr als ein Hindemisz war fOr dies-
mal nicht zu besiegen. Also werde ich erst hier
zu Ostern die grosze Freude haben, Sie wieder zu
sehen.
Mir und den Meinigen ist es wohl gegangen,
der Sommer war aber auch so herrlich, dasz keine
Euust dazu gehörte, gesund zu bleiben. Diesmal
habe ich recht die Wohlthat unserer halbländlichen
Wohnung gefühlt und mich oft an dem heitern
Himmel, den herrlichen Bergen und der Ganzen
mit allem Segen überschütteten Natur nicht satt
sehen können. Je älter man wird, desto noth-
wendiger zeigt sich der Umgang und das Zusammen-
leben mit der Natur und gewährt einem die gröszte
Erquickung. Meine Schwester hat sich auch all-
mählig und seit sie aus dem Bade zu Wildimgen
zurück ist, wie mir däucht, bedeutend erholt. Dieser
Stein der Sorge wird also immer leichter. Auszer-
dem haben wir Geschwister seit einigen Wochen
auch die Freude sämmtlich beisammen zu seyn. Der
Kaufmann war zu Bordeaux des Aufenthalts unter
den Franzosen längst müde geworden; das Volk ist
aller Ruhe entwöhnt, es spaltet sich unaufhörlich
in Parteien , deren jede ihr Recht und Unrecht hat
und es ist noch nicht abzusehen, wie ein bleibender
Zustand wird möglich werden. Die nächste Absicht
meines Bruders war in Hamburg eine Fabrik zu
E. Stengel. Briefe der Brüder Orinun. 12
l
y Google
178 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1818
übernehmen, die ihm der Besitzer, ein alter Mann,
der für ihn besondere Freundschaft hat, schon bei
Lebzeiten theilweisze abtreten wollte; indeszen hat
ihn daa besondere Unglück getroffen, dasz er wenig
Tage nach seiner Ankunft diese Fabrik hat auf den
Grund müszen abbrennen sehen und damit seine
Hoffnungen gescheitert sind. Diese Widerwärtigkeit
mag ihn etwas verstimmen , doch hoffe ich wird er
sie unter uns am ersten vergeszen. Der andere
Bruder, Namens Ferdinand, den Sie noch gar
nicht kennen, kam ganz unerwartet von Berlin. Er ist
nicht grosz und hat ein feines und scharf geschnittenes
Gesicht, dem man seine blonde Natur noch ansieht,
während wir übrigen zu den dunkeln gehören. Seine
Gesundheit hat sich gottlob auch sehr gestärkt, ja
er ist ietzt einer, der schon etwas aushalten kann,
den Weg von Heiligenstadt hierher hat er zu Fusz
und noch dazu über den Harz gemacht Führt ihn
sein Rückweg, was noch nicht bestimmt ist, über
Leipzig, so geb ich ihm, im Voraus ihrer freund-
lichen Gesinnung gewisz, eine Adresze an Sie
mit; ohnehin könnte ich manches zu seiner Em-
pfehlung sagen, dasz er nicht ohne Eigenthümlichkeit
ist, werden Sie selbst bemerken. Ich kann auch im
Voraus versichern, dasz ihn die Kinder gern haben
werden, wenn sie ihn auch nur ein paar Stunden
sehen. — Jetzt nach sieben Jahren oder noch langer
sitzen wir wieder einmal beisammen, die andern
sind alle ziemlich in der Welt herumgekommen,
ich habe noch daheim mit der Schwester am meisten
ausgehalten, dafür mache ich auch ietzt die Honneurs
y Google
1818 XIV. W. Grimm an Siiabedissen. 179
0. wenn ich z. B. bei Tisch vorlege und, wann die
eisten bald fertig sind, erst zu eszen anfange, komme
ich mir wohl wie ein ziemlich bejahrter Hausvater
Tor. Mein ältester Bruder arbeitet Überfleiszig
m einer historischen Grammatik , die alle Stämme
der deutschen Sprache umfaszt und wohl ein nicht
unbedeutendes Werk geben wird. Dafür hat er den
jReinhart Fuchs" verlaszen imd ich mag doch nicht
gern, dasz das Werk blos nach meiner Arbeit er-
scheint, weil auf jeden Fall vier Augen mehr sehen.
Die weitere Ausgabe der „Edda** hängt zum Theil
Ton dem noch ziemlich geringen Absatz des ersten
Bandes ab, zum Theil ist sie weniger nöthig ge-
worden, da so eben eine grosze Ausgabe in Kopen-
hagen erschienen ist, nach einem andern Plan, als
unsere, aber viel vorzügliches, das in der Nähe der
dortigen Sammlungen nur möglich war, enthaltend.
Ich bin ietzt beschäfftigt, eine Übersicht der alt-
nordischen Literatur in der neuesten Periode für
den »Hermes* zu liefern, eigentlich mehr, weil ich
es aus verschiedenen Gründen fttr meine Schuldig-
keit halte, als aus Gefallen an solchen Arbeiten.
Ich setze dabei voraus, dasz es eine ordentliche
Zeitschrift wird, worüber Sie vielleicht einiges nähere
wiszen. Dasz Sie den 2ten Band der „Sagen" lesen
würden habe ich wirklich nicht gedacht, es war
unsere Absicht, wenn die ganze Sanmilung fertig
wäre und die dazu gehörige Abhandlung geliefert,
sie Ihnen vorzulegen imd um Ihre Meinung zu
bitten. Sehen Sie auf keinen Fall eine Nachläszig-
keit oder Undankbarkeit darin, dasz wir Ihnen diesen
12*
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180 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1818
Band nicht geschickt. Übrigens ist es nicht unsere
Meinung diesen Saft aus der Geschichte auszuscheiden,
nein, es soll eben gezeigt werden, dasz ohne diesen
sie nicht hätte wachsen und gedeihen können und dasz
die Wahrheit , welche die Sage enthält auf andere
Weise nicht zu erfaszen war.
Da wir doch bei der Literatur sind, 'gedenke ich
der Betrachtungen der Fr. v. Stael über die Re-
volution. Sie sind anziehend und lebhaft geschrieben
und man liest das Buch wohl aus, wenn man es
angefangen hat. Zweierlei scheint mir darin vor-
züglich: die Lebendigkeit, womit manche einzelne
Momente, von ihr selbst erlebt und gefühlt, ge-
schildert sind, wobei denn auch manches neue und
pikante vorkommt, und dann die Wahrheit deren
sie sich befleiszigt, manches geradezu dumme fallt
ihrer Nation in deren Gesinnung sie gebildet ist,
anheim, aber sie hat doch die ernstliche Absicht,
jeder Partei ihr Recht widerfahren zu laszen. Die
Charakterschilderung des Napoleon, die diesem
ohnstreitig in Frankreich groszen Schaden thun
wird, gehört zu dem besten; selbst wenn man über
ihn gewisz ist, wie sie, bleibt doch noch etwas un-
erklärbares in ihm zurück, das Beachtung ich sage
nicht Achtung verlangt imd das hat sie sehr gut
angemerkt. Schlegel ist nun Prof eszor in Berlin,
ganz schickt er sich nicht zu dem Amt, bei seiner
Neigung zugleich feiner Welt- und gar wohl Hof-
mann zu seyn; er ist Bräutigam mit der ganz
jungen Tochter des Paulus in Heidelberg, die sehr
gebildet ich glaube auch Schriftstellerin ist. Fried-
y Google
1818 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 181
rieh Schi, ist Ton der Gesandtschaft in Frankfurt
entfernt, weil er sich mit dem röm. Hof in einen
heimlichen Briefwechsel eingelassen hatte.
Der Stndentenlärm in Göttingen scheint sich zu
setzen. Es ist innerhalb und auszerhalb der Mauern
dabei gesündigt worden. Die Regierung scheint
mir unrecht gethan zu haben, sogleich die ordent-
liche Behörde zu suspendiren und militärische Hülfe
einrücken zu laszen, die doch bekanntlich auf Uni-
yersitaten nie Ruhe gestiftet hat. Wuszte sie dasz
der Prorector sich schwach benehmen wtirde, so
hatte sie ihn nicht bestätigen sollen. Das ist aber
die Gewohnheit der Zeit, dasz man bei der ersten
6felegenheit das Bestehende und die eingeführte
Ordnung hintansetzt, um mit heftigen Mitteln von
obenher zu wirken. Aus diesem Wankelmuth ent-
steht dann die Geringschätzung des Rechts und der
Sitte. Die Studenten haben ^ch dagegen auch
plump und roh benommen, namentlich die Curländer.
Ich habe hier zu Pfingsten selbst gesehen, wie ganz
gemein und sittenlos diese sind. Dasz sie sich z. B.
grosze Zöpfe von verschiedener Farbe anhingen und
in der Stadt damit umherzogen, war nichts als eine
Frechheit, denn der Spasz davon ist längst bis zum
Ekel abgenutzt. Die Musiker in der Aue warfen
sie mit Erde und einem ganz sittsamen Mädchen
riszen sie das Halstuch weg ; ihr Bruder, ein Offizier,
suchte wüthend den Thäter und es hätte leicht auch
zu Auftritten konmien können. Von der allgemeinen
Burschenschaft denke ich so: sie ist wohlgemeint
und kann den besten Einflusz haben, indem sie ein
y Google
182 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1819
reines Bild vorhält; sie beachtet aber etwas ganz
natürliches nicht, nämlich, dasz Landesleute und
Gleichgestimmte sich doch jedesmal Ton selbst zu-
sammenhalten und näher vereinigen werden. Sie
müszten daher Landsmannschaften zu erhalten und
zu verbinden wiszen, was aber so viel ich erfahren
habe, nicht geschieht. In Jena haben sich aach
ganz neuerdings Mitglieder der Burschenschaft wieder
näher zusammengethan und gesagt: die Burschen-
schaft sey recht gut und möge bestehn, aber die
Leute wollten schon ietzt im Himmel seyn; worin
etwas wahres liegt.
Es ist Zeit, dasz ich schliesze. Sie sehen diesem
Brief wohl an, dasz ich mir vorgestellt habe, ich
säsze eine Stunde an Ihrer Seite Gott schenke
Ihnen femer Gesundheit und Heiterkeit und mir die
Fortdauer Ihrer Freundschaft. Mit treuem Herzen
• Ihr W. C. Grimm
Grüszen Sie Below und seine Frau bestens von
mir und theilen Sie ihm aus dem Brief von mir mit,
was er zu wiszen verlangt. Ich habe mir erzählen
laszen, dasz er ein Kind angenommen und kann mir
vorstellen, dasz er sich genug darüber freut.
89.
Caszel am 4. M&rz 1819.
Liebster Freund, in der HoflFnung und Freude
Sie bald hier zu sehen sogar als einen nächsten
Nachbar, da neben unserer Wohnung die Zimmer
y Google
1^19 XIV. W. Grimm an Suabedißsen. 183
für den Prinzen zubereitet werden, kommt die
niederschlagende Nachricht, dasz Sie sich unwohl
befinden und über Ihre Herkunft gar noch nicht
ffewisz sind. Ich wollte mir alles Schreiben durch
onser mündliches Gespräch ersparen, aber letzt kann
ich es doch nicht laszen, bei Ihnen anzufragen, wie
es Ihnen geht und was Sie zu thun beschloszen
haben, denn ich brauche nicht zu versichern, dasz
ich mit herzlicher Liebe und Freundschaft immer
an Sie denke. Ich hoffe, dasz Ihre Unpäszlichkeit
nichts als eine Folge des veränderten Climas ist,
denn es hat ja das Ansehen, als sollten wir ein
gutes Stück nach Süden gerückt werden; in Rom
friert es auf eine unerhörte Weise alle Nächte,
während es in Petersburg nicht dazu kommen kann.
Dasz eine solche Umwälzung Einflusz übt, habe ich
selbst an mir erfahren, ich bin das ganze neue Jahr,
wo nicht eigentlich krank doch sehr unwohl ge-
wesen und fange ietzt erst an, mich wieder heraus-
zuarbeiten. Auch mein ältester Bruder muszte
einige Wochen das Zinmier hüten, die Schwester
war auch nicht ganz gesund, manches andere hatte
uns betrübt, so dasz wir alle uns nach dem frischen
belebenden Frühjahr sehnen, das sich eben heute sehr
schön ankündigt.
Ich habe in dem ersten Heft des „Hermes* mit
Vergnügen Ihre Abhandlung über die Preszfreiheit
gelesen, ich hoffe sie wird sich practisch so ziem-
lich einfinden, denn wir Deutsche haben zu viel
natürliche Liebe und Achtung fOr den Geist, als
dasz der Zwang wirklich könnte durchgesetzt wer-
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184 XrV". W. Grimm an Suabedissen. 1819
den, 80 wenig wie in der Westphälischen Zeit die
geheime Polizei. Allein der Neigung von obenher
dieses und jenes, was dort ärgerlicli in die Augen
fallt, ohne weiteres zu verbieten wird man sich
nicht entschlagen können, selbst wenn man das Ge-
fühl hätte , es sey ein vergebliches Bemühen, es ist
wie das Exatzen beim Jucken. Ich glaube selbst,
ich wäre schwach genug gewesen, wenn es in meiner
Macht gestanden, daran zu denken, ob ich nicht
Dinge, wie Stourdzas Schrift, oder die regel-
mäszigen Verläumdungen wohlgesinnter Leute, z. B.
der Fr. von Krtidner oder die endlosen Klatsche-
reien im Oppositionsblatt u. s. w. verbieten sollte,
während es ja wohl gut ist, dasz das Böse heraus-
kommt. — (Ich bin an einem Aufsatz über die alfc-
nord. Literatur für den ,, Hermes*', aber das Ding
wächst mir unter den Händen u. ist doch noch nicht
fertig. Wollten Sie das wohl gelegentlich nebst
Grüszen dem Prof. Krug sagen. [Randbemerkung])
Den Recensenten von Voszens Shakespeare habe
ich auch bald errathen, die „literarische Helden-
brust" der Deutschen wäre gewisz niemand in den
Sinn gekommen, als Clodius. Es ist manches gute
bemerkt, aber im Ganzen geschieht doch der
Schlegel sehen Arbeit zu viel Unrecht. Einem
groszen Kenner, dem Prof. Benecke darf ich
trauen, wenn er versichert, dasz beide, weder
Schlegel noch Vosz das Original so aus dem
Grund verstehen, wie sie sollten. Aber bei jenem
ist doch ein sicherer, würdigerer Eindruck des (Janzen,
während bei dem Vosz jemand, der ganz unbe-
y Google
1819 XIV. W. Grimm an Suabediasen. 185
fiemgen ist und sich nicht darcun kümmert, was für
gute mid achtungswerthe Ghmndsätze der Anlasz
einzehier Ausdrücke waren, nicht lang ohne ganz
komisch berührt zu werden, zuhören kann. Ich
könnte es z. B. den ganzen berühmten Monolog des
Hamlet hindurch nicht yergeszen dasz er gleich
anfEuigs sagt: «wenn erst wir weggeschnellt
den Staubtumult!^ Dazu kommt noch die Ein-
mischung des Plattdeutschen, wovon der Grund blos
in Yoszens besonderer Lage zu suchen ist. Warum
sollte ein anderer nicht mit gleichem Recht die
böhmische oder östreichische Mundart einseitig be-
nutzen wollen? In Wien sagt man: der Haas ist
gar (d. h. zu Ende), wenn nun ein Ostreich. Vosz
tragisch ausrief: das Leben ist gar! es könnte mirs
niemand verdenken, wenn [ich] für eine tragische Em-
pfindung eine komische hätte. Voszens Über-
setzung gleicht gutem, reinen- Brot aber es ist Sand
in das Mehl gekommen, so dasz man im besten
£%en und Genusz auf so ein fatales Steinchen beiszt.
Schlegel mag wohl etwas zu viel weiszes Mehl zu-
gmnischt haben.
In Steffens Carricaturen habe ich auch viel
Lebendiges, Schönes und Wahres gefunden, doch
kann ich sie nur als Parteischrifb ansehen. Recht
wohl wird es mir bei diesem Buche nicht, es hat
etwas unruhiges und für jemand, der groszartig und
frei seine Zeit belehren will, fehlt ihm für die Ge-
sinnung ein mildes Wohlwollen und für den Gegen-
stand selbst hinlängliche practische Eenntnisz. In
seiner neusten Schrift dem „Tumziel'* sieht man
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186 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1819
recht, wie er sich hineinarbeitet, um aus einer in
ihrem Outen imd ihren Miszbrauchen gewisz leicht
zu beurtheüenden Sache, über die das richtige
Urtheil nicht ausbleiben kann, eine weltbewegende
Angelegenheit zu machen. Vielleicht bin ich da-
durch befangen, dasz ich ihn persönlich kenne und
mir noch immer in Gedanken ist, wie gern er sich
bei ganz imschuldigen Dingen in die Rage brachte.
Es fehlt ihm, so viel treffliches er besitzt, das ich
gern anerkenne, ganz der deutsche Geist und ein
bischen zu viel hat er von Eitelkeit. Wie leicht er
sich dadurch aus seiner Stelle rücken lässt, können
Sie wohl daraus abnehmen, dasz er vor kurzem in
Berlin war, um, es ist fast unglaublich, f&r den
Norwegischen Storthing eine Anleihe zu unter-
handeln; er, der davon ohne Zweifel nicht das aller-
geringste versteht. Wenn Spanien ebenso seinen
y ortheil kennt, so behaupte ich, trägt es ihm auf,
eine Flotte in Norwegen für sich bauen zu laszen.
Gerling war diesen Winter ein paar Tage hier^
er ist gesund doch noch nicht ganz so irisch wie
sonst. Marburg hat 5000 Thlr. Zulage erhalten,
dadurch sind Arnoldi u. Wurzer wieder fest-
gehalten; Mackeldei u. Stein gehen aber nach
Bonn. Verachten Sie mich nur nicht, dasz die
philos. Facultät mir u. meinem Bruder das Doctor-
diplom zugeschickt, Sie wiszen was ich in diesem
Fache vermag und ich fühle gewisz, dasz ich die
Univ. nicht zu Ehren bringen kann. Harnier
reist übermorgen nach Frankfurt, er hat uns neulich
in einem the gami köstlich bewnrthet. — Ich hoffe
y Google
1819 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 187
bald auf ein paar gute Zeilen yon Ihnen, liebster
Freund Gott sey mit Dmen. Seyn Sie, Frau und
Kinder auf das herzlichst-e gegrüszt
Wilhelm C. Grimm.
Bitte an Belows viele Grüsze zu sagen
90.
Caszel 9. Mai 1819.
Liebster Freund, es ist ein Fall, wo ich Ihrem
Beispiel ungern folge, indem ich statt selbst zu
kommen, einen Brief blos abgehen lasze. Allein
es sind einige Unmöglichkeiten Yorhanden, wovon
die eine, dasz ich keinen Urlaub erlangen kann,
schon hinreichend seyn wird. Gottlob, dasz ich Sie
g^und weisz, Below hat mir eigentlich erst alle
Sorge Ihrentwegen benommen, da er mir erzählte,
dasz Sie sich auffallend schnell erholt. Nun wird
Sie die Reise völlig gestärkt haben, diese Ruhe
überhaupt müszen Sie wohlthätig empfunden haben
Qnd so leid es mir am ersten Morgen that, Sie nicht
zu finden, so habe ich doch wohl gefühlt, dasz Sie
nicht jede Stunde hier würden heiter zugebracht
haben.
Dasz Sie nicht nach Berlin gehen würden, hatte
mir schon geträumt. Ich erhielt nämlich einen
Brief, worin Sie erzählten, dasz Sie lieber nach
Hamburg gegangen wären, aber eigentlich dadurch
in der Kenntnisz dieser Stadt zurückgekommen, denn
was habe man davon, ein paar Tage flüchtig u. meist
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188 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1819
nur die Straszen zu betrachten , man werde nur in
dem ruhigen Phantasiebild^ das man beseszen, gestört
Hernach sagte mir Below, dasz es nicht Hamburg
sondern Dresden gewesen, wohin sie sich gewendet
und das hätte ich auch wiszen können, da Traume
bekanntlich die entgegengesetzte Richtung angeben.
Es geht mir so gut als Gott will, ich meine man
soll nicht klagen, wo des Guten mehr ist; ist doch
auch meine Gesundhsit so, wie ich lange Jahre nie
gehofiPt, dasz sie noch werden könnte. B e 1 o w wird
Ihnen von dem besten erzählen können, ich habe
ihn zwar nicht sehr oft, aber doch manchmal ge-
sehen. Mein Bruder Carl, der wirklich etwas vom
Schicksal tribulirt wird , hat seine Verhältnisze in
Rheims wieder abbrechen müszen und kommt
wahrschl. wieder zu uns. Ich thue, als müszten
Sie alles wiszen, was uns begegnet.
Grüszen Sie mir die lieben Kinder u. Ihre Frau
recht herzlich und schlieszen Sie mich femer in Dur
Herz ein
Ihr treuer W. C. Grimm.
Ich hätte Ihnen gern den Hofrath d. h. die
Kosten, die er Ihnen machen wird, abgewendet
Sobald werden Sie nicht in den actiyen Dienst bei
Hof eintreten. Stände ich nicht in Ungnade so
hätte ich auch einen beszem Charakter, was mir
ein Zeitungsherumträger zum neuen Jahr wünschte.
y Google
1820 XrV. W. Grimm an Saabediasen. 189
91.
Caßzel den 20. Febr. 1820.
Liebster Freund, ich brauche Dmen wohl nicht
zu sagen, dasz nur der Verdrusz nicht heitere, un-
befangene Briefe schreiben zu kdnnen mich zu so
luigem Stillschweigen gebracht hat, dasz ich aber
wie sonst mit herzlicher Freundschaft und Liebe an
Sie gedacht. Wie wohl wäre es mir gewesen, wenn
ich manchmal eine Stunde bei Ihnen einsam auf
Ihrem Arbeitsstübchen hatte sitzen können, es rührt
mich noch, wenn ich mich erinnere, wie ich vor
Jahren bei meinem Besuche es inne hatte und wenn
Sie ausgegangen waren, so wie in meinem Eigen-
thun darin sasz, mancherlei las und mancherlei Ge-
danken Yorübergingen. Seit der Zeit habe ich Sie
nicht wiedergesehen, ich hoffe, Sie werden mich un-
verändert wiederfinden und darum vertraue ich auch,
dasz Sie mir wieder mit derselben Freundschaft; die
Hand reichen, mit welcher Sie mir sie auf der Brücke
bei unserm Abschied drückten.
Das Misztrauen und Herzlosigkeit, die auszen
herrscht, geht auch in unsere Literatur über. So
ist mir der Streit zwischen Vosz und Stollberg
der unseligste von der Welt. Es war mir unbegreif-
lich, wie jener so alles was das Leben geheimes und
vertrauliches hat, jeden natürlichen und unbesorgten
Augenblick hat publiciren und dem Geschwätz der
Welt überliefern können, auf der andern Seite ist
auch keine Ruhe und Unbefangenheit gewesen.
Vosz ist hart, eigensinnig und eingebildet, hat aber
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190 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1^
doch etwas redliches, Stollberg ist edler und
groszartiger , hat aber etwas schwankendes und es
lag in beiden Naturen ein Gegensatz, der sie immer
von einander hätte halten sollen. Die Religions-
Streitigkeiten an sich haben nie etwas gutes herbei-
geführt und sie sind auch nicht die beste Seite an
Luther. Das was alle Christen vereinigt, worin
sie glückselig neben einander vereinigt wandehi, was
sie in diesem Sinne thun imd vollbringen, das ist
mir das Rechte.
Mir und meinen Geschwistern geht es wie sonst
wenn ein Zeitraum vorüber ist erkenne ich mit
Dank gegen Gott, wie viel Gutes darin liegt. Der
Mahler ist seit Septbr in Frankfurt u. ist mit
einigen Öhlbildem beschäftigt, der Kaufmann
empfindet den Druck seines Standes und da ein
eigenes Miszgeschick ihn getroffen hat imd noch
ietzt trifft, da er dem Untergang alles deszen was er
sich erworben hat und was ohnehin nicht viel war,
entgegensehen musz, so freue ich mich, dasz er sich
einen im Gtmzen so heitern Sinn und ein Vertrauen
auf Gottes Hülfe erhalten hat. Mit den Arbeiten
geht es auch den gewohnten Ghmg, mein Bruder
übertrifft mich an Fleisz u. arbeitet von Morgen bis
Abend, er bringt es auch an Gelehrsamkeit und
Scharfsinn viel weiter als ich.
Ich schicke Ihnen die neue Ausgabe der Einder-
märchen nicht, weil ich mir vorstelle, da^ Ihre
Kinder sie nicht mehr lesen, wollen Sie aber sich
hier einmal das Buch abfordern, so wiszen Sie, dasz
es gern gegeben wird. Grüszen Sie die lieben
y Google
1820 XIV. W. Grimm an Suabediaaen. 191
Kinder., und wenn sie gar nichts mehr, yon mir
wiszen, sagen Sie, dasz ich ganz ordentlich, wie ein
anderer Mensch aussähe.
Der Tod der guten Eurfürstin hat mich be-
trübt Ich war noch wenig Tage vorher bei ihr,
sie war ganz freundlich wie sonst, gab mir ihre
sanfte Hand beim Abschied und als ich sie ihr
küszte, drückte sie meine ein wenig und sagte, sie
würde uns bald einmal einladen laszen. Sie hatte
uns wirklich lieb, nicht sowohl unsertwegen, ab
wegen der seligen Tante, die ihr eigentlich keine
Dienerin mehr sondern eine Freundin war.
Leben Sie wohl, liebster Suabedissen, so Gott
will, ist die längste Zeit vorüber, in welcher ich Sie
nicht sehe. Orüszen Sie auch Ihre Frau von mir
und behalten Sie mich lieb
Ihr treuer Wilhelm C. Grimm.
92.
Caszel, 27. Oetbr. 1820.
Liebster Suabedissen , Gestern ist ein Brief von
Leipz^ für Sie angekommen , der auf dem Gouvert
an mich u. abermals innen als eilig bezeichnet ist.
Da der Termin, wo ich Briefe an Sie sollte weiter be-
fördern, mit dem 23. incl. abgelaufen ist u. ich Sie
gestern schon erwartete, so war es ganz natürlich dasz
ich ihn stehen liesz. Indesz ist mir eingefallen, Sie
kannten noch länger in Marburg bleiben wollen u.
es wäre in diesem Fall das klügste, Ihnen wenigstens
das Daseyn jenes Briefes zu melden, so dasz Sie nun.
y Google
192 XIV. W. Grimm an Suabedissen.- 1821
wie Ihnen gefällt, ihn dorthin verlangen können
oder Ihre Abreise beschleunigen. Übrigens ist die
Adresze von der Hand Ihrer Frau.
Below u. s. Frau laszen recht sehr grüszen,
und er läszt Ihnen sagen, dasz Ihr Abschied bei
ihm liegt.
Mein Gesicht ist wieder zu seinem bescheidenen
Maasz zurückgekehrt.
Ich mache blosz eine Adresze an Oerling, damit,
falls Sie bei Ankunft des Briefes abgereiszt sind,
nicht dieser sonst inhaltslose nachgeschickt wird.
An alle drei die herzlichsten Grüsze von
Ihrem treuen Freund
W. C. Grimm.
98.
Caszel 7. Jan. 1821
Liebster Freund, ich danke Ihnen f5r Ihren Brief
und för die Freundschaft, die Sie mir durch Ihr
Vertrauen bezeigen. Ich antworte nach Ihrem
Wunsche sogleich und wiU Ihnen offenherzig meine
Gedanken sagen.
1. Ich meine, Sie sollten Ihrem ersten und natür-
lichsten Vorsatz treu bleiben, wenigstens ein Jahr
ganz ungebunden und ruhig zu leben. Sie sind in der
vergangenen Zeit auf verschiedene Weise, nicht
immer auf eine erfreuliche, angerührt und bewegt
worden, Sie haben sich fremdartigen Richtungen
hingeben müszen, so dasz sich Ihr Geist durch eine
Rückkehr zu seiner eigenen Natur am besten starken
y Google
1^1 XIV. W. Grimm an Snabedissen. 193
wird, auch gewährt diese geistige Stärkung Ihnen
die beste Arznei fBr den Körper. Das Gef&hl, man
gehe bergab beschleicht einen in bedrängten Augen-
bUcken, ich sage Ihnen ganz aufrichtig, ich habe
nicbts dergleichen an Ihnen bemerkt. Sie dürfen
sich mit gutem ßewiszen dem Lehramt widmen, ehe
Sie aber einen neuen Beruf ergreifen, sichern Sie
sich und Ihren Mitmenschen erst den Ertrag Ihres.
Nachdenkens und Ihrer Arbeiten. Dort würde Sie
doch mitunter der Gedanke , das Angefangene nicht
'Toflendet zu haben stören, so wie Sie auch dort
sich nicht sobald Ruhe und Zeit dafür ausmitteln
würden. Alles Neue will erst überwunden seyn.
2. Eben darum opfern Sie auch nicht einem im
Ganzen geringen Ökonom. Yortheil den höheren
geistigen auf, an einem Orte eingewohnt zu seyn,
wo Sie alte Bekannte und Freunde um sich wiszen.
Der Mensch kommt mir yor, wie eine Pflanze, die
wemi sie mit der gröszten Vorsicht, selbst in beszere
Erde versetzt wird, doch erst ein paar Tage trauert.
YieUeicht ist meine beschränkte Natur schuld daran,
aber ich müszte mich nicht blos in die Menschen,
sondern auch in die ungewohnten Berge, Thäler und
Bäume finden, wenn die Ruhe meiner Gedanken
nicht mehr sollte gestört werden.
3. Ich glaube, t wenn man Ihnen gewiszermaszen
in Berlin nicht Wort gehalten, dies hauptsäch-
lich doch nur geschehen, weil gerade keine offene
Stelle anzubieten war. Bei einer Vacanz wird man
Ihnen wahrscheinlich einen Antrag machen, und Sie
hatten dann noch freie Hände.
£. Stengel. Briefe der Brüder Orimm. 13
Digitized by VjOOQ IC
194 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1B21
4. An sich ist mir der Gedanke angenehm, Sie
in Marburg zu wiszen. Sie könnten gewisz gutes
wirken u. die Theilnahme (die rechte, die nicht
blosz den Schein in der Wiszenschaft sucht) erscheint
im Ganzen öfter auf kleinen, als auf groszen, prun-
kenden Universitäten. Ich glaube auch, dasz man
sich am Ende dazu verstehen würde, Ihnen die Stelle,
falls Sie darum bitten, zu geben. Nur glaube ich
nicht, dasz man Ihnen Ihre Pension, als solche (was
ich an sich sehr billig fände) läszt , man wird sie
zur Besoldung schlagen, diese würde dann etwas-
höher ausfallen, doch nicht so viel betragen, als
Besoldung und Pension zusammen ausmachten. Mehr
als 1000 Thb dürfen Sie kaum erwarten, während
gewöhnl. Besoldung u. Pension etwa 1200 betragen
würden. Um aber die Bitte um dieses Amt sogleich
zu stellen, müszte man keine von den Bedenklichkeiten
haben, deren Sie in ihrem Briefe erwähnen, von
denen mir zwar einige übertrieben scheinen, die
meisten aber begründet. Sie müszen nicht blosz die
Gegenwart und nächste Zukunft berücksichtigen.
5. Sind Ihre Verhältnisze so dringend, dasz es
Ihnen eine Pflicht ist, sogleich den weiteren Unter-
halt zu sichern, oder sind Sie sonst entschloszen,
um eine Marburger Profeszur anzuhalten, so schreiben
Sie doch zuvor hierher. Ich wiU Ihnen gerade
sagen, warum. Ich wünschte, dasz die Kurprin-
zeszin, die Ihnen wohl will, dann veranlaszte, dasz
man Ihnen erst einen Antrag machte. Sie kommen
erst in diesem Fall in das richtige und natürliche
Yerhältnisz, Sie könnten dann, was an sich billig
y Google
1821 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 195
ist z. B. die Unabhängigkeit Ihrer Pension zur Be-
dingung machen. Denn da ich mir wohl vorstellen
kann, dasz Sie, wenn man Ihnen Ihre Bitte gewährt,
sich aus Pietät för gebunden ansehen , falls Ihnen
einmal früher oder später yortheilhaftere Bedingungen
von einer anderen Universität gemacht würden, so
ist mein Wunsch natürlich , ihr Verhältnisz u. ihre
Lage möge so ausfallen , dasz Sie in Zukunft aller
drückenden Sorgen überhoben wären und ihre Tage
in Kühe leben könnten.
Diese Ansicht habe ich Below mitgetheilt und
bei ihm eine nicht sehr abweichende gefunden; er
hat nur für das Lehramt in Marburg einige Bedenk-
lichkeiten mehr als ich, imd erwidert mir dasz er
das Terrain beszer kenne als ich. Nur das schien
ihm, wie mir, höchst unwahrscheinlich, dasz Sie je
Amt und Pension zugleich, verlieren könnten. Über
das was ich Nr. 5 gesagt sind wir beide einig.
Nun leben Sie wohl, liebster Freund, Gott wird
Sie zu dem lenken, was Ihnen am besten ist ; bleiben
Sie nur gesund und heiter ; ich habe mich von etwas
Catarrh, den mir die Kälte auf den Hals geschickt,
in diesen milden Tagen wieder erholt. Wir haben
das Vei^ügen gehabt mit unserm Freund Arnim
den wir in vielen Jahren nicht gesehen , ein paar
Ti^e zu verleben, und so bin ich durch den Besuch
heber Freunde dafür entschädigt, dasz ich seit länger
als fünf Jahren nicht aus Heszen gekommen bin.
Belows gedenken Ihrer mit herzlicher Achtung
und Liebe, es scheint mir, als führten sie hier ein
angenehmes und glückliches Leben, ob ihnen gleich
13*
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196 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 1821
auch noch Wünsche übrig seyn werden. Meine
Brüder und meine Schwester grüszen mit mir, sagen
Sie auch Ihrer Frau und den lieben Kindern, dasz
sie mich im Andenken behalten sollten, bei Ihnen
versteht es sich Ton selbst. Wenn das Gute, das ich
Ihnen zum neuen Jahr wünsche, auch nicht all in
diesem Jahr eintrifft, so wird es doch nach und nach
sich einstellen. Smid von Bremen ging vor kurzem
durch nach Frankfurt, er hat sich mit Theilnahme
nach Ihnen erkundigt und es bedauert, dasz er Sie
in Bremen verfehlt hat. Von Herzen Ihr treuer
Freund
W. C. Grimm.
94.
Gaszel 30. Jan. 1821.
Liebster Freund, es wäre möglich, dasz Sie einen
Antrag erhielten, die Stelle des verstorbenen Ruh-
kopf zu Hanover, der Director des dortigen Gym-
nasiums war, anzunehmen. Um auch gleich meine
Meinung zu sagen, so wäre es mir im Ganzen lieber,
wenn Sie ein akademisches Amt bekleideten, weil
ich mir vorstelle, Sie würden Sich darin freier und
lebendiger fühlen. Femer hat Hanover, so von der
Feme aus und vielleicht nach Vorurtheilen betrachtet,
für mich etwas Hölzemes, gewisz ist, dasz dort viel
Kastengeist herrscht; auf der andern Seite ist das
Gute: Ordnung, Sicherheit in allen Verhältniszen,
Unterstützung guter Anstalten, anzuerkennen. So
würde z. B. die Besoldung dem Amte gemäsz, nicht
kärglich, seyn, wiewohl es auch dort recht theuer ist
y Google
1821 XIV. W. Grimm an Suabediasen. 197
Ich sage ausdrücklich, es ist blos möglich,
mehr nicht. Bios ihr Name ist Ton jemand genamit,
bei dem man anfragte; die Wahl des Ministeriums
kann daher leicht auf einen andern fallen. Nach
dem gewöhnlichen Oang der Dinge hätte ich Ihnen
noch gar nichts davon sagen soUen; indeszen denke
ich, Sie können ietzt die Sache unbefangener über-
legen, da sie noch so weit in der Feme liegt.
Gemeinschaftliche Freunde haben Belows ge-
meldet, dasz Sie heiter und wohl sind und diese
Nachricht hat uns, wie Sie denken können, herzlich
erfreut. So oft ich hinkomme wird auch von Ihnen
gesprochen, Sie werden von diesen guten Menschen
aufrichtig geachtet imd geliebt; so natürlich der
Wunsch ist, dasz Ihr Schicksal erst bestimmt seyn
möge, so habe ich doch nie eigentlich Besorgnisz,
sondern ein Vorgefühl, dasz sich irgend eine uner-
wartete freundliche Wendung aufthun wird. B e 1 o w
war acht Tage lang unpäszlich, geht aber wieder
aus; er hat hier, dies u. jenes abgerechnet, ein
ruhiges, friedliches Leben, wie ich es ihm gönne
und mir (nach einem Zuschnitt für mich) zuweilen
im Traume wünsche. Das kleine Kind springt wie
electrische Funken und kann noch kurz vorher, ehe
es die Müdigkeit zum Schlaf überwältigt, auszer sich
seyn vor Lust. Ich glaube es ist bei seiner Er-
ziehung viel Aufmerksamkeit nöthig; sie scheinen
es mir gut zu behandeln, aber das Schwierige wird
arst in den spätem Jahren kommen; es ist ietzt
manchmal recht lieblich und bei meiner Liebe zu
den Kindern, wird es ihm nicht schwer, mit mir
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198 XrV. W. Grimm an Snabedisaen. 1821
umzugehen. Es glaubt ganz ernstlich, es würde mir
auch wie ihm ein Conduitenbuch gehalten und fragt
mich ins Ohr, was ich für einen Strich darin be-
kommen hätte. So was ist mir ordentlich rührend
und ich wollte, ich könnte im Ernst darüber Aus-
kunft geben.
Was meine Stunden betrififl, so komme ich mir
wie ein Alchymist yor, der sein bischen Vermögen
in Rauch aufgehen läszt.
Die Meinigen grüszen Sie auf das freundschafk-
lichste. Jacob arbeitet fleiszig an der neuen Anfl.
s. Grammatik, die ein ausgezeichnetes Werk werden
wird. Es ist das Fach, wo er sein Talent am
glänzendsten anwenden kann. Der Mahl er scheint
ein gröszeres Bild vorzuhaben u. der Kaufmann
wird, nachdem alle Pläne gescheitert sind, sich in
ein paar Monaten nach Hamburg begeben, um ein
neues Glück zu versuchen.
Grüszen Sie Ihre Frau und die guten, lieben
Kinder, die ich noch so nenne, wenn es auch schon
grosze Fräulein sind. Mit treuer Liebe
Ihr W. C. Grimm.
95.
Caszel am 28. Mai 1821.
Liebster Freund, ich habe Ihre kleine Schrift:
„Philosophie und Geschichte" gleich und mit der
Theilnahme gelesen, die ich für alles habe, was von
Ihnen kommt. Sie besitzen ein eigenes Geschick zn
klarer Auseinandersetzung eines solchen Gegen-
y Google
1821 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 199
Standes, wozu nun kommt, was Urnen Ihr eigener
Geist Terleiht. Sie haben gewisz etwas zeitgemäszes
zur Sprache gebracht und ich glaube, wer soweit
gekommen ist, dasz er ohne Rückhalt und Eigen-
liebe dem Gegner Recht thun will, auf den werden
Sie Eindruck machen. Allein ich habe gefunden
dasz Viele sich lieber zu einer Partei halten, weil
es in der Erscheinung einen Vortheil giebt, auch
das Ansehen von Festigkeit und Überlegenheit. Un-
willkürlich, wegen der Gebrechlichkeit der menschl.
Natur, wird jeder zu einer Partei gehören, aber das
unrecht fangt da an, wo man mit Bewusztseyn oder
Absicht sich absondert und nun den Irrthum, der in
jeder Partei liegt, weiter treibt. Denn das Gute ist
keine, ob man es gleich gesagt hat. Ich neige mich
mit meinem ziemlich friedfertigen Charakter mehr
zn der geschichtlichen Partei, weil ich denke, die
beste Vernunft hat sich in der Geschichte kund ge-
geben und in dem gewaltsamen Gegeneinander-
treiben einer langen Zeit sind die hellsten Funken
herausgesprungen, auch mögen meine Studien mit-
wirken, indeszen werde ich mich aufrichtig vor den
Abwegen, die Sie bezeichnet haben, zu hüten suchen.
Auch fahle ich mich noch nicht von einer Ansicht
gebunden und darin erstarrt. Nur eine Bemerkung
vermisze ich bei Ihnen : dasz nämlich die geschicht-
liche Ansicht practisch unschädlicher ist, denn das
anbewegliche, wozu in Abwendung von dem Leben-
digen, sie verleiten kann, vermag die Sonne, wenn
sie auf den rechten Fleck scheint in Flusz zu bringen.
Dagegen ist der Übergang von der s. g. philo-
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200 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1821
sophischen zur geschichtlichen Ansicht nicht nur
schwerer, sondern der, welcher seinen Verstand allein
in den Mittelpunct setzt, pflegt einschneidender und
zerstörender zu wirken und niederzureiszen, während
man dort oft nur ein neues Fenster zu brechen
braucht, um dem Licht Eingang in das verfinsterte
Haus zu yerschaflFen.
Von Below habe ich soeben einen am 15. d. K
geschriebenen Brief erhalten. Es geht ihm wohl,
der König hat ihn mit Wohlwollen empfangen und
ihm nicht nur eine Anstellung nach seinen Wünschen
und seinen Gesundheits - Umstanden angemeszen,
sondern auch bis dahin seinen vollen Gehalt zu-
gesagt. Den gröszten Theil dieses Sommers gedenkt
er auf Reisen zuzubringen, ffir gewisz sieht er es
aber an, dasz er dann noch ein Jahr wenigstens in
Berlin bleibt und hat sich deshalb schon einge-
miethet.
Gerling hat mir vor kurzem einmal, als er
Bücher von der Bibliothek nöthig hatte, geschrieben.
Er scheint zufrieden zu seyn und ich habe das Ge-
fühl, dasz er noch in eine recht gute, seinen
Wünschen angemeszene Lage kommt; er hat im
Ganzen die Anlage, ein glücklicher Mensch zu wer-
den, so weit das auf der Welt angeht.
Dasz Harnier ein Bräutigam ist, wird Dmen
keine Neuigkeit seyn. Ich habe ihn seit einem
Vierteljahr oder länger nicht gesprochen, aber, wie
es sich ietzt für ihn schickt, sehr heiter und schen-
haft im Concert gesehen.
m
y Google I
1821 XIV. W. Grimm an Snabediseen. 201
Nun noch eine Bitte : ich habe Ihnen glaube ich
Yon dem Miszgeschick und den vielen Widerwärtig-
keiten meines Bruders Carl, des Kaufmanns, gesagt.
Er hatte hier grosze Hoffnung als Hofcaszirer oder
dergl. in die Dienste des Kurprinzen zukommen.
Es schien schon so gut als gewisz, als durch eine
andere Combination die Stelle unnöthig ward. Er
gieng darauf nach ELamburg, aber dort kann er,
nachdem sich auch viele seiner ehemaligen Ver-
bindungen mögen verloren haben, keinen Platz er-
halten; er schreibt mir eben darüber äuszerst nieder-
geschlagen. Können Sie ihm in Bremen, wo sich
doch der Handel regt, durch Ihren Bruder einen
Platz verschaffen? ich glaube, er ist in seinem
Fache brauchbar, in einer Handlung die mit Frank-
reich, wo er lange war, in Verbindung steht wohl
vorzöglich. Auch etwas Englisch versteht er. Er
ist fleiszig und von treuem Herzen. In Lübeck
selbst sollte es, weil der Handel dort gleichfalls
liegt, schon schwerer fallen, sonst ist ihm der Ort
lieb. Seine Adresse ist J. G. Wolff in Hamburg
Fischmarkt No. 47. Wir würden Ihnen recht sehr
dankbar seyn, sie nähmen uns eine grosze Sorge
weg.
Meine Geschwister grüszen Sie herzlich. Frau
und Kinder, oder erwachsene Fräulein sollen auch
schönstens gegrüszt seyn. Wenn ich sie wiedersehe
and sie sind so grosz, so kann ich nicht mehr Du
sagen. Eszen Sie denn noch zum Kaffe Morgens so
▼iel Milchbrot, dasz sie nicht können satt gemacht
werden, wie einmal auf der Zeichnung zu sehen
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202 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1821
war ? Jetzt in den wohlfeilen Zeiten geht das noch,
aber bei Miszwachs!
Gott lasz es Ihnen wohl ergehen, liebster Freund,
mit unveränderter Liebe Ihr Wilhelm Grimm.
An Herrn Hofrath u. Profeszor Suabedisfen.
96.
Caszel 19. Septbr. 1821.
Liebster Freund, gleich, als mir der RR Lotz
die unerwartete Nachricht mittheilte, dasz Sie in
Melsungen wären, hatte ich die gröszte Lust mit
ihm zu gehen. Allein ich hatte seit einiger Zeit
schon alles darauf eingerichtet, auf 14 Tage nach
Frankfurt zu reisen, wohin ich von der Savigny.
Brentano. Arnim sehen Familie, die sich aus allen
Weltgegenden dort vereinigt u. die ich seit 5 Jahren
nicht mit Augen gesehen, die herzlichsten Ein-
ladungen erhalten hatte. Ihr Brief kam gerade vor
dem Tage meiner Abreise aber in der Nacht über-
fiel mich (der ich sonst den Sommer über ziemlich
wohl gewesen) ein so unmäsziger Schmerz in der
Herzgrube, dasz ich, obgleich er nach 8 Stunden
nachliesz, doch zu abgemattet war, um reisen zn
können. Morgen will ich nun, wiewohl ich noch
nicht ganz hergestellt bin, mich auf die Diligence
setzen, da Geduld u. Fleisz alles überwinden sollen
(die verstorbene Eurfürstin sagte mir einmal mit
ihrer gewöhnten Gutmüthigkeit: Geduld, Fleisz und
Möglichkeit macht möglich die Unmöglichkeit! und
y Google
1821 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 203
wiederholte es noch einmal langsam; Sie können
denken, was ich an mich halten muszte), aber ernst-
lich, ich zähle sehr auf das tüchtige Stoszen.
Sobald ich zurückkomme wende ich die ersten
freien Tage dazu an, meinen lieben Freund in Mel-
sungen zu besuchen.
Was Sie mir wegen einer Anstellung schreiben,
habe ich hier ebenso gehört, aber nicht anders, als
habe man fortdauernd dieselbe Absicht. Wahrscheinl.
Hegt die ganze Angelegenheit, bis erst Justiz und
Regierung vollständig eingerichtet sind u. bis ietzt
ist noch nicht einmal ein Kreisrath ernannt.
Den Hofr. Harnier habe ich am Tage seiner
Abreise gesehen, bis an das Author begleitet und
ihm gesagt, ich verlasse Sie mit der Aussicht auf
Bellevue in feiner Anspielung auf seine bevor-
stehende Hochzeit. Er war sehr verwundert über
eben Witz dieser Art (die mir auch wirklich ganz
fremd ist u. ich nur aus Spasz gegen ihn versucht
hatte), dasz er mir nichts zusammenhängendes zu
antworten hatte. Seit der Zeit habe ich nichts von
ihm gehört, denke aber wirklich dasz er wo nicht
verheirathet doch in der Absicht, seinen Haushalt
einzurichten, bald kommen wird.
Liebster Freund, wie sehr freue ich mich, Sie
wieder zu sehen und einen Tag oder zwei unter
ihnen, womit ich die ganze Familie meine, die guten
Kinder vor allen, zuzubringen. Aber recht heiter
mid vergnügt wollen wir seyn, manches traurige,
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204 XrV. W. Grimm an Sukbedissen. 1821
was mir wohl auch begegnet ist, will ich abwerfen,
wie einen Regenmantel, um in der Sonne und unter
dem blauen Himmel herzlicher Liebe zu sitzen.
Ihr treuer Wilhelm Grimm.
97.
Caszel 29. Octbr 1821.
Liebster Freund, aus ökonomischen Gründen habe
ich Ihnen seither nicht geschrieben, weil ich Ihnen die
vielen ungeschriebenen Briefe in Person überbringen
wollte , verloren ist daraus nichts , da ich sie jpor
coeur behalte. An dem Tage, wo ich Ihre Ein-
ladung erhielt, wurde ich krank, hätte also auch
nicht konmien können, wenn Schwertzell wirk-
lich abgereist wäre. Das Übel hat vor einigen
Tagen repetirt, es ist eigentlich nichts als Rheu-
matismus, aber es greift mich doch in dem Augen-
blick sehr an, weil es sich auf innerliche TheUe
wirft. Sobald ich davon frei bin, wie nun heute
wieder, so fühle ich mich gesund und wohl und im
Ganzen stärker.
Noch in diesem Augenblick bin ich einer von
Natur eigentl. langweiligen Sache wegen hier ge-
halten; allein in etwa acht bis zehn Tagen hoffe
ich doch zu Ihnen kommen zu können, es geht, wo
ich nicht irre, jeden Mittwoch ein Postwagen, darauf
gebe ich meine Sachen, u. gehe nebenher, wenn ich
selbst nicht darin sitzen mag.
Gerling war am Sonnabend auf eine halbe
Stunde bei uns; er machte Hoffnung, Sie würden
y Google
1822 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 205
den andern Tag nachkommen. Das ist nnn nicht
geschehen u. deshalb schreibe ich die paar Zeilen,
damit Sie sehen, dasz ich noch lebe , dasz ich Sie
Yon Herzen liebe brauche ich Ihnen nicht schrift-
lich zu geben. Die herzlichsten Grüsze an die
Ihrigen
W. G.
An Herrn Hofrath Snabedissen in Meistingen.
98.
Caszel 22. Jan. 1822.
Liebster Freund, ein paar Stunden vor der An-
famft Ihres Briefes hörte ich, dasz die Univers.
Marburg Sie nun doch bestimmt als Prof. der
Philos. vorschlagen werde, es also nur auf die Ge-
nehmigung ankomme. Umso mehr überraschte mich
die Nachricht die er enthielt. Meiner selbst willen
hätte ich gewünscht, dasz Sie hier bei uns blieben,
doch theile ich Ihr VorgefOhl, dasz es Ihnen in
Bremen wohl gehen werde. Gott segne Sie mit
Ihrer Familie, ich konune gewisz einmal dorthin u.
besuche Sie auf längere Zeit, als in Melsungen,
wenn ich nur einmal erst die Fittige etwas freier
bewegen kann, letzt stosze ich überall an meinen
Kaficht
Hierbei kommt das Gewünschte ; von Zeitschriften
nur .Repertor.* 19—22 u. ,Gött. Anz.* St. 157—
209, die Fortsetzungen der übrigen sind noch nicht
angelangt. Von Spener, was wir haben (die
herald. Schriften ausgenommen, die Sie wohl nicht
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206 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1822
verlangen). Nämlich: Schröcks Biograph. Thl 5
u. 6. inlBand. C anst eins Leben vonSpener. Schel-
horn Ergötzlichkeiten Bd. 1. u. 2. Winkler
Anecdota 1. Meuschens Christenth. mit Sendschr.
V. Spener. Predigten in 4. Samml. Speners Be-
antwortung etc. Ehrengedächtnisz in foL
Nöszelts Biogr. besitzen wir nicht.
W. Schütz haben Sie ganz richtig charakterifliit,
er ist wirklich von Tiefe, aber es ist nicht möglich
durchzukonmien , es steht in s. Schrift eine dicke
Luft, in der man es nicht lange aushalten kann.
Eben darum gehen auch seine poetischen Erzeng-
nisze ganz zu Grund.
Die neue Aufl. von Schleiermachers Reden
habe ich nocht nicht gesehen, er gehört zu denen,
die je weiter sie schreiben, je einfacher u. natür-
licher werden. Persönlich hat er mir mit seiner
Familie wohl gefallen, das Herz eines Menschen
drückt sich am schönsten in den Seinigen aus.
Mir geht es wohl gut, in allem übrigen aber
schlecht. Mein ältester Bruder leidet an Cataiih
und hustet, wie die Cicade singt, endlos; ich habe
die beste Hoffnung ihm nachzufolgen und ich weist
nicht, ob ich Ihnen schon je einen so groszen Freund-
schafts Dienst erzeigt, als heute, wo ich Ihnen, ganz
gegen meine Lust, die Bücher ausgesucht habe.
Grüszen Sie mir das ganze Haus auf das hen-
lichste u. fangen Sie bei Ihrer freundlichen Mutter
an. Ich komme, wenn es zu machen ist vielleicht
noch einmal, war es auch nur auf ein paar Stunden,
zu Ihnen; ich würde mich mit Gewiszheit ausdrücken,
y Google
1822 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 207
wenn mir irgend ein Plan gelänge. Mit treuem
Herzen Ihr
W. Grimm.
Lotz habe ich kaum eine 74 Stund^ gesprochen
die Leute kommen vor regieren nicht zu sich selbst
geschweige zu andern. Ich wäre schon einmal hin-
gegangen, aber ich fürchte mich vor seiner Frau,
sie spricht zu fein u. ich weisz nichts zu sagen.
99.
[Cassel d. 19. Febr (?) 1822]
Liebster Freund, von Creuzers Symbolik besitze
ick nur den 1. Band der neuen Auflage, diesen hat
noch von Melsungen her Lotz in seinen Händen,
gestern Abend, wo ich erst Ihren Brief bekam, war
er nicht zugänglich, heute Morgen (den 19.) will
ich ihm diesen Brief bringen u. ihn bitten das Buch
mitzuschicken. Ich schreibe das so weitläuftig, da-
niit Sie es sich zu erklären wiszen, wenn dieser Brief
ganz allein kommt, denn alsdann ist Lotz schon in
der Session. Die Bibl. hat nichts als die alte Auf-
lage, mir hat Creuzer immer die Fortsetzung
schicken wollen, daher ist das Werk noch nicht voll-
standig. Auszerdem habe ich auch seine Briefe mit
Hermann u. schicke sie, wie Sie es wünschen.
Ich bin erst seit acht Tagen wohl. Nach dem
letzten Anfall kam ein starker Husten, der 3 Wochen
dauerte, und womit ich mir nicht zu helfen wuszte,
da ich seit vielen Jahren keinen gehabt hatte. Ich
y Google
208 XIV. W. Grimm an Suabedisaen. 1822
bin diesen Winter kranker und gesunder als je,
beides zugleich; nämlich in den Zwischenräumen
befinde ich mich beszer, freier u. heiterer als zu
irgend einer Zeit, sehe auch gesund aus, dag^en
greifen mi^Ji jene AnföUe, obgleich sie nur 3—4
Stunden dauern, sehr heftig an; sie kommen ab^
ohne Veranlaszung, ganz wie es ihnen einfallt Eb
wird wie gewöhnlich alles aufs Wetter geschoben.
Sie schreiben mir nichts von Ihrer Anstellung u.
doch sehe ich die Sache als ausgemacht an. Ich
beantwortete Ihren letzten Brief nicht, weil mir
Lotz sagte, es sey an diesem Tage die ofGcielle
Erklärung an Sie abgegangen.
Es ist mir so, als hätte ich mit Ihrer guten
Mutter einmal über Bücher gesprochen, die sie aaf
eine angenehme imd doch würdige Art unterhielten.
Ich kann ihr die Romane des Walter Scott, die
groszentheils ins Deutsche übersetzt sind, s^hr em-
pfehlen. Es ist erstlich eine reine, liebevolle Seele
darin, dann sind die wichtigsten geschichtlichen Ver-
hältnisze von England und Schottland mit einer
Wahrheit und Treue aufgefaszt, die man umsonst
bei den Oeschichtschreibern sucht. Ich will nicht
sagen, als habe er mit einem groszen Blick die
Weltverhältnisse überschaut, aber er stellt treu und
ohne Parteilichkeit dar, wie er sie gefaszt hat. Etwas
epische Breite musz man ihm zu gut halten, sie ist
oft wohlthätig und ein Zeugnisz von der Sicherheft
und heiteren Haltung seiner Poesie, die der zer*
störten Natur des Byron gerade entgegensteht, ob-
gleich dieser von einem ursprünglich hohem öenins
y Google
1822 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 209
mag berührt worden seyn. Ich habe diese Bücher
während meiner Krankheit gelesen, wo ich zu andern
Arbeiten untauglich war, und sie haben mir viel
Freude gemacht.
Leben Sie wohl, liebster Freund, Sie und die
Ihrigen w^en auf das herzlichste gegrüszt von
einem treuen Freund
Wilhelm Grimm.
Hofir. Harnier ist vor kurzem wieder von
Hanover zurück, ich fand ihn gestern Abend nicht
zn Haus und die Frau wollte niemand annehmen,
weil sie unpäszlich sey.
100.
Caszel 17. Juli 1822.
Liebster Freund, über wenige Briefe habe ich
mich so sehr gefreut, als über den ihrigen, worin
Sie mir schrieben, dasz es Ihnen geistig und leiblich
wohlgehe, dasz Sie sich des schönen Himmels und
der herrlichen Gegend erfreuen und nach innerm
Beruf und Lust arbeiten können. Ich gönne einem
jeden Menschen das Gute, aber Ihnen habe ich es
immer mehr als andern gewünscht und Sie glauben
nicht, wie weh es mir oft gethan, wenn ich sah,
dasz Sie, den ich so herzlich liebe, ablenken müszten
auf W^e , die nicht zu einer Ruhe führten, deren
Sie bedürftig waren ; nur hat mich immer das Gefühl
getröstet, es werde Ihnen noch einmal auch hier auf
E. Stengel Briefe der Brüder Orimm. 14
y Google
210 XIV. W. Grimm an SuabedisseiL 1822
der Welt gut gehen. Da ich mich genau Ihrer
ietzigen Wohnung erinnere und oft, alsSavigny
da wohnte, aus den Fenstern in das Thal hinab ge-
sehen, so meine ich durch diese Erinnerung Ihnen
schon etwas naher gerückt zu seyn. Die Etage oben
bestand damals aus einem einzigen Zimmer, das nach
drei Weltgegenden die Aussicht hatte, an den Wänden
hingen schöne Kupferstiche, die heil. Familie von
Holbein, die Sie zu Dresden gewisz gesehen haben,
hing zwischen den beiden Fenstern, die nach dem
Garten nördlich gehen. Die Treppe war aber steil
und wenn sie noch so ist, so warne ich die Elise,
dasz sie nicht zu schnell hinabspringt.
Ich bin endlich auch an meine Wohnung gewöhnt,
aber vergeszen kann ich die vorige mit den schönen
Bergen und dem weiten Horizont nicht, hier sehe
ich wenigstens ein paar Bäume und ein Stückchen
Grasplatz aus meinem Fenster, in dem Hintei^prund
aber eine neugebaute Caseme aus welcher t^Uch
dieselben Röcke und Figuren herauskommen. Idi
lasze mir alles gefallen, wenn nur nicht der Stabs-
trompeter zuweilen Abends auf seinem Instrument
phantasirte, womit er einem das Gehirn zerreiszi
Eine Schmiede unten im Haus gereicht mir schon
eher zum Yortheil und ich habe schon manche
technischen Ausdruck gelernt. Mit meiner Gesund-
heit geht es gut und ich bin auf eine halb wunder-
bare Weise von dem Übel, das mich quälte, befireit
worden. Die Arzte lieszen mich Aloe und dergleichen
Bitterkeiten bei meinem Magenkrampf einnehmen«
so sehr ich sie auch um linde und mildernde Dinge
y Google
1822 XrV. W. Orimm an SuabedisseiL 211
bat; ich empfand jedesmal ein Verlangen nach
süszer Milch , aber sie achteten nicht darauf am
wenigsten der ältere Harnier, der schon system-
fester ist und darüber lächelte, als wollte ich mich
TöUig verderben. Endlich rede ich dem Eduard
Harnier ins Gewiszen und er gestattet mir, einen
Versuch zu machen. Das nächstemal also, wie sich
die böse Stunde nähern will, lasse ich mir die süsze
Milch, zu der sich die Lust wieder eingestellt hat,
ein wenig erwärmen und kaum habe ich eine Tasze
angetrunken, schon nach wenig Secunden, ist aller
Sehmerz verschwunden und ich flihle bestimmt, dasz
das Übel abgewendet ist. Auch die Rückwirkung,
die sich in dem heftigen Kopfweh äuszerte, war
gering, nicht einmal niederzulegen brauchte ich mich.
Seitdem habe ich die starken Pillen, den Valeriana-
thee, die mein tägliches Brot waren, bei Seite gesetzt,
geniesze etwas mehr süsze Milch und darf vielleicht
Iioffen, von meinem Übel auf immer befreit zu
sejn, wenigstens habe ich seitdem nichts davon ge-
spürt und fühle meinen Magen gestärkt. Auch meine
Jngendneigung zu Obst erwacht wieder und nur der
Widerwille vor dem Waszer ist mir noch geblieben.
Könnte ich Ihnen doch auch sagen, dasz ich mich
innerlich so wohl befönde. Nicht als sey die Heiter-
keit meiner Natur unterdrückt, denn ich strecke, so
oft es gehen will imd dergleichen Augenblicke
aehenkt uns Oott oft, meinen Kopf aus dem kalten
Waszer und mich wärmt und erfreut schon die
Scnme und Lebensluft, während mir jenes noch über
das G^cht abläuft. Es gibt ein geistiger Schmerz,
14*
Digitized by VjOOQ IC
212 XIV. W. Grimm an Suabedissen.
der dem körperlichen einer Wunde gleicht, er ist
heftig, aber man kann sich ihm entgegensetzen mid
seiner Meister werden, selbst wenn er anhaltender
wäre; immer noch bleibt Gesundheit die Grundlage
des Daseyns. Aber wenn wir diese nach und nach
verschwinden sehen imd unter den Füszen weggezogen,
wenn die liebsten Güter der Seele: Liebe, Treue,
Gerechtigkeit, Friedfertigkeit abblaszen und vor dem
faulen Hauch der Selbstsucht, die Bodenlos ist, weil
sie kein göttliches Gesetz anerkennt, verwelkt, dann
filhlt man einen ganz andern Schmerz, eine Angst,
die der Kranke haben musz, wenn er fürchtet, die
Luft werde ihm entzogen. Doch Gott wird seine
Hülfe schicken.
Meiner Schwester Hochzeit haben wir am
2. Juni gefeiert, Morgens um 11 Uhr. Wie sie im
Brautkleid u. Myrthenkranz ganz blasz vor inna-
lieber Bewegung in das Zinmier trat, glich sie so
sehr meiner seel. Mutter, die ich nur blasz u. krank-
lich gekannt habe, dasz mich schon dieser Anblidc
zu Thranen brachte. Schenkt Ihr Gott Gesundheit,
wie wir hoffen dürfen, da sie an keinem organ.
Fehler leidet, so kann sie recht glücklich werden;
ihr Mann ist ein durchaus redlicher Mensch, dem
es mit dem besten seiner Seele Ernst ist; auch
meine Schwester ist gut.
Wir erhalten ietzt einen groszen Theil der Wil-
helmshöher Bibliothek vielleicht gegen 9000 BsUide,
gut und schlecht imtereinander. Das Au&tell^
Eintragen und ordnen derselben beschäftigt uns alle
drei imd bevor diese Arbeit zu Ende ist, darf ich
y Google j
1822 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 213
nicht daran denken, tun Urlaub zu bitten. Aber
dann, rielleicht im Herbst, wollte ich auf ein paar
Tage zu Ihnen nach Marbuiff kommen und freue
mich darauf. G erlin g habe ich leider verfehlt, so
wie er mich, er hat sich hier nicht ganz wohl be-
fanden, aber das war doch hoffentlich nur vorüber-
gehend. Der Paläograph Kopp wollte sich auf ein
paar Tage in Marburg aufhalten, ich weisz nicht, ob
Sie ihn gesehen haben, er gehört zu den nicht
häufigen Menschen, die mit einer gewiszen Leben-
digkeit ihre Eigenthümlichkeit ohne Rückhalt dar-
legen, welche Offenherzigkeit manches gleichsam zu
entsündigen scheint. Scharfsinn, Talent, besondere
Gaben für sein Fach besitzt er ohne Zweifel, aber
wenn er einem unter allerlei Späszen erzählt, dasz
er auszer diesem auch nur noch für Gelderwerb
(durch Staatspapiere Handel etc.) und dergl. Sinn
habe, alles andere ihm gleichgültig sey, so ist es
einem innerlich doch zuwider, ob es sich gleich in
dem Augenblick ganz lustig anhören läszt. Er hat
den Ghrundsatz, jedes Monument, das er nicht er-
klären kann, wie nicht vorhanden zu betrachten,
dadurch bekommt er überall Sicherheit, stellt aber
das ganze doch nur lückenhaft dar. Auf einer hohem
Stufe steht die Offenherzigkeit mit der Gramer in
Eiel sein Leben in einer Hauschronik beschrieben
hat, ich kann nicht sagen, dasz auch diese Natur mir
besonders zusagte, aber er hat doch etwas tüchtiges
und mir sind solche Selbstbiographien, die redlich
abge&azt worden, immer äuszerst anziehend gewesen.
Wie ganz anders erscheint dagegen Göthe in dem
y Google
XrV. W. Grimm an Suabedissen. 1822
ken Bande seiner Lebensbeschreibung, wo er
Feldzug in die Champagne 1792 beschreibt und
»Veitgeschichte in den Lauf seiner Begebenheiten
itt: alles ist zierlich und kunstreich geordnet,
1 in Farben gesetzt und auch auf diesem Wege
nnen wir einen sehr bestimmten Eindruck seines
3ns. Merkwürdig sein Hang zur Beobachtung
m in Unruhe und Gefahr, die ihn sogar treibt,
Slanonenfieber an sich selbst wirken zu laszen.
glaube, eben dieses Hanges wegen ist er kein
ommen groszer Dichter geworden, wie etwa
kespeare, der allerdings mit einem Bewuszt-
und Gefühl von sich, doch ohne Mühe und
re Arbeit, auf den Stahlfedern seines Geistes
wiegt und ohne Vorsorge in die Sonne seine
in richtet. Es klebt Göthes Werken, bei aller
lichkeit, zu viel Studium an, wie es andere
ichen auch brauchen, ebendarum aber viel zeit-
Vergängliches.
eben Sie wohl, liebster Freund, grüszen Sie
u. Kinder auf das herzlichste.
Ihr Wilhelm Grimm.
reuzers Symbolik habe ich ietzt vollständig
Bänden u. leihe sie Ihnen gerne; auch wenn
onst etwas von der Bibliothek brauchen.
y Google
1823 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 215
101.
Ca8zel 12. Jan. 1823.
Liebster Freund, ich schicke Ihnen hierbei des
wunderUchen und ängstlichen Hoffmanns Leben
mit seinem katzenartigen Oesicht, das Sie einmal
haben wollten; Weitzels Leben, das Sie nicht
verlangten, lege ich bei, zwar kenne ich es nur aus
Bruchstücken, aber mein Bruder, der es gelesen,
meint es wäre interessant, weil es eine eigenthüm-
liche Natur, dieser auch wohl schrecklichen Zeit,
scharf ausspreche. Ich wollte noch H a m a n s Werke
dazu thun, aber mir war, als hätten Sie mir dieses
Frühjahr auf dasselbe Anerbieten geantwortet, das
Bach befände sich dort oder sie fühlten kein Be-
dfirfiiisz darnach. Sie können es jeder Zeit be-
kommen, denn es wird nicht gelesen. Dagegen
»Semiramis die Tochter der Luft** wird mit ein-
gepackt, eine Art von feinem Orangenliqueur, wie
sich etwa Göthe darüber ausdrückt, ich mag der-
gleichen nur Yon Zeit zu Zeit kosten und manch-
mal widert es mich an, so reizend es auch schmeckt.
Göthes Heft über Naturwiszenschaft kann ich aber
nicht herbeischaffen, ein so schlechter Bibliothekar
bin ich.
Weihnachten und Neujahr habe ich Ihrer gedacht
mit guten Wünschen und herzlicher Liebe. Ich habe
beide Feste ziemlich einsam erlebt, indesz ist mir
ein schöner Wunsch zugeflogen indem unversehens
ein Schmetterling um mich flatterte, der sich diesen
Sommer an einer Aloe, wo ich hernach die leere
Digitized by VjOOQ IC
216 ^r\r. W. Grimm an Saabedisaen. 1828
Hülse fand, verpuppt hatte und ohne sich von dem
winterigen und kalten Wetter irre machen zu laszoi
von der Stubenwärme begünstigt herausgekrochen
war. Laszen Sie mir das etwas Outes bedeuten, za-
nächst habe ich es auf den kleinen Knaben bezogen,
den bald hernach, am 5. Jan., meine Schwester ge-
boren hat. Das Eind mit seinen schwarzen Augen
soll mir viel Freude machen, vorausgesetzt dasz es
nicht die Nase und das Wesen des Groszvaters
Haszenpflug bekommt, wogegen ich eine unwill-
kürliche Abneigung empfinde. In diesem Falle, habe
ich meiner Schwester schon vertraut, erhält das
Eind von mir nichts als Schläge.
Seither d. h. seitdem Sie nichts von mir gehört,
habe ich mich wohl gehalten und mich wenig von
Eränklichkeit anfechten laszen. Weder das Magen-
übel hat sich gezeigt noch der Brustschmerz geregt
und ein zwar nicht seltenes und sonst mir unbe-
kanntes Eopfweh war doch fast inmier gelind and
zu ertragen. Ich bin auch den Sommer über nicht
trag gewesen und habe meine Sammlungen naber
gerückt und beszer geordnet, um etwas zusammen-
hängendes zu Stande zu bringen, das ich schon lange
im Sinn gehabt. Nämlich eine «Geschichte d^
deutschen epischen Poesie im Mittelalter** , wobei
alles ausgeschlossen ist, was durch Übersetzungen
herübergekommen u. einverleibt worden, und nur
was ursprünglich deutsch sich zeigt, betrachtet wer-
den soll. Wäre nur das Material erst etwas besz^
bekannt und nicht die Nothwendigkeit da, über so
manches erst zu belehren. Die , Nibelungen' sind«
y Google
1823 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 217
wenigstens dem Namen nach, manchem aus Bruch-
stficken bekannt, aber es mnsz z. B. Ton einem Ge-
dicht die Rede seyn, welches «Oudron*' heiszt, das
Tidleieht keine zwölf Menschen gelesen haben und
das gleichwohl von so ausgezeichnetem Werthe ist,
dasz ein griechisches, das den 8ten Theil inneres
Gehalts hatte, gewisz schon längst bis auf alle
Knochen wäre zubereitet worden. Das fBhrt auf so
liele Abwege und Nebenarbeiten. Mir kommt es
zumeist auf die Entstehung imd Entfaltung der
Dichtungen an. Hier zeigt sich eine ganz unge-
meine Ähnlichkeit mit dem Homer und an dem
könnte ich Ihnen auch am leichtesten zeigen, was
ich meine. Gewiszermaszen bin ich der Wolf ischen
Ansicht zugethan, ich glaube nämlich, dasz aus den
Gesängen und Liedern der Rhapsoden das Gedicht,
das wir besitzen, zusammengeschloszen ist; auch
mögen die altem Becensionen des Aristoteles
nnd Zenodot noch reiner u. beszer gewesen seyn.
Aber nun gehe ich noch weiter zurück und glaube
(denn feststellen mag ich meine Ansicht noch nicht)
dasz jene Lieder der Rhapsoden Ausflusz eines
einzigen höchst vollkommenen Gedichts waren und
nähere mich somit der alten u. gewöhnlichen An-
sieht eines Homers. Was sich von ihm durch die
Bhaps. erhalten, sind (Form und Gehalt nach) ge-
störte und verwirrte Bruchstücke, die die Sehnsucht
nach dem reinen Zustand in sich tragen, aber nicht
wieder dahin gelangen können. Das Zusammen-
faszen derselben vergleicht sich also dem zweiten
Tempelbau, nach der Erinnerung des zerstörten, an
y Google
218 XIV. W. Grimm an Saabedissen. 182S
sich noch grosz und schön, doch klein und mangel-
haft in Vergleich mit dem alten. — Das wäre alles
ganz gut und würde einem vielleicht zugegeben,
aber die Frage ist: jenes vollkommen, rein ge-
gliederte Lied ist es blos das Ideal in des Dichtere
Brust gewesen, und das wir ahnen, oder ist es ein-
mal in Wirklichkeit getreten und hat ein irdisches
Daseyn gehabt? Ist es einem Menschen gelm^n,
alles auszusagen oder ist jenes Lied aus einem
Paradies herübergereicht worden, von den Dichtem
lange bewahrt, dann nach zerbrochenen Tafeln nur
in Bruchstücken erhalten, wie sie die verwirrte Er-
innerung gab?
Ich beantworte mir die Frage oft verschieden,
auf die ich auch von andern Seiten geführt werde.
Bei den Runen, wo die Entstehung des Alphabeis
bedacht werden musz, kommt sie wieder vor. Ich
musz diesen Gegenstand, da manches neue entdeckt
worden ist u. von andern berichtet, auch wieder
vornehmen. Beim ersten Anschein geht es wohl,
dasz man sich die Entstehung des Alphab. auf
äuszerlichem Wege erklärt. Man hat die Laute be-
zeichnet durch Dinge, die ausgesprochen diesen oder
einen ähnlichen Laut gewährten, wie es etwa bei
den französischen Rebus hergeht. Diese Laute hat
man nachher gesammelt u. inmier feiner bestinuni
und gespalten, ein Zeichen statt des Bildniszes ge-
mahlt u. so nach und nach die Buchstaben heraus-
filtrirt. Folglich müszte man in der Folge immer
beszer und richtiger geschrieben haben u. Anfangs
sehr schlecht. Nun zeigt aber die Geschichte ge-
y Google
1823 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 219
rade das Gegentheil, je weiter hinauf, je richtiger
u. genauer die Schrift und sicherer das OefUhl von
der Bedeutung der einzelnen Buchstaben. Die ersten
grammatikalischen Versuche, die mit dem Verstände
die Sache anpacken wollen, zeigen gewöhnlich ein
TöUiges Verkennen und Verwirren der eigentl. Be-
deutung der Buchstaben und ursprünglichen Laute.
Betrachtet man das überlieferte Alphabet selbst so
müszten sich im Falle jener äuszem Bildung Spuren
Ton einer solchen Entstehung finden, es müszten,
wenn auch nicht ganze Sylbenzeichen doch Ver-
mischungen und Zusammensetzungen der Urlaute
darin vorkommen, z. B. etwa ein Zeichen für /ST.
ERL 8CHR LN. NA. u. s. w. Wir sehen es
aber, und das ist das höchst wunderbare, in einem
YoUkonunen richtigen Gefühl von den reinen Ur-
lanten abgetheilt, nur dasz es immer noch ein
r^eres voraussetzt u. vermuthen lä^; es unter-
sckeidet z. B. die ienues, mediae u. aspir. die liqui"
dae etc. die in dem Organismus der Sprachlaute eine
80 grosze Bolle spielen u. nach festen Gesetzen ihre
Gfewalt ausüben. Der erste Erfinder des Alphabets
mnsz also ein so helles und reines Gefühl von den
IJilauten der Sprache gehabt haben, wie wir es in
der Wirklichkeit bei keinem in irgend einer Zeit,
auch nur entfernt, finden. Wir gelangen erst nach
and nach durch Studium zu der Kenntnisz. — Doch
ich will von dieser Materie abbrechen, die zu weit
fthrt, und Sie nur bitten, mir einmal bei Gelegen-
heit, wenn Ihre Betrachtung dabei verweilt, Ihre
Ansicht mitzutheilen.
y Google
220 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1823
Lord Byron! wenn dieser ausgezeichnete Geist,
diese tiefen Blicke in die Abgründe und auf die
Anhöhen der menschlichen Seele, diese Kühnheit
und Macht der Darstellung, den Poeten ausmacht^
so würde ich ihn zu den gröszten zählen. Aber ich
gehe von ihm beängstigt, gewaltsam aufgeregt, von
Oespenstem geschreckt heim und habe kein Wort
gehört, das mich beruhigt und mir die Bäthsel des
menschlichen Daseyns, die er gewaltig, meinetw^n
oft herrlich vorführt, lösen wollte; ja statt eines
guten Willens sehe ich nur die Absicht mich nodi
tiefer in die Nacht zu stoszen. Er gewinnt sidi
selbst als letzte Aussicht und seine Werke sind keine
Oedichte sondern Biographieen seines innem Menschen
mit ungezähmten Geist ohne Rücksicht und Sehen
abgefaszt. Merkwürdig dabei sind es nicht ErgSsze
einer wilden, titanischen Dichtergabe, wie man denken
sollte, im Gegentheil es ist grosze Besonnenheit und
Sorgfalt in der Ausarbeitung, jedes Wort scheint
gewogen, das ganze mit genauem Verstände über-
legt und geordnet. Es scheint ihm zum Dichter
nichts abzugehen als das Gefühl des wahren nur in
Gott sich erkennenden und widerfindenden Menschen;
er ist sich selbst sein entsetzlicher, quälender und
unergründlicher Abgott. Der y^Gorsar*^ gefallt mir
beszer als „Manfred', es ist weniger Hohn darin u.
es nähert sich uns durch ein gewiszes Bedauerndes
gefallenen Geistes, das auf etwas reineres und edleres,
als in der Höhe schwebend, hindeutet. Einige
Scenen darin sind Ton hinreiszender Schönheit, über-
haupt wird man bei allem Widerstreben gegen diesen
y Google
1823 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 221
Geist, doch ein gewiszes OefQhl von Bewunderung
nicht los und ich habe kein Gedicht unbeendigt
zurücklegen können, obgleich ich mich besinne, ehe
ich eins von ihm anrühre. „Manfred** ist, soviel ich
das Original verstehe, nicht gut übersetzt, es ist ein
zu gedrehtes, künstlich behandeltes Deutsch; der
aCorsar" liest sich beszer.
Ich sehe am Schluse Ihres Briefs, dasz Sie oder
die Leute mir etwas Schalkhaftigkeit zuschreiben,
das freut mich, denn ich bin diesen Sommer über
oft wochenlang so serieus gewesen, dasz ich selbst
gezweifelt habe, oh ich noch Spasz verstände. Aber
nennen Sie mir diesen Geist nicht einen zweifel-
haften oder zweideutigen, denn soviel weisz ich
(wenigstens aus meinem sonst wohl gebrechlichen
Herzen), dasz er nicht neben sich dem Mephisto-
l^eles, der lacht, weil er verneint, einen Stuhl
Betzt. In der Regel sind es auch nur Frauen, welche
den Spasz nicht lieben, weil sie ihn nicht verstehen
(obgleich sehr gut den Witz) und ihm dann gerne
etwas anhängen, oder etwas anders dahinter suchen,
als unschuldige Lust.
Leben Sie wohl, mein liebster Freund, grüszen
Sie die Ihrigen freundlich, auch meine Geschwister
laszen grüszen, ich aber bleibe mit treuem Herzen
Ihr Wilhelm Grimm.
Die Bibliotheks Bücher können Sie behalten nach
Ihrer Bequemlichkeit, die .Tochter der Luft** soU
ich in etwa 4 Wochen wieder zurückgeben.
y Google
222 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1823
102.
Schweinsberg [1823?]
ebster Freund, nach mancherlei Schicksalen,
imer meine Abreise verzögert haben, bin ich
h hier in Schweinsberg angelangt und da das
jr allzu unbeständig ist und ich überdies nicht
ju Fusz bin so bitte ich Sie mir doch einen
in bestellen zu laszen, der mich Morgen, Sonn-
hier abholt. Hj. von Schenk meint, dasz
it einem Einspänner, dergleichen es ganz leid-
dort gäbe, sehr gut hinüber fahren würde und
solle sogleich auf seinen Hof hier fahren, wie
lange. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich
darauf freue Sie von ganzem Herzen zu um-
i
Ihr Wilh. Grimm.
Serrn Hofrath Suabedissen in Marburg.
108.
Cassel 16. Mai 182a
ebster Freund, heute Morgen, wo ich mich zu-
ivieder an meinen Arbeitstisch setze , sind es
e acht Tage, dasz ich Sie verlaszen habe; ich
aber nicht eher an die Arbeit gehen, ak bis
men mit ein paar Zeilen meine glücklich An-
gemeldet und Ihnen noch einmal gedankt habe,
0 viele herzliche Liebe und Freundschaft, die
air erzeigt haben. Ich werde die vergnügte
nicht vergeszen, die ich bei. Ihnen zugebracht
y Google
1823 XIV. W. Grimm an Snabedissen. 223
habe, es waren lauter heitere in Scherz und Ernst
verlebte Stunden, wogegen die paar kranke gar nicht
in Betracht kommen. Meine Reise nach Willings-
hansen war noch beszer als ich anfangs dachte, da
der Regen sich legte und mir der heftige Wind
glücklicherweise nicht ins Gesicht blies. Ich fand
dort die Frau von Schwertzell unwohl und das
sonst angefüllte und belebte Haus still und einsam.
Doch habe ich vier Tage angenehm zugebracht,
auch der Garten oder vielmehr Park hat mich er-
freut, einen ganzen Morgen habe ich in meinen
Mantel eingewickelt darin geseszen, durch eine
blühende Hecke vor dem Wind geschützt, der oben
in den Bäumen brauste. Eine Nachtigall that mir
den Gefallen ganz nahe herbeizukommen u. ihr
bestes zu thun; auch die Sonne meinte es gut, so
oft sie vor dem Wind dazu kam. Dienstags reiste
ich ab, und kam erst spät Abends 11 Uhr hier an,
ich &nd gottlob alles wohl und unverändert.
Ich schicke Ihnen hierbei die gewünschten Bücher,
auch den 3. Band der Märchen, so gut er ist. Was
Sie von der Bibl. haben wollten, müszen Sie mir
dann verabredetermaszen aufschreiben.
Harnier ist schon abgereist, wie ich höre, ich
nmsz also die Grüsze an ihn noch aufsparen.
Neues weisz ich nichts zu melden; nur sehe ich
mit Schrecken, dasz der Prof. Wildt einen neuen
unsichtbaren Trabanten der Erde entdeckt hat, der
sie drückt u. alle 19 Tage irgend ein Unheil am
Barometer anrichtet, auch immer näher kommt. Am
Ende fahrt er einmal zwischen die französ. u. span.
y Google
224 XIV. W. Grimm an Snabediseen. 182$
Armee u. streckt sie mit seinem Schweif oder was
er sonst zur Hand hat, ins Meer.
Leben Sie wohl, liebster Freund, grüasen Sie
Ihre Frau und die lieben Kinder sammtlich au&
herzlichste und sie sollten mich in gutem Andenken
beb alten, wenn Sie mich hier besuchten, wollte ich
Woche halten u. alles gute vergelten. Qrüszen Sie
auch E. Platner. Mit treuem Herzen
Ihr Wilhelm Grimm.
Der Kurprinz hat aufs neue 14 Tage Urlaub
erhalten u. wird wahrscheinlich noch diesen ganzen
Monat in Berlin bleiben.
104.
Caszel 25. Juli 1828.
Liebster Freund, ich schreibe Ihnen gleich mit
dankbarem Herzen für Ihre Theilnahme Antwort
wegen meines Bruders. An sich ist er sehr ge-
neigt und auch unsem Yerhältniszen (f&r die wir
eine Yerbeszerung nicht hoffen dürfen) wäre es an-
gemeszen, eine Stelle anzunehmen. Nur besorgter,
der damit verbundene Oehalt sey so gering, dasz er
sich seinen Unterhalt meist durch Unterricht er-
werben müsze. Würden auf diese Weise die Stunden
des Tags besetzt oder zerstückt, so würde er sein
Talent ganz müszen schlafen legen, und so gering
es auch seyn mag, so scheint es uns doch ein
beszeres Schicksal zu verdienen u. er selbst würde
dann keine Lust mehr an sich u. seinem Gbsch&ft
y Google
1823 XIV. W. Grimm an Snabedissen. 225
haben. Das Öhlmahlen namentlich fordert eine Reihe
Ton ruhigen Stunden u. Tagen u. man kann dabei nicht
abbrechen u. wieder anfangen. Sollte aber unsere
Lage noch beschrankter werden und er genöthigt
aeyn, jene Lebensweise zu ergreifen so würde er
klüger thun eine reiche Stadt z. B. Frankfurt, wo
er schon Bekannte hat, zu wählen. Also nur auf
den Fall, der mir aber unwahrscheinlich ist, dasz der
Gehalt der dortigen Stelle ein einfaches Leben
sicherte (etwa gegen 300 Thbr ausmachte) u. die
dabei zu ertheilenden Stunden noch Zeit zu künst-
lerischen Arbeiten übrig lieszen, bitte ich Sie, nähere
Erkundigungen einzuziehen und mir zu schreiben,
welchen Weg mein Bruder einschlagen müszte.
Mit meiner Gesundheit ist es doch leidlich ge-
gangen u. eben ietzt befinde ich mich wohl ; einmal
habe ich doch wieder mein Magenübel gehabt, aber
auch nicht starker, als damals, so däsz ich schon
am 3. TsLf^e mich wieder herausmachen konnte.
Sonst war der Anfall viel heftiger und machte mich
auf 8 Tage krank, es scheint also Beszerung auf
diesem Weg einzutreten.
Harnier ist vorgestern nach Pyrmont; eine
Krankheit seiner Frau, die gefährlich werden konnte,
weil eine Entzündung des Rückenmarks zu besorgen
war, hat ihn länger, als er dachte hier gehalten.
Sie folgt ihm nach völliger Herstellung in einigen
Wochen.
Gebrauchen Sie die Bücher, die ich Ihnen ge-
schickt habe, ganz nach Ihrer Bequemlichkeit. Ich
selbst rathe bei dem täglichen Anblick einer Biblio-
Z. StengeL Briefe der Brüder Grimm. 15
Digitized by VjOOQ IC
226 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 1823
thek den Leuten meist vom Lesen ab, man verdirbt
sich so gut den Magen, wie bei den 100 Schfiszeln
einer Gasterei. Was die „Mem." betrifft, so mögen
wir wohl ein ziemlich gleiches Urtheil über den
Eindruck haben, gleichwohl scheinen sie mir der
Beachtung und Betrachtung werth so gut als eine
übelriechende Blume, die in unserer Heimath wächst
Mein Bruder hatte gleich nach mir eine Reise
gemacht über Hersfeld, Fuld, Steinau u. Büdingen,
dann quer nach Gieszen, wo er einen Tag geblieben ;
durch Marburg ist er Nachts gekommen u. hat Sie
natürlich nicht stören wollen. Li Gieszen ist ietzt
ein Holländischer Gelehrter bei der Universität mi-
gestellt, Dr. Thorbecke, er war voriges Jahr
hier und hat mir wohl gefallen, er hatte auszer den
holländ. Tugenden der Gründlichkeit u. Bescheiden-
heit auch etwas Geistreiches und Belebtes in seinem
Wesen, was sonst dort nicht zu Hause ist.
Leben Sie wohl, mein liebster Freund, Gott er-
halte Sie gesund, an Sie alle schicke ich die herz-
lichsten Grüsze zurück, auch von meinen Ge-
schwistern.
Wilh. Grimm.
105.
Cassel, 19. Octbr. 1823.
Mein liebster Freund, da schon seit einer Woche
das Feuer im Ofen knarrt und demnach der Winter
eingezogen ist, so scheint es mir Zeit Ihren Wunsch
zu erfüllen und Ihnen die verlangten Bücher zuzu-
y Google
1823 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 227
senden: Göthes Kunst u. Alterthum Bd. III.
Heft 1. 2. 3. Bd. IV. Heft 1. 2. also zusammen
5 Hefte. In dem letzten, das eben erschienen ist,
stehen wieder einige Dinge, die mich sehr erfreut
haben, so unbefangen, lebendig u. eindringlich sind
sie. Es scheint, als ob er sich wirklich nach der
Krankheit vrieder verjüngt habe, ob es aber nicht
ein zu jugendlicher Sinn ist , wenn er ein ganz blut-
junges Fräulein heirathen wiU, wie ich gestern habe
erzählen hören, mag er selbst am besten beurtheilen
können. Ich legte Ihnen gern noch bei Schloszers
Geschichte des 18. Jahrh. 12 Abth. aber das Buch
wird hier so viel gelesen , dasz ich es nicht weg-
nehmen darf. Es ist nur eine kurze Übersicht, aber
ernst, tief eindringend , gelehrt u. mit Unabhängig-
keit der Seele geschrieben, wie sie ietzt nicht häufig
Torkommt. SoUten Sie Lust haben Hoffmanns
(des Vf. der Phantasiestücke) u. Werners (des
24. Febr.) Biographien zu lesen, so stehen sie zu
Dienst. Sie gewähren merkwürdige Blicke in diese
mit ihrem Guten und Bösen der Zeit anhangende
Herzen. Widerwärtig ist mir dieser Hoffmann
mit aU seinem Geist u. Witz von Anfang bis zu
Ende. Öhlenschlägers „ Holberg" habe ich leider
nicht, auch die Bibl. nicht, ich würde es Ihnen
gerne schicken, es ist gar viel herzlicher u. natür-
licher Spasz darin, der einem zu allen Zeiten wohl-
thut. Aber Krieger hat es in s. Lesebibliothek,,
der könnte es Ihnen leicht nach Marburg kommen
laszen. Sonst würde ich Ihnen auch als sehr unter-
haltend u- geistreich den Ti eckschen „Phantasus"-
15*
Digitized by VjOOQ IC
228 XIV. W. Grimm an SuabediseeiL 1823
nennen, obgleich d^r Vf. etwas jesuitisches in seiner
Natur hat. Aber sehr kondsch u. witzig ist auszer
dem bekannten , gestiefelten Kater" «der Fortunat*
u. ,,das Däumchen" darin.
Mir ist es bisher leidlich ergangen. Mein Magen-
weh scheint sich nach u. nach zu verlieren, die An-
fälle sind theils weit seltner, theils weit schwächer,
dafür fühle ich aber ietzt wieder wenn auch nnr
leise u. nicht anhaltend den alten Schmerz in d»
rechten Brust, der lange geruht hatte. Was wollte
man auch anfangen, wenn man ganz gesund u. un-
gestört wäre, es ist doch kein Platz da wo man vor
Lust springen könnte.
örüszen Sie mir doch Ihre Frau, die lieben
Kinder, Gerling u. s. Frau, Ihre Schwester wenn
sie noch da ist, aufe herzlichste. Letztere ist ein-
mal hier gewesen u. zwar uns gegenüber bei Lotz,
ich habe es aber erst bei meiner Schwester erfahren,
die sie kurz vor ihrer Abreise besuchte. Ich sehe
Lotz wenig, er scheint uns eher zu meiden, als auf-
zusuchen u. ich will ihn darin nicht stören, aber in
letzter Zeit ist er sehr kränklich gewesen u. er hat
mich sehr gedauert, als er mir erzählte, wie er&st
von Arbeiten erdrückt werde. Er sieht auch sehr
blasz u. angegriffen aus.
In diesen Tagen war ein Serbier Wuk Ste-
phanowitsch bei uns, ein gelehrter Mann, der
ein schätzbares Wörterbuch s. Sprache heraus-
gegeben hat. Er war natürlich u. mittheilend n.
erzählte viel merkwürdiges von s. Vaterland. Er
hat aber auch eine Sammlung von Nationalliedeni
y Google
1824 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 229
bei sich, mein Bruder hat mit s. Hülfe einige über-
setzt u. wir sind beide erstannt über die grosze un-
gewöhnliche Schönheit dieser Gedichte. Qroszartig,
neu überraschend die Gedanken, Yollkommen ange-
meszen, kräftig u. ein&ch die Sprache; alles so wie
in dem Homer. Und diese Dichtungen sind gewisz
herrorgebracht ohne Nachsinnen u. Kegel, aus dem
blosen lebendigen sichern Gefühl. Etwas räthsel-
haftes steckt mir doch immer in dieser Er-
scheinung, die sich bei allen ausgezeichneten Völkern
wiederholt.
Der liebe Gott bewahre Sie gesund, mein liebster
Freund; wäre ich doch manchmal einen Abend bei
Ihnen. Behalten Sie mich lieb wie ich Sie immer
heb behalte
Wilhelm Grimm.
106.
Cassel 2. Octbr. 1824.
Liebster Freund, ich habe es immer von Woche
zu Woche yerschieben müszen ein paar Bücher und
Heftchen, die Ihnen zugedacht waren, abzusenden;
ich weide sonst die Heerde ganz ruhig, aber es giebt
immer ein paar Stücke wie die Göthisch^n Hefte,
(Sie erhalten Bd. IV. Heft 2 u. 3. Bd. V. Heft 1.
also 3 Hefte.) die herumlaufen und wenn das eine
zu Haus ist, springt das andere wieder fort. Sie
müszen mir diese auch am ersten wieder zurück-
schicken, etwa in einigen Wochen, die andern können
Sie länger behalten, etwa so viel Monate. Es ist
y Google
230 XIV. W. Grimm an Soabediseen. 1^
erstlich ein Band von Calderon. Nämlich da wir
den einen, den ich voriges Jahr mitbrachte, nicht
genieszen konnten, so treibt mich die Gerechtigkeit
an , Ihnen diesen in die Hand zu geben , um das
erste Stück, den ^Schultheisz von Zalaraea" (mehr
kenne ich auch nicht davon u. stehe nicht für das
übrige) zu lesen; ich denke, es wird Ihnen so viel
Vergnügen machen, als es mir gewährt hai Es
ragt so sehr vor den übrigen in die Höhe, ist an
sich so belebt, wirkt so belebend, erscheint so un-
befangen und rein in der Gesinnung, dasz es mich
in mehr als einer Hinsicht überrascht hat. Ich hätte
dem Calderon nicht zugetraut, dasz er selbst so
viel Theil an seinen Creaturen nehmen und ihnen
soviel Eigenthümlichkeit verleihen könne; meist
sorgt er nur dasz sie sich kunstgemäsz nach fein-
gesponnenen Ideen bewegen und wenn sie dabei
auch manchmal auf die Nase fallen, so verschlägt
ihm das nichts, er hebt sie an jenen feinen Drähten
wieder in die Höhe. Auch die Übersetzung scheint
mir hier freier und natürlicher ob man gleich auch
hier dann und wann gewaltige Brocken hinunter
würgen musz. Das gewöhnt sich aber diese Übe^
setzerschule nicht ab und denkt wir könnten zu-
frieden seyn, wenn wir endlich doch Sinn und Zu-
sammenhang finden. Zweitens als Gegenstück den
Vega, wovon ich aber auch nur das erste Stück
kenne, das ich vor Jahren, als ich mich mit der
spanischen Sprache beschäftigte, im Original gelesen
habe. Vega ist bei den Spaniern mehr geachtet
als Calderon, ohne Zweifel, weil er faszlicher ist
y Google
1824 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 231
und doch zugleich pathetisch und ergreifend, auch
wohl absichtlich nach Effect strebend, aber diese
practische Qualitäten zugegeben, stelle ich ihn im
Geist doch geringer. Die Idee ist, eben in diesem
König, sichtbar schon im Erstarren und die Menschen
haben hier sämmtlich einen gewiszen Beigeschmack
von Carricatur, der mich hindert sie als vollgültige,
yom Leben völlig durchdrungene zu betrachten. Das
nKrugmädchen* wird noch sehr gelobt, ich habe es
noch nicht gelesen. Der Übersetzer ist in diesen
Tagen gestorben und sein Tod, der unerwartet u.
plötzlich erfolgte, hat mich betrübt, ich bin mit ihm
auf Schulen und Universitäten gewesen und habe
einen liebreichen Zug, der in seinem Herzen war,
nicht vergeszen, wenn wir uns in spätem Jahren
auch nur zuweilen sahen. An Bildung und achtungs-
werthem Streben zeichnete er sich vor vielen seines
Standes aus. Er schien sich eben für das Leben
recht einrichten zu wollen, baute sich ein Haus und
sasz, wie man spricht, dem Glück im Schoosz.
Den jtDon Alonzo^ von Salvandy, den fföthe
so rühmt, können Sie einmal, wenn Sie Lust dar-
nach tragen, fordern; wir laszen ihn kommen. Ich
habe nur so hineingeblickt, vnW. ihn aber lesen, und
ich glaube, dasz er mir sehr gefallen wird. Auch
Yarnhagens Biographische Denkmale kann ich
Ihnen schicken, ein Buch das ausgezeichnete und
ungewöhnliche Menschen berührt, sich angenehm
liest, mit Kunst und Geschmack ausgearbeitet ist,
das aber [an] einem eigenthümlichen Gebrechen der
Zeit leidet und dem man es nicht blos zum Vorwurf
^y'Google
232 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1824
machen kann, sondern musz, dasz es nicht vor-
trefflich ist. Vielleicht urtheile ich aber nur 80
seltsam, weil ich zugleich den Verf. in Gedanken
vor mir sehe, der mir zu den unangenehmsten
Menschen gehört, die ich habe kennen lernen. Wenn
Ihnen eine Recension davon in den „Götting. An-
zeigen*^ Nr 143 zu Gesicht kommt, so sehen Sie
doch (sie ist kurz) ob Ihnen das darin deutlich und
vernünftig ausgedrückt scheint, was ich eben an-
gedeutet habe. Ich wollte diese Gelegenheit be-
nutzen, eine allgemeine Bemerkung zu machen, das
Buch selbst tadeln und ihm doch auch nicht unrecht
thun; ich weisz aber nicht ob es mir gelungen ist,
d. h. ob das was ich gesagt habe, andern so ver-
ständlich ist, als mir. Die ehrenvolle Erwähnung
der Diplomaten am Schlusz müszen Sie verzeihen,
mir fielen gerade einige dieser liebensvTürdigen
Menschen ein, die ich kennen gelernt habe« Auch
die Rec. der „Faröischen Lieder" in demselben Stück
rührt von mir, vielleicht intereszirt Sie, was ich
über die Sitte jener einsamen Menschen mitgetheilt
habe; überhaupt habe ich dieses Jahr, zufälliger-
weise, vielerlei in den Götting. Anzeigen recensirt,
über „Hünenbetten", »Runenschriften*, lauter lang-
weiliges Zeug; auch ein holländisches Buch war
darunter, das ich bei Ihnen angefangen hatte und
worin noch ein Stückchen Moos, oder was es ist,
von Ihrem Thurm im Garten liegt, womit ich mir
ein Zeichen gemacht hatte, denn solche Eandereien
treibe ich auch noch. Glauben Sie wohl, manchnuJ
träumt mir noch, ich gienge in die Schule und midi
y Google
1824 XIY. W. Grimm an Suabediseen. 233
ängstigt, dasz ich dieses u. jenes nicht weisz. Bei
solchen Beschämongen recensire ich ! aber ich will
auch fär das künftige Jahr die Gallentinte u. die
Eecensentenfeder verschlieszen. Während ich gerade
gewiszenhaft an einer Recension schrieb, äuszerte
jemand in einer Gesellschaft, der das literar. Wesen
nur so ans der Feme kennt, mir ins Gesicht: „ich
glanbe nicht, dasz ein Recensent seine Seele be-
wahren kann, es müszten schlechte Menschen wer-
den.* Ich wollte mich ihm eben als eine solche
schwarze Seele präsentiren, aber wir wurden gestört.
Ich sehe mit Leidwesen die Blätter gelb werden,
dieser Sommer, so mittelmäszig er an sich war, hat
mich mehr erfreut, als der beste, weil ich ihn in
meiner Wohnung recht habe genieszen können.
Diesem Genusz der Sonne und der Luft habe ich
auch mein Wohlseyn zu danken, denn ich bin wohler
gewesen, als je. Möge mir Gott nur immer ein
Theil dieeer Buhe schenken , das ist mein eifrigster
Wunsch. Mancherlei Besuch haben wir diesen
Sommer gehabt, unter andern auch Frau von
Arnim geb. Brentano, die vier Tage bei uns
bUeb. Wie hätte ich gewünscht, dasz Sie diese
wunderbare Natur gesehen und näher kennen gelernt
hätte[n]. Sie gehört zu den geistreichsten, die mir
mein Lebtag begegnet sind und wer sie frei imd
unbefangen beurtheilen kann, musz eine grosze
Freude empfinden, wenn er sie reden hört, es sey
mm dasz sie erzählt oder dasz sie ihre Gedanken
äoszert über das, was ein menschliches Herz be-
wegen kann und wovon das höchste ihr nicht fremd
Digitized by VjOOQ IC
234 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1824
geblieben ist. Noch hat ihr Geist nichts von seiner
Lebhaftigkeit verloren und selbst kränklich (was sie
vorher nie war) ist er noch so thätig, wie vor 17
Jahren, wo ich sie zuerst kennen lernte. Erstaunens-
würdig durch Erfindung und Ausführung sind ihre
Zeichnungen, eine Composition aus Göthes Faust
und ein Denkmal für Göthe.
Nun will ich aber diesem langen Brief ein Ende
machen. Leben Sie wohl, mein liebster Fremid,
grtiszen Sie Ihre Frau und die lieben Kinder aufe
herzlichste. Auch Gerling und die seinigen
Wilhelm Grimm.
107.
Caszel 17. Dec 1824.
Vor einigen Tagen kam ein Diener aus der
Kriegerschen Buchhandlung in mein Zimmer und
fragte nach meinem Bruder Luis, da dieser aus-
gegangen war, so forderte ich ihm das Zettelchen
das er in der Hand hielt ab, um es zu besorgen.
Diesem Zufall habe ich es zu danken, mein Lieber
Freund, dasz ich Ihre Handschrift gesehen und er-
fahren, dasz Sie es sind, der ein Exemplar von den
radirten Blättern zu haben wünscht. Warumhaben
Sie uns das nicht gesagt? Sie sollten von Rechts
wegen wiszen, dasz es mir und uns allen eine grosze
Freude ist, wenn wir Ihnen irgend etwas zu gefallen
thun können. Sie erhalten also diese Hefte hierbei
und zwar nicht zum besehen, sondern Sie werden
y Google
1824 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 235
Urnen als ein Geschenk aufgedrungen, das Sie nur
dann nicht anzunehmen brauchen, wenn Sie mit
gutem Gewiszen versichern können, das Ihnen auch
gar nichts darin gefällt. Wären es Compositionen
gewesen, auch nur Umrisze, aber in dem Geist, in
welchem Flaxmann wieder neuerdings den Hesiod
vor Augen gestellt hat, so würden Sie diese Blätter
schoD längst gehabt haben, aber ich glaubte solche
blosze Naturzeichnungen, die noch zu keinem Bilde
gehören, gleichsam Herrenlos sind, würden nur
höchstens einen augenblicklichen Reiz für Sie haben.
Heute dürfen es, wenn das Paket fort soll, nur
diese paar Zeilen seyn, in einer Woche etwa denke
ich Urnen den „Alonso** zu schicken, für die Ferien.
Die Kurfürstin und Princeszinnen haben ihn
erat gelesen, es war mir lieb, denn sie haben wahre
Bücke in das Leben und die Geschichte thun
können.
Bleiben Sie nur gesund, hier sterben viele Leute
an Nervenkrankheiten und ein Provisor in einer
Apotheke hat sogar meinen Bruder versichert, „es
sey ein Problem, gesund zu bleiben". Zur Zeit der
Überschwemmung hatte ich einen Anfall, der aber
nach acht Tagen vorüber war; letzt bin ich wohl,
so lange es Gott gefällt.
Grrüszen Sie Ihre Frau imd die Kinder auf das
freundschaftlichste.
Wilhelm Grimm.
y Google
236 XIV. W. Grimm an Suabediseen. 1824
108.
[Caszel 23. (?) Dec. 1824.]
Erschrecken Sie nicht, lieber Freund, über das
grosze Bücher Paquet, für Sie ist nur der Ter-
sprochene „Alonso" u. zwar die ersten 3. Bände.
Seyn Sie so gütig mir solche, sobald Sie fertig da-
mit sind, wieder zurückzuschicken u. sollten Sie etwa
nur die 2 ersten Bände in den Ferien beendigen, so
laszen Sie diese einstweilen yorangehen. Das Buch
wird viel gelesen, u. unser Director hat es nicht
gern, wenn er es vornehmen Leuten, die darnach
fragen, nicht bald verschaflfen kann. Mich hat unter
vielen andern Dingen, die kräftige u. doch unab-
hängige Ansicht u. das freie ürtheil darin erfreut,
denn einer der sich nicht parteiisch bei allem f8r
oder wider erklärt, wird von den meisten scheel an-
gesehen , und mit einem schillernden Taubenhab n.
was weisz ich, womit sonst, verglichen. Herz-
zerschneidend ist das letzte Resultat das man ans
diesem Buch gewinnt, aber das ist auch unsere
Geschichte.
Den andern Bücher[n] seyn Sie so gütig einen Platz
zu gönnen bis Bange sie abholen läszt.
Ich schreibe Ihnen diese Paar Zeilen unter viel
Lärmen u. Geräusch auf der Bibliothek, denn Morgen
schlieszen wir.
Seyn Sie herzlich gegrüszt u. behalten Sie lieb
Ihren Freund Wilh. Grimm.
y Google
1825 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 237
109.
C. 12. Jan. 1825.
Ich danke Ihnen, liebster Freund fOr die treuen
und herzlichsten Glückwünsche, möge dann in £r-
Mlnng gehen, was Gottes Wille ist. Dank auch
för die beruhigende Nachricht über Ihr Befinden.
Ich kann sie Ihnen vergelten und versichern, dasz
ich mich wohler als je befinde , die örtlichen Übel
an Herz u. Magen scheinen zu weichen, nur ein
gewiszer Unterschied zwischen Tag u. Nacht zeigt
sich u. manchmal so seltsam, dasz ich ein paar
Wochen den Tag über jedesmal vollkommen wohl
n. heiter bin, mich aber Nachts in einem Zustand
befinde, den ich nicht krank nennen kann, weil ich
eigentlich keine Schmerzen empfinde, der aber doch
auch nicht ganz natürlich ist.
Hierbei nun der 5te Band von „Alonso", das
Buch ist offenbar etwas zu lang, dieser Fehler ge-
fallt mir aber, weil man daran sieht, dasz es dem
Verf. um die Sache zu thun ist und er nicht imi
BeifaU buhlt.
Seyn Sie sänmitlich herzlich gegrüszt.
W. G.
y Google
238 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1825
UO.
Cassel den 2. Pfingstta^ 1825.
Lieber Freund, vorigen Sonntag den 15. Morgens
nach der Kirche bin ich getraut worden in Beiseyn
der Geschwister und nächsten Verwandten ; wir haben
den Tag unter uns und in Stille verlebt und da habe
ich auch Ihrer und Ihrer Freundschaft mit Rührung
gedacht. Sie ist ein freies Geschenk Ihres Herzens
und ich will Sie, wie es bei dieser Gelegenheit
wohl Sitte ist, nicht um Fortsetzung derselben bitten
im Vertrauen auf Ihre liebreiche Gesinnung, die sie
mir nicht wieder entziehen wird. Ich kenne meine
Frau seit ihrer Kindheit und wir alle haben sie
immer wie zu uns gehörig betrachtet; ich glaube
nicht, dasz ich wie man sagt, in Flitterwochen lebe,
aber ich habe das Vorgefühl, dasz ich mein Lebt^
glücklich seyn werde, wie ich es seit acht Tagen
bin. Sie ist herzlich, natürlich, verständig u. heiter,
hat Freude an der Welt und ist doch jeden Augen-
blick bereit sie für etwas höheres und beszeres hin-
zugeben, womach wir streben und was die Welt
nicht gewährt. Sie hofft auf Ihre persönliche Be-
kanntschaft und bittet Sie einstweilen einen herz-
lichen Grusz anzunehmen, heute Abend feiern wir
ihren Geburtstag und da soll ein Glas auf Ihr
Wohlseyn, mein liebster Freund geleert werden,
wollen Sie es uns Morgen vergelten und mit Ihrer
Frau und den lieben Kindern anstoszen , so soll es
uns in den Ohren klingen. G e r 1 i n g und seiner Frau
theilen Sie doch meine Neuigkeit und die freund-
schaftlichsten Grüsze mit. Wilh. Grimm.
y Google
1825 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 239
Ul.
Cassel 27. Dec 1825.
Liebster Freund, in dem Augenblick, wo ich Ihren
liebreichen und herzlichen Brief gelesen habe, setze
ich mich zur Beantwortung desselben nieder. Als
idi das kleine Zettelchen in den Clodiusischen
Brief einschob, war es mein fester Plan, in den
nächsten Wochen zu Ihnen zu kommen, meine Frau,
die etwas früher abreisen u. eine an dem Wege
dorthin wohnende Freundin zuvor besuchen wollte,
hätte ich dann mitgenommen, aber ein Plan gelingt
mir niemals. Gleich konnte ich nicht reisen, weil
ich in den Händen des Druckers war u. von Leipzig
aus Correcturbogen erhielt, die kein Mensch corri-
gieren konnte, als ich, selbst mein Bruder nicht.
Damit verzögerte es sich länger, als ich dachte und
noch ehe ich zu Ende kam, entwickelte sich bei mir
ein heftiger Husten, in den ich mich, da ich seit
5 Jahren keinen gehabt nicht recht zu finden wuszte,
den ich anfanglich vemachläszigte , der endlich ein
wenig bösartig zu werden drohte und mich 5 Wochen
zn Hause hielt. Erst vor kurzem bin ich wieder
ausgegangen u. bin von dem Übel völlig erlöst, nun
erlaubte mir die Sorge um meine Schwester nicht,
mit leichtem Herzen Cassel zu verlaszen, sie war
äuazerst kränklich u. ihre bevorstehende Niederkunft
machte ihren Zustand noch bedenklicher. Gott hat
gütig u. gnädig geholfen, das Übel wich auf ein-
mal u. ihre Niederkunft war so glücklich , wie nur
y Google
240 XrV. W. Grimm an Snabedissen. 1825
immer zu wünschen, u. ihr Wohlseyn dauert fori
Am 1. Christtage ist das Kind getauft worden, ein
Mädchen, das mich nut seinem stillen Gesichtchen
u. feinen zugeschloszenen Mund, wegen der Ahn-
lichkeit mit der seel. Mutter sehr rührte. Noch
halten mich ein paar nothwendige Geschäfte hier,
so gern ich in unsem beiderseitigen Ferien gereist
wäre, aber in der Mitte Januars denke ich, ohne
mir einen Plan zu machen, frei zu seyn, aber ich
überrasche Sie nun nicht, sondern schreibe vorher,
wann ich komme. Die Dortchen kommt diesmal
nicht mit, sie soll Marburg im Sommer wiedersehen,
sie ist vor 15 Jahren dort bei einer nun verstorbenen
sehr geliebten Schwester gewesen und wird dodi
gerne die alten Plätze besuchen. Der Prinz bleibt
nun für beständig hier, ich brauche also nicht Degen
und Hofrock mitzunehmen. Nim leben Sie wohl,
liebster Freund, ich sage wieder einmal auf Wieder-
sehen; feinen Beobachtungen zum Trotz, welche
behaupten, ein verheiratheter Mann verändre sich
nothwendig und werde ein ganz anderer, habe idi
mich, wie es mir scheint u. auch andere sagen, gar
nicht verändert, ich sage das ganz demüthig, denn
ich hätte bei der Gelegenheit zu einigen Tugenden
kommen können, aber mich erfreute in dem Augen-
blick der Gedanke, dasz Sie mich alle noch sehr got
kennen werden, wenn ich erscheine imd mich mit
all der Freundschaft u. Liebe aufiiehmen, an die
mein Herz niemals ohne Rührung und Dankbarkeit
gedenkt. Ich drücke Ihnen die Hand beim Thor-
schlusz u. wenn sich die Pforte des neuen Jahrs
y Google
1826 XIV. W. Qriinin an Soabediasen. 241
öffiiet, so möge die Sonne mit ilirem reinen u. un-
sterblichen Licht eni^egen leuchten u. die Mehrzahl
Ihrer Tage erleuchten.
W. Gr.
An den Herrn Hofrath n. Professor Snabedissen zu Harburg.
112.
Cassel 21 April 1826.
Liebster Freimd, ich benachrichtige Sie, daaz am
3. d. H. Nachmittags meine Frau von einem ge-
sunden und hübschen Knaben ist entbunden worden:
letzt erst nachdem die critischen Tage vorüber sind
mid alles fortwährend gut geht, kann ich Ihnen mit
Rnhe diese Neuigkeit mittheilen und ietzt erkenne
ich erst recht, aber auch gewisz mit dankbarem
Herzen, wie grosz Gottes GHite hierbei gewesen ist.
Viele Freunde haben mit noch mehr Besorgnisz, als
wir selbst dieser Zeit entgegengesehen, u. wir sind
durch wahre Theilnahme von Menschen erfreut u.
gerfihrt worden, von denen wir nicht wuszten, dasz
sie an uns dachten. Am 16. ist der Kleine schon
getauft worden u. hat nur einen Pathen und den
einzigen Namen Jacob erhalten.
Auszerdem ist mein Hausstand durch die Ankunft
meines Bruders Carl aus Hamburg vermehrt wor-
den; bei dem Zustand des Handels u. in der Grisis,
in der er sich überhaupt befindet, hat er dort nicht
langer bestehen können. Er denkt hier Unterricht
im französischen u. englischen zu geben, wie er
schon in Hamburg gethan hat.
£. Stengel. Briefe der Brüder Orlxnm. IQ
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242 XIV. W. Grimm an Suabedisaeo. 1827
Savigny war vier Tage bei uns. Er wird seit
Jahren von einem heftigen, fieberlosen und bedenk-
lir.hftn Kopfweh gequält, das ihn gewöhnlich am
, aber auch am Tage überfallt und dann zu
Geistesarbeit untauglich macht,
iszen Sie G erlin g u. seine Frau und theilen
nen meine Neuigkeit mit, grüszen Sie auch
rau u. die lieben Kinder,
habe seither eine ordentliche Sehnsucht ge-
lie einmal wieder zu sehen u. wenn ich glaubte^
nte meiner kleinen Reise nichts mehr im Wege
, so wurde sie mir gerade unmöglich gemacht
^eben ist sie nicht.
[Ihr Wilhelm Grimm.]
U3.
Gas sei 3. Jan. 1826 [st 1827]
ibster Freund, ich danke Ihnen für Ihren herz-
Brief , wenn er auch nicht gekommen wäre^
irde Ihnen heute doch geschrieben haben. Sie
n Antheil an allem was mir begegnet u. so
Sie auch meine Trauer erfahren. Am 18. Dec.
ich mein liebes Kind zu seiner Ruhstatte
meine seel. Mutter geleitet und die erste Erde
linen Sarg geworfen, sechs Wochen früher
ich auch das Kind meiner Schwester da ein-
sehen. Als ich damals zurückkam, fand ich
mein Kind krank u. als ich es küste , dachte
es kann nicht auch sterben, es ist zu lebendig.
y Google
1827 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 243
Aber Qott wollte es anders u. in 6 Wochen war es
hingewelkt. Bis dahin war es gesund, frisch,
blühend, immer eine Freundlichkeit u. so lebendig,
wie ich mich nicht erinnere, ein Kind gesehen zu
haben. Eine ungewöhnliche, unheilbare Leberkrank-
heit hat es zu Grund gerichtet. Noch während der
Krankheit entwickelte sich sein Geist u. sein lieb-
reiches Herz. Ich hatte selten einige Hoffnung und
doch hat uns dieser Schlag mehr niedergedrückt, als
ich dachte. Gleich darnach wurde meine Frau, die
sich Tag und Nacht keine Ruhe gegönnt hatte, von
der QDglaubl. Anstrengung krank u. erst seit wenigen
Tagen hat sie sich erholt. Meiner Schwester Kind
hat mir ebenso leid gethan, wie mein eigenes, es
war ein Mädchen imd glich so rehr meiner Mutter,
dasz ich oft wider Willen gerührt wurde, wenn ich
es ansah.
Weihnachten u. Neujahr haben wir also ganz
still verlebt und nur Geschenke, die für das arme
Kind, das schon im Ghrabe lag, aus der Feme an-
langten, erinnerten uns schmerzlich daran. Ich habe
mich seit ein paar Tagen wieder zur Arbeit ange-
schiirt u. etwas Gothisches für die Wiener Jahr-
bücher ausgemeiselt. Dasz Sie die Elfenmärchen
gelesen, beschämt mich, oder rührt mich eigentlich,
ich schicke Ihnen meine Sachen niemals, aus einer
gewiszen Bescheidenheit, weil ich denke, es liege
zugleich die Anmnthung darin, es zu lesen und
ohne dasz ich glaubte, das Buch sey gerade schlecht,
meine ich doch, es sey nur eine Vorarbeit, auf die
Sie sich nicht einlaszen könnten und erst wenn ich
16»
Digitized by VjOOQ IC
244 XIY. W. Grimm an Snabedissen. 1827
einmal etwas yon aUgemeinem Interesse zn Taf^
brachte, dürfte ich es Ihnen mit einigermaszen gutem
Gewiszen darbieten. Die Abhandl. über die Elfen
(nur das erste Capitel mit den Etymologien ist Yon
meinem Bruder) hatte mir einiges Vergnügen ge-
macht, ich glaubte, sie würde einige Blicke in die
Übergangspuncte unser[er] (?) Bildung gewähren,
nachher hörte ich man möge sie nicht lesen, sie sey zu
gelehrt und zu trocken. — T i e c k s Novellen charakte-
risiren Sie sehr richtig, der Mann hat einen eis-
kalten Stein im Herzen liegen, aber ungemeine
Gaben u. einen scharfen Blick.
Es gibt Perioden, wo ich zum Nachsinnen u. zur
Selbstbetrachtung mehr als sonst ein Bedürfiiisz
filhle. Während der traurigen Zeit habe ich wieder
einmal ein groszes Stück in Ihrem Buche gelesen:
Manches darin spricht mich ungemein an, besonders
die Ausführung von dem Zusammenklang des innem
u. äuszem Leben, der Natur u. des Geistes aber
wenn ich mich selbst aufsuche, so komme ich mir
oft vor, als würde ich, wie jener geneckt, der den
Hausgeist zu haschen denkt u. in dem Augenblick,
wo er ihn zu packen glaubt, seine Stinmie aus einer
andern, fernen Ecke hört. Ich glaube, wie Sie, dass
Liebe das Höchste ist, was aus unserer Seele strömt
und das einzige, was uns aufrecht erhält und wahr-
haft mit andern bindet; ich glaube femer, was wir
wirklich besitzen, das müszen wir im Bewusztseyn
gefaszt haben. Aber wie ich mich auch dem mensch-
lichen Geist zu nähern trachte, etwas geheimnis-
reiches bleibt mir jedesmal zurück, und in dieson
y Google
1827 XIV. W. Grimm an Suabedissen. O45
unerforschlichen, von keinem Bewuaztseyn zu eigen
gemacht, liegt ein mächtiges Stück meiner Wesen-
heit. Es springt hervor, vne eine Quelle auf der
Erde, bald hier bald dort, immer anders, als ich
denke; erst den Lauf des Brunnens über die Erde
hin, kann ich sehen, begreifen und beobachten. Ich
entdecke manchmal zu meinem Erstaimen da Tugen-
den, die ich mir wohl abgesprochen hätte imd
anderwärts Fehler, von denen ich frei zu seyn dachte.
Ich fürchte und liebe, ich achte und möchte be-
zwingen jenen Kobold, der zu Zeiten etwas neckisches
und komisches an sich hat, wie jener, den ich ge-
lehrt beschrieben habe. Sollte es nicht den meisten
Menschen so zu Muthe seyn u. ein gewiszer Mangel
an Aufrichtigkeit oder Furcht die Halt[ung] zu ver-
lieren, sie abhalten, dieses Ungleichmäszige und un-
begreifliche ihrer Natur sich u. andern einzugestehen?
Der Wille freilich ist etwas anderes u. soll von
Kechts wegen nicht wandelbar seyn.
Leben Sie wohl, liebster Freund, gottlob, dasz
Sie und die Ihrigen wohl sind. Baldige Genesung
bei Gerlings! An alle aber die herzlichsten
Grösze. Ihre Theilnahme an meinem Kummer ist
mir ein Trost.
Ihr Wilhelm Grimm.
An Herrn Hofrath Suabedissen in Marburg.
y Google
246 ^I^- W. Gripim an Suabedissen. 1827
U4.
Caszel 28. Mai 1827.
Liebster Freund, ich hatte gehofft, die R^ise
nach Marburg, an der auch die Dortchen viel
Freude zu haben schien, falls sie überhaupt möglieh
wäre , am besten in den Pfingstferien ausfahren in
können, allein die Umstände gestatten es nicht, theils
hat sich B e n e c k e aus Göttingen mit seiner Familie
anmelden laszen, theils aber darf meine Frau über-
haupt in den ersten Monaten keine Reise unter-
nehmen und zwar aus einem Grund, der uns neue
Hoffnung gibt u. zu dem auch Sie gewisz uns Glück
wünschen.
Wir denken mit Freude an die Tage, die Sie,
lieber Freund, bei uns zubrachten imd seyn Sie tct-
sichert, dasz ich den Werth des Geschenkes, das Sie
mir damit gemacht haben, fdhle. Mir ist nichts
wohlthätiger als der Eindruck Ihres eigenthümlicben
Geistes, Ihre ruhige und reine Betrachtung der Wdt
und Ihr liebreiches u. wohlwollendes Herz, das ich
erkenne und ehre.
Ich habe die kleine Schrift, die Sie mir zurfick-
lieszen, mit Aufmerksamkeit und Theilnahme ge-
lesen, ein freier und edler Sinn herrscht darin und
ich bekenne mich von Herzen zu Ihrer Philosophie,
die Sie eine Betrachtung und Innewerden seiner
selbst nennen. Ich meine dazu müszte die Neigung
jedem ordentlichen Menschen angeboren seyn^
wenigstens so weit ich mit meiner Besinnung zurfick-
y Google
1827 XIV. W. Grimm an Suabedißsen. 247
gehen kann, babe icb mich, ohne angeregt zu seyn,
aus freiem Trieb, von den groszen Fragen bewegt
geftihlt, die unser Dasejn einschlieszen und sich um
den scliiwachen Menschen lagern. Und doch ist
dieser schwache Mensch auch wieder so mächtig,
und das ist abermals ein Wunder, dasz er zwar die
Berge nicht wegheben, aber darauf in die Höhe
steigen u. von da, jeder nach seinen Kräften, seinem
Stand und seinen Augen, eine Aussicht gewinnen
kann. Mir ist immer in Tiecks „Blaubart* die
Klage, die einer da vorbringt, komisch und rührend
zugleich vorgekommen: siehst du, mit diesem Ding
da, dem Gehirn, soll ich denken, wie eben das Ding
beschaffen sey. Als ich diesen Herbst in Steinau
war, fahrte mich mein Weg einmal an einer Mauer
vorbei, nicht weit von der ehemal. Wohnung meiner
Eltern, die Sonne beschien sie in eigenem Licht und
in dem Augenblick fiel mir ein, dasz ich einmal als
Knabe bei ähnlicher Beleuchtung daran auf und
abgieng und mich der Begriff der Ewigkeit und der
Gedanke, dasz meine Seele endlos sey mit einer
eigenen Macht u. Angst beschäfftigt hatte, ich suchte
mich zu nahem, war aber unvermögend ; der Vogel,
wenn er den ganzen Tag fortflog, muszte sich am
Ende doch niedersetzen, auch auf dieses Bild besann
ich mich wieder.
Ich hätte sehr gewünscht, das Yerhältnisz der
Philosophie zur Poesie wäre auch in der kleinen
Schrift berührt worden, ja das scheint mir ein
Mangel daran zu seyn. Dasz beide im Grunde eins
sind, ist nicht schwer zu begreifen, und ich möchte
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248 XIV. W. Grimm an Suabediasen. 1827
keine Poesie, die blosz mit dem sinnlichen spielend
jenen ernsthaften Grund nicht in sich trüge, auch
gibt es keine wahrhaftige, die uns nicht zugleich
über uns selbst erleuchtete imd über den Schein
und die rohe Wirklichkeit erhöbe. Neben dieser
Übereinstinmiung, die ja auch häufig ist gefühlt
worden (weshalb Scheidler, was mir gefallt, die
Aussprüche der Dichter in seiner Einleitung zur
Philos. mit einreden läszt, während umgekehrt ein-
mal J. J. Wagner behauptete, es sey mit den
Poeten überhaupt nichts und sie nur eine Art Späne
und Abfall der Philosophen) neben dieser Überein-
stimmung ist ein Unterschied nicht zu verkennen u.
durch alle Jahrhunderte gegangen. Die Poesie wäre
demnach das Bestreben die sinnliche Erscheinung in
ihren Formen und ihrem Wesen, weil das über-
sinnliche selbiger bedarf, um sich kund zu geben,
zu belaszen und nur in das höhere Licht des Geistes
zu stellen u. von dem Zufalligen zu reinigen. Sie
ertheilt nicht mehr Licht, als das einzelne gerade
bedarf imd sie legt nichts zu, erweitert es nicht ins
Allgemeine, um uns den Zusammenhang mit dem
Ganzen erkennen zu laszen, sondern kehrt, nachdem
sie das ihre gethan, wieder in das Geheimnisz zu-
rück, wo Tag und Nacht nicht getrennt sind und
der Geist des Dichters mit den Geistern des Lebens
stillen u. halb unbewuszten Verkehr hat. Abennals
auf neuen Ruf, innem Trieb, oder was den Diditer
sonst anregt, tritt sie hervor und ihr Erleuchten
gleicht dem Blitz, der uns überrascht, in staunende
Bewunderung versetzt und obgleich nur eine Secunde
y Google
1827 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 049
dauernd, doch einen unauslöschlichen Eindruck hinter-
laszi Die Philosophie würde die sinnliche Er-
scheinung von ihrem irdischen Kleid befreien und
nur die Idee darin beachten, als den eigentlichen
Kern; sie würde sie mit dem milden, ruhigen Lichte
des Tages beleuchten, ein vielfältiges Betrachten u.
Nachsinnen gestatten u. fordern, und sich bemühen
den Zusammenhang mit dem Ghmzen zu finden und
zu erörtern. Sie bedarf deshalb eines Systems, sie
musz wiszen, wie die Glieder sich zum Ganzen
verhalten und sich gegenseitig tragen. Sie würde
mir die Natur darstellen, wie jemand mich über die
Gesetze der Schönheit im Menschen belehrt und sie
klar ausspricht, während mir die Poesie einen
schönen Menschen gleich fertig hinstellte und ich
es mir müszte gefallen laszen, wenn es hier und da
fehlte, ein Theil zu lang, der andere zu kurz wäre;
sie hat eben keinen beszem auftreiben können.
Scheint insoweit der Vortheil auf der Seite der
Philosophie, als sie mit mehr Freiheit verfahrt und
an keine Besonderheit gebunden ist, so wird sie da-
gegen durch die Nöthigung zu einer Erläuterung
des (Janzen und einer vollständigen Einsicht von
ihrem System mehr oder weniger abhängig. Sie
musz verwerfen, was ihrem Gesetz widerstrebt, der
Dichter würde sagen: gefallt dir nicht, was ich dir
gezeigt habe, in allen Stücken, so nimm dir das
beste heraus und warte, ich suche weiter und finde
vielleicht einen, dem die Sünde auch kein Härchen
gekrümmt hat, finde ich ihn nicht, weil auch mir
das Paradies verschloszen ist, so wirst du ihn jen-
Digitized by VjOOQ IC
250 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1827
seits erblicken und an dem schönsten, was ich dir
zeige, ahnen können.
Es wird am Ende von der besonderen Natur des
Menschen abhängen, wohin er sich getrieben f&hlt,
und wenn er auf dem einen Weg, den er halb
wachend, halb träumend, beides absichtlich und un-
bewuszt, eingeschlagen hat, weiter gekommen ist,
wird er auch erkennen, warum es der seinige werden
muszte. Aber eben diese besondere Natur! Hat
doch Niebuhr in der neuen Bearbeitung der röiiL
Geschichte die Abstammung der Völker ron ein-
ander auf eine überraschende Art, wenn nicht durch-
aus, doch für das geschichtliche Dasejn geleugnet
u. von Anfang her besondere Naturen der verwandten
Völker behauptet!
Mir ist alles, was ohne Ernst getrieben wird,
allzeit von Grund der Seele zuwider gewesen und
doch aus einer Caprize meiner Natur habe ich allzeit
Lust empfunden, das ernsthafteste, was ich mir aus-
gedacht, in einem halben Scherz auszudrücken, so
wie es mir immer vorkam, als müszte ich einem
ernsten Gespräch durch eine scherzhafte Wendung
hier u. da so zu sagen Luft machen, damit es be-
stehen u. fortdauern könne. Ich glaube es war eine
Art Angst, ic|i möchte bei dem bloszen Ernst die
Herrschaft über die Sache verlieren und genöthigt
werden, mich auf Discretion zu ergeben und das
wollte ich nicht, ich weisz in der That nicht, ob
ich diese Furcht loben oder tadeln soll, aber idi
kann sie nicht los werden und musz meiner Natur
nachgeben.
y Google
1827 XIV. W. Grimm an SDabedissen. 251
Ich schreibe hier noch ein paar Worte an Marie.
Liebes Mariechen, die Dortchen dankt dir herzlich
ffir deinen Brief und die freundschaftliche Gesinnung,
die sich darin ausspricht, sie erwidert für diesmal
nur die letztere und bittet dich darin fortzufahren.
Den Gürtel hat sie nun seinem Schicksal überlaszen
und will warten, bis die Reihe der Mode wieder
einmal an dieses Zeug kommt, ich bin aber ungewisz
ob wir das erleben, denn der menschliche Geist ist
reich an neuen Erfindungen, besonders wenn es auf
solche Lumpereien hinausgeht. Lehne u. Hann-
chen kommen dann und wann, aber Schlag acht
müszen sie zu Hause seyn, weil der Bruder ein
rfrenger Herr ist. Könntest du doch einmal mit
dem alten Mann dazu kommen, das sollte uns freuen,
denn ich brauche nicht erst das Ende des Briefs ab-
zuwarten um dir zu sagen, dasz ich euch herzlich
lieb habe, sondern kann es zu jeder Stunde. Einen
schönen Grusz an die Mutter, den an den Vater be-
sorge ich selbst noch.
Leben Sie wohl, liebster Freund, bleiben Sie ge-
sund nnd behalten Sie mich lieb
Wilh. Grimm.
Ich sende den Brief erst heute den 30 fort.
Gestern Abend waren die beiden Kinder bei uns, sie
sind wohl u. waren munter, auch Lehne war heiterer
ab sonst, Hannchen klagt nur dasz sie gar zu
früh aufstände. Meinen Sie nicht auch, dasz es für
ihre Gesundheit beszer wäre, wenn sie sich nicht zu
y Google
252 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 18^
sehr anstrengte, denn mich greift nichts mehr an,
als wenn ich mir Schlaf abziehen musz. Ich habe
ihr gesagt, ich wollte sie bei Ihnen deshalb tct-
klagen.
An Herrn Hofrath Suabedissen in Marburg.
U5.
Gasse] 7. Jan. 1828.
Liebster Freund meine Glückwünsche zu dem
neuen Jahre kommen ein paar Tage zu spät, aber
sie sind nicht weniger herzlich. Ich wollte Ihnen
gerne eine gute Nachricht mittheilen u. zögerte des-
halb, dafür kann ich es auch wirklich u. mit freu-
digem Herzen thun. Gestern Morgen um 11 Uhr
hat meine liebe Dortchen einen gesunden, starken
u. hübschen Knaben geboren u. befindet sich so
wohl, als es nur immer möglich ist. Sie hat nicht
so viel als das vorige mal dabei gelitten und war
durch einen guten Schlaf in der vorhergehenden
Nacht gestärkt. Das Kindchen gleicht sehr dem
verstorbenen, indem uns also Gottes GHite diesen
Verlust ersetzt, dessen Erinnerung uns noch diese
Weihnachten u. Neujahr traurig stimmte u. einsam
zubringen machte, hoffen wir von derselben Crfite,
dasz sie uns das neue Geschenk erhalten wird.
Durch die Bann chen, die uns nicht vergiszt
haben wir von Zeit zu Zeit Nachricht von Ihnen
gehabt, Ihre Gesundheit liebster Freund, ist doch
leidlich gewesen u. wenn ich das Recht hätte, von
Ihnen etwas zu erbitten, so wäre es das Versprechen,
y Google
1828 XIV. W. Grimm an Snabedissen. 263
in dem neu aiig6treten[en] Jahr sich selbst u. Ihre
Eiafte etwas mehr zu schonen. Ich glaube die
Ihrigen, Ihre Freunde u. Schüler verdienten diese
Soigblt
Grüszen Sie mir die Ihrigen auf das Neujahr
zum schönsten. Wie oft habe ich mich gesehnt^
ein paar Stunden in Ihrer Mitte wieder zuzubringen,
aber es war auf keine Weise einzurichten. Gesund
sind wir übrigens gewesen, nur mein ältester
Bruder hat in der letzten Zeit an einem hart-
nackigen Gatarrh gelitten, der noch nicht ganz vor-
fiber ist und ihn schon 5 Wochen zu Hause hält.
Man wird bei den unerwarteten Todesfallen, die wir
erlebt haben gar zu leicht besorgt, das Scharlach-
fieber zumal hat hier seinen Sitz aufgeschlagen u.
sucht sich jede Woche Opfer imter den gesundesten
Eindem; fOr meinen kleinen NeflFen waren wir auch
in Angst, doch ist er mit einer leichtem Krankheit
davon gekommen. Im Septbr hat meine Schwester
den zweiten Knaben zur Welt gebracht. Mich freut
dasz Marie allmählig mittheilender wird, das gute
Herz, ich habe sie immer in ihrem Wesen anerkannt
und lieb gehabt. Ich fand aber schon wie sie das
letetemal hier war, dasz sie sich weniger zurückhielt
u. ich zweifle nicht, es wird sich alles zu Ihrer
Freude u. ihrem eignen Glück ausgleichen. — Ich
fürchte der guten Lene wird schwerer zu helfen
sqrn, und doch wünschte ich es so sehr, wir alle
haben sie so gerne gehabt, wie sie hier war. Aber
sie wird allzustark von einigen Ideen beherrscht u.
kann über die Mauer, die sie selbst um sich gebaut
y Google
254 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1828
nicht mehr hinüber schauen, ja sie arbeitet selbst
an der Befestigung derselben. Elise grüszen Sie
mir besonders, ich weisz dasz das Christkindchen
sich diesmal weltlich gezeigt u. ihr ein Ballkleid
geschenkt hat. Wenn sie nur nicht zuviel tanzt
Hat sie denn noch die Liebhaberei am sauem?
Wenn ich auch in Gefahr komme, ihr zu misz-
fallen, ein sauer Gesicht werde ich ihr doch- niemals
machen.
Noch einmal: herzliche Liebe u. Freundschaft
auch in diesem Jahr
Ihr treuer Wilh. Grimm.
An Herrn Hofrath Suabedissen in Marburg.
ue.
Cassel 10. July 1828.
Liebster Freund, Ihren liebevollen Brief hat mir
Hr. Münscher überbracht und mir die Nachricht
über Ihr Befinden, die ich schon durch Hannchen
empfangen hatte, bestätigt, doch mit dem Zusatz,
dasz er Sie in den letzten Tagen wieder beazer ge-
funden habe. Möge das wahr seyn und Sie auf
diesem guten Wege fortschreiten. Wie emstlicli
Sie sich muszten angegriffen fühlen, konnte ich mir
schon daraus abnehmen, dasz Sie Ihre Collegia aas-
zusetzen sich genöthigt sahen u. Ihre Graste nicht
auf dem Spaziergange begleiteten. Ich habe Ver-
trauen auf die schon oft bewährte Kraft ihrer Natur,
sich zu einem leidlichen Grade wieder herzustellen;
y Google
1828 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 255
and ich glaube dieser würde sich länger erhalten u.
beszer starken, wenn Sie sich dann u. wann nicht
zu yiel zumutheten. Meine Gedanken und die herz-
lichsten Wünsche treuer Freundschaft sind in dieser
Zeit stets bei Ihnen gewesen, ich würde vielleicht
den ersten Vorsatz, Sie zu Ende dieses Monats
(denn wenn Sie hier sind, kann ich mich doch nur
immer halb Ihrer Gegenwart freuen und das ist sehr
natürlich) zu besuchen, ausgeführt haben aber ich
bedachte, dasz Ihnen Anregung irgend einer Art,
lebhaftere Rede, gerade bei einem Husten wenig
zuträglich seyn würde, und habe es mir auf den
Herbst verspart. Zudem würde ich doch Frau u.
Kmd nicht ohne alle Besorgnisse verlassen haben,
das Kind nimmt zwar zu, ist freundlich u. sehr
lebendig, aber von Zeit zu Zeit kommen Zufalle, die
seine Gesundheit stören u. seiner Natur etwas deli-
cates verleihen. Eben ietzt hat es den Husten und
wir müszen befürchten, dasz ein Keichhusten daraus
entsteht, die gute Dortchen, die sich bei der
Pflege verkältet hatte, lag ein paar Tage zu Bett
und auch mit meines ältesten Bruders Beszerung
hat es nicht so raschen Fortgang, wie wir wünschen ;
die übergrosze Hitze mag ihm auch nicht zuträglich
seyn-
Wenn Sie Lust haben, etwas zu Ihrer Erholung
zu lesen, so laszenSie sich Lenzens Werke holen,-
die Tieck so eben gesammelt und herausgegeben
hat Er hat eine Einleitung dazu geschrieben, die
aLb ein besonderes Buch gelten könnte und worin
geistreiche Dinge über Göthe, sein erstes Auftreten
y Google
256 ^^^- ^' Grimm an Snabedissen. 1828
u. seine Wirkung auf deutsche Bildung gesagt sisd.
Auch einiges über das YerhältnisE'der Philosophie
zur Poesie kommt darin Tor und ich möchte wohl
wiszen, wie Sie darüber urtheilen, mir hat es nicht
miszüallen und hier u. da habe ich meine eigene
Meinung ausgedrückt gefunden. Dieser Lenz ist ein
wunderlicher Mensch gewesen, neben widerwutigeii,
ganz imerträglichen Dingen, die schönste und an-
muthigste Poesie; gereizt hat er mich immer.
Hegels Rec. von Solger und eine ganze Periode
der deutschen Litteratur habe ich mit Theilnahme
gelesen, eigene Gedanken frei und mit Lebhaftigkeit
ausgedrückt, nur im Ganzen ist seine Ansicht tchi
der Poesie nicht die, welche ich habe, gegen Ti eck
ist er imbillig, dem müszte man andere Vorwürfe
machen, wenn man ihn tadeln wollte.
Grüszen Sie mir Ihre Frau und die lieben Kinder
von uns beiden. Sorgen Sie, dasz wir bald gute
Nachricht von Ihnen bekommen, niemand wird sich
herzlicher darüber freuen, als wir.
Ihr treuer Wilh. Grimm.
An Herrn Ho&ath Snabedissen in Marburg.
U7.
Liebster Freund,
Ich würde Urnen die Antwort auf Ihre freund-
liche Einladung in Person überbracht haben, wenn
ich nicht erst die Rückkehr Volk eis, welcher eine
y Google
1^ XIV. W. Grimm an Süabedissen. 257
antiqaarische Reise in die Rheingegenden macht, u.
einen Besnch den Be necke von Oöttingen ange-
kfindigfc hat, abwarten mfiszte. Jene wird zu Ende
dieser Woche erfolgen u. Benecke, der nur einen
Tag hier bleiben kann, kommt wohl in dieser Zeit,
oder doch bald hernach, so dasz ich in künftiger
Woche Herr einiger Tage zu werden hoffe, die ich
mich bei Ihnen zuzubringen herzlich freue. Möchte
ich Sie, herzlich geliebter Freimd, so wohl finden,
als ich wünsche. Habe ich Zeit, so melde ich Ihnen
vorher meine Ankunft, aber leicht ist es möglich,
dasz ich mich des Eilwagens nicht bediene, da ich
von einer Gelegenheit gehört habe, die nachFrank-
fnrt geht u. die ich benutzen kann.
Mit dem Kinde geht es ziemlich gut, auch mit
meinem Bruder. Einstweilen die herzlichsten Ghrüsze
an Sie und das ganze Haus.
Ihr treuer Wilh. örimm.
C. 11. Septbr. 1828.
An Herrn Hofrath n. Prof. Snabedissen in Marbmrg.
U8.
Liebster Freund, ich musz meine Reise zu Ihnen
noch auf acht Tage aufschieben und werde schwer-
lich vor dem 5. k. M. bei Ihnen eintreffen können.
Völkel ist zwar zurück, aber der götting. Besuch
noch nicht angelangt, und ich glaube nun, dasz er
bis zum 2 oder 3ten ausbleibt, obgleich er früher
zu kommen versprochen hatte. Ich hoffe, dasz das
Wetter sich hält, denn bis zur Mitte Octbrs. pflegt
E. Stenge]. Briefe der Brüder Orimm. 17
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258 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1^
es standhaft zu seyn. Ich denke bei den schönen,
milden Tagen, die wir als Ersatz für den trüben
Sommer erhalten, oft, wie wohlthätig Ihnen diese
Luft seyn musz. Indessen habe ich auch durch Hil
Landgrebe örüsze von Ihnen u. die besten Nach-
richten von Ihrem Befinden erhalten; er wenigstens
hielt Sie für hergestellt und so kann ich michdami
mit voller Freude auf den Weg machen.
Ihr treuer W. G.
Gas sei 28. Septbr. 1828.
Es bleibt dabei, dasz ich meine Ankunft noch
melde, falls ich mich auf den Eilwagen setze.
An Herrn Hofrath Suabedissen in Marburg.
U9.
Liebster Freund, ich melde Ihnen meine glück-
liche, gestern Mittag um 2 Uhr erfolgte Ankunft
und wiederhole meinen herzlichen Dank für die
liebreiche und freundschaftliche Aufnahme, die mir
vier vollkommen heitere und glückliche Tage ge-
schenkt hat. Ich habe hier alles gesund und wohl
gefanden und das liebe Kind in der Zeit meiner
Abwesenheit so kurz sie war, doch sichtbar weiter
entwickelt. Möge auch Gott Sie so, wie ich sie
verlaszen habe, in ungestörter Gesundheit erhalten.
Die Dortchen u. der Jacob, denn den Mahler
fand ich verreist, grüszen Sie alle mit mir auf das
schönste
Ihr treuer Freund Wilh. Grimm.
y Google
1829 XIV. W. Grimm an Suabedisaen. 259
Sagen Sie Ihrer Schwester dasz es mir leid
gethan habe, Sie nicht noch einmal gesehen zu
haben; ich wollte absichtlich durch keinen Besuch
Ihre Betrachtung über das arme kranke Kind neu
anregen.
Noch eine Bitte: findet sich dort auf der Biblio-
thek Lazins de gentium migrationibus Basti, 1577,
80 bitte ich mir das Buch auf acht Tage herzu-
senden. In Göttingen ist es nicht. Aber es musz
diese Ausgabe von 1577 seyn, nicht die Francof.
1600, welche wir hier haben; gibt es noch eine
dritte, wovon ich nichts weisz, so nähme ich diese
aach. Es hat keine Eile, wenn es in 3 Wochen
geschieht ist es noch Zeit.
Cassel 18. Octbr 1828, welchen Tag die heutige,
schöne Sonne, wenn auch allein, aufs beste feiert.
An Herrn Professor Snabedissen in Marbur;:^.
120.
Die freundschaftlichsten und herzlichsten Grtlsze
an Sie und die Ihrigen, liebster Freund; ^möchten
Sie das ganze Jahr so heiter und wohl verleben,
als ich Sie verlaszen habe! Von einer abermals
eingetretenen Störung Ihrer Gesundheit schreiben
Sie mir selbst, u. hörte ich auch von andern, aber
doch auch wieder von Beszerung und ich hoffe, die
im Ganzen milde Witterung dieses Winters ist Ihnen
dabei zuträglich gewesen. Uns allen geht es leid-
lich und da man über Kleinigkeiten nicht klagen
17*
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260 XIV. W. Grimm an Suabedisaen. 1829
sollte, musz ich sagen wohl. Das Kind wächst, ist
munter u. macht Anstalt zu sprechen, doch ist der
Geist willig, aber das Fleisch schwach, es lösen sich
alle Versuche in ein paar ähnliche Laute auf. In
ein paar Tagen ist es ein Jahr alt.
Hannchen hat nun ihr neues Yerhaltnisz an-
getreten, ich hoffe, dasz es ihr leidlich ergehen wird.
Wie ich merke, hat sie die Absicht sich ernsthafter
an das Mahlen zu halten. Hat sie wirklich Talent,
nicht blosz zum Copiren sondern zum Auffaszen der
Natur u. bringt sie es dahin ähnliche Portraite zu
mahlen, so würde das allerdings ihre Lage ver-
beszem. Ich habe noch gar nichts von ihr gesehen,
was ein XJrtheil darüber erlaubt hätte.
Ich arbeite fleiszig an einem Buche, das znm
Theil die älteste Geschichte der deutschen Poesie
behandelt, aber fast lauter Untersuchung, wenig
Darstellung, imd ich weisz nicht, ob ich den Hntii
haben werde, es Ihnen zuzusenden.
Der arme Prof. Scheidler von Jena ist wieder
zu Besuch hier, die Ärzte haben ihm nun auch den
Gebrauch des Hörnchens untersagt u. eine schrift-
liche Unterredung behält immer ihr gezwungenes n.
unfreies. — Wie geht es denn mit Gerlings Kinde,
wie oft bedauern wir die armen Eltern.
Noch einmal von uns allen die herzlichsten
Grüsze, und die Versicherung treuer, unwandelbarer
Liebe
Ihr Wilh. Grimm.
Cassel 2. Jan. 1829.
An Herrn Hofrath Suabedissen in Marborg.
y Google
1829 XrV. W. Grimm an Saabedissen. 261
121.
CasBel 7. Mai 1829.
Meine Gedanken sind in diesen Tagen viel bei
Ihnen gewesen, liebster Freund, und ich hatte ein
grosses Verlangen, Sie zu sehen, wenigstens etwas
Ton Ihnen zu hören. Wäre es nicht mit den un-
ertrilglichsten Weitläuftigkeiten verknüpft, so würde
ich ein paar Tage in diesen Ferien zu Ihnen ge-
kommen seyn. Dr. Landgrebe gab mir vor
einigen Wochen die besten Hoffnungen für Ihre
Wiederherstellung, von andern hörte ich später, dasz
Sie sich durch Ihre Vorlesungen allzusehr angegriffen
und mit den Folgen davon zu kämpfen hätten.
Möchte sich das Wohlbefinden bald u. so gut, wie
vorigen Herbst wieder einfinden und möchten Sie
es dann durch einige Grade Sorgfalt und Rücksicht
mehr fester halten. Alles, was Sie betrifft, liebster
Freund, geht mir zu Herzen, den Tod Ihrer Mutter
hatte ich mit Theilnahme vemonmien. Ich kann sie
mir aof das lebhafteste vorstellen und ihre heitere
Freundlichkeit und Geistesfestigkeit hatte mir gleich
damals, als ich sie sah, einen Eindruck gemacht,
den ich nie vergessen werde. Auch meine Mutter
hatte etwas ähnliches in ihrem Wesen, aber ihr
sdiwächlicher Körper hat ihr kein so hohes Alter
gestatte. Ich träume noch oft von ihr, sitze neben
ihr und halte ihre magre aber sanfte Hand in der
meinigen.
Ich habe Ihr Buch nach und nach durchgelesen
und es hat mich gereitzt, auch einen Theil des
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262 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1829
gröszern Werkes wieder durchzulesen. Ich danke
Ihnen dafür und für die vielfache Belehrung, die
ich daraus genommen habe. Wenn jedermann die
Philosophie da suchte, wo Sie sie finden, so wäre
alles gut. Aber ist es nicht betrübt, dasz Krug,
der da meint, den Geist des Weins verdanke man
dem Faszbinder, mit dem was er Philosophie nennt,
so groszen Beifall findet und er sogar mit einem
Philosoph. Wörterbuch dem wahren Bedürfiiisz unter
die Arme greifen darf? Scheidler, der zu Weih-
nachten hier war und Sie auf das freundschaftlichste
grüszen läszt, hat mir gleicherweise merkwürdige
und artige Züge von der Päbstlichen Gewalt Hegels
erzählt. Ich soll Scheidler bei Ihnen entschuldigen,
dasz er sein Versprechen eines Besuchs nicht ge-
halten, er gebraucht ein Bad, als abermaligen Ver-
such, sein Gehör wieder herzustellen; selbst das
Hörnchen darf er nicht mehr anwenden. Doch hat
ihm die Philosophie Ruhe, selbst Heiterkeit des
Lebens gegeben.
Die Meinigen sind diesen Winter über ziemlich
wohl gewesen, nur Ludwig und ich wir haben
lange, ich 6 Wochen ununterbrochen an absdieu-
lichem Gesichtsschmerz gelitten, bei welchem ich oft
alle vorräthige Geduld habe zusetzen müszen.
Frl. V. Scheel hat um ihren Abschied angesucht
u. ihn erhalten. Sie kommt, wie ich höre, in diesen
Tagen hierher, um späterhin mit ihrer Mutter Cassd
ganz zu verlassen. Sie hat an der Seite dieser er-
blindeten, meist übellaunigen Frau viel zu leiden u.
empfindet das bei einem von Natur beweglichen
y Google
1829 XIV. W. Grimm an Saabedissen. 263
Geist doppelt. Auch die andere Hofdame Frl.
T. Gräffendorf hat Erlaubnisz erhalten, ihre
Schwester hier zu besuchen, ihre Anwesenheit scheint
also dort fttrs erste nicht nöthig.
Die herzlichsten Grüsze an das ganze Haus und
treue Liebe von
Ihrem
Wilh. Grimm.
An Herrn Professor Suabedissen in Marburg.
122.
Cassel 13. August 1829.
Liebster Freund, die gute Hannchen musz
mich miszverstanden haben. Meine Besorgnisz war,
ein Besuch möchte Ihnen, wie jede äuszere An-
regung, schädlich werden, da ich aus eigener Er-
fahrung weisz, wie leicht man in einem solchen
Falle von einer Kleinigkeit bewegt wird. Nun ich
mit herzlicher Freude die Nachricht von Ihrer Ge-
nesung empfange, die mir so eben auch ein Brief
meines Bruders bestätigt, so halte ich gerne Wort
und damit mir nicht etwa ein Hindemisz dazwischen
kommt, so komme ich vielleicht schon in wenig
Tagen. Es kann seyn bis Sonntag Abend, in jedem
FaUe die künftige Woche. Da ich nicht mit der
Eilpost reise, sondern mit einem Bekannten aus
Frankfurt, so denke ich in guter Zeit bei Ihnen
einzutreffen, zwischen 6 bis 8 Uhr Abends; länger
dürfen Sie nicht warten. Leider kann mich die
Dortchen nicht begleiten ; auch wird F r.
y Google
264 XrV. W. Grimm an Snabedissen. 1829
V. Witzleben ersfc zu Anfang des Septbrs. zurück-
kehren. Da ich ein paar Tage bei Ihnen allein n.
ungestört zubringen möchte, so bitte ich dort nie-
manden etwas von meiner Ankunft zu sagen. Herz-
liche Grüsze, bis ich Sie selbst mit groszer Liebe
und Freundschaft umarme Ihr Wilh. Grimm.
An Herrn Professor Snabedissen in Marburg.
128.
Cftssel 22. Angust 1829
Gestern Mittag um halb 3 Uhr, bin ich, liebster
Freund, bei den Meinigen gesund wieder angelangt
und habe alle gleichfalls gesund und heiter wieder-
gefunden. Die Reise war die paar ersten Stationen
wegen einer ziemlich engen u. schlechten Beichaise
etwas beschwerlich, hernach ging es beszer. Unter
den Reisegefährten war auch die Schwester der Frau
P 1 a t n e r , wenigstens vermuthe ich es , denn ich
fand mich nicht gestimmt, etwas anders, als ihre
entfernte Bekanntschaft zu wünschen. Wie Marie
voraussagte , das Wetter ist heute , ganz gegen alle
Gerechtigkeit, gut geworden; ich rathe ihr nur des-
halb nicht den bekaimten Schlusz zu machen u. sie
irrt sich auch, wenn sie hofft, ich würde mich da-
durch abhalten lassen wieder zu kommen, sollte
auch der Weg länger geworden seyn.
Noch einmal herzlichen Dank für so yiele Liebe
und Freundschaft ich habe sie mehr gefühlt und ich
bin mehr gerührt dadurch als ich ausdrücken kann.
y Google
1829 XIV. W. Grimm an Snabedissen. 265
Über Ihre GesuDdheit bin ich beruhigt u. ich denke
schon ietzt an ein fröhliches Wiedersehen
Ihr treuer Wilh. Grimm.
An Herrn Hofrath Snabedissen in Marburg.
124.
Cassel 1. Nov. 1829.
Grosze Frende haben Sie mir durch Ihr Bildnisz
gemacht, liebster Freund, das ich schon längst zu
besitzen gewünscht habe. Es ist recht gut und viel
beszer, als ich erwartet habe, es fehlt ihm weder
Geist noch Ausdruck und wenn das Technische ein
wenig freier gehalten wäre, so würde ich es nicht
beszer wünschen. Dasz man Ihre damalige Kränk-
Uchkeit darin erblickt, stört mich nicht, es hat dem
eigentlichen Ausdruck nicht geschadet, mir aber
bleibt die Freude, Sie seitdem wieder frischer u.
rüstiger gesehen zu haben.
Auch für das Buch einstweilen herzlichen Dank,
ich werde es lesen, sobald ich Zeit u. Stimmung
daftr finde. Stünden nur meine Kräfte mit meiner
Neigung im Yerhältnisz. Manchmal lebe ich, wie
ein reicher Mann und mache geistigen Aufwand,
dann aber schlagt mir das Gewissen und ich fühle,
dasz ich nicht Capital genug besitze und ein-
geschränkt mich halten musz. Ich freue mich auf
Ihre Religionslehre, denn ich möchte gerne einmal
die wichtigste Angelegenheit des Lebens Ton jemand
betracJitet sehen, der beides hat Glauben und Frei-
heit der Seele.
y Google
266 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1832
Vor einigen Tagen ist die förmliche Vocation
von Hannover angelangt, vorigen Donnerstag Mittag
reichten wir ein Gesuch um Entlassung ein und am
Freitag, vorgestern, war es schon bewilligt Ich
verlasse Cassel mit bitterm Schmerz, den gröszten
Theil meines Lebens habe ich hier zugebracht,
Mutter, Kind und die liebsten Verwandten liegen
hier begraben. Von Ihnen entferne ich mich nur
scheinbar, denn es wird mir leichter, Sie zu be-
suchen und auch Sie entschlieszen sich wohl eher
nach Göttingen zu kommen. Gott erhalte Sie u.
mir Ihre Liebe
Wilh. Grimm.
An Herrn Professor Suabedissen in Marburg.
125.
Göttingen 13. März 1832
laicht blosz des Glückes der guten Elise, auch
des Ihrigen habe ich mich gefreut, herzlich geliebter
Freund, weil es Ihnen so wohlthuend und beruhigend
seyn musz, Ihre Kinder dem Herzen so braTer
Männer übergeben zu können und sie beide in Ihrer
unmittelbaren Nähe fortwährend zu behalten. Mögt
Gottes Hand über ihnen walten! Ich fr^ue midii
Sie alle einmal wiederzusehen, sollte es auch ent
seyn, wenn ich beide als Frauen begrüszen kann,
denn da mein Bruder einer literar. Arbeit wegen in
den Ferien nach Heidelberg reist, so wird für miA
keine Zeit zu einem Ausfluge abfallen.
y Google
18^ XIV. W. Grimm an Suabedissen. 267
Für Ihren letzten Brief tabe ich noch nicht ge-
dankt und doch hat es mich gerührt^ als ich sah,
dasz er in Zwischenramnen geschrieben war und Ihr
Befinden Ihnen nicht erlaubt hatte, daran zu bleiben.
Das sollen Sie nicht thun, liebster Freund, u. mir
nicht anders schreiben, als wenn Sie es in Behag-
lichkeit thun können.
Vorgestern ist der Deputirte der Universität zum
Landtage gewählt worden und die Wahl mit groszer
Stimmenmehrheit auf Dahlmann gefallen. Er
wird also den Sommer über in Hannover bleiben
und 80 sehr mich die Wahl an sich freut, die keinen
bessern hätte treffen können, so wei*den wir ihn
doch ungern entbehren, denn er ist gerade unser
nächster Freund, den wir hier haben. Es ist viel
guter Wille in Hannover, auch bei denen, die etwas
zu sagen haben, aber es ist eine alte Erstarrung u.
Verrostung zu tiberwinden, und dann ist der Adel
nicht geneigt, die groszen Vorzüge, die er in Händen
hat, abzugeben. Die wohlwollende, milde u. ver-
ständige Weise des Herzogs, so wie sein Charakter,
werden von jedermann anerkannt.
Lesen Sie die Hannoversche von Pertz redigirte
Zeitung? Bei ihrer Entstehung hat keins der ge-
wöhnlichen Motive gewirkt, sie ist in guter, edler
Absicht und mit vollkommener, innerer u. äuszerer,
Unabhängigkeit unternommen. So gesund u. tüchtig
die Ansicht ist, die ihr zu Grunde liegt, so soll doch
jeder redlichen Überzeugung das Wort gegönnt seyn
u- keiner Partei geschmeichelt werden, nur die Bei-
mischung jener ätzenden Bitterkeit, die meist den
Digitized by VjOOQ IC
268 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1832
guten Erfolg vereitelt, soll vermieden werden.
Haben Sie Lust etwas beizutragen, ietzt oder wann
eine Veranlassung sich darbietet, mit ganz freier
Wahl des Gegenstandes, so würden Sie die gute
Sache fördern; ich werde es mit Vei^ügen an
Pertz besorgen oder wenn Sie es vorziehen, sich
mit ihm direct in Verbindung zu setzen, ihn davon
benachrichtigen.
Meine Frau und mein Bruder erwidern Ihre
Grüsze auf das freundschaftlichste. Mich hat ein
rheumat. Fieber 8 Tage im Zimmer gehalten, scheint
sich aber ietzt zu verlieren, nur ein rheimiat. Kopf-
schmerz springt noch wie ein böser Hund auf, tobt
u. bellt u. legt sich dann wieder.
An alle Bekannte Grüsze. Mit treuer u. imver-
änderter Liebe
Ihr
Wilhelm Grimm.
Eine Bitte: Besitzen Sie noch Ihre kleinen 6e-
legenheitsschriften z. B. Wiederherstellung des
Cl^stenthums durch Luther, das Programm emir
pduci fuerint physiologiae stoicarum sedaiores etc.
so machen Sie doch unsrer Bibliothek ein Geschenk
damit; wir sammeln dergleichen mit einiger Sorg-
falt.
An Herrn Hofrath Suabedissen in Marburg, Eurhessen.
y Google
■
1832 XrV. W. Grimm an Suabedissen. 269
126.
Göttingen 18. October 1832
Sie haben freilich lange nichts von mir gehört,
mein liebster Freund, aber den ganzen Sommer über
hatte ich mich auf die Herbstferien gefreut, wo ich
ausfliegen und auch Sie zu besuchen und einige Zeit
bei Ihnen zu verweilen gedachte. Ich wollte dann
mfindlich nachholen, was ich am Briefschreiben ver-
säumt hatte. Den 24. Septbr. reiste ich nach Cassel
ab, den 2. October wollte ich weiter und wäre den 3.
Morgens in Ihr Zimmer getreten, allein gerade, als
ich im Begriffe war, einen Platz auf dem Eilwagen
zu bestellen, überfiel mich plötzlich u. ohne alle
Einleitung eine Krankheit, die mich 8 Stimden in
der üngewiszheit liesz, ob nicht die Cholera daraus
werden würde. Das geschah nun nicht, aber es war
doch ein heftiges nervöses Magenleiden, das mich
sechs Tage im Bette hielt und erst den 8. Oct.
durfte ich es wagen, die Rückreise hierher anzu-
treten, die ich, zur Beruhigung der Meinigen, durch-
aus nicht langer aufschieben wollte. Ejrank kam
ich an and bin noch inmier leidend, und habe gestern
meinen ersten Ausgang versucht, indessen geht es
besser nnd ich bin im Stande, meine Gedanken zu-
sammenzufassen, was mir bisher sauer ward.
Ich werde wohl den in der Schweitz glaube ich
vorkonmienden Familiennamen „Bleibimhaus* an-
nehmen müssen, denn meine kleinen Reisen sind
alle mit Widerwärtigen verbunden. Vor zwei
Digitized by VjOOQ IC
270 ^I^^- W. Grimm an Suabedissen. 1S32
Jahren gelangte ich nicht weiter als Fuld, und der
Aufruhr im Hanauischen nöthigte mich umzukehren.
In den cliesjährigen Pfingstferien machten wir alle
zusammen, denn meine Frau war auch dabei, eine
Reise nach Hannover, aber gleich bei der Ankunft
ward ich ziemlich heftig krank und konnte von den
acht Tagen nur zwei auszer dem Bette zubringen
imd so habe ich diese alte, unschöne, von einem
Kreis neuer u. reizender Wohnungen umgebene
Stadt nur flüchtig gesehen. Der Gegend von da bis
hierher thut man Unrecht, sie kommt durch einige
sehr anmuthige Landschaften. Den übrigen Sommer
befand ich mich ohne Unterbrechung wohl, dies zn
beloben nöthigte mich jemand am Tage vor meiner
Krankheit, und der alte Aberglaube, der so etwas
nicht gut heiszt, hat wieder Recht behalten.
Ich habe diesen Sommer über die Nibelungen
gelesen, in zwei Abtheilungen, wovon die eine eine
historische Übersicht der epischen Poesie des Mittel-
alters enthielt. Für ein CoUegium, das die Brot-
studien nicht berührt, hatten sich doch mehr Zu-
hörer eingefunden als ich erwartete ; was mich aber
noch mehr freute, war die Theilnahme mit der es
bis zu Ende gehört wurde. Es waren einige aus-
gezeichnete, frische u. wohlgesittete Menschen,
woran heut zu Tage unter den Studenten kein Über-
flusE ist, darunter. Diesen Winter will ich über
den Freidank lesen, ein geistreiches, gnomolo-
gisches Werk, das im Anfange des 13 Jahrh. unter
Kaiser Friedrich H. während seines letzten Kreuz-
zuges verfast wurde. Es berührt den sittlichen
y Google
1832 XIA^ W. Grimm an SuabediHsen. 271
ZostaDd jener Zeit nach allen Seiten u. erlaubt
manche Anknüpfung. Eine critische Ausgabe habe
ich diesen Sommer ausgearbeitet, an welcher ge-
druckt wird, und so blieb mir neben den Bibliotheks-
arbeiten oft nicht eine halbe Stunde zu einem
Spaziergang übrig.
Ich theile mit Ihnen die Hoffnung, dasz sich
Deutschland zu einem bessern Zustande durcharbeitet,
weil mein Vertrauen auf den tüchtigen und gesunden
Sinn der Nation zu grosz ist, als dasz ich fürchtete,
er werde sich irgend einer ausschweifenden Richtung
ergeben, wie die unglücklichen Franzosen thun,
d^en ein tiefgewurzelter Egoismus alle wahre
Vaterlandsliebe ertödtet, so dasz sie in sinnloser
Hast u. Bethörung von einer Idee zur andern fort-
jagen u. wohl mit Erschöpfung und Gleichgültigkeit
endigen werden. In Hessen hindert zweierlei einen
ruhigen und glücklichem Zustand: in sittlicher Hin-
sicht die allzutief gesunkene Autorität, und da kann
kein Gesetz imd keine Gewalt helfen; die selbst-
süchtige Anmaszung des Einzelnen zeigt sich schon
auf eine betrübte Weise unter den Knaben des
Gymnasiums. Äuszerlich ist entgegen die Spannung
zwischen den Landstanden und der Regierung. Die
Landstande haben viel Gutes gewirkt, auch ist ihre
Gesinnung redlich u. achtungswerth, ich meine ihrer
Überzeugung gemäsz gewesen, allein in der Ver-
fassung ist ihnen, allerdings auf Veranlassung des
Torher ge[g]angenen , erbärmlichen Zustandes, eine
zu grosze Einmischung in die Verwaltung gestattet,
und die Regierung, die doch das Einzelne und die
y Google
272 ^IV. W. Grimm an Snabedissen. 1832
wirklich bestehenden Verhältnisse genauer kennt,
sieht sich nicht blos gehemmt , sondern soll
ihre Einstimmung zu Dingen geben, die
sie für nachtheilig halten musz. So bildet sidi
schon durch die Lage der Dinge ein Widersprach,
der durch Menschlichkeiten u. Leidenschaften Ton
beiden Seiten gesteigert wird. Wie er schwinden
soll sehe ich nicht wohl ein: innere Überzeugung
mag auf jeder Seite stehen. Dazu kommt, dasz viele
und gerade die einfluszreichsten Mitglieder der Land-
stände, dem modernen Liberalismus anhangen, dessen
Liebhaberei es ist, alles bis auf das feinste zu
ordnen und systematisch einzurichten, was in so
vielen Fällen Nachtheil bringt Meine Meinung ist,
dasz man keine Verfassung hätte machen, sondem
die Landstände sich einen gproszen Brief mit be-
stimmten Freiheiten und Rechten auswirken sollen;
dann hätte man die Regierung müszen gewahren
lassen. Sie hätte dann Bewegung, Kraft u. Freiheit
gehabt, und wo sie sich Eingriffe erlaubt hätte, oder
einen falschen Weg betreten, würden die Redite
der liandstände sie haben zurÜckfElhren u. mäszigen
können. So z. B. das Bürgergardengesetz ist dem
System zu gefallen, in dieser Ausdehnung beliebt n.
der Zustand der Gesellschaft dabei nicht berüdt-
sichtigt worden: ich glaube es wird so nicht be-
stehen, sondem bald in sich zusammenfallen. Die
Bauern passen nicht dazu u. werden es in der Thai
nicht befolgen; die Staatsdiener u. alle die eine
sitzende, Geistesarbeiten gewidmete Lebensweise
führen hätte man nicht zur Theilnahme nöthig^
y Google
\m XIV. W. Grimm an Suabedlssen. 273
sie ihnen nur nach freiem Willen gestatten sollen.
Auf diese Weise hat man eine zweckmäszige u.
tüchtige Bewaffnung der Bürger in den gröszem u.
wohlhabenden Städten, die mir etwas sehr wdnschens-
werthes scheint, vielleicht ganz vereitelt.
Wie gerne hätte ich mich mit Ihnen mündlich
über diese Dinge unterhalten, da mir Ihre unab-
hängige und freie Ansicht so werth ist, zumal in
einer Zeit, wo sich jedermann im Parteiwesen ge-
fallt. Unter allen periodischen Werken sagt mir
Rankes Zeitschrift am meisten zu, ich finde darin
jene lebendige Mitte, die etwas ganz anderes ist,
als das äuszerlich zu wägende juste milieu der Fran-
zosen. Heute ist der 18. October, dieser grosze Tag
acheint schon in der Erinnerung zu verblassen, wie
Unrecht, dasz man von oben her aus kleinlichen
Bficksichten, die Feier desselben störte.
Leben Sie wohl, herzlich geliebter Freund, möge
Ihnen Gott milde Tage senden. Grüszen Sie die
Ihrigen sänmitlich, die Rheinreise in der prächtigen
Zeit gönne ich der lieben Frau Nim r od recht
sehr, wie der guten Marie ihr ungetrübtes Glück.
Helene u. Hannchen werden von uns nicht ver-
gessen u. «ie werden es uns hoffentlich vergelten.
Mein Töchterchen gedeiht, den Namen hat es
von der Kurfürstin, welche mir sehr viel Grüsze
an Sie aufgetragen hatte, die ich ietzt schriftlich
bestellen musz. Meine Frau u. mein Bruder grüszen
herzlich
Ihr treuer Freund
Wilh. Grimm.
£. StengeL Briefe der Brdder Qrimm. 13
Digitized by VjOOQ IC
274 XIY. W. Grimm an Suabedissen. 1833
127.
Ich bediene mich eines alten Vorrechtes Göttinger
Professoren, liebster Freund, in dem ich Ihnen ein
paar von unsem Würsten, von welchen man be-
hauptet hat, sie seyen das Geschmackvollste was die
Universität producire, übersende. Genieszen Sie
etwas davon zum Frühstücke bei einem Glas Malaga.
Wie gerne säsze ich selbst einmal auf diese Weise
unter Ihnen.
Ich habe mich gefreut, Gerling hier zu sehen,
u. habe ihn natürlich über Sie u. alle die Ihrigen
genau ausgefragt. Wie schön ist das Zusammen-
seyn mit Marie u. Elise, die sich so glücklich
fühlen. Möge es Ihnen Gott noch lange erhalten.
Heute neben den herzlichsten Grüszen treuer
Freundschaft u. Liebe nur noch die Bitte, dasz Sie
ja nicht zu Ihrer Beschwerde, die Feder ansetzen,
um den Empfang der Schachtel zu melden; ich
zweifle nicht, dasz sie richtig ankommt.
Ihr Wilh. Grimm.
Gott in gen 10. Jan. 1833.
128.
Liebster Freund, meine Cur in Wiesbaden hatte
sich so sehr hingezogen, dasz mir nur wenige Tage
zur Rückreise übrig blieben, und ich darauf ver-
zichten muszte , einen oder ein paar davon in Mar-
burg, wie ich bei der Hinreise gebofiPt hatte, zuzu-
bringen. Als ich frühmorgens in der ersten
k Digitizedby Google
1833 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 275
Dämmerung unten an der Kirche vorbei fuhr, waren
meine Gedanken und "Wünsche bei Ihnen. Noch-
mals herzlichen Dank für die freundschaftliche und
Uebreiche Aufnahme bei Ihnen. Indessen wird Ihnen
anch Lücke mündliche Grüsze überbracht haben
and ich denke mir Sie haben die Bekanntschaft des
simivollen und freundlichen Mannes gerne gemacht.
Mir hat das Bad sehr gute Dienste gethan, ob-
gleich seine Wirksamkeit sich erst in der zweiten
Hälfte zeigte; der Schmerz ist verschwunden , in-
dessen möchte er wohl Lust haben bei dem Eintritt
des Winters wieder zurück zu kehren, u. einige
Anzeigen davon habeich gespürt. Meine Frau fand
ich noch nicht ganz hergestellt und bis auf diese
Tage hat sie gekränkelt, auch mein Bruder hat über
einige Brustbeschwerden zu klagen, nur die Kinder
sind munter, Gott sey gedankt.
Unser neuer Philosoph Herbart ist in diesen
Tagen angelangt, indessen habe ich ihn noch nicht
gesehen und befürchte dasz seine Berufung der
Philosophie, die hier nicht recht gedeihen will, nicht
aufhilft. Er scheint mir ein ausgezeichneter und
origineller aber durch scharfe Einseitigkeit sich von
der übrigen Menschheit absondernder Geist. Es ist
in diesen Tagen die Rede davon dasz Twesten aus
Kiel Planks Stelle ersetzen solle. Die Sorgfalt
des Curatoriums für die Universität ist sichtbar u.
dankbar anzuerkennen.
Man bespricht hier in diesem Augenblicke die
etwaigen Reformen in dem Universitätswesen. Die
Regierung möchte wohl die alten Einrichtungen bei-
18*
Digitized by VjOOQ IC
276 XIV. W. Grimm an Suabedisaen. 1833
behalten, aber aach gerne mancherlei bösen Dingen,
die nicht zu leugnen sind, steuern. Dasz dies durch
äuszere Mittel nicht geschehen kann, sondern die
Besserung von innen kommen musz, und die Regie-
rung vor allen Dingen den wissenschaftlichen Geist
fördern sollte , was aber durch die Examina und
Bedingungen, die sich immer mehr anhäufen, nicht
geschehen kann, ist meine Meinung, wird auch wohl
von der Regierung gefühlt, doch glaubt man auch
nicht ganz unthätig bleiben und einigermaszen ein-
greifen zu müszen, und so wird wohl ein gewiszer
unerquicklicher Mittelweg eingeschlagen werden-
Eben langt die Nachricht von dem Tode des
Königs von Spanien an, das wird wieder Zuckungen
in allen Verhältnissen hervorbringen, aber ich glaube
das unjugendliche Europa greift doch nicht zum
Schwerte sondern die Diplomaten dem Kranken
blosz an den Puls, und wartet bis der neue Schmen
in die allgemeine Kränklichkeit übergeht.
Herzliche Grüsze an das ganze Haus u. wer dazn
gehört. An Marie noch besonderer Dank för das
schöne, grüne Korn, das uns schon einigemal treff-
lich geschmeckt hat. Mit unveränderter Liebe und
Freundschaft
Ihr Wilh. Grimm
Göttin gen 9. Octbr. 1833.
y Google J
1835 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 277
129.
Göttingen 22. März 1835
Liebster Freund, sehr oft sind in den traurigen
und einsamen Tagen, welche dieser Winter mir
brachte, meine Gedanken bei Ihnen gewesen, aber
ich komme ietzt erst dazu Ihnen zu schreiben wo
ich es wieder vertrage mich an den Schreibtisch zu
setzen. Diesmal hat die Cur in Wiesbaden keinen
günstigen Erfolg gehabt u. die übernatürliche Hitze
scheint das Übel nur gesteigert zu haben. Von dem
Anfall, den ich gleich in Frankfurt aushalten muszte,
erholte ich mich zwar, aber dieser leidliche Zustand
dauerte nicht lange ; schon Anfangs October meldete
sich eine Herzkrankheit, die nicht ohne Ängstlichkeit
war, am Schlusze Novembers aber brach sie mit
solcher Heftigkeit aus, dasz mir längere Zeit hin-
durch meine Genesung unmöglich schien. £s war
• innere Gicht, die sich vorzüglich aufs Herz, aber
auch auf Magen u. Brust geworfen hatte und so
ängstliche Zufalle erregte dasz ich in vielen Nächten
nicht glaubte das Tageslicht vrieder zu erblicken.
Keine Arznei wollte anschlagen, bis endlich « Colchi-
cum* sich wirksam zeigte, ein an sich, glaube ich, be-
denkliches Mittel, das ich jedoch noch bis auf diesen
Tag nicht habe aussetzen dürfen. Indessen haben
sich meine Kräfte in den letzten Wochen merklich
gehoben, die Krankheit auch an sich einen milden
Charakter angenommen. Schlaf stellt sich wieder
ein, und ein paar in diesen Tagen unternommene
Spazierfahrten scheinen wohlthätig zu wirken, so
Digitized by VjOOQ IC
278 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 1885
will ich denn sehen ob die Arznei, welche die Arzte
80 gerne verschreiben, die mildere Jahreszeit, mir
wieder zu einer erträglichen Gesundheit helfen kann.
Klagen will ich weiter nicht vor Ihnen, die Sie
längere Leiden mit Ergebung und Heiterkeit er-
tragen.
Müller wird nun bald bei Ihnen eintreffen.
Vorigen Sonntag hat er seine Abschiedspredigt ge-
halten. Meiner Frau u. meinem Bruder hat sie
wohl gefallen, er hat darin offen u. einfach sein
bisheriges Verhältnis berührt. Ich entbehre ihn
ungeme, seine Predigten waren gehaltreich, ernst
und in wahrem Sinne religiös, ebendeshalb u. weil
er die Mittel verschmähte , welche auf gewöhnliche
Zuhörer, die Rührung u. schöne Worte verlangen,
Eindruck machen, hatte er keinen groszen Bei&ll.
Weder seine Gesinnung noch sein Ausdruck ist
schroff oder hart, wie man wohl gesagt hat, aber
das gebe ich zu dasz ihm eine gewisse angebome
Mildigkeit des Charakters fehlt, wie sie unsenn
Lücke etwa eigen ist, den ich so oft ich ihn sehe
von neuem lieb gewinne. Er hat zu den wenigen
gehört, die ich in meiner Krankheit gesehen habe;
noch neulich sagte er bei Gelegenheit der Casseler
Unruhen, es ist doppelt wünschenswerth in unserer
Zeit dasz die Religion Christi ohne Scandal ver-
kündigt werde. Lücke hat sich über Schleier-
macher in seiner Zeitschrift sehr schön, mit liebe-
voller Anerkennung und warmem Ausdrucke ge-
äuszert. Ich denke darin, wie Schleiermacher sagte
er, dasz ich der Philosophie völlige Freiheit n.
y Google J
1835 XIV. W. Grimm an Suabedissen. 279
Unabhängigkeit gestatte, sie musz ihren Weg gehen,
aber ich vertraue u. hoflfe dasz sie mit dem Christen-
thiim zu einem Ziele kommt. Suabedissens Religions-
philosophie, sagt er, ist nichts als eine Verherr-
lichung des Christenthums u. ich empfehle sie immer
meinen Zuhörern.
Lang in Cassel hat mir persönlich miszfallen u.
in dem was er sagte waren die Farben grell u. hart
aufgetragen u. ich begreife wie er Anstosz erregen
kann; auf der andern Seite kämpft gegen ihn eine
Gesinnung, die glaubt bürgerliche Rechtschaffenheit
genüge u. eine sonstige Religiosität oder ein höherer
Glaube sey etwas überflüssiges.
Nicht leicht hat eine tiefe u. reiche menschliche
Seele sich so ausgesprochen wie in dem „Brief-
wechsel Göthes mit einem Kinde*, (wie der Titel
lautet) und ich glaube nicht dasz ein Buch dieser
Art so bald wieder erscheint. Mich soll wundem
ob es unsere geistig gleichgültige Zeit anregt.
Grüszen Sie alle die Ihrigen mit alter und herz-
licher Freundschaft. Hupfeld danke ich für die
americanischen Briefe, die ich mit Vergnügen an
einer so tüchtigen Natur gelesen habe, obgleich es
uns seltsam vorkommt jemand wieder in den An-
fangen der Cultur, in einem doch nur' halb erfreu-
lichen Naturzustande leben zu sehen. Ich lasse mir
das Recht nicht nehmen Ihnen von unsern Mett-i
Würsten etwas zu senden, Müllers Wagen bringt
nächste Woche das Päckchen mit, ich fürchte nur
sie bewähren nicht ihren alten Ruhm, wegen zu
wanner Witterung sind sie nicht so vollkommen
y Google
280 X^- ^- Grimm an Hupfeld. 1835
geworden, wie sonst. Theilen Sie an Marie u.
Elise u. Ihre Schwester Christiane etwas da-
von mit.
Meine Frau u. mein Bruder grüszen mit mir,
leben Sie wohl, herzlich geliebter Freund, u. ge-
denken Sie mein mit Liebe
Ihr Wilh. Grimm
XY. Drei Briefe von Willielm Grimm an Prof.
Hupfeld in Marburg, später in Halle.
130.
[Göttingen, 19. Mai 1885.]
Liebster Freund, Ihr Brief mit der Trauerbot-
schaft hat mich nicht überrascht, ich ahndete seinen
Inhalt als ich ihn in die Hand nahm, aber er hat
mich tief bewegt. So ist einer meiner ältesten und
liebsten Freunde zur Ruhe gegangen, der mir durch
alle Zeit gleichmäszig Freundschaft und Liebe ge-
zeigt hat, dessen reines und edles Herz ich in seinem
vollen Werthe erkannt habe. Ich danke Ihnen dasz
Sie mir ausführlich seine letzten Stunden beschrieben
haben; mir bleibt der Trost ihn noch vorigen
Sommer gesehen und ein paar Tage mit ihm ver-
lebt zu haben. Noch vor kurzem, am 1. April, hat
[er] mir geschrieben und liebevoll, wie immer, sich
geäuszert: „mein Leben, sagte er sollte eine medttolto
y Google
1839 XV. W. Grimm an Hupfold. 281
mortis seyn und ist noch immer meditatio vitae, so
wie ich mich besser fühle mache ich Pläne, sogar
den Sie in Göttingen zu besuchen*. Ich erinnere
mich noch deutlich des Augenblicks als ich ihn vor
etwa 24 Jahren zuerst sah ; seitdem hat mein Gefühl
herzlicher Freundschaft nur zugenommen.
Liebe Marie, du wirst einen Trost darin finden
dasz dir Gott noch so lange Zeit geschenkt hat dich
seiner Gegenwart zu erfreuen, und dasz du ihn nie-
mals hast zu verlassen brauchen. Dein Schmerz
wird sich allmälig in ein mildes Andenken an ihn
verwandeln, das dich durchs ganze Leben begleitet.
Herzliche Grüsze an alle die ihm zugehörten.
Wie mag es sich mit der guten Caroline ent-
schieden haben! Mit treuer Freundschaft
Ihr Wilh. Grimm
Meine Gesundheit schwankt noch immer, seit
acht Tagen gehe ich Morgens einige Stunden auf
die Bibliothek. Freundschaftliche Grüsze an Prof.
Müller.
An Herrn Professor Dr. Hupfeld in Marburg.
181.
Cassel 14. Juli 1839.
Liebster freund, Sie haben wahrscheinlich schon
aus den öffentlichen blättern von unserm deutschen
Wörterbuch gehört, und kennen auch daraus den
plan im allgemeinen, ich wollte früherhin Ihnen
y Google
282 XV. W. Grimm an Hupfeld. 1839
nicht darüber schreiben, weil ich befürchtete Ihnen
damit lästig zu werden, jetzt aber, wo ich hofife dasz
Ihre gesundheit hergestellt ist, erlauben Sie mir wol
eine frage, die sache ist in gutem gang, schon an
45 mitarbeiter helfen dabei, aber die aufgäbe ist
grosz, alle bedeutende Schriftsteller von Luther
bis Göthe sind durchzulesen und auszuziehen, und
wir bedürfen, wenn sich die ausarbeitung nicht zu
lange verziehen soll, noch weitem beistand. Ich
will also bei Ihnen anfragen ob sich in dem kreis
Ihrer bekannten jemand findet, der geneigt wäre
noch beizutreten? Ihnen selbst ist wol keine zeit
dazu übrig? die arbeit ist an sich nicht schwer
und man kann auch eine nebenstunde dazu benutzen;
es gehört nur philologischer sinn dazu, und der
tact erwirbt sich bei der arbeit bald, die noch neben-
bei einen nutzen bringen kann. (Wer mit der
älteren spräche nicht bekannt ist kann aus dem
18 jh. einen Schriftsteller wählen, wo ohnehin die
arbeit leichter ist. [Randbemerkung.]) Wissen Sie
jemand -der einen oder ein paar der noch nicht ver-
gebenen Schriftsteller übernehmen will, so kann idi
dann das nähere schreiben und noch eine besondere
anleitung mit einigen probeblättem geben, zudring-
lich will ich aber nicht sein; es ist eine blosse
frage, ein angemeszenes honorar versteht sich von
selbst. Vi 1 mar dort ist bereits thätig.
Orüszen Sie die liebe Marie mit den kindem
herzlich, ich will mich freuen zu hören, dasz es ihr
wol geht; auch von Elise wüszte ich gerne etwas,
auch Gerlings sollen mich nicht vergeszen. Ich
y Google
1840 XV. W. Grimm an Bnpfeld. 283
käme gerne einmal dorthin, aber es sind allerlei
bedenken dabei.
Ganz besonders bitte ich Sie Müller zu grüszen
und ihm für seinen brief zu danken, ich denke nur
mit trauer an ihn, da ich weisz, wie sorgenvoll seine
läge ist.
In Hanover stehen die Sachen so, dasz man meint
der bundestag könne nicht umhin auszusprechen was
rechtens ist, aber vor lauter hoher klugheit kommt
er wol nicht dazu ; man möchte den pelz waschen,
aber ihn nicht nasz machen.
Von uns allen die Versicherung herzlicher
fi;eundschaft
Ihr
Wilh. Grimm.
182.
Liebster freund, ich bedarf zu einer abhandlung
einer wahrscheinlich kleinen schrift,
Grethe, de imaginibus Christi non .manu /actis.
Ingolstadt 1644.
die ich weder von der hiesigen noch der götting.
bibliothek habe bekommen können, wollten Sie mir
den gefallen thun und nachsehen ob sie auf der
dortigen sich befindet, und sie mir dann auf kurze
zeit hierhersenden, da ich sie gerne bald haben
möchte, so bitte ich Sie um ein paar zeilen antwort,
wenn sie nicht da ist.
Man sagt hier Hermann habe einen ruf nach
Göttingen: das wäre ein groszer verlust für Mar-
y Google
284 XVI. W. Grimm an Müller. 18§
bürg, und es fragt sich ob er sich dort beha^lic
fahlen wird.
Heute nur diese paar zeilen. wir befinden ui
leidlich wol. meine fr au war zur Stärkung ihre
gesundheit einige zeit auf dem land, und das scheii
ihr zuträglich gewesen zu sein, die herzlichste
grüsze an Sie und Ihre liebe frau und die beste
wünsche für Ihr wolergehen.
[Ihr Wilh. Grimm.]
Cassel 7. Octbr. 1840.
Herrn Professor D. Hupfeld zu Marburg.
XYI. Vier Briefe von Wilhelm Grimm an Proi
Julius Müller in Marburg, später in Halle.
133.
Herzlich geliebter Freund, ich kann Ihnen nid
sagen welch einen erquickenden Eindruck mir H
Brief und Ihre Theilnahme gemacht haben; Du
Worte sind mir wie ein geistlicher Segen vorgc
kommen.
Ich wünsche weiter nichts als dasz diese Sacl
auf dem ruhigen Wege des Rechtes entschiede
werde, auf eine Weise, die mein Gewissen nicht Ix
lästigt. Vertrauen Sie darauf dasz wir bei dies«
Gesinnung fest halten, den Ausgang aber Gott ai
heim stellen.
y Google
1837 XVL W. Grimm an Müller. 285
Von dem Cnratorium ist uns, übrigens in milden
Ausdrücken, der Antrag gemacht worden, unsere
Erklärung zurückzunehmen.
Nochmals herzlichen Dank für den Brief und die
Versicherung aufrichtiger Verehrung und Liebe. An
Ihr ganzes Haus die schönsten Grüsze von uns
Ihr treuer Freund
Wilh. Grimm.
Göttingen 3. Dec. 1837.
184.
Liebster Freund, ich erhalte soeben von J. Roth-
schild in Cassel einen Brief, worin er mir anzeigt
dasz eine namhafte Summe für uns bei ihm deponiert
sej, zugleich als Einlage ein paar Zeilen von un-
bekannter Hand, (Täusche ich mich nicht, so hat
ihn Marie Hupfeld geschrieben. [Rand-
bemerkung.]) worin nur gesagt ist dasz diese Summe
Ton einigen näheren Freunden und Bekannten in
Marburg herrühre. Ich versuche nicht Ihnen aus-
zudrücken wie diese Liebe und Freundschaft mich
im tiefisten Herzen rührt.
Wir sind in einer eigenen Lage. In Leipzig,
wie ich höre in Berlin, wahrscheinlich auch in andern
Städten sind Subscriptionen eröffnet worden. Gewisz
sind darunter wohlmeinende Menschen, die uns blosz
Hufe gewähren wollen, und deren Theilnahme dank-
bar anzuerkennen ist ; ebenso gewisz aber auch dasz
sich zugleich das Parteiwesen der Zeit daran hängt.
Unsere Sache hat nichts mit dem politischen Treiben
y Google
286 XVI. W. Grimm an Müller. 1887
gemein, wir sind fest entschloszen uns nicht fiii'die
liberale Fahne anwerben zu lassen, ebendeshalb Yon
jenen Subscriptionen nichts anzunehmen, ebendeshalb
aber auch von keinem Unbekannten.
Kommt, wie ich an sich nicht zweifle, jenes
Zeichen der Liebe von unsem dortigen Freunden,
so wissen Sie davon, und Sie sind mitten daront^.
Nennen Sie mir ihre Namen, ich bitte Sie darum,
oder geben Sie mir wenigstens die Versicherung,
dasz die Hilfe blosz von Freunden und Bekannten
herrührt, die sich im Stillen vereinigt haben, ?on
keinem Fremden, so bin ich beruhigt. Ich will
dann diese Summe mit herzlicher Dankbarkeit an-
nehmen und niederlegen bis zu dem Augenblick, wo
wir uns in Bedrängnis sehen; gegenwärtig ist dies
noch nicht der Fall. Beszert sich unsere Lage früher,
so vertraue ich unsere Freunde werden sie, ohne
sich verletzt zu fühlen, wieder in Empfang nehmen.
Wir sind alle leidlich gesund, und die Theil-
nahme u. Freundschaft, die wir erfahren, erheitert
unsere Stimmung. Mit treuer Liebe
Ihr Wilh. Grimm
Göttingen 23. Dec. 1837.
An den Herrn Professor Dr. Julius Müller in Marburg.
185.
Göttingen am 30. Dec 1837.
Lieber und verehrter Freund, Ihr Brief vom
27. d. M. ist mir richtig zugekommen, und die Z^
Sicherungen, die er enthält, beruhigen mich sotoÜ-
y Google
1837 XVI. W. Grimm an MüUer. 287
kommen dasz ich ohne Bedenken und mit Freude
das dargebotene unter der schon früher ausgedrückten
Bedingung annehme. Unter allen Zeichen von
Tfaeilnahme und Liebe, die ich empfangen habe, hat
mich dieses am meisten bewegt, und es steht in
einem Buche angeschrieben, aus dem kein Blatt
verloren geht
Glauben Sie mir, ich denke bei dem, was ge-
schehen ist, nicht zunächst an unsere eigene Be-
drängnis, sondern an die traurigen Folgen, die es
auf den sittlichen Zustand überall haben wird. Es
ist in dieser Beziehung ein unbeschreibliches Unglück.
Alle redlichen Menschen hier fühlen den Stachel im
Herzen, und wenn sie ihn darin lassen und sie nach
und nach von der Macht der Umstände mit immer
starkem Banden umwickelt werden, so sind sie für
die Zukunft innerlich zerbrochen.. Ich kann daher
nicht ohne tiefen Schmerz an Lücke denken, den
ich so aufrichtig Uebe: er sieht alles vollkommen
ein, aber ihm fehlt der Entschlusz. Wenn er, wie
ich noch immer vertraue, der innern Stimme am
Ende folgt, so ist der Augenblick doch wohl vorbei,
wo sein Beispiel hätte wirken können, wie viele
haben im Lande auf ihn gesehen? er war in dieser
Beziehung eins der wichtigsten Glieder der Univer-
siföt. Wären Sie doch an seiner Stelle hier ge-
wesen! es ist ein natürlicher Gedanke, und ich kann
mich daneben sehr wohl freuen dasz Sie nicht hier
waren. Von der übrigen theologischen Facultät ist
gär nichts zu erwarten. Pott, gewisz über seine
Feinheit sich freuend, hat erklärt, er könne sich
y Google
288 XVI. W. Grimm an Müller. 1837
nur in völliger Übereinstimmung der Universital
äuszem. Bei 6ieseler zeigt sich dasz er ein
thätiger Geschäftsmann, aber kein Theolog ist; er
macht die schönsten Deductionen dasz man berechtigt
sey zu thun was verlangt werde. Um die Wunde
der Univ. zu überkleistern hatte er den herrlichen
Plan ersonnen, der Senat solle darauf antragen, dasz
wir vier als Privatdocenten fortlesen dürften ; eigent-
lich war es nur auf Ewald abgesehen. Ich brauche
nicht zu sagen dasz wir alle mit einem sehr ent-
schiedenen Nein geantwortet haben. Ich bemerkte
ihm dasz wenn vdr mit Ehre zu der groszen Thüre
herausgegangen wären, wir unmöglich ohne Ehre zu
der Hinterthüre hereinschlüpfen könnten. Ich sefete
hinzu wenn die Universität darauf antragen wolle
dasz wir mit allen Ehren in integrum restitoirt
würden, diese Handlung bei der nächsten Jubiläums-
rede nicht als ein Flecken erscheinen werde. ,E8
geht nicht', antwortete er, ,dann würden wir uns
mit ihnen identificiren', worin er allerdings recht
hatte. Rettberg entschuldigt sich damit, er könne
nichts gegen seinen Schwiegervater thun. Eöllner
empfindet die gröszte Hochachtung, und will, wie
Pott, wenn alle übrigen sich entschieden haben,
sich nicht ausschlieszen. Wie Reiche sich geäuszert
hat weisz ich nicht.
In der medicinischen Facultät sieht es insoweit
anders aus, als mehr äuszere Entschlossenheit sidi
zeigt. Langenbeck schwankt nicht, er habe weiter
keine Pflicht als höhere Befehle zu veneriren. (Es
wird allgemein versichert, Langenbeck habe geäußert,
y Google
1837 XVI. W. Grimm an Müller. 289
wenn er zu befehlen gehabt hätte, so würden wir
Sieben schon längst auf dem Elebethor in Hannover
im Gefängnis sitzen. [Randbemerkung.]) Gonradi
ist allein etwas verlegen, dreht den Zipfel des
Taschentuchs, und sagt es sey vis major. Siebold
will von der Sache nichts hören, das störe blosz die
Verdauung, Die Zeit der Opfer sey vorüber. Marx
freut sich über die Energie von oben, und soll durch
Mütheüung von einzelnen Äuszenmgen thätige Be-
weise seiner Anhänglichkeit gegeben haben.
In der Jurist. Facultät erkennt Bergmann wohl
die Wahrheit. £r hat zu Rotenkirchen zu den
Decanen gesagt, wie können wir die Sieben mis-
billigen, da sie im Wesentlichen recht haben. Er
hat, sammt diesen Decanen, nicht nur privatim mehr-
mals sein Ehrenwort gegeben dasz er gegen unsere
Ansicht und Gesinnung kein Wort der Misbilligung
vorgebracht habe, sondern dies auch dem Senat
schrifUich erklärt, und es von den Decanen bezeugen
lassen. Die mit Q bezeichnete Erklärung in den
letzten Blättern der Cass. Zeitung rührt ohne Zweifel
von ihm. Er hat geglaubt sich mit Gewandtheit
herauswickeln zu können, aber jetzt, wo ihm officiell
widersprochen ist, sind ihm, wie es mir scheint, alle
Wege versperrt. Er weint vor den Studenten, und
sagt seine Ehre werde mit Füszen getreten. Mög-
lich dasz er noch einen Entschlusz fast, sie herzu-
stellen. Das liberale Wasser, das dem Hofrath
Bauer sonst wie aus einer Brunnenröhre aus dem
Munde flosz, bleibt jetzt aus. Ribbentrop äuszert
die schönsten Gesinnungen, setzt aber als natürlich
E. StengaL Briefe der Brüder Orlxnxn. 19
Digitized by VjOOQ IC
290 XVI. W. Grimm an Müller. 1837
voraus, dasz er nicht verbunden sey danach zu
handehi. (Jemand, der ihn genau kennt, versicherte
mich gestern, dasz seine Gesinnung wahr u. gut sej,
u. dasz wenn jemand in dieser Sache Entschuldigung
verdiene durch seine besondere Lage, so sey er es.
[Randbemerkung.]) Hugo hat sich ein eigenes
System gebildet, aber, ich zweifle nicht, mit innerer
Überzeugung, dabei äuszert er sich imbefangen und
mit Ireiem Urtheil; uns beweist er fortwährend die
freundschaftlichste Gesinnung.
Gausz ist mir ein Räthsel, ich glaube ihn leitet
die Furcht man möge denken, er dulde den geringsten
Einflusz von andern auf sich. Hausmann sagt in
schmerzlichem Ausdruck dasz er sich zu nichts ent-
schlieszen könne was der Universität Nachtheil
bringe, wir zeigten wenig Liebe zu ihr. u. s. w.
Es ist unglaublich, wie sich die Charaktere in
wenigen Tagen blosz gegeben haben. Es ist wie
im Herbst, wenn bei einem Nachtfrost auf einmal alle
Blätter fallen und am Morgen die Äste kahl dastehen.
Farbe halten werden nur die sechse, die sich
nach uns erklärt haben, wiewohl es etwas ent-
schiedener hätte geschehen sollen, so wie Ihr Bruder
wollte. Er, Kraut, und Ritter, dessen gerader,
trefflicher Charakter sich sogleich bewährt hat,
werden kein haarbreit von der rechten Bahn ab-
weichen. Dasz sie sich der Universität erhalten
können scheint mir kaum möglich.
Den Hergang der Dinge kennen Sie aus den
Zeitungen, die bis auf unwesentliche Dinge die
Wahrheit enthalten. So ist es wahr dasz man den
y Google
1837 XVL W. Grimm an MüUer. 291
drei Yerbannten keine andere Wahl liesz, als sich
zur Untersuchung an einen andern Ort abführen zu
lassen, oder auszuwandern. Über den Tag in Witzen-
hausen hat Bertheau, der eine sehr ehren werthe
Gesinnung zeigt, in der Hamburg. Börsenhalle, eine
aosf&hrliche Beschreibung geliefert.
Seyn Sie und die Ihrigen mit treuer Liebe und
Freundschaft umarmt ; auch meine Frau grüszt herz-
lich; Luc k es Frau sagte neulich ,wollte Gott, wir
gehörten zu ihnen, Sie sind ruhig und heiter; wir
sind es nicht'. Irgend einen Plan für unsere Zu-
kunft habe ich noch nicht machen können, ich musz
alles Gott anheim stellen. Möge er Ihnen in den
neuem Jahre seinen Segen schenken
Ihr treuer Gevattersmann
Wilh. Grimm.
Ghrfiszen Sie alle Freunde. Hub er danke ich
för seinen Brief, den ich damals, der zufälligen
Leser wegen, nicht [be]antworten wollte. Ich hätte
üun damals etwa folgendes zu sagen gehabt.
Der materielle Inhalt des Grundgesetzes kam bei
unserer Erklärung nicht in Betracht. Ich glaube
nicht dasz es besser ist, als überhaupt die Gesetz-
gebung unserer Zeit. Die Gesetze wachsen heutzu-
tage nicht aus einem natürlichen Triebe u. innrer
Nothwendigkeit hervor wie etwa einem Vogel die
Federn aus der Haut, sondern sie werden fabriciert
n. ausgedacht, ich will glauben, oft mit dem besten
Willen. Ich habe also gar keine Zärtlichkeit für
das Grundgesetz. Unbefangene u. wohldenkende
19*
Digitized by VjOOQ IC
292 XVI. W. Grimm an MüUer. 1^
Männer, die das Land kennen, meinen es sey doch
angemessener als die Verfassung von 1819, mit
welcher es soll vertauscht werden, und die ebenMs
von Papier ist, (die dem Absolutismus wohl günstiger
ist, bei welcher aber von wahrer lebendiger Freiheit
und organischen Zuständen keine Rede ist; die über-
haupt niemand schaffen kann. [Randbemerkung.])
Man hätte, nur auf dem Wege des geraden Rechts,
durch Vereinbarung mit den nach dem Grundgesefe
berufenen Landständen, oder durch Entscheidung
alle nöthigen Veränderungen machen mögen. Auf
unsere Lage hatte die ganze Sache ohnehin keinen
Einflusz.
Bei unserm Schritte lag blosz die religiöse Über-
zeugung zu Onmde, dasz wir so handeln müszten,
wenn wir unser Gewissen rein erhalten wollten, and
die Ehre der Universität, die ja durch sich selbst
auf die Betrachtung angewiesen ist, eine solche freie
Erklärung verlange. Mit dem politischen Partei-
wesen hat die Sache nichts zu schaffen und wir
müszen die albernen Lobeserhebungen der Liberalen
ebenso ertragen als die hoffärtigen Verhöhnungen
der andern Secte.
Am 3. Januar 1838.
Dieser Brief ist liegen geblieben, weil ich um
nicht auf die Post geben wollte, u. auf eine Ge-
legenheit Wärtete, die ihn nach Cassel mitnähme.
Dasz der König von Sachsen wohlwollend
uns Sieben erlaubt hat Vorlesungen in Leipzig als
prof. honor. zu eröffnen werden Sie in diesen Tagest
y Google
1838 XVL W. Grimm an Müller. 293
gelesen [haben], Dahlmann Iiat es gestern hierher
geschrieben. Es ist nicht blosz ehrenvoll für die
Sachs. Regierung, sondern auch in unserer Lage er-
wünscht, da, wie ich gewisz weisz, die Absicht war,
mit dem Entlassungsdecret dahin zu wirken, dasz
keine deutsche Regierung uns wieder aufiiehmen
sollte. Dahlmanns Entfernung von Cassel, ist,
wie ich ebenüedls sicher weisz, auf Requisition aus
Hannover geschehen, u. zwar mit Bereitwilligkeit.
Vorgestern ist Langenbeck zu Albrecht
gekommen um ihn, wie er deutlich gesagt hat,
officiell u. im Auftrage des Königs und des Gabinets
zn fragen, ob wir keinen Weg angeben könnten,
um die Sache zu vermitteln. Es ist ihm bestinmit
u. deutlich geantwortet worden dasz wir keinen
wüszten. Das Factum an sich ist merkwürdig.
Vielleicht ist blosz die Absicht einen Zeitungsartikel
ZQ machen, worin es heiszt wir hätten uns auf
Unterhandlungen eingelassen um bleiben zu können ;
man will blosz unsere Gesinnung dadurch herab-
würdigen, oder sich in der öffentlichen Meinung, die
sich überall deutlich ausspricht, erheben. Leo aus
Halle hat geschrieben nur ein Lump könne eine
Vocation hierher annehmen, u. es scheint bei den
(belehrten eine Ehrensaehe zu werden. Ebenso wenig
wird man, glaube ich, Ranke gewinnen. Sollte
ein Artikel solches Inhalts erscheinen, so werden Sie
ihn danach beurtheilen.
Oder die Temperatur hat sich geändert. Nach
allem was man von den JustizcoUegien hört, be-
nehmen sie sich gut, u. besser als die Universität.
y Google
294 XVI. W. Grimm an MüUer. 1842
Auch [für] die, welche den Revers auch ohne Vor-
behalt, dasz sie das Grundgesetz als gültig betrachten
müszten, unterschrieben haben, soll doch der Ent-
schlusz fest stehen, fortwährend danach zu erkenneaiL
Abgesetzt können sie nicht werden.
136.
Berlin 23 April 1842.
Lennästrasze 8.
Lieber, hochgeehrter freund und gevatter, ich
komme mit einer bitte, die ich Ihnen gleich, ohne
weitere einleitung, vortragen will, nach unserer
entsetzung in Göttingen erhielt ich von Marbo^
durch Sie das erste zeichen tiefer und herzlicher
theilnahme an unserm geschick. wie ich daduidi
bewegt worden bin, will ich Ihnen nicht beschreiben
und dies dankbare gefOhl wird mich nicht verlasen
so lange ich lebe, ich schrieb Ihnen damals dass
es mir, wenn die umstände es erlaubten, vergönnt
sein müsse, das empfangene zurück zu erstai^
und ich darf dies jetzt umsomehr, als uns die ^er^
einigungen zu unserer Unterstützung, namentlich dia
leipziger comit^, für den verlust unserer einnahmen
vollkommen entschädigt haben, diese entschädignng
anzunehmen haben wir gemeinschaftlich beschloszen,
nachdem wir uns überzeugt hatten dasz eine ehren-
werthe reine gesinnung zu gründe lag, und es ftr
Deutschland ein wolthätiges und stärkendes geAhl ,
sein muszte ein u]irecht wieder gut zu machen, das
eine gewalt sich erlaubt hatte, gegen welche es ii
y Google
1842 XVI. W. Grimm an MüUer. 295
der regel keine hilfe gibt, nehmen Sie also was
ich unter andern Verhältnissen bis zum letzten heller
getrost würde verbraucht haben ebenso freimd-
scbaftlich zurück als ich es angenommen habe, ver-
zeihen Sie dasz ich Ihnen die mühe mache die summe
wieder zu vertheilen, aber es blieb mir kein anderer
weg übrig, es sind 579 4^. indem ich zu den zu-
erst emp&ngenen 465'/, ^- nochmals späterhin von
unbekannter band, aber unter dem früheren siegel,
20 louisd^or erhielt.
Mit meiner genesung geht es vorwärts, aber
etwas langsam, vor ein paar tagen bin ich zuerst
vor meinem hause im thiergarten auf und abgegangen,
fireilich noch mit unsichem schritten, die meinigen
sind glücklich wieder hergestellt, im Januar lag
alles, das jüngste kind ausgenommen, zum theil
schwer erkrankt darnieder, und meine ganze wohnung
war in ein lazareth verwandelt, wie Schönlein
selbst sagte, ich kann gott nicht genug für seinen
beistand danken.
Die herzlichsten grüsze von uns allen an Ihr
ganzes haus, mein patchen, denke ich mir, wächst
firisch und munter heran, schenken Sie mir femer
Ihr freundschaftliches andenken, mit treuer ge-
WITlTinTIg
der Ihrige
Wilh. Grimm.
y Google
296 XVII. J. Grimm an Müller. 1838
XTII. Brief von Jacob Grimm an Professor
Julius Malier.
187.
Lieber freund, Ihr Zuspruch vorigen winter war
der erste der uns tröstete, erlauben Sie dasz ich
Ihnen diese blätter zusende, die, nach drei vergeb-
lichen versuchen in dem eigentlichen Deutschland,
sich zuletzt an den fula der alpen flüchten musten.
Etwas neues werden Sie nicht daraus vernehmen,
blo&e bestätigung des längst schon bekannten oder
wenigstens vermuteten.
Herzlichen grufs. Wilhelm und Dortchen
besuchen mich hier in einigen tagen, wo die gegend
am schönsten ist und die alte Zuneigung zu ihr am
deutlichsten rege wird, auch Hugo konmit mit,
um dem tag seines Jubiläums zu entgehn, so daüs
dem verbannten gerade dadurch eine mitfeier zu
theil wird, mit steter freundschaft
Ihr Jacob Grimm.
Cassel 5. Mai 1838.
y Google
1835 XVni. J. Grimm an Vilmar. 297
XTUL Elf Briefe von Jacob Grimm an Director
spater Prof. Vi i mar in Marburg.
188.
Ich bin Ihnen, verehrter Herr Director, für Ihr
neues Geschenk sehr verbunden. Programme eignen
sich ganz vorzüglich zur Bekanntmachung solcher
späteren und an sich weniger anziehenden Werke,
denen nicht leicht ein Platz in grö&eren Büchern
eingeräumt wird, und die daher oft unbeachtet liegen
bleiben. Die Darstellung des Gedichts ist zwar
dürftig, aber nicht unbelebt, und bemerkenswerth
scheint an den besseren Stellen der absichtliche
Wechsel kurzer und langer Zeilen.
Nicht weniger gefreut hat mich Ihr günstiges
Urtheil von meiner „Mythologie**, ich habe das
reiche Material noch nicht vollständig bewältigen
können, wie die Nachträge zeigen, denen ich jetzt
schon vielfache andere beifügen könnte. Der beste
Erfolg der Arbeit wird aber sein, dafs nun auch
andere auf den Stof und seine Bedeutung achten.
Ich lege Ihnen eine eigentlich blofs für meine
Vorlesung berechnete Ausgabe der „Germania** bei;
vielleicht scheint sie auch auf Schulen brauchbar.
Die Stelle aus Ann. 13, 57 über das Erdfeuer habe
ich erst nach langem Zweifel aufgenommen. Als
ich mein cap. XV der Mythol. schrieb traute ich
ihr noch nicht, sonst war dies Feuer, das wie ein
Thier geschlagen und mit Kleidern gelöscht wird,
nicht zu übersehen. Die Deutschheit der Sitte mub
y Google
298 XVm. J. Grimm an Vümar. 1838
aber vorzüglich durch ähnliches YerfiEihren aus
8pätere[r] Zeit bestätigt werden. Sollte Ihnen etwas
Ton solcher Feuerbesprechung bekannt sein oder
werden, so bitte ich darum. Überhaupt werden mich
alle Beiträge, gleich dem über den hersfelder
Hilpentriterde, erfreuen.
Welch seltsamer Bogen ist der bei Ihnen üb^
das , Hildebrandslied*' erschienene von Wilh. Mohr?
wie ist es so etwas in den Druck zu geben mögUch?
Lachmanns, auch bei Wackernagel wieder-
holte Constitution des Textes blieb dem Vf. unbe-
kannt, und er ersinnt für seine Einfölle lauter un-
zulässige, abenteuerliche Wortformen! aus der
Yerlagsanzeige sehe ich dals er ein junger Thedog
ist.
Mit vollkommenster Hochachtung Ihr ergebenster
Jac. Grimm.
Gott. 25 Nov. 1835.
189.
Ew. Wolgeboren
haben mir früher mehrere freundliche mittheilunga
gemacht und bereits so wesentlichen theil an unsrer
deutschen Sprachforschung genommen, dalis ich mir
wol die frage erlauben darf: ob Sie geneigt wären
auch einen beitrag für das von mir bearbeitete
»deutsche wb.** zu liefern? Sie lesen vielleicht in
nebenstunden des künftigen jahrs gern einen schrift*
steUer des 16. 17 oder 18 jh. einmal von neuen
y Google 1
1838 XVIIL J. Grimm an Vilmar. 299
oder zuerst durch, und dabei würde es leicht fallen,
die merkwürdigen Wörter und phrasen auf einzelne
sedezblattchen zu tragen. Im fall Ihnen das nicht
zuwider wäre, bäte ich mir nur eine reihe solcher
bücher zu nennen, damit ich vorher sagen kann, ob
sie nicht schon von andern übernommen worden
sind. Denn viel ist zwar untergebracht, begreiflich
aber noch viel zu vertheilen.
Danken Sie doch in meinem namen hm. dr.
Blackert ftb: die mir eben übersandten Unter-
suchungen des gr. dualis, sie haben mir dieser tage
beim durchlesen sehr wol gefallen, ich bin jetzt
zu sehr beschäftigt um ihm selbst einiges darüber
zu schreiben. Vielleicht hätte er (oder ein andrer
Ihrer dortigen bekannten) auch neigung und muGse
ftr meine excerpte? es versteht sich dals der Ver-
leger zu einem angemessenen honorar erbötig sein
wird.
Schon lange hatte ich vor Ihnen in andern be-
ziehungen zu schreiben, bin aber auf alle weise ge-
stört gewesen, ich weife nicht wer mir erzählt
hatte, aus alten acten seien Ihnen wichtige sam-
hmgen über hexerei und aberglauben zur band ge-
kommen, ich wollte Sie auffordern dergleichen in
der Zeitschrift des bist. Vereins bald mitzutheilen,
dessen jüngstes heft trocken und unfruchtbar genug
angefallen ist. Ich bedarf solcher neuen materialien
am allermeisten für die neue .ausg. meiner „mytho-
logie*, die ich sehr zu verbessern denke. Diesen
Winter hoffe ich auch den druck einer reichhaltigen
samlung ungedruckter dorfweisthümer zu beginnen,
y Google
300 XVm. J. Grimm an Vilmar. 18S8
die zwei starke bände fällen und nicht hlota för das
alte recht bedeutend sein wird. Sollte Ihnen bei
Ihren forschungen im felde hessischer geschickte
noch ein oder das andre dahin einschlägige stück
vor äugen gekommen sein, so bäte ich darum sicher
nicht fehl. Landau hat mir seine ausbeute bereits
zugesagt.
Mit aufrichtigster hoch ach tung und ergebeuheit
Jacob Grimm.
Cassel, 4. Nov. 1838.
Beim auspacken meiner bücher habe ich Potts
interessante abh. de lingua litthtuintca und Mafs-
manns gothisches Jubilargedicht in mehrfachen
exemplaren gefunden ; sollte Ihnen oder hm.
Blackert irgend damit gedient sein?
140.
Cassel 1 dec. 1838.
Verehrter herr Director,
Es freut mich sehr dafs Sie die gute haben wollen
einige beitrage zu dem deutschen wb. zu liefern.
Die mir vorgeschlagnen bücher scheinen dafOr
sämtl. zweckmälsig und ich bitte «Sebast. Franck*,
„Wolf V. Spangenberg*, »Rollenhagen*, „Melchior
Sebiz*, „B. Waldis* und „Filidor" zwischen sich
und hm Dr Blackert (wenn dieser lust bezeigt)
zu yertheilen. Die auszüge werden auf sedezblätter
nach beifolgendem muster gemacht; es liegt natfir-
y Google
1839 XVm. . J. Grimm an Vümar. 301
lieh mehr an einfachen Wörtern, als an abgeleiteten
oder zusammengesetzten, auüser wo diese selten und
bedeutsam sind. Auf kraftige phrasen und struc-
turen ist es aber auch abgesehn. im zweifei wird
der ansdruck immer lieber ausgezogen als über-
gangen. Im laufe des nächsten jahres 1839 bieten
sich wol sattsam nebenstunden für dies geschäft dar;
Tor 1840 kann die redaction nicht begonnen werden.
Es ist die absieht der yerlagshandlung die beitrage
nach einem noch auszufindenden malsstab anständig
zu honorieren. ,Tho. Mumer*^, »Opitz*, »Gryphius**
und „Fleming** waren schon an andere ausgetheilt.
Für gelegentliche mittheilung einiger mjtho-
logica werde ich Ihnen sehr yerbunden sein. Die
yersprodmen exempl. der abh. von Pott undMafs-
mann lege ich doppelt bei
Gknz ergebenst
Jac. Grimm.
141.
Cassel 9 april 1839.
Wir sind Ihnen alle dank schuldig ftir die schöne
und klare entwirrung des Verhältnisses zwischen
Budolfs von Ems „weltchronik* und deren fort-
setzungen und interpolationen. ich kann mir nicht
anders vorstellen, als dasz das ziel Ihrer bemühung
eine vollständige, in vielem betracht erwünschte aus-
gäbe des echten werkes sein wird, mein b rüder
will das Programm in den gött. anz. beurtheilen.
satz und correctur der mitgetheilten proben haben
y Google
302 XVm. J. Grimm an Yümar. 1839
wahrscheinlich beeilt werden müssen, daraus erkläre
ich mir die ungleiche und mangelhafte TocaUängen-
bezeichnung. Hierbei übersende ich ein schon vor
vielen jähren abgelöstes pergamentblatt, das in Ihren
bänden nun nutzbarer sein wird als in meinen.
Dem Münchner Roth haben Sie die erste wol
verdiente Zurechtweisung angedeihen lassen.
Den „Burkard Waldis" kann ich Ihnen demnäclisi
übermachen, sobald Sie zeit und lust dazu gewinnen.
Auch mit den andern auszügen halten sie es nach
bequemlichkeit.
Noch lege ich ein blatt ein, das ganz zufallig
entsprungen ist.
Mit gröszter hochachtung
Jac. Grimm.
142.
[Cassel 19. Mai 1839.]
Verehrter herr Director,
ich konnte vorige woche, als sich eine gelegenheit
darbot, Ihnen den „B. Waldis** zu übermachen, kein
wort hinzu schreiben , bringe also meinen dank für
die schon mii^etheilten auszüge hintennach. Sie
scheinen völlig so beschaffen, wie ich es wünsche,
aber auch von Ihnen erwarten konnte, ich habe
die drei ersten bogen aus dem „froschmeuseler*
nachverglichen, und finde kein wort excerpiert, was
ich nicht auch mitgenommen hätte, einzelne, von
minderer bedeutung, hätte ich noch aufserdem zn-
y Google
1839 XVni. J. Grimm an VUmar. 303
gelassen, z. b. A4^ hof recht; A4^ jedoch hat auch
uHxrheü sein geä; AI* abscheid; A 7^ verlangst;
B 1* aschenpössei ; B 2* gestehn (zugestehn mit acc.
d. Sache); B3* verstackt; 0 2** meytagk; C5* vberseit;
C 5** grasmaisch : busch ; C 5* auffrichtig; C 6* unter-
Jeffs; C6** sich beklagen; C6*» werten; Cß^ springens
üeid; C7* auffs spiel bestüreet; C7* hereiner;
C7^ westerJiembdlein ; CS** Ao glück gu; ohne zweifei
wiederholen sich einige derselben aber noch an
andern stellen bei diesem autor, z. b. jenes gestehn^
und es liegt überhaupt nichts an einer peinlichen
genaoigkeit, die alles auffangen möchte, d. h. ein
mangelndes beispiel ersetzen viele andere.
Ghroüse freude gemacht haben mir sodann die
excerpte aus den hexenacten, ich kann sie mit
grolsem nutzen in meine arbeiten verwenden, und mir
ist nichts unwichtig, was auch einen kleinen um-
stand zu erläutern vermag. Der goldne schuh war
mir gleichfalls noch nicht vorgekommen. Gewöhn-
lich hat man die hexenprocesse nur berücksichtigt,
mn sich über den aberglauben oder über die falsche
procedur aufzuhalten, und dabei gerade die wich-
tigsten züge verabsäumt, die von der volksüber-
lieferung sich in solchen Verhandlungen finden.
Der bogen etymologie über ^sünde^ war ein
blolser brief, den man, ohne mein zuthun, in den
druck lieferte. Auch die paar bemerkungen über
hessische Ortsnamen sollten blofis einen müfsigen
arbeiter zu genauer behandlung des verachteten vor-
rathigen stofs antreiben. Meine deutung von medum
ist wahrscheinlich falsch, sofern an das goth.
y Google
304 XVUI. J. Grimm an Vilmar. 1839
maähms^ alts. medfm, ags. mddhm (geschenk, gäbe,
abgäbe) gedacht werden mufis.
Zur herausgäbe der Rudolfischen weltchronik
wird Sie hoffentlich noch mehr der glücks&U er-
muntern, dals jetzt auch der «gute Gerhart^ auf-
gefunden ist und von Haupt herausgegeben wird.
Desto gesicherter wird das urtheil über des dichtere
spräche und eigenheit.
Mit herzlicher empfehlung
Jacob Grimm.
148.
Cassel 22. sept
Sie haben mir, verehrtester herr, durch Über-
sendung Ihrer treflichen und so schnell geförderten
auszüge grolse &eude gemacht. Hielten es alle
mitarbeiter ebenso, so könnte das werk schneller
aufwachsen; bei der Saumseligkeit mancher muls
aber, wie ich es voraus sah, die Mst immer weiter
hinausgesetzt werden; es wird noch bis zur mitte
des folgenden jahrs völlig zeit sein, dals Sie uns,
Ihrer bequemlichkeit nach, die übrigen versprochenen
excerpte zubereiten. Mittlerweile werde ich suchen
Ihnen die noch abgehenden Sachen von ,Seb. Frank*
zu verschaffen, da mir allerdings nun daran li^
daüs Sie, einmal in diesen autor eingelesen, aUes
übernehmen.
Der Verzug nützt meinen übrigen arbeiten, unter
denen mir zumal die neue ausg. des ersten th. der
y Google
1839 XVnL J. Grimm an Vümar. 305
granunaük vollauf zu thun gibt, es geht damit so
langsam, dafe erst 10 bogen gesetzt sind, aber frei-
lich auch noch kein wort aus der vorigen hat bleiben
können.
Die bisher eingekommnen vielen zettel sind unter-
einander noch nicht geordnet; ich kann daher noch
nicht leicht finden, ob sich darin aufschlüsse über
treusch darbieten, dem brem. wb. fehlt dies wort.
Stielers Sprachschatz hat p. 2327 ^treuschen, ge-
treuschet idem est quod triegen', asttäe agere^ unde
treuschung /raus, fällacia. der treuscher subdolus^
ireuschicht dolosus. treuschen aqmm dispergere huc
non pertinet.''
Reinwald im henneb. id. tremsch tergiversator.
Mir schien das wort bisher ziemlich neu und aus
dem französ. tricher = tromper, duper. Wie alt ist
im geschlecht der von Buttlar das Treusch von
Buttlar? und leidet es üble deutung?
Ein isländ. pilgrim machte sich im 12 jh. auf
den weg nach Rom und hat ein interessantes Ver-
zeichnis der örter hinterlassen, durch welche er
wanderte, diese reisebeschr. ist 1822 von W er-
lauf f bekannt gemacht worden. Indem er die
strafse von Paderborn nach Mainz angibt, macht er
zwei dazwischen liegende Ortschaften namhaft, Horus
und Kiliandr. , Horus" ist Horhus bei Eresburg
(Stadtbergen.) aber „Kiliandr", wohin man von
Horus aus gelangt, und was dadurch merkwürdig
wird, daüs da die „Gnita beide" liegen soll, wo
Sigurd den drachen Fafnir tödtete? ok thar er
Gnüaheidr, er Sigurdr vä at Fabni.
£. Stengel. Briefe der Brüder Orimm. 20
Digitized by VjOOQ IC
306 XVIIl. J. Grimm an Vilmar. 183&
Die traditümes Eberhardi tnonachi ftUdensis, in
der mitte des 12 jh. aus alten urk. zus. getragen
und bei Schannat trad. fuld. abgedr. haben p. 307
n^ 42 : Wichelm tradidä $. Banifatio bona sua in
Michelhergere marca in villa Calantra dida. Das
soll Galdern bei Marburg sein, in dessen nahe ein
Michelbach (nicht -berg), vgl. Wenk 2,439 öa-
lantra.
Spätere urk. 1235. 1250. 1251 haben fOr Caldem:
Cälderen, Kalderen j' wie heute. Calantra wäre der
einzige name, der sich jenem Kiliandr vergUche,
und Ealdem fügte sich auf die strafse Yon Stadt-
bergen nach Mainz. Fragt sich, ob eine alte heer-
strafee oder weinstrafse durch Caldem lief? ob die
ab weichung Michelbach yon Michelberg nicht zu
hinderlich ist? ob Caldem in der Michelbacher mark
lag? Vielleicht erwägen Sie auf einem Spazier-
gang nach Caldem, was von der «Onitaheide* xind von
etwa haftenden volkssagen zu halten ist? es wäre
schön, wenn ein so berühmter mythischer platx ftr
Hessen könnte gewonnen werden.
Haupts ,Erek" wird Urnen zusagen und Sie
noch begieriger machen auf dessen ausg. des „ guten
Gerhard".
Eine möglichkeit Carls des grofsen deutsche
gedichtsamml. noch — in Colmar aufzufinden,
weist eben Pertz nach im siebenten bände seines
archivs p. 1018. 1019. Geradeso {de carminäms
theodiscae) war auch ein Beichenauer codex betitelt
(Waltharius p. VU.)
Doch ich mxxb schlielsen. Jac. Grimm.
y Google
1840 XVm. J. Grimm an Vümar. 307
144.
Verehrter herr und freund,
Es ist unverzeihlich, und Sie werden mir doch
nachsieht zu theil werden lassen, dals ich für Ihre
mir schon im September übersandte schrift noch
keinen dank erstattet habe. Ihre darstellung scheint
mir der Sache Töllig angemessen und für den be-
absichtigten zweck sehr brauchbar. In meine um-
gearbeitete ylautlehre" ist manche neue theorie
eingeflossen, und es steht dahin, ob sich diese an-
sichten Ton brechung, Schwächung etc. zu behaupten
vermögen. Darin, hoffe ich, werden Sie mir bei-
pflichten, dafe ich unsrer grammatik ihre eigen-
tbümlichkeit zu bewahren suche und sie nicht unter
das joch der allgemeinen Sprachvergleichung beuge.
Für das »Wörterbuch" haben wir sonsther kaum
willkommnere beitrage erhalten als durch Ihre
Sorgfalt. Das schuldige honorar (freilich ein etwas
malsigeres als Sie mit recht voraussetzen durften;
doch müssen wir uns in schranken halten) werden
Sie im januar empfangen; es war mit dem Ver-
leger verabredet, dafe zweimal jährlich abrechnung
gepflogen werden solle, auf Johannis und auf Ghrist-
tag. aus diesem gründe konnte ich Ihre gebühr
nicht firüher bestimmen. Der ganzen arbeit erfolg
and ausgang ist in mehr als einem betracht noch
sehr zweifelhaft; manche verheifeungen sind schon
geteuscht worden, und immer gröfeer wächst die
last unsrer schultern.
20*
Digitized by VjOOQ IC
308 XVm. J. Grimm an Vümar. 1845
Von Haupts neu begonnener Zeitschrift f&r
deutsches alterthum soll bald ein erstes heft er-
scheinen; hätten Sie nicht auch lust zu beitragen?
die ihn sehr freuen würden.
Lachmann läfst «Lichtensteins frauendienst'
und eine neue ausg. seiner „Nib.* drucken. Die in
der Prachtausgabe durchgeführte reduction des teites
erschreckt doch ein wenig, und in der theorie ist
seine ansieht offenbar gefälliger.
Gervinus fünften theil halte ich für das beste
was er geschrieben hat, oder was über unsre literatur
des 18. jh. überhaupt geschrieben worden ist.
An der besseren wendung unsrer läge nehmen
Sie ohne zweifei herzlichen theil, die zukunft mnls
aber erst zeigen, ob uns alle sorge gelöst wird.
Jac. Grimm.
Gas sei 5 dec. 1840.
145.
Berlin 1 febr. 1845
Ihre Nationalliteratur, verehrter freund, habe ich
vor etwa fünf wochen empfangen und erstatte daffir
herzlichen dank, es ist kein ausgeschriebnes, also
auch kein überflüssiges buch und wird, wie es schon
auf Ihre zuhörer . fruchtbar eingewirkt haben mu6,
auch einen weiteren kreis von lesern befriedigen.
Gott erhalte Ihnen ferner die freude und lust des
fortarbeitens auf diesem einheimischen, ich glaube
y Google
1845 XVm. J. Grimm an Vümar. 309
noch ungemein ergibigen felde ; wer mag doch lieber
seinen pflüg auf fremde äcker wenden !
Als kleines gegengeschenk ist Ihnen auf dem
wege des buchhandels neulich zugegangen was von
meinen academischen Vorlesungen zum druck gelangt
war. Es ist ein übelstand, isJa solche abhandlungen
durch liegen bleiben und warten von ihrer frische
verlieien. Wenn die reihe an sie kommt, so flickt
nnd bessert man ein wenig nach. Würden nicht
ein paar besondere abdrücke gezogen, so hätten die,
welche am gegenständ theilnehmen, noch ein paar
jähre zu harren, ehe der dicke und theure band er-
scheint. Die deutsche gelehrsamkeit gefällt sich
ohnehin nicht in der academischen fessel.
Wie geschieht es doch dafe die theilnahme des
pnblicums an der altdeutschen literatur sichtbar ab-
nimmt? Haupt, der in seiner Zeitschrift so viel
tüchtiges leistet, (selbst den historikem müste
Sei fr. Helbling wichtig sein. [Randbemerkung])
wird sie über den fünften band hinaus schwerlich
fortsetzen können. Gedruckt, gelesen und aufgelegt
wird, wenns so fortgeht, nach einiger zeit nur die
politische literatur werden. Auch recensiert wird
unser fach nicht mehr, obwol ich selbst, der ich
dessen überhoben zu sein glaubte, eben doch wieder
zu einer recension nothgedrungen worden bin, die
ich Ihnen hier beilege. Sie werden sie nicht heftig,
aber ernstlich gemeint finden; Müllers und
Schaumanns leere einbildungen traten mir ohne
allen fag zu nahe, um keinen von beiden hatte ichs
persönlich verdient. Indem ich ihre Undankbarkeit
Digitized by VjOOQ IC
310 XVIII. J. Griinm an Vilmar. 1845
erfuhr, tröstete mich dafür, dafe Sie und andere
mit dem wachsthum meiner „mythologie* zufrieden
sind. Enthalten Sie mir auch femer nicht vor was
Ihnen beim lesen und sammeln taugliches auf^tölst;
die obscöne bedeutung von phol hebt den werth des
überlieferten dennoch nicht auf, auch nach dieser
Seite hin wird zuweilen der alte mythus verkehrt
In aufrichtiger freundschaft
Ihr Jac. Grimm.
Können Sie mir jetzt oder künftig aus einer bs.
der Rudolfischen „weltchronik* die stelle über
Friedrich von Auchenfiirt ergänzen, so thun Sies.
146.
[1845 ?1
Da ich eben nach Marburg schreibe, kann ich
nicht unterlassen ein paar worte des längst schul-
digen dankes an Sie, werthester freund, einzulegen
für Ihren letzten lieben brief und die Zusendung
Ihrer abhandlung über den Heliand, die mir will-
kommen war; ich habe die übrigen exemplare an
lauter würdige ausgetheilt und ich zweifle nicht da6
Ihre Schrift überall mit beifall aufgenommen sein
wird, die leute wundem sich, dafe aus einem alten
gedieht so viel erbeutet werden kann. Otfried
würde nicht so viel austragen, er ist magerer und
zehrt nicht so von alten erinnerungen, dagegen hat
er mehr gefühl für seine zeit und die Franken,
während der namenlose dichter des Heliand auch
y Google
1855 XVlIl. J. Grimm an Vilmar. 311
an seine Sachsen gar nicht denkt. Der fränkische
dichter ist gedankenreicher, obschon seine gedanken
weder tief noch hoch gehn. Auch die probe Ihres
hessischen idioticons in der Zeitschrift hat mich sehr
gefreut; Sie müssen ja das ganze ausarbeiten. Dab
ich in der taube auf des hem achsel und dem halS'
meni auch mjrthischen bezug fand (myth. 134. 284)
haben Sie entweder nicht bemerkt oder nicht ge-
biUigi
Sein Sie herzlich gegrüßt von Ihrem
Jacob Grimm.
Herrn Director Vilmar, Marburg.
147.
Berlin 16 juli 1855.
Verehrter freund,
erst heute komme ich dazu Ihren brief vom
18 juni zu beantworten, ich hatte dem Fischart
nicht zugetraut, dasz er zu einer eignen festsetzung
der Orthographie gelangt wäre, wie sie Luthern
viel näher lag. er schien mir dem gebrauch seiner
zeit und gegend nachzugeben und dann auch die
Setzer gewähren zu lassen, wenn aber aus ver-
gleichung der ältesten ausgaben seiner werke ein
solches, freilich noch so mangelhaftes und un-
genügendes System zu erweisen ist, habe ich nichts
dawieder. mir waren die älteren drucke meist nicht
zur band und fttr 6arg. bediente ich mich von jeher
der von 1594, der mir so genügte wie die ausgäbe
y Google
312 XVm. J. Grimm an Vümar. 1855
eines classikers, wenn sie schon nicht die beste war.
ob sich von 1582 an anf keinen druck fischaitischer
schrifken zu verlassen sei, yielmehr ob die Drucke
yor 1582 in der Schreibung zusammen stimmen,
weisz ich doch noch nicht ausgemacht, z. b. wenn
PL und PR altfischartisch sein soll, so hat das lob
der laute von 1572 seite 98 braiAsen, 100 Ulasm
118 bringst, blnt. in diesem gedieht wird dcnner,
in den geistl. liedem tonner geschrieben, die geisU.
lieder schwanken zwischen for und vor u. s. w.
Ohne anstand wird man Ihnen von der hiesigen
bibliothek alles senden, was Sie verlangen, ich
habe überflüssigerweise Pertz davon benachrichtigt,
dasz ein solches gesuch eingehen würde, vom
»binenkorb** besitze und brauche ich jetzt die ausg.
1580, welche auszer dem register 246 blatter hat.
Ist Ihnen zufällig etwas über den Verfasser dea
Harnisch von Fleckenland (wb. pag. LXXVI)
bekannt geworden ? er scheint, nach der mundart zu
schlieszen, wirklich ein Hesse gewesen zu sein, und
gibt es mehr bücher die zu Hofgeismar bei Scha-
dewitz im 17 jh. gedruckt worden oder ist die
Firma erdichtet?
Die herausgäbe der „weltchronik** des Rudolf
von Ems hatten Sie, wenn ich nicht irre, Ihrem
söhne abgetreten, es wäre schade wenn er sie
unterliesze, da wir des alten gedichts vorzüglich der
spräche wegen bedürfen.
Pfeiffer will nun, neben der haup tischen,
eine neue Zeitschrift beginnen, was mir lieb ist.
Mich bestens empfehlend. Jac. Orimm.
y Google
1859 XVni. J. Grimm an Vilmar. 313
148.
Verehrter herr, Ihr an meinem neulichen ge-
bartstage entsandter brief hat mich bewegt und ich
danke Ihnen dafür, ich wollte es schon früher thun,
steckte aber in den letzten monaten so tief in der
arbeit, dasz ich daneben nur das dringendste vor-
nehmen konnte. Sie lassen also noch nicht von art,
und bewahren mir Ihre anhänglichkeit, obgleich wir
seit Jahren nicht mehr in eigentlichem verkehr
stehn; unsere gesinnung und denk weise weicht in
hauptstücken zu weit von einander ab, als dasz wir
uns einem ruhigen briefwechsel hingeben dürften,
allein ich fühle mich meinerseits so menschlich ge-
stimmt und traue Ihnen hierin gleiche gesinnung zu,
dasz ich die saiten meines herzens über alle irr-
thOmer und misverständnisse (denen wir alle samt
und sonders ausgesetzt sind. [Randbemerkung])
hinaus anschlagen lasse. Wenn Ihre theilnahme für
ein fach, das Sie liebgewonnen hatten unerloschen
ist (und ich begreife nicht wie sie erlöschen sollte),
80 sein Sie überzeugt, dasz mir auch Ihre weitere
thatigkeit darin, von der Sie so rühmliche proben
abgelegt haben, lieb ist, und leid sein würde, wenn
Sie sie aufgeben wollten.
Andere arbeiten, an denen ich mehr hänge als
an dem , Wörterbuch* habe ich in der letzten zeit
müssen hinlegen und dem dringen des Verlegers
nachgeben, ein heft E ist fertig geworden und das
zweite beinahe ausgearbeitet, das geschäft hat auch
seiii annehmliches und führt dinge näher, die sich
Digitized by VjOOQ IC
314 XVin. J. Grimm an Vilmar. 1859
sonst in der ferne halten, dennoch peinigt mich,
dasz allem anschein nach einer, der nun im 75 jähr
steht (wie Ihnen ja eben im gedächtnis stand) das
schwere werk nicht vollenden, nur strecken weit
ausführen kann, darüber aber anderes in sich yer-
schlossen halten musz, was er gern mitgetheilt hätte.
Dem Wörterbuch ist äuszerlich, wenn ich von dem
kaufenden publicum absehe, wenig anerkennung zu
theil geworden, aber vielfacher frevel in den weg
getreten ; es wird sich dennoch aufrecht halten und
die Widersacher sollen verstieben. Sollte man nicht
wunder glauben, in wie groszer blute das deutsche
Sprachstudium steht, weil acht, sage 8 deutsche
Wörterbücher gegenwärtig auf einmal unter der
presse liegen? ich weisz nicht, ob Sie sich diese
zahlen augenblicklich ausfallen können, ab» es ver-
hält sich nicht anders.
Lachmanns ansieht von den Nibelungen
und sein verfahren konnte nicht unangefochten
bleiben, bei ihm war alles metrisch gestimmt und
auf solcher grundlage empor gewachsen; an gram-
matik und eigentlicher Sprachforschung li^ ihm
wenig, d. h. er achtete darauf nicht weiter als seine
regeln forderten. Haupt ist mit pedantischem ge-
schick in seine fuszstapfen getreten. Mir sagen
Pfeiffers arbeiten mehr zu, er hat sich durch die
herausgäbe Eckharts und Meyenbergs ein
wahres verdienst erworben. Auch den „trojanischeo
Krieg" nun vollständig zu haben erfreut mich, i
Conrad heiszt sicher nicht von Würzbui^ nach <
stube [?] in Basel. Haben Sie Rudolfs weltcl
y Google
1S40 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 315
bei Seite gelegt, so ists schade, denn wer wird sie
vomelimen? Wer den „(Jargantua* endlich heraus-
gibt wollen wir sehen, Meusebach sah vielerlei ein,
aber nicht alles, wie ich über dem Wörterbuch
manichfache gelegenheit habe zu lernen, verbleibe
Ihr ergebenster
Jacob Grimm.
28 febr. 1859.
XIX. Vienindvierzig Briefe von Jacob und Wil-
helm Grimm an Professor Dr. Weigand
in Giessen.
149.
Jacob Grimm an Weigand.
Gasse 1 15 merz 1840.
Ew. wolgeboren gütiges geschenk haben wir,
mein bmder und ich, zwar erst spät nach deszen
absendnng, aber doch schon geraume zeit her em-
pfangen und erstatten Ihnen dafür aufrichtigsten
dank. Ihre flei&ige arbeit wird uns bei verwandten
eignen ohne zweifei vielfach förderlich sein.
Verzögert hat sich meine antwort, weil ich,
aolserstand hier etwas über das befragte sylben-
büehlein aufzufinden, mich deshalb noch nach Göt-
tingen wandte und endlich auch von dorther ein
y Google
316 XIX. J. und W. Grimm an WeigancL 18^
gleiches bekenntnis der Unwissenheit erhalten habe.
Nächstens soll noch ein freund in der Schweiz zu
rathe gezogen werden.
Mit vollkommenster Hochachtung
ergebenst
J ac. Grimm.
150.
Jacob Grimm an Weigand.
Ew. Wolgeboren
haben nun auch die gute mir Ihre auszüge aus dem
seltnen Wörterbuch des Alberus, das ich nie in
bänden hatte (blofs seine fabeln sind von mir ge-
nutzt worden) darzubieten. Dankbar nehme ich
sie an; lieb wäre mir, wenn Sie sich dazu kleiner
sedezblättchen bedienen wollten, auf deren jedes ein
einzelnes wort käme.
Idiotiken haben immer werth und reiz ; die
Wetterau zieht mich besonders an. Aus urkun*
den, glaube ich, werden Sie wenig gewinnen, denn
diese folgen mehr der scliriftsprache ; doch ist die
auf sie verwandte zeit unverloren, man lernt neben-
bei noch anderes. Auch die Wetterauischen ork.
enthalten oft den ausdruck andelagen, verandelagmh
mit dem ich mich schon ohne erfolg gequält habe,
unser »handlangen* scheint es gar nicht.
Lamprechts „tochter Syon" verdient sicher
lieh eine ausgäbe, und in erraanglung bequemerer
Verleger steht die Quedlinburger nationalbibliothek
y Google
1840—1 XES. J. und W. Grimm an Weigand. 317
dafdr offen. Basse gewährt auch anständige
honorare.
Mich hochachtungsvoll empfehlend
Jac. Orimm.
Cassel» 29. Mai 1840.
Sr. Wolgeboren Herrn Dr. Weigand, Lehrer an der
Bealschole Giefsen.
151.
Jacob Grimm an Weigand.
Ich benutze eine gelegenheit, um Ihnen Mül-
lers dän. Synonymik zu übersenden, nebst herz-
lichen dank für die auszüge aus Alberus.
Eilig.
Cassel 10 Oct. 1840.
Jac. Gr.
152.
Jacob Grimm an Weigand.
Ew. wolgeboren
entschuldigen die verspätete rücksendung der mir
milgetheilten »Grünberger ordnimg.* Müllers
^nonymik habe ich wieder empfangen, Sie hätten
das buch nach belieben länger behalten mögen.
Nachahmen ist in unserer Sprache kein altes
wort, man sagte ahd. antar&n^ und noch Dasy-
p o d i u s übersetzt imitari durch nachfolgen, S t i e 1 e r
hat ahmen, ohmen examinare. Was nun die herkunfk
des woUautenden wortes angeht, so scheint mir die
von äme mensura so übel nicht, nachahmen was
iff^rüngl. nachmessen, visieren, bekam aber bald
y Google
318 XIX. J. und W. Grimm an Weiland. 1844
die edlere abstracte bedeutung, worüber man der
sinnlichen vergals.
mat haben wir allerdings aus dem romanisch«!
In einigen tagen ziehen wir nach Berlin ab.
Mitten unter den zurüstungen wollte ich wenigstens
mit diesen zeilen die langversäumte pflicht der ant-
wort erfüllen. Behalten Sie femer in gutem an-
denken Ihren
ergebensten
Jac. Grimm.
Cassel 11 merz 1841.
158.
Jacob Grimm an Weigand.
Berlin 25 jan 1844
Sie lassen nicht ab, hochgeehrter freund, mir bei
meinen Arbeiten mannigfachen gütigen Vorschub »
leisten. Zu der tapferen beendigung Ihrer Synonymik
wünsche ich glück; gebrauchen werde ich das hoch
erst dann recht ordentlich , wenn ich selbst an (hs
lexicalische werk gehen kann, ich sehe aber dab
Sie mühe aufgewandt haben und glaube, da(s die
leser frucht daraus ziehen werden, dieser tage erst
sprach mir ein hiesiger Gynmasialdirector mä
rühmender anerkennung davon.
Nicht nur die abschriflen der weisthümer, aoA
die samlungen über Wetterauer aberglauben sisl
richtig in meine Hände gelangt. Kurz zuvor sandte
mir auch prof. Dieffenbach aus Friedberg 8&B0
Schrift über dieWetterau; ich lasse ihm schönsfeÄ
dafür danken. Die neue ausgäbe meiner mythologii
y Google
1844 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 319
wächst so an, daüs ich den aberglauben für ein be-
sonderes buch zurücklege, das sich dann desto füg-
Kcher entwickehi kann. Ein anderer Ihrer lands-
leute Soldan hat fleiüsig über die hexenprocesse
geschrieben, seine arbeit kam mir gerade noch ge-
legen, dals ich mich über die darin entfaltete ansieht
aolsem konnte. In zeit von zehn, zwanzig jähren
wird die deutsche mythologie eine ganz andere ge-
stalt gewonnen haben, wenn man fortfährt, wie man
endlich beginnt, die volkssagen, worin unglaub-
liches steckt, treu und ausführlich zu sammeln. Treiben
Sie doch zu Vogelsberger Sammlungen. Wer zu
suchen weife ist des findens sicher an orten wo andere
leer ausgiengen.
Ihren plan zu einem handwörterbuch kann ich
nicht misbilligen. fast jeder, der zu solchen büchem
fähig ist, würde einiges nach seiner art anders an-
legen und ausführen, doch scheinen Sie alles wol
überdacht und erwogen zu haben; ich denke es geht
auf e i n e n mäCsigen band hinaus ? Lassen Sie darum
aber Ihr „Wetterauer idioticon" nicht liegen, auf das
ich noch begieriger bin. Ich thue doch recht, den
überschickten plan nicht wieder beizulegen?
Durch meine vorjährige reise bin ich diesen winter
noch in viel rückstände gerathen, so erklären Sie sich
auch das verspäten meines danks und meiner antwort
Mit aufirichtigster hochachtung Ihr
ergebenster
Jac. Grimm.
Sr. Wolgeboren Herrn Dr. Weigand, Lehrer an der Real-
schale 3cn Giefsen.
y Google
320 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1846
154.
Jacob Grimm an Weigand.
[Erhalten d. 13 Jan 1846]
Werthester herr doctor,
Vor allem meinen dank für die unermüdliche
gute, mit welcher Sie mir anziehende und lehrreiche
nachrichten zugehn lassen, die blätter des oberiiesa.
int. bl., welche aus der wetterauischen mundart so
viel hübsches mittheilen, würden sonst auf keine
weise zu mir gedrungen sein, ich glaube alles
richtig empfangen zu haben, wünsche aber, dals
Sie Ihr wetterauisches idioticon bald in bequemerer
form und ausstattung geben mögen.
Jetzt eile ich die fragen Ihres letzten Schreibens
zu beantworten.
Das s in zusammengesetzten Ortsnamen, da wo man
blofe schwaches-en erwarten sollte, erkläre ich nicht
aus starker für schwache form, sondern als Überbleibsel
des uralten schwachen gen. auf -ins, wie ihn die
goth. spräche zeigt, die ahd. früher auch besessen
haben wird, entscheidend sind also beispiele wie
Euoeelensmlre ^ die auch noch das n wahren,
das in den übrigen ausgestofeen wurde, (die lat
form wäre -onis, vgl. Braunschweig, Brunonis vicus
[Randbemerkung]).
Über die verse in der befragten prosa müssen
künftige nachforschungen entscheiden; soviel ich
jetzt urtheile scheinen sie schwache versuche des
prosaverfassers.
Die ausgänge auf a sind verworrene Überreste
aus der alten spräche, die noch in der prosa haften;
y Google
1846 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 321
die orkonden und die neulich von Grieshahn heraus-
gegebnen predigten gewähren andere beispiele sda
frowa era minna wola geneigeta wäre ganz gut,
aber der steina^ ima, shira ist roh.
Die vorgelegte stelle aus der „tochter Sion* be-
treffend, so muls greieed^ wie der reim auf enweißäet^
(welches sicher e^set, gtistaf) lehrt, griBet lauten,
ein verbnm griäen greis kenne ich nicht, es könnte
aber vorkommen und gleichyiel sein mit gltaen gleiß
Sfiendere. läCct die ^.form sich nicht aufweisen,
80 muls gebessert werden gUeel (oder in der Schreibung
derbs. gleizMct: enbeiäset.) der sinn ist: ^wenn sich
der most zu wein stellt und läutert, so dats die
befen (gerben faecesj unten liegen und er in dem
napf leuchtet (glänzt) , wer ihn dann recht kostet,
dem durchdringt er das mark*'
Das wetterauische Jdedce für garbe war mir neu.
Nächstens hoffe ich Ihnen ein kleines gegengeschenk
mit einer academischen Vorlesung, die eben in den
druck kommt, zu machen. Mein bruder erwiedert
Ibren freundlichen gruTs und ich bin mit bekannter
bochachtg. Hur ergebenster
Jac Grimm
bitte die einlage nach Wetzlar abgehen zu lassen.
Sind Ihnen aus der Wetterau und dem Vogelsberg
nngewöhnliche monatsnamen bekannt, z. b. V ollbor n
ftbf Januar?
Herrn Dr. Weigand Lehrer an der Realschule, Wolgeboren
zu Gieljsen.
B. Steng«]. Briefe der BrAder Orlimn. 21
Digitized by VjOOQ IC
322 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1846
155.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Erlauben Sie mir, hochgeehrtester herr, dasz ich
mich mit einer bitte geradezu an Sie wende, die
vier Blätter von „Athis und Prophilias" , die sich
sonst in Arensberg befanden, und die Gr äff in der
Diutiska (schlecht genug) hat abdrucken lassen, sind
in das hiesige archiv übergegangen: ich habe dar-
nach den text critisch behandelt, die zwei v(m
Lacomblet bekannt gemachten blätter eingeigt
und eine ausführliche einleitung dazu geschrieben;
das ganze wird eben in den Schriften der academie
der Wissenschaften , wo ich darüber schon im jähr
1844 eine Vorlesung gehalten habe, gedruckt, und
ist bereits bis zur hälfte fertig. Sie können abo
denken wie sehr nüch die nachricht in Ihrem briefe
an meinen bruder überrascht und erfreut hat dasz
Sie noch in dem besitze von drei unbekannten, za
diesem gedieht gehörigen blättern sich befinden,
wovon zwei jener alten handschrift angehören: und
werden selbst ermessen von welchem werth mir,
gerade in diesem augenblick, ein solcher Zuwachs
sein musz. darf ich Sie bitten, mir diese drei blatter
zu überlassen, entweder, um sie als anhang, wenn
es noch zeit ist, der gegenwärtigen schrift beizufügen,
oder sie, sollte es zu spät sein, hernach als eiom
nachtrag bekannt zu machen? die gewährung meinar
bitte werde ich mit groszem dank anerkennen, da
ich gefunden habe dasz die schon gedruckten bradt-
stücke von zwei abschreiben! herrühren, so würde
y Google
1846 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 323
es mir lieb sein wenn Sie mir die zwei pergament-
blatter selbst anvertrauen wollten; ich verstehe
nämlich Ihre worte so, als seien diese noch in Ihren
bänden. Könnten Sie mir auch von dem dritten
blatte, das Sie nur in einer nicht ganz zuverläszigen
abscbnft besitzen, das original selbst verschaff en,
80 würden alle meine wünsche erfüllt sein.
Nehmen Sie noch meinen besten dank für die
gütige erinnerung an meinen geburtstag und die
Tersicherung der aufrichtigsten hochachtung und
e^ebenheit an.
Wilhelm Grimm
Berlin 2. Februar 1846
Lenn^rasze 8.
Sr. Woljifeboren herm Dr. Weiland ordentlichen lehrer
an der groszherzogl. Realschule in Gieszen.
156.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Endlich kann ich Ihnen, hochgeehrtester herr
doctor, den fertigen „Athis* übersenden, gewis mit
dem aufrichtigsten dank, denn Sie werden selbst
sehen wie wichtig mir die blätter waren, zu denen
ich allein durch Ihre bemühungen gelangt bin;
selbst die abschrift des bei Lacomblet abge-
druckten blattes ist mir von nutzen gewesen, das
beiliegende exemplar bitte ich hm. geh. rat Nebel
in meinem namen zu übergeben, in der einleitung
habe ich mancherlei zur frage gebracht und wünsche
21*
y Google
324 XK. J. und W. Grimm an Weigand. 1847
dasz die antworten, die ich gegeben habe, sich nicht
ganz ungenügend erweisen.
Mein bruder ist in diesen tagen nach Lipp-
springe, einem bade in der nähe von Pader-
born abgereist und auch mich treibt der arzt an
nach Teplitz zu gehen; ich kann es aber nicht
eher als anfang des künftigen monats, weil ich
meine Vorlesungen erst beendigen musz. ich denke
von da mit einem umweg durch das südliche
Deutschland nach Frankfurt zu gehen zu der ge-
lehrtenyersammlung, wo ich auch Sie zu iSnden
hofife.
Mit der aufrichtigsten hochachtung
Ihr ergebenster
Wilhelm Grimm.
Berlin 12 JuU 1846
1Ö7.
Jacob Grimm an Weigand.
Berlin 30 dec. 1847
Hochgeehrter freund,
ich will doch das jähr nicht ablaufen lassen,
ohne ein lebenszeichen von mir zu geben, Sie hätten
sonst YoUes recht mich als einen imdankbaren zu
verschreien, auf Ihre briefe imd mit unermüdender
freundlichkeit fortgesetzten Zusendungen habe ich
lange nicht geantwortet, man soll nicht aufschieben
seine schuld abzutragen, weil man sonst immer
weiter hinein geräth. vorigen sonmier war ich sehr
y Google
1847 XIX. J. und W. Ghrimm Mi Weigand. 326
fleibig, den herbst unwol und auf reisen die mich
herstellen sollten, aber nicht herstellten, bis ich
endlich nach einer im october und noT. ausgehaltnen
grippe mich wieder besser fühlte und seitdem in die
ausgesetzte arbeit wieder rüstig gegriffen habe.
Bleibt es mit mir auf diesen fiils, so wird in einem
Tierteljahr meine «geschichte der deutschen spräche"
in zwei bänden auf einmal vortreten, der ich viel
solcher rüstigen imd geneigten leser wünsche, wie
Sie einer sein werden. Ohne zweifei wird das buch
viele Vorstellungen, die man sich davon macht, nicht
erfüllen; wenn es dafür nur auch desto mehr uner-
wartetes bringt!
Sagen Sie herm Ph. Dieffenbach (Lorenz
hat recht gethan das eine / abzulegen) meinen herz*-
lichen dank für das Übersandte tagebuch; es kann
nicht fehlen, dab idi manches daraus in meinen
nutzen verwende.
Auf eine früher in Adrians namen gethane
frage wüste ich nichts erspriefeliches zu antworten;
so geht es öfter, was Sie aber nicht abschrecken
soll von neuen fragen.
Wie stehts um Ihr wetterauisches idioticon?
Ein frohes neujahr.
Jacob Grimm.
Herm Dr. ph. Weigand, Lehrer an der Realschule zu
Giessen.
y Google
326 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1848
158.
Jacob Grimm an Weigand.
Den schönsten dank, hochgeehrter freund, für die
mir seit Ihrem letzten besuch mehrmals gemachten
Zusendungen und mittheilungen. ich lasse das
manuscript über das „Friedberger passionsspiel*
gleich wieder folgen damit Sie nicht aufgehalten
werden, es nach Leipzig zu schicken. Wie eich
meich deich seich halte ich auch eifs und beifs für
unorganische Verlängerungen des kurzen i lieber als
für brechungen ; das auslautende gewicht des ch und
fs mag daran schuld sein. Zu dem eich liefse sich
allenfalls das schwed. jag^ dän. jeg für altn. ek oder
^k halten, imd da wird gebrochen, aber nicht in
den übrigen parallelen fällen. peUenere am schluls
scheint vorzüglicher als plettener und kann damit
nicht einerlei sein ; wo ich nicht irre (denn ich habe
keine bücher zur band) steht es auch im „Tristan*
und ist das altfranz. pautonnier.
Die ruhe für Vilmar und für uns alle wird
sich wieder herstellen.
herzlichen gru&.
Jac. Grimm.
[Frankfurt] 23 juli [1848.]
y Google
1849 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 327
169. •
Jacob Grimm an Weigand.
Berlin 7 jan. 1849.
Mein lieber freund,
Sie haben mir über Leipzig ein erfreuendes an-
gebinde besorgt und da& Sie Ihren hübschen fund
zu Friedberg gleich auf mich anwenden wollten, er-
kenne ich mit herzlichem gerührtem dank, freilich
hätten es auch weltliche bruchstücke sein können
aus »Reinhart Fuchs*, und dann wäre die freude
noch zehnmal gröfser gewesen.
Zu Frankfurt, wo Sie mich diesen sommer
aufsuchten, konnte es meine lunge und mein herz
nicht länger aushalten, wird sich unser armes
Vaterland noch aus der klemme lösen? ich ver-
zweifle nicht, aber durch starke prüfungen sind wir
gegangen und noch nicht durch die letzte.
Mein buch, das ich Ihnen gern zugesandt hätte,
wären nicht die empfangenen freiexemplare allzu
schnell vertheilt gewesen, wird vor Ihre äugen ge-
kommen sein und darin manche gnade gefunden
haben, die ihm andere versagen. Doch erwartet
haben mögen Sie auch etwas anderes, diese teuschnng
mufe man nun einem Schriftsteller, der sie wahrlich
nicht beabsichtigte, sondern redlich nüttheilt was
ihm auf dem herzen liegt, nicht zur last legen, ich
suchte in die trägen Völkermassen licht und be-
wegung zu bringen und gieng von dem grundsatz
aus, die Vielheit der stamme müsse sich auf wenige
Digitized by VjOOQ IC
328 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1849
hauptvölker und der spätere veränderte name auf
einen älteren zurückfahren lassen, bei der grolsen
menge einzelner Untersuchungen laufen gewis irthümer
und unTollkommenheiten mit unter, oft mögen mir
bessere beweise noch entgangen sein, doch schaue
ich auf das ganze feld noch mit einigem mut zurück
und meine an beweisen und halben beweisen genug
erbracht zu haben; die zeit soll das weitere lehren.
Ihr geschenk traf mich im bett, ich habe ein
leichtes brustfieber zu überwinden, das mir auch
heute das briefschreiben unbehaglich macht.
Mein bruder läfet grüfeen; ich bin mit wahrer
freundschaft
Ihr Jacob Grimm.
160.
Jacob Grimm an Weigand.
Ich bin ihnen, lieber freund,- auf zwei freundliche
briefe antwort und für die mittheilungen aus dem ober-
hessischen Wochenblatt dank schuldig, timol als name
eines ackers kannjpes^ oder sterbe bedeuten (wie wir jetzt
ein solches ungeheuer leider wieder hier haben), sei
es daljs gefallne menschen oder vieh dort begraben
worden, ich meine auch dem gleichbedeutigen namen
„schelmacker'^ yerschiedentlich begegnet zu sein.
Vor vier wochen gab ich in Gotha herm Hof-
mann aus Friedberg zwei academische abhandlungen
für Sie mit, welche er besorgen wollte (ich habe
sie selbst in das gasthaus getragen, wo er wohnte.)
y Google
1849 XIX. J. und W. Grimm an WeigancL 329
da ihr brief vom 12 juli nichts davon meldet, bitte
ich in Friedberg danach fragen zu lassen, denn ich
kann sie nicht durch andere exemplare, weil alle
ausgegeben sind, ersetzen.
Den Vogt sind sie nun in Giefeen los. von
seiner über alle grenzen schweifenden gesinnung ab-
gesehn erschien er mir begabt und auch im Wechsel
des gesprächs nicht unangenehm, während ich es
mit andern, z. b. Robert ßlum nie zu worten
bringen konnte.
Ich arbeite, wie sich denken lälst, fleilsig fort,
finde aber an meiner gesundheit fast noch mehr als
voriges jähr auszusetzen.
Sein sie »o gut und lassen die einlage auf der
post weiter laufen. Wilhelm grüfst mit mir
herzlich.
Berlin 28 juli 1849
Jacob Grimm.
Herrn Dr. Friedr. Lndw. Carl Weigand, Giessen.
lÖL
Jacob Grimm an Weigand.
Mit guter gelegenheit, die mir jedoch nicht ge-
stattet ausführlicher zu schreiben, sende ich zwei
exemplare einer eben erschienenen kleinen schrift,
eins für Sie, werthester freimd, das andere fürprof.
Enobel.
In Baurs freilich unvollständigen Amsberger
Urkunden stehn pilLchtige eigen- und Ortsnamen, die
y Google
330 ^X. J. und W. Grimm an Weigand. 1851
Sie sicher flei&ig für Ihre wetterauische spräche
nutzen.
Die Sache des Vaterlands steht auf dem puncte
schwerer, ich hoflfe noch, mannhafter entscheidungen.
Ihr
Jac. Gr.
31 OCt. (f}^ J i
noch zwei exempl. an Wigand und Böhmer
bitte mit post weiter laufen zu lassen.
162.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Hochgeehrter herr professor,
durch hm prof. Braun habe ich Ihren brief er-
halten, der mir die in Ihrem früheren schreiben zu-
gesagte weitere abschrift aus den dortigen hss.
Freidanks brachte, nehmen Sie meinen groszen
dank für dieses mir sehr werthe geschenk an, wie
für die musterhafte Sorgfalt, mit welcher diese ab-
schriften gemacht sind. Wie es zu gehen pflegt,
nachdem Bernhart Freidank zur spräche ge-
kommen ist, finden sich weitere aufklärungen, und
ich denke nicht dasz jemand noch auf der meinung
beharren wird, der alte würdige dichter sei mit
diesem eine und dieselbe person. auch für dessen
werk habe ich weitere hilfsmittel erhalten, die mich
bestimmen, die neue bearbeitung des textes einer
nochmaligen durchsieht zu unterwerfen.
Digitized by VjOOQ IC
1852 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 331
Ich wünsche dasz es hm prof. Braun, den ich,
wie Sie ihn schildern, als liebenswürdigen mann
gefunden habe, bei uns gefallen möge: hoffentlich
wird er bald, als nutglied der academie, noch in ein
näheres Verhältnis treten. über Berlin herschen
auswärts ungünstige urtheile genug, die man, wenn
man einheimisch wird, groszentheils ungegründet
findet: ich wünsche dasz hr prof. Braun diese er-
fahrung mache.
Von ihm habe ich erst erfahren dasz Sie mit-
glied Ihrer Universität geworden sind; ich wünsche
Ihnen herzlich glück und zweifle nicht dasz dieser
Ihrer gelehrten thätigkeit angemessene beruf Ihnen
zusagt.
Mein bruder empfiehlt sich Ihnen angelegent-
lich, und ich verbleibe mit der Versicherung der auf-
richtigsten hochschätzung
ganz der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 19. mai 1851.
168.
Jacob Grimm an Weigand.
Berlin 10 jan. 1852
Lieber freund, Ihrer Nachsicht mir bewust hätte
ich vielleicht noch länger aufgeschoben Ihnen zu
schreiben und zu danken für gütige briefe und mit-
theilungen, wäre diesmal nicht mein herzlicher
glückwunsch zu der erlangten professur mit feier-
y Google
332 XIX. J. und W. Grimm an Wei^ancL 1852
liehen worfcen auszusprechen, möge es Ihnen auf
dieser bahn immer zu heil und segen ergehn. ich
bin den 4 dieses monats 67 jähr slt geworden und
noch gehn mir drei an der menschlichen normalzahl
ab; erreiche ich sie nur leidlich gesund, so muCs
viel ToUbracht und gearbeitet werden, hernach
wünsche ich mir mehr freie ruhe, wenn es mir be-
schieden sein soll noch einige lieblingsgegenstände
unter die band zu nehmen, das „Wörterbuch* greift
fast zu sehr an, Sie haben selbst diese kost ge-
schmeckt, man ist dabei genöthigt auf alles und
jedes einzugehn und darf sich nicht blols auswählen,
wofür man sich neigung und kenntnisse zutraut,
freilich lernt man auch auf unerwartetem fleck:;
doch die längst angebauten felder trügen reichere
frucht.
Es konmien viel dinge in betracht, auf welche
von den samlem des materials weder geachtet wurde
noch geachtet werden konnte; da bleibt denn nichts
anders übrig, als unter dem geschäft abzubrechen
und stundenlang in den quellen zu suchen, welche
hilfe gewähren können, wären sie einem nur
immer auch alle gleich zur band, und zum warten
und aufschieben ists zu' spät, die bücher des 16 jh.
erschweren einem die mühe nicht wenig dadurch,
dals sie oft unpaginiert sind und titel zeigen, die
man nur unsicher abkürzt.
Ist Ihnen no. 175 der Göttinger anz. vom
1 nov. vorgekommen? darin habe ich mich aus-
f&hrlicher als in der rede gegen meines unvergeCs-
liehen freundes behandlung der Nibelungen erklärt.
y Google
1853 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 333
die Yon ihm angenommene grundlage ist mir zu
künstlich und darum unglaublich.
Mein b rüder grüfet, ich verbleibe von herzen
der Ihrige
Jac. Grimm.
die von Keller jetzt gesammelten fastnacht-
spiele enthalten unter rohem und unanständigem
viel wichtiges und bisher unbekanntes, die bekannt-
machung durfte nicht unterbleiben und ist eine der
bedeutendsten des Stuttgarter Vereins.
schade, dab Sie von Rosenblüt eine erzählung
hatten, kein fastnachtspiel. Wissen Sie keinen rath
für die WiHeteTcnaben oder Jcinder bei Schmeller
4,58, wie er behauptet in einem rosenblütischen
stück, wer weils aber?
164.
Jacob Grimm an Weigand.
Dasz Sie mein wahrer freund sind, beweist Ihre
wohlwollende und nicht nachlassende theilnahme
an dem „Wörterbuch*^ die unabgeschreckt durch
mein langes schweigen dennoch fortfährt und sich
wiederholt, während manche andere bekannte, die
auch hübsches beisteuern könnten, sich gar nicht
rühren. Für die neue ausg. Ihrer fleiszigen, durch
das register so brauchbar gewordenen „synonymen"
habe ich, fürchte ich, gar noch nicht ausdrücklich
y Google
334 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1853
gedankt, der dank ftir so viele briefe und zettel
versteht sich von selbst, auch die hübsche forschung
über die » Ortsnamen* war sehr willkommen, ich
hatte auf die Wichtigkeit der flurbücher in Kurhes-
sen vor Jahren schon aufmerksam gemacht und
gesucht für Sammlungen anzuregen, die leute sind
aber auf nebendinge erpicht und versäumen die
hauptsache. Die deutung der Ortsnamen ist viel-
leicht das allerschwerste in der Sprachforschung,
immer aber anziehend und auch verführerisch, ein
namenregister hätten Sie beifügen sollen.
Am „Wörterbuch'' mag Ihnen gern einzelnes
nicht recht sein, wenn Sie nur die anläge und noth-
wendigkeit des ganzen l)illigen. es ist unmöglich
jedem wort gleich seine gebühr anzuthun. meine
etymologien streben auch festzuhalten, dasz die er-
gebnisse der indogermanischen Sprachvergleichung
zurückstehen müssen vor den ansprüchen, die unsere
eigne spräche zu machen hat, und dass auf diesem
wege oft mehr erlangt werden kann. Über die an-
stösze, welche die Orthographie gibt, soll sich die
vorrede hofifentlich genügend aussprechen.
Wenn ich nur gesunder wäre! seit dem letzten
Vierteljahr wird mein pulsschlag widerspenstig und
setzt aus. das erklärt der arzt für unmittelbar un-
gefährlich, allein es beängstigt mich und verursacht
schlaflose nachte.
Seit einigen wochen scheint es sich zu bessern
und ich fühle mich tage lang wieder ganz frei.
Dasz ich im 68 jähr meine gewohnte lebensart nicht
ändern kann, versteht sich von selbst, wer mag den
y Google
1854 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 335
halben tag spazieren laufen und die abende faul da
sitzen? das vertrüge sich auch mit den fortschritten
des wb. nicht.
Ob es zu einer badereise kommt, oder zu einer
anderen art von erholung, ist noch sehr unsicher.
Ihr Serranus scheint alles was er weisz aus
Dasypodius zu entlehnen, wenigstens gibt er
immer dieselben Wörter, die dort schon stehn.
lieb war mir die örtliche „h ahnenbalze" ,
wie auch „auerhahnpfalz" ortsname ist.
Grusen Sie alle freunde, die meiner gedenken,
von mir.
Ihr Jac. Grimm.
Berlin 25 Mai 1853.
165.
Jacob Grimm an Weigand.
Sie wissen schon, lieber freund, wie selten ich
jetzt zu ruhigem briefwechsel gelange, und seit
neujahr besonders gieng noth an mann, der Verleger
wollte mit der achten liefirung den ersten band des
awb." schlieszen, und verlangte dafür nun vorrede und
quellenverzeichnis, beides, wie Sie sich denken können,
arbeiten, die nach allen seiten hin erwogen sein
wollten, ich habe es gottlob vollbracht, in den
nächsten wochen wird alles versandt sein und mich
verlangt nun auch von Ihnen zuhören, wie Sie über
manche schwierige dinge denken, die ich jetzt offen
besprochen habe, in der Orthographie wäre ich gern
y Google
336 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1854
schon weiter gegangen, es ist aber für die sache
besser noch unterblieben.
Unterdessen haben Sie selbst wieder der
Umarbeitung des schmitthennerschen wb. sich
unterzogen. lassen Sie mich, wie es unter
freunden sich ziemt, Ihnen offen gestehen, dasz
es mir leid thut. Sie verschwenden Ihre schönen
einsichten und machen aus einem schlechten buch
nur ein besseres, während Sie mit ungestörter eigner
kraft ein gutes hätten hervorbringen können, ob
der Verleger seine rechnung dabei finden werde ist
sehr zu bezweifeln, plan und anläge dieses wb.
hätte recht gut vermodern können, mich reizt nur,
was Sie hinzufügen.
Ihnen verdanke ich, dasz mir ein junger philolog
Schwabe auszüge aus Thümmel gesandt hat.
Sein Sie doch so gut ihm dafdr in meinem
namen zu danken.
In der „Darmstädter schulz." 1853 p. 981 stand
eine zwar wolmeinende, aber völlig misgreifende
recension des sechsten hefts, die sich getraut sp.
1097. 1098 zu berichtigen was vollkommen recht
ist. die vorgeschlagene besserung würde ein fehler
sein, und dergleichen geberdet sich wie critisches
und verständiges urtheil; so übel bestellt ists mit
unserer deutschen philologie.
Ich wollte Ihnen besseres von meiner gesundheit
melden, wenn ich nur könnte, mein herzschlag ist
immer noch gestört und unruhig; vom eintretenden
frühling hoffe ich gutes.
y Google
1855 XIX. J. und W. Grimm aa WeigMid. 337
Vom Darmstidter Nib. fragment hatten Sie
mir früher nichts gemeldet, ich werde nun bei
Haapt das ansf&hiÜche finden. An Lachmanns
20 lieder glaube ich, wie Sie wissen Iftngst nicht
mdir, doch Hol tz mann hätte wol gethan, seine
Untersuchung einzuschränken.
Ich wünsche Ihnen schöne grüne, w^iigstens
halbgrüne ostem.
Jac. Grimm.
B. 4 apr. 1854.
166.
Jacob Grimm an Weigand.
Wie lange, lieber freund, habe ich wieder auf Ihre
briefe und Zusendungen nicht geantwortet; doch Sie
wissen, was midi am schreiben hindert und was ich
Ihnen zu schreiben habe, oft will ich die feder
ansetzen, so tritt etwas dazwisdien, wie eben zuletzt
Holtzmanns anaidiende und lebendig abge&szte,
freilich aber d^moch un&ali^re paradoxie über
Kelten und (Germanen, die auch auf seine abband-
lung über die Nib. schädlich zurückwirken wird,
in beiden werden mit einnehmender, fast überred^ader
darstellung kecke und grundlose dinge vorgetragen,
dem Lachmann thut er oft unredit, dennoch
scheint es mir auch mit Lachmanns Nib. vorbei zu
sein, und Riegers, wahrscheinlich bald noch
anderer verAeidigung wird ihnen nicht mehr auf-
helfen. .
£. StengeL Briefe der Brüder Orlmzo. 22
Digitized by VjOOQ IC
338 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1855
Ich gewahre bei solchen anlassen recht, wie
sehr andere arbeiten als die aufe «wb.** zu wendenden
mich fesseln könnten; bekomme ich luft und ruhe,
so will ich los legen, die Geten und Gothen
sind unaufgegeben und sollen sich dann mehr gunst
erwerben, danken sie herm prof. Credner ftlr
das neuliche ezcerpt aus Hieronymus.
Es freut mich, dasz Sie als ein kenner und einer
der wenigen, die dem «wb.** genau nachgehn, damit
zufrieden sind, d. h. über dem was es in der that
leistet alle seine gebrechen zu gute halten, meinen
Sie, dasz Haupt, Wackernagel mir eine silbe
über das ganze, oder über einzelne artikel äuszerten?
Lachmann würde es gerade so machen, sie fühlen
sich durch das neue im „wb." nicht gefördert und
belehrt, sondern in kleinen dingen gestört oder ge-
zwängt. Lachmann, obgleich mir herzlich befreundet,
gab seit der ankündigung des wb. den ganzen L e s s i n g
heraus, ohne nur einen einzigen zettel bei seite zu
legen. Haupt, der sich von freien Stücken
zum auszug des H. Sachs erboten hatte, liesz da-
mit fast ganz im stich; es ist brauch der philologen
sich selbst mit eignen arbeiten so zu beladen und
dann noch fremde zu übernehmen , dasz das meiste
davon unausgeführt bleibt. Nach langem zaudern
begann ich endlich ohne groszes vertrauen das „wb.*,
doch sind, mir vertrauen und lust dazu unter der
arbeit gewachsen.
Auch Ihnen musz, nachdem Sie sich in das joch
des Schmitt h. wb. einmal gefügt haben, unter dem
fortgang des werks gewinn und freude daraus hervor-
y Google
1855 XEX. J. und W. Grimm an Weigand. 33y
gehen, mir kommt es manchmal um der Fremd-
wörter willen geschrieben vor, deren es so viele
au&immt. im C habe ich nun auch eine schwere
probe zu bestehn und mich ffir oder wider die ab-
handlung der fremden Wörter zu entscheiden, frei-
lich haben ihre Veränderungen und fortbildungen
immer etwas anziehendes.
Neulich ist ein buch von Landau über die
Wetterau erschienen, das mir lobenswerth scheint
und besser als sein buch über die territorien, worin
die unbegründeten hypothesen vorhersehen, auch
an jenen wetterauischen forschungen werden Sie
groszen theil nehmen.
Ich wuszte nicht dasz Sie noch gehalten sind
mitunter zu predigen, eine predigt tagelang bei
mir im köpf zu tragen, könnte mich sehr stören,
ich würde nicht um den stof verlegen sein , aber
besorgen die orthodoxe linie oft zu überschreiten,
desto ruhiger sudiere ich in der heidnischen mytho-
logie fort, wovon Sie nächstens ein paar proben
sehen sollen.
Von ganzem herzen Ihr Jac. Grimm.
Berlin 3 febr 1855.
167.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Zuerst meinen dank, hochgeehrtester herr
Professor, für die freundlichen wünsche zu meinem
geburtstag, mit dem ich zufrieden sein konnte, weil
22»
y Google
340 XrX. J. und W. Grimm an Weigand. 1856
in dieser zeit die grippe , die mich den winter über
sehr geplagt hat, verschwunden wwr.
Ich nehme niemals Ihre beitrage zum „ Wörterbuch"
in die band, ohne mich Ihrer genauigkeit zu er-
freuen, und brauche nicht zu sagen, wie sehr ich
mich Ihnen daf&r verbunden fUhle.
Das exemplar von Ickelsamer auf der
kÖnigL bibliothek s. 1. et a. und ohne druckort
enthält 40 blätter oder 80 Seiten, gerade 6 bogen
A — B. auf BII*> stehen nur die von Ihnen an-
gefahrten Worte, das w me mmn in ein heysa essen
liäst^ weiter nichts.
Von Ickelsamer befindet sich noch auf der
hiesigen bibliothek «Glag etlicher brüder; an alle
Christen etc., Yalentinus Ickelsamer zu Rotenburg
uff der Thawber.* Panzer 1836.
Mein b rüder empfiehlt sich Ihnen mit mir an-
gelegentlichst und mit den herzlichsten grOszen«
mit der aufrichtigsten hochschätzung und erge^en«^
heit
der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 3. März 1855.
168.
Jacob Grimm an Weigand.
Unverantwortlich lange, mein gütiger freund, habe
ich nicht geschrieben, Sie kennen meine lässigkeit,
vielmehr Verhinderung, wie ich Ihre nachsieht kenne.
y Google
1857 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 341
Ihnen schreiben heiszt immer auch Ihnen danken
müssen.
Meine abhandlung über «Personenwechsel* ist
entweder schon in Ihren bänden oder wird es
nächstens sein, ich möchte wissen, ob das von mir
vertheidigte und gedeutete %vir der anrede auch
oberhessischer schulton ist oder doch war, denn die
neue zeit ist längst geneigt, das zu verachten was
sie nicht mehr versteht, auch zu andern seiten
des aufsatzes wird Ihnen mancherlei beifallen, man
findet viele beispiele erst nachdem man ihnen eine
stelle bereitet hat. doch s. 6 oder 7 hätte der
Hatem = Göthe : fnorgenrSthe (5,169) nicht unan«-
gefBhrt bleiben sollen.
In den nächsten monaten anderes und besseres
von mir. es ist ein übermasz von freundlichkeit
dasz Sie uns Ihr n^^*'') dessen erfolg mich recht
freut, noch wollen zueignen.
Mit herzlichem grusz Ihr Jacob Orimm.
B. 27 jnni 1856.
169.
Jacob Grimm an Weigand.
[AprU? 1857]
Liebster freund,
der längst erwartete schlusz Ihres ersten bandes ist
nun erschienen, ich wüste nicht, dasz der Verleger
zugleich damit noch ein stück des zweiten heraus-
geben wollte, ich habe Ihre vorrede mit freuden
und der empfindung herzliehen dankes für das uns
Digitized by VjOOQ IC
342 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1857
gegebne zeichen wahrer freundschaft gelesen. Sie
sprechen sich gerade und offen über den stand der
Sache aus, und was mich angeht, sagen Sie zuviel
gutes. In Ihrem Wörterbuch ist nicht mehr
Schmitthenner, sondern blosz Weigand, Sie
dürfen mit Zufriedenheit auf die bedeutende arbeit
blicken und mit der Sicherheit sie zu vollenden,
während in mir das schwere gefühl lastet, dasz ich
nicht zu ende bringen werde, wie fast alles was ich
unternommen habe Stückwerk geblieben ist. mein
alter läszt mich erfahren, dasz ich zwar noch mich
ausbreiten kann in laub und äste, aber vielleicht
keine frucht mehr aus dem stamm treibe.
Das ist ein neuer und schöner beweis Ihrer
treuen Zuneigung, dasz Sie uns einen besuch, der
sich ja so leicht ausführen läszt, zugedacht hatten und
zudenken, fast ist mir der verschub auf September
lieb, denn Wilhelm hat in den letzten monaten
mit unwolsein zu kämpfen gehabt und beginnt
langsam sich zu erholen, bis dahin hoffe ich ihn
ganz hergestellt, ohne dasz es einer reise aufs land
bedarf, ich bleibe immer hier und musz es dies
jähr besonders, mein guter neffe Hermann, den
Sie gern würden kennen lernen, ist in Italien, ich
weisz nicht, ob er vor november heim kehren wird,
der andre neffe Rudolf steht bei der regierung zu
Düsseldorf als referendar. die nichte Auguste,
welche ich besonders Heb habe, war auch leidend
und ist zu Carlsbad, von wo aus sie nach Cassel
gehn, im September aber längst zurück sein wird;
ich schreibe dies Ihrer fräulein tochter wegen,
by Google
1857 XIX J. und W. Grimm an Weigand. 343
anf deren bekanntschaft ich mich nicht weniger als
auf den besuch des vaters freue. Zur herbstzeit
verfehlen Sie auch Haupt nicht, der seit längerer
zeit kränkelnd in diesen tagen zum zweitenmal in
eins der böhmischen bäder, ich weisz wirklich nicht
in welches musz, er hat mitten in seinen Vorlesungen
abgebrochen, möge es ihm nur helfen, sein eben
erscheinendes prooemium zum lectionscatalog ist
zwar hübsch und zierlich geschrieben, in der sache
gebe ich ihm aber unrecht, er sucht darzuthun,
Kaiser Heinrich, der an der spitze unseres min-
nesangs steht, sei nicht Verfasser der ihm beigelegten
lieder.
Der gute Diefenbach hat mir sein lexicon
gesandt, das ist eine ungeheure und sehr nützliche
arbeit; deutsche register dazu, die sie noch viel
brauchbar gemacht hätten, waren freilich kaum aus-
zuführen, es heisztalso: lies und lies in dem Buch!
Prof. Klein beschenkte mich mit seinem werk
über Groszenlinden, melden Sie ihm vorläufig meinen
schönsteü Dank, ich warte darauf, dasz ich ihm eine
gegengabe überschicken kann, das buch, unter uns
gesagt, ist mir zu theologisch gehalten, über die
kirche hat auch Raszmann, mein landsmann, un-
sinn zu tage gefördert.
Aller dank, den ich Ihnen ausgesprochen habe,
der gilt, versteht sich, auch von meines bruders
Seite, wir sind und bleiben Ihnen beide mit herz-
licher freundschafi; zugethan.
Jacob Grimm.
y Google
344 ^I^ J- ^d W. Grimm an Weigand. 18S7
ich werde bei erster gel^enheit über das wort
und den begrif von „hochdeutsch^^ schreiben, s. 510
führen sieausdem 16 jh. hochtütsch und hoch^
teutisch an, wenn sich diese formen auf bestimmte
angäbe und jahrzahl stützen, so bitte ich gelegenÜ.
darum, im 16 jh. und schon yor 1523 kommt der
ausdruck vor, ja bereits im 15 jh., ich sammle aber
alle belege.
(Wie alt ist die heute sehr gewöhnliche weise,
dasz der erzählende eine firage aufwirft, z, b. cäs
ich mich umwende j wen sehe ich da? als ich ruhig
lese^ wer tritt in die stuhe? die mhd. frage mit dem
conjunctiv (gramm. 4, 76) ist davon verschieden,
doch ähnlich, [beiliegender zettel]).
170.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Zweimal haben Sie verehrtester herr professor,
mich abermals mit beitragen ftir das „wörterbuch^^
beschenkt, wofür ich meinen groszen dank wieder-
hole. Sie wissen wie sehr ich Ihre theilnahme fÖr
das buch schätze, wenn doch jeder so sorgfaltig imd
genau wäre ! es kostet mich viel zeit, wenn ich die
zettel anderer in der quelle aufsuchen und ergänzen
musz. das wort musz in seinem ganzen zusammen-
hält aufgestellt werden, wenn man den begriff
vollständig fassen soll, bis zu drache ist der
druck vorgerückt; ich kann also das meiste von Ihren
beitragen benutzen.
y Google
1857 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 345
Die grippe die mein haas nicht verschonte hat
mich am härtesten und längsten ergriffen und an
der arbeit gehindert, was mir das verdrieszlichste
war. Sie war hier beispiellos verbreitet, die ärzte
wissen immer die krankheit zu entschuldigen, im
firfihjahr mit den aufsteigenden dünsten, im sommer
mit der drückenden hitze, im herbst mit den kalten
winden, und im winter bleibt ohnebin kein mensch
Zu Weihnachten war meine ganze familie nach
längerer zeit wieder vereinigt, mein ältester
söhn war im november aus Italien zurückgekehrt,
mein zweiter der jetzt in Düsseldorf zu haus ist,
benutzte die ferienzeit; und so konnten wir uns des
alten Zusammenlebens wieder erfreuen.
Im HildebrandsUed 15 ist mäi deutlich genug,
aber man wird doch mit bessern müssen, wie auch
Lachmann thut, da die präposition von der so
viel belege da sind, niemals die form des adv. an-
nimmt.
Es freut mich dasz Sie und fräulein Mathilde
eine gute erinnerung von Berlin behalten, die stadt
ist anders als man sie in süddeutschland auszumalen
pflegt« empfehlen Sie mich unbekannter weise Ihrer
frau gemahlin und sein Sie sämtlich von mir und
den meinigen auf das herzlichste gegrüszt. mit den
besten wünschen für das beginnende jähr und der
aufrichtigsten hochschätzung
der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 30. Dec. 1857.
y Google
346 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1858
171.
Jacob Grimm an Weigand.
Berlin 12 Febr. 1858.
Lieber freund, sonnenhelle, aber nicht wie vorigen
herbst warme festtage sind uns vorbeigerauscht, son-
dern unter beiszendem nordostwind bitterkalte, so
dasz die junge königstochter am gesiebte fror, möge
ihr künftiges leben klar bleiben und warm geschützt
sein, ich habe einen halben tag vor einem fenster
in unsrer akademie' gesessen und auf den zug ge-
wartet, chocolade gekaut und mitunter an ganz ab-
liegende dinge gedacht.
Der cod. lauresham. no 3032 nennt in pago
Erdehe ein „Dorenlar", den pagus Erdehe^ der auch
no 3031 und 3033 erscheint setzen die herausgeber
als untergau in den Lahngau, nach dem flüszchen
Ard, das bei Die tz in die Lahn geht. Dorenlar
ist ihnen also das zwischen Wetzlar und öieszen
gelegne Dorlar, wohin Sie, allem anschein nach,
mehr als einmal gekommen sind, aber dies Dorlar
steht am rechten ufer der Lahn und auf keinen fall
im pagus Erdehe, mit dem es sehr unsicher be-
schaffen sein mag. die Ard heiszt heute Aar, und
Ärdäha^ Erdaha kommt meines wissens früher nicht
vor. Dorlar wird in Ihrem Verzeichnis s. 320 i^cht
genannt, weil es nicht zu Oberhessen gehört. Jene
Urkunden stellen aber in den pagus Erdehe lauter
andere, der Lahngegend fremde örter als Sonenlar,
Wdttringen, Berenburstorph^ Jaghine, Fölcoldingenj
CtUzaradOj HammingenwilrQ, Förstemann ver-
y Google
1858 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 347
mutet ftir Dorlar auf Dürler bei Achen. mir
kam es bei der Untersuchung blosz auf Dorlar an,
und wenn Sie ftir das an der Lahn liegende ältere
formen wissen, bitte ich darum.
In Niederhessen findet sich ein mir weit wich-
tigeres Dorla. Landaus „Hessengau" werden Sie
durchblättert haben, schändlich, dasz er die „sonstigen
örtlichkeiten^^, d. i. gerade das interessanteste, nicht
ins register aufnimmt. ohne register haben
solche imtersuchungen oder samlungen nur halben
werth, leider entbehren auch Ihre Ortsnamen des
nothwendigen.
Haben Sie in Wetterauer spräche benennungen
gehört für die verschiedenartigen geburten im augen-
blick wo das kind aus [dem] mutterleib tritt? je nach
dem, wie es die regel ist, zuerst der köpf erscheint,
oder umgedreht die fQsze oder eine band, aus dem
munde der hebammen müste man das hören oder der
ärzte, deren nomenclatur aber heutzutage lateinisch-
griechisch ist.
Fragen Sie doch K nobel gelegentlich, ob die
uns in griechischer form überlieferten mannsnamen
wie \4rvag^ Kij^ag (Stein) u. s. w. auch ein s im
auslaut oder was sonst haben? und wie sie sich
von frauennamen z. B. "Ayya unterscheiden? es ist
mir zu mühsam in Gesenius nachzuschlagen.
Enobel rückt ja nun mit seinem gelehrten com-
mentar zum pentateuch erfreulich vor, das ist eine
wichtige, langdauemde arbeit, ich meine, die lange
dauer haben wird.
y Google
348 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1858
Tausend dank für Ihren herzlichen glückwunsch
im letzten brief und meinen schönen grusz an
fr. Mathilde.
Ihr treuer freund
Jac. Grimm.
172.
Wilhelm Grimm an Weigand,
Hochgeehrtester herr professor,
ich stecke so in arbeiten und correcturen dasz ich
Ihnen nur mit ein paar zeilen fftr die gute danken
kann, mit der Sie mir eine abschrift von ein paar
bruchstücke[n] aus „Freidank^^ zugesendet haben, es
ist freilich aus dem text wenig zu nehmen, dennoch
wäre es mir lieb, wenn die ganze handschrift er-
halten wäre, da sie zu einer Ordnung gehört, der
ich in der neuen ausgäbe einen höheren wert bei-
lege, dasz Ihre abschrift ganz genau ist, lehrt
schon 4er anblick, und ich bedarf des Originals nicht.
Es ist schade dasz Sie und Ihre fräul. tochter
nicht hier waren um den einzug der engl. Prin-
zessin mit anzusehen, er war freudig und glän-
zend, und wir hätten Ihnen einen guten platz in
den fenstem der academie verschaffen können.
Die schönsten begrüszungen von meinem ganzen
haus an Sie und die Ihrigen und die bitte uns fer-
ner in freundschaftlichem andenken zu behalten,
möchten diese zeilen Sie gesund und heiter finden!
ganz der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 18. Febr. 1858.
y Google
1858 XIX. J. und W. Ghrimm an Weigand. 849
178.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Abermals habe ich Ihnen, hochgeehrtester herr
und fireimd, für mehrmalige Zusendungen von bei-
tragen fär das «.Wörterbuch " den schönsten dank zu
sagen, der artikel dreher war eben abgedruckt, und
ich konnte Ihren beleg nicht mehr benutzen, die
übrigen aber können noch in reih und glied ein-
rücken.
Sie haben recht, niemand denkt daran was für
mühe und zeit eine solche arbeit kostet, das pu-
blicum glaubt wir st&aden in seinen diensten, es
könne nach belieben fordern und sich beklagen, dasz
66 nicht rascher befriedigt werde, mich ärgert
diese anmaszung und madit mich nur hartnäckiger
auf meinem recht zu bestehen, ich bin mir bewuszt
es an fieisz nicht fehlen zu lassen, aber wenn ich
nicht ungedrängt, mit ruhe und behaglichkeit ar-
beiten kann, so wird es nur eine fabrikarbeit, an
der man keine fireude hat. dass ein buchhändler
drangt, entschuldige ich, es ist sein geschäffc, das er
betreibt, aber er musz sich bescheiden.
Die recension des Wörterbuchs von Rudolf
V. Raum er in der Zeitschrift fftr östreichische
gymnasien ist wolmeinend, anerkennend und durch-
aus redlich, aber er hat in allen stücken unrecht,
wir waren in einer günstigem läge als irgend je-
mand, nicht leicht wäre es einem andern gelungen
y Google
350 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1858
80 viele arbeiter für die auszüge zu gewinnen, and
es mosten leute sein, die einsieht, gescfaick und
sinn dafür hatten, es war notwendig eine auswahl
zu treffen, und dasz noch werke zurückbleiben
musten, aus denen manches zu gewinnen war, wüs-
ten wir selbst, ich wollte auf das titelblatt einen
holzschnitt setzen, der einen bund Schlüssel dar-
stellte mit der Unterschrift nan possumtis omnia nos
omnes. dabei habe ich selbst eine grosze anzahl
von werken ausgezogen, sollten wir nun das unter-
nehmen aufgeben, oder sollten ¥mr in dem bewuszt-
sein dasz nicht alles, aber doch das erreichbare
und damit vieles erlangt sei, daran festhalten? diese
frage war aufzuwerfen, und Raumer muste für das
aufgeben stimmen, wenn er einen grund für seinen tadel
haben wollte, die auswahl der werke ist doch, wenn
man auch über einzelnes rechten will, nicht unver-
ständig, keiner wird darin mit dem andern völlig
übereinstimmen, wenn Rau m er selbst an den aus-
Zügen geholfen hätte, so würde er gefunden haben
dass in den schlechten romanen des Menontes,
in dem „Leipziger avanturier", in der „Salinde^* u.
s. w. mehr unbekannte und auszer gebrauch ge-
kommene Wörter zu finden waren, als z. b. bei
Schiller, der das überlieferte mit geist und ge-
wandiheit benutzt, aber nicht aus der unmittelbaren
quelle schöpft, die bei Lessing und Göthe so
reichlich flieszt. im 17ten Jahrhundert, wo die
Schriftsprache tief gesunken war, nahm man unbe-
denklich jedes wort auf das sich darbot, ähnlich
war das Verhältnis in den Altdeutschen gesprächen,
y Google
1858 XrX. J. und W. Grimm an Weigand. 351
in welcher rohen aufPassung man mehr neue Wörter
findet als bei einem gleich geringen umfang in der
gebildeten rede, auch Yon dem yerhältnis unserer
arbeit zu den empfangenen auszügen macht sich
Baum er eine falsche Vorstellung, er meint wir
hätten sie mit den nötigen erlauterungen zusammen
geschrieben, weiter aber nichts gethan. er weisz
nicht wie vieles noch bei der ausarbeitung ist nach-
gelesen worden , er hätte es schon aus den citaten
von werken sehen können, die nicht in dem voran-
stehenden Verzeichnis genannt sind, wie oft habe
ich Lessing, Oöthe, Schiller, Oellert,
Hagedorn u. s. w., auch einzelner Wörter wegen,
durchgesehen, die frage über den Unterricht der
deutschen spräche mischt er mit unrecht ein. man
soll sie, wie sie gegenwärtig gilt, dort einüben,
weiter aber nichts, man soll nicht das organische
leben, das sich in der spräche offenbart, dort er-
örtern, das bleibt für die Wissenschaft und diejenigen
die sich diesem fach widmen, ohne gründliche ein-
sieht und zusammenhängende kenntnisse fruchten
ein paar brocken daraus nichts und verwirren nur.
ich könnte weitläufig darüber reden, aber ich will
die zeit, die es mich kosten ¥rürde, und mit der ich
in meinen jähren in dem höchsten grade geizig sein
musz, lieber an das Wörterbuch wenden.
Es ist schade dasz fräulein Mathilde nicht
hier war um die Vermählung der königin von P o r-
tugall in der katholischen kirche mit anzusehen;
es ist da grosze pracht entfaltet worden und man
y Google
352 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1858
hat viele hohe personen in der nahe sehen können,
die junge königin ist schön mkl anmutig.
Mit den freundlichsten begrttszungen an Ihr gan-
zes haus
ganz der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 11. Mai 1868.
174.
Jacob Grimm an Weigand.
Was sagen Sie dazu, lieber freund , zeugt es
nicht von unerhörter blute deutscher literatur und
Sprachforschung, dasz g^en^värtig auf einmal nicht
minder jeJs sieben deutsche Wörterbücher unter der
presse schwitzen? (yier erscheinen zu Leipzig.)
1) das von Hoff mann. 2) das unsrige, weldies,
wenn es nochmals zu thun wäre , ich nie auf die
Schulter genommen hätte und gern wieder davon
abwürfe. 3) das Ihrige. 4) das nd. von Eo se-
garten. 5) das mhd. 6) das von Wurm. 7) das
von Sanders, sehr leicht könnte noch ein achtes
zutreten, ein catholisch deutsches aus Ostreich oder
Baiem, in welchem die citate aus Luther und
Fischart getilgt und durch andere aus Berthold
von Chiemsee, Megerle, pater Kochern er-
setzt, die aus Göthe und Schiller beschränkt und
durch andere aus Eichendorf, Redwitz u. s.w.
vergolten würden, ob unter solchen umständen
unser werk, wo nicht verdrängt, doch in die schranke
gewiesen, und, wenn wirs ohnehin nicht vollenden
y Google
1858 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 353
können, allen nachfolgem erschwert werden soll,
steht dahin, das publicum ist wenigstens sehr ge-
duldig und bereitwillig, wenn es alle diese Unter-
nehmungen stützt und möglich macht.
Das erste E heffc wäre, ohne eine erkrankung des
Setzers, bereits heraus, mein msp. dazu liegt längst
in Leipzig, einige Ihrer unermüdlichen, gewissen-
haften Zettel kamen daher zu spät oder müssen
noch bei der correctur eingeschaltet werden, was
immer schwer ist und zur abkürzung nöthigt. unter
Ihren auszügen sind mir, ich gestehe es, am liebsten
die aus lebendigen büchem der letzten Jahrhunderte
entnommnen, weniger die aus alten, dürren, mühsam
zu citierenden vocubularien , deren vorrat ohnehin
jetzt von Diefenbach so ziemlich ausgebeutet ist.
die Urheber dieser vocab. liefern zwar hin und wieder
ein unerhörtes wort, meist aber steife, unbeholfne
und. selbstgezimmerte ausdrücke, dagegen gibt es
keinen, seinem inhalt nach noch so elenden roman
bis 1760. 1770, keine comödie aus dieser zeit, die
nicht lebendige Wörter und redensarten darböten,
mehr als sich bei dichtem findet, deren spräche
etwas conventionelles und einförmiges anzimehmen
pflegt, fallen Ihnen bücher, die ich meine, in Ihre
hand, imd Sie wollen scharf hineinblicken, wie es
Ihre art ist, so soll es mich freuen, die zettel aus
dem sonst schlüpfrigen, aber sprachfertigen Rost,
auch die aus Kl. Schmidt waren willkommen; in
des Chr. Fei. Weisze Schriften, namentlich den lust-
spielen und opem mag manches stecken.
Ich bin solange mit meiner antwort auf Ihre
£. StengeL Briefe der Brüder Grimm. 28
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354 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1859
freundlichen briefe im rückstand, habe auch ver-
sprochen einige bücherdoubletten , namentlich nor-
dische zu schicken. Sie denken sich aber auf welche
weise ich immer gestört und abgehalten werde,
dieser tage mache ich ein päckchen zurecht und
lasse es abgehen, einzelnes darunter werden Sie
doch brauchen können, nehmen Sie einstweilen Yor-
lieb, bis ich etwas besseres aufhebe.
Ich wünsche Ihnen und frl. Mathilde vergnügte
christtage, auch 0 ust e bestellt einen schönen gruGs
Von herzen
Ihr Jac. Grimm.
10 dec. 1858.
Osanns früher tod thut mir leid.
Die franz. akademie hat dermalen ein ,|dict.
historique de la 1. fr." begonnen, der erste band
368 SS. in 4. aber weitläuftig gedruckt, geht
von a bis äbu; es sind nützliche abhandlungen aber
kein Wörterbuch. Das ganze, wenn es je vollendet
wird, müste nach diesem anfang eine reihe von
bänden bilden.
176.
Jacob Grimm an Weigand.
Lieber freund, hierbei folgen wieder einige
doppeltinge, in der hofnung dasz Sie davon gebrauch
machen können, wir haben Ihre letzte sendung er-
halten und uns daran erfreut und die Schwägerin
y Google
1859 XIX. J. nnd W. Grimm an Weigand. 355
läsztfürden «kummer* oder „dinkel* besonders danken,
den wir bereits zur suppe versucht haben, leider ist
Guste die ganze zeit über an der grippe und deren
tücken krank gewesen und fangt kaum an sich etwas
zu erholen, sonst hätte Ihnen Dortchen selbstge-
schrieben, das ist ein schlechter beginn des neuen
Jahrs, doch hat uns die öffentliche freude über den
neugebomen prinzen etwas aufgerichtet.
Zugleich mit dem feindlichen Sanders werden
Sie nun auch das neue heft E in den bänden haben
und ich wünsche, dasz es Ihnen gefalle, wie jener
misfalle. Sanders und Wurm können einander
auf&essen, so kommen sie uns aus dem weg. seine
abweichung von der alphab. Ordnung allein wird
ihm den hals brechen, denn es ist ja ganz albern,
dasz die besonderheit unsrer spräche fordre die
wurzeln zu systematisieren, im latein sind ja eben
so viel composita. das System gehört erst in die
grammatik und wird auch durch seine alphabetische
Stellung beeinträchtigt, die versteckten und dunkeln
wurzeln kann er ohnehin nicht aufstellen.
Noch eine andere neue erscheinung, das Wörter-
buch von Gut zeit aus Riga macht mir desto
gröszere freude, es ist eine fleiszige, sehr brauch-
bare arbeit.
Zu meinem heft war ein päckchen zettel (ich
kann auf meinem tisch fast gar keinen räum mehr
finden) verloren gegangen und ist erst nachher
wieder an den tag gekommen, es fehlen also einzelne
gute artikel, namentlich einige von Ihnen mit-
23*
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356' 5^- J- «nd W. Grimm an Weigand. 1859
getheilte; doch ist der schade nicht grosz und dasz
sich zu allem eine menge von Zusätzen ergibt, liegt
am tage.
Ich grüsze und verbleibe Ihr Jac. Grimm.
6 febr 1859.
176.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Für Ihr gütiges andenken, verehrtester herr pro-
fessor, und die freundschaftlichen wünsche zu meinem
geburtstag den herzlichsten dank, ich bin nun in
mein 74. jähr getreten, und da gibt es mancherlei
zu bedenken, die arbeitskraft hat sich ziemlich er-
halten, aber der körper empfindet die hohen jähre,
ich gehe noch regelmäszig in die sitzimgen der
akademie, mache, wenn es das wetter gestattet einen
Spaziergang, den ich als meine arznei betrachte,
schlage aber jede einladung aus. wir haben den
geburtstag nicht mit voller heiterkeit gefeiert, weil
meine tochter noch immer leidend ist. ich hatte
die freude meine ganze familie bei mir vereinigt zu
sehen, seit Januar ist mein zweiter söhn von
Düsseldorf zurückgekehrt, um sich zu dem letzten
groszen berg, zum dritten examen vorzubereiten,
bricht krieg aus, so musz er ihn als offizier mit
machen, die schwüle luft, in der die weit schwebt,
liegt also doppelt drückend auf mir.
Nehmen Sie auch meinen besten dank für das
letzte heft Ihres Wörterbuchs. Sie schreiten mit
Sicherheit und tact, mit sorgfaltiger arbeit Ihrem
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1859 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 357
ziele entgegen nnd können sich glück wünschen
schon den gröszten theil des wegs zurückgelegt za
haben.
Sie senden uns unermüdet Ihre schönen beitrage
und wissen wie wert sie mir sind, wenn ich Ihnen
auch nicht jedesmal meinen dank ausdrücke, die
anzeige von Wurm in den Heidelberger Jahrbüchern
enthält lauter albemheiten und sieht aus als wenn
sie Yon einem buchhändler wäre fabriciert worden,
die pedantische Trockenheit des hm Sanders wird
schwerlich groszen anklang finden.
Haben Sie Gödekes Grundrisz schon in bänden
gehabt? das buch ist mit sinn, geist, daneben mit
groszer Sorgfalt ausgearbeitet, und scheint mir das
beste in dieser richtung.
Franz Pfeiffers urtheil in der Germania über
Haupts letzte trefiTliche werke, die ausfalle gegen
Lachmann widern mich an. wenn dieser lebte,
er würde ihn gewaltig abführen. Haupt, der so viel
höher als Pfeiffer steht, hat mit feinem Verständnis
und unermüdeter liebe gearbeitet, und ihm wird
kälte, zurückstoszendes wesen vorgeworfen! wo es
wirklich nötig war, hat er jederzeit eine sorgfaltige
anmerkung gegeben, in welcher unsere kehntnis er-
weitert wird, die erforschung der spräche und die
herausgäbe der alten denkmäler ist eine gelehrte
arbeit und nur für gelehrte bestimmt, wer sich
nicht gründlich damit befassen kann, der thut wol
ganz davon wegzubleiben, sollte Haupt etwa
triviale erläuterungen hinzufügen, wie Fr. Pfeiffer
zu den Marienlegenden oder Predigtmärchen? für die
y Google
358 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1859
dilettanten, welche die Wissenschaft nur verdünnt
und verwässert genieszen können und verlangen dasz
man ihnen die tauben nicht blosz gebraten sondern
auch gekaut in den mund schiebe?
Sein Sie und die Ihrigen von uns allen schönstens
gegrüszt. sagen Sie fräulein Mathildchen dasz
die Stadt Braunschweig, wie ich gestern gesehen
habe, das hötel mit einem zweiten haus erweitert,
mit einem balkon versehen und zierlich heraus-
geputzt hat Sie werden also das nächstemal noch
behaglicher dort wohnen.
Mit der aufrichtigsten hochschätzung
ganz der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 27. Febr. 1859.
177.
Jacob Grimm an Weigand.
Berlin 11 apr. 1859. lieber freund, haben Sie das
in ganz Niederhessen verbreitete nd. ehken^ enkede^
accuratey certe, profedo in Ihrem Oberhessen und in
der Wetterau nicht aufgespürt? es könnte sehr
gut hochdeutsch sein, so gut wie denken oder trehken.
Estor in seinem oberhessischen idiot. führt aus-
drücklich an enk, eigentlich genau, das wort hat
mir zu schaffen gemacht.
Mein zweites heftJ^ist bis auf den letzten bogen
ausgearbeitet, ich gelange darin bis ins ENTB.
über emesss findet sich darin eine andere, von der
Ihrigen abweichende Vermutung.
y Google
1859 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 359
Dank für alle Ihre zettel, deren letzte sendung
diesen augenblick eingetroffen ist. meinen grusz an
die gute Mathilde.
Jac. Orimm.
Kennen Sie ein enne für thor oder narr ? Luther
hat es einmal.
178.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Sie werden, verehrtester herr professor, in dem
11. bände der Zeitschrift von Haupt den „Rosen-
garten** finden, wovon ich Ihnen einen von den be-
sonderen abdrücken, nur als ein freundschaftliches
zeichen und als begleitung der schönsten grüsze zu-
sende, diese hs. gibt aufschlüsse über die ent-
stehung der verschiedenen texte, ftLhrt aber zu dem
schlusz dasz eine critische bearbeitung zur zeit nicht
möglich ist. ich zweifle auch dasz Müllenhof f,
soviel man von seinem Scharfsinn erwarten kann,
einen critischen text von dem »Wolfdieterich**, wo
das Verhältnis ähnlich ist, zu stände bringt, in der
folge hoffe ich noch etwas wichtigeres über den
9 Rosengarten** bekannt zu machen.
Ihre beitrage zum »Wörterbuch**, die wie eine
gute quelle immer flieszen, habe ich mit gleicher
dankbarkeit noch eingetragen.
Wir leben hier in Spannung über die grosze
frage der zeit, sie bewegt die herzen umsomehr,
als sie vielen einzelnen nahe tritt, wie eben mir.
y Google
360 XIX. J. und W. Grimm an WeigancL 1859
mein zweiter söhn, der sich eben für das assessor-
examen Yorbereitet, ist zugleich offizier in einem
landwehr regiment und wird sogleich mitmarschieren
müssen, da können ängstliche zeiten für uns ein-
treten.
Ich bitte Sie fräulein Mathilde ];)eiliegendes
album zu übergeben, als eine erinnerung an Berlin,
wir haben den vortheil dasz sie dadurch gelegenheit
erhält auch an uns zu denken.
Mit den besten wünschen für das wolergehen
Ihres hauses und der freundschaftlichsten gesinnung
ganz der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 16. Aprü 1859.
179.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Verehrtester herr professor,
ich beginne meinen brief wiederum mit dem dank
für Ihre treue und unermüdete theilnahme an dem
„Wörterbuch", die beitrage waren, wie immer, will-
kommen und konnten noch benutzt werden, in
diesen heiszen tagen hat das wort dtdte und dütte
meine geduld auf die probe gestellt.
Mit unserm befinden ist es bergauf, bergab ge-
gangen und keiner verschont geblieben: in diesem
augenblick geht es ganz erträglich, meine to cht er
sollte in der bergluft sich erquicken undreiste, von
einer freimdin begleitet, in den Harz, aber da war
y Google
1859 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 361
alles überfOllt, sodasz sie keine bleibende statte
finden konnte, zu Reinhardsbrunn in Thüringen,
wo es so reizend ist, gieng es nicht besser, und so
kam sie nach den Irrfahrten wieder zu uns zurück,
jetzt wollen wir drei (frau, tochter und ich)
einen versuch machen in der sächs. Schweiz ein
imterkommen zu finden, auch mein bruder, hoffe
ich, entschlieszt sich noch zu einer erholungsreise,
aber erst nach dem 18. d. m., wo er eine Vor-
lesung in der academie halten musz. Haupt wird
nach Reichenhall gehen, das sich schon einmal
wolthätig erwiesen hat.
Die unheimliche zeit hat auch uns lebhaft be-
wegt, nicht blosz gieng uns der zustand des Vater-
landes zu herzen, sie ist auch in unsern kreis ge-
drungen, mein zweiter söhn der seit Januar bei
uns lebt um sein drittes examen zu machen, ward
nach Wesel beordert, wo das landwehr-regiment
steht bei dem er offizier ist. gleich darauf kam ein
zweiter befehl, wonach er hier in das garderegiment
kaiser Franz eintreten sollte, er konnte nun bei
uns bleiben, aber der dienst war anstrengend, jeden
morgen schon frühe heraus, oft schon um mitter-
nacht oder um 4 oder 5 uhr zu feldmanövem,
nachtgefechten im feuer, schanzenstürmen u. s. w.
seine Soldaten rühmte er. bei einer kurzen ruhe in
einem nachlgefecht kommt er zu vieren die sich
niedergelegt haben und spricht ,seid ihr auch einig
und keilt ihr euch nicht?* ,ach nein', antworten sie,
,wir lieben uns*, springen auf und küssen einander,
es war ein Aachner, Westphale, Sachse und Ost-
y Google
362 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1859
preusze. wenn es doch auch so mit Preuszen und
Süddeutschland stände, das uns ungerecht und feind-
selig beurtheilt. das ist der dank dasz Preuszen
Deutschland vor groszer gefahr mit aufopferung be-
hütet hat. unsere regierung ist auf dem rechten
weg gegangen und ich glaube sie wird weiter darauf
fortschreiten.
Grüszen Sie Ihre liebe tochter und sein Sie der
freundschaftlichsten gesinnung von uns allen ver-
sichert.
ganz der ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 5. Aug. 1859.
180.
Wilhelm Grimm an Weigand.
Hochgeschätzter freund,
der druck von D schreitet langsam weiter und
es werden noch gegen 14 halbe bogen nötig sein;
dieses heft wird aber auch bedeutend stärker aus-
fallen als die bisherigen, dagegen mit E geht es
rasch, da es der buchhandlung darauf ankommt das
werk im fortschritt zu zeigen, wann ich nach dem
D wieder eintreten werde weisz ich noch nicht: ich
habe einige akademische abhandlungen zu liefern,
deren ausarbeitung gewönlich mehr zeit wegnimmt
als ich dafür berechne, dann habe ich eine gröszere
arbeit vor, die sich nicht länger aufschieben läszt.
das liebe publicum verlangt alles schnell und neben
y Google
1859 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 363
einander; der gröszte fleisz genügt ihm nicht, es
sieht den Verfasser wie jemand an der in seinen
diensten steht. Sie werden natürlich benachrichtigt,
wenn ein neuer buchstabe an die reihe kommt, wer
hat eine so treue unermüdliche theilnahme an dem
Wörterbuch bewiesen als Sie? mein bruder dankt
schönstens ftir die zugesandten blätter. er ist bis
zu enttoesen vorgeschritten.
Wir wollten dies jähr nach dem Harz oder nach
Reinhardsbnmn in Thüringen gehen, mein söhn imd
meine tochter reisten dahin, um eine wohnung zu
suchen, es war aber alles besetzt. So entschlossen
wir uns unsere feder nach den Eibgegenden zu
blasen und haben es nicht bereut, die luft in
Pillnitz kam uns erquicklich entgegen, von dem
ström erfrischt, der in einer sanften krümmung
zwischen bebuschten inseln mit einer anmutigen
würde da vorüber zieht, meine fr au und tochter
erfreuten sich, imter einem zelte sitzend, an den
vorüber fahrenden schiffen, die mit fröhlichen
menschen angefüllt waren, ich konnte in der ebene
unter dunkeln gegen die heiszen Sonnenstrahlen
schützenden bäumen henun wandeln; weiter zurück
erheben sich Weinberge und bewaldete gipfel, wo
sich eine reizende aussieht eröffnet, die thürme vieler
stadte, wolhabende dörfer, fruchtbare felder und
triften; es ist ein schönes land. Pillnitz selbst, als
eine königliche residenz, ist überall ausgeschmückt,
das imifangreiche schlosz ist zwar in einem wunder-
lichen japanischen stil gebaut, den ich nicht zur
nachahmung empfehlen will, macht aber im ganzen
y Google
364 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1859
einen heitern eindruck. den König (und die
Königin) sieht man oft allein mit der Königin
ohne gefolge. er hat in der letzten zeit viel trau-
riges erlebt, seine enkelin, die kleine princessin Yon
Toskana, deren mutter der tod in der blute ihrer
jähre hingeraft hat, sah ich auf der altane des
Schlosses herum springen, ich habe den König,
dem ich persönlich schon bekannt war, gesprochen,
er ist geistig gebildet, gütig und wolwollend, und
man kann mit ihm wie mit einem Privatmann reden,
er kam auf die sprachen und ihre ausbreitung und
rühmte die englische, liesz es sich aber gefallen,
als ich bemerkte sie habe sich im lauf der Jahr-
hunderte abgeschliffen wie die steine die im wasser
beständig fortrollen, als von Göthe die rede war,
äuszerte er dasz er ihn nie gesehen habe.
Wir stehen vor der zukunfk wie vor einem ver-
schlossenen thor. dasz man an einen krieg denkt
und sich dazu rüstet ist natürlich, in der letzten
zeit scheint er mir wieder etwas zurückgetreten zu
sein, immer aber hat man das gefühl als sei er nur
aufgeschoben.
Mein söhn dankt herzlich für Ihre guten wünsche
zu seinem neuen stand, seine fr au ist von natur
begabt, freundlich und liebenswürdig, da sie sich
Yon kindheit an kennen und immer nahe gestanden
haben, so darf man eine glückliche ehe hoffen, mir
thut es leid ihn nicht mehr in meiner unmittelbaren
nähe zu haben.
y Google
1859 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 365
Leben Sie wol, lieber und hochgeschätzter freund,
und sein Sie von uns allen schönstens gegrüszt.
der Ihrige
Wilhelm Grimm.
Berlin 6. Nov. 1859.
Herrn Professor Dr. Weigand.
181.
Jacob Orimm an Weigand.
[Ende Nov. 1859]
Ich bin seit dem herbst etwas unstät gewesen,
anfang September gieng ich einige wochen noch
nach Pilnitz, wo Wilhelm schon länger war,
and länger blieb; mir war gegen das ende des
monats eine reise nach München auferlegt, und
nach den abgehaltnen Sitzungen glückte beim
schönsten wetter ein ausflug nach dem Staren-
bergersee und Eochelsee fast bis zur Tiroler
grenze hin. mitte october kehrte ich heim, bald
darauf wurde mir die sc hiller sehe festrede aufge-
laden, sie ist glücklich gehalten und bereits (wie Sie
aus dem Ihnen zugehenden exemplar ersehen) ge-
druckt; dazwischen wurde, obgleich unterbrochen, am
„Wörterbuche* nicht gefeiert, aber Sie müssen ge-
glaubt haben, dasz es noch saumseliger von statten
gehe, liebster freund, wo denken Sie hin? alle Ihre
hübschen zettel für ent sind immer zu spät gekommen,
mit ausnähme sehr weniger, die sich bei der correctur
benutzen lieszen, bereits im august war bis ent-
wachen gedruckt und in diesem augenblicke steht
y Google
366 XIX. J. und W. Grimm an Weigand.
der druck bei erbgrind, am scUusz des 45 bogens,
das volle heft wird Ihnen nächstens zugehen, natür-
lich waren auch die mir dieser tage zugekommnen
auszüge entschunngen — eppheuen vergeblich, das
thut mir sehr leid, um Ihre mühe und die sache
selbst.
Damit sollen Sie aber doch nicht geplagt und
zu rascheren mittheilungen angetrieben sein, was
ich zuletzt entbehrte musz ich auch länger entbehren
können, damit Sie lieber Ihre zeit für sich selbst,
nicht für andere verwenden, ftlr die zweite aufläge
des »wb.* lege ich haufenweis zurück, was aber
ein grausamer scherz ist, da ich sie natürlich nicht
erleben werde.
Mich soll wundem, wie Sie gleichwol mit der
unter solchen gefahren zu stände gekommnen dritten
lieferung zufrieden sein werden, es sind allerhand
neuigkeiten darin, sogar noch auf den letzten blättern
über erbe, war Ihnen die göthische stelle unter
erathmen schon bekannt?
Sie sind und bleiben unser fleisziger leser, aber
gibt es deren viele? ich fürchte die allerersten
hefte des werks haben, von der neuheit gereizt,
manche gelesen, die fortsetzungen muthen sie sich
nicht zu, sondern legen sie beiseite zu gelegent-
lichem aufschlagen., es ist aber traurig, für ein
nicht lesendes publicum zu schreiben, das beste,
was mir in einzelnen artikeln gelingen kann,
wird vielleicht zufallig in fünfzig oder hundert
Jahren wahrgenommen, am ersten wahrscheinlich
von einem föhigen neuen bearbeiter des ganzen.
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1859 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 367
Daher hat auch das jetzige publicum keine wahre
theilnahme und vermag nicht zwischen uns und den
sich dazwischen drängenden nebenbuhlern zu unter-
scheiden, oder thut es nur nach einzelnen eindrücken.
Crecelius wollte, wie Sie einmal meldeten, eine
recension erscheinen lassen, es ist aber seitdem still,
sehr gut und nöthig wäre, dasz Sanders und
Wurms Unwissenheit an ein paar schlagenden
beispielen Vor äugen gelegt würde; alles sonstige
gutmeinende gerede taugt und hilft nichts.
Gewisse Schriftsteller kann ich gar nicht über
mich bringen anzuführen, namentlich den lang-
weiligen Pyrker mit seiner »Tunisias*, undschmeisze
alle Zettel aus ihm ohne erbarmen weg. dagegen
hat sich ganz neuerlich ein begabter^ gewandter
dichter in Ostreich aufgethan, Josef Haupt mit
einem Albergerlied; er gestattet sich kühne sprach-
neuerung, hat aber wirkliches talent.
GrÜszen Sie Mathilde, ich bin ihr längst ant-
wort und dank schuldig, dasz ich vorläufig schon
Gustchen und Wilhelm damit beauftragte, gilt
natürlich nicht für voll, in einigen tagen reise ich
nach Hamburg zu einem lappenbergischen
Jubiläum, komme aber gleich zurück.
Ihr Jacob Grimm,
habe ich meinen aufsatz über die göttinBendis
geschickt? wo nicht soll er nachfolgen, damit Sie
ihn zu Tanfana und Freia legen. Begegnet
Ihnen Schwab, so danken Sie ihm doch einstweilen
y Google
368 ^X. J. und W. Grimm an Weigand. 1859
in meinem namen für die schöne abh. über die
diminution«
182.
Jacob örimm an Weigand.
Lieber freund,
was hab ich Ihnen zu melden! gestern den 16 nm
3 uhr nachmittag ist Wilhelm, die hälfke von
mir gestorben, ende des vorigen monats zeigte sich
an seinem rücken ein schwäre, der anfangs kein
bedenken einflöszte und mit dem er aufsasz und
arbeitete, den 3 dec. reiste ich nach Hamburg
zu Lapperbergs Jubiläum, wurde aber den 5
durch ein telegramm zurückgerufen, weil sich ein
drohender carfimkel entfaltet hatte, der immer zu-
nahm und geschnitten werden muste imter der
furcht, dasz er sich nach innen kehre, das schwankte,
konnte aber nicht abgewehrt werden und er ist nun
erlegen, wunderbar, dasz er grade den buchstaben
D vollendet hatte und nur correcturen zurück sind,
mein neustes heft konnte er nicht mehr sehen.
17 decemb. 1859
Jac. örimm.
y Google
1860 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 369
188.
Jacob Grimm an Weigand.
Lieber freund, ich habe so lange nicht ge-
schrieben und nicht gedankt, die vierte lieferung
wurde mit angestrengten kräften zu ende gebracht,
um eine er&ischungsreise in die Schweiz anzutreten,
ein paar reisekleider liegen gefertigt da, alle Vor-
kehrungen sind getroffen, da überfällt mich ein
tückisches kaltes fieber, das mich nun jeden abend
schüttelt und meine kräfte herunterbringt, da-
zwischen lese ich Huttens herrliche fieberdialoge,
musz aber viele stunden und halbe tage ins bette
kriechen.
Im vorüberfahren sollte die Photographie an
Sie abgegeben werden, nun folgt sie voraus, oder
ich komme gar nicht dahinter her.
Wilhelms zimmer steht noch unberührt, fallen
Ihnen gar keine bücher ein, die Sie zum andenken
an ihn haben möchten? beim ordnen seiner hinter-
lassenschafb kann ich sie für Sie herausnehmen.
Dortchen undGustchen, die scheint es auch
um ihre mitreise gebracht werden, grüszen.
Ihr Jac. Grimm.
31 jnU 1860.
E. StengeL Briefe der Brüder Grimm. 24
Digitized by VjOOQ IC
370 XIX. J. und W. Grimm an WeigancL 1860
184.
Jacob Grimm an Weigand.
Liebster freund, heute an meines bruders
todestag setze ich eiidlich die feder an imd breche
mein langes schweigen, denn es mahnt mich Dmen
sein letztes buch zu senden, das er druckfertig hinter-
liesz und das nun eben erschienen ist, ganz wie er es
wollte, von mir ist nichts zugefügt als s. 117 eine
stelle aus Mathesius.
Sie sind unermtidet mit neuen Zusendungen, ffir
die ich wie Sie denken können, herzlich dankbar
bleibe, noch stehe ich immer in E und gerathe gar
[nicht] daraus, das buchstäblich ausgedrückte es macht
die meiste mühe, dazwischen fOhle ich mich fort-
während, wo nicht krank, doch unbehaglich, wäre
doch der winter erst überstanden! Ph. Dieffen-
bachs tod wüste ich noch nicht. Lorenz Diefen-
bach, der sich vernünftigerweise das eine f erspart,
hat mir sein neues buch geschickt, es ist gleich
allen, was er gibt, gelehrt und fieiszig, aber zu
lesen schwer. Dithmars in Marburg grammatische
thätigkeit ist mir was ganz neues. Sie haben wol
Rumpelts lautlehre zur band genonmien, das
heiszt Sanskritergebnisse auf mein werk gepfropft
und niemand weisz ob die reiser angehen, wir
haben noch erschrecklich viel auf unserm boden zu
lernen und die fremden anschlüsse könnten inuner
noch warten.
Freilich soll ein band „weisthümer" gedruckt
werden, ich habe die schönsten Zuflüsse aus dem
y Google
1860 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 371
Elsasz und aus Niedersachsen, was Sie mir auszer
den früheren mittheilungen noch dazu geben wollen,
soll mir lieb sein. Dr. Thudichum hat mir neu-
lich sein wahrscheinlich sehr gutes buch über die
marken gesandt, ich bin aber noch nicht dazu ge-
langt, es zu lesen, also noch weniger ihm zu danken,
brief schreiben bringt mich aus den wenigen fugen,
die mir übrig sind, bekommen Sie ihn zu sehen,
80 melden Sie ihm vorläufig meinen grusz und ich
würde die gleichfalls angebotenen weisthümer mit
freuden annehmen.
Es soll mich wundem , wie Sie den ,
den Sanders packen werden, er ist kein dummer
köpf und hat sich im bereich der jetzigen spräche
tüchtig und fleiszig umgethan, doch wirft er alle
Wörter untereinander, ich könnte ihn manchmal
mit nutzen nachschlagen, es widersteht mir aber
und lieber lasse ich ihn fahren. Zu Wurms heften
ist nicht einmal ein titelblatt erschienen, oder haben
Sie eins?
Wie ganz anders ist Ihre grundehrliche aus ge-
naustem forschen hervorgegangene arbeit gegen-
über diesen beiden gesellen! prächtig also, dasz Sie
eine neue lieferung verkündigen.
Im neusten doppelheft von Haupts Zeitschrift
steht eine sehr umständliche abhandlung Keiles über
Otfrieds verbalflexion, eigentlich ohne auffallendes
ergebnis, einiges aus Wilhelms nachlasz und ein
fleisziger artikel Müllenhoffs über die heldensage,
worin Sie das ags. bruchstück von »Walther imd
Hildgund** erfreuen wird, falls Sie es nicht schon
Digitized by VjOOQ IC
372 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1861
aus der kopenhagener publication her kannten.
Wir grüszen alle und ich besonders die gute
Mathilde, die zuweilen von mir mit Ihnen spricht.
Jac. Grimm.
16 dec 1860.
185
Jacob örimm an Weigand.
Mein lieber und langmütiger freund,
Wie lauge hätte ich schon geschrieben und
immer wieder gedankt, wüste ich nicht, dasz sie sich
ganz in meine läge denken und ToUkommen ein-
sehen, wie schwer mir das briefschreiben fällt, zwar
schreibe ich viel den ganzen tag fort am Wörterbuch
und mag mich nicht darin unterbrechen, hätte ich
blosz Ihnen zu antworten, so ergienge es leicht und
regelmäszig, wenn aber zehn, zwanzig unbeantwortete
briefe vor mir auf dem tische liegen, fählt sich mein
gewissen belastet und fiült in schwereren rückstand.
Sie haben mir Ihre anzeige des Sanderss über-
schickt und ihn schön erfaszt und abgefertigt, gehn
Sie auch zu weit in meinem lob, so schadet das der
gerechtigkeit des über ihn ergossenen tadeis nichts,
sein buch ist mir ekelhaft, sonst könnte ich seine
irrthümer in menge aufdecken, ich lasse es lieber
ungelesen liegen, wenn mich nicht noch einmal noth
dazu drangt, aber was Sie sagen reicht schon voll-
kommen hin, zum
y Google
1861 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 373
spasz lege ich Ihnen hier einen mir vor 14 jähren
von ihm geschriebnen brief bei, er hatte sich an
mich gewandt und um den band von Tommaseo
canti popdari gebeten, worin die neugr. lieder
standen, ich schickte ihn dem mir völlig unbekannten
und empfahl auch seine eigne samlung neugr. lieder,
die er mir zur ansieht mitgetheilt hatte, einem
hiesigen buchhändler zum verlag. von ihm selbst
wüste ich nichts und meine äugen haben ihn nie
erblickt, der mir für meine gefälligkeit erstattete
dank kam 1852. 1853 in den Hamburger heften
über das Wörterbuch heisz an den tag, sein name
war mir entfallen und ich besann mich erst hinter-
her auf die frühere bekanntschafk
Dasz Ihnen im letzten heft einige artikel zu-
sagen hat mich erfreut und belohnt, andere leute
sagen mir kein wort dazu und dasz überhaupt mein
werk hier nicht den geringsten eindruck macht, ent-
nehmen Sie aus des königs letzter rede, die mit
einer phrase feierlich schlieszt, welche ich fttr einen
Sprachfehler erkläre!
Diese tage lasse ich Ihnen unter band den catalog
unsrer Götheausstellung zugehen, worin Sie merk-
würdiges finden werden, p. 23 eine herliche bisher
ungedruckte stelle.
Unterdessen habe ich auch das msp. ftlr die fort-
setzung der ,,weisthümer^ zugerüstet und nach
Leipzig in den druck abgehenlassen, schönen dank
bitte ich herm dr. Thudichum fÖr seine richtig
empfangenen Sendungen zu sagen.
Digitized by VjOOQ IC
374 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1861
Sonst aber pflüge ich im F und der druck ist in
vollem gang, dank för Ihr letztes heft habe ich
möglicherweise doch zu erstatten vergessen, Sie be-
zweifeln nicht, dasz mir von Ihrer band alles lieb
und werth ist, abgesehn von dem vielen nutzen den
man daraus schöpft.
Mathilde ist wol wieder daheim, sie wird sich
in Frankfurt recht gefallen haben, wir lassen sie
alle herzlich grüszen. ich freue mich, dasz Roth
genesen ist und eine zusagende Stellung erlangt hat.
Ihr treuer freund Jac. Grimm.
9 juni 1861.
186.
Jacob Grimm an Weigand.
B e r 1 i n 6 aug. 1861
Liebster freund, hier schicke ich Ihnen meines
sei. bruders abhandlung von den ,Christusbildem",
die Sie, glaube ich, noch nicht besitzen und zu haben
wünschten. Längst habe ich vor, da ich mich
in meiner stube zu enge fühle, die thür in der sie
von Wilhelms seiner scheidenden wand zu öfhen
und mich mit meinen büchem in den gröszeren
räum auszubreiten, es ist aber immer unterblieben,
weil es mich rührt, die in seinem zimmer fort-
bestehende einrichtung zu zerstören, sobald es ge-
schieht, werden sich auch unter seinen büchem die
mir ganz entbehrlichen aussondern und ich im stände
y Google
1861 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 375
sein Ihnen einige derselben als andenkzeichen dar-
zubieten, falls sie Ihnen selbst mangeln.
Mein Verleger in Leipzig hat schweres leid er-
fahren, sein Schwiegersohn, buchhändler Bädeker
in Koblenz ist gestorben and nun kehrt die junge
witwe ins väterliche haus zurück.
Mein neflfe Herrn an reist nach Ostende ins See-
bad und von da nach London, wo sich ungedruckte
briefe Mich. Angelos befinden, die er zur fort-
setzung seines Werkes nöthig hat.
Jetzt ist hier zum besuch prof. Pfeiffer aus Wien,
mir ein angenehmer, besonnener und gründlich ge-
lehrter mann, der bekanntlich für unser mittelalter
schon viel geleistet hat und noch mehr zu stände
bringen wird, dem Haupt, dem allzusteifen an-
hänger lach man nischer lehren ist er ein dorn im
äuge, noch neulich hat er sich in der „Germania*^
gegen die übertriebnen Vorstellungen von höfischer
kunst und höfischen Wörtern bei den dichtem des
13 Jh., wie mir scheint, sehr treflfend ausgelassen.
Sanders hat, was und wie Sie es voraussahen,
auf dem letzten Umschlag geantwortet, ich glaube
fast Sie können aller erwiderung überhoben sein,
Zarnke müste es denn wünschen, und auf den fall
stehen Ihnen waflfen genug zu gebot, ich hofle
nach verlaufnen fünfzig jähren wird mein Wörter-
buch mehr eindruck machen als heutzutage und
sein machwerk ziemlich ungebraucht zur seite liegen
bleiben.
Fräulein Mathilde hat mich höchlich erfreut
und meine Sammlung von Photographien mit einem
y Google
376 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1861
zierlichen bildchen vermehrt, sagen Sie ihr meinen
schönsten dank. Auguste legt ein bändchen bei,
das sie vielleicht tragen mag.
Meine fortdauernde dankbarkeit für die von Ihrer
band eingehenden genauen zettel versteht sich von
selbst, ich rücke auch das zu spät kommende bei
den correcturen noch immer gern ein , - bisweilen
geht es nicht mehr an.
Treu ergeben Ihr Jac. Grimm.
187.
Jacob Grimm an Weigand.
am 21 december 1861.
Lieber freund, wieder hats gewaltig lange ge-
dauert mit meiner antwort auf die reihe von briefen
und Sendungen, die mir Ihre unermüdliche freund-
schaft zu theil werden liesz. ich brauche Ihnen ja
nicht erst zu sagen, wie wenig oder fast keine zeit
ich behalte, wenn ich mich anstrenge und über der
bald erfreuenden bald auch lästigen arbeit sitze, wie
machen die Zusammensetzungen mit fdd fds fest
feuer langeweile, nur hin und wieder fahren ein
paar seltene Wörter durch und erfrischen, zu briefen
gehören ruhige augenblicke, die ein von den Leip-
ziger druckerraben angeschriener autor gar nicht
mehr auftreibt, oder meint er auch einen zu haschen,
gleich drängt sich eine etymologie dazwischen, die
dann verführerisch ist und fortgesponnen wird.
y Google
1861 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 377
Vorigen herbst, ja was sollte ich in Frankfurt!
meine hari;hörigkeit macht mich ungeschickt öflFent-
lichen Versammlungen beizuwohnen, was thut einer
darin, der nicht in die erörterung der dinge ein-
greift? zudem reizten mich die vorschwebenden
gegenstände gar nicht
auch die grosze discussion über
die ausspräche des gr. und lat. ialte ich für fehl-
gegrifiFen und heilsame ergebnisse erwarte ich davon
nicht. Roth ist ein guter kerl, bringt aber nichts
an den tag, denn die Umarbeitung der fragen vom
Schwanritter kann ohne aufgefundne neue hs. nichts
ausrichten.
es war fast zu denselben tagen, dasz ich auch
nach München reisen sollte, wohin ich ebenso
wenig gegangen bin. meine frauensleute besorgten
allerlei schaden für meine gesundheit; hätte ich das
im october eingetretne wetter vorausgesehn , wäre
ich doch dahin gelangt.
Gestern habe ich msp. bis zum worte feueraeug
lassen abgehen, auszerdem ist der druck der „weis-
thümer" in vollem gang imd bereits 25 bogen des
vierten bands sind fertig geworden.
Ihre reinen, genauen auszüge brauche ich treu-
lich, von Du$ch^ Doellinger, Kretschman u. a. m.
stände ohne Sie gar nichts im „wb." ; einige zu spät
eingetroffene zettel konnten nicht mehr eingeschaltet
werden. Wenn Sie überhaupt mein quartexemplar
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378 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1861
des abdrucks einmal ansehen sollten, wie alles von
nachtragen wimmelt! ihrer natur nach können
bücher dieser art erst gut werden bei zweiter auf-
läge, die ich nicht erleben kann, noch viel minder
als die erste vollführen, gleichviel widerstehe ich
nicht dem trieb und der lust zusätze beizuschreiben.
Ob das Wörterbuch überhaupt ordentlich gelesen
wird von andern als von Hildebrand und von
Ihnen, ist mir durchaus zweifelhaft , selbst leuten
wie Crecelius traue ichs nicht zu. die übrigen
leser, an sich geneigt und einigermaszeu gerüstet,
haben ihre lust längst gebüszt an den ersten heften
und fühlen sich durch die wucht der nachfolgenden
erdrückt, einzelne artikel zufällig aufschlagen, zu
welchen neugier oder etwas anderes führt, das ist
alles, seien also entdeckungen noch so hübsch, Zu-
sammenstellungen noch so gelegen, sie werden nicht
durchdringen, bis die zukunft allmählich sie ans licht
fördert, auf wirkliche und gegenwärtige theUnahme
darf ein lexicograph noch viel weniger rechnen als
ein grammatiker. daher auch die critik, wo sie
nicht durch andere gründe aufgerufen wird, b'eber
schweigt.
Sie stehen, bester freund, schon in JJ, laufen mir
so vor, dasz ich Sie gar nicht einholen werde.
Neulich haben wir eins der besten bilder von
Wilhelm photographisch verkleinern lassen imd
ich lege Ihnen einen abzug bei. gerade zur zeit
des bildes kränkelte er, was sich im gesicht noch
ausdrückt, sonst aber ist die ähnlichkeit grosz.
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1862 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 379
Was Sie von Pfeiffer melden begreife ich nicht,
ich habe briefe von ihm geschrieben am 6 nov. und
am 6 dec, worin kein wort von krankheit. Sein
glossarzu »Meyenberg** hätte mir schon grosze dienste
leisten können, wird es aber auch noch künftig
vermögen.
Wir dreie grüszen Sie und Mathildchen.
Ihr Grimm.
188.
Jacob Grimm an Weigand.
Sie haben mich verwöhnt, lieber Weigand,
Sie sind doch nicht krank? das sei ferne, eher
denke ich mir Sie nach Darmstadt gereist, wo Sie
der groszherzogin feierlicher bestattung bei-
wohnen sollen.
meine siebente lieferung ist in Ihren bänden und
es wird damit sein wie mit den vorausgegangenen,
manches gefällt Ihnen und anderes behalten Sie der
prüfung vor. einmal lobten Sie meine gedrängtheit,
wenn das nur nicht den tadel einschlieszt , dasz
vieles Ihnen nicht ausführlich genug dargelegt scheint,
die breite spur des werks macht mir sorge, es konnte
nicht anders als weitläuflig werden, wenn es seinen
zweck erfüllen soll, so weitläuftig, dasz geboten
war, der sache die form nachzusetzen, die also oft
weichen und nachgeben musz.
letzte woche habe ich die drei schweren Wörter
fliegen^ fliehen und flieszen fertig gebracht und
einiges neue darüber vorgetragen.
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380 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1862
Sie wollen dem Wh. Ho ff mann die ehre einer
recension erweisen, das ist ein armer tropf, der
sich ohne innere ausrüstung an die schwerste sache
wagte und jBngerfix alles ausführte, unbesehens hat
er den Campe ausgeschrieben imd nur neue bei-
spiele zugefügt, die doch das brauchbarste bei ihm
gewesen sind, auf den umschlagen hatte er die
einen satz gegen mich abdrucken zu
lassen.
ich lege Ihnen ein bild von Fichte bei, dessen
deutscher geist mir lieb und theuer, dessen philo-
sophie mir zu redselig und überspannt ist.
29 mal 1862
Jac. örimm.
189.
Jacob örimm an Weigand.
Lieber freund, ich war mit der Schwägerin
und Auguste, bei günstigstem wetter, zwei wochen
zu Arnstadt, das reizend gelegen ist und auf allen
Spaziergängen vergnügt und erhebt, die Thüringer
sind ohne zweifel das gutmütigste, freundlichste volk
von ganz Deutschland, grüszen und meinen es mit
aller Zuvorkommenheit, ausflüge gemacht wurden
nur nach dem etwas rauhem Ilmenau im gebirg,
anfangs war der plan etwas gröszer gefaszt, wir ge-
dachten auch nach Hessen, hätten zu Cassel ein paar
tage verweilt, dann einen besuch in Gieszen, Sie
können sich denken bei wem abgestattet und die
y Google
1862 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 381
neue Siegener bahn zu befahren oind über Cöln
heimzukehren, dazu war aber doch die schwache
gesundheit der Schwägerin nicht recht angethan
und es muste, so grosze lust sie selbst hatte, unter-
bleiben, gestern besahen wir uns Erfurt und den
schönen dorn genauer.
Glücklich hatte es sich gefügt, dasz wir einen
tag mit Fritz Reuter, den ich bereits kannte,
yerbrachten. er selbst lag krank in einem neben-
zimmer, doch an der table dhote hatte mich seine
frau wahrgenommen und brachte mir gleich nachher
den zweiten theil von ,olle Kamellen', worin er
seine greuliche festungszeit aufs anmutigste schildert,
ich weisz nicht, welche von seinen büchem Sie ge-
lesen haben, aber alle verdienen gelesen zu werden,
die harte noth ist es, die ihn zur feder gefOhrt hat,
und nun ist er einer unsrer geistreichsten Schrift-
steller; wenn man will, so liegt darin eine ent-
schuldigung des harten Unfalls, der sein leben ge-
troffen hatte, sonst hätte er nie gedichtet, er steht
hoch über dem viel zu viel gepriesenen Groth,
dessen gedichte man immer meint schon irgendwo
hochdeutsch und besser gelesen zu haben, bei
Reuter ist alles voller und natürlicher ergusz. er
blieb nicht zu Arnstadt, sondern gieng ins kalte
bäd nach Elgersburg.
Gestern abend lagen vier briefe von Ihnen auf
meinem tisch, vielmehr nur ein brief und vier zettel-
austheilungen. das achte heffc hätte schon vor
meiner abreise fertig gedruckt sein können und
y Google
382 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1862
sollen, von meiner seite liegt alles msp. langst
dazu in Leipzig, die druckerei wdr lässig, ein cor-
rector muste ins bad und nun zu allerletzt macht
meine kleine reise einen aufschub, denn es ist nöthig,
dasz ich selbst alle bogen durchsehe, wo noch aller-
hand einzuschalten, die lieferung wird aber, meiner
rechnung nach, noch alle Zusammensetzungen mit
fort befassen.
Schmidt von Werneuchen ist ein wirklicher
dichter imd ein begabter. Göthe hat zwar das
tibermasz seiner Zufriedenheit mit der spärlichen
märkischen natur geistreich überlegen verspottet;
die rothen beeren um den hals seines liebchens
gereiht gehen dem sänger über die kostbarsten
korallen. allem höhn zum trotz hat aber seine
empfindung an sich Wahrheit, dieselbe Wahrheit,
kraft welcher wir den umständen nach den
eindruck einer deutschen landschaft über die
glänzendste italienische gegend setzen dürfen,
denn wenn in der natur das kleinste so wundervoll
ist wie das gröszte, so kann sie auch das masz
unseres entzückens wie unserer betrachtung an jeder
stelle füllen, ich gebe zu, dasz Voss und Mat-
thisson auf Schmidt eingewirkt haben, dies alles
von ihm abgezogen bleibt aber genug echtes eigen-
thum zurück, von dem sich andere unverspottete
dichter etwas zu wünschen hätten, ich habe seine
gedichte mehrmals gelesen, bald von Göthes ge-
sichtspunct ausgehend, bald des dichters werth er-
kennend, eine ausgäbe gieng mir verloren, hernach
habe ich mir die von 1797 angeschaft imd danach
y Google
1862 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 383
citiert. die vorrede der von 1802 kann ergeben, ob
er in der Zwischenzeit feilte und änderte.
Lieber freund, sehen Sie doch beiliegendes Ver-
zeichnis von büchem aus meines sei. bruders hinter-
lassenschaft an. sie ständen Ihnen sämtlich, ohne
ausnähme, zu dienst, es wäre mir eine freude, wenn
Sie alle annehmen uud gebrauchen könnten oder
auch als dupletten zu Wilhelms andenken aufheben
wollten, da er in viele derselben manches ein-
geschrieben hat. mindestens sein Sie so gut mir
durch unterstreichen zu bezeichnen, was ich Ihnen
senden darf.
* mit herzlichem grusz. 5 sept. 1862.
Jac. Grimm.
190.
Jacob Grimm an Weigand.
Lieber freund, ich habe, weil ich gar nicht dazu
kommen konnte und noch jetzt in einem Strudel von
arbeiten stecke, lange nicht geschrieben. Wahr-
scheinlich ist Ihnen unbekannt, dasz ich anfangs
october zur historischen commission nach München
muste, worüber ein paar wochen verstrichen, in
Nürnberg bin ich auch zwei tage geblieben, in
Augsburg nur durchgefahren, die philologen-
versamlung war da eben gewesen, zu welcher Sie,
Ihrem früheren vorsatz entgegen, sich auch nicht
eingefunden hatten; grosze frucht wird Ihnen nicht
entgangen sein.
y Google
384 XIX. J. rmd W. Grimm an Weigand. 1862
Seitdem habe ich das Wörterbuch fOr eini^
monate bei seite gelegt, um den vierten band der
„weisthümer** mit einer langen und mühsamen vor-
rede auszustatten, die allerhand neues, ja unerhörtes
bringen und die Juristen in einiges erstaunen setzen
soll, eilen Sie also nicht mjt zetteln zum vierten
bände des wb., von dem nur zwei bogen gesetzt
sind; ich bedarf ihrer erst im neuen jähr.
Mich fireut, dasz Ihnen Wilhelms bücher lieb
sind, zwar trenne ich mich schwer von allem, worin
sich die züge von seiner band finden, ich bin aber
reich daran und zufrieden, dasz einiges auch in
Ihren besitz gekommen ist. •
In niederhessischen landstrichen herscht, herschte
wenigstens noch im vorigen jh. der brauch, dasz
wenn im dorfe das kind eines gefallnen mädchens
getauft wurde, fast alle ledigen bursche pathenstelle
übernahmen, 20, 30 bis 50 auf einmal, sollte da-
mit die verlassene dirne getröstet werden? sind
spuren dieser sitte auch in Oberhessen, namentlich
im Vogelsberg? das werden Sie wissen oder leicht
erfragen.
Jac. Grimm.
29 nov. 1862.
191.
Jacob örimm an Weigand.
Lieber Weigand,
Hierbei folgen die „weisthümer". das buch
würde etwas mehr eindruck machen, wenn es, wie
dby Google
1863 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 385
mein vorsatz war, von der vorrede geleitet wäre,
doch schien es hernach damit zu viel und die be-
sondere abhandlung kann sich bequemer ausstrecken,
nur macht der umgusz in die neue form mir mehr
zu schaffen als ich dachte, das „ Wörterbuch*' hat
darunter zu leiden.
ich hatte mir von dem vorbericht eine correctur
aus Leipzig hierher bestellt, die aber im drang der
dinge .ausblieb, darum siud einige ärgerliche fehler
stehen geblieben, s. IV z. 6 von unten [musz]
,8 c h a d e* für ,nachtheil' gelesen werden und s. V. z. 2
,aus dem vorrath zu Darmstadt.^
dank für Ihre achte lieferung, in der Ihre ganze
art und weise wieder so an den tag tritt, dasz der
vorangestellte name Friedrich Schmitthenners
ganz imgehörig erscheint. Sie verstehen es einzu-
ernten und ähren zu lesen, ich habe nicht zeit auf
einzelnes einzugehen. Sie sehen nun den schlusz
des Werkes deutlich vor äugen, für meine arbeit
liegt er in undurchdringlichen nebel gehüllt.
meine Schwägerin und Auguste lassen
wieder grtiszen. mit unveränderlicher freundschaft
der Ihrige
Jac. ör.
5 Jan. 1863.
192.
Jacob örimm an Weigand.
Lieber freund, ich habe alles dankbar imd richtig
erhalten
£. Stengel. Briefe der Brüder Orimm. 25
Digitized by VjOOQ IC
386 XIX. J. und W. Grimm an Weigand. 1863
wenn Sie lust haben, das elende buch von d^Hargues
schärfer anzugreifen, können Sie auch das beifolgende,
allerdings seltsame, aber doch viel bessere mit be-
sprechen, es ist nicht im buchhandel und würde
yielleicht sonst nicht Ihnen zu hand konmien, Sie
dürfen, wenn Sie mögen, das exemplar behalten.
Der druck des wb. muste eine pause haben, die
beifolgenden aushängebogen 1. 2 (ich brauche sie
nicht zurück) waren bereits Weihnachten gedruckt,
jetzt gehts nun weiter und 3. 4 sind schon gesetzt.
Sie brauchen fernere beitrage gar nicht zu be-
schleunigen.
Es ist unsicher dasz Fladungen aus einem per-
sonennamen entspringt, da umgedreht manche per-
sönliche namen in örtlichen ihren grund haben, z. b.
Friedberg, Frankfurt, die entw. für FriedbergeTj
Frankfurter stehn, oder wobei man sich ein aus-
gefallnes von zu -denken hat.
Pörstemann läszt jetzt excurse zum namen-
buch drucken, worin es an gutem nicht fehlen wird.
Mathildens schöne grüsze ergehen so freund-
lich, dasz sich die erwiederung von selbst versteht.
am 23 merz 1863
Jac. Grimm.
y Google
1863 XIX. Auguste Grimm an Weigand. 387
198.
Auguste Grimm an Weigand.
Montag früh.
Lieber Herr Professor.
Gestern Abend bald nach 10 ühr hat unser
theurer Onkel, Ihr lieber Freund seine Seele aus-
gehaucht und ist nun wieder mit dem Papa zu-
sammen. Vor etwa 12 Tagen, nachdem er 3 Wochen
fast, mit uns im Harz war und sehr wohl zurück-
gekonmien, mit wahrer Herzenslust wieder an die
Arbeit gegangen, befiel ihn eine heftige Leber-
entzündung, die aber durch Blutigel und Calomel
gehoben wurde, so dasz er wieder mit Apetit ass, im
Bett las und Notizen machte. Vorgestern Nach-
mittag stand er erlaubtermassen etwas auf, ging
zum Fenster ganz allein und ruhte dann auf einen
gewöhnlichen Rohrstuhle, da fiel er mir, nachdem
er auf einige Fragen nicht geantwortet, auf den
Arm, sah mich so lieb an ; ich dachte er sterbe, da
er so bleich, oder eine tiefe Ohnmacht — ach es
war ein Schlaganfall, der die rechte Seite getroffen,
Zunge und Hand gelähmt ! er konnte nicht sprechen
und Sie können denken wie herzzerreissend es fCbr
uns war, als er es gern thun wollte. Die Nacht
lag er meist im Traum, gestern Nachmittag aber
um 3 richtete er sich plötzlich auf und nun begann
die wahrlich schwerste Arbeit, die er je gethan:
das Fieber jagte , das Herz pochte zum zerspringen
das so zu sehen ohne helfen zu können
war zu schrecklich, erst 20 Minuten nach zehn war
25*
Digitized by VjOOQ IC
388 XX. J. Grimm an Diefenbach. 1836
das noch so starke Leben bezwungen, er liegt so
mit den Ausdruck der Herzensgüte, die der Puls-
schlag seines Lebens war, auf seinem Bett: man
möchte ihn gar nicht verlassen, seine Bücher um-
stehen ihn wie Waisen. Er kannte uns, das sind
wir sicher, bis zu den letzten Augenblicken, dann
richteten sich seine Augen der neuen ewigen Heimath
zu. Wir sind Ihrer treuen Theilnahme so sicher
und wissen Sie denken an uns. Mit herzlichsten
Grüssen
Ihre tiefbetrübte
Auguste Grimm.
XX. Acht Briefe von Jacob Grimm an
Dr. Lorenz Diefenbach.
194.
Hochgeehrter Herr,
Neue Bücher zu lesen mufs ich leider immer auf
die Ferien verschieben, und gleich bei dem Anbruch
der gegenwärtigen habe ich das mir durch Ihre
Güte übersandte mit manigfacher Belehrung durch-
lesen. Entschuldigen Sie also daCs mein Dank so
spät erfolgt. In vielem pflichte ich Ihrer Ansicht
bei, in einigem weiche ich ab; das labt sich aber
nicht brieflich verhandeln. Auch für die Meldung
dals die Laubacher Bibl. nichts altdeutsches ent-
halte bin ich verbunden. Auffallende (gelegentlich
sich Ihnen etwa darbietende [Randbemerkung])
y Google
1836 XX. J. Grimm an Diefenbach. 389
mythologische Spuren aus Ihrer und der Vogels-
berger Gegend wären mir willkommen.
Mit aufrichtiger Hochachtung
ergebenst Jac. Grimm.
Göttingen 20 Merz 1836.
Sr. Wolgeboren Herrn Dr. L. Diefenbach, Bibliothecar zu
Solms Lanbach bei Giefsen.
195.
Ew. Wolgeboren
gefällige Mittheilungen haben mich gar sehr gefreut,
besonders die Bruchstücke „wetterauischer Volks-
sagen" ; (ich dachte mir die frankfurter Verfeinerung
in den kern des Vogelsberges noch uneingedrungen.
um Ulrichstein und Crainfeld herum wäre zu suchen.
[Randbemerkung]), was Ihnen künftig von dieser
Art aufstöfst, ohne dals es Ihnen Mühe macht sich
danach zu erkundigen, wird mir immer lieb sein.
Die Benennung , Narrenbrunnen** bei Dauemheim
sieht neuerfunden aus, es käme darauf an zu wissen,
wie sie früher, etwa in Urkunden, lautete.
Dafs Sie zu einem wetterauischen Idioticon
sammeln war mir eine nicht weniger erfreuliche
Nachricht.
Die dortige Hs. des „Barlaam** hat mein College
Benecke bereits vor 10 — 12 Jahren einmal hier
gehabt und excerpiert. Gedruckt darüber habe ich
nichts gelesen. Das Gedicht ist jünger als das des
Rudolf von Monfort, und seine Herausgabe
würde Gelegenheit zu interessanter Vergleichung
y Google
390 XX. J. Grimm an Diefenbach. 1846
geben; ob aber ein Verleger seine Rechnung dabei
fände, steht dahin. Mit Yollkommenster Hochachtang
ergebenst
Jac. Grimm.
10 Mai 1836.
Sr. Wolgeboren Herrn Bibliothecar Dr. Diefenbach, Laubach
im Darmstädtischen.
196.
Hochgeehrter herr,
soviel ich weifs gilt es bloCs für forsten « dafis
man bei Zueignungen vorher zu fragen nöÜiig hat,
durch Ihr buch wäre ich desto angenehmer über-
rascht worden, wenn ich nichts davon gewust hätte,
es soll mir aber, da ein zufall Sie gezwungen hat
mich schon jetzt davon zu unterrichten, dennoch
froh willkommen sein. Lassen wir buchhändler
darüber schwätzen was sie wollen.
Es war mir sehr lieb diesen herbst Ihre persön-
liche bekanntschaft zu machen. Ihre gelehrsamkeit
kannte ich bereits aus Ihren Schriften, allein ich
werde sie jetzt mit um so gröCserer lust zu ge-
brauchen fortfahren.
Da Ihr zweiter gothischer band nicht so schnell
erscheint, melden Sie mir doch gelegentlich, wenn
Sie mir einmal wieder schreiben, ob etwas und was
Sie über duUhs (festum) herausgebracht haben.
Von herzen
Ihr Jacob Orimm.
Berlin 12 nov. 1846.
y Google
1846 XX. J. Grimm an Diefenbach. 391
197.
Berlin 30 dec 1846
Hochgeehrter freund,
Ihr mir im voraus angekündigtes buch ist nun
schon seit einigen wochen in meinen händen und
ich danke Ihnen für den beweis Yon Zuneigung den
Sie mir dadurch gegeben haben. Noch konnte ich
es nur zum theil lesen, aber alles was ich las ist
verständig gedacht und klar ausgedrückt; eigen-
thümlich und gelungen scheint mir die beständige
Verbindung der syntax mit den formen.
Auch freut es mich zu hören, dals Sie schon die
fortsetzung Ihres „goth. wb.* begonnen haben, ich
lasse jetzt, oder habe ich es Ihnen schon gemeldet?
eine »geschichte der deutschen spräche* drucken,
die mancherlei neues wagt, die dakischen pflanzen-
namen handelt ein eignes capitel ab, und was ich
in der academischen abhandlung „über die Geten*
vorläufig in die weit schickte, wird nun, hoffe ich,
fester begründet werden, wer nicht den mut hat
auf entdeckungen sich einzulassen, macht auch keine,
und dafs auch gefehlte schlage fallen müssen bevor
man trift, versteht sich.
Leben und arbeiten Sie vergnügt.
Ihr Jacob Orimm.
Herrn Dr. Lorenz Diefenbach, Offenbach am Main.
y Google
392 XX. J. Grimm an Diefenbach. 1851
198.
Verehrter freund,
überlange zeit habe ich meinen dank aufge-
schoben, doch, wie Sie nicht zweifehl, Ihr geschenk
mit herzlicher freude empfangen, erst wanderte es
zum buchbinder, hernach kamen andere geschäfte
dazwischen, in der letzten zeit suchte ich vergeblich
Ihren brief , der sich unter andere papiere verloren
hat, soda& ich heute nicht einmal bezug darauf
nehmen kann.
Ich wünsche Ihnen glück eine solche arbeit mit
der Ihnen eignen beharlichkeit überwältigt zu haben
und lafse Ihrem fleifs, Ihrer genauigkeit die grö&te
gerechtigkeit widerfahren, zugleich ehre ich Ihre
milde gesinnung, welche Sie für die leistungen
anderer empfänglich und duldsam macht, obschon
man oft oder immer lieber nur Ihre eigne meinung
vernommen hätte. Dafs Ihr Buch schwer zu lesen
ist, werden Sie zugestehn; man mufs es erst beim
eignen studium recht kennen lernen und gewahren
wie viel es in sich birgt. Dafs ich aber auf ein-
zelnes eingienge verlangen Sie nicht, denn ich würde
kein ende finden und würde Sie selbst durch zu-
stimmende beitrage mehr plagen als erfreuen.
Meine eignen arbeiten haben ununterbrochnen fort-
gang, doch bei steigendem alter etwas mühsamer
imd schwerer in einer auf uns allen lastenden läge
des Vaterlandes, der gröfste theil meines lebens war
mit frohen hofiiungen erfüllt imd es thut wehe
ihnen am schlufs desselben entsagen zu müssen;
y Google
1851 XX. J. Grimm an Diefenbach. 393
mut und yertraueu behalte ich dennoch, wenn auch
eine aussieht nach der andern schwindet.
Statt des ewigen umscha£fens und bessems an
alten bücher schriebe ich lieber neue, deren mir
einige in gedanken fast fertig liegen; es hat also
auch seine gefahr in einigem glücklich gewesen zu
sein, weil es pflichten auferlegt.
Möchten Sie einmal ein flielsenderes werk
schreiben, in dem sich die gelehrsamkeit minder
drangt und schichtet, wenn Sies können. Pott
kanns auch nicht, wie mir scheint.
Bleiben Sie mir zugethan, ich erinnere mich
eines morgens, an dem Sie mich freundlich ge-
leiteten, als ich unter dem heftigsten kopfweh aus
der nationalyersammlung nach hause gehen muste.
Grüfsen Sie auch Ihre frau, die ich einmal in Ihrem
hellen haus an der eisenbahn besuchte, und hernach
kurzsichtig auf der frau Belli sopha nicht wieder
erkannte.
Jacob Grimm.
Berlin 15 juli 1851.
die einlage an Weismann bitte ich abgeben
zu lassen.
199.
Verehrter freund,
beifolgendes habe ich von Halbertsma in
Deventer för Sie erhalten, ich hoflFe immer, dasz
Ihr aus den alten Yocabularien zusammengetragnes
y Google
394 XX. J. Grimm an Diefenbach. 1857
Wörterbuch noch so frühzeiidg ersclieint, dasz ich
daraus für meins beträchtUchen gewinn ziehen kann,
sicher werden Sie uns sagen, wie ich in der vor-
rede aussprach, welches das erste deutschlat. Wörter-
buch war. auch wird Ihnen nicht entgangen sein,
dasz ich die Schreibung Ihres namens, nachdem Sie
das überflüssige F ausgestoszen haben, rechtfertige,
meine etjrmologien werden andern nicht gefallen
und Widerspruch finden; allein ich glaube doch auf
rechtem wege zu sein imd unsrer spräche zu vindi-
eieren was ihr gebührt, wie ich es meine, ist noch
nicht überall klar und ich denke besonders acade-
mische abhandlungen auszuarbeiten.
Sein Sie gegrüszt von Ihrem
Jacob Orimm.
25 mal 1854.
200.
Berlin 28 juni 1857
Ein werthvoUes, prächtiges geschenk haben Sie
mir gemacht, lieber Diefenbach, ein buch wie man
sie sonst gar nicht verschenkt, ich werde es an
allen ecken und enden gebrauchen können, ein
deutscher index dazu wäre erwünscht, freilich schwer
einzurichten gewesen, mögen Sie freude an der
mühsamen arbeit erleben, der es an vielfacher an-
erkennimg in Frankreich, Holland, England u. s. w.
nicht mangeln wird.
Ich schlug auf der stelle nach was mich gerade
reizt, nemlich unter TeuUmia und theutanicus
y Google
1857 XX. J. Grimm an Diefenbach. 395
hochteutschlant und hochteutscher, beide
aus 75, also dem voc. ine. tewt, ante IcUinum, in
welches jalir ungeföhr wt&rden Sie die dem druck
Yon 1515 Yorhergegangne ausgäbe setzen? nach
Panzers annalen s. 203 steht auf dem titel von
Geszlers rethorik Straszb. 1493 hochtütscher
Stylus, der ausdruck könnte aber bereits firüher
gegolten haben, es liegt mir daran, ihn zu fixieren,
unter celsus und sublimis haben Sie nur hoch^ kein
hochdeutseh.
Nächstens hoffe ich Sie mit einer zwar kleinen,
Ihren gedanken doch nicht fremden arbeit zu über-
raschen.
Es ist ein Jammer, dasz Sie in der weit den platz
nicht finden können, dessen Sie wtlrdig sind, auch
ich habe von der ultramontanen ansieht, die selbst
unter Protestanten herumspukt, manches zu erfahren
und zu leiden, die religion statt dasz sie die
menschen befriedigen sollte erbittert sie unterein-
ander.
Komme ich einmal wieder nach Frankfurt, was
so leicht auszufOhren ist, so suche ich Sie sicher
auf.
Ihr Sie hochschätzender freund
Jac. Grimm.
201.
Lieber Diefenbach,
schon ein paar monate sind Ihre y^origines. eurch
paeae* bei mir, ich habe den dank aufgeschoben,
weil ich mich erst in das schwere buch einlesen
y Google
396 XX. J. Grimm an Diefenbach. 1861
wollte, woran mich mehr als ich dachte und wünschte,
meine kränklichkeit hinderte, die mir voriges jähr
und auch schon in diesem viel last macht, in den
leichteren stunden musz ich unausgesetzt am Wörter-
buch arbeiten, sicher könnten Sie diesem manchen
Vorschub thun, das material ist endlos, das habe
ich wieder im nächsten heft bei dem artikel es
empfunden.
Alles was Sie geschrieben haben und schreiben
ist sorgfältig und scharfsinnig, in der anordnung
aber, wie gesagt, schwierig, so dasz Sie auf glatte
leser nicht zählen dürfen.
Neulich kam ich darauf Sie imsrer akademie zum
correspondierenden mitgliede vorzuschlagen, solche
vorschlage müssen mehrere instanzen durchlaufen,
der meine hat aber beifall gefunden und das diplom
wird Ihnen unverweilt zugehen, nur weisz ich nicht
ob Ihnen an solchen ehren gelegen ist und ich
Ihnen einen gefallen damit gethan habe oder ob es
möglicherweise auf die besserung Ihrer äuszeren
läge günstig einwirken kann.
Ich lege Ihnen hier die neue ausgäbe des „ Frei-
dank **, meines bruders letzte arbeit bei, es sind
schöne Sprüche und die benutzung der vielen hss.
hat mühe gekostet.
Aufrichtigst ergeben
Jac. Grimm.
Berlin 2. febr. 1861.
y Google
1833 XXI. J. Grimm an Landau. 397
XXI. Acht Briefe JacobGrimmsanden Archivar
Johann Georg Landau in Kassel.
202.
Göttingen 25 Februar 1833.
Sehr gefreut hat es mich, dafs Ew. Wohlgeboren,
aus alter Bekanntschaft her, sich meiner erinnert,
und mir für meine Sammlung die abschrift eines
weisthums mitgetheilt haben. Ich werde Ihnen
nicht weniger dankbar sein, wenn Sie diese Beiträge
fortsetzen und besonders auf dem Lande in den
Amtsarchiven Sich dafür verwenden wollen. Aus
anderen Gegenden Deutschlands besitze ich weit
mehr, als aus meinem Vaterlande, wo Städte imd
Beamten lange Zeit, namentlich im letzten Jahr-
hunderte auf die Bewahrung solcher Denkmäler
nicht geachtet haben.
Das Regierungsarchiv dürfte wenig von dergl.
enthalten, wenigstens hat es mir Hr. Schröder
versichert. Die Copialbücher des Ziegenhainer
Archivs zu Cassel sind ausführlich genug. Im
Ziegenhainer Archiv selbst könnte sich viel oder
doch mehr als sonstwo finden, aber dazu ist der
Zutritt schwer. Alte Amtsacten des 16 J., zumal
im Oberhessischen, Hersfeldischen, können am ersten
die von mir gesuchten Dorfweisthümer an Hand
geben. Auf das Städtische ist meine Absicht nicht
Digitized by VjOOQ IC
398 ^^L J* Grimm an Landatu 1834
gerichtet. Ihrem fleilsigen Buch über die hess.
Burgen wünsche ich baldige Vollendung, und bin
mit vollkommener Hochachtung Ihr
ergebenster
Jac. Grimm.
Herrn Georg Landau Wohlgeboren Cassel.
208.
Göttingen 25 apr. 1834
Hochgeschätzter Herr,
mein dank für Ihre gütige mittheilung kommt
gar zu spät; mögen mich manigfache geschähe, die
auf mir lasten, in Ihren äugen entschuldigen.
Kaum getraue ich mir Ihre gefälligkeit weiter
in anspruch zu nehmen, es mufe wenigstens so ge-
schehen können, dals Ihre eignen arbeiten nicht
darunter leiden. Die gelegenheit archive nutzen zu
dürfen kehrt freilich nicht leicht wieder, und was
Sie von alten und interessanten (was Sie leicht
selbst ermessen werden. [Randbemerkung]) weis-
thümern entdecken würde meiner Sammlung immer
sehr erwünscht sein. Aus dem Hanauer archiv habe
ich durch den verstorbenen adv. Carl mancherlei
erlangt, vielleicht aber nicht alles.
Herrn Bibl. Bernhardi sagen Sie doch, daüs
wir den holländischen van Eaupen nicht haben.
Mit aufrichtigster Hochachtung und Ergebenheit
Jac. Grimm. .
Herrn Georg Landau Wolgcboren Cassel.
y Google
1835 XXL J. Grimm an Landau. 399
204.
Ew. Wohlgeboren
neuliche Anfrage vermag ich bestimmt zu beant-
worten, die befragten Kindlingerschen Bände liegen
im Refgiernngsarchive zv Fulda, vor etwa
6 Jahren habe ich sie durch die Verwendung des
Herrn Präsid. von Hanstein in Händen gehabt und
f&r meine Weisthümersammlung ausgezogen.
Schraders frühen Tod habe ich erst durch die
Zeitung erfahren; er war in den letzten Jahren
seines Lebens verstimmt imd unschlüssig, hätte aber
sicher die rechte Bahn wieder gefunden.
Ergebenst
J a c. 0 r i m m.
Herrn Landaa Wolgeboren CasseL
205.
Ew. Wohlgeboren
erhalten hierbei das gewünschte Buch, und zugleich
meines Bruders und meinen Dank für die über-
machten Diplome.
Wissen Sie mir nichts zu sagen von einem
Conradus Fontanus, einem helmershäuser Bene-
dictiner des 13 Jh. , auf dessen handschrifb Letzner
sich oft beruft?
Vielleicht kennt Herr Falkenhainer zu Hof-
geismar den Namen oder noch besser das verlorne
Buch?
Die Einlage an Herrn Bibl. Bernhardi bitte
ich abzugeben. Mit ergebenster Hochachtung
Jac. Grimm.
8. merz.
y Google
400 XXL J. Grimm an Landau. 1835
206.
Hochgeschätzter Herr,
Wenn ich das Sehr ad ersehe Ms. hätte an-
bringen können, würden Sie längst Nachricht haben,
es ist mir aber nicht gelungen. Der Verleger meint
schon bei dem früheren Werk Einbufse zu leiden.
Sollten sich aber diese Abhandlungen nicht recht
gut, in allmälichen Mittheilungen, für das beabsich-
tigte Archiv Ihres hess. Vereins eignen ? Mir scheint
das der schicklichste Ort.
Es freut mich da£9 das Ziegenhainer Archiv
wieder einmal angerührt wird.
Mit ergebenster Empfehlung
Jac. Grimm.
Göttingen 5 Aug. 1835.
Herrn Georg Landau, Secretair des hess. Vereins für Ge-
schichte. Wolgeb. Cassel.
207.
Statt des von hier entliehenen quartanten (ich
glaube eines bandes von Gercken) ist durch Mis-
grif das hierbei zurück folgende buch von der
dortigen bibl. eingetroflfen. Gelegentlich bitte ich
mir dabei jenes aus.
Aus Kesterburg ist schwer Christenberg zu machen.
Zwar sagt man mit ausgeworfnem R in Nieder-
deutschland hassen f. herstnen, und hassbeeren für
hersbeeren, hirschbeeren (woher das hessische und
Schwab, etc. hespern); in diesen beiden fallen aber
ist die Bs form die ältere, dagegen umgekehrt
y Google
1886 XXI. J. Qrimm an Landau. 401
SMterburg älter ist als Christenberg , auch ist das
letzte R in Kester (nicht Kesten) und das 27 in burg^
abweichend von berg. ceader^ cester bedeutet gerade
im angelsächs. burg^ das lat. castrum, und das könnte
auch in jenem Kester liegen. Möglich aber dats
man in späterer Zeit absichtlich aus dem unver-
ständlich gewordnen Kesterburg das heiliger klingende
Christenberg bildete ohne dals man durch die Buch-
staben dazu berechtigt war.
Ihre definitive anstellung bei dem archiv wird
Ihnen material und mufse zu histor. forschung dar-
bieten. Früher wäre eine solche stelle das ziel
meiner wünsche gewesen. Aus dem hessischen
archiv sind noch schätze zu heben. Die letzten
archivare verstanden kaum die diplome ordentlich
zu lesen. Vor 8 jähren konnte Rommel keine
kerlingische Urkunde lesen, tmd wahrscheinlich hat
ers heute noch nicht gelernt. Ich möchte Sie auf-
fordern, wenigstens die ältesten deutschen
Urkunden Ihres archivs so sorgfältig heraus zu geben,
wie es neulich Höfer in Berlin gethan hat.
Ergebenst
Jac. Qrimm.
17 Jan. 1836.
208.
Es ist mir neulich beigefallen, dafs der name
Casterbergj Kesterberg ganz richtig sein wird; man
darf dabei nicht an den heidnischen Castor,
sondern nur an den heiligen Castor denken, der
£. 8teDg«L Brief« d«r Brüder Grünm. 26
y Google
402 XXI. J. Grimm an Landau. 1855
im Mittelalter, zumal in der Trierischen Diöcese,
viel verehrt wurde. Zu Coblenz, wenn ich nicht
irre, ist eine Castorskirche. vgl. auch Pertz 2, 603-
Also finde ich sehr begreiflich, dafe man ihm auf
einem oberhess. berg eine kirche weihte. Später
taufte man den berg um in einen Christenberg.
In eile
J. Gr.
Herrn Archivar Landau Wohlgeb. Casael.
209.
Hochgeehrter Freund,
mit wahrem vergnügen habe ich Ihre „Wetterau'
empfangen und gelesen, auch Ihrem wünsche nach
in der akademie einen kurzen Vortrag gehalten, der
hoffentlich dem werk, wenn es einer empfehlung
bedarf, dazu gereicht.
Unsere monatsberichte liegen wahrscheinlich dort
auf der bibliothek vor, und Sie haben nur das
Januarheft s. 42. 43 aufzuschlagen. Wenn sich die
trilogie in mehrern, zumal den nahgelegnen gauen
bestätigt, so ists eine schöne entdeckung, woran ich
vorläufig schon glaube. Den schuldigen betrag habe
ich sogleich an Ledebur entrichtet.
Hierbei erlaube ich mir die anfrage, ob zu den
wüsten Ortschaften das schluszheft nicht erschienen
ist? mir sind nur drei hefte zugelangt, die bis
p. 288 reichen.
Schade dasz auch die indices zu Dronke aus-
bleiben. Wenn Sie dazu keine lust haben, sollten
y Google
1829 XXII. W. Grimm an die Kurfürstin Auguste. 403
Sie für einen andern arbeiter sorgen. Wollte es
nicht einmal der pedantische Roth zu München
thun?
Mit wahrer hochachtnng
Ihr ergebenster
J a c. Grimm.
Berlin 22 Febr. 1855.
XXII. Elf Briefe aus der Correspondenz
Wilhelm u. Jacob Grimm's mit der Kurfürstin
Auguste von Hessen und deren Tochter der
Herzogin Marie von Meiningen.
210.
Wilhelm Grimm an die Kurfürstin
Auguste.
AUerdurchlauchtigste Frau,
Allergnädigste Kurfürstin !
Ew. Königl. Hoheit die Veränderung meiner
Verhältnisse anzuzeigen ist eine Pflicht, die mir das
Glück gewährt, mich Allerhöchst denselben mit
diesen Zeilen nähern zu dürfen. Nach dem Tode
des Directors Völkel, als wir langer Dienste un-
geachtet zurückgesetzt wurden, erhielten wir beide,
mein Bruder und ich, ohne es von unserer Seite im
geringsten gesucht zu haben, von Göttingen aus den
Antrag, bei der dortigen Bibliothek einzutreten.
Die Bedingungen waren nicht glänzend, aber anständig
und dadurch ehrenvoll, dasz dort keine Vacanz vor-
handen war. Diese Stellung gewährte uns ein
26»
y Google
404 XXII. W. Grimm an die Earf&rstin Augoste. 1829
ferneres Zusammenleben und einen gemeinschaftlichen
Beruf, etwas das wir, die wir von Kindheit an nie
getrennt gewesen sind, zu erhalten entschlossen
waren, so lange es in unserer Gewalt stand. Wir
sollten beide Bibliothekare bei der berühmtesten und
schönsten Bibliothek von Deutschland werden,
zugleich berechtigt seyn, Vorlesungen an der Univer-
sität zu halten, ohne Verpflichtung dazu. Mein
Bruder sollte zugleich das Amt eines ordentlichen
Professors der Philosophie erhalten. Hätten wir
blosz Neigung und Gefühl um Rath gefragt, so
würden wir den Antrag, wie frühere, ausgeschlagen
haben, wir glaubten aber der Stimme der Vernunft
und Pflicht folgen zu müszen, die uns die Annahme
desselben gebot. Im Sommer wurde die Sache dem
Könige in London vorgelegt und vor Kurzem kam
die förmliche Vocation von Hannover. Mit dem
neuen Jahre werden wir das Amt in Göttingen erst
antreten. Wir erhielten hier den Abschied an
demselben Tage, wo wir das Gesuch darum ein-
reichten.
Vor Ew. Königlichen Hoheit darf ich die Ver-
sicherung niederlegen, dass kein Mangel an Vater-
landsliebe ims zu Schulden kommt. Mit dem tiefsten
Schmerz verlassen wir Hessen, dem unsere Familie
seit Jahrhunderten mit unbefleckter Ehre gedient
hat, und die Anhänglichkeit an Gassei, wo wir
gewisz den gröszten Theil unseres Lebens zugebracht
haben, wird niemals erlöschen; Mutter und Kind
liegen da unter der Erde. Die Überzeugung, dasz
wir hier für unsere Familie und für unser Alter,
y Google
1829 XXn. EorfOrstin Auguste an W. Grimm. 405
wenn es Gott gewährt, keine Versorgung finden
würden und das kränkende Gefülil, das unrerdiente
Zurücksetzung erregt und sich nicht ganz unter-
drücken läszt, hat uns allein zu diesem Schritte
bewogen.
Wir bitten Ew. Königliche Hoheit und Höchst-
Ihr hohes Haus um Erhaltung und Fortdauer Höchst-
Ihrer Onade und Huld, welche zu besitzen wir als
das Glück unseres Lebens betrachten. Verschmähen
Allerhöchstdieselben nicht, was eine unbedeutende
Familie allein vermag: reine Wünsche und treue,
unverbrüchliche Ergebenheit. In dem Augenblick,
wo mir das Glück entzogen wird, Ew. Königliche
Hoheit ünterthan zu heiszen, fühle ich lebhafter
als je, dass die Anhänglichkeit an Allerhöchstdieselben
und die Verehrung der edlen Gesinnungen, die Ew.
Königlichen Hoheit eigen sind, niemals in mir
ersterben wird
Ew. Königliche Hoheit
allerunterthänigster
Wilhelm Grimm.
Cassel 2. Nov.
2U.
Kurfürstin Auguste an Wilhelm Grimm.
Fulda d. Igten 9ber 1829.
Ich darf voraussetzen, lieber Herr Grimm, dasz
Sie und Ihr Bruder überzeugt von dem schmerz-
haften Eindruk sind, den ihr Scheiden aus dem hess.
Dienst u. Vaterland auf mich macht. Fast möchte
Digitized by VjOOQ IC
406 XXII. Kurfürstin Auguste an W. Grimm. 1829
ich mir Gltik wünschen jetzt nicht mehr in Cassel
heimisch zu sein. Wenn ich mich aber betrübe,
dasz sie beide für Hessen vielleicht auf immer
verloren sind, freue ich mich anderseits, dasz vermöge
der neuen Anstellung ihre Verdienste desto mehr
im gemeinsamen teutschen Vaterland glänzen werden,
wovon doch auch einige Strahlen auf ihr ur-
sprüngliches zurückfallen. Gern schmeichele ich
mich mit der Hofnung, dasz die Nähe von Göttingen
Ihnen gestatten vrird Ihre Freunde u. Bekante auf
hess. Grund u. Boden zuweilen zu besuchen u. mir
ebenfalls die Freude zu Theil werden wird Sie u.
Ihren Bruder öfters zu sehn. Meine Tochter die
mir viel Empfehl. an sie beide autträgt theilt meine
eifrigen Wünsche für Sie u. die Ihrigen. Mögten
wir immer die erfreulichsten Nachrichten von Ihrem
Wohlergehn erhalten! Vergessen Sie unser nicht,
lieber Herr Grimm, gedenken Sie zuweilen Ihrer,
uns immer so angenehmen Vorlesungen u. nehmen
Sie es mir nicht übel, wenn ich Ihnen ein warlich
sehr unbedeutendes Andenken als Erinnerung an
jene Zeit sende die in dieser Hinsicht mir immer
als die gute, alte Zeit erscheinen wird. Mit diesen
Gesinnungen verbleibe ich
Ihre ergebene
Auguste.
Dem königl. hanöverschen Bibliothekar W. Grimm, Wohlgeb.,
zu Cassel.
y Google
1829 XXII. W. Grimm an die Kurfürstin Auguste. 407
Wilhelm Grimm an Kurftirstin Auguste.
212.
Allerdurchlauchtigste Frau,
Allergnädigste Kurfürstin!
Nehmen Ew. Königliche Hoheit mit gewohnter
Huld den ehrfurchtsvollsten Dank für das gnädige
Sclfi-eiben an, welches Allerhöchstdieselben an mich
zu richten geruht haben. Welchen Werth es für
mich und meinen Bruder hat und wie sehr die
darin ausgesprochene gnädige Gesinnung uns be-
wegt hat, bin ich auszudrücken nicht im Stande;
unschätzbar ist mir das sichtbare Zeichen der Gnade
und des Wohlwollens Ew. Königl. Hoheit, welches
ich zugleich empfangen habe.
Die Zeit unseres Abzuges rückt heran und ein
Vorgefühl der Empfindung , mit welcher ich Cassel
verlassen werde, habe ich gehabt, als wir auf einige
Tage nach Göttingen reisten, um die nöthigen Ein-
richtungen zu treffen. Wir sind so glücklich ge-
wesen, sogleich eine passende Wohnung zu finden.
Sie liegt in der Alleestrasse gerade dem Hause
gegenüber, welches der höchstselige Kurfürst, als
er in Göttingen studierte, inne hatte. Noch zwei
andere Mitglieder der Universität, geborene Hessen
und ehemalige Professoren zu Marburg, von welchen
ich den Hofrath Conradi als einen geistig ausge-
zeichneten, redlichen Mann schon lange kenne, be-
sitzen Häuser in dieser Gegend. Die Stadt hat sich,
seitdem ich sie nicht gesehen, ungemein verbessert
und vergröszert und erhält in diesem Augenblicke
y Google
408 XXU. W. Grimm an die EarfOntin Angoste. 1S3»
durch die Anwesenheit des Kronprinzen von Baiein,
der als ein Herr von mildem and liebenswürdigem
Charakter allgemein geschildert wird, einen neuen
Glanz. Die Umgegend ist schöner, als ich glaubte,
obgleich sie mit der bei Cassel nicht kann rer-
glichen werden.
Die dortige Bibliothek ist in jedem Fache aua-^
gezeichnet versorgt und wir würden es als eine be-
sondere Gnade betrachten, wenn Ew. königl. Hoheit
uns Allerhöchst Ihrer Befehle würdigen und Bücher
daraus verlangen wollten.
Mein jüngster Bruder, der Mahler, wird hier und
in unserer bisherigen Wohnung bleiben. Er hat
sich mit der Tochter der Hauseigenthümerin, der
verwittweten Professorin Böttner, einem guten und
stillen Mädchen verlobt. Da er sich in kurzem zu
verheirathen gedenkt, so ist unser baldiger Abzug
nöthig, ob gleich meine Frau ihre Niederkunft
gerne erst hier erwartet hätte. Ich wage es, auch
sie zugleich mit meinen Geschwistern der Huld und
Gnade Ew. Königl. Hoheit und I. Hoheit der Prin-
zessin Karoline zu empfehlen und betrachte schon
ietzt den Tag als den glücklichsten, wo ich Ew.
Königl. Hoheit die tiefe Ehrfurcht persönlich be-
zeigen darf, womit ich verharre
Ew. Königlichen Hoheit
allerunterthänigster
Wilhelm Grimm.
Cassel 25. Nov. 1829.
y Google
1881 XXIL W. Grimm an die Eorfdrstin Augüste. 409
Wilhelm Qrimm an Eurfürstin Auguste.
218.
AUerdurchlauchtigste Frau,
Allergnädigste EurfQrstin,
Das kleine Buch, welches ich Ew. EOnigl. Hoheit
zu übersenden mir erlaube, ist so unscheinbar und
80 wenig verbreitet, dasz ich beftirchten musz, es
werde sonst nicht in Ew. Eönigl. Hoheit Hände ge-
langen, und doch ist es dieser Auszeichnung voll-
kommen würdig. Ein schlichter Bürger beschreibt
darin das Leben einer Herzogin von Brieg, aus dem
Hause Ew. Eöniglichen Hoheit, auf eine kunstlose,
aber natürliche und anziehende Art, imd überliefert
darin der Nachwelt das Bild einer Fürstin , welche
ausgezeichnete Anlagen würdig ausgebildet und das
Glück des kleinen Landes durch sittliche und
geistige Erhebung gegründet hat. Nicht oft hat
sich Herablassung, Güte und menschliche Theil-
nahme mit der angebomen, stets in voller Eraft
erhaltenen Würde des Standes, wie hier vereinigt,
und ich glaube, dasz es zu den ausschlieszlichen
Vorzügen der deutschen Geschichte gehört, von
solchen Erscheinungen berichten zu können. Auch
jene Zeit, die letzte ruhige und glückliche vor dem
hereinbrechenden 30jährigen Erieg, wird hier in
ihrer Eigenthümlichkeit, mit ihren guten imd bösen
Seiten, lebhaft geschildert, obgleich die geistige
Überlegenheit der Fürstin in allen Verhältnissen
durchleuchtet; aber es ist der Vorzug des Geistes,
dass er andere heraufhebt und dem Eeime des
y Google
410 XXII. W. Grimm an die Kurfürstin Auguste. 1831
Guten, an dem es dem deutschen Volke nie gefehlt
hat, Sonne und Luft zuwendet, in welchem er ge-
deiht.
Meine Reise nach Berlin habe ich wegen der
herannahenden Cholera aufgeben müssen, aber mein
Bruder , der sich von den etwas angehäuften Ar-
beiten, die uns hier zu Theil werden, durch eine
Reise nach der Schweiz erholen wollte, ist durch
das herrliche Herbstwetter begünstigt worden und
wäre, wenn er sich nicht vor den Cordons gefürch-
tet hätte, bis Mailand gekommen; der Rigi ist der
südlichste Punkt gewesen, den er erreicht hat. Mit
gestärkter Gesundheit ist er zurückgekehrt und aus-
genommen, dass meine Kinder durch die wilden
Blattern, die eine an sich ganz leichte Krankheit
sind, in der Stube gehalten werden, haben wir sonst
nicht zu klagen.
Die treue Anhänglichkeit, womit wir Ew* Königl.
Hoheit verehren, bewahren wir unvermindert, imd
die Hoffnung, dasz Ew. Königl. Hoheit fortfahren,
gegen uns huldreich und gnädig gesinnt zu seyn,
gehört zu dem Glück unseres Lebens. Geruhen
Allerhöchst dieselben sowie I. Hoheit die Prinzessin
Caroline die Versicherung der tiefsten Ehrerbietung
anzunehmen, in welcher ich verharre
Ew. Königlichen Hoheit
unterthäniger
Wilhelm Grimm.
Göttingen 4. Dec. 1831.
y Google
1832 XXII. Kurfttrstin Auguste an W. Grimm. 411
Kurfürstin Auguste an Wilhelm Grimm.
214.
Mein lieber Herr Professor !
Ich hoflFe Sie verzeihen mir wenn ich Ihr mir
werthes Schreiben nicht gleich beantwortete u. für
das Überschichte dankte. Die letzten traurigen Auf-
tritte hatten mich aber sehr angegriflFen u. ich
werde mich sobald nicht davon erholen. Ihr An-
denken hat mich indessen ungemein gefreuet u. die
treuherzige Lebensbeschreibung der aller förtref-
lichsten Fürstin D o r e 1 diente zu unserer Aufheite-
rung in diesen Tagen. Meine Tochter trägt mir
viel Schönes an Sie auf — wir grüssen bestens
Ihre Frau u. Ihren Bruder u. hätten gewünscht
letztern auf seiner Rückreise aus der Schweitz zu
sprechen. Ich hoffe Ihre Kinder sind von den
Windpocken die mehr lästig als gefährlich sind wieder
befreit. Mit den Ihnen stets gewidmeten Gesin-
nungen verbleibe ich, mein lieber Herr Grimm
Ihre wohlaffektionirte
Auguste.
Cassel d. 15ten xber 1831.
Dem Herrn Professor Wilhelm Grimm, Wohlgeb., in Göttingen.
215.
Wilhelm Grimm an die Kurfürstin
Auguste.
Ew. königl. Hoheit Befehle gemäsz übersende
ich die drei Bände der Rum oh r. Denkwürdigkeiten.
Digitized by VjOOQ IC
412 XXII. W. Grimm an die KurfÜratin Auguste. 1832
Die darin erzählten Ereignisse sind ohne Zweifel nur
das Mittel, um über Politik, Kunst, Erziehung und
überhaupt die höheren Angelegenheiten des Lebens
Ideen mitzutheilen, die man eigenthümlich u. geist-
reich nennen darf u. die umsomehr Werth haben,
als sie aus einer mannigfaltigen Erfahrung, nicht
aus bloszen Theorien geschöpft scheinen. Aus
diesem Grunde läszt sich auch eine gewisse Breite
und Umständlichkeit der Ausführung, die zuweilen
an Göthes Manier erinnert, nicht blosz entschuldigen,
sondern lobenswerth finden. Wohlthätig ist es eine
doch nicht allzuweit entfernte Zeit geschildert zu
finden, in welcher sich selbst nach einem Kriege in
Deutschland eine Ruhe u. Festigkeit der äuszem
Verhältnisse zeigt, die leider in dem Sturme, in
welchem heutzutage die Geschichte fortschreitet,
untergegangen ist.
Geruhen Ew. K. H. mir fernere Befehle zu er-
theilen, wenn Allerhöchstd. etwas aus der hiesigen
BibL zu erhalten wünschen. Ich finde ein Glück
darin, Ew. K. H. auch einen kleinen Dienst er-
weisen zu können.
Am 25. Mai 1832.
216.
Kurfürstin Auguste an Wilhelm Grimm.
Cassel den 18ten Mai 1832.
Mein lieber Herr Professor!
Ich hatte nicht so schnei die Erfüllung meines
Wunsches erwartet u. bin sehr verbunden dafür.
y Google
1834 XXII. Knrfdrstin Auguste an W. Grimm. 413
Wir haben gleich die Ramohrschen Denkwürdigkeiten
zu lesen begonnen, bedauere nur sie nicht wie ehedem
Yon Ihnen vorlesen zu hören. Es freut mich dasz
die Rückfahrt glücklich war und dasz Sie die Kleinen
gesund angetroffen. ,
Caroline empfiehlt sich Ihnen bestens; wir ge-
meinschaftlich den Ihrigen. Mögten wir Sie bald,
lieber Herr Prossor, unter recht günstigen Umständen
wiedersehn — bleiben Sie indessen versichert der
aufrichtigsten Achtung und Freundschaft
Ihrer ergebenen Auguste.
217.
Kurfürstin Auguste an Wilhelm Qrimm.
Kassel, den Sten April 1834.
Mein lieber Herr Profeszor!
Durch Übersendung Ihrer Mährchen haben Sie
3 Generationen erfreut; doch am meisten die Gross-
mutter, die den gröszten Werth auf jeden Beweisz
Ihren Andenkens legt u. der sie den Vorzug gönnten
Tochter*) und Enkel durch Ihr Geschenk zu über-
raschen. Ich habe es gleich nach Meiningen ab-
geschickt wo es grosze Freude machen wird. Durch
Ihren Bruder Louis werde ich Ihnen darüber be-
riditen lassen. Ich hoffe die Ihrigen sind wohl u.
mein Pathschen bildet sich geistig u. körperlich so
vortheilhafb aus, wie sie es versprach als ich ihre
*) Herzogin Marie von Meininfi^en noch jetzt lebend,
Matter des jetzt regierenden Herzogs.
y Google
414 XXII. Herzogin Maiie an W. Grimm. 1834
Bekanntschaft auf dem Arm ihrer Mutter machte.
Empfehlen Sie mich letzterer wie auch Ihrem Bruder.
Karoline grüsst herzlich.
Mit der aufrichtigsten Ächtung verbleibe ich,
lieber Herr Profeszor,
Ihre ergebene
Auguste.
218.
Herzogin Maria an Wilhelm Grimm.
Meiningen den 13ten Mai 1834.
Lieber Herr Grimm,
Sie haben mich durch die Übersendung Ihres
Mährchenbuchs für meinen Georg so sehr erfreut,
dasz mir es Bedüfnisz ist Ihnen noch selbst meinen
herzlichsten Dank dafür auszusprechen. Der Kleine
hat eine grosze Freude darüber, und ich habe schon
beinahe das ganze Buch mit ihm durchgelesen, was
mich auch auf eine angenehme Weise an meine
Kindheit erinnert, wo es zu meinen liebsten Zer-
streuungen gehörte in diesen Mährchen zu lesen.
Dürfte ich Sie bitten mich Ihrer lieben Frau und
Ihrem Bruder bestens zu empfehlen. Mit Ver=
gnügen ergreife ich diese Gelegenheit mich Ihrem
Andenken zurückzurufen und Sie meiner voll-
kommensten Hochachtung zu versichern, mit der
ich verbleibe lieber Herr Grimm
Ihre
Ihnen ganz ergebene
Marie.
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1837 XXII. W. Griinm an tlie Kurfürstin Auguste. 415
210.
Wilhelm Grimm an die Kurfürstin
Auguste.
Allerdurchlauchtigste Frau,
Allergnädigste Kurfürstiu,
Ew. Königliche Hoheit haben mich und die
Meinigen durch da« gnädige Andenken wie durch
das schöne Geschenk mehr beglückt, als ich aus-
zudrücken vermag. Unsere Dankbarkeit kommt
aber ebensosehr aus dem Herzen als die treue An-
hänglichkeit an Ihro königliche Hoheit, die wir
unverändert bewahren. Ew. Königliche Hoheit
meine Verehrung persönlich zu bezeigen, wollen
mir die plötzlichen Störungen meiner Gesundheit,
die ich bei sonst gutem oder leidlichem Befinden er-
fahre, in dieser Zeit noch nicht erlauben; ich musz
hoffen, dasz es in der Folge besser wird. Aber wie
glücklich würde ich mich fühlen Ew. königlichen
Hoheit das Kind vorstellen zu dürfen, an welchem
Allerhöchstdieselbe mit so groszer Herablassung und
Güte Antheil nehmen. Es hat den ganzen Tag das
glänzende Geschenk nicht aus den Augen gelassen,
und mir gesagt wie es Ew. Königlichen Hoheit
dafür danken wolle. Es ist gesund und kräftig, und
macht uns durch Lebhaftigkeit und gute Anlagen
Freude; auch die beiden Knaben sind munter und
lernen gut; nur müszen wir uns gefallen lassen
dasz sie den fremdartigen Accent der hiesigen Aus-
sprache annehmen, an welchen wir uns nicht ge-
wöhnen können.
y Google
416 XXII. W. Grimm an die Knrföntin Angnste. 1837
Mein Bruder ist in seiner Lage wesentlich er-
leichtert, da ihm zwar die Professur der Diplomatik
mit übertragen ist, er jedoch von dem gröszten
und beschwerlichsten Theil der Bibliotheksarbeiien
dispensirt worden.
Künftigen September feiert die Universität ihr
hundertjähriges Stiftungsfest. Ein f&r die hiesigen
Verhältnisse groszes und mit würdigen Räumen aus-
gestattetes üniversitätsgebäude wird bis dahin voll-
endet seyn, auf dem Platze davor soll eine Metall-
statue des Königs aufgestellt werden. Da der
Yicekönig mit dem Hof und dem Ministerium zu-
gegen seyn wird, man auf die Gesandten der Höfe,
und die Abgeordneten der andern Universitäten
hofft, und der König von Baiem, dem Vernehmen
nach, das Fest mit seiner Gegenwart beehren will,
so wird die kleine Stadt auf kurze Zeit ein glän-
zendes Aussehen gewinnen. Die Festlichkeiten
sollen drei Tage dauern, und, wie es heiszt, die
Professoren, nach der Sitte der altenglischen Uni-
versitäten, bei dem feierlichen Zug in die Kirche in
alterthümlichen Talaren und Baretten erscheinen,
wodurch die Feierlichkeit einen eigenthümlichen
Charakter erhalten wird.
Bei dieser Aussicht auf Festlichkeiten ist der
vorgestern erfolgte plötzliche und räthselhafte Tod
des als Augenarzt berühmten, Ew. königlichen
Hoheit persönlich bekannten Hofrath Himly ein
doppelt trauriges Ereignis. Der hochbejahrte
Blumenbach hat sich bei dem Tode seiner einzigen
Tochter, die ihn mit groszer Sorgfalt pflegte, und
y Google
1838 XXII. J. Grimm an die Korförstin Angaste. 417
der Grippe unterlag, mit unerwarteter Krafk be-
nommen.
Geruhen Ew. Königliche Hoheit und Ihro Hoheit
die Princessin Karoline meiner und der meinigen
fernerhin huldvoll und gnädig sich zu erinnern, und
unsere reinsten Wünsche för das höchste Wohl-
ergehen wie die Versicherung der tiefsten Ehrfurcht
anzunehmen, mit welcher ich verharre
Ew. königlichen Hoheit
allerunterthänigster
Wilhelm Grimm.
Göttingen am 24. März 1837.
220.
J. Grimm an die Kurfürstin Auguste.
Allerdurchlauchtigste Frau,
Mit welchem Leid wir den schmerzlichen Unfall
vernommen haben, von dem Ew. Königl. Hoheit
betroffen worden sind,*) brauche ich nicht erst zu
sagen. Von Tage zu Tage, von Woche zu Woche
werden alle darüber einlaufenden Nachrichten ein-
gezogen, und so konnteYi wir allmälich den Trost
schöpfen, dafs die erwünschteste Genesung wenn
auch langsamer, als wir hofften, doch sicher von
Statten gehn werde.
Überzeugt dafs Ew. Königl. Hoheit unsre
herzliche Theilnahme mit gewohnter Huld auf-
nehmen werden, hätten wir es gewagt sie schon
*) Die KurfQrstin war gefallen und hatte sich das eine
Bein verletzt.
E. Stengel. Briefe der Brüder Orlmin. 27
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418 XXII. J. Grimm an die KurfÜrstin Auguste. 1^}8
vor einiger Zeit schriftlich auszudrücken, wäre es
nicht mein Entschluß gewesen, dieses Weihnachts-
fest in Jena zuzubringen und über Meiningen zurück-
zureisen, um daselbst das Glück zu haben, persönlich
Ew. Kön. Hob. unsre Treue und Anhänglichkeit zu
FüTsen zu legen. Allein kaum hatte ich einige
Tage zu Jena bei meinem Freunde Dahlmann
verbracht, als mich vorgestern, am ersten Weihnachts-
tage, die Botschaft meines Bruders erreichte, daüs
meine geliebte Schwägerin Dortchen plötzlich von
einer Gefahr drohenden Blutentzündung befallen
sei, und so bin ich mit Extrapost alsogleich hierher
zurück gereist, gestern Morgen eingetroffen, und
habe Gott sei Dank die Kranke schon aufser Gefahr,
wiewohl noch sehr schwach und angegriffen gefunden.
Da es mir auf solche Weise versagt worden ist, in
Meiningen Ew. Kön. Höh. aufwarten zu können,
säume ich nicht länger, dieses ehrerbietige Schreiben
abgehn zu lassen, um so mehr, als auch vielleicht
Allerhöchstdieselben etwas von D ortchens Krankheits-
fall gehört haben und sich des glücklichen Ausgangs
mit uns erfreuen werden.
Unsere äufsere Lage hat sich zwar noch nicht
wieder günstig gewendet, seitdem wir aber, drei
Brüder in einem Hause, vereint wohnen, kann ich
wieder getrost und mit frischem Muthe arbeiten.
Aufser andern Geschäften, die ims genug zu thun
geben, haben wir ein weit aussehendes deutsches
Wörterbuch unternommen, das wir, wenn es der
Himmel gedeihen und gelingen läfet, mit Freude
und Stolz auf den Altar* des Vaterlandes darbringen
y Google
1838 XXII. J. Grimm an die KurfQrstin Auguste. 419
werden. Auch sein äufeerer Ertrag wird von der
Art sein, dals er uns peinlicher Sorgen um die
Zukunft tiberhebt, und unsern von jeher mäfsigen
Ansprüchen und Bedürfnissen ausreicht..
Vor vierzehn Tagen stellte sich ein Schneider
ein, und nahm der kleinen Auguste Mafe zu einem
Mantel, durch welchen das Kind diese Weihnachten
aufs höchste erfreut worden ist. In dem schönen
StoflF, wozu der weifse Hut vortrefflich pafst, sieht
sie gar nicht aus wie die Tochter eines verbannten
Professors oder wie die Nichte eines gleichfalls über
die Grenze gewiesenen Hofraths, sondern fast wie
eine kleine Princessin. Es rührt uns doppelt, dafe
Ew. Königl. Hoheit gegenwärtig der Pathe und
unser zu gedenken geruht haben.
Wir bitten um die Gnade uns auch dem wohl-
wollenden Andenken Ihrer Hoheiten der Frau
Herzogin sowie der Princessin Caroline zu empfehlen.
Mit unauslöschlicher Treue, Liebe und Erfurcht
ersterbe ich Ew. Königl. Hoheit
allerunterthänigster
Jacob Grimm.
Gas sei 27. Dec. 18:38.
Praek ▼on Fricdr. 8«he«I, CmmI.
y Google
Inhalt
I.
iL
m.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.
Aus Briefen Jacob Grimm 's an Paul Wigand
Wilhelm , , ,
Gesuche Jacob
Briefe ,
Brief
Briefe ,
Brief
,. Herrn.
Briefe von W. u. J. Grimm an Bang
den Kurfürsten
Frau Bauer geb.
Bamus .... 9
K. Gödeke . . 11
S. Beriit ... 13
Luise Gies . . 16
Fr. Oetker . . 21
Doroth. Dahlmann 22
. 22
Salto
1
3
5
J. u. W.
Jacob
Wilhelm
Jacob
J. u. W.
Auguste
Jacob
Gerling
Suabedissen
Hupfeld .
J. Müller
Vilmar
Weigand
Brief
8 Briefe , Jacob , , L. Diefenbach
8 „ , „ , , Landau . .
11 Briefe aus der Correspondenz Wilhelm
und Jacob Grimmas mit der Kurfürstin
Auguste von Hessen und deren Tochter
der Herzogin Marie von Meiningen . . .
24
123
141
143
280
285
296
297
315
387
388
397
403
y Google
y Google
Mate M amtliclie Bezielnien
der
Brüder Grimm
ZU Hessen.
Eine
Sammlung von Briefen und Aotenstücken
als Festschrift zum
hundertsten Geburtstag Wilhelm Grimms
den 24. Februar 1886
zusammengestellt und erläutert
von
E. StengeL
Band 11 :
Acteistleke ftker iie Thitigkeit der BrMer Grimm im heniiekra StuMiiMte.
-»H3Ö>-<-
Marburg.
N. G. Blwert'BOhe Yerlagsbaohhandlung.
1886.
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Actenstücke
über die Thätigkeit
der
Brüder Grimm
hessischen Staatsdienste
mitgetheilt
von
E. Stengel,
nebst
Bemerkungen, Gegenbriefen 9 Ergänzungen zu den
Briefen der Brttder, ehronologisoher Tabelle, Wieder-
gabe der ihnen Ton der philosophischen Faeultät
Marburgs Terliehenen Dootordiplome , Namen- und
Wort-Terzeichniss«
Marburg.
N. G. Elwert^BOhe Verlagsbuchhandlung.
1886.
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y Google
L Acten Ober Wilhelm Grimm als Secretär bei
der Museumsbibliothek in Cassel.
Das Ädenfascikel des Marburger Staatsarchivs
„Den Sekretär bei der Bibliothek hierselbst (d. h. in
Casselt wo sich vordem das Archiv hefa/nd) betreflFend*
(Sign. 0. St. S. aus Gef. 8856) ergibt folgende
Ausbeute:
1) Gesuch W. Grimmas an den Kurfürsten
wegen der SteUe eines Secretarii bei der Btbliotheik:
Durchlauchtigster Kurfürst,
Gnädigster Kurfürst und Herr.
Ich habe auf der Universität Marburg in den
Jahren 1804—6 nach erhaltener gnädigsten Erlaub-
nisz jura studirt und mich im Sommer 1806 daselbst
öfifentlich examiniren laszen, worüber ich ein gün-
stiges Zeugnisz der Facultät besitze. Kaum war ich
zurückgekehrt und im Begriffe um eine Stelle bei
Ihro kurfürstlichen Durchlaucht anzuhalten, als die
unglückliche französische Occupation eintrat.
Es war meinen Neigungen zuwider, sowohl das
neu aufgedrungene Becht zu studiren, als überhaupt
£. Stengel. Aeten der BrAder Ghrlmxn. \
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2 I. Wilhelm Grimm als Bibliothekssecretar.
unter dieser Regierung Dienste zu nehmen. Ich
habe daher, so bedrängt meine Umstände wurden,
in diesen sieben Jahren zurückgezogen und ohne
jemals ein Amt zu bekleiden, bei meinem altem
Bruder gelebt und mich allein und anhaltend mit
den Wiszenschaften beschäftigt.
Nach der glücklichen Befreiung des Vaterlands
wünsche ich diesem mit meinen geringen Kräften
zu dienen, sowie es die Nothwendigkeit erfordert,
da ich selber ganz ohne Vermögen bin, mir meinen
Unterhalt zu erwerben. Eine schon zehn Jahre
dauernde und mit heftigem Anfallen begleitete
Brustschwäche macht es mir unmöglich, wie ich
wünsche und es meine erste Pflicht wäre, in den
Krieg gegen den Feind zu gehen; sie würde selbst
bei einer Anstellung in der Administration die mit
körperlichen Bewegungen und Anstrengungen ver-
bunden ist, mir hinderlich seyn.
Indeszen bietet sich eine Gelegenheit dar, mit
dem wenigen, was ich vermag, nützlich zu seyn, die
Stelle eines Secretarii bei der hiesigen groszen
Bibliothek ist seit längerer Zeit unbesetzt und eine
solche Assistenz könnte dem würdigen Herrn Ge-
heimenhofrath Strieder bei seinen herangerückten
Jahren vielleicht eine Hilfe seyn. Und da eine
solche Anstellung zugleich meiner Neigung mich
femer den Studien und wissenschaftlichen Arbeiten
widmen zu können, entspricht, so wage ich Ew. kur-
fürstliche Durchlaucht unterthänigst zu bitten:
mir die Stelle eines Secretarii bei der hiesigen
Bibliothek huldreichst zu verleihen.
y Google
I. Wilhelm Grimm ala Bibliothekssecretar. 3
Ich würde mich bestreben mit gleicher Treue,
wie meine Vorfahren, dem hohen Hause zu dienen;
der ich in tiefster Ehrerbietung verharre
Ew. Kurfürstliche Durchlaucht
unterthänigster, treu-gehorsamster,
pflich t-schuldigster
Wilhelm Carl Grimm.
Caszel am 11 Decembr 1813.
Am 14. Jan. 1814 wurde Bericht von Strieder
und Völkel eingefordert j der unter dem 18. Jan. er-
stattet wurde und von Völle el äbgefasst ist. Es werden
darin »die rühmlichen Proben Ton Wissenschaft,
welche er abgelegt hat" hervorgehoben. — Unter
dem 4. Febr. 1814 wird dann folgendes „Gb. Be-
stellungs und Besoldungs Rescript für den Secretarius
Grimm bei der grosen Bibliothek des Musei" aus-
gefertigt :
Demnach Wir den Candidaten Wilhelm Carl
Grimm allhier, zum Secretarius bey Unserer hie-
sigen grosen Bibliothek im Museo gnädigst ernannt,
ihm auch vom IgE Febr. d. J. an einen monatlichen
Gehalt von 8 -i^ 10 alb. 8 H. mithin jährlich 100 <tf
aus Unserer Cammer-Casse bewilligt haben, so hat
Unsere Direction besagter Bibliothek ihn, Secretarius
Grimm, zu seinen Obliegenheiten anzuweisen, Unsere
Regierung denselben auf deren treue Verrichtung
zu verpflichten, Unsere 0. R. Cammer aber die Aus-
zahlung obigen Gehalts zu verfügen.**
y Google
4 I. Wilhelm Grimm als Bibliothekssecretar.
JSi) Gesuch W. Grinm's um GehäUaerhöhung vom
5. April 1814 :
„Ew. Kurffirstl. Durchlancht haben die Gnade
gehabt, mich im Monat Februar zum Sekretarius
bei der BibHotbek des Museums zu ernennen und
mir einen Gehalt von Einhundert Thalem jährlich
zu bestimmen. Geruhen Höchstdieselben folgendes
huldreich anzuhören.
Nicht in diesen Zeiten, sondern schon seit
8 Jahren habe ich die Universität verlaszen ; während
der feindlichen Besitznahme habe ich keine Dienste
genommen, sondern auf das eingeschränkteste bei
meinem älteren Bruder gelebt. — Ich habe kein
eigenes Vermögen, und mein ältester Bruder,
welchen Ew. Kurfdrstl. Durchlaucht zum Legations-
secretär im Hauptquartier der alliirten Mächte zu
ernennen geruht, erhält nur einen geringen Gehalt, Ton
welchem er mir nichts abgeben kann, ja er hat selbst
Sorgen sich in seiner gegenwärtigen Lage seinen
eigenen Unterhalt damit zu verschaffen.
Zwei meiner Brüder sind in der Armee Ew.
Kurfttrstl. Durchlaucht gegen den Feind gezogen.
Beide sind deshalb weit her aus dem Ausland ge-
kommen. Der eine hat in Hamburg, wo er ein-
geschloszen war, auswandern müszen und alles ver-
loren. Er hat sich ihm darbietende Vortheile nicht
geachtet um als Freiwilliger Jäger zu Pferd gegen
die Franzosen zu dienen. Ihre Reisekosten und
einen Theil ihrer Ausrüstung habe ich tragen müszen.
Dafür und weil ich auszerdem noch zwei jüngere
Geschwister zu versorgen habe, endlich für meinen
y Google
I. Wilhelm Grimm als Bibliothekssecretar. 5
nothwendigsten Unterhalt habe ich jeder möglichen
Einschränkung ungeachtet mich gezwungen gesehen
Geld aufzunehmen, deszen Betrag schon sechsfach
meinen ietzigen jährlichen Gehalt übersteigt, von
welchem ich nicht im Stand bin blos die Kosten
der Wohnung und unaufhörlichen Einquartirung zu
bestreiten.
Ich würde gewisz noch länger gewartet haben,
bis Ew. Kurfürstl. Durchlaucht sich selbst meiner
gnädigst erinnert, es ist aber die nahliegende Noth,
die ich auf keine Weise mehr abzuwenden oder auch
nur noch auf eine Zeit zu entfernen weisz, die mich
drängt, und ich wage es daher im Vertrauen auf
die landesväterliche Gesinnung Ew. Kurfürstl. Durch-
laucht, die auf eine Familie, die seit Jahrhunderten
dem hohen Hause treu gedient, huldreich Rücksicht
nehmen wird, die Bitte Höchstdenselben unter-
thänigst vorzutragen:
mir gnädigst einen Gehalt zu bestimmen,
der mich aus den dringenden Sorgen für
meinen und meiner Geschwister Unterhalt
reiszt.
Ich werde diese Gnade mit beständiger Dank-
barkeit und in der tiefsten Verehrung anerkennen,
in der ich verharre Ew. Kurfürstlichen Durch-
laucht etc.
Die darauf am 19. Aprü 1814 erfolgte BesoliOion
lauUt : ^Dem Gesuch steht um so weniger zu fügen,
da eben erst den Bitten des Snpplicanten um eine
Anstellung deferirt worden ist.''
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6 I. Wilhelm Grimm als Bibliothekssecretar.
3) Erneutes Gesuch um CMialtseulage vom 4. Nov.
1814:
Ew. Kurfürstl. Durchlaucht haben die Gnade
gehabt mich zum Secretarius der groszen Bibliothek
im Museo zu ernennen mit einem Gehalt von Ein-
hundert Thalern, so wie die huldreiche Versicherung
zu geben, sich meiner bei vorkommender Gelegenheit
zu erinnern. Durch den Tod des Registrators
Enzeroth bei der Bibliothek ist ein Gehalt von
zweihundert Thalern erledigt und da nach der von
dem Herrn Director Strieder und Herrn Ober-
Hofirath Völkel schon früher gemachten Bemer-
kung eine besondere Besetzung dieser Stelle nicht
nöthig ist, und ich die Arbeit derselben zugleich
besorgen kann, so bitte ich Ew. Kurfürstliche Durch-
laucht unterthänigst :
mir diesen Gehalt von 200 Thalem zu dem
meinigen gnädigst zuzulegen.
ümsomehr wage ich diese Bitte, vertrauend auf
die väterliche Gesinnung Ew. Kurfürstlichen Durch-
laucht, da Höchstdieselben gewisz in Betrachtung
zu ziehen geruhen werden , dasz ich schon in einem
Alter von 28 Jahren bin, ohne alles Vermögen, und
dasz noch drei jüngere Geschwister von mir Unter-
stützung verlangen, endlich auch, dasz diese Er-
höhung meiner Besoldung mich nur gegen die höchste
Noth schützen würde, in welcher ich bisher gelebt
habe. Der ich in tiefster Ehrfurcht verharre etc.
Am 8. Nov. ergeht darauf ein das Gesuch gewäh-
rendes Besoldungs-Bescript.
y Google
I. Wilhelm Grimm als Bibliothekssecretar. 7
4) ürlaubsgestich vom 17. Äug. 1815 auf vier
Wochen vom 31. Aug. an mit folgender Motivirung :
Bei' meiner sitzenden Lebensart und schwäch-
lichen Gesundheit hat mir mein Artzt schon voriges
Jahr eine Bewegung durch eine kleine Reise und
Genusz der frischen Luft im Herbst als nöthig und
sehr heilsam verordnet, indesz machten die Umstände
die Ausführung unmöglich. Jetzt wiederholt er
dasselbe und bittet mich, um ihn selbst sprechen zu
können, nach Heidelberg zu kommen. Da nun
femer der Umstand eintritt, dasz einer besonderen
Angelegenheit wegen meine Gegenwart zu Frank-
furt unumgänglich nöthig geworden, so wage ich
um beide Zwecke verbinden zu können, an Ew.
Königliche Hoheit die unterthänigste Bitte etc.
Nachdem Strieder am 24. Äug. die Gewährtmg
'befürwortet tmd hervorgehen, dasz ,der in Marburg
gestandene und nun zu Heidelberg angesetzte Dr.
und Prof. Conradi* der Äret W. Qrimm's sei, er-
folgt am 25. Aug. 1815 die Eesolution: „fiat".
5) Bitte des Bibliothehs-Secretarius Dr. Wilh. C.
Qrimm um die Stelle eines wirklichen Bibliothekars tmd
des damit verbundenen Gehalts vom 23. Oct. 1821 :
Ew. Königliche Hoheit geruhen allergnädigst an-
zuhören: Im Anfang des Jahres 1814 wurde ich
als Secretarius bei der Bibliothek im Museo an-
gestellt und habe dieses Amt bis dahin, seit bei-
nahe 8 Jahren, nach meinen besten Kräften ver-
sehen. Der damit verbundene Gehalt von 300 Thalem
gewährte mir nur die nöthigsten Bedürfiiisze und
y Google
8 I. Wilhelm Ghrimm als Bibliothekssecretar.
den dürftigsten Unterhalt. — Ich habe jede dar-
gebotene Gelegenheit, eine Verbesserung im Aua-
lande zu erhalten, ausgeschlagen, da es stets mein
Wunsch war, in meinem Vaterlande zu dienen.
Dennoch habe ich mich einer allergnadigsten
Beförderung bis dahin nicht zu erfreuen gehabt und
in meinem 36sten Jahre nach treu geleisteten
Diensten befinde ich mich in einer bedrängten, un-
versorgten Lage. Ew. Eönigl. Hoheit haben mit
Landesväterlicher Huld und Milde über so viele
Allerhöchst dero treue Diener Glück verbreitet, ge-
ruhen Allerhöchst dieselben auch mir diese Gnade
angedeihen zu lassen, ich würde sie mein ganzes
Leben in ehrerbietiger Dankbarkeit anerkennen.
An der Museumsbibliothek sind zu allen Zeiten
auszer dem Director zwei Bibliothekare angestellt
gewesen. Im Jahre 1784 zum Beispiel war das
Personale noch mehr als einmal so stark, als gegen-
wärtig, es bestand nämlich, den Director des Mu-
seums mit eingeschloszen , aus sieben Personen,
während es gegenwärtig nur aus dreien besteht; in
gleichem Verhältnisz war der Gehalt gröszer. Ich
habe bisher die Bibliothekars Geschäfte mit versehen
und mein eifrigstes Bestreben seyn lassen, durch
fortgesetztes Studium meine in dieses Fach ein-
schlagenden Kenntnisse zu erweitem. Im Vertrauen
daher auf Ew. Eönigl. Hoheit Gnade und wohl-
wollende Gesinnung wage ich es:
um die Stelle des wirklichen Bibliothekars
bei der Bibliothek im Museo und um einen
y Google
I. Wilhelm Grimm als Bibliothekssecretar. 9
angemeszenen, mir meinen Unterhalt sichern-
den Gehalt
Allerunterthänigst zu bitten.
Ich würde mich bestreben, mich dieser Gnade
auf jede Art, die in meinen Kräften steht, würdig
zu machen. — Der ich in tiefster Ehrerbietimg
lebenslang yerharre etc.
Die darauf unter dem 11, Novhr. 182 i erfolgte
Besölution lautet: Beruhet.
6) Antrag des OherhofinarschaUamts v, 9. Apr. 1625
ou/ QewäJmmg des nachgesuchten Heirathsconsenses von
W, Grimm.
W. Qrimm hatte sich irrthOmlich anfangs März wie
bisher direkt an den Kurfürsten gewandt und hatte des-
halb am 7. Märe durch das OberhofmarschaUamt (wie
näher aus den Aden dieser Behörde: „Heirathsconsens-
Gesuche der Hof- und Marstallsdienerschaft betr.
1825-6* hervorgeht) einen Verweis erhalten zugleich aber
auch die Aufforderung wegen Beibringung der eUerlichen
EinwiUigung sowie einer gerichtlichen Bescheinigung Über
das der Braut zustehende oder noch zufallende Ver-
mögen.
Unter dem 9. April 1825 reichte Dr. W. Chr. ein neues
Gesuch ein, sowie die erforderlichen Papiere, nämlich:
1) den Geburtsschein meiner Braut, welche am
23. Mai 1793 geboren mithin 32 Jahr alt ist.
2) Den Todesschein Ton den Eltern meiner Braut,
wovon der Vater Johan Rudolph Wild am
y Google
10 I. Wilhelm Grimm als BibliothekBsecretar.
25. Dec. 1814, die Mutter Dorothea Gatharina
Wild geb. Huber d. 20. Septbr. 1813 gestorben
ist.
3) den Todesschein meiner Mutter, welche als
Wittwe den 27. Mai 1808 gestorben ist.
4) den gleichfalls befohlenen Vermögensschein
der Braut, wonach dieselbe an Vermögen von meihr
aU 7000 Thaler hesass.
Er bittet zugleich ihm diese Papiere nach gemachtem
Gebratich zurückzugeben, was auch geschehen ist.
Am 10. April wird der Consentz vom Kurßirsten
eigenhändig zugestanden, wnd die vom 13. datirte Dr-
kunde darüber W. Grimm am 18. April unter Auflage
eines Stengels von 3 TMr. zugestellt.
7) Anzeige des Ober-Hof-MarschalUAmts an das
Geheime Cäbinet vom 5. Febr. 1829 von dem Ableben
des Bibliothekdirectors Oberhof raths Voelkel und Auf-
forderung das Gehalt der beiden Grimms anzujseigen.
8) Beschlusz im Geh. Käbinet vom 5. Febr. 1829:
Der Bibliothekar Dr. Jacob Grimm und der
BibUothek-Secretar Dr. Wilhelm Orimm . . . .
bitten allerunterthänigst dem Bibliothekar die erste
und dem Sekretär die dadurch erledigt werdende
zweite Bibliothekarstelle huldreichst zu verleihen.
[das Gesuch s. unten III 6).]
Resolution: Beyde Oesuche werden abgeschlagen;
welches das Oberhofmarschall-Amt denselben be-
kannt zu machen hat.
y Google
I. Wilhelm Grimm als Bibliothekssecretar. H
9) Än/Beige des O.H.M,'ÄnUs, dass Bihh Grimm
einen QehaU von jährl. 600 ^y der Secretar Grimm
aber einen solchen von jährlich 300 ^ zu 'be-
stehen hat.
Resol. vom 10. Febr. 1829: Ad acta. Vorher
aber nachzutragen, was jene Grimms jährlich an
Präsent-Gelder empfangen.
Wühelm K.
10) BesoldungS'Bescript vom 11. Febr,, wodurch dem
Bibliothek-Sekretär W. Grimm eine Gehaltszulage von
Einhundert Thalem vom 1. k. Monats bewilligt wird.
11) Verßgung an das O.H.M.'Amt und den Hof-
Archiv-Bir. v. Bommel. Wilhelmshöhe d. 30. Oct.:
Die beiden angebogenen Abschieds-Gesuche der
zeitigen Bibliothekare Grimm gehen
1. an das 0. H. M.-Amt wegen Besorgung der
Ausfertigung der flachen Abschiede und denmächstigen
Vorlegung, wenn der Museums- und Archiv-Director
Rommel bescheinigen wird, dasz die genannten
Grimms alles wohl abgeliefert haben werden. Die
Gehalte der Gedachten sind vorzulegen.
2. an d. Museums- u. Archiv-Dir. Ronmiel um
zweckmäszigere und f&r den Dienst vortheilhaftere
Vorschläge wegen Wiederbesetzung eines Biblio-
thekars nebst eines Scribenten zu thun und die
Instruction vorschläglich dahin abzuändern, dasz
gedachte bei der Bibliothek angestellt Werdende
mehr für die Bibl. selbst als f&r sich selbst arbeiten.
y Google
12 ^* Wilhelm Grimm als Bikliothekssecretar.
1J2) Eine weitere BesoluHan vom gleichen Tage:
Das 0. H. M.-Amt hat die unterm heutigen Tage
durch allerhöchstes Rescript befohlene Ausfertigung
der flachen Abschiede für die p. Grimms fordersamst
zur allerhöchsten Vollziehung allerunterthänigst ein-
zureichen, auch alsbald die Verfügimg zu treffen,
dasz vom 1. November d. J. an die Gehalte der*
selben nicht mehr ausgezahlt werden.
13) Abschied för den Btöliotheh-Sehretar Dr. Grimm:
Nachdem Wir dem bisher bei Unserer BibL im
Museum angestellten Sekretär Dr. Wilhelm Carl
Grimm die gebetene Entlassung aus Unsem Diensten
allergnädigst zugestanden haben; so hat sich hier-
nach ein jeder den es angehet, allerunterthänigst zu
achten.
Wilhelmshöhe, am 30. Oct. 1829.
14) Anzeige d. O.H.M.'Ämts, das QehaU d. beiden
Orimm betreffend.
Resol. Wilhelmshöhe den 1. Not. 1829: Die
Gehalte sind nicht richtig angegeben, der des Bibl.
betrug 758 ^ u. des See. 435 ^ nach dem Be-
soldungs-Etat fOr den Hof.
y Google
IL J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 13
IL Acten Ober Jacob Grimms Mission nach
Paris im Herbst 1815.
Zur VorgeschichU der Mission sei l>emerU, dass tMch
Aden den des Geh. Ministerium des Kurfürsten WH-
heim L die Ähsendung des Geh. Baths von Carls-
hausen na(^ Paris häreffend diese am 26* JuU
erfolgte und dase ihm der von Cassel entführten Kumt-
schätze halber der QaXlerie-Inspeetor Bobert und
Inspector Döring heigegeben wurde. Am 4. August
traf V, Garlshausen in Paris ein. In seinem 9. Bericht
vom 26. Aug. 1815 findet sich folgender Passus:
Hier befindet sich eine in wissenschaftlicher
Hinsicht höchst schätzbare Sammlung von Manuscrip-
ten. Man hat die Idee sie für die gar nicht mehr
vorhandenen, in Teutschland geholten Eunstsachen
wegzunehmen , und verhältnissmäszig zu vertheilen.
Einer von den Gebrüdem Orimm in Cassel,
wahrscheinlich der in Wien gewesene Legations-
secretair, soll sich während seines früheren hiesigen
Aufenthalts vorzüglich mit diesen Manuscripten be-
schäftigt haben, und man wünscht daher von Seiten
der Königl. Preusischen Behörde, dasz Ew. Eönigl.
Hoheit allergnädigst geruhen möchten, denselben
hierher zu senden, und ihm seinen öehalt bis zur
Vollendung der von ihm zu bewirkenden Zusammen-
tragung und Ordnung der Manuscripte zu lassen.
Hier soll er mit Verköstigung einquartieret werden
und die Reisekosten will man unter die Fürsten,
y Google
14 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
welche daran Theil erhalten, repartiren. Ich . . .
bitte den L. S. Grimm .. . an den Preusiachen
Eammergerichtsrath von Eichhorn weisen zu
lassen, wenn ich nicht mehr hier seyn sollte.
Ba/rauf erfolgte tmter dem 9, S^t sowohl an den
JcPreuss, Generalintendanten Staaisralh Bihhentropp
wie an den k. Pretiss. Herrn Kanmergeru^ts-Bath von
Eichhorn von Seiten des hessischen Staatsministeriums
Benachrichtigtmgy dasz Qrimm dort hin gesandt seL
Letztere lautet: Der G. R. u. Cammerpräsident t. Carls-
hausen hat des Kurfürsten E. H. angezeigt, wie man
eine dort befindliche schäzbare Sammlung von Hand-
schriften zum th eilweisen Ersaz der aus Teutschland
weggebrachten, nicht mehr vorhandenen Eunstsachen
zu verwenden und verhältnismäsig unter die be-
theiligten Regierungen zu vertheilen gedenke; zu
welchem Ende man, besonders E. Preussischer Seits,
wünsche, dasz der bereits mit jenen Handschriften
bekannte diesseitige Legations - Secretair Grimm
dorthin gesandt werden möge. . . .
Indem S. k. H. der Eurfürst diesen Antrag mit
vorzüglicher Berücksichtigung des E. Preussischer
Seits geäuszerten Wunsches Statt zu thun kei|i Be-
denken getragen u. d. Leg. Secr. Grimm nicht nur
die fernere Beziehung seines Gehalts, sondern auch,
zur demnächstigen Abrechnung mit den Theilnehmem
einen Yorschusz zu den Reisekosten bewilligt haben;
sind Wir zugleich allergnädigst beauftragt, gedachten
L. S. Grimm dem E. Pr. H. E.G.R. v. Eichhorn
mit dem Ersuchen zu empfehlen. Sich mit demselben
wegen der von ihm zu übernehmenden Geschäfte zu
y Google
II. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 15
verabreden, und Sich des diesseitigen Interesses bey
dieser Angelegenheit gefallig anzunehmen.
Von Eichhorn lief ein von Paris 30. Sept. 1815
d(Uirtes Antwortschreiben an das hess. Ministeritim ein,
am dem ich folgenden Satz heraushebe:
Ich habe das Vergnügen Herrn L. S. Grimm
persönlich zu kennen, und wo und wie ich persön-
lich ihm in seinen Geschäften nützlich sein kann,
werd ich es mit dem gröszten Vergnügen thun.
Am 20. Sept. verwendet v. CarUhausen Orimm bereits
als Seoretairf indem sein an diesem Tage abgesandter
16. Bericht, der die in Mcümaisson befindlichen Cassekr
Bilder betrifft und Ghrimm's Anhunft erwähnt, von
Grimm geschrieben, von Carlshausen nur unterzeichnet
ist.
Eine ÄnerJcennung fUr seine, wie die nachstehenden
Berichte ergeben, doch recht eifrige und, soweit die Ver-
hältnisse es gestatteten, auch recht erfolgreiche Thätigkeit
ist Jacob Grimm von Seiten seines hurfürstlichen Herren,
soviel die Aden ergeben, nicht zu Theil geworden. Auch
ist sonst nichts darüber bekannt geworden, wie man denn
überhaupt bis jetzt von dem, was Jacob Crrimm bei
diesem Anlass für sein engeres Vaterland gähan hat,
so gut wie nichts wuszte. Er selbst hat sich nur am
21. Od. 1815 seinem Bruder gegenüber darüber aus-
gesprochen (Briefe aus d. Jugendzeit S. 479):
«Endlich hat mich auch des Buderus Abreise...
ganz in die diplomatische Bahn, aus der ich eben
frei geworden war, wieder gebracht ; ich bin so gut
als hessischer Geschäftsträger und habe fünf oder
sechs angeknüpfte schwierige Reclamationen und
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16 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
Berichte darüber auf dem Hals, die mir eigenUich
mehr Mühe kosten, als das andere Geschäft.**
Sein Vorgesetzter , der CammerpräsidetU v. Carls-
hauseny toelchem hei seinem Weggang von Paris der
Kurfürst wegen semer Thätigkeit seine voUe Zufriedei^
heit ausgedrückt hatte (dat. vom 29. Sept. 1815), hat m
den späteren in Casset geschrittenen Berichten an dem
Kurfürsten kein einziges Wort der Anerkennung fiSir die
selbständige Handlungsweise Chrimms einfiiessen lassen,
auch ist in den späteren Acten immer nur von v. Carls-
hausens Verdiensten um die Wiedererlangung der Bilder
die Bede. Die einzige Erwähnu$m Grrimms fmdei atcfc
in V. Carlshausens Bericht v. 19. Oct. 1816 , worin es
heisst: Bei meinem Abgange von Paris habe ich dem
Legations-Secretair Grinmi die in der abschriftlichen
Anlage nachgewiesenen Punkte zur weiteren Be-
treibung vorgeschrieben.
Biese Instruction lautet:
Den Herrn Legations-Sekretair Grimm bitte ich:
1) Ton Zeit zu Zeit beim Herrn Eammergerichts-
rath V. Eichhorn in der Bue de VUniversiti no 8
anzufragen, ob wegen des Eurhessischen Truppen-
Corps und sonst nichts an mich zu erlassen sey?
2) Den Hm. geh. Staatsrath v. Grüner, in der
Bue de VUniversiti ne 15 von Zeit zu Zeit zu be-
fragen, ob durch die Einwirkung des fr. Eriegs-
ministers, der Besitz der vom General la Grange
genommenen Gegenstände wieder erlangt w^en
könne.
3) Bei dem Hm. Fürsten v. Hardenberg zuweilen
die, nach der abschriftlichen Anlage zugesagte Ver-
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\
n. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 17
Wendung zur Wiedererlangung der vom Gen. La
Orange genommenen und nach Malmaison ge-
schickten 48 Oemählde, worauf ich 3 Stück zurück
erhalten habe, in Anregung zu bringen; auch
4) die Aushändigung der vom Grafen Defermon
über den Verkauf der Kurhessischen Kapitalien ge-
führten Acten, bei dem Grafen von Pradel, dU
recteur giniral du MinisUre de 1a maison du Boi.
Ich benachrichtige dabei zugleich dasz 5) der
Mahler Unger, auf dem Quai des Augustins no 15
wohnend, die Gemähide genau kennt, die Verzeich-
nisse davon besitzt, und auf die Auslieferung von
21 Gemählden, welche von auswärtigen Museen nach
anher geschickt werden müssen, bei der Direction
des hiesigen Museums fleisig erinnern wird.
6) der Königl. Hanöversche H. Legationsrath
V. Bodenhausen in der Bue de la Vidoire no 20
überall nöthige Auskunft und Hülfe zugesagt hat;
und
7) der Bx. Handelsmann Toussaint aus Hanau
in der Strasze de Glery no 20 mit der Einziehung
der Nachrichten: wo sich noch Gemähide von den
sub no 3. bemerkten Stücken befinden beschäftigt ist.
8) Die zu erlangenden Gemähide werden den
Mr. Bourget & 0«- in der Bue St. Denis no 152
zum Transport nach Gassei übergeben.
Paris am 24. Sept. 1815."
Sonst finden sich noch Auszüge aus Schreiben von
Carlshausen an J. Orimrn hei den Aden, datirt v. 18.
u. 19. Od., welche aber nur die Convention über den
Sold und die BeJUeidungsgelder betreffen.
E. StengeL Acten der Brftder Orimm. 2
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18 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
Chrinms eigentlichen Berichten vorauf gehen folgende
zwei kurze Schreiben:
1.
Ew. Wohlgeb.
bin ich genöthigt, da mich Hr. Minister von
Schmer feld dennoch wieder zurückverweist, dessen
beifolgendes Billet mit der ergebensten Bitte zu
übermachen, dasz mir der Yorschusz von 40 Louisd^or,
als woran sich allein meine Abreise aufhält, baldigst
geschehe. Falls die Summe vorräthig, können Sie
solche dem üeberbnnger mitgeben; sonst bitte ich
nur ein Wort Nachricht: wann heute oder vielleicht
Morgen früh erst, ich mir darauf gewisze Rechnung
machen darf, mn weitere Maasregel danach zu
nehmen.
Mit bekannter Hochachtung
Ew. Wohlgeb. ergebenster Dr.
Grimm.
In Eile. Samstags [d. 9. Sept. 1815] Nachmittag.
Sr. Wohlgeb. des Herrn Kriegs Eath Enatz.
J2.
Ew. Wohlgeb.
Danke zwar verbundenst für die laut beilieg.
Qtg. richtig erhalteneu 40 Frdor, war aber be-
stimmter Äusserung d. Hm. Minister v. Schmer-
feld zufolge auch der Meinung, einen Credit nach
Paris, auf eine gleiche Summe sprechend zu em-
pfangen. Falls Ew. Wohlgeb. dazu nicht autorisirt
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II. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 19
sind, ersache ich gegenwärtiges Billet, weil ich
selbst mitten in Reiseanstalten begriffen bin, an
Hm. Eriegsrath Bivalier zu senden, welcher
zweifelsohne die GHite haben wird, deszfalls bei Sr.
Exe. nähere Erkundigung darüber einzuhohlen: von
welcher Seite her mir dieser Credit eröffnet werden
wird, damit ich nicht zu Paris, bei der zu ver-
muthenden Abreise des Herrn von Garlshausen
in Verlegenheit gerathe.
Mit Yollkommner Hochachtung
Ew. Wohlgeb. ergebenster
Grimm.
Sonntags lOVg-
Herrn Kriegsrath Knatz Wohlgeboren.
Es folgen nun die Berichte:
Berioht L
Paris 1. Octob. 1815.
Hochwohlgeborener
Hochzuehrender Herr Geheimerath
Mein erstes Schreiben habe ich in besi»ndig ge-
tauschter Erwartung einiger bestimmten Auskunft
über die yerschiedenen mir zu Theil gewordenen
Auftrage mehrere Posttäge aufschieben zu müszen
geglaubt. Bevor ich mich zu jedem derselben im
einzelnen wende, will ich einiges allgemeinere über
den Stand der hiesigen Angelegenheiten yoraus-
schicken, welches auch Licht mit auf jene werfen
kann.
2*
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20 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
Der Frieden ist, was auch die pariser Zeitungen
davon yersichem, in den letzten Tagen Septembers
noch nicht unterzeichnet worden und dürfte es erst
im Verlaufe dieser Woche werden. Die Schwierig-
keiten liegen nicht in der fehlenden Ueberein-
stimmung der alliirten Mächte, unter denen glück-
licherweise das beste Vernehmen herrschen soll,
sondern in den Einwendungen, welche das französ.
Ministerium gegen die ihm vorgelegte Basis zu
machen sucht. Diese sollen vorn'ämlich auf die von
Frankreich in mehrem Terminen zu entrichtende
Kriegs Gontribution gehen; allein man hat allen
Grund zu glauben, dasz die Vorschläge der Aliürten
auch in diesem Punct durchdringen werden. Was
die neue Ländergrenze betrifft;, hoffb man nicht nur,
die definitive Abtretung des der Krone Frankreich
im vorigen Frieden annoch verbliebenen saarbrücker
Landstrichs, sondern auch der Festung Landau an
Oesterreich, und selbst einiger anderer festen Plätze,
wie Philippeville und Givet an die Niederlande.
Wenigstens werden letztere nebst noch einigen
anderen zu Unterpfändern der zu erfüllenden übrigen
Friedensbedingungen auf bestimmte Zeit alliirten
Besatzungen eingeräumt, die gröszeren Grenz-
festungen auch blos von Bürgersoldaten und nicht
von Linientruppen besetzt werden. Hüningen bleibt
geschleift: und Frankreich verpflichtet sich, keine
Festung im Umkreis von 3 Meilen um Basel herum
wieder aufzubauen.
Talleyrand unterhandelt beim Frieden nicht
mehr mit, sondern der Herzog v. Richelieu allein«
y Google
IL J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 21
Der endlich aus Marseille eingetroffene neue Mi-
nister des Innern, Oraf Yaublanc, wird allgemein
als einer der eifrigsten Royalisten dargestellt. Die
Eröffnung der Cammer war nochmals weiter bis
zum 9. d. M. verschoben worden. Doch ich ent-
halte mich weiterer Neuigkeiten dieser Art, die sich
sonder Zweifel auch in den Zeitungen finden werden.
Der russ. Kaiser reiste zuerst yon hier ab,
am 28. Sept., ihm folgte Tags darauf Kaiser
Franz. Ersterer begibt sich nach Brüssel, yon
da nach Dijon, wo 70—80,000 M. Oestreicher ge-
mustert werden sollen. Sodann reist er über Carls-
ruhe und Stuttgart nach Berlin, wo er den 18. Oc-
tober gewisz zu seyn denkt. Um gleiche Zeit oder
wohl einige Tage früher will der preusz. Monarch
in seiner Residenz eintreffen, welcher bis auf diesem
Äugenblick noch hier zu Paris ist und erst nach-
dem er übermorgen (Dienstag) in der Umgegend
von Versailles Revue über 50,000 M. seiner Truppen
gehalten haben wird, in der Mitte der Woche
Frankreich zu verlassen gesonnen ist.
Die Zurücknahme des hier vorhandenen fremden
Kunsteigenthums hat seither ununterbrochen fort-
gedauert. Nach den Niederländern räumten die
Oestreicher, unter noch etwas härteren Formen, auf.
Die medicäische Venus war bereits vorigen Donners-
tag für Florenz eingepackt worden, eine Menge
italienischer Gemähide traf hernach die Reihe. Am
Samstag wurde auch an die berühmten venetianischen
Rosse, die auf dem Triumphbogen vor den Tuilerien
aufgestellt standen, geschritten. Der König, hiesz es
y Google
22 U» J« Grimm's Mission nach Paris 1815.
in deszen Angesicht die Herabnahme geschehen
muszte, habe sich ausgebeten, dasz sie schonend zur
Nachtzeit erfolgen möge. Sey es aber, dasz dieses
mit der Arbeit selbst unverträglich gewesen, oder
man gern den Parisern zeigen wollen, wie wenig
man sie scheue, mau nahm gestern und heute alles
bei lichtem, hellem Tage vor; auf dem Platz
bivouacquirte eine Gompagnie Ungarn, welche keinem
Franzosen den Eintritt verstattete, Cayallerie-
Patrouillen mit entblösztem Schwert ritten langsam
auf und ab, und die Ruhe wurde nicht gestört. Seit
einigen Stunden ist alles vollbracht und die bitteren
ÄuszeruDgen femer französischer Zuschauer ver-
hallen in die leere Luft. Vermuthlich wird der
ganze nun seiner Zierde beraubte Bogen denmächst
völlig abgebrochen.
Der Pabst, deszen Reclamationen der Scheingrund
des Tolentiner Friedens in etwas beschränkt, wird
vielleicht doch noch auf ein oder die andere Art
vor dem Abzug der allürten Truppen zum Zweck
gelangen. Sein Abgeordneter, der berühmte Bild-
hauer Ganova selbst, ist ein halb träger, lang-
samer Mann, den die AUürten selbst erst antreiben
müszen, sie um Verwendung zu bitten. Die Cabinette
verwenden sich aber nicht gern entschieden in irgend
etwas, aber sämmtliche militärische Behörden, die
jetzt die Gewalt in der Hand halten, scheinen zu
kräftigen Maasregeln entschloszen. In dieser an-
genehmen und mehr als einer deutschen Angelegen-
heit ersprieszlich werdenden Hoffnung bin ich durch
einige Äuszerungen des E. preusz. Ministers Generals
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II. J. Grimm's Mission nach Pari^ 1815. 23
y. Oneisenau, bei dem ich vor einigen Tagen zu
speiszen die Ehre hatte, bestärkt worden.
Der König v. Preuszen hat die bekannte,
freilich vor einigen Jahren noch prächtigere Ge-
mähldegalerie Guistiniani um 450,000 oder
500,000 Franken erkauft; Berlin wird nun bald sehr
ansehnliche Sehenswürdigkeiten aufzuweisen haben.
Ich gehe zu imsern hessischen Angelegen-
heiten über, worin, so wenig diesmal von Erfolg
berichtet werden kann, dennoch hoffentlich keine
Saumseligkeit meinerseits gespürt werden wird.
1) Die Malmaisoner Gemähide be-
treffend. Herr Toussaint konnte den Grafen
Capo d 'Istria verabredetermaszen weder den
Dienstag noch die folgenden Tage sprechen, welches
schon ein übles Zeichen war. Auch noch andere
eingezogene leidige Nachrichten schienen anzudeuten,
dasz die Zierden unserer Galerie nach Ruszland be-
stimmt wären; von Fürst Hardenberg ging keine
Antwort ein, ich suchte persönlich vor ihn zu
kommen, wurde aber nicht vorgelassen und erfuhr
freilich aus guter Hand, dasz er mir wenig tröst-
liches würde haben sagen können, in dem die
allürten Ministerien über das principiwin restituendorum
zu gar keinem festen Entschlusz kommen könnten,
vielmehr alles, was geschehen sey, sich halb un-
diplomatisch habe anknüpfen und sodann analogisch
weiter fortbilden müszen. Von einer anderen Seite,
wo ich Gelegenheit nahm, das so ungerechte und
undelicate Benehmen des russ. Kaisers in dieser
Sache vorzustellen, wurde mir vertraut gerathen,
y Google
24 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
den einzigen hier überbleibenden, vielleicht noch
fruchtenden Schritt einer unmittelbaren, die
Gefühle, welche Recht und Wahrheit hierbei ein-
geben müflzen, unverhüllenden Vorstellung an den
Kaiser selbst zu thun. Der gewöhnliche diploma-
tische Weg durch den Grafen Nesselrode und
Fürsten Wolkowsky, die nicht einmal geantwortet
hatten oder ausgewichen waren, hatte sich schon ab
unzulänglich bewiesen ; auch stand zu hoiBTen, einige
Abweichung von dem gewöhnlichen Geschäftsstil
würde eher die Aufmerksamkeit des Monarchen an-
regen. Da er indeszen gerade Tags vorher verreist
war, blieb mir nichts übrig, als das (in Abschrift bei-
liegende [S. 27—31]) Schreiben ihm auf seiner Reise
nachzusenden und es ist mit einer sicheren oest-
reichischen Gelegenheit nach Dijon abgegangen. In-
struction über diesen Schritt vorher von Cassel einzu-
hohlen und zu erwarten, hätte ihn völlig gelähmt und
paralysirt; auch Hr. v. Bodenhausen, den ich be-
frug, meinte, dasz er wenigstens nicht schaden könne.
Dasz ihn Se. Kön. Höh. nicht misbilligen werde,
wage ich zu hoffen. Die ganze Sache liegt so, dasz
sie mit der Zeit einmal öffentlich in Deutschland
zur Sprache gebracht werden musz, wenn gleich in
diesem Augenblick noch nicht, um andere wichtigere
Rücksichten zu schonen. Auf dieses öffentliche
Interesze, welches man in Deutschland an unsem
Gemählden nehme, wies ich darum vorsätzlich hin
imd sollte einiges andere überhaupt zu frei aus-
gedrückt scheinen, so kann allenfalls immerhin der
AUergnädigste Herr das ganze Schreiben als un-
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 25
officiell desavouiren, da ich hier im Fall dringender
Noth ohne speciellen Befehl habe vorschreiten
müszen. Gott gebe dasz es vielleicht noch einige
Wirkung thue!
Am folgenden Tage erfuhr ich denn (durch das
ebenfalls beigeschloszene [nicht mehr vorhandene]
Schreiben Herrn Toussaints), dasz die Bilder
wirklich eingepackt und auf der Reise nach Rusz-
land wären. Mithin war auf keinen Fall etwas zu
verderben, und umgekehrt, wenn der Kaiser sich
hier von Ehre und Gerechtigkeit leiten laszen will,
musz er sie dennoch herausgeben.
Da indeszen nur von den fünf vorzüglichsten
Gemählden die Rede ist, werde ich in Ansehung
der etwa noch zurückgebliebenen mich nicht un-
thätig zeigen, sondern dieser Tage dem Ghev. Sou-
lange mit erbetener Militärhülfe zusetzen, und ihn
so etwa zu näheren Äuszerungen zwingen. Sodann
denke ich die Liste der anderen, vermuthlich gar
nicht in die Gewalt der Beauharnais gerathenen,
sondern sonst veruntreuten Bilder in die Categorie
der von Preuszen jetzo verzeichnet werden[den], in
specie nicht restituiben, aber anderweit zu vergütenden
Gegenstände zu bringen. Ob man mit dieser ge-
forderten Compensation durchdringt? ist freilich noch
die Frage.
2) in der Angelegenheit der zwei Eisten war
ich bei dem Geh. Staats Rath Grüner, der mich
sehr freundschaftlich aufnahm, und bereits vor
einigen Tagen die Sache bei dem neuen Eriegs-
minister Duc de Feltre wieder monirt zu haben
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26 n* J* Orimm's Mission nach Paris 1815.
yersicherte. Ich gedenke indeszen auch hier in
einigen Tagen vorzuschreiten und dem Intendanten
des Lagrangischen Hotels hierselbst mit Soldaten-
execution auf den Leib zu rücken, um ihn so zu
zwingen, dasz er schleunig die Antwort seines Herrn,
der sich über das Schicksal der Kisten irgend aus-
weisen musz, herbeischaffe. Falls deszen Güter in
dem noch besetzten Theile Frankreichs lägen, worüber
ich auch sogleich Erkundigung einzuziehen suchen
werde, könnte auch da mit Gewalt vorgeschritten
werden. Ich hoffe übrigens in Eurer Hochwol-
geboren nächsten Schreiben in Ansehung dieses so
bedeutenden Gegenstands nicht allein unterrichtet
zu werden : ob Se. Kön. Höh. diese Sache gerichtlich
und proceszualisch betreiben zu laszen Willens sind ?
sondern wünsche auf allen Fall auch eine ungefähre
Aestimation des Werthes dieser Kostbarkeiten zu
erhalten.
3) Auch der Graf von Pradelles hat in Be-
tracht der Deffermonschen Papiere noch nichts
geantwortet, weszhalb ich ihn gestern schriftlich
erinnert habe.
4) Ebensowenig hat mir der 0. G. R. Eichhorn
die versprochene Auskunft über den Sold der Truppen,
seines besten Willens ungeachtet, zu geben ver-
mocht. Die Schuld der verschobenen Auseinander-
setzung liege theils am oestr. Minister Baldacci,
theils und vorzüglich am unordentl. Rechnimgs-
wesen der englischen Armee.
Dieser mein Brief hat wegen gerade eingefallener
Überhäufter und unaufschieblicher Arbeit in der
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II. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 27
Manuscripten Angelegenheit erst einen Tag später
aus dem Concept mundirt werden können. Ich habe
selbst den gröszten Theil der vorigen Nacht schreiben
müszen; man büszt hier leider so viel Stunden mit
Herumlaufen und Fahren ein. Mein nächster Brief
soll desto schneller folgen. Mit schuldigster Hoch-
achtung habe ich die Ehre zu beharren
Ew. Hochwohlgeboren
gehorsamster Dr.
Grimm.
N. S. ich wohne fortwährend riie de VuniversiU
no 7. Schwerlich werde ich unter drei Wochen,
gewisz nicht vor 14 Tagen abreisen können, es
mtiszte sich denn etwas auszerordentliches zutragen.
Also wird [mich] die Antwort auf gegenwärtigen
Brief vermuthlich noch treflFen.
Hr. von Bothmer soll hier seyn, um gegen
den in dem traurigen Zwist zwischen Kurprinz
und Kurprinceszin, wonach mich hier jedermann
fragt, vorgeschlagenen preusz. Vermittler, Fürsten
V. Wittgenstein aus Berlin Einsprache zu thun.
Das Nähere ist mir unbekannt.
Anlage :
Sire
Le Soussigne charge par S. A. R. TElecteur
de Hesse de reclamer differens objets d'art enleves
et transport^s en France, prend la Hbert^ d'avoir
recours immediatement ä Votre Majeste Imperiale
dans un cas, oü il parait n^etre reserv^ qu^ä Elle
meme, d'ordonner et de faire executer une juste
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28 II- J- Grimmas Mission nach Paris 1815.
reparation. Le fait, qu^il aura ä exposer, est aussi simple,
que le droit incontestable, sur lequel ce fait repose.
La Hesse enyahie en 1806 se vit, ä la suite
de la plus injuste aggression et des dispositions
les plus dures prises contre eile, privee de presque
toutes les coUections precieuses, dont ses piinces
Pavaient eurichie pendant une longue serie d^annees.
La süperbe galerie des tableaux fut un des premiers
objets, qui attirerent la cupidit^ de Toppresseur.
La proie comme taut d'autres arriva ä Paris, cetfce
fois cependant eile n^entra pas totalement dans le
grand Mus^e, mais tout ce qu^elle contenait de plus
precieux, les quatre Claude Lorrains, le fameux
Pott er et beaucoup d'autres tableaux, dont il serait
superflu, de faire ici Tenumeration, furent exposes
au chateau de Malmaison. L'on apprit depuis,
que Bonaparte les avait donnes ä Josephine,
son epouse.
Les trois demieres annees ont ramene la justice
en Europe. Y-aurait-il de plus sacree que celle qui
doit s'^tendre aux monumens d'antiquite et d'art,
propriete inviolable et inappreciabie des etats, qui
Tont acquise ä juste titre? Aussi la restitution de
ces objets a-t-elle 6t6 g^n^ralement reconnue et
admise en principe et plusieurs princes Tont ddja
fait valoir ayec tout le succes, auquel on etait fond^
ä s'attendre. Si des gouvememens , dont les pro-
vinces avaient et^ ced^es en vertu de trait^s solem-
nels et qui se voyaient forc^s ä conclüre la paix
avec la France sans pouvoir s'opposer aux enl^vemens
exerc^s dans leurs mus^es, si ces princes revendiquent
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 29
mainteiiant leur propriet^; les titres et les recla-
mations de TElecteur de Hesse dolvent ^tre d^autant
moins ^quivoques et acqu^rir d^autant plus de force,
qne ce prince n^a Jamals renonc^ ä ses etats dans
aucun traite et qu^il n^est Jamals entr^ en negoclatlon
avec Temieml. L^acte de donatlon, qul pourralt
etre pr^text^ pour les coUectlons de Malmalson,
suppose qu^effectlyement eile eüt eu lleu, ne sauralt
deroger en aucune manlire au droit du yral pro-
prietalre, pulsqu'U est constant que ce demier ne
peut Jamals souffirlr par Pallenatlon, que Flnjuste
possesseur voudralt faire de la chose mal-acqulse.
Celul-ci n^ayant pas la proprlet^, ne pourra non plus
la transferer sur un trolsl^me.
II etalt ä pr^Yolr, que la famllle Beauharnals,
herltl^re de Josephine et sans doute Inform^e de
la y^ritable condltlon des tableaux en questlon, ne
negllgeralt rlen pour les soustralre ä une juste re-
clamatlon. En eiBTet, non seulement eile les fit
cacher et elolgner de Malmalson, mals eile eut encore
soln, de repandre le brult, que V. M. J. les avalt
falt acheter et les enverralt en Bussle. Gette
assertlon, ä laquelle pendant longtems personne ne
pouvalt attacher fol, n^est cependant pas encore de-
mentle et le cbevaller Soulange, actuellement
Charge des affaires de cette famllle, declinant de
l'avouer publlquement, va meme jusqu'ä dlre , qu'il
n^a aucune connalssance de cette coUectlon de tableaux,
ce qu^ü seralt presqu* absurde de vouloir refnter.
La famllle Beauharnals tout en se
pr^valant de telles excuses et en osant proposer
y Google
30 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
Tachat d^une coUection de tableaux, qni ne Itd
appartenait point, a Äipäre, que V. M. J. ne aerait
pas mise au fait des circonstances.
C'eat vous Sire, qui pendant tonte votre marche
glörieuse et bienfaisante ayez suivi et pour ainsi
dire recondnit la morale dans la politique. Vous
ne souffirirez jamais, qu^il se commette un acte
d^injustice ouverte et qu^un pays accabl^ de souff-'
rances, mais tonjours fid^le ä la bonne cause ne soit
pas redintegr^ dans la jouissance d^un bien, dont
il a toujours conserv^ le souvenir. Vous aimerez
mieux, faisant preuve de cette noble generosit^, qui
Yous a excit^ Tapplaudissement du monde, vous
concilier encore dans cette occasion la reconnaissance
de la Hesse, j^ose dire de Allemagne entiäre,
dont le(s) regard ne laisse pas d'Stre fix^ sur le sort
de ces tableaux uniyersellement connus. Qu^il soit
permis, d^ajouter la simple mais frappante obser-
Tation, que si rentiere collection avait rest^ au
mus^e de Paris, eile nous aurait deja et^ restitu^e
dans ce moment, ainsi que Test r^ellement la partie
qui s^y trouvait. Gomment et par quelle raison le
senl hazard, quila condnisit ä Malmaison, saurait-
il affaiblir ou diminuer la legitimit^ de nos droits?
Sire, les ^y^emens pressent ; apr^s le depart des
troupes alli^es de la capitale de France, il se
presenterait d^autres obstacles et par de nouvelles
intrigues la famille Beauharnais tacherait de se
maintenir en possession. G^est donc cette necessite
d'^viter un plus long retard qui a iorc6 le soussign^
de soUiciter la puissante intervention de V. M. J.
y Google
n. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 31
pendant mdme qu^Elle est en yoyage. U se flatte
ayec la plus entiäre conyiction, qu' Elle daignera
donner Tordre pour que la restitution des tableaox
provenant de Gas sei et tomb^s dans les mains de
la famille Beauharnais ^oit faite et execnt^e
sans obstacle. S. A. B. TElecteur, qui certaine-
ment avait pens^ en enyoyant ses commissaires ä
Paris, que la seule justice de la cause triompherait
de toutes les difiPicult^s, sera penetr^e de la plus
viye gratitude enyers V. M. J. en apprenant, qu^Elle
aura bien youlu par une resolution, digne d^EUe
faire droit ä une reclamation fond^e ä tous les
^gards contre des pretentions egalement condem-
nables sous le rapport de la justice que celui de
Tequit^ politique. Je suis ayec un profond respect
Sire de Y. M. J. le tr^ humble et tr^s soumis
seryiteur
Grimm,
Secr^taire de la leg. ^lectorale de Hesse et charg^,
apr^s le depart de Mr. le Cons. int. B^^ de Carlsb.
des affaires de S. A. B.
Paris, ce 29. Sept. 1815.
Bericht 2.
Paris, 5. October 1815.
Hochwohlgeborener
Hochzuyerehrender Herr Geheimerath!
Es ist nun keinem Zweifel mehr unterworfen,
dasz die Basis des Friedens unterzeichnet worden
sej ; Hauptbedingungen deszelben sind : Abtretung yon
y Google
32 II' J* Grimms Mission nach Paris 1815.
Saarbrück und Saarlouis, der ganze Strich längs der
Saar fällt an Preuszen; Oesterreich erhält definitiv
nicht blos Landau (weswegen es ohne Zweifel auch
Mainz fortwährend beseiten wird) sondern auch
Hüningen, das jedoch geschleift werden soll. Die
an die Niederländer zu cedirenden Festungen und
Districte weisz ich nicht genau anzugeben. Die
Gontribution soll 700 Mill. Fr. betragen, übersteigt
mithin den Jahresbetrag der Einkünfte des jetzigen
Frankreichs nur etwa um 100 Millionen; also ge-
wisz gar keine mit dem was einzelne deutsche
Länder haben zahlen müszen im Yerhältnisz stehende
Auflage. Zur Sicherstellung werden 150,000 Mann,
wozu Oestreich , Buszland , Preuszen und England
jedes 30,000 die deutschen Bundesfürsten gleichviel
stellen sollen, gewisze Landstriche Frankreichs be-
setzt halten. Einzelne Puncte und Bestimmungen
werden noch in diesem Augenblick überlegt imd
unterhandelt. Obgleich man diesen Frieden fOr
keinen Deutschland schimpflichen halten kann, so
erreicht er doch unsere Erwartungen lange nicht,
und die allgemeine Stimmung wird mit ihm unzu-
frieden seyn. Der König v. Preuszen ist fort-
während noch hier, nachdem er schon vorgestern seine
Revue, aber ganz in der Nähe der Hauptstadt abge-
halten. Von einem Tag zum andern schiebt sich seine
Abreise auf und er wird auch über Brüszel gehen, ver-
muthlich also nicht über Dijon. Fürst Staats
Ganz 1er soll Paris den 13. oder 14. d. M. zu
verlaszen Willens sein ; Alles übrige dürfte dann sehr
schnell nachfolgen.
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 33
Der päbstlicbe Abgesandte Ganova hat endlich,
besonders durch England unterstützt, im Museum zu
räumen angefangen, dann ist es sehr rasch gegangen.
Apollo und die Transfiguration , um von Antiken
und Gemählden gleich die Hauptsache zu benennen,
sind gepackt und fort; nunmehr ist das Museum,
die gern sogenannte europäische Eunstkammer, ent-
schieden zu Grunde gerichtet. Den venediger Löwen,
übrigens von keinem Eunstwerth, haben die Oest-
reichör beim Abnehmen zerbrochen; die Pferde, wie
ich bereits glaube gemeldet zu haben, sind mit ver-
dienterer Vorsicht behandelt worden. In der Bib-
liothek wird Ganova heute angehoben haben; die
früheren oestreich. Reclamationen von Büchern und
Hss. für Italien leitete ein Freiherr von Orten-
fei s. Dem gleichfalls hier anwesenden Heidelberger
Professor Wilken wird von Preuszen besonders,
jedoch auch von Oestreich und England einiger-
maszen Vorschub in seinem Versuch gethan: ob man
dem Pabst nicht, weniger aus einem diplomatischen
Grunde, als aus dem der Dankbarkeit (die etwas
sehr undiplomatisches ist) für so mancherlei wichtigere
Restitutionen die Herausgabe der bekanntlich im
80jährigen Erieg aus Heidelberg geschleppten
Universitätsbibliothek zur Bedingung machen könne?
Ganova scheint wirklich darauf einzugehen, die
Sache wäre für die 'Deutsche Gelehrsamkeit von den
erwünschtesten Folgen, in sich selbst aber das kaum
erhörte Beispiel einer seit fast 200 Jahren wieder
gültig gewordenen Reclamation. Uebrigens darf
man diese Universitätsbibliothek mit der späteren
E. Stengel. Acten der Brüder Grimm. 3
Digitized by VjOOQ IC
34 II* J* Grimmas Mission nach Paris 1815.
Palatinatbibliothek, welche unter Orleans, Heszen
und Brandenburg vertheilt wurde, nicht yerwechseln;
jene hängt mit dieser Erbschaft gar nicht zusammen.
Die Einleitung meines eigentlichen hiesigen Ge-
schäfts, nämlich die Beitreibung von Handschriften
zur Gompensation andrer Eunstgegenstände, ist leider
noch wenig vorgerückt imd findet auf allen Seiten
Anstosz.
Die Soldangelegenheit hat sich immer noch
nicht entschieden, weil man ihre Beendigung mit
der Nachforderung des für die unter Oestreich
gestandenen Bundsfürsten Contingente zu verlangen
vergeszenen habillement's verbunden hat. Ver-
muthlich fallen die kleinem, dahin zu rechnenden
Fürsten nun gänzlich durch, während Baiern und
Würtenberg sich besonders vorgesehen hatten. Man
ist hier sehr unwillig über unterschiedliche Bundes-
staaten, die ihre Truppen höchst unvollständig ge-
stellt hatten und nun dennoch den Sold für das
ganze Gontingent ansprechen. Mecklenburg trifft
der Vorwurf ganz besonders und es dürften ihm
vielleicht einige Bedingungen über die Verwendung
der zu beziehenden Summe gemacht werden. Wir
Heszen stehen in der Hinsicht gut, wenn wir in
anderer nur nicht zu Wien unser Gontingent selbst
auf 7500 Mann beschränkt hätten, während und
indem wir 12,000 ausrücken lieszen!
Ueber die anderen mir aufliegenden Geschäfte
berichte ich mit einer der nächsten Posten; der Er-
folg meiner darin gethanen Schritte ist gerade noch
nicht zu einem Anfschluss geeignet. Morgen und
y Google
IL J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 35
übermorgen erwarte ich solchen und dann mag das
Datum des gepflogenen Schriftwechsels allein schon
bezeugen, wie wenig ich bisher gefeiert habe. Ich
wünsche nichts mehr, als dabei noch ein oder das
andere taugliche thun zu können.
Mit schuldigster Hochachtung beharrend
Ew. Hochwohlgeboren gehorsamster Diener
Grimm.
P. S. Lord Wellington hatte neulich im
Theater Favart einen unangenehmen Vorfall. Als
er etwas spät erschien, waren alle Logen schon be-
setzt; worauf ihm Marschall Grouchy begegnet
seyn und vorgeschlagen haben soll, in der Königl.
Loge niederzusitzen. Als er dies gethan, erhub sich
bald ein solches Gelarm unter dem Volk, dasz der
engl. Marschall sich bewogen fand, das Theater zu
yerlaszen. Den folgenden Tag spielte eine Zeitung
gleich darauf an, ohne den Namen zu nennen. Das
Gbnze erhöht die seit einiger Zeit merklich ge-
stiegene Bitterkeit zwischen den Franzosen und
Engländern.
Bericht 8.
Paris, den 8. October 1815.
Hochwohlgebomer
Hochzuehrender Herr Geheimerath!
Die in meinem letzten Schreiben als näher be-
Torstehend betrachtete definitive Abschlieszung des
Friedens ist immer noch nicht erfolgt und es gibt
3*
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36 11- J- Grimm's Mission nach Paris 1815.
Leute, welche sogar meinen, dasz sie noch vierzehn
ganzer Tage anstehen, andere aber auch, dasz sie
täglich erfolgen könne, nachdem sich diese oder jene
Zufälle ereignen. Die wirkliche Abtretung Hüningens
an Deutschland musz ich zurücknehmen, da es in
dieser Absicht bei den früheren Gerüchten der bloszen
Schleifung zu bleiben scheint. Landau wird gewisz
abgetreten, soll aber dem Vernehmen nach von
Oesterreich an Baiem überlaszen werden, das sich
von dieser Seite her ausdehnen, dagegen Salzburg
an ersteres zurückgeben dürfte. Vielleicht wirkt
dieser Umstand, insofern er Baiems Neigung, sich
auf der rechten Mainseite auszudehnen, ableitet,
günstig für unsere beszere Ausrundung in den ehe-
mals fuldischen Aemtem und wenigstens für die
Erwerbung der unmittelbar zwischen denen des
Oberfürstenthums Hanau einliegenden. Es stehet
dahin, ob auf dem zu eröffiaenden Frankfurter
Bundestag die nähere innere Ländertheilung sammt
der davon abhängenden Aufhebung der verschiedenen
drückenden Provisorien alsbald zur Sprache kommen
wird. Des Königs von Preuszen Abreise ist
nunmehr erfolgt. Vorher wohnte er incognito der
Eröffnung der Cammer bei. Die vom französ.
Könige gehaltene Bede und andere Umstände stehen
in den Zeitungen.
Um also zu unseren Angelegenheiten überzu-
gehen, so war mir 1. in Absicht der aus den Pro-
vincialsammlungen hierher zu schaffenden 21 Ge-
mählde vor allen Dingen die verzögerte Ankunft
derjenigen bedenklich, welche nur in unbedeutender
y Google
n. J. Grimm*8 Mission nach Paris 1815. 37
Entfernung Ton Paris stehen. Ich ging daher zu
den Herrn Denon und Layalee, wovon der
erstere ganz gewöhnliche ausweichende Redensarten
vorbrachte, der zweite mir endlich zu meinem Er-
staunen versicherte, dasz zwar wegen der zu Stras-
burg, Lion etc. vorfindlichen Bilder das nöthige zu
deren Anherotransport verfügt worden sey, in Ab-
sicht auf die in Fontainebleau und Rambouillet
vorhandenen aber deshalb von Directionswegen kein
Schritt geschehen wäre, noch geschehen könnte,
weil man sich über königliche Schlöszer keinen Be-
fehl anmaszen dürfte. Was das eine im Hotel de
PEmpire zu Paris selbst aufgehängte Bild betreffe,
so stehe auch dies Haus unter dem Ministerium der
ausw. Angel, und müsze bei diesem die etwaige Er-
laubnis zur Abnahme ausgewirkt werden. Um diese
habe ich nun alsbald dem Herzog von Richelieu
geschrieben, auch die ausbleibende Antwort noch
dieser Tage bei deszen Principalsecretär Renneval
schriftlich angeregt, nachdem mehrere Versuche,
persönlich und mündlich die Sache schneller aus-
zurichten, scheiterten. Für die Bilder von Fon-
tainebl. und Rambouillet drang ich vor allen Dingen
und auf der Stelle auf Zeugnisze der Direction des
Museums, dasz die befragten Gemähide zu der an
Eurheszen zu restituirenden Sanmilung gehörten.
Nach nochmaligem Fordern, weil mittlerweile die
vom päbstl. Abgeordneten Canova bewerkstelligte
Hauptausleerung des grand musSe Unruhe und Ver-
wirrung aller Art nach sich zog, erhielt ich endlich,
was ich suchte, und reichte sodann beide Zeugnisze
y Google
38 U< J* Grimm's Mission nach Paris 1815.
mittelst Schreibens an den Orafen Pradel ein,
(mit dem hier unter mehrem andern ziemlich gut
auszukommen ist) dasz er darauf die Gonciergen der
gedachten , beiden Schlöszer zur Yerauslieferung
autorisiren möge. Dieser Autorisation sehe ich
nun stündlich entgegen und werde sodann den
Mahler Unger, mit dem ich alles Nöthige ver-
abredet habe, an Ort und Stelle reisen, die Bilder
abnehmen und anher schaffen laszen. Die übrigen
aus den Departementen! treffen hoffentlich sowohl
für uns als für Preuszen und Braunschweig inner-
halb acht Tagen ein. Ich habe die preusz. Behörde
gebeten, deszhalb der Direction des Museums keine
Buhe zu laszen, sondern ihr zu drohen, dasz im Fall
d^ Nichteintreffens man sich auf andere Weise
werde Sicherheit nehmen müszen. Dann will ich
das Oanze noch vor meiner Abreise einpacken und
versenden laszen. Bios wegen der beiden in Brüszel
befindlichen Oemählde von Titian und Tintoretto
bin ich, was zu thim sey? unschlüszig. Hierher-
geschickt werden sie vermuthlich nicht, weil die
brüszeler Behörde dermalen nicht mehr unter Denons
Befehlen stehet. Es wird daher kaum etwas anders
Übrig bleiben, als dasz ich bei meiner Bückreise
den nicht viel verschlagenden Umweg über Brüszel
nehme, und mit den nöthigen Zeugnissen ausgerüstet,
die Bilder, deren erstgenanntes zu den bedeutendsten
unserer Gallerie [gejhören musz, abnehmen und
packen lasze. Der Mahler Unger, der überhaupt
seines uns sehr nützlich gewordenen Eifers wegen
dem AUergnädigsten Herrn empfohlen zu werden
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 39
verdient, aber auch eben durch die öffentlich ge-
leistete Beihülfe hier in Paris und unter den französ.
Künstlern zu sehr compromittirt worden ist, um noch
langer hier bleiben zu wollen, würde mich auf dieser
Reise begleiten. Näheres werden die Umstände zu-
künftig erst bestimmen. Von den aller dieser Dinge
wegen an die franzds. Behörden erlaszenen Schreiben,
deren Inhalt sich ohnedem von selbst verstehet,
glaube ich nicht nöthig zu haben, Abschrift beizu-
fügen.
2. in der weit ungünstiger stehenden Malmaisoner
Oe'mähldeangelegenheit empfing ich bald Nachricht
durch Hm. Toussaint von der Antwort des Grafen
Gapo d'Istria mit dem Zusatz, dasz er darüber
bereits unmittelbar an Ew. Hochwohlgeboren ge-
schrieben habe. Jene Antwort gibt wenig Trost
und gleicht einer bloszen Wendung, andere, unserer-
seits etwa zu thuende Schritte damit zu verhindern.
In Petersburg nach Verlauf eines halben Jahrs,
wenn der Kaiser einmal zu Ruhe gekommen, auf
Entschädigung zu unterhandeln, nicht auf wirkliche
Restitution, würde meines Erachtens aller schönen
Versprechung des Grafen, sich zur Einleitung her-
zugeben, nnerachtet die gröszte Schwierigkeit haben.
Man weisz , wie ungeneigt uns der rusz. Hof ins-
gemein zu sejn pflegt. Ich bereue daher nicht, den
unmittelbaren Schritt bei dem Kaiser selbst gethan
und darin absichtlich die früheren bei dem Grafen
Nesselrode und Fürsten Wolkovsky ignorirt
zu haben; wiewohl mein Schreiben zufolge seither
eingezogener Erkundigung ihm vielleicht nun erst
y Google
40 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
ZU Berlin, statt zu Dijon zukommen dürfte, indem
der Reisende, der es mitgenommen, einer anderen
Richtung hat folgen müszen. Ohnedem, da die Ge-
mählde selbst abgereist sind, schadet dieser Versuch
in der Hauptsache nichts, weil nun doch ihrethalben
in Paris selbst nichts mehr auszurichten gewesen
seyn würde. Auszerdem habe ich nicht nur Hrn.
Toussaint noch gebeten, sich womöglich einigen
Aufschlusz über den Eau^reis, namentlich aber
über die Zahl der erkauften Gemähide aus der-
selben Quelle zu verschaffen zu suchen, sondern auch
geglaubt mit dem Chevalier Soulange noch
einmal anbinden zu müszen. Ich fing damit an,
ihm ziemlich derb und bündig Antwort und Aus-
kunft abzufordern; darauf erfolgte alsbald seine Er-
klärung, dasz die Gemähide in Exaft eines Kauf-
vertrags an Ruszland abgeliefert worden seyen, wo-
bei er sich auf eine ihm von dem preusz. Gommiszarius
Herrn von Martens eingehändigte Liste bezog.
Ich erkundigte mich sogleich und erfuhr, dasz
letztere keine andere gewesen seyn könne, noch ge-
wesen sey, als die unsrige , verlangte ihm indeszen
in meinem zweiten Schreiben Mittheilung und förm-
liche Anerkennung gedachter Liste sowie Bezeugung
des geschehenen Kaufs sämmtlicher darauf ver-
zeichneter Gemähide ab. Auf das fehlende vierte
Bild, was neben jenen befragten dreien noch un-
längst gehangen inqnirirte ich besonders und sehe
nun einer neuen Antwort des Herrn Soulange
entgegen, der inmittelst nicht mehr im Hause der
Caisse cPamortissementj sondern rue neuve des
y Google
IL J. Grimmas Miflsion nach Paris 1815. 41
augustins No. 20 wohnt. Ich gestehe, dasz es mir
kaum glaublich erscheint, alle diese 48 oder jetzt 45
uns fehlende Bilder seyen jemals zusammen in Mal-
maison und Josephinens Besitz gewesen. Die
Caritä des Leonardo da Vinci erinnert sich auch
niemand je wiedergesehen zu haben, weder daselbst
noch anderswo. Sollte nicht sie nebst einigen anderen
Bildern von Lagrange oder Martelliere sonst-
hin gebracht worden sejn? Das wird sich yielleicht
noch aufklären. —
Ich yerfehle nicht, Abschrift der soulangischen
Correspondenz hier beizulegen, [vgl. S. 45 — 7.]
Ob sich in Zukunft statt der in S. Petersburg
anzuknüpfenden Unterhandlung nicht mit mehr Er-
folg an die Familie Beauharnais oder die Krone
Frankreich selbst zu halten sey? bleibt reiferem
Ermeszen heimgestellt. Erstere wäre als mdlae
fidei possessor zu haften; letztere für den durch den
franzOs. General verursachten so ansehnlichen Schaden
umso mehr einzustehen schuldig, als das Princip
der Wiederherausgabe der Kunstwerke bestimmt
durchgefOhrt worden, das der Gompensation ab-
handen gekommener vielleicht noch durchzusetzen
ist. Dazu tritt, die Familie Beauharnais soll
auch die Einrede fOr sich haben, dasz ihr diese
Bilder nicht pure geschenkt , sondern zur Tilgung
einer andern Forderung an den französ. Staat ge-
geben worden wären. Aus diesem Grund seyen
auch frohere, wirklich stattgehabte Versuche der
französ. Minister gescheitert, welche die Sanmilung
lieber im groszen Museum, als im Schlosz
y Google
42 ^ ^' Orimm's Mission nach Paris 1815.
Malmaison gesehen, es aber nie dahin gebracht
hätten.
Beim Fürsten Hardenberg war ich wieder-
holt, allein man kommt nie vor; ich bin indeszen
leider überzeugt, dasz die allürten Minister zu gar
keinem für diese Sache vortheilhaft zu brauchend^i
formellen Schlusz oder selbst Prinzip gelangt sind*
In einem der hiesigen Journale, das ich jedoch
nicht selbst gelesen habe, erzählte mir neulich der
preusz. Minister yon Altenstein eine Nachricht
gefunden zu haben, dasz Kaiser Alexander
Gemählde und Statuen aus Malmaison käuflich an
sich gebracht habe. Yermuthlich ist solches auf
des Soulange Yeranlaszung eingerückt worden.
3. Ueber die Angelegenheit der zwei Eisten mit
Pretiosen erwarte ich täglich Nachricht oder Ant-
wort von dem Geh. Staats-Rath Grüner, dem ich
gleichfalls, seit ich ihn gesprochen, nochmals ge-
schrieben habe, und der preusz. Gesandter nach
Dresden ernannt worden ist, auch bald dahin ab-
reisen will. Lagrange soll gegenwärtig hier seyn
und wie ich höre ein hötel in der rue 8t Honari
haben. Nähere Auskunft verspricht mir unter
andern über ihn und seine GKlter Hr. Godillot«
ein firanzös. Officier (deszen sich Hr. Minister v.
Schmerfeld vielleicht noch erinnert) der mir
neulich auf der Strasze aufstiesz, beizubringen. Ich
entbehre leider den näheren Inhalt der von £w.
Hoch wohlgeboren bereits an den General Lagrange
erlaszenen, aber ohne Antwort gebliebenen Erläsze,
sehe ab^ noch begieriger den in dero erstem
y Google
IL J. Griinm*8 Mission nach Paris 1815. 43
Schreiben yon Caszel aus mir zukommen müszenden
Instructionen in dieser Sache entgegen, beyor ich
weiter schreiten kann.
4. wegen der Gapitalienpapiere erhielt ich end-
lich Yom Grafen Pradel eine auf Hm. Rouxel,
Chßfdes Bureaux du Domaine extraord. verweisende
Antwort. Ich erliesz unverweilt an diesen das
Nöthige. Seine in diesem Augenbb'ck einlaufende,
hier originaliter beifolgende Erwiederung enthält das
sonderbare Ansinnen: dasz ich ihm gegen Heraus-
gabe der Papiere zuyor eine völlige Sicherstellung
der mit der franz. Administration abgefundenen De-
bitoren leisten solle. Dazu bin ich freilich nicht
ermächtigt, würde gewisz auch nie dazu autorisirt
worden seyn, weil es uns gerade auf diese Rechte
der Dritten abgesehen seyn musz und wenn wir auf
unser stärkeres dagegen gelten zu machendes Recht
entsagen sollten, so möchte das Domaine extra-
ordinaire diese Papiere immerhin behalten oder
verbrennen. Ich werde zwar einen wiederholten
Versuch bei Hm. Rouxel machen, indeszen um so
weniger hier gerade die strengsten Mittel wählen,
als Sich Ew. Hochwohlgeb. erinnern werden, mir
gesagt zu haben, dasz Sie bereits auf anderem Wege
sich die Resultate verschafft hätten, die aus den be-
fragten Papieren folgen könnten. Auf allen Fall
dürfte diese Angelegenheit zu denjenigen gehören,
die noch späterhin in diplomstischer Unterhandlung
mit der Krone Frankreich leichter als manche andere
betrieben werden können.
y Google
44 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
Mittlerweile ist 5. bereits vor einigen Tagen der
kurhesz. General Engelhard mit einem kleinen
Gefolge Yon Staabsofficieren aus seinem Haupt-
quartier hier eingetroffen, um über nachfolgende
drei Puncte, yermuthlich mit der Kön. Preusz.
Generalarmeeintendantur zu unterhandeln: a) über
das Habülement, b) den Sold, c) die eroberten Ca-
nonen. Was die beiden ersten Puncte angeht, schien
S. Excellenz yon den desfallsigen durch Ew. Hoch-
wohlgeb. geschehenen Schritten gar nicht unter-
richtet. Ich glaubte bemerken zu müszen, dasz
solche bereits als abgemacht und erledigt angesehen
werden könnten; (über das Detail der Soldvertheilung
werde ich yon einem zum andern Tag vertröstet)
der dritte Punct hingegen durch persönl. Be-
sprechungen mit dem Fürsten Blücher und General
Gneisenau etc. nicht anders als gefördert werden
würde. Diese sollen sich denn auch darüber billig
und gerecht geäuszert haben und preusz. Officiere,
die ich befragt, bestätigen mir stets, dasz Heszen
seinen Antheil dieser Kriegsbeute, sobald sie be-
stinmit Yon Frankreich abgetreten worden wäre, ge-
wisz erhalten werde.
Hiermit schliesze ich meinen heutigen Bericht,
den ein badischer Gurier mitnehmen soll. Wie sehr
ich mich nach der Heimreise sehne von hier weg,
wo einem alles und jedes durch stetes Herumlaufen,
Fahren, Warten und Verweisen von einem Ort an
den andern erschwert und verdorben wird, brauche
ich kaum zu bemerken. Ein ganzer Tag dieser
leeren Fülle von Geschäften führt oft zu keinem
y Google
IL J. Qrimm*8 Mission nach Paris 1815. 45
einzigen Zweck. Ich babe die Ehre mit der gröszten
Hochachtung mich zu nennen
Ew. Hochwohlgeb.
gehors. Dr.
Grimm.
N. S. Eben hat es wieder eine unruhige Scene
auf dem Pont S. Michel gesetzt. Das Volk drängte
eine preusz. Patrouille, aber das Vorfahren der Ca-
nonen und öffentl. Gewehrladen stäubte alles aus-
einander. Indeszen fangen jetzt auch die National-
garden an, feindseliger und tückischer auf die alliirten
Truppen zu werden.
Anlage: (Ähschriß des Briefwechsels mit dem Chevalier
Soulange.)
1. Erläse an denselben vom 4. Octöber:
Le soussign^ est charg^ de demander ä M^ le
Ghey. Soulange administrateur des biens de la famille
Beauharnais de la maniere la plus formelle: ou
que les tableaux provenant de la galerie de S. A.
B. TElecteur de Hesse et plac^s aprte leur enl^ve-
ment de Gassei ä Malmaison soient restitu^s ä
leur juste proprietaire ou bien, dans le cas que la
totalit^ ou une partie de ces tableaux ne se trouvät
plus entre les mains de la dite famille B. qu^il lui
soit donne connaissance positive de ce qu^ils pourraient
etre deyenus. II a l'honneur d'observer, que dans
le demier cas il ne se contentera pas du pr^texte,
que le sort de cette collection etait inconnu ä Mon-
y Google
46 ^' ^' Orimm's Mission nach Paris 1815.
sieur le Chevalier et il regretterait de se Yoir
oblige d^oser des moyens, qui sont en son pouvoir
pour se procurer les renseignemens necessaires. U
prie M"^ le Chev. d'avoir la bonte de lui faire par-
venir sa reponse encore aujourdhui.
JS. Anttoort des Chevalier, datirt vom iten, eingegangen
den 5ten,
Le soussign^ ne peut pas repondre d^une maniere
plus cathegorique ä la note, que M' le Charge
d^affaires Orimm yient de lui adresser, qu^en se
ref^rant ä la lettre, qu^il a pr^cedemment ecrite ä M^ le
B<*° deMartens, Commissaire prussien et par laquelle
il a declar^ ä ce demier, qu^il etait ä sa connaissance,
que certains tableaux ajant autrefois fait partie de
rancienne galerie de Malmaison et design^s dans
une note plus ^tendue par lui remise au soussigne,
avaient et^ livrfe en vertu d'anciennes Conventions
d'achat äS. M. TEmp. de toutes les Bus sie s apr^
Tentr^e des arm^es ali^es ä Paris. Le soussigne
en se flattant que cette declaration ^quivaudra aux
renseignemens, que Monsieur le Gharg^ d^aff. paratt
d^sirer, doit ajouter, que trois des susdits tableaux,
qui se trouvaient encore ä Malmaison en ont et^
enl^v^ en demier lieu par des commissaires prussiens
et il ne lui reste qu^ä le prier d^agr^er Fass. de sa
parfaite consid^ration.
Le Chev. Soulange Bodin
secr^taire de cabinet et Intendant g^n^ral
des biens de S. A. le Prince Eugene, ä
rhotel de son alt. me de Bourbon.
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 47
3. Schreiben an denselben vom 6. Octöber:
Le Soussign^ a eu Thonneur de recevoir la
reponse de M' le Ghevalier ä sa lettre du 4 Octobre.
II doit maintenant le prier 1^ de lui adresser le
plutöt possible copie de la designation detaill^e
remise par M^ de Härtens et reconnue y^ritable
par M^ de Soulange, avec un certificat y anneze
portant: que tous les tableaux y compris ont et^
livres ä S. M. J. de toutes les Russies en vertu
dWciennes Conventions d^achat. Ces tableaux doivent
§tre au nombre de 44. 2^ de lui donner quelqu'
^claircissement sur le tableau de Berchem repr^-
sentant un paysage, lequel tableau pour s^Stre trouY^
encore ä Malmaison longtems apr^s Pentr^e des
troupes alli^es, en saurait aucunement §tre compris
dans le nombre de ceux livr^s älaRussieäla
dite ^poque. Les commissaires hessois Vj ont yu
avec les trois autres, que depuis ils ont fait enlever
mais alors ce quätrieme avait disparu. Le soussign^
renouvelle etc.
Bericht 4.
Nur kursf, dcUirt vom 9 Od. 1815 hetriß Conven-
iicn Über 2 monatlichen Sold und Kleidung verschiedener
deutscher Contingente, darauf hezieht sich ein Bericht
des Cammerpräsidenten v. Carlshausen vom 19 Oct. 1815,
der in der Vorbemerkung S. . . . erwähnt ist.
y Google
48 ^I* ^' Grimmas Miesion nach Paris 1815.
Bericht 5.
Paris am 15ien October 1815.
HochwoUgebomer Herr
Hochzuehrender Herr Geheimerath !
Zu meinem Bedauern wurde mir mein drittes
Schreiben vom 8ten dieses einige Tage, nachdem
ich es bereits abgereist glaubte , weil unterdessen
aus der Gelegenheit nichts geworden war, wieder
zurückgestellt, und ich war genöthigt es auf dem
gewöhnlichen Wege durch das Haus Rothschild zu
befördern, so dasz es erst nach meinem vierten ein-
getroffen seyn wird. Gegenwärtiges fönftes hofflb
sehr bald in Cassel anzulangen, da es Hr. von
Bodenhausen mit demselben heute Abend ab-
gehenden banöyerschen Curir, der auch die aus-
gewechselte Urkunde mitbringt, absenden will.
Mit Vergnügen habe ich die Ehre zu melden,
dass ich vom Grafen Pradel ein sehr höfliches
Schreiben erhielt, worin er mich von den bereits an
die Gouverneure von Fontainebleau und Rambouillet
ergangenen Befehlen zur Abnahmelassung unserer
Gemähide unterrichtete. Hierauf sandte ich den
Mahler XTnger ohne Zeitverlust nach dem ersteren
Ort, von wo er gestern Abend zurückgekehrt ist
imd dort das sehr grosze auf Holz gemahlte Bild
von Rubens hat abnehmen und in eine Kiste ein-
packen lassen. Ich erwarte heute noch dessen An-
kimft. Mittlerweile ist Hr. XJnger heute nach
Rambouillet, der zwei Bilder von Mignon wegen,
gefahren und gedenkt morgen wieder hier zu seyn.
y Google
IL J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 49
Diese drei Gemählde sind also so gut wie gerettet
zu betrachten und ich freue mich die deszfallsigen
Schritte um so mehr gethan zu haben, als es täglich
sichtbarer wird, mit welcher Saumseligkeit und
hinterliegenden falschen Absicht die Franzosen die
Herbeischaffung der sogenannten Departementsbilder
betreiben. Jenen beiden Schlöszem war ohnedem
so wenig als der brüszeler Behörde nicht der mindeste
Befehl sur Ablieferung, oder wenn er formell nicht
stattfinden konnte, nicht die mindeste Benach-
richtigung zugegangen. Wegen der brüszeler Bilder
werde ich daher nach dem in meinen letzten Briefe
gemeldeten und Aller - Höchsten Orts hoffentlich
gebilligten Vorschlage verfahren, vor meiner Abreise
mich aber mit den nöthigen Bescheinigungen von
Seiten LavalHes (dennDenon hat den Abschied)
versehen, wo möglich auch noch mit der niederlän-
dischen Gesandtschaft hierselbst Rücksprache pflegen.
In Absicht der strasburger imd lioner Gemählde
hofft man dieser Tage bestimmtere Auskunft zu
hören: ob und wann sie ankonmien. Im Fall der
Verzögerung wird man preusz. Seits vielleicht einen
Gomndssarium, wenigstens an ersteren Ort abordnen,
der die Bilder dort anerkennt und dann sogleich
nach Frankfurt abgehen läszt. Diesem werde ich
dann unser Interesse angelegentlich empfehlen, und
die Gemählde mit Hm. XJngers Hülfe auf das
möglichste beschreiben. Was in betreff des einen
toulouser und der vier lionner geschehen kann, wird
die Zeit der, immer noch nicht näher zu bestimmenden,
Abreise von hier lehren.
E. StangeL Acten der Brüder Orimm. 4
Digitized by VjOOQ IC
50 n* ^' Grimmas Mission nach Paris 1815.
Zu Caen hatten wir gleichfalls ein wichtiges
Bild stehen, gerade das Seitenstück zu dem aus
Fontainebleau; es ist aber vor einigen Tagen Mel-
dung eingelaufen, dasz die Preuszen bei ihrem Abzugs
dort alle Gemähide eingepackt und mitgenommen
hätten. Auf meine Vorstellung haben mir die preusz.
Behörden alsobald bestimmt zugesichert, dasz wir
unser Bild unfehlbar erhalten sollten und vielleicht
ist die ganze Maasregel ein günstiger, die Sache
bef[5rdemder Umstand gewesen. Das nähere erwarte
ich auch noch erst über diesen Vorgang.
Vom Ghevallier Soulange empfing ich gleich
nach Abgang meines letzten Schreibens nach Caszel
eine nochmalige Antwort, die ich im Original bei-
füge, [fehlt in dm Aden.] Mittlerweile wuszte ich
durch Toussaints Ausmittelung, dasz 38 Stück
GeMählde aus Malmaison ftir den rusz. Kaiser ein-
gepackt worden und in diesem Augenblick bereits
zu Havre befindlich seyen. Nimmt man an, dasz
dieses lauter heszische gewesen, femer, dasz ein
ruszischer General, nach deszelben Toussaints
Versicherung, voriges Jahr auf seine eigene Hand
vi^ Stücke mitgenommen; so ergibt sich mit Hin-
zuzählung der cbrei uns wieder gewordenen so ziem-
lich die Anzahl der fehlenden Gemähide. Unter
diesen Umständen halte ich mich überzeug^, dasz
gegen Soulange mit Gewalt nichts mehr auszu-
richten stehe, sondern nun vor allen Dingen, was
Buszland thun oder nicht thun will, abzuwarten sey.
Indeszen will ich nochmals persönlich dem Soulange
die Gemähldeliste vorhalten und sehen: ob er mir
y Google
II. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 51
den geschehenen Verkauf aller darauf verzeichneten
attestiret, auch was er mir auf die Frage antworten
kann: ob denn der rusz. Kaiser zweimal gekauft?
und falls er alle Bilder gekauft, warum er die
Wegnahme dreier durch uns zugelaszen habe? Man
sehe die in Soulanges Brief unterstrichenen Stellen.
Von einer anderen Seite wurde mir gestern
Abend vertraute Eröffnung gethan: Pozzo di
Borgo sey jederzeit entschieden gegen die Acqui-
sition der hesz. Gemähide gewesen, Wolkonsky
und Neszelrode aber dafOr; des ersteren (Wol-
konskys Frau) mit der Königin Hortensia oder
einer ihrer Damen genau bekannt, habe lebhaft in-
triguirt und so sey die Sache endlich dabei geblieben.
Es wird also nicht schädlich seyn, wenn ich an den
erstgedachten hier anwesenden, beim französ. Hofe
accreditirten Minister schreibe, und ihn um Unter-
stützung meiner an den Kaiser erlaszenen Vorstellung
bitte. Ich denke dies noch heute zu thun.
Eure Hochwohlgeb. erzählten mir beiläufig, dasz
Lavallee einen Marschallsstab und Scepter, in der
Meinung, dasz solche heszisches Eigenthum wären,
an uns ausgeliefert hätte. Bald darauf hörte ich,
dasz der Fürst Putbus beide Stücke auf das an-
gelegentlichste reclamirte, ersteren als den pom-
merischen Erbmarschallsstab, letzteren als den ihm
ebenfalls zuständigen Scepter Gustavs Wasa. La-
vallee hat darauf endlich Ew. Hochwohlgeb. aus-
gestellte Quittui^ vorgelegt und der geflügelte
Löwe, (oder Greif) beweist deutlick den nicht hess-
ischen, sondern pommer»ehen Ursprung. Der
4*
Digitizedby VjOOQIC -— ■■
52 U* J* Grimmas Mission nach Paris 1815.
Minister Altenstein hat mich also ersucht, Ew.
Hochwohlgeb. hiervon zu unterrichten und zu bitten,
dasz beide Stocke mit sicherer Gelegenheit an das
Eon. preusz. Hofmarschallamt zu Berlin (zur Abgabe
an Hm. Rechnungsrath von Schütz, der das weitere
besorgt) abgesendet werden mögen.
In der Truppensoldangelegenheit ist die Aus-
stellung der Zahlungsmandate inmier noch nicht
erfolgt. Ich bedauere sehr, in dieser Sache nicht
instruirt zu seyn, namentlich nicht über den Punct:
wer unsrerseits zur Empfangnahme der Mandate
autorisirt ist? Ohne eine solche Autorisation würden
sie die Franzosen nicht aushändigen. Den Staats-
rath Bippentrob habe ich noch jedesmal verfehlt, so
oft ich zu ihm gegangen, übrigens weisz er meine
Adresze. Baiem imd Würtenberg (also auch Darm-
stadt) scheinen die Sache am besten und practisch
angegriffen zu haben; gegen 77o Verlust sind ihnen
sofort zahlbare Wechsel auf Frankfurt gestellt
worden. Preuszen hat zwar nur mit 2 7o Verlust
jene Mandate an französ. Handelshäuser verkauft,
diesen aber auch den wirklichen Eingang der
Gelder garantiren müszen. Und wer weisz, was
sich nach Ablauf der ersten Termine ereignen kann,
selbst ohne an neue Staatsumwälzung zu denken
bei der bekannten französ. perfidia in servandis pro-
promissis.
Die süddeutschen Fürsten scheinen wie bereits
gemeldet, durch Oestreichs Fahrläszigkeit die fünf /q
Zuschusz beim habülement einzubüszen.
y Google
II. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 53
Den Fürsten, die ihre Gontingente so unvollständig
gestellt haben, will man zwar an der Somme nichts
abziehen, allein es wird dadurch eine auf dem
Bundestag bald zur Sprache zu bringende strengere
deutsche Eriegsordnung, welche für die Zukunft der-
gleichen Miszbräuchen vorbeugt, veranlaszt werden.
Die in öffentl. Zeitungen erwähnte Bestellung
des Frbrn. von Stein zum preusz. Hauptminister
auf den Bundestag scheint nichts weniger als aus-
gemacht. Der Geh. Rath von Küster dürfte, wie-
wohl mit eingeschränkterer Macht, zu diesem Posten
gebraucht werden, und Humboldt vielleicht die
Versammlung blos erö£Fhen und nachher zur tiesandt-
schaft an den französ. Hof zurückkehren.
Der General Engelhardist bereits vor mehreren
Tagen in sein Hauptquartier Bhetel zurückgereist.
Von allen Seiten her wird mir versichert, dasz
Heszen nicht um seinen verdienten Theil der eroberten
Ganonen kommen solle.
Um die gute Gelegenheit nicht zu verfehlen,
habe ich zu diesem Schreiben kein Concept vorher
entwerfen können und musz mir daher den Nachtrag
der etwa übersehenen Umstände vorbehalten. Noch
bis auf diesen Augenblick sehe ich der ersten Nach-
richt von Dero Wiederankimfl in Gaszel und den
weiteren Instructionen entgegen.
Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich
zu seyn die Ehre
Ewer Hochwohlgeboren
gehorsamster Dr.
Grimm.
y Google
54 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
N. S. 80 sehr sich die Beendigung des Friedens
und unsere Abreise verzieht, hoflFe ich doch in Zeit
Ton 14 Tagen Paris yerlaszen zu haben.
Bericht 6.
Paris, 20. Oct. 1815.
Hochwohlgebomer
Hochzuverehrender Herr Geheime Rath!
Vergeblich habe ich dieser Tage einem Schreiben
Ew. Hochwohlgeb. entgegengesehen, und nähere
darin für mich enthaltene Instructionen erwartet.
Wenn ich annehme, dasz dero Ankimft in Gaszel
bereits um den 4*®" oder 5*®"* erfolgt seyn musz,
könnte der Zeit nach längst die Antwort auf meine
Briefe eintreffen und ich musz lediglich dafOr halten,
dasz man dort meine Abreise als immittelst eingetreten
angesehen hat, während sich hier der definitive Ab-
schlusz des Friedens von einem Tag zum andern
schiebt und schwerlich vor Ausgang dieses Monats
statthaben dürfte. Es scheint nämlich alles im
Beinen bis auf den schwierigen Punct der zahl-
reichen Privatreclamationen , derentwegen Hum-
boldt mit dem Staatsrath Portal Unterhandlung
pflegt. Letzterer ist aus Bordeaux und wird als
braver Mann gerühmt. Dem Vernehmen nach wird
die Tilgung solcher Privatforderungen erst nach dem
Abtrag der öffentl. Gontribution geschehn; allein
erstere stehen, meiner Ansicht nach, dennoch beszer
als letzt^e, weil sobald sie einmal anerkannt sind,
ein vielleicht nicht unmöglicher Begierungswechsel
y Google
II. J. Grimmas MiBsion nach Paris 1815. 55
weniger schädlichen Einflusz auf ihre Bezahlung
äuszem wird, als auf die der an ganze Staaten zu
entrichtenden Summen. — Die öffentl. Papiere
waren diese Tage her bedeutend gefallen, doch yer-
muthet man, dasz sie wieder steigen werden, wenn
schon nicht so hoch, als sie vor 14 Tagen standen.
Den Abgang aller Vorschrift vermisze ich be-
sonders in Hinsicht der Soldangelegenheit. Die
Zahlung und Austheilung der Mandate musz nun
bald beginnen und ich werde jpreusz. Seits ver-
schiedentlich befragt: ob ich die nöthigen Voll-
machten habe? Ich befragte vor einigen Tagen
Rothschild: ob er von Ew. Hochwohlgeb. des-
halb beauftragt worden sey? er verneinte es aber.
Im Nothfall werde ich, da das Abwarten einer selbst
j>. Estafette einzuhohlenden Antwort zu viel 2jeit-
verlust nach sich ziehen würde, mich mit Hrn. von
Bodenhausen und andern Bekannten über das,
was zu thun ist, berathen. — Würtenberg und
Baiern sollen dadurch hierbei ansehnlich gewonnen
haben, dasz sie ihre Truppenzahl über den eflTectiven
Stand hinaus angeschlagen.
Was das häbiUement betrifft, setze ich voraus,
dasz Ew. Hochwohlgeb. bereits alles nöthige be-
zogen und verrichtet haben.
Hr. ünger hat auser dem Rubens in Fontaine-
bleau nun auch die beiden Mignons in Rambouillet
abgeholt und letztere mit den neuen Rahmen em-
pfangen, wie ich ihm denn aufgetragen hatte, auf
solchen mitzubestehen. Ich werde sie nicht eher
absenden, als bis der Rembrand aus dem hatel de
y Google
56 n> J* Grimmas Mission nach Paris 1815.
Vempire dazu gekommen ist. Dieser kostet aber
viel Mühe. Weder zwei Schreiben an den Herzog
y. Richelieu, noch eins an seinen Principal-
secretär, noch mehrmalige persönliche Versuche
Audienz zu erlangen, haben Wirkung gethan. In
dieser Verlegenheit habe ich in einer schriftl. Note
den preusz. Minister v. Altenstein um Verwendung
gebeten, der denn auch gestern das mir in Copie
mitgetheilte (hier angeschloszene) Schreiben [fehU
in den Acten] an den Herzog mit groszer Bereit-
willigkeit erlaszen hat.
Da die Provincialgemählde ausbleiben, wird
man preusz. Seits vielleicht dieser Tage wenigstens
nach Strasburg, wo die meisten hängen, einen be-
sonderen Abgeordneten senden, der dortselbst die
Einpackung besorgen soll. Ich werde nicht mangeln,
ihm eine genaue Beschreibung unserer Bilder mit-
zugeben und ihn zu deren Abnahme zu ermächtigen.
Alsdann wird er solche auf dem Rhein und Main
nach Frankfurt senden, und ich lasze die Spedition
an das Haus Rothschild zur weiteren Beförderung
und Bezahlung der Fracht geschehen.
Wegen der malmaisoner Bilder habe ich, auf
die erhaltene Nachricht von des Ministers P o z z o
di Borgo Denkungsart über diesen Punct, nicht
für unpaszend gehalten, demselben Copie des
Schreibens an den Kaiser mittelst des hier abschrifikl.
angefügten Briefs [^Anlage AJ] zu senden. Eine Ant-
wort ist noch zur Zeit nicht erfolgt und er mag sich
wohl nicht gern über diese delicate Sache blos geben.
In Hinsicht der Gapitalienpapiere habe ich einen
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 57
nochmaligen Schritt versucht Ich hörte aus dritter
Hand, dasz vielleicht doch noch wichtige Ver-
briefungen für uns dahinter stecken könnten und
schrieb darum, nicht an Bouzel sondern wiederum
an Pradel abschriftlich anliegenden Brief, den ich
gleichfalls Hm. Min. von Altenstein [Anlage Ä.]
zu unterstützen ersuchte. So viel ich weisz, ist
letzteres auch bereits geschehen.
Ich glaubte endlich des Generals Lagrange
Adresze erforscht zu haben und erliesz ein nach-
drückliches Monitorium. Allein meine Kundschaft
war wiederum trügerisch nur die originaliter hier
beigesKihloszene Antwort des Marquis La Grange
[fehU in den Aden] belehrte mich nicht nur meines
Irrthums, sondern wies auch aus, dasz Ew. Hoch-
wohlgeb. auf die nämliche falsche Spur gerathen
waren. Die beiliegende Antwort [fehW] hatte gedachter
Marquis aus ünkunde der Adresze nicht besorgen
können. Auf sein Billet nahm ich Anlasz, den Irr-
thum sogleich zu entschuldigen und ihn um Anzeige
der Wohnung des Grafen Lagrange zu bitten,
habe aber darauf keine Erwiederung erhalten.
Schlieszlich bin ich so frei einen Brief an meinen
Bruder zur gütigen Abgabe einzufügen, und zu
bitten, allenfallsige Antwort nicht direct an mich,
sondern an Rothschild zu adresziren, damit im
Fall meiner früheren Abreise die Briefe nicht in
unrechte Hand fallen.
Der ich die Ehre habe mit vollkommenster Hoch-
achtung zu bestehen
Ew. Hochwohlgeboren gehorsamster Dr Grimm.
y Google
58 II* J- Grimmas Mission nach Paris 1815.
Anlage A.
Copie de la lettre ä M^- le B<*"* Pozzo di Borge,
Ministre de S. M. J. de toutes les R. pr^s la cour
de France:
Monsieur le Baron! Yotre Ezcellence est saiiB
doute inform^e du sort des tableaux provenant de
lagalerie de Cassel et plac^s depuis äMalmaison.
Elle en sera mieux encore instruite par la lettre,
que j^ai pris il y a quelque tems la liberte d'ecrire
immediatement ä S. M. J. de toutes les Bussies
et dont j^ai Thonneur de Lui adresser ci Joint la
copie.
Apres plusieurs demarches inutiles et dans la
necessite ou j'etais, de ne plus perdre du tems, le
chemin le plus court m'a paru le meilleur de tous
et j'ai ose m'expliquer sans retenue devant Tauguste
monarque, dont le caractere est aussi simple que
juste.
J'ai cependant lieu de croire que ma lettre, qu'au
moment du depart de S. M. J. je pris le parti
d'adresser ä Dijon, oü Elle comptait de se rendre
apr^s le sejour de Bruxelles, pouixait ayoir
manque de Patteindre, ou que du moins eile ne
Tatteindrait qu'ä Berlin et m^me plus tard. Si
dans cette supposition les dif&cult^s qui s'opposent
ä la restitution des tableaux en question, ne peuTent
qu'avoir augment^, Votre Excellence sera peutötre
ä port^e de me donner de conseils salutaires. Je
La prie d'excuser ma liberte et d^Stre convaincae
y Google
II. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 59
de la haute consid^ration avec laquelle je suis
Monsieur le Baron de Yotre Excellence le trte
humble et tres obeissant serviteur
Grimm,
secretaire de legation et charg^ d'affaires de S. A. R.
TElecteur de Hesse.
Paris, ce 15. Oct. 1815, rue de Tuni versitz no 7.
Äiüage B.
Copie de la lettre adressee au C^ de P r a d e 1 ,
15. Oct.
M'- le C*®! permettez que je vous remercie da-
bord de la bont^ avec laquelle vous avez bien voulu
faire droit ä ma demande relative aux tableaux de
TElecteur de Hesse plac^ aux chateaux royaux
de Fontainebleau et de Rambouillet.
Quant aux papiers concernant les capitaux de S.
A. R. dont j'ai re9u Tordre de reclamer l'extradition,
Tous m'ayiez fait Thonneur de m^ecrire, que c^est a
M'- Rouxel chef des bureaux du Domaine extraord.
que je devais m'adresser pour cet eflfet. Je n'ai
pas manqu^ de me conformer ä cette invitation.
U se presente cependant des difficult^s, que je ne
saurais mieux applanir, qu^en ayant encore une fois
recours ä votre bienveillante intervention. Elles
se fondent dans deux objections, Fune formelle,
Fautre materielle que M'- Rouxel croit devoir
opposer ä ma reclamation.
La premiere objection porte , que pour ma per-
sonne je n^etais pas suffisamment autoris^ ä me
faire effectuer la remise des papiers en queetion.
y Google
60 ^^* J* Grimmas Mission nach Paris 1815.
Bien ne serait plus facile, que de l^yer ce doute et
je n^aurais qu^ä ecrire ä Gassei pour me faire
munir de tous les pouToirs qoi pourraient etre exiges
dans un cas, oü mon gouYemement etait bien loin
de prevoir les moindres obstacles. Dans la necessite
oü je suis cependant, de quitter bientöt cette capitale,
je me flatte qu^^tant accredit^ dans ce moment pr^
la Cour de P r u s s e , vous voudrez bien, M'- le C**,
accepter la declaration de S. E. M''- le B®° d'Alten-
stein, Ministre d^etat de S. M. prussienne, qu^Elle
peut repondre tout de möi, que de Fintentdon de
ma cour au sujet de la remise des papiers mentionnä
entre mes mains. Tout apres ayoir de cette maniere
sopplee, au defaut momentane d^une legitimation
formelle, je me reserye encore de yous la faire
transmettre plus tard de Gas sei, si yous le jugez
n^cessaire.
Le deuxi^me point sur lequel plus particuli^re-
ment insiste M^Bouxel est la garantie solemnelle
des droits des tiers, qui ont transig^ aYec Tad-
ministation iran9aise ä Tegard des capitaux de S. A.
B. TElecteur. Je ne sms aucunement autorise
ä donner cette garantie, m^me je ne saurais jamais
r^tre, puisqu'il me paratt impossible, que la France
ait le droit de former une demande aussi inutile ou
bien illusoire que celle la. Le GouYcmement de
Bonaparte, comme yous ne Tignorez pas Monsieur
le Gomte, ayant ä la suite de son injuste aggression
et oppression enl^Y^ ä la.Jiesse la presque totalite
de ses domaines et reussi ä s^emparer peu ä peu de
ses capitaux et autres fonds plac^s, ne pouYait trans-
y Google
n. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. gl
förer sur le gouvernement fran^ais d'aujourdhui,
joste et reconcili^ ä la justice g^n^rale aucune Ob-
ligation ni aucune pretention provenant des con-
yentions et stipulations, qui fürent pass^es entre les
agens de Tusurpateur et les debiteurs de la Hesse.
Des le moment, ou la violence a cess^, S. A. R. est
rentree dans la jouissance de tous ses droits et la
France n^a point d^interet ä protiger nos debiteurs,
qui ont absolument cess^ d^^tre les siens. Au con-
traire, apr^ nous ayoir priv^ d'une partie aussi
consid^rable de notre propriet^ nationale, dont la
restitution lui a et^ epargn^e, eile deyrait, il me
paralt, yoir ayec plaisir sauyer les debris du naufrage
et nous faciliter tous les moyens propres ä j par-
yenir encore. Ces moyens reposent en partie sur
rinspection de tous les titres et contrats pass^ entre
Fadministration franfaise et les debiteurs. Ces
demiers n^ont aucun droit, de les exiger, puisqu^il
en possMent deja Fampliation , la France n^en a
aucun de les gfu^der dans ses archiyes, ils doiyent
donc reyenir au cr^ancier legitime. G^est aux tri-
bunaux de justice qu'il appartiendra, de demMer les
acquittemens et liberations, qui effectiyement ont
eu lieu d'ayec ce qu'il pourrait y ayoir de faux et
de simul^ dans les tranaactions interyenues; et
quoiqu'il en soit, ce seront uniquement les debiteurs
qui en auront a souffirir dans le demier cas.
Je prends la liberte de yous prier, M'- le C*«, de
youloir bien, en m^epargnaut les detours d'une de-
marche encore plus longue, donner les ordres ne-
cessaires, afin que Monsieur Rouxel soit mis en
y Google
62 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
etat, de se dessaisir de ces papiers. Je ne me re-
faseraifl pas m^me ä ce qu^il mette ä leur remise
franche et loyale toutes les reserves et conditions,
qu^il jugera conFenables, mais dont ä la verit^ je ne
prevois gu^res ni le but ni Tutilite. Agr^ez etc.
Berioht 7.
Paris, 22. Oct 1815, Abends.
Hochwohlgebomer
Hochzuehrender Herr Geheime Bath!
Kurz nach Abgang meines vorigen Sehreibens
erfuhr ich endlich mit Bestimmtheit, dasz die Sold-
zahlungen eben angefangen hätten und dieser Tage
fortgesetzt würden. Bei dem Ausbleiben aller In-
struction und da mir Hr. v. Bodenhausen yer-
sicherte, über diesen Punkt ebensowenig Ewr Hocb-
wohlgeb. Meinung zu wiszen, schien es mir gleich-
wohl klar und unbedenklich, dasz das in dem ersten
Termin baar zu entrichtende Zehntel der uns ge-
bührenden Summe von 510,365 ^ unyerzüglich in
Empfang genonmien würde. CTm mich dazu legiti-
miren zu können, überreichte ich dem E. Preusz.
Min. y. Altenstein eine kurze Note, die den Er-
folg hatte, dasz er memetwegen ein Schreiben an
den Finanzminister Corvetto alsbald abgehen liesz
und darin meine Eigenschaft als Geschäftsträger
Sr. Eon. Höh. Unsers AUergnädigsten Herrn in dieser
Angelegenheit bestätigte. Ich erkundigte mich dar-
auf im Finanzministerium sowohl ak in dem Tresor
nach den näheren Umstilnden und gelangte endlich
y Google
IL J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 63
nadi manchem verlorenen Gang Tor die rechte
Quelle, nämlich den Staatsraih Dudon, denselben
der auch die Convention vom 3^*^ mit abgeschloszen
hat. Diesen fand ich bereitwillig, mich anzuerkennen
und demzufolge nicht nur die Zahlung der haaren
Summe »von 51,035 Franken, sondern auch die Aus-
händigung der bereits fälligen weiteren Mandate an
mich bewirken zu laszen. Meinerseits habe ich da-
her dem Banquier Rothschild die erforderliche
Vollmacht ertheilt, diesen Betrag zu erheben und
denselben alsbald nach Gaszel zu übermachen auf-
getragen.
In Ansehung der Mandate fragte mich Baron
Dudon: ob ich über eine der französ. Behörde zu
bewilligende Remise, falls sie die auf die Departe-
ments angewiesenen Summen hier in Paris zahlen,
desgleichen die weiteren, erst künftigen Monat zahl-
baren Mandate anticipiren wolle, zu unterhandeln
autorisirt wäre? Dieses verneinte ich natürlich,
mit dem Zusatz: dasz ich ehstens Instruction über
die Absicht meines Hofes, wie er mit diesen Man-
daten verfahren wolle, zu erhalten hoffte. Roth-
schild hält freilich ffir den sichersten und ein-
fachsten W^, dasz ich mir die falligen Mandate
aushändigen lasze und bei ihm zur weiteren Ver-
fügung £w. Hochwohlgeb. hinterl^e. Ich werde
mich indeszen morgen über die näheren umstände
und das Verfahren anderer gleicher Intereszenten
möglichst befragen und weiter, nöthigenfalls per
Estafette Bericht thun. — Die Eurheszen ffir das
Habillement gebührende Summe, sagte Herr Dudon,
y Google
64 n. J. Grimm's Mission nach Paris 1815.
sey uns bereits durch Vermittlung der preusz. Be-
hörde zugekommen, welches, soyiellch weisz, seine
Richtigkeit hat und wogegen ich nichts einwendete.
Ohne meine zufallige nähere Bekanntschaft mit
dem preusz. Minister v. Altenstein würde ich
weder in dieser Geldangelegenheit noch in» einigen
andern mir anbefohlenen etwas auszurichten im
Stande gewesen seyn, weil ich so zu sagen gänzlich
blos stehe und ohne Vollmacht und Vorschrift bin»
Dieses musz ich zwar meiner dort wohl frClher ver-
mutheten Abreise zuschreiben; auf der andern Seite
wäre wiederum, wenn ich auf den jedesmal in Frage
stehenden Punct hätte Antwort aus Gaszel einhohlen
und erwarten wollen, die Gunst des Zeitpuncts,
auf den gegenwärtig hier soviel ankommt, gefährdet;
worden. So vorsichtig hoffe ich wenigstens dabei
zu gehen, dasz ich nichts verderbe, wenn mir
auch der Gang solcher Geschäfte bisher nicht sehr
bekannt gewesen ist und ich jetzt durch mancherlei
andere Arbeit sonst beschäftigt bin.
Mit derselben, sehr zu rühmenden, Unterstützung^
von preusz. Seite habe ich auch heute in Betreff
der Capitalienpapire einen wiederholten Schritt und
zwar diesmal an den Herzog v. Richelieu un-
mittelbar gethan, sobald nämlich verlautete, dasz^
Pradel die Sache der Entscheidung dieses Ministers
vorlegen würde. Beinahe alles suchen die Franzosen
jetzt auf die lange Bank zu schieben, ich musz mir
aber heute die umständlichere Meldung bis auf ein
nächstesmal nachzusehen bitten. — Bei dem nieder-
länd. Minister Frhm. v. Gagern war ich, um die
y Google
n. J. Qrimm's Miinon nach Paris 1815. 65
Herausgabe der brttszeler Gemäblde zn bespredien.
Er bat um eine schriftliche Noie, die ihn veranlaszen
würde, seinem Hof deshalb zu berichten. Daher
ich ihm eine solche Note bereits zugesandt habe,
wogegen er rersprochen hat, die Sache dem Minister
Y. Nagele besonders dringend zu empfehlen.
Bodenhausen wollte schon tot 8 Tagen die
Bestätigung des Zeitungsartikels, wonach blos die
E önigL deutschen Bundesstaaten Truppen in Frank-
reich laszen sollen, an Ew. Hochwohlgeb. melden.
Ich berühre es Mos, auf den Fall er es yergeszen
haben sollte.
Mit vollkommenster Hochachtung harrend
Ew. Hochwohlgeboren gehorsamster Dr.
Orimm.
Bericht 8.
Paria, 28. Oct. 1815.
Hochwohlgebomer Freiherr
HochzuYerehrender Herr Geheimerath und Cammer-
präsident
Eurer Hochwohlgeboren lange und sdmierzlich
vermiszte verehrL Schreiben sind nunmehr hinter-
einander und zwar das Tom 15*^ am 24^'^, das Tom
18*^ am 27**" und das Tom 19**" heute eingelaufen.
Was darauf in Antwort zu buchten ist , fasze ich
materienweise zusammen.
1. schon zu Anfang dieser Wodie hat Banquier
Rothschild, wie z»ch meiner letzten Meldung
Yoraaszusehen war, bereits das erste 2iehntel der
B. Stang«l. Aoton der Brfider Oilinin. 5
y Google
66 U. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
Soldsumme , auf meine vorläufige Vollmacht , baar
eingezogen. Ich habe ihm nun zu Bewerkstelligung
des Nöthigen in Absicht der neun übrigen Mandate
Ew. Hochwohlgeb. Vollmacht, sobald sie gestern
eingegangen war, überantwortet, darauf noch zur
Entfernung alles Anstoszes wegen meiner vor-
gängigen Einmischung in diese Sache das Erforder-
liche bemerkt und ihn aus der Convention vom 3****
in allen Stücken vollständig instruirt. Ich bin froh,
der nicht geringen Sorge, wie ich mich in diesen
Dingen verhalten sollte, los und ledig zu seyn, da
ich mich weder mit der französ. Finanzbehörde noch
mit einem andern Banquier (einem Hm. Thuret,
niederländ. Gonsul dahier) der einige Tage früher
bei mir war, um wegen eines haaren Abkaufs der
übrigen neun Zehntheile zu unterhandeln, einlaszen
konnte. Die Bedingungen, die er machte, schienen
mir ohnedem nicht anlockend; er begehrte über
15 Procent Nachlass, meinte aber auch, dasz die
Zahlung der in den November fallenden Mandate
manchen Schwierigkeiten ausgesetzt sein würde.
Staatsrath Dudon hätte, soviel ich aus seinen bei-
läufigen Aeuszerungen zu entnehmen vermochte,
wohl weniger Procente verlangt, vielleicht aber
auch nicht alle Mandate, namentlich die vier letzten
nicht, bei welchen der umstand des neunten Ar-
tikels obwaltet, abgelöst.
Da mir die früheren Verhandlungen, die vor-
herige vortheilhaftere Ansetzung Kurheszens und
der Plan einer neuen Forderung völlig unbekannt
waren, so konnte ich vorhin weder die nöthige Ver-
y Google
II. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 67
Wahrung einlegen noch Erkundigung einziehen.
Jenes habe ich nun, der Instruction gemäsz sogleich
heute gethan, und dieses in der abschriftlich an-
gefügten Note [Anlagt A.] an den Minister von
Altenstein mit berührt. Einen wirklichen Erfolg
dieses Schritts musz ich jedoch um so eher be-
zweifeln, als seither nirgends von einer Nach-
forderung etwas mir zu Ohren gekommen, die An-
nahme der deutschen Contingente aber wenigstens
auf den Fusz der Accessionsverträge, insofern nicht
besondere die Truppenzahl erhöhende Conventionen
(wie bei uns namentlich) im Mittel liegen, als
Grundsatz, so viel ich weisz, durchgegangen ist.
Staaten, deren Factum so wenig der Theorie ent-
sprochen hat, wie z. B. Sachsen, werden also
diesmal den Yortheil davon ziehen; aber auch, wie
ich bereits gemeldet zu haben glaube, eine Bundes-
berathung über eine solchen Unordnungen inskünftig
steuernde strengere Eriegswesenseinrichtung haupt-
sächlich veranlaszen.
Sobald ich in dieser Angelegenheit etwas in Er-
fahrung bringe, werde ich ungesäumt unsere Rechte
wahren und unsem Antheil an etwaigen neuen Aus-
gleichungen auf das bestimmteste fordern.
2. von der Gapitalienpapier-Sache hoffe ich jetzt
den besten Erfolg. Mein Schreiben an Pradel
hat gewirkt, dasz er statt unter sich an Rouxel
2u weisen, an die obere Behörde des Herzog von
Richelieu die Entscheidung überlaszen. Sobald
ich davon, bereits einige Tage vor dem Eingang
des (hier originaliter beigelegten [in den Acten nicht
5*
Digitized by VjOOQ IC
S8 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
l^ndlük] pradelischen Schreibens, Tertraute Mit-
iheilmig bekam, schrieb ich sogleidi an den Herzog
von Richelieu, wie die angeschloszene Abschrift
[Anlage B.] näher besagt; ersuchte auch den Minister
Altenstein nochmals um Unterstützung. Letztere
erfolgte auf der Stelle und muszte, ungeachtet £w.
Hochwohlgeb. mich dem Grafen Pradel als zur
Empfangnahme der Papiere bezeichnet hatten, zu
meiner näheren Legitimation dienen, weil ich durch
letzteren Umstand noch nicht zur schriftlichen Be-
treibung der Sache und Widerlegung der gemachten
Schwierigkeiten autorisirt schien; auch französischer-
seits zu yerstehen gegeben worden war, dasz ich
nicht accreditirt sey. — Ich sehe nun täglich einer
günstigen Entscheidung des Herzogs (d. h. der
amSchlusz von Rouzels Brief gedachten an^ortsoMon
fomuiUe) entgegen, worauf sodann die Auslieferung
det Papiere erfolgen musz.
3) die mannichfaltigen Schliche und umstände
der Franzosen in Absicht auf die auszuliefernden
Departementsgemähide können sich Ew. Hochwohl-
geb. nicht genug Torstellen. Zu Anfemg dieser
Woche standen die Aspeeten zumal übel und ich
setzte beiliegende [Anlage C] Note an den Minister
Altenstein auf, liesz sie auch den braunschweig.
Bevollmächtigten mitunterschreiben. Damals hielt
man den Abschlusz des Friedens für näher, der nun
seit gestern wieder femer steht. Darum ist denn
nun gestern entschieden worden, dasz kein preusz.
Commiszar nach Strasburg geschickt werden, sondern
nochmals des Lavallee erneuerten Vendcherungai
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 69
getraut werden soll, wonach die Bilder denn wirk-
lich bald eintreffen müszen. Wiridich sind gestern
andere aus Ore noble (für Preuszen) und Tou-
louse (ftir uns) angelangt; aber noch nichts aus
Lion. lieber das Yoi^eben, als ob das preuss.
Militär die Gemähide aus Gaen gewaltsam mit-
genommen, habe ich gestern in der Oeneral-
intendantur die Auskunft empfangen, dasz dies blos
Yon den braunschweigischen gelte, deren sich Gapitän
Mahner (ein naher Verwandter Ribbentrops)
auf diesem Wege, mir unbewuszt, zu versichern
gesucht hat. Ich wünschte freilich nichts mehr,
als dasz auch unser Rubens möchte darunter ge-
wesen seyn; habe aber, da es nun zu spät ist, heute
morgen an Lavallee seinetwegen ziemlich nach-
drücklich geschrieben, weil er sich gestern gegen
Unger sonderbar darüber ausgelaszen z. B. sehr
albern gefordert hätte: wir sollten ihm erst be-
weisen dasz die Preuszen das Bild zu Gaen gelaszen
hätten, da ihm im Oegentheil der Beweis aufliegen
würde, dasz sie es mitgenommen. Durch alle sokfae
einfaltige Einwendungen und Schwierigkeiten suchen
die Franzosen nichts wie Zeit zu gewinnen.
Wegen des Bilds im hotd de Vempire mangelt
stets noch die lang erwartete Antwort Richeliens.
Die brüszeler wären ganz gewisz nie weder hier-
her gefordert, noch ausgeliefert worden. Der smt-
dinische Gesandte hat, wie mir Hr. von 6agern
erzählte, eine der meinen ähnliche Note eines nack
Turin gehörigen Stückes halber überreicht.
4. Zu meinem Leidwesen ist die in Ew. Hock-
y Google
70 II- J- Grimm's Mission nach Paris 1815.
wohlgeb. letztem Schreiben mitgetheilte Nach-
forderung von uns fehlenden Oemählden, von denen
ich seither nichts ahnen konnte, so befremdend spät
eingegangen und die ganze verlaufene Zeit für desz-
halbige Nachforschungen imd Unterhandlungen un-
benutzt verloren worden. Da Hr. Unger aus
einem Privatbrief des Prof. Robert schon seit
einigen Tagen bereits davon unterrichtet war, habe
ich alsobald, wie das Datum beweist, an Hm.
Quatremere das abschriftlich anliegende [Anlage DJ
erlaszen zu müszen geglaubt.
Am allerwenigsten weisz ich in den zwei übrigen
Angelegenheiten etwas auszurichten, nämlich in der
von den zwei Kisten und der von den malmaisoner
Bildern.
Der General Lagrange ist schlechterdings nicht
zu erfragen und M'* Oodillot, der mir nie du
faubourg S. Honore, en face la place de Beauvais
No. 142 oder 144 angab, entw. damit angeführt
worden, oder hat mir die Unwahrheit selber sagen
wollen. Mein Lohnbedienter glaubte endlich auf
eine wundergute Spur gerathen zu seyn, als er den
Brief in der rue St. Lazare wirklich anbrachte; das
war aber der Marquis La Orange, bei dem ich
wenigstens den fdr Ew. Hochwohlgeb. bereit
liegenden Brief dadurch entdeckte. Auf mein Billet
an letzteren mit der Bitte um die Adresze jenes ist
gar keine Antwort gefolgt. Auch Grüner, deszen
Thätigkeit hier jetzo , so zu sagen , aufgehört hat,
verhilft mir zu nichts.
y Google
n. J. Grimmas Mission nspch Paris 1815. 71
Von Pozzo di Borgo, wie halb vorauszu-
sehen war, erfolgt keine Antwort; vermuthlich mag
er sich auf keine Weise compromittiren und ich
darf ihn daher nicht von neuem angehen. Wenigstens
ist meine bei dem Kaiser gethane Einsprache durch
diesen Schritt gewiszermaszen controllirt worden
und kann nicht so leicht ignorirt werden. Ich hoffe
immer noch einiges. — Was soll ich unter diesen
Umständen mit dem Soulange beginnen? Ich
habe ihn schon zweimal vergebens persönlich heim-
gesucht und stets verfehlt.
Das dem Schreiben vom 19. eingelegene Prome-
moria an Hm. v. Altenstein habe ich sogleich
abgehen laszen. Der Gammergerichts Rath Eich-
horn, seine rechte Hand, ist seit mehreren Tagen
leider von einer Nervenkrankheit befallen worden
und zu allen Geschäften jetzo völlig unfähig. Diesen
unglücklichen Umstand bedauere ich auch meiner-
seits gar sehr.
Der Staat s Canzler wollte den 4**° Nov. abreisen
und alle übrige bis zum 8**° folgen; neuerdings aber
glaubt man wieder, dasz es noch wohl drei Wochen
dauern könne, so dasz mich vermuthlich noch eine
etwaige Antwort auf gegenwärtigen Brief hier
treffen würde. Ich weisz nicht, was mir unangenehmer
ist, die verzögerte Friedensabschlieszung selbst oder
der Aufenthalt in Paris.
Bei dem Staatsrath und Generalintendanten
Ribbentrop habe ich einen von ihm an Unsem
Allergnädigsten Herrn erstatteten Bericht im Concept,
das er mir selbst mittheilte, eingesehen, aber eben
y Google
72 n. J. Grimmas Miflsion nach Paris 1815.
nicht sehr befriedigend und intereszant gefdnden.
Die Ausikeiiung der eroberten Ganonen etc. ver-
sicherte er mich, wiederholt bei dem Fürsten Blücher
angeregt zu haben. Unterdeszen habe ich dem flm.
Ckneral Engelhard, an den ich in yerschiedenen
mir hinterlaszenen Aufträgen ycm hier nach Bhetel
zu schreiben hatte, anheimgestellt: ob er nicht andi
unmittelbar die letztgedachte Sache fernerhin be-
treibai wolle. Die hiesigen Lieferanten haben sich
nicht auf das Tuch für unsere Truppen emlaazen
mögen.
Ich musz noch erzählen, dasz Yorgestem der in
oeetreich. Diensten stehende Major v. Haynau zu
mir kam und mich um eine Anweisung auf Roth-
schi Idt über circa 280 ^ als ein aßovJU> auf die
Yon ihm zu beziehende Zulage ersuchte. Weil mir
nun gar nichts von seiner Auseinandersetzung and
den ihm gebührenden Geldern bekannt ist, glaubte
ich dies Ansinnen von mir weisen zu müszen.
Zu der Ew. Hochwohlgeboren zu Theil ge-
wordenen auszeichnenden Ernennung statte ich
meinen schuldigsten Glückwunsch, neben dem Dank
für die mir gefälligst mitgetiieilte mich selbst an-
gehende Nachricht ab. Ich hoffe dafür mit der bei-
geschloszenen unterthänigsten Vorstellung /s. Bd. L
£L 6]^ um deren gütige üeberreichung ich so frei
bin, gehorsam zu bitten, zeitig genug zu kommen,
damit ein anderweiter Nachfolger an meine Stelle
verordnet werden könne. Ew. Hochwohlgeboren
wiszen aus einer mündlich mit mir hier zu Paris
gepflogenen Unterredung, insofern Sie Sich deren
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 73
erinnern, oder ersehen aus dem Inhalt der gegen-
wärtigen Eijtilage des nfthreren, dasz, wanun, und
wie lange sdion, itk aus der diplom. Laufbahn
herauszutreten eniscbloszen bin. Dieses steht bei
mir fest, so gewisz ein Mann mit sich selbst über
etwas eins werden kann und ich fOhle, dasz ich
mich leiblich und geistig zu Grund richtete, wenn
ich anders denken wollte. Den Yerdrusz, den mir
persönliche Yerhältnisze in Wien bereiteten, würde
ich sicher in Ew. Hochwohlgeb. Nähe nicht zu er-
warten haben, allein das Geschäft steht mir sonst
ganz entgegen; zehn andere werden es beszer, und
zwanzig andere eben so gut versehen. Wie ich
hier, ganz unerwartet imd gleichsam wider meinen
Willen, da ich zu andern Arbeiten von anderer
Seite berufen ward, in den diplomatischen Wirkungs-
kreis zurückversetzt scheine, nachdem ich eben dar-
aus losgerathen war, ist bekannt. Vielleicht darf
ich hoffen, dasz auch die Treue und Sorgfalt, womit
ich die mir zu Theil gewordenen Aufträge, mitten
unter andern Beschäftigungen zu erfüllen strebe,
den Kurfürsten geneigt machen wird, meiner Bitte
Gehör zu geben.
Ich habe fortdauernd die Ehre mit der schuldigsten
Hochachtung zu beharren
Ew. flochwohlgeboren gehorsamster Diener
Grimm.
N. S. es ist doch Allerhöchsten Orts nicht mis-
fäUig yemommen worden, dasz ich mich in einigen
Ausfertigungen des mir of&ciell nicht zustehend^i
y Google
74' ^^* J* Grimmas Mission nach Paris 1815.
Titels Charg6 d' affaires bedient habe ? Ich that dieses
lediglich, um der Sache etwas mehr relxef zu geben,
da ein bloszer Secretair, ohne zugleich in präsum-
tiver Abwesenheit des Gesandten Beauftragter
zu seyn, nichts ausrichten kann. Uebrigens bin ich
von jeher höchst gleichgültig gegen Titel und dergL
ÄnUige Ä:
Note an den Minister von Altenstein:
Sr. Exellenz dem Kön. Pr. Geh. Staats Minister
Frhr. von A. ist eine am 3ten d. M. über die unter
87,130 Mann Bundestruppen, als zweimonatlichen
Sold zu vertheilende Summa von 3,705,609 Franken
abgeschloszene Convention, so wie, dasz das Eurhesz.
12,000 Mann starke Armee-Corps darin zu 510,355
Franken angesetzt worden ist, hinreichend bekannt.
Es hat hierbei meinem Hofe, der obige Truppen-
zahl vollständig und gleich im Anfang des aus-
brechenden 'Kriegs erstellt hat, auffallen müssen,
dasz er mit anderen z. B. den sehr unvollständig
und spät ins Feld gerückten Eon. sächs. und groszh.
mecklenb. Contingenten auf eine Reihe gesetzt
wird, während nicht nur die groszen alliirten Mächte
selbst sondern auch andere geringere Bundesstaaten
früher ungleich vortheilhaftere Bedingungen erlangt
haben. Unterzeichneter hat demzufolge Befehl er-
halten, im Namen seines Hofes gegen alle und jede
Verkürzung, die aus der ohne Eurheszens Zuthun
geschloszenen Convention vom 3^*^ erwächst, hiermit
zu protestiren.
y Google
IL J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 75
Nach einer vorher stattgefundenen Vertheilung,
worin Sachsen nur mit 8000, Coburg mit 600 M.
angeschlagen stand, sollte Eurheszen 528,611 Fr.
beziehen, und sieht sich also ohne sein Verschulden
nunmehr bedeutend gekürzt.
Unterzeichneter musz sich daher noch vorzüglich
gegen den achten Artikel mehrgedachter Convention
um so ausdrücklicher verwahren, als einem früheren
Verlauten nach auf eine neue VerwiUigung für Sold
und Bekleidung angetragen werden sollte; so wie
auch schwerlich aus dem neunten Art. Eurheszen
irgend ein Abzug zur Last fallen dürfte, indem die
von seinem Armee-Corps gemachten , ohnehin sehr
unbedeutenden Requisitionen von Frankreich auf die
anPreuszen zu bezahlenden Bekleidungsgelder notirt
werden und uns von dieser Macht, infolge der
mit ihr getroffenen Übereinkunft in Zurechnung
kommen.
Da das kurhesz. Contingent unter Eon. Preusz.
Oberbefehl stehend auf den Schutz der Preusz. Be-
hörden vorzüglich Anspruch hat, so glaubt Unter-
zeichneter gegenwärtige Note mit vollem Vertrauen
in die Hände Sr. Exe. des etc. zur weiteren Ein-
leitung niederlegen zu dürfen und erneuert zugleich
die Versicherung seiner vollkommensten Verehrung
Paris 28. Oct. 1815.
Orimm
Eurhesz. Leg. Secretär und
Oeschäflsträger.
Digitized by VjOOQ IC
76 n. J. Grimm's Mission nach Paris 1815.
Anlage B.
A. S. E. M'* le Duc de Richelieu Ministre
secretaire d^etat et des äff. etrang^res de S. M. Tr.
Chr, Pair de France. M'etant adress^ successive-
ment tant a M'- le C^ de Pradel. Dir. g*> de la
znaison du Roi qu^ä M'- Rouxel Chef des h. d. d.
extr. pour ohtenir lextradition de tous les papiers
concemant les capitaux de S. A. R. TEL d. H.; je yiena
d^apprendre, que le premier a juge necessaire d^en
faire un rapport a V. E. et de soumettre par con-
sequent cet objet ä sa decision pr^alable. — Je
prends la libert^, de Lui presenter copie de la lettre,
qu'en demier lieu j'ai eu Thonneur d'ecrire y relative-
ment ä M'- le €*• de Pradel. Je ne saurais rien
ajouter aux motifs qui y sont exposes et je puis
me passer d^appuyer encore d^avantage une recla-
mation, qui est des plus justes et d^ailleurs ne coute
rien aux interets de la France.
V. E. voudra bien agr^er l'intercession , que S.
E. M'- le B*^'* d'Altenstein etc. a eu la bonte
de m^accorder dans cette circonstance afin de couper
toute objection qui pourrait ^tre tir^e du defaut de mon
autorisation formelle. Je suis etc. P. 22. Oct. 1815.
Anlage C:
An Se. Exe. den E. Preusz. Staatsmin. Frhm.
von Altenstein, dahier.
Die unterzeichneten Geschäftsträger ihrer resp.
Höfe sind so frei, im Vertrauen auf Ew. Excellenz
Bereitwilligkeit jede Maasregel , die zur Sicherung
der durch Frankreich zwar versprochenen, aber
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 77
binfig umgangenen und gern yereitelten Wieder-
erstattung geraubter Eunstschätze gereichen kann,
zu befördern und kräftig zu unterstützen, nach-
stehendes Yorzustellen:
Die franzöe. Behörden legen, wie nun täglich
sichtbarer wird, in die übernommene Hierherschaffung
der aus den Provinzialsammlungen zu restituirenden
QemäUde alle mögliche Saumseligkeit und Zwei-
deutigkeit. Was in längstens vierzehn Tagen ein-
treffen sollte, ist es noch nicht nach vier abgelaufenen
Wochen. Anfangs stellten sie den schon an sich
unangenehmen und unnöthige Kosten nach sich
ziehenden Transport der Bilder hierher als etwas
leichtes und unfehlbares dar. Mittlerweile erfuhr
man, dasz nach Fontainebleau , Rambouillet und
Brüszel, wo auch manche Oemählde hangen, nicht
der mindeste Befehl oder Antrag zur Ablieferung
ergangen sey, weil diese Örter nämlich nicht unter
der Direction des Museums, und Brüszel selbst nicht
mehr unter Frankreich stehe. Die Unterzeichneten
haben daher dieses eigens betreiben müszen, um
ihres Eigenthums habhaft zu werden. Ein aus-
gesprengtes Gerücht, dasz preusz. Militärbehörden
die zu Caen hängenden Bilder gewaltsam ab-
genommen, scheint grundlos und blos um diesseitige
Bemühungen zu hintertreiben oder doch aufzuhalten
ersonnen. Die wegen der zahlreichen aus Strasz-
burg anher zu sendenden Oemählde bereits yer-
yersuchten Hin- und Herwendungen sind bekannt.
Da nun leicht noch minliche hervortreten und
der günstige Zeitpunct vor dem definitiven Friedens-
y Google
78 II. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
abschlusz und Abzug der Heeresmacht am Ende ver-
streicht, so wäre als das beste zu der nöthigen
Sicherstellung reichende Mittel vorzuschlagen, dasz
man der Direction du MusSe oder der sie befehligenden
Oberbehörde unumwunden erkläre, man werde statt
der seit länger als Monatsfrist gar nicht hergeschafften
Bilder, wenn und insofern sie nicht vor dem Aus-
marsch der preusz. Macht aus Paris hier einträfen,
eine verhältniszmäszige Zahl französischer Bilder
mitnehmen und diese solange in einer deutschen
Stadt (etwa Frankfurt) hinterlegen laszen, bis Frank-
reich seine Verbindlichkeit geleistet habe. Ein
französ. Commissarius könne solche begleiten und
demnächst unberührt zurückbringen.
Wir stellen diese Maasregel (die wenn sie auch
blosz vorgeschlagen bleiben sollte, den Transport
der Bilder beschleunigen würde) ihre Modification
nnd Einleitung dem Ermessen Ew. Excellenz um
so mehr anheim, als unsere Höfe ohne die Unter-
stützung Preuszens in diesem Fall selbst vorzuschreiten
auszer Stande sind.
Paris 23 Oct. 1815.
Orimm Eurhesz. L. S.
Mahner Hauptmann in
Braunschweig. Dienst.
Anlage D:
A M'^ Quatrem^re de Quincy
Directeur g^ du mus^e du Roi. Membre de
rinstitut. — Monsieur, Outre et independamment
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 79
des etats, que je yous ai adresses apr ma
lettre du 18. ä la quelle, yous ne m^aYez point
encore repondu, j'ai Thonneur, de yous communiquer
ci Joint un troisi^me etat portant sur plusieurs
tableaux, qui immediatement apr^s le d^part de M' D e -
non de Cassel ont et^ reconnus manquer dans nos
collections. Je Yiens de receYoir les ordres les plus
precis de ma cour, de poursuiYre la recherche de
ces tableaux ä reclamer, aYec tous les mojens, qui
sont en mon pouYoir. M'- LaYall^e pretend de
n^en aYoir, ni d^en connaltre aucun, mais il n^est
pas moins Yrai, que M^XJnger, peintre demeurant
ici , a Yu, il j a quelques ans dans une exposition
du Mus^e les trois Ostade, indiques sous les n^
123. 124. et 126 et sur lesquels il serait impossible
quMI se trompät, attendu qu^il les aYait copi^s autre-
foifl. Or, Texistence de ces trois tableaux ä Paris
justifiant et prouYant notre reclamation de tous les
autres, qui ont disparu de chez nous en m§me tems;
YOUS Youdrez , M'- le Directeur g** aYoir la bonte,
d'obliger M'- D e n o n , Yotre pr^decesseur, d'indiquer
Sans retard Tendroit, oü il a fait placer les tableaux
en question, ou de faire connaltre, ce qu'ils seraient
deYenus. — L'on me mande egalement de Cassel, que
TElzheimer , qui nous a et^ restitu^ n^est pas le
nötre. Comme il ne tiendra pas difficile, de reparer
cettemeprise, j'ai Phonneur de yous prier, d'ordonner
aM' LaYallee, que le n® 294 du catalogue fran-
^is (ecole allemande) nous soit deliYre au lieu de
celxd 292, que nous ne manquerons pas de yous
rendre.
y Google
80 II- J* Grimmas Mission nach Paris 1815.
En m^attendant ä une reponse prochaine et satis-
faisante je saisis cette occasion etc.
Paris 26 Oct. 1815.
Gr.
Bericht 9.
Paris, 7. Nov. 1815.
Hochwohlgebomer Freiherr
Hochzuehrender Herr Oeheimerath !
Der Banquier Rothschild wird ohne Zweifel
selbst melden: wann und ob er alle fallige Zahlungs*
mandate erhalten hat und wie er sie zu realisiren
gedenkt. Vor einigen Tagen waren sie indeszen
noch nicht in seinen Händen.
Auf meine Yorgeschriebenermaszen eingelegte
und das letztemal abschnfÜich beigefügte Protestation,
wegen des uns zugewandten Theils der Soldsumme,
habe ich bald darauf die hier originaliter ange-
sefaloszene Antwort [wicht in den Aden heffindUA]
des Preusz. Ministers y. Altenstein empfangen,
mich jedoch des darin erwähnten weiteren Schritts
bei d^n Gonseil der yI^ Hauptmächte umsomehr
enthalten zu müszen geglaubt, als alle imter der
Hand eingezogene Nachrichten zu erkennen gaben,
dasz an eine Abänderung nicht zu denken, imd Yon
einer weiteren Soldzahlung nicht die Rede sey. So-
bald mit Ausgang des laufenden Monats diese
Zahlungen endigen, hebt nämlich, dem Vernehmen
nach, gleich die Zahlung der groszen Gontributioa
an. Ob wir mit einigem Erfolg, zudem bereits
y Google
n. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 81
unsere Truppen auf dem Rückmarsch begriffen sejn
sollen, etwas weiteres für Sold und Kleidung in
Anspruch nehmen können und wie dieses am besten
einzuleiten sein dürfte, stelle ich höheren Einsichten
anheim.
Nachdem der Herzog von Richelieu in Ab-
sicht auf die Capitalienpapiere endlich eine will-
fährige Antwort ertheilt hatte, wandte ich mich un-
verzögert an den etc. R o u x e 1 und forderte ihn auf,
zu der Auslieferung derselben Zeit und Stunde fest-
zusetzen. Als ich mich auf seine, im Original an-
gefügte [nicht in den Aden befindliche] Erwiederung
in sein Bureau yerfQgte, erklärte er sich bereit, so-
wohl die mit den Schuldnern abgeschloszenen Gon-
yentionen im Urtext, als auch die darauf Bezug
habenden kaiserl. Decrete und Decisionen mir ein-
zuhändigen ; sodann einen Oeneraletat aller Capitalien
und der darauf bezahlten Summen aufstellen zu
laszen; begehrte jedoch bis zum künftigen Donners-
tag Frist, weil er noch von yerschiedenen Stücken
zu behaltende Abschriften für sich anfertigen laszen
wolle. Ich fand keinen Anstand, in dies Begehren
zu willigen und sehe nun übermorgen der Beendigung
dieser Angelegenheit entgegen. Originalschuldyer-
schreibungen yersicherte er gar keine zu besitzen und
entschuldigte den in seinem Schreiben gebrauchten
ungenauen Ausdruck (aux tUres originaux des criances).
Dieses ist mir selbst wahrscheinlich, da so yiel ich
weisz, der Allergnädigste Herr die Originale ge-
flüchtet und in Sicherheit gebracht hatte und der
Feind sich anderwärts her, z. B. aus dem Eintrag
E. StangeL' Acten der Brüder Orlmm. ß
Digitized by VjOOQ IC
82 IL J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
in die HypoÜiekenbücher , orientiren muszte. Was
die Correspondenz mit den firanzös. Unterbehörden
betreffe, so glaubte der etc. R o u x e 1 , es würde uns
nicht darum zu thun seyn, weil sie sich ohnedem aus
den in Hanau und Gaszel (bei dem Dir. Beaufort)
liegen gebliebenen und gegenwärtig in unseren
Händen befindl. Acten ergäbe. Ich behielt mir in-
deszen yor, dasz auch diese Papiere, wenn es nöthig
erachtet werden sollte, noch von uns nachgefordert
werden dürften und stelle darüber das weitere an-
heim.
Mit den Gemählden geht es höchst langsam;
vorige Woche sind endlich drei für uns aus L i o n
eingetroffen, ein viertes eben daher soll noch nach-
kommen; wegen der strasburger werden wir, die
Preuszen, Braunschweiger etc. von einem zu dem
andern Tage vertröstet. In dieser Rücksicht ist die
über alles Erwarten sich verzögernde Abschlieszung
des Friedens von Vortheil, weil die alliirten Be-
hörden darum länger zu Paris weilen. Allein die
Zeit der kräftigen Maasregeln ist längst vorüber
und der Abzug der Preuszen aus hiesiger Stadt, an
deren Stelle Engländer die Wachen (aber viel
schwächer und ohne ausgestellte Canonen) besetzen
dem ganzen Reclamationswesen nachtheilig.
Das Bild im hötel de Vempire, oder wie es jetzo
heiszt, Thdusson ist durch einen unangenehmen
Zufall wiederum von den Ruszen abhängig geworden.
Der D. de Richelieu nämlich hat endlich geant-
wortet, dasz der König Ludwig dieses Hotel nebst
Ameublement der rusz. Ambassade zur Disposition
y Google
n. J. Grimm'a Mission nach Paris 1815. 83
gestellt habe, daher jetzt das befragte QemShlde
nicht abnehmen laszen könne, yielmehr die Sache
bei dem rusz. Gesandten zu betreiben sey. So elend
diese Ausflucht ist, blieb dennoch nichts übrig, als
an den G** Pozzo] di Borgo zu schreiben, wie
die abschriftliche Beilage [Ä] näher besagt, und
ihn um die Verstattung das Bild, welches die Fran-
zosen durch ein anderes, ihnen eigenes ersetzen
könnten, abhohlen zu laszen, zu bitten. Da nun
dieser General wieder nicht antwortete, habe ich yor
einigen Tagen mir preuszische Vermittlimg erbeten
und warte vorerst deren Erfolg ab.
Höchst unangenehm ist es, dasz die im Caszeler
Schlosz geraubten jetzt erst nachgeforderten Ge-
mählde weder voriges Jahr, noch diesesmal früher
zur Sprache gekommen sind, ja dasz man weder
Quittung noch Angabe der wegnehmenden Autorität
zu erbringen vermag. — Quatremere de Quincy
ist leider nicht wirklich zum Director des Museums
bestellt gewesen, sondern seine Ernennung war ein
bloszes durch einige unofficielle Zeitungsnachrichten
ausgesprengtes Gerücht. Er war also genöthigt,
mir die an ihn gesandten Verzeichnisze, ohne etwas
dafür thun zu können, zurückzugeben. Ich sprach
ihn mündlich und fand seine Aeuszerungen gerecht,
seine Ansichten liberal, wie man selten bei Fran-
zosen ähnliche hört. Er sagte, was vollkommen
wahr ist, wir schämten uns mehr bei Zurückforderung
des Raubes, als seine I^ation bei der Wegnahme
deszelben gethan hätte. Was bleibt aber jetzt gegen
Phrasen und Lügen auszurichten, sobald man keine
y Google
84 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
6ewalt mehr, das einzifs^e einfache Mittel dawider,
brauchen darf ? Layallee versichert auf alle Weise,
die befragten Stücke gar nicht zu kennen. Ich
schrieb an Deöon selbst darum und empfing die
hier beigelegte [nidht abgedruckte] Antwort, worin
er zwar der Bildergalerie von Gaszel ein Compliment
macht, allein von den fehlenden Schloszbildem nicht
das mindeste wiszen will.
Ich yerzweifle also an einer Restitution derselben,
und habe sie mittlerweile dem Yerzeichnisz der
Gompensationsgegenstände einverleibt.
In diesem, meinem eigentlichen Geschäft, sind
bisher preuszischerseits folgende Schritte geschehen:
man suchte, vor allen Dingen, die aus den
preuszischen Staaten überhaupt, vorzüglich jedoch
aus dem neuen Rheinherzogthum, entwendeten Kunst-
und wiszenschaftlichen Gegenstände zu eruiren und
zu constatiren. Dieses war schwer und weitläufig,
weil blos in den seltensten Fällen Quittungen der
französ. Gommiszäre, gewöhnlich nicht einmal An-
gaben der Ortsbehörden vorhanden sind, also wirk-
lich der Zufall das beste thun muszte. Darauf
folgte das noch unangenehmere Geschäft, an ver-
schiedenen Oertem der Bibliothek, im Archiv und
Museum nachzuspüren und durch Einsicht der Cata-
loge etc. herauszubringen, ob noch einige der ge-
raubten Gegenstände vorhanden sejen und in diesem
Fall ihre Auslieferung zu betreiben. Die Franzosen
suchten das auf alle mögliche Art zu hemmen,
schwer zu machen nnd zu hintertreiben; on ne peui
jpas aller au devant des reckmoHons, pflegten sie sich,
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 85
wenn etwas abgeleugnetes hernach doch gefunden
wurde, zu entschuldigen. Mittlerweile wurde, auf
mein stetes Betreiben, an Aufstellung eines Etats
aller Kunst- und wiszenschafU. Gegenstände, die
als nicht mehr restituirbar und yerloren anzu-
sehen sejen, gearbeitet. Ich entwarf ein Memoria,
um darzuthun, dasz Deutschland diesen Verlust
nicht, wie den so yieler andern Dinge verschmerzen,
sondern auf eine Gompensation, nicht in Geld, sondern
gleichartigen Gegenständen, dringen müsze. Es
kam darauf an, den Plan dieser Gompensation fest-
zusetzen und die Abtretung eigener Bücher, Hand-
schriften etc. den Franzosen so annehmlich als
möglich darzustellen. Uebrigens habe ich vor-
bedächtlich in diesem Memoire allgemein und nicht
blos von Preuszen gesprochen, sondern Heszen
und Braunschweig als Länder, die sich damit
in gleichem Fall befinden, ausdrücklich erwähnt.
Sobald man nun französischerseits das Princip der
Gompensation einmal zugestanden haben würde, war
meine Absicht, darauf zu fuszen und auch fOr so
viele aus Heszen entführte und verlorene Kunst-
gegenstände irgend einen ähnl. Ersatz zu begehren,
wiewohl bei den dreien hier in Betracht kommenden
Yerzeichniszen (1. dem der 45 malmaisoner Bilder,
2. der 18 aus dem Schlosz geraubten, 3. der 2 Kisten
mit Kostbarkeiten) stets besondere unangenehme
Umstände eintreten, nämlich nicht das französ.
Gouvernement unmittelbar als einzuhaften schuldig
betrachtet werden kann, sondern bekanntlich die
Familie Beauharnais imd der G^ Lagrange
y Google
86 II* J* Grimm's Mission nach Paris 1815.
dazwischen stehen. Dies ist bei den preusz. Com-
pensationsgegenständen nicht der Fall.
Auch versteht es sich von selbst, dasz nicht auf
vollständigen, oder nur zu vergleichenden Er-
satz gedrungen werden, sondern nur eine dadurch
begründete und weitere Schritte in der Haupt-
sache nicht gerade abschneidende französ. Gegen-
gabe bezweckt werden soll.
Obiges Memoire ging nun bereits am 7. October
mit einem Schreiben des Min. Altenstein an den
Grafen Vaublanc begleitet, ab, und wurde, als
die Antwort ausblieb, monirt; darauf erfolgte eine
blos dilatorische, und es wurde vor einigen Tagen
preusz. seits wiederholt auf Entscheidung gedrungen.
So stehet die ganze Sache, d. h. nicht günstig
und wenn der Frieden und die Abreise erfolgt, ehe
sich der Min. Vaublanc auf den Grundsatz der
Compensation bejahend einläszt, so dürfte aus dem
Ganzen nichts werden und spätere Nachverhandlungen
wenig firuchten. Um wenigstens für H es zen nichts
zu versäumen, setzte ich abschriftl. angeschloszenen
[Anlage BJ Brief an etc. Vaublanc auf und über-
reichte ihn dem Minister Altenstein mittelst
Schreibens zur unterstützenden Empfehlung, da mich
ohnedem etc. Vaublanc nicht anzuerkennen braucht.
Min. Altenstein hat mich indeszen ersucht, das
Schreiben dermalen noch nicht abgehen zu laszen,
weil durch eine neue, so ansehnliche, Nachforderung
unsererseits, Frankreich von Anerkennung des prin-
cipe de la compensation abgeschreckt werden
y Google
' II. J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 87
dürfte. Dringt Preuszen nicht durch, so werden
wir gewisz auch nichts ausrichten; läszt sich Frank-
reich darauf ein, so treten wir Heszen ebenfalls
auf und es ist , wie erwähnt , im Aufsatz vorläufig
darauf hingewiesen.
Noch lege ich die yon etc. Soulange endlich
nach mehreren Versuchen, erwirkte Erklärung: dasz
sich keins der 45 Bilder in der Gewahrsam des
PrinzEugen gegenwärtig hier befinde, im Original
[fMt hei den Aden] bei und habe die Ehre mit der
schuldigsten Hochachtung zu seyn
Ew. Hochwohlgeboren gehorsamster Dr.
Grimm.
Paris, 10. Nov. 1815.
N. S.
Mein Schreiben vom 7*®° d. war auf eine
besondere Gelegenheit eingerichtet die sich über die
Gebühr verzögert, so dasz ich es nun mit der Post
abgehen lasze. — Gestern habe ich gemeinschaftlich
mit Hm. Rouxel die Auslieferung der Capitalien-
papiere beendigt und lege das darüber aufgenommene
Protocoll zur Einsicht in orig. bei [fMt hei den Acten],
Da der gewesene Director Gentil an Ew. Hoch-
wohlgeb. die früher schon empfangenen Acten blos
provisorisch herausgegeben hatte, schien es mir gut,
auch noch ihrentwegen auszudrücken, wie geschehen
ist, dasz sie definitiv zurückgestellt sind. Auch
habe ich darauf bestanden, dasz der Gen. secretar
Rouxel mir noch am Schlusz bezeugte, auszer den
abgelieferten Papieren keine weitere zu besitzen.
Die* Summe der in Empfang genommenen Acten
y Google
88 ^« J* Grimm's Mission nach Paris 1815.
macht nur ein mittelmäszig dickes Pack aus, das
ich daher lieber nicht zu den Gemählden packen
laszen, sondern selbst zu mir in den Wagen nehmen
will. Sollte das Hauptyerzeichnisz , worin alle
Schuldner sammt den bezahlten und restirenden
Posten notirt stehen, Ew. Hochwohlgeboren früher
nöthig sejn, so belieben Dieselben es nur zu fordern,
damit ich es durch die Briefyost sende.
Sonst nichts neues; der Mahler Unger föngt
mir auch an ungeduldig zu werden, darüber, dasz
sich unsere Abreise so verzieht, er hatte sich darauf
eingerichtet, schon in der Mitte Octobers fortzu-
kommen. Auch dürfte mein Aufenthalt seit einiger
Zeit kostspieliger werden, indem man nun auch in
Ansehung der Einquartirung, sowie früher schon in
Absicht auf Verköstigung , schonendere Grundsätze
für die hiesigen Einwohner anzunehmen scheint,
ut in literis. Gh:.
Anlage A.
Lettre au General Pozzo di Borgo:
Monsieur le G^n^ral, Dans Tun des appartemens
de rhötel Th^lusson, rue de Cerutti, il se trouve
place un tableau de Tecole de Rembrand, re-
presentant un yieillard, qui ecrit, et provenant de
la galerie de Gassei. II n^avait et^ detach^ de la
collection du mus^e de Paris que pour faire partie
du mobilier dudit hötel , dependant du gouyemement
franfais.
S. M. le Roi de France ajant fait droit ä la
reclamation de tous les tableaux enley^s des etats
y Google
n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 89
de S. A. R. TElecteur de Hesse, je n^ai pas
manqu^ de m^adresser ä S. E. le Duo de Richelieu,
pour obtenir rautorisation necessaire ä faire retirer
ce tabieau. Le Ministöre de S. M. Tr. Chr. ne se
croit cependant autoris^ ä disposer d^aucun des
objets se trouvant dans un hötel, que le Roi a mis
a la disposition du gouyemement russe pour servir
d^habitation ä son ambassadeur pr^s la cour de
France; mais il s^est bome au conseil de s^adresser
ä Votre Excellence afin de faire valoir cette recla-
mation.
Supposant que ce tabieau a enti^rement cess^
d^appartenir k la France, et que pour completter
Pameublement de Th. Th. eile peut trös facilement
le remplacer par un autre ä choisir dans ses propres
collection«, je prends la libert^ de prier Votre Ex-
cellence, de vouloir bien permettre, que j'envoye
chercher le tabieau en question ä Theure, qu^il Lui
plaira de fixer. — Je m'empresse de renouveller ici
Fassurance de la plus haute consid^ration ayec la-
quelle je suis Monsieur le General De votre Ex-
cellence le trÄs humble et trds ob"*- serv.
Grimm
secretaire de legation et charg^ d^aff. de S. A. R.
TElecteur.
Paris, 81. Oct. 1815 me de Tuniversit^ no 7.
Anlage B.
Gopie de ma lettre au C** de Yaublanc,
Min. secretaire d^etat et de Tinterieur.
M'- le G^, Le soussign^ en se ref^rant ä la
y Google
90 IL J. Grimmas Mission Bach Paris 1815.
note, qui a ete adressee ä V. E. en date du 7 Oct
par le B^" d'Altenstein, Min. d'etat de S. M. Pr.
ä l^egard des objets d'art et de science enleves en
Allemagne par ordre du gouy^ fran9ais et dont la
restitution est devenue impracticable , attendu que
les objets en question n^existent plus dans 1^ col-
lections publiques de la France, ou que les conser-
yateurs des dits Etablissements pretendent n^en avoir
aucune connaissance ; en se r^ferant egalement au
memoire accompagnant la dite note, dans lequel se
trouvent developpes les principes prouvant jusqu^ä
l'evidence et la necessitE et la justice de compenser
ces objets par autant d'autres ä prendre dans les
collections propres de la France; a Thonneur de
presenter ä Y. E. les trois etats ci joints renfermant
la liste de semblables objets d'art et sciences en-
leves des collections de S. A. R. TElecteur de
Hesse.
II prend la liberte d'observer seulement, qu'une
grande partie des tableaux design^s dans rinyentaire
n^ II est successivement tomb^e entre les mains
de Josephine epouse de Bonaparte et aprös
dans Celles de la famille B. mais qu'enfin, ä en
croire des bruits, eile aurait ei6 vendue äla Russie.
Non obstant cela plusieurs autres tableaux compris
dans le dit inyentaire ne semblent jamais etre yenus
ä Malmaison, mais autrement emplojEs par les
agens du cideyant gouy*- fran9ais. V. E. conyiendra
que toutes les transactions interyenues ou pr^tendues
ne sauraient, qu'elles quelles soient, d^roger aux
droits incontestables du yrai proprietaire.
y Google
II. J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 91
Le soussign^ a refu Pordre de sa cour de re-
clamer auprfes de V. E. pour autant d'objets precieux
et presqu'in^valuables , dont notre pays se voit
prive maintenant, les m^raes compensations et in-
demnit^s, que la Prusse obtiendra en pareil cas.
II s'empresse d'offrir etc. — Die drei Beilagen sind:
I. inventaire du contenu des deux caisses tomb^es
entre les mains de Lagrange. IL inv. des 45 tab-
leaux. ni. inv. des 18 tableaux. [Abschrift dieser
Beilagen ist nicht vorhcmdenj
Bericht 10.
Paris, 14. Nov. 1815.
Hochwohlgebomer Freiherr
Hochzuverehrender Herr Geheimerath!
Ew. Hochvirohlgeboren so eben empfangenes
Schreiben (vom 9. d. M. aus Frankfurt erlaszen)
belehrt mich, dasz dero Abreise aus Caszel früher
erfolgt ist, als virenigstens die hiesigen Zeitungen,
die von einer abermaligen Weiteraussetzung der
Bundesversammlung reden, erwarten lieszen.
Ich bedaure, dasz Dieselben, wiewohl ich die
gute Absicht dabei unmöglich verkenne, meine Vor-
stellung an den EurfCirsten einstweilen aufhalten
zu müszen geglaubt haben. Da ich mich nun be-
stimmt ausgesprochen hatte, so dasz ich nichts
weder zu- noch abzuthun wüszte, und der Meinung
bin, mir selbst vor allen Dingen treu bleiben zu
y Google
92 n. J. Grimmas Mission nach Paris 1815.
müszen, so nehme ich mir die Freiheit angelegent-
lichst zu bitten, mein besuch nunmehr sogleich ab-
gehen zu laszen und bin voraus fär die gütigst zu-
gesagte Unterstützung deszelben zu grösztem Dank
verbunden. Ew. Hochwohlgeboren haben mir sicher
nie etwas zu Leid gethan, sondern sind in den
früherhin bestandenen Dienstverhältniszen stets zu-
vorkommend und mit mir zufrieden gewesen; hätten
diese nunmehr erneuert werden sollen, so würde ich
hoffentlich auch meinerseits zu keinen Klagen An-
lasz gegeben haben. Ueber mich selbst mache ich
nicht gern viel Worte, allein ich war bereits seit
verwichenem Frühjahr fest entschloszen, falls der
Allergn. Herr der erbetenen, bescheidenen, ander-
weiten Anstellung mich nicht theilhaftig werden
laszen würde, mich eher alles Anspruchs auf eine
durch zehnjähr, treuen Dienst wohl verdiente Ver-
sorgung zu begeben, als fernerhin in der diplo-
matischen Laufbahn gebrauchen zu laszen.
Zu Ende voriger Woche erfuhr ich, der Staats-
Rath La Bouillerie, unter welchem der U-isor
du domaine extraard, stehet, dürfte gleichfalls noch
verschiedene, die kurheszischen Gapitalien betreffende
Papiere in Händen haben; begab mich sogleich za
demselben und bin nach verschiedenen Gängen und
Beredungen so glücklich gewesen, ihn zu erfolg-
habenden Nachforschungen und der Versicherung
der Auslieferung zu bringen. Morgendes Tags
sollen mir nämlich die von einigen Schuldnern zur
Bezahlung ihrer Abfindung mit den Franzosen aus-
gestellten Verbriefungen , zusammen über eine Mfl-
y Google
IL J. Grimmas Mission nach Paris 1815. 93
lion Franken betragend, eingehandiget werden, wo-
von mein nächstes Schreiben das genauere berichten
wird. Wenn gleich diese Papiere ihre Kraft ver-
loren haben, ist es dennoch gut, solche zu besitzen.
Neulich, um Lagrange zu erforschen, war ich
auf dem Bureau des Etat Major der hiesigen Division,
vernahm aber nichts wie — alte Adressen und bin
darauf drei bis vier Stunden vergebens in der Stadt
umher angefahren, ohne den ihm langst zugedachten
Brief los werden zu können. Dagegen hat mich
der ehemalige französ. Domainendirector Graf
Beaufort aufgespürt und mir die anliegende [nicht
mehr vorhandene] Vorstellung, worin er, wie es
scheint, mit Grund, drei Spiegel reclamirt, zugestellt.
Haben Ew. Hochwohlgeb. die Güte solche nach Gaszel
zur Einleitung des weiteren abgehen zu laszen.
Dermalen erregt hier der Ney'sche Process
alle Aufmerksamkeit und man glaubt, die Pair
Cammer werde diesen Marschall Todes verurtheilen.
Der Publication des Friedens sieht man noch Ende
laufender Woche entgegen; das vorzüglich preuszi-
scherseits betriebene Princip der Privatreclamationen
hat die Verhandlungen zumeist aufgehalten, dafOr
aber auch heilsame Wirkung gehabt. Ohne Zweifel
sind auch in Heszen längst alle hierhin ein-
schlagende Gegenstände verzeichnet und eingetragen,
damit wenn die Anerkennung des Grundsatzes fest-
stehet, unversäumt die Summen liquidirt und ge-
fordert werden können ? Hamburg allein verlangt
50 Mill. und Hannover 40 Mill. für seine Unter-
thanen.
y Google
94 TL J, Grimmas Mission nach Paris 1815.
Der Staats Ganzler will, heisst es, zu Anfang
künftiger Woche Paris verlaszen, der Minister
Altenstein aber wird 14 Tage länger zur Be-
treibung der gar noch nicht weit gediehenen Com-
pensationsangelegenheit bleiben.
Unter diesen leidigen Umständen kann auch ich
Yor Anfang December nicht an meine Rückreise
nach Gaszel denken,
Herr v. Bodenhausen hat mir neulich eben-
falls bestätigt, dasz aus der vorgewesenen zweiten
Soldforderung gar nichts geworden ist.
Mit unveränderlicher Hochachtung habe ich die
Ehre zu bestehen
Ew. Hochwoblgeb. gehorsamster Dr,
Grimm.
In Eile.
Bericht 11 und 12.
Ä118 diesen "beiden Berichten seien nur einige Stellen
(Hisgehöben:
XL Ew. Hochwohlgeboren fänf letzte, schnell
auf einander eingetroffene Schreiben vom 16. 20.
23. 25 imd 28ten Nov. liegen zur schuldigsten Be-
antwortung vor mir. Diese würde indeszen schon
längst erfolgt seyn, wenn ich von hier aus irgend
einen der darin zu berührenden Gegenstände schneller
zu besprechen vermocht hätte, als es der mittler-
weile allgemein bekannt gewordene Friedenstractat
thut ....
Öffentliche Reclamationen , d. h. diejenigen von
Gouvernement zu Gouvernement, sind ihrer Über-
y Google
IL J. Grimm's Mission nach Paris 1815. 95
schwänglichkeit wegen, als der Krone Frankreich
erlaszen und als niedergeschlagen zu betrachten.
Es stehet daher den von Ew. Hochwohlgeboren
dem Minister Altenstein überreichten Verzeichniszen
(in sofern mir solche bekannt geworden sind) kein
Erfolg bevor ....
Endlich gedenke ich nächsten Freitag sammt
Hm. TJnger von hier abreisen zu können. Vielleicht
gehen die fehlenden Bilder bis dahin noch ein, im
gegentheiligen FaUe bitte ich den preusz. Gesandten
V. Ooltz deren Empfangnahme zu übernehmen.
Auch für Preuszen etc. fehlen noch einige. Die Ver-
schlage gehen vorgeschriebenermaszen an Ew.
Hochwohlgeb. nach Frankfurt zur weiteren Be-
sorgung ab. Wir behalten uns vor, Hr. Unger oder
ich, näheren Bericht über alles abzustatten ....
Das Entschädigungsproject für Manuscripte und
Bilder hat leider noch keinen Erfolg gehabt, u. aus
diesem Orund habe ich für Hessen keinen Schritt
thun können, auch das früherhin erwähnte Schreiben
an Vaublanc zurückgenommen.
Paris 4. Dec. 1815.
Xn .... Ob es nicht rathsam sein dürfte, für
die Reclamationen der kurhessischen Länder einen
Liquidator hierher zu senden, oder wenigstens den Ab-
geordneten einer befreundeten Macht speciell damit
zu beauftragen, stelle ich höherem Ermeszen anheim.
Es ist dermalen nicht einmal jemand hier, der sich
der heszischen Unterthanen in Pasz- und Schutz-
y Google
96 ^* J* Grimmas Mission nach Paris 1815.
angelegenheiten annimmt und ich bin mehrmals yoq
Leuten überlaufen worden ....
Morgen soll uns endlich nach vielen neuen
Schreibereien und unnöthigen Vermittelungen das
Gemähide aus dem Hotel Thelusson ausgeliefert
werden, vielleicht auch noch eins aus Toulouse an-
langen. Ende der Woche reise ich sodann ab ... .
Paris 6 Dec. 1815.
Bericht 18.
Allerdurchlauchtigster Kurförst!
Allergnädigster Kurfürst und Herr
Durch dasjenige, was der Herr Geheimerath von
Carlshausen aus meinen an ihn erstatteten Berichten
zweifelsohne vorgetragen haben wird, musz es
bereits zur Allerhöchsten Kenntnis Eurer König-
lichen Hoheit gelangt seyn, dasz zwei der kur-
heszischen Gemähide nach Brüszel gerathen waren
und die Umstände es nöthig machten, selbige von
der könig. niederländischen Regierung unmittelbar
zu reclamiren. Unterm 22ten October erliesz ich
demzufolge eine desfallsige Note an den dazumal
in Paris befindlichen niederländischen Minister Frei-
herm von Gagern, welcher sich der Angelegen-
heit bei dem Haag er Hofe aufs dringendste an-
zunehmen versprach, damit ich, wie es am paszendsten
erschien, bei meiner Rückkehr nach Deutschland
den kleinen Umweg über Brüszel nehmen und dort
y Google
II. J. Qrimm's Mission nach Paris 1815. 97
beide Gemählde in Empfang nehmen könnte. Lange
Zeit erwartete ich vergebens die günstige Ent-
scheidung des niederländischen Ministeriums und
muszte endlich ohne sie abreisen und in Begleitung
des Mahlers Unger zu Brüszel mich darauf be-
schränken, das Dasejn der Bilder zu constatiren und
bei dem dortigen Maire anzufragen: ob er noch
keinen Befehl zur Auslieferung erlangt habe ? welches
er verneinte, auch in Ermangelung eines solchen
die Aushändigung der Gemählde verweigerte. Von
allem diesem habe ich nicht gesäumt, Ew. Königl.
Hoheit Gesandten am Bundestage ausftthrlich zu
unterrichten.
In diesem Augenblick erhalte ich die ehrfurchts-
voll angebogene piier nicht abgedruckte] willfährige
Antwort des niederländischen Gesandten am fran-
zösischen Hofe, Freiherm von Fagel, nach welcher
nichts übrig bleibt, als nunmehr die beiden Gemählde
in Brüszel in Empfang zu nehmen und verpacken
zu lassen, indem der des Bildes von Tintoretto
halben obwaltende Zweifel theils durch das Zeugniss
der Direction des pariser Museums, theils durch die
von dem Mahler Unger neulich geschehene Recog-
nitiou gehoben zu werden scheint. In Brüszel würde
vielleicht ein daselbst wohnhafter Mahler Rochard
am schicklichsten mit dieser Sache beauftragt werden
und der ihn genau kennende, in diesem Augenblick
noch zu Frankfurt verweilende Mahler Unger das
erforderliche instruiren können. Ich habe daher ehr-
erbietigst hiermit anheimzustellen : ob es Aller Höchst
gefällig sey, dem Frhm. von Garlshausen Ex-
£. Stengel. Acten der Brüder Grimm. 7
Digitized by VjOOQ IC
98 n* J- Orimm's Mission nach Paris 1815.
cellenz die in dieser Angelegenheit baldmöglichst zu
nehmenden weiteren Maasregeln anbefehlen zu laszen.
In tiefster Ehrfurcht beharre ich
Ew. Königl. Hoheit
allerunterthänigster, treugehorsamster und
pflichtschuldigster
Grimm.
Gaszel den 28 December 1815»
Bericht 14.
Allerdurchlauchtigster Kurfürst,
Allergnädigster Kurfürst und Herr.
Aus der ehrerbietigst angebogenen [nicht mehr
vorhandenen] Rechnungsablage über die seit meiner
Terwichenen Herbst auf Allerhöchsten Befehl nach
Paris unternommenen Reise gehabten Unkosten,
wird huldreichst entnommen werden können, dasz
ich für Quartier und Kost während meines dortigen
Aufenthalts nichts angesetzt habe. Durch besondere
Vermittlung der kön. Preusz. Autoritäten wurde
ich nämlich in der Stadt einquartirt und beköstigt.
Mit dem 20 November hörte indeszen diese Maas-
regel natürlich völlig auf; in der Wohnimg eines
Bekannten fand ich jedoch für die drei Wochen,
welche ich länger verweilen muszte, solange Unter-
kunft und ersparte dadurch die Ausgabe für Quartier-
miethe. Sämmtlichen preuszischen Angestellten, die
gleich mir bequartirt und beköstigt waren, sind
gleichwohl von dem Könige, während der ganzen
Zeit, die üblichen, für einen Cancellisten 14 Franken
betragenden, Diäten zugestanden worden, weil man
Digitized by VjOOQ IC
n. J. Grimmas Misdon nach Paris 1815. 99
in Paris zu manchen unvorherzusehenden Ausgaben
gezwungen wird. Ob mir inzwischen, auszer den
mir zu gut kommenden 552 Franken noch Diäten
(zu 12 Franken) vom 18. Sept. bis 20. November
zusammen f&r 63 Tage von 756 Franken huldreichst
verwilligt werden wollen, stelle ich ehrfurchtsvoll
anheim. Zu gleicher Zeit überreiche ich eine mir
von dem Mahler ünger eingehändigte Rechnung,
226 Fr. 10 Ct betragend, welche derselbe bei Ge-
legenheit der aus Fontainebleau und Ram-
bouillet abgeholten Gemahlde ausgelegt hat.
In tiefster Ehrfurcht beharre
Eurer Königlichen Hoheit
allerunterthänigster, treugehorsamster
und pflichtschuldigster
Grimm.
Caszel 9 Febr. 1816.
prs, d, 14. Febr. 1816, Auf. S. 4 steht die Be-
soltUian, dasz der Geheime Rath u. Cammer-Präsident
V. Carlshausen zuvor gutachtlich zu berichten habe.
Dieses Gutachtern liegt aber nicht vor, ebenso wenig die
erfolgte Entscheidung.
7*
y Google
100 in. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel.
in. Acten Ober J. Grimm als Bibliothekarin Caesei.
A.
Das Ädenfascikel des Marburger Staatsarchivs ^be-
treffend den I. Bibliothekar der Bibliothek im Museum
zu Cassel 1815— 30* (Sign.: 0. St. S. aus Gef. 8856)
ergibt folgende Nummern :
1) Extract Geheimen Raths ProtocoUs Ca3sel d.
25. Aug. 1815 no. 16: Der Legations -Secretär
Grimm allhier bittet allerunterthänigst um Über-
tragung der 2ten Bibliothekar-Stelle am hiesigen
Museo und der Hof- Archivarienstelle. Res.: Sup-
plicant hat zuvor unter der Direction des Geheimen
Regierungs-Raths vonLepel, die Wiener Congress-
Acten zu complettiren, und r^ve abzuschreiben.
2) AUergnädigstes Rescript för den Bibliothekar
Jacob Ludwig Carl Grimm, datirt: Cassel den
16. April 1816. Der OehaU betrug 600 -^ jährlich
und wurde vom 1. Mai an gezählt (bis dahin erhielt
J. Chr. den gleichen Qehalt als Legations-Secretär).
3) Der zweite Bibliothecar am Museo Grimm
bittet um Huldreichste Verwilligung benöthigten
Reiseurlaubs :
Allerdurchlauchtigster Kurfürst,
AUergnädigster Kurfürst u. Herr!
Eure Königliche Hoheit haben vor einem
halben Jahre nicht die Gnade gehabt, meinem ehr-
furchtvollsten Gesuch um Urlaub zu einer Reise
nach Heidelberg, wo ich verschiedene aus Rom
angelangte wichtige Handschriften benutzen möchte,
y Google
ni. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel. IQl
zu willfahren. In der Ho£Pnung dasz die Gründe zu
dieser Verweigerung nunmehr wegfallen und in Er-
wägung, dasz diese Reise keineswegs auf mein Ver-
gnüge» oder blosze Zerstreuung hinauslauft, sondern
die Vermehrung meiner literarischen und biblio-
graphischen Kenntnisse bezweckt, wie ich denn auch
allein in solcher Absicht die für mich nicht un-
beträchtlichen Kosten dazu aus meinen beschränkten
Mitteln aufwende; wage ich hiermit aufs neue um
die AUergnädigste Verstattung eines Urlaubs von
wenigstens sechs Wochen ehrerbietig anzuhalten und
lebe um so mehr der vollen Zuversicht, in meiner
unterthänigsten Bitte nicht fehl zu gehen, als mein
gleichfalls bei der Bibliothek angestellter Bruder
sich bestreben wird, so lange meine Dienst Obliegen-
heit mit zu versehen. In tiefster Ehrfurcht Eurer
Königlichen Hoheit etc. Cassel am 14. März 1817.
Barßuf erfolgte die allerh, Besoliäion: Cassel den
17. Merz 1817. Der gebetene Urlaub zu dem er-
wähnten Zweck wird auf sechs Wochen allergn.
zugestanden.
4) ürJatibsgesuch J. OrJs:
Kurfürstl. Oberhofmarschallamt !
Um vierzehntägigen Urlaub zu einer Reise nach
Frankfurt und Schlangenbad bitte ich in demjenigen
schuldigen Respect womit verharre.
Kurfürstl. Oberhofmarschallamts
unterthäniger
Bibliothekar Orimm.
Cassel 4. Aug. 1823.
y Google
102 ni. J. Grimm als Bibliothekar in Gassei.
Basselbe wurde cm den KwrfiirsUn abgegAen und
unter dem 25. Aug. 1823 aUergnädigst zugestanden.
5) S. 10 no. 7.
6) Qesueh der Brüder Qtinm an den Kurßirsten:
Allerdurchlaachtigster KurfÖrst,
Allergnädigster Eurftirst und Herr!
Bei dem Tode des Directors der KurfÜrsU. Bibl.
im Museo wagen . wir es , Ew. Königlichen Hoheit
in tiefster Ehrerbietung uns zu nähern und vor
Allerhöchstdenselben unsere allerunterthänigste Bitte
niederzulegen. Einen Theil unseres Lebens haben
wir beide nach imsem Kräften der Verwaltung der
Bibliothek vorgestanden, der jüngere als Secretar
seit ffinfzehn Jahren, der ältere als Bibliothecar seit
dreizehn Jahren, nachdem er bereits zehn Jahre
vorher in andern Ämtern dem Allerhöchsten Hause
gedient hatte. Wir haben unsere Pflicht mit ge-
wiszenhafter Treue erfüllt und mit dem unabläszigen
Streben, alles, was der Bibliothek zum Nutzen ge-
reichen könnte, auf jede mögliche Weise zu fördern.
Beide in das Mannesalter herangerückt, von
einem geringen Gehalt lebend, bitten wir ehrfurchts-
voll auf Ew. Königlichen Hoheit Ghiade, von welcher
das Glück imseres Lebens abhängt, vertrauend:
dem Bibliothekar die erste, dem Secretar, die
dadurch erledigte zweite Bibliothekarstelle
huldreichst zu verleihen.
y Google
IIL J. Qrimm als Bibliothekar in Cassel. 103
Wir würden niemals aufhören Ew. Königlichen
Hoheit Gnade mit dem vollkommensten Danke zu
verehren, die wir in tie£ster Ehrerbietung ersterben.
Ew. Eönigl. Hoheit allerunterthänigste,
treugehorsamste, pflichtschuldigste
Jacob Orimm Dr. Wilhelm Orimm
der phil. und beider Rechte Bibliotheksecretar.
Doctor, Bibliothecar.
Cassel d. 2. Febr. 1829.
Avf dieses von W. Orimm geschriebene Oesuch hat der
Kurfürst eigenhändig gesetzt: Cassel d. 5. Febr. 1829.
Beyde Gesuche werden abgeschlagen. Wilhelm K.
7) S. 11 no. 9.
8) Allerhöchstes Besoldungsgülage-Rescript ß^ den
Bibh Dr. Chrimm, Die Zulage beträgt Einhundert Thaler
(der QehaU mithin 700 Thlr.).
9) u. 10) S. 11—2 no. 11— 2.
11) Das O.'H.'M.'Ämt Überreicht die Ausfertigungen
der dem Bibl. Orimm saune d. Bibh- Sekret. Chrimm
aXlergn. ertheiUen flachen Abschiede zur allerhöchsten Voll'
Ziehung. Cassel am 31. Oct. 1629. Daraufhat der KurfUrst
bemerkt: „Gehet an das Geh. Cabinett um den ge-
eigneten flachen Abschied vorzulegen cum remiss.
Wilhehn K. Whhe. d.d. 1. Nov. 1829."
12) und 13) = S. 12 no. 13—4.
B.
Die den Oeldverlag und die Verwaltungskosten der
Museumsbibliothek betreffenden Acten Fasciket (Oef. 6855,
885^ enthalten auch die Verhandlungen zwischen J. Orimm
und dem ihm vorgesetzten Ober-Hof-MarsehaU-Amt.
y Google
104 in. J. Grimm als Bibliothekar in CasseL
Auf Antrag VölkeVs, der 1821 zum Director d€S
Mtiseums und der Bibliothek ernannt war, wurde unter
dem 20. Oct. 1823 die Verwaltung des /Rr An-
schaffungen ausgeworfenen Bibliothekfands an Jacob.
Grimm üibertragen. Aber in Folge der Neuordnung des
Rechnungswesens bei der Hauptcasse wurde ihm die bisherige
freie Verfügung über den Anschaffungsverlag entzogen, für
alle Neuanschaffungen das Mitwissen Volk eis verlangt
und hatte er überdies nur die Rechnungen rücksichttich
der Lieferung und der Preise zu attestiren, von Völkel
dann visiren zu lassen und dem Oberhofmarschdllamt
zur ZahlungS'Verfügung einzureichen. Vergeblich wurde
J. Qrimm gegen diese Neuerung vorstellig.
Die mit Antiquaschrift geschriebene bezügliche Eingabe
lautet:
Kurfürstliches Ober-Hof-Marschallamt !
Die mir bekannt gemachte Beschlusznahme Kur-
fürstlichen Ober-Hof-Marschallamts, wodurch in der
bisherigen Verwaltung des Bibliothekfonds eine
wesentliche Abänderung getroffen worden ist, ver-
pflichtet mich zu nachstehenden ehrerbietigen Be-
merkungen :
1. auf allen Bibliotheken Deutschlands, meines
Wiszens auch des Auslands, ist es althergebracht,
dasz der jedesmalige Bibliothekar den ausgeworfenen
Fonds, sey es auf einmahl oder quartalsweise, aus
der herrschaftlichen Casse zieht, verwahrt und ver-
ausgabt, über geschehene Verausgabung aber am
Schlusze des Jahrs belegte Rechnung einreicht.
2. Diese Einrichtung gründet sich auf Natur der
Sache und geprüfte Erfahrung. Vielleicht nicht die
y Google
III. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel. 105
Hälfte der jährlich zu erkaufenden Bücher nimmt
der Bibliothecar von anwesenden Buchhändlern. Er
musz Bestellungen ins ferne Ausland machen,
Auctionen und andere sich unvorausgesehen dar-
bietende Gelegenheiten benutzen, häufig vorschieszen
oder vorausbezahlen.
3. Die Preise des Buchhandels sind in den meisten
Fällen reguliert und werden von keinem Buchhändler,
wenn er sich nicht um den Credit bringen will,
überschritten. Der Buchhändler ist kein Hand-
werker, der auf Bestellung arbeitet und sich vom
Preise noch abziehen läszt.
4. Kann der Bibliothekar zur nöthigen Zeit nicht
selbst zahlen, sondern soll er einzelne grosze und
kleine Rechnungen nur bescheinigen und dem Buch-
händler etc. sich die wirkliche Zahlung zu erwirken
überlaszen; so wird das Geschäft gelähmt und dem
Bibliothecar die nöthige freie Hand, der Überblick
im ganzen entzogen. Er wird dennoch und zu seinem
Privatnachtheil manchmal gezwungen seyn, Vor-
schüsze aus der eignen Tasche zu machen. Buch-
händler imd Buchbinder gerathen in Abhängigkeit
von dem Cassenbeamten , der nach mir zwar nicht
näher bekannten aber möglichen Casseneinrichtungen
die Zahlung hinhalten, vielleicht auch Procente ab-
zudingen suchen kann, welches zuletzt einen ver-
hältnismäszigen Preisaufschlag nach sich ziehen
wird.
5. Der ausländische Buchhändler oder Verkäufer
kann seine Rechnung nicht selbst auf der Casse zur
Zahlung einreichen, musz also einen Dritten wieder
y Google
106 in. J. Grimm als Bibliothekar in Gassei.
beauftragen, wenn er sich anders überhaupt dazu
versteht, welches Kosten verursacht, die er natürlich
wieder auf den Preis schlagen wird.
6. Der Bibliothecar wird durch jährliche Rech-
nungsablage und ein nunmehr (gegen die frühere
Einrichtung) noch hinzuerfordertes Visa des Di-
rectors, das ich mir gern gefitllen lasze, weil ich
den dermahligen Director persönlich verehre, hin-
länglich controllirt. Ich werde dieses Geld mit der-
selben Treue und Pünctlichkeit verwalten, mit der
es ohne Zweifel meine Vorgänger verwaltet haben.
Dasz gerade in dem Zeitpuncte, wo mir herkömm-
licher Weise nach dieses Geschäft übertragen wor-
den ist, neue und meiner Überzeugung nach der
Bibliothek schädliche Gaut«len verordnet werden,
musz mir empfindlich seyn und ich berge nicht,
dasz wenn das geringste, von mir nicht auf das
leiseste verschuldete Mistrauen stattfinden sollte, ich
es lieber sehen werde, weni^ eine anderweite Hoch-
gefallige Bestinmiung mich gänzlich von einer
Rechnungsführung dispensiert, deren Beschränkung
und GontroUe ich meines Gewiszens und Standes ftbr
gleich unwürdig erachte.
Mit schuldigem Respect verbleibe ich übrigens
Kurfürstlichen Oberhofinarschallamts
unterthäniger Diener
Grimm.
Gas sei 19. Dec. 1823.
Dwrch Verfügung vom 2^. Dec. 1823 wurde Orimm
abschlägig hesehieden. VergMich unterstütete ihn au^
y Google
III. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel. 107
sein V&rgesäzter V(flkelf vergdüieh wies Qrimm endlich
in einer Eingabe vom 7. Merg 1824 auf die sich hereüi
geltend machenden <Men Folgen hin.
Diese Eingabe, ebenfalls in Äntiquaschrifl, lautet:
Korf ürstliches Oberhofmarschallamt !
In dem vor Ablauf verwichenen Jahres er-
statteten Bericht habe ich mit der Offenheit, welche
Dienstpflicht gebietet, keinen der aus veränderter
Verwaltung des Bibliothekfonds entspringenden
Nachtheile verhehlt. Einige derselben stehen nicht
an, sich bereits zu zeigen. Da nämlich seit drei
Monaten kein Heller in Gassa ist, indem ich beim
Rechnungsabschlusze mit einem Thaler und einigen
Groschen überzahlt hatte, so liegen nicht nur ver-
schiedene beträchtliche Buchhändlemoten , die ge-
wöhnlich auf Neujahr einkommen, unbezahlt da,
auch sind 121 Gulden frankf. Währung Subscriptions-
gelder per Wechsel nach Stuttgart zu berichtigen,
sondern wir haben auch verschiedene sich in
Auctionen dargebotene Ankaufgelegenheiten und ein
uns neulich aus Italien geschehenes Bücheranerbieten
geradezu von Hand weisen müszen. Für Porto,
Fracht und andere Eleinigkeiten h^be ich nächst-
dem einige Carolins aus meinem Beutel vorzuschieszen
nicht umgehen können. Geht es auf diesem Fusze
noch länger fort, so wird die Bibliothek, um aller
anderen Verlegenheiten zu geschweigen, ihre besten
seitherigen Handelsverbindungen im Auslande ab-
brechen müszen; zum offenbaren Schaden des her-
schaftlichen Interesses.
y Google
108 III. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel.
Obgleich mir diese vorgesetzte fiehörde die Re-
solution ertheiU hat, dasz voil Ihr aus hierunter
nichts anderes zu verfügen stehe; so glaube ich
doch, dasz der Allergnädigste Herr, wenn Ihm die
Noth wendigkeit und Nützlichkeit der bisher, und
seit Errichtung der ganzen Anstalt bestandnen Ein-
richtung vorgestellt wird, eine höchst motivierte
Ausnahme von einer verordneten allgemeinen Gassen-
einrichtung zu bewilligen geruhen werde. Vielleicht
dürfte es der guten Sache förderlich seyn, meinen
gegenwärtigen Bericht,* durch geeignete weitere
Gründe, die ich dem Ermeszen dieser hohen Behörde
überlasze, unterstützt, vor den Allerhöchsten Ort zu
bringen.
Mittlerweile und bevor eine Entscheidung er-
folgen kann, bin ich jedoch so frei, um die nöthige
Verfügung zu bitten, dasz ein Wechsel auf 121 Gulden
frankf. Währung nach Stuttgart zu meiner Dis-
position ausgestellt werde, weil es dringt, diesen
Posten zu tilgen.
In schuldigem Respect bin ich Kurf. Oberhof-
marschallamts etc, ~
Darauf wurde Grimm unter dem 13. März lediglich
oirfgegeben zuvörderst die Rechnung über die 121 fl.
Subscriptians Gelder und die von ihm gemachten Aus-
lagen einzusenden. Seine weiteren Anträge wurden mit
Stillschweigen übergangen.
Am 22. Merz reicht Grimm mittelst kurzem BeridU
die geforderten Fapiere ein^ welche dann der Calculatur
vorgelegt wurden. Unter dem 7. Aprü werden deren
Bemerkungen dem Bibliothekar Chrimm unter der Auf'-
y Google
III. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel. 109
läge zugefertigt nach Anleitung der am Bande der Be-
merkungen niedergeschriebenen Besolutionen zu verfahren
und die ihm mitzutheilenden Bechnungs-Ürkwnden und
Belege demnächst haldigst zurückzusenden. Diese Ter-
fügu/ng wurde aber nach dem in den Aden vorfindlichen
Vermerk erst am 8. Mai abgesandt.
Bar auf erwidert Qrimm am 10. Mai:
EurförsÜiches Oberhofmarschallamt!
Die hohe Resolution vom 7. April d. J. »meine
Bemerkungen zu den Probaturmonitis baldigst
zurückzusenden.* [Diese Worte stehen in dem Concept
der Besöluticn, welches bei den Acten liegt, nicht.] kann
ich nicht genügend befolgen, indem mir diese Re-
solution erst gestern am 9 Mai zugefertigt worden
ist. Kurfürstliches Oberhofmarschallamt ermesse
ßelbst, ob diese Verzögerung der Expeditionen dem
herrschaftlichen Interesse nachtheilig sey. Aus
meinen Bemerkungen ergibt sich hoffentlich die
Irreleyanz sämmtlicher Moniten.
Dringende Ausgaben fQr Kurfürstl. Bibliothek
aus meiner Tasche zu zahlen halte ich mich für
unverbunden. Dringende Ausgaben sind Porto-,
Fracht- Subscriptions- und Auctions-posten. Ich
kann das luit der Post oder mit dem Fuhrmann
anlangende Paquet nicht unabgehohlt, noch weniger
zurückgehen laszen. Die Subscription musz bei Ab-
lieferung des Werkes entrichtet, in der Auction
musz baar bezahlt werden. Seit Merz habe ich
wiederum einige Carolins ausgelegt. Falls mir hier-
zu nicht der nöthige Verlag bewilligt werden
kann , so« bitte ich gehorsamst mich zur Aufiiahme
y Google
110 lU. J. Grimm als Biblioteekar in Cassel.
Ton halbjährlich circa 50 i^ zu ermächtigen, deren
Zinsen ich sodann anrechnen werde ....
Schlieszlich wird es mir diese hohe Behörde
nicht yerargen, dasz ich mich über die Form der
Unter- nnd Überschrift der Ausfertigungen an mich
beschwere. Alle übrigen Gollegia geben den Hono-
ratioren den Titel Herr, ich glaube, dasz er mir
gebührt und bitte das Secretariat darauf anzuweisen.
Mit schuldigem Respect etc.
Aus den 9 Bemerkungen des ProbaJtw Werner
hebe ich nur Funkt 2 heraus, da sich aus ihm weitere
Consequenzen ergaben: ^
Auf den Buchhändler Rechnungen oder auf den
dieselben yertretenden sonstigen Belegen dürfte zu
bescheinigen sein: dasz und auf welcher Seite des
Katalogs der Bibliothek der Eintrag der respektiyen
Schriften und Werke stattgefunden hat. Die auf dem
Bande vermerkte Besolution des O.-H.-M. Amtes lautet:
Nach dem Monito. Orimm erwiderte darauf: Pro-
bator monens würde dieses Monitum weggelaszen haben,
weim er von dem Wesen und der Einrichtung einer
Bibliothek einigen Begriff hätte. Es ist durchaus un-
befolgbar und seine Befolgung wäre zwecklos. Jeder
Bibliothekar ist pflichtmäszig yerbunden alle accesiones
in die Cataloge einzutragen. Die ungefähr 80 Bände
des Gatalogs sind nicht paginirt und können nicht
paginirt werden. Wollte ein Bibliothekar wider
seine Pflicht handeln, so würde jene Gontrolle
nicht helfen, denn die Probaturbehörde wüste
ja nicht, ob an den angegebenen Stellen der
Eintrag wirklich geschehen sey. Sollten über die
y Google
in. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel. Hl
Unzaläszigkeit dieses moniti noch irgend Zweifel
bleiben, so wird ein Bericht des Directors sie völlig
heben können.
Hiergegen wendet sich eine in harschem Tan
gehaltene Besoltdion des 0.-H.'M.-Ämte8, welche , wie
aXle hierher gehörigen Verordnungen, von HofkammerrcUh
Hofmann äbgefasst und in der Sitßfung vom 17. Mai
hescMossen wurde. In derselben Sitzung wurde folgende
Zurechtweisung an Qrimm erlassen: Da die Abfassung
und der Inhalt der Torliegenden Gegenbemerkungen
und des Schreibens des Bibliothekars Grimm, neben
einer mehr als gewöhnlichen Unbescheidenheit, einen
gänzlichen Mangel an Begriffen yom Rechnungswesen,
zugleich aber auch einen gewissen Hang zur Unge-
bundenheit in der Verwendung der allergnadigst be-
willigten Bibliothek- Verlagsgelder, auf Seiten des Be-
richtstellers an den Tag legt; so gibt das Oberhof-
marschallamt seine volle Misbilligung darüber dem Bibl.
Grimm hiermit zu erkennen . . . und warnt ihn endlich,
mit dem Bemerken, vor künftigen ähnlichen Ungebühr-
lichkeiten, dasz man widrigenfalls davon aller höchsten
Orts aller unterthänigst Anzeige machen werde.
Hierauf erwiderte Qrimm am 2i. Mai folgendermassen:
Kurfürstliches Oberhofmarschallamt !
Gegen den mir vonKurfürstl. Oberhofmarschallamt
gemachten Vorwurf der Unbescheidenheit hoffe ich
mich vollkommen rechtfertigen zu können. Ich würde
ihn verdient haben, wenn ich meine auf die Probatur-
monita gemachten Bemerkungen an diese hohe Be-
hörde selbst zu richten mir angemaszt hätte. Das
ist mir nie in den Sinn gekommen , vielmehr habe
Digitized by VjOOQ IC
112 ni. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel.
ich geglaubt, dasz solche Angelegenheiten zwischen
Rechnungsfahrer und Probater abgemacht zu werden
pflegten. Ich hatte jene Erwiderungen yorher dem
Herrn Director V ö 1 k e 1 mitgetheilt und er sie ganz
in dem Sinne genommen, wie ich, ohne sie zu mis-
billigen. Ich war der Meinung, dasz ein Verrechnen
oder Verzählen von 10 Hellern weiter keine Folgen
haben würde, als dasz mir solche von derProbatur
absque monito gestrichen und zu meinem Schaden
abgezogen werden würden ; eine weitere Erläuterung
aber konnte ich der Natur der Sache nach nicht
geben. Die Rechnungen bei Verwendung der Bib-
liotheksgelder sind so einfach, dasz ich wohl hoffen
darf, sie genau und in hergebrachter Ordnung zu
führen; Mangel an Fertigkeit und Einsicht in jedes
feinere Rechnungswesen schreibe ich mir selbst zu.
Ich werde nicht verfehlen in Zukunft die Er-
läuterungen der Moniten so abzufaszen, als wären
sie an Eurf. Oberhofmarschallamt selbst gerichtet
und bitte mir meinen seitherigen Irrthum geneigtest
nachzusehen.
Paginirung des Gatalogs ist aus folgenden Gründen
nicht möglich: die Bücher werden darin nicht fort-
laufend, weder nach der Zeit des Ankaufs noch nach
dem Formate noch nach irgend einem andern äuszem
Grunde eingetragen. Diese Methode wird man heut-
zutage schwerlich bei irgend einer namhaften
Bibliothek befolgt finden. Sie gestattet nämlich
keine wiszenschaftliche Übersicht der Fächer und
würde den Gebrauch der Bücher ausnehmend er-
schweren. Diese werden daher nach den Wiszen-
y Google
in. J. Grimm als Bibliothekar in Caasel. 113
scbafben geordnet und zwar nicht blosz nach Haupt-
eintheilungen, sondern nach mannigfalten zahlreichen
XJnterabtheilungen. Hierbei treten besondere Fälle
ein, wovon ich blosz die häufigsten nenne: 1. ein Buch
ist bisher an einen unrichtigen oder nicht ganz ge-
nauen Platz gestellt worden, musz daher anders ein-
gestellt werden. 2. es erscheint die Fortsetzung
eines Werks und sind die neuen oft zahlreichen
Bände einzureihen oder es erscheint ein so nahe
verwandtes, dasz dieses unmittelbar daran seinen
Platz verlangt. 3. beszere Einsicht oder eine neue
Gestaltung der Wiszenschaft fordert Abänderung in
dieser oder jener Unterabtheilung. 4. gröszere Werke,
z. B. Collectiones, scriptores, opera omnia sind früher
nur unter dem allgemeinen oder Haupttitel ein-
getragen. Sie müszen jetzt detaillirt werden. Das
heiszt, es musz der Inhalt eines jeden Bandes einzeln
angegeben werden, und wenn nun gar Abhandlungen
verschiedener Verfaszer in einem einzigen Bande sich
befinden, müszen auch diese in den zweiten Nominal-
catalog (der aus lauter einzelnen, ungebundnen
Blättern bestehet, um jeden Augenblick einen neuen
Namen dazwischen legen zu können) eingetragen
werden. Ein Werk also, das* wenn der Hauptitel
allein angegeben wäre, z. B. Corpus historiae byzan-
tinae, nur ein Paar Zeilen einnimmt, kann, sobald
es detaillirt wird, leicht 20 — 30 Seiten erfordern.
Diese Fälle enthalten nun hauptsächlich die
Gründe, warum die eigentlichen Hauptcataloge nicht
können paginirt werden, auch bei keiner andern
Bibliothek z. B. in Göttingen, die bekanntlich für
£. Stengel. Acteu der Brüder Qrlmm. 3
Digitized by VjOOQ IC
114 in. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel.
ein Muster gilt, paginirt sind. Nicht blosz hinter
jeder XJnterabtheilung ist weiszes Papier eingebunden,
sondern auch fortlaufend häufig zwischen drei
oder vier beschriebenen Blättern. So oft ein Buch
umgestellt , etwas detaillirt , eine Unterabtheilung
beszer geordnet wird, musz das fehlerhafte heraus-
geschnitten, das richtigere auf das reine Papier ge-
schrieben werden. Auf diese Art vervollkommnet
sich der Catalog, ohne dasz die alten Fehler und
und viel ausgestrichenes sichtbar würde. In den
meisten unserer Cataloge sind bereits ausgeschnittene
Blätter bemerkbar, in einigen sehr häufig. Würden
nun die 80 Folianten auf Anordnung Kurf. Ober-
hofmarschallamts jetzo paginirt, so würden doch
durch die nothwendige Auscheidung und Ersetzung
des Verderbten Lücken in der Zahlenfolge entspringen,
die Citate bald nicht mehr treffen und der Zweck
der Pagination von selbst vereitelt werden.
Nächst dem gibt es noch einen zweiten Grund,
weshalb die Pagina des Eintrags nicht sogleich bei
Überreichung der Rechnung könnte angegeben
werden. Weil gewisse Bücher, obgleich erkauft
und bezahlt, noch nicht eintragbar geworden sind.
Dahin gehören viele noch unvollendete Werke, solche
von denen etwa noch Kupfertafeln oder Register
nachgeliefert werden. Sie liegen vorerst in einem
Schranke aufbewahrt. Bei einigen Bibliotheken,
holländischen z. B. , wird durchaus kein Werk ein-
gebunden, dessen Fortsetzung noch erscheint, so
dasz manche 6 — 10 Jahre roh aufgehoben bleiben.
Sodann kaufen wir kleine Schriften von Werth,
y Google
III. J. Grimm als Bibliothekar in Caasel. 115
academische Programme, Dissertationen etc. Diese
werden gesammelt, bis sich von einem und demselben
Gegenstand genug vorfindet, einen Band zu füllen;
dann erst werden sie gebunden und eingetragen.
Ich bin hier so kurz als möglich gewesen, hoffe
aber Kurf. Ober-Hofmarschallamt überzeugt zu haben,
dasz bei gegenwärtiger und doch offenbar lobens-
werther Einrichtung es nicht angeht, die Cataloge
zu beziffern und paginam zu nennen, auf welcher
ein kürzlich erkauftes Buch eingetragen steht. Das
was ich gesagt, würde ein allenfalsiger Bericht von
dem Director der Bibliothek nicht blosz bestätigen,
sondern vielleicht noch einleuchtender darstellen.
Zur Sicherung gegen mögliche Veruntreuung
waren bisher folgende Maszregeln getroffen. Jedes
Werk, welches erkauft wird, findet sich namentlich
in der Rechnung des liefernden Buchhändlers auf-
geführt. Alle, jederzeit in duplo ausgefertigten
Rechnungen bleiben im Original bei der Behörde,
welche sie durchsieht und liqnidirt, deponirt. Seit
einigen Jahren bei Kurf. Oberhofmarschallamt. Diese
hohe Behörde besitzt also genaue und authentische
Übersicht alles dessen, was seit Ihrer Administration
für die Bibliothek angeschafft worden ist, und die
Bibl. kann jeden Augenblick danach revidirt werden.
Auszerdem wird jedes erkaufte Werk alsobald ein-
getragen, in ein Buch, das zur ControUe gegen die
Buchhandlungen dient, nach Ordnung der Buchhändler
imd der Zeitfolge. Ich brauche kaum ausdrücklich
anzuführen, dasz Director, Bibliothecar und Secretar
darauf beeidet sind, alle Acquisitionen einzutragen
8*
Digitized by VjOOQ IC
116 in. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel.
und aufzustellen, folglich einander gegenseitig con-
troUiren. Sollte aber Kurf. Oberhofmarschallamt
noch weitere Sicherheit wünschen, so erlaube ich mir
den unmaszgeblichen Vorschlag zu thun, dasz beim
Abschlusz der Jahresrechnimg der Director jedesmahl
bescheinige: sämtliche in der Rechnung genannte
Werke seyen wirklich auf der Bibliothek vorhanden.
Den mir von kurfürstl. Oberhofmarschallamt ge-
machten weiteren Vorhalt eines Hanges zur Un-
gebundenheit in Verwendung der Allergnädigst be-
willigten Verlagsgelder hoffe ich gleichfalls in ganz
ein anderes Licht zu stellen. Betrifft er das Finan-
zielle dabei, so spricht mich mein Gewiszen davon
völlig frei. Welche Berechnungsart auch Kurfürstl.
Oberhofinarschallamt dabei vorschreiben wird, diese
werde ich, sobald sie mir bekannt geworden ist, und
weshalb ich um Ertheilimg der allergenauesten Be-
fehle bitte, pünctlich zu beobachten suchen. Sollte
aber unter jenem Tadel auch das Wiszenschaftliche
begriffen seyn , so bitte ich mir zu erlauben in
gröszter Bescheidenheit folgendes zu bemerken. Mein
Amt bestehet auszer in der Erhaltung, Bewahrung
imd Bearbeitung des bisherigen Bücher- und Hand-
schriftenvorraths auch in der Fortführung der
Bibliothek oder im Ankauf derjenigen Werke, welche
der Anlage des Qanzen und dem Gange der Wiszen-
schaften nach für die Bibliothek angemeszen sind.
Wenn sich der Bibliothecar beides genau zu berück-
sichtigen bestrebt, so kann die Wahl der zu kaufen-
den Bücher zuletzt nur von seiner innem Über-
zeugung abhängen. Doch entscheidet sie nie allein,
y Google
III, J. Grimm als Bibliothekar in Caesel. 117
sondern es wird über den Ankauf jedes neuen
Werkes vorher mit den andern Mitgliedern der
Bibliothek gerathschlagt , und es ist mein gröszter
Wunsch, dasz KurfÜrstl. Ober-Hofraarschaliamt sich
in einzelnen Fällen zu überzeugen geneigt wäre,
wie vielfache Rücksicht jedesmahl genommen und
wie sorgfältig Überlegt wird, um den allergnädigst
verliehenen Fonds so zu verwenden, wie es der
Bibliothek im ganzen und im Verhältniss der ein-
zelnen Fächer zueinander vortheilhaft ist. Da dieser
Fonds so sehr beschränkt ist, können wir nicht das
nöthige, sondern fast nur das allemothwendigste
anschaffen. Wir müszen jede günstige Gelegenheit
nutzen, um bei Privaten oder in Auctionen das
fehlende, zum Vortheil des Allerhöchsten Interesses,
oft fiir den dritten Theil des eigentlichen Preises,
zuweilen noch darunter zu erwerben. So habe ich
kürzlich von dem Herrn General von Müller die
12 Bände der neuen Encyclopädie, die im Laden-
preise gegen 50 ^ stehen, für 25 erkauft und in
der Arandschen Verganthung 36 Bände Herders
Werke, im Buchladen über 50 <^' kostend, gebunden
für 8 ^, was der Einband allein werth ist, er-
standen. Es müszen nur von beiden Werken die
Fortsetzungen zugekauft werden.
Hier wünschte ich näher ausführen zu dürfen,
in welchem Verhältnisse sich der Bibliothekar bei
jeder bedeutenden Bibl. Deutschlands, also z. B. zu
Dresden, Gotha, Weimar, Darmstadt, Berlin, München
etc. befindet, welche freie Hand ihm, sicherlich
zum Vortheil der Anstalt, von seiner Regierung ge-
Digitized by VjOOQ IC
118 III. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel.
laszen wird. Nicht bei allen, aber bei den meisten
dieser Bibliotheken ist auszer dem fest bestimmten
Fonds, den die Bibliothecare ganz in ihrer (meines
Wiszens nie gemisbrauchten) Gewalt haben, ihnen
erlaubt, für sich unerwartet bietende Gelegenheiten,
zum vortheilhaften Ankauf einzelner Werke, bis zu
einem gewissen Punct, unangefragt Geld zu ver-
wenden. Aus eigner Erfahrung weisz ich, dasz in
Göttingen jeder Bibliothecar solche Ankäufe macht
und ihm, ohne Bescheinigung, auf sein bloszes Wort
die Auslage vergütet wird. -Es herrscht ohne Zweifel
da die sittliche Überzeugung, dasz kein Pfennig auf
diesem Wege je ist veruntreut worden. Vergleiche
ich diese Verhältnisse und die vielen Rücksichten,
die wir zu nehmen haben, so wage ich die Be-
hauptung, dasz ich mehr als irgend ein Bibliothecar
gebunden bin. Bestände eine Bibliothek blosz in
der Anhäufung, Aufstellung und Registrirung von
Büchern, fürwahr, es würde kein leichteres Amt
geben, als das eines Bibliothecars. Soll sie aber
nur das aufnehmen, was den Fortschritt der Wiszen-
schaftenbezeichnet, den lebendigen Zusammenhang der-
selben darstellen, so wird dieses Amt schwer und müh-
sam, weil das fehlende aufgefunden, das neue aber in
allen Wiszenschaften übersehen und beurtheiltseyn will.
Selbst den empfindlichen Ton meiner (irrthümlich,
weshalb ich nochmals um Verzeihung bitte) an die
Probatur gerichteten Gegenbemerkungen, hoflfe ich
nun mehr, wird Kurf. Oberhofmarschallamt aus
einem andern Gesichtspuncte beurtheilen, zumahl,
wenn es sich die Lage vorstellt, worin ich mich be-
Digitized by VjOOQ IC
III. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel. 119
finde. Zum Rechnungsführer bestellt, ohne seit
länger als fünf Monaten das geringste in Cassa zu
haben; genöthigt, vielmehr durch die Anhänglichkeit
an das mir anvertraute Amt bewogen, über 50 ^
von dem meinigen auszulegen oder sonst herbei zu
schaffen, unbekannt mit den Abweichungen von der
bisher gutgefundenen und wenigstens bei Kurf.
Bibliothek hergebrachten Art und Weise, unschul-
dige, kleine Posten zu belegen — glaubte ich mich
vertheidigen zu müszen gegen jeden Schein von
Tadel : als hänge ich sträflichem Privatvortheil nach,
als sey eine Veruntreuung angekaufter Bücher
möglich, als brauche diese durch neue Mittel ver-
hütet zu werden. Dasz diese hohe Behörde selbst
ihn jemahls anders ansehen und behandeln würde,
als einen dem Staate seit 19 Jahren in verschiedenen
Verhältnissen unbefleckt-treu dienenden Mann, ist
dem gehorsamst unterzeichneten zu bezweifeln nicht
eingefallen. Und ich glaube auch als Aufseher oder
Mitaufseher einer Bibliothek, in die ich (wessen ich
mich vielleicht sonst nie gerühmt hätte, denn es ist
kaum Rühmens werth und alle meine CoUegen thun
desgleichen) wohl schon 30 — 40 Bände, die mir
geschenkt worden sind, gestellt habe, Vertrauen zu
verdienen. Die mir verwilligten 6874 '*'/ reichten
nicht zur Bezahlung der 121 Gulden in Stuttgart
hin, sondern ich habe nach Ausweis der Anlage
dem Banquier Amthai 2, 1, 17^ zulegen müszen.-
Mit schuldigem Respect Kurf. Oberhofmarschallamts
unterthäniger Diener Dr. Grimm*
y Google
120 III- J- Grimm als Bibliothekar in Cassel.
Dieses Schreiben wurde Direäor Völkel durch Besol,
vom 14. Juni 1824 zur guiacMlichen Äuszerung darüber
zugestellt t „ob einer Paginirung des yorhandenen
alphabetischen Katalogs der Museums -Bibliothek
gleich grosze Schwierigkeiten entgegen stehen, als
die hierin angegebenen, welche die Seitenbezifferung
der wissenschaftlich-systematischen Verzeichnisse un-
ausführbar zu machen scheinen. Hoffmann.
Am 22. Juni erfolgte Völkeis Antwort, die selbst-
verständlich die Möglichkeit einer Paginirung des ZetteU
katalogs bestreitet. Darauf ergeht unter dem 17. Juli
1624 eine Besolution des O.-H.-M.-Amts , welche vor-
läufig von dem Eintragsvermerk auf den Bechnungen
absehen lässt, dann aber fortfährt :
»Da indessen der Mangel eines feststehenden
Verzeichnisses der Bibliothek mit einer guten Ord-
nung nicht zu vereinigen stehet, auch in einer aller-
höchsten Resolution Sr. Königlichen Hoheit des
Kurfürsten der Befehl enthalten ist, dasz der Catalog
der Museums Bibliothek vorgelegt werden soll, so
ist es unerlässlich einen solchen imter Annahme des
Status vom 31. Dec. 1823, baldmöglichst und zwar
längstens bis zum Ablauf von Sechs Monaten nach
dem dermaligen System und zwar dergestalt mit
doppelten Nummern, dasz die eine fortlaufend für
den Catalog, die zweite aber für jede abgetheilte
Wissenschaft gelte, aufzustellen und anher einzu-
senden, worauf es alsdann nicht schwer fallen wird,
die jährlichen Nachträge, wenn auch nicht in den
systematischen Abtheilungen, doch am Ende des
Verzeichnisses, mit Beibehaltung des Eintheilungs-
y Google
III. J. Grimm als Bibliothekar in Cassel. 121
Princips, zu machen. Vorstehendes wird dem Hm.
Director V ö 1 k e 1 auf dessen Bericht vom 22. Juni d. J.
mit dem Auftrage bekannt gemacht, dafür zu sorgen,
dasz dieser Verfügung gehörige Folge gegeben werde."
In den ErlätUerimgen J. ChrJs zu den im Mai 1825
{aufgestellten CälculaturbemerJcungen über die BibliothekS'
Rechnung vom Jahre 1823 ^ bemerkt endlich Grimm
unter dem 25. Juli 1825:
„ad 3. An dem hier angeregten extractu catalogi
wird, so weit es die currente Dienstarbeit gestattet,
auferlegtermaszen gearbeitet. Was den Zweck dieser
Arbeit betrifft, bezieht sich Unterzeichneter auf
seinen darüber pflichtmäszig erstatteten unter-
thänigen Bericht. Er begreift nicht, wie die beab-
sichtigte ControUe auf solche Weise erreicht werden
kann und ist der bescheidenen Überzeugung, dasz
diese hohe Behörde, sobald Ihr die unvermeidlichen
Schwierigkeiten näher einleuchten, geneigen werde,
die ganze Arbeit für das anzuerkennen, was sie ist,
— für eine verlorne. Wegen der ordentlichen Ein-
richtung und Catalogisierung unserer Bibl. kann
Kurf. 0. H.M. A. in der That vollkommen ruhig
sein; ich nehme mir die Freiheit, deshalb auf das
neulich öffentlich gefällte Urtheil eines competenten
Sachkenners gehorsamst zu verweisen: Wachlers
Handbuch der Geschichte der Litteratur. Frankf.
1824. Theil 3 pag. 74."
Die hierzu notirte Resolution des O.'H.'M.-Ämts vom
27. Aug. 1825 lautet:
„ad 3 bleibt es bey den auf allerhöchste Befehle
gegründeten Verfügungen des Oberhofinarschallamts.*
y Google
122 I^' J» Grimm, Mitglied d. Censur-Commission.
Weiteres in dieser Angelegenheit weisen die Acteun
nicht auf, auch die übrigen Berichte J. Grimms, welche
im Jahre 1827 übrigens völlig außiören und durch
solche Völkeis ersetjd werden, sind rein formaler Art.
Es scheint als wären die Beziehungen Grimms zum
0,-H.-M,-A. friedlichere geworden, namentlich seit nidit
mehr Hoffmann sondern v. Canitz das Beferat über
die Bibliotheksangelegenheiten besorgte,
Bemerken will ich hier noch, dass von Jac. Grimms
Thätigkeit aus der Zeit, in der er Bibliothekar Jeröme^s
war, nur ein kleines Actenstück auf hiesigem Staats-
archiv erhalten ist, ein 85 Nummern umfassendes
»Resume des livres qui se trouvent doubles dans la
bibliotheque de S. M.*
IT. Acten über Jacob Grimm als Mitglied der
Censur-Commission.
Die Acten der Censur-Commission sir^ bis 1830
sehr unvollständig erhalten und beginnt das „Selecta*^
betitelte Fascikel erst mit 1820. Die Mitglieder der
Commission waren damals ausser J, Grimm: der
Generalsuperintendent Dr. Justus Philipp Bommel und
der BibliothekS' und Museumsdirector Volk eh Nach
dem Tode des letztern und dem Ausscheiden Grimms
und Bommels, wurden 1830 neu ernannt: Archivdirector
Dr. Chr. v. Bommel, der anstatt J. Grimms in Völkeis
Stelle eingerückt war, und Dr. Karl Chr. Sigism. Bern-
hardi, der an Stelle J. Grimms getretene Bibliotliekar
bei der Museums-Bibliothek.
y Google
rV. J. Grimra, Mitglied d. Censar-Commission. 123
1) Die ersten erhaltenen Verhandlungen der Censur-
Conmission datiren vom 15. u. J^3, Od, 1820 und be-
treffen einen von ihr zu erstattenden Bericht sowie eine
Erwiderung auf eine Regierungsverfügnng über die ohne
Erlaubniss der Commission gedruckte Flugschrift des
Dr. jur. Schaumann in Giessen: »Die rechtlichen
Verhältnisse des legitimen Fürsten, des Usurpators
u. des unterjochten Volkes.** Die Schrift war direkt
vom Kurfürsten gebilligt worden. Beide Schriftstücke
sind von J. Grimm concipirt, doch ist das letztere, da
die andern Com.-Mitglieder für Stillschweigen stimmten^
nicht abgesandt. Ich unterlasse sie mittzutheilen, da sie
kein allgemeines Interesse bieten.
Weitere Verhandlungen sind:
2) In Sachen d. Rheinprovinzen von Gör res.
Stuttg. bei Metzler 1822. Völkel beantragte bei dem
Minister d. ausw. Angelegenheiten anzufragen, wie es
dam it gehalten werden soll. Bommel trat bei. Grimms
Votum vom 12. Febr. 1822 lautet:
„Dieser Abstimmung vermag ich nicht beizu-
treten. 1) dasz die befragte Schrift schon hier cir-
culirt, ist wie auch Hr. Dir. Völkel andeutet, für
uns gleichgültig ; wir können blosz inländischen Buch-
händlern den Verkauf von Schriften verbieten, aber
niemanden wehren, sie aus dem Auslande zu beziehen
und zu lesen. Dasz in dieser Hinsicht unser Wirkungs-
kreis ganz illusorisch sey und höchstens inländische
Buchhändler beeinträchtige, hat die Commission gleich
bei ihrer Constituirung pflichtmäszig vorgestellt.
2) Das Verbot der befragten Schrift scheint mir
inconsequent, da die ungleich stärkere Äuszerungen
Digitized by VjOOQ IC
124 IV. J. Grimm, Mitglied d. Censur-Commission.
enthaltende Schrift desselben Verf. und Verlegers:
„Europa u. die Revolution 1821" nicht untersagt,
vielmehr damahls unanstöszig befunden worden ist-
3) Auch an sich betrachtet kann die vorliegende
Schrift meines Erachtens ruhig passiren. Sträflich
sind demagogische, die bestehende Verfaszung ver-
giftende u. beleidigende Werke; nicht solche, die
mit Freimuth und nothgedrungen Gebrechen einzelner
Regierungen aufdecken, in dem keine Regierimg
vollkommen seyn kann. Den Satz: 'keinen Tadel
fremder Reg. zu dulden' finde ich weder in der
Censurinstruction von 1816 noch in dem späteren
Bundesgesetz (Völkel hatte von einem dies be-
sagenden Edict gesprochen). Jene untersagt § 1
Schriften 'wodurch die guten Verhältnisse mit aus-
wärtigen Staaten beeinträchtigt werden'; kein Staat
wird aber dem andern Verletzung des guten Ver-
hältn. vorwerfen, welcher eine Schrift circuliren
lässt, die jener höchsteus selbst aus Gründen, die
ihn allein angehen, in seinem Lande verbieten
würde. Es kann z. B. angemeszen seyn, dasz
hiesige Behörden einen Tadel unserer Einrichtungen
verhindern, wie gewisse Dinge, ins Gesicht gesagt,
die Würde verletzen, durch einen Dritten oder
Vierten hingegen zur Sprache gebracht werden
mögen; in Preuszen, Baiern etc. würde jener Tadel
laut werden dürfen, wenn er nur selbst anständig
ausgesprochen wäre.
Es ist meine Überzeugung, dasz vorliegende
Schrift ungehindert in ganz Deutschland (Preuszen
und höchstens Oesterreich abgerechnet, in jenem, wegen
y Google
IV. J. Grimm, Mitglied d. Censur-Commission. 125
der nähern Beziehung, in diesem wegen der überstrengen
Censur) umläuft; warum wollen wir auf Kurhessen
den Schein einer Uliberalität laden? Unterläszt
Preuszen, am Bundestag wider den Druck der Schrift
bei Würteraberg zu protestiren, so willigt es tacite
in ihren Vertrieb auszerhalb seiner Staaten ein.
4) es ist nicht bekannt, dasz Eurhessen zu
Preuszen in näherer Verbindung stehe, als zu einem
der übrigen Bundesstaaten ; wenigstens nicht ofGciell
und keine Behörde darf auf andere Rücksichten
achten. Wollte ich auf unofficielle Gefühle achten,
so würde ich meinestheils keine besondere Neigung
empfinden, in diesem Augenblicke einem Staat be-
sondere Zartheit angedeihen zu laszen, der die be-
kannte bernburg-bonner Geschichte mit aller
Unschonung gegen Kurhessen betreibt und unter
seinem Einfiusze anstöszige Artikel in Zeitungen
erscheinen läszt.
5) gegen die vorgeschlagene Aufrage beim Mi-
nister der auswärt. Angel, habe ich, dasz die von
dem höchstseel. Kurfürsten nur von Ihm selbst
abhängig gestiftete Censur-Comm. durch die neue
Staatsorganisation keiner andern Ober[be]hörde
unterworfen worden ist, vielmehr in dem ganzen
Edict ihrer gar keine Erwähnimg geschieht. Jeden-
falls scheint sie eher der Regienmg oder dem Mi-
nister des Innern zuzufallen. Der Min. der aus-
wärtigen Angel, wird die befr. Schrift weder an-
stösziger noch unanstösziger finden, als die Censur*
Conmiission selbst und da, wenn zwei Behörden über
einen solchen Gegenstand correspondieren, das Ver-
y Google
426 IV. J. Grimm, Mitglied d. Censur-Commission.
dammungsurtheil leichter gesprochen zu werden
pflegt, so würde uns die empfangene Resolution
wiederum für folgende Fälle noch ängstlicher
machen.
6) ohne Bezug auf den fragl. oder irgend einen
besondern Fall läge uns vielleicht näher, immittel-
bar Allerh. Orts vorzustellen: dasz die Comm. sich
für aufgehoben erachten müsze, weil ihrer in dem
Org. edict nirgends Meldung geschehe ; dasz wahr-
scheinlich hierbei höhere Einsicht in die Unwirk-
samkeit des Censurwesens , wie es dermalen ange-
ordnet ist vorwalte. Diese Unwirksamkeit wäre
alsdann zu erörtern und der Antrag zu machen:
Censur blosz für die im Land gedruckt werdenden
Sachen zu verordnen, dagegen den Debit der in
anderen Bundesstaaten, voraussetzlich mit deren
Censur gedruckten Bücher frei zu laszen, wobei
vielleicht nur solche, in denen sich Äuszerungen
über Kurhessen befinden auszunehmen seyn dürften.
Grimm.«
Völkel trat diesem Votum entgegen ^ und wurde
auf Bommels Antrag an den Minister des Innern
berichtet aber das Sachdienlichet aus Grimms Votum
dabei mit angedeutet.
3) Gutachten Grimms vom 14. Dec. 1822:
„Beifolgende Schrift von Qörres über den
Congress zu Verona ('Die heil. Allianz u. die Völker
auf d. Congr. zu V.^) scheint mir passiren zu können.
Sie ist in der bekannten Sturm und Drangvollen
Manier des Autors abgefaszt und stellt die ver-
y Google
IV. J. Grimm, Mitglied d. Censur-Commission. 127
schiedenen Ansichten der Zeit grell, doch freimüthig
gegen einander. In Würtemberg soll zwar ein
Verbot erfolgt seyn, vermuthlich aber aus eigenen
Gründen (etwa wegen S. 82), welche auf unser Land
nicht anwendbar sind. Auch die andere Flugschrift
von Tschirner über eine deutsche Revolution ('Die
Gefahr einer deutschen Revolution betrachtet' etc.)
scheint unbedenklich.**
Auf Völkeis Gutachten, dem Bommel beitrat,
wurde Görres' Schrift verboten.
4) Über Zeitgenossen. Neue Reihe no. X. Leipzig
Brockhaus 1822 (darin: 'Wilhelm L, Kurfürst von
Hessen').
J. Grimms Gutachten lautet:
„Nach dem neulichen Präjudiz, welches die
Flugschrift über den Congresz zu Verona verdammt
hat, muss Unterzeichneter für das Verbot dieser
Biographie stimmen. Sie enthält scharfe Aussprüche
über den Character des Höchstseel. Kurfürsten (zu-
mahl S. 23. 25. 26. 27. 30. 41) und würde bei dessen
Lebzeiten alsogleich verboten worden sein. Die
Gründe warum es geschehen wäre, dauern nach
seinem Tode fort. S. 33 unter sehr richtigen Be-
merkungen über das Hess. Censurwesen liefert auch
die unrichtige : dasz ein censirendes Personal abgehe.
Wir wiszen leider seit manchen Jahren, dasz wir
auf ein so trauriges und eiteles Geschäft Zeit ver-
wenden. Unterzeichneter hat seit Erscheinimg des
Bundes Preszgesetzes dafür gehalten, dasz dieses
fortan die einzige Norm und die ältere blosz auf
Kurhessen bezügliche Instruction dadurch aufgehoben
y Google
128 IV. J. Grimm, Mitglied d. Censur-Oommission.
sey. Er hat darum auch mehrere Schriften passiren
laszen, welche nach letzterer Instruction verurtheil-
bar gewesen wären. Seine verehrten Herrn CoUegen
scheinen nach dem neulichen (hier vdeder angelegten
voto) anderer Meinung; ihre Stimmenmehrheit ent-
scheidet, folgerichtig musz aber dann auch die
gegenwärtige Biographie verboten werden. Das
Bundestagsgesetz läszt sowohl die Schrift von
Görres, als die vorliegende zu. s. m. den 13. Jan.
1823. Grimm.«
Im Schlvssvotum , in welchem er dcLS erfolgte Verbot
constcUirt, fügt Grimm noch hinzu :
„Die beigefügte Nota der Dieterichschen Buch-
handlung bewährt die Richtigkeit meiner im voto
aufgestellten Ansicht, dasz andere Bundesstaaten,
welche sich blosz an das Bundespreszgesetz halten,
die befragte Schrift über die heil. Allianz nicht
verboten haben. Grimm.*
5) Aufforderung des Ministeriums des Innern vom
J28. Juli 1823 an die Censur-Commission eine Dienst-
Vorschrift für die Kreisräthe hinsichtlich der ihnen
mittelst Verordnung vom 29. Juni 1821 auferlegten
Aufsicht über die Leihbibliotheken zu entwerfen^
Völkel stellt einen solchen Entwurf auf. Grimm
votirt dazu [am 3. 8, 23]:
„Ehe mir vorstehende Abstimmung zukam, hatte
ich schon meine Gedanken über die Sache aufgesetzt,
welche ich, wenn sie auch nicht passend erscheinen
sollten, mittheile. Sie gehen davon aus, dasz eine-
y Google
rV. J. Grimm, Mitglied d. Cenrar-Commission. 129
Aufsicht über die Bibliotheken der Censur-Commission
fremd sey, der Ereisrath aber auch nicht tauge, eine
solche mit wirklichem Nutzen auszuüben. Es
ist beszer, dasz der Staat solche Institute dulde, als
sich einmische; er unterdrücke nur notorischen
Scandal. Die Ministerialresolution fordert freilich
nicht unsere Meinung von der Sache selbst, son-
dern einen Reglementsentwurf für das, was bereits
gut befunden scheint. Indessen nützt vielleicht eine
offene Sprache, damit etwas XJnnöthiges uneingeführt
bleibt. Der Mensch läszt sich yon einer Regienmgs-
behörde nicht gern vorschreiben, was er lesen und
nicht lesen soll; gute Bücher finden sich in allen
Leihbibliotheken, rentiren sich aber inmier schlecht.
Weit nützlicher würde noch die Aufsicht über solche
Dinge in die Hände der geistlichen Obrigkeit, welche
sich mehr langsamer und moralisch wirkender Mittel
bedienen kann, (auch hat der Prediger einer Land-
stadt in der Regel mehr literarischen Tact als der
Kreisrath) gelegt werden, s. m. Grimm.* —
Der beigelegte Berichtsentwurf Qrinm's lautet:
«Meines Erachtens kommt es darauf an, damit
nicht der Censur-Com. auch noch Aufsicht über die
Leih- und Lesebibliotheken aufgebürdet werde, den
ganz verschiedenen Zweck des rein politischen Cen-
suramts und der rein sittlichen Lesebibl.-polizei deut-
lich vorzustellen und dürfte ungefähr, wie nachsteht
zu berichten seyn: Unterzeichnete Behörde, seit und
vermöge ihrer Errichtung , hat nie das geringste
mit den hier, noch weniger den sonst im Lande be-
findlichen Leih- und Lesebibliotheken zu thun gehabt.
E. SteogeL Acten der Brüder Grimm. 9
Digitized by VjOOQ IC
130 I^* ^' Grimm, Mitglied d. Censur-Commission.
Diese sind, gleich den Zeitungen und Wochenblättern,
zuweilen besonderer, zuweilen gar keiner Aufsicht
oder nur im Allgemeinen der Polizeigewalt unter-
worfen gewesen. Der Nachtheil, welchen Lese-
bibliotheken stiften können liegt in so weit gänzlich
auszer dem Gesichtspunkt der Censur-Commission.
Censuranstalten in protestantischen Ländern wurden
zuerst in den bewegten Zeiten der franz. Revolution
für gut gefunden, unter der eingreifenden Napoleoni-
schen Verwaltung allerwärts ausgebildet, in Deutsch-
land aber seit dem letzten Pariser Frieden und den
Beschlüssen der Bundesversammlung förmlich errichtet.
Die Regierungen wollen dadurch den Druck und die
Verbreitung freier und ausgelaszener Meinungen über
Gebrechen der Staatsverfaszung hemmen, den ge-
fürchteten schädlichen Einflusz derselben plötzlich
ersticken. Religion und gute Sitten pflegen zwar
nebenbei genannt zu werden, scheinen aber in der
That blosz prätextirt. Besprechungen religiöser
Gegenstände zu verhindern, sogar von halb oder
ganz weltlichen Behörden verhindern zu laszen,
vdderstreitet dem protestantischen Lehrbegriffe.
Gotteslästerliche und unzüchtige Bücher sind in der
deutschen Literatur unerhört oder doch so selten,
dasz sie ohne Dazwischentritt einer Staatsgewalt die
allgemeine öffentliche Verachtung ächten würde.
Der Zweck des Censuramts ist demnach rein
politisch.
Leihbibliotheken hingegen sind .politisch ge-
nommen ungefährlich. Das Volk holt sich aus
ihnen weder öffentliche Flugschriften, noch neue
y Google
rV. J. Grimm, Mitglied d. Censur-Commission. 131
Zeitungen, sondern eine ungeheure Masse von Romanen
und Schauspielen. Emst-wiszenschaftliche und ge^
schichtliche Werke figuriren höchstens in den Cata-
logen, bleiben aber im Durchschnitt ungelesen. Die
von den Censoren verbotenen Werke hätten ihren
Weg in die Leihbibliotheken ohnehin nicht gefunden.
Ohne den Schaden, der durch solche Leihbiblio-
theken unter dem Volk gestiftet wird, zu verkennen,
sieht unterzeichnete Behörde nicht ab, durch welche
Mittel der Regierung diesem Übel gesteuert und
kraftig begegnet werden könne.
Man kann behaupten, dasz das Bestehen der
Lesebibliotheken im Oanzen, und sollten sie kein
an sich verdammliches Buch enthalten, weit gefahr-
licher sey, als das gefahrlichste Buch, das sich in
ihnen befinden dürfte. Allein sie sind ein Übel der
Zeit, das aus anderen Yortheilen der Zeit herflieszt
und sich nur durch eine innere, sittliche Verbesserung
• der Menschen, nicht durch die äuszere Macht der
Regierung aufheben läszt. Will jemand seine Zeit
an das erschlaffende Lesen fader Bücher wenden,
wer kann es ihm wehren? gesundere Speise verträgt
er vielleicht nicht einmahl.
Der Staat wird also Lesebibliotheken überhaupt
toleriren müssen und sich darauf beschränken, einzelne
mehr oder weniger schlüpfrige und unsittliche
Schriften aus der Girculation zu setzen. Doch selbst
dieses letztere ist sehr schwer und von der Behörde
des Kreisamts am schwierigsten zu erreichen. Die
Menge der Romane und Schauspiele ist so ansehn-
lich, die Leetüre der meisten so widerlich und müh-
Digitized by VjOOQ IC
132 IV' J- Grimm, Mitglied d. Censur-Commission.
sam, dasz es schon f&r den bloszen Literator eine
Last wird, sich mit solchen Büchern obenhin, ge-
schweige genauer bekannt zu machen. Die Grund-
sätze, welche über die Unsittlichkeit eines Buches
zu entscheiden hätten, sind sodann der Natur der
Sache nach unbestimmt und schwankend und es
würde von der Einsicht, Stimmung und Laune des
einzelnen Beurtheilers abhängen, eine unschuldige
Schrift zu verdammen, eine andere schädliche zu
zu erlauben. Unter den Ereisräthen dürfte vielleicht
kein einziger dem Geschäft gewachsen seyn, noch
weniger seine Untergebenen, denen er es über-
laszen müste. Dasz sie die mit jeder Messe wachsende
Zahl neuer Unterhaltungsschriften durchlesen und
gehörig beurtheilen werden, steht folglich gar nicht
zu erwarten. Eine allgemeine Centralbehörde die
fOr das ganze Land sich diesem Ausscheidungs-
geschäft unterzöge, wird, wo nicht unausfQhrbar,
doch ganz unrathsam seyn. Denn die Gründung
einer solchen Anstalt, die damit verbundene Mühe,
Schreiberei, die daraus entspringenden Kosten müszen
mit dem geringen Yortheil, den sie leisten kann,
auszer allem Verhältnis stehen.
Unter diesen Umständen scheinen uns höchstens
folgende dem Kreisamt zu ertheilende Vorschriften
zweckmäszig und von einigem practischen Werth:
1) die Anlegung neuer Leihbibliotheken zu erschweren
und in kleinen Landstädten ganz zu untersi^en.
2) den Buchhändlern und Unternehmern der Leih-
bibliotheken die Aufiiahme jedes unsittlichen Buchs
bei Strafe der Gonfiscation und daneben beliebiger
y Google
lY. J. Chrimin, Mitglied d. Censnr-Commission. 133
Geldstrafe zu verbieten. Buchhändler pflegen solche
Bücher am ersten zu erkennen und würden sich am
leichtesten vor Übertretungen hüten. Einzelne
Straffälle bleiben dem Ermessen des Ereisraths füg-
lich überlassen. 3) sich die Yerzeichnisze und deren
Fortsetzungen zur Genehmigung vorlegen zu lassen*
Auch diese Vorschrift ist nicht durchgreifend, wird
aber theils den Besitzer der Leihbibl. abschrecken
ihm bekannte, verdächtige Bücher au&unehmen,
theils dem Ereisrath Gelegenheit geben, notorisch
schlechte Artikel zu streichen, oder ihm bedenklich
scheinende vorbei* zu prüfen, s. m. Grimm.'
Nicht dieser sondern ein neuer BerichUentumrf von
Völhel wurde abgesandt.
6) 'Castro Lamengo von Egloffstein.
Hof buchhändler Luckhard.'
,Da dieser Roman Thaten von Räubern imd
Aufruhrern gegen die spanische Regierung in Schutz
nimmt imd mehrere anstöszige Stellen enthält so
bin ich der Meinung, ihm das Impr. zu verweigern.
8. m. Grimm 16 Sept.* Das Verbat wurde erlassen.
7) 'Darstellung der Denkwürdigkeiten europäischer
Weltereignisze. Memmingen 1823 bei Christoph
Müller.' Bammel findä nichts anstösaiges darin und
lüiU danach berichten. —
„acc. Grimm, doch könnte vielleicht bemerkt
werden, wiewohl dem Vertrieb dieser weitläufigen,
mittelmäszigen, die sogenannte liberale Ansicht der
franz. Revolution begünstigenden Compilation censur-
mäszig nichts entgegenstehe, so dürfte es doch aus
Ghründen einer guten Landespolizei angemeszen
y Google
134 IV. J. Grimm, Mitglied d. Censxir-Commission.
scheinen, zu verhindern, dasz eine Masse dieses
Products im Lande abgesetzt werde. Der Supplicant
hat nicht näher belegt, welche Behörde ihm das
Subscribentensammeln erlaubt hat. Solche Muster-
reiter obscurer Buchhandlungen, wie die Müllersche
in Memmingen ist, verdienen auf keinen Fall Be-
günstigung.''
8) V. Hom: Über die Verschwönmg gegen des
Kurfürsten Königl. Höh. Bericht darüiber an cUis
Ministerium des Innern von Grimm concipirt und von
Bommel und Völkel genehmigt:
„Es ist uns eine im Auslande gedruckte Flug-
schrift über etc. v. Johan v. Hom zugekommen,
welche sich verschiedene Details theils über die
Sache selbst theils über das von der Polizei sowie
von der zur Untersuchung der ausgestoszenen
Drohungen verordneten Kurf. Commission eingeleitete
Verfahren öffentlich zu machen erlaubt. Da wir
nun nicht unterrichtet sind in wie weit die von ge-
dachten Autor wiederholentlich geäuszerte Behaup-
tung, dasz er mit Vorwissen der Kurförstl. Behörden
seine Schrift herausgebe, in der Wahrheit gegründet
sey, so sehen wir uns genöthigt, für diesen in der
Censurordnung unvorhergesehenen Fall, bei Kurf.
Ministerio hierdurch gehorsamst anzufragen, ob es
der Allerhöchsten Intention gemäsz sey, den Verkauf
der Homischen Schrift hier im Lande zuzugeben
oder zu untersagen? ... 19. April 1824." J)uröh
Verfügung vom J21. April wurde die Schrifl untersagt.
9) 'Der Sturm von Missolunghi. Hersfeld Rull-
mannsche Buchhandlung'.
y Google
IV. J. Grimm, Mitglied d. Censor-Commission. 135
»Da wir zu der Formel typum non meretur,
die hier die schicklichste wäre, nicht berechtigt
rind, so wird wohl das Imprimatur zu ertheilen
seyn. s. m. Grimm 30 Juli 1826.*
1 0) 'v. Hom Diplomatischer Bericht über die in Cas-
sel eingelaufenen Drohbriefe. Zerbst bei Kummer 1826/
«Von dem bekannten Hom ist soeben ein neues
Buch, betitelt: . . . erschienen, welches ganz im
Geiste des früheren abgefaszt ist und daher unbedenk-
lich zu verbieten seyn dürfte. Cassel 10 Aug. 1826.
8. m. Grimm.*
acc. Völkel.
11) ^. Thumb: über die schlechten Zeiten.
Hersfeld 1826/
„Enthält einige ziemlich freie Redensarten, doch
habe ich keine unanständige darunter bemerkt, s. m.
15. Aug. 1826 Grimm.«
12) „Der Buchhändler Luckhardt bittet um das
Imprimatur für beifolgende Predigten des Hm. C.
R. Ernst, wobei nicht das geringste Bedenken seyn
wird. Zugleich bittet unterzeichneter seine verehrten
Herrn Collegen, ihm selbst zu gestatten, dasz er
einigen Bogen grammatischen Inhalts das Impr. er-
theilen dürfe. Das Ms. ist schon in der Druckerei,
weil es zufällig damit eilt. Es wird aber demnächst
durch Vorlegung des Impressi den ganz unschuldigen
Inhalt darthun. Cassel 22 juni 1826 Grimm.
13) 'Poetische Versuche'.
„Schmeicheleien haben an sich nichts censur-
widriges, so widrig sie seyn mögen. Ich bin daher
mit Herrn Dir. Völkel einverstanden, dasz der
y Google
136 I^* ^' C^nim, Mitglied d. Censur-Oommission.
Yerfaszer der befragten Gedichte das unangenehme
der Zusammenstellung sich selbst beizumeszen hat,
eben weil er sich doch einmahl zu den, wahrschein-
lich öffentlich recitierten, Liedern hergegeben hat.
Wäre er nicht Autor, oder wären die Gedichte ver-
fälscht, so möchte er es mit dem Verleger oder dem,
auf welchen dieser verweist, auszumachen haben.
Nur eins scheint mir hier bedenklich, um dessen
willen meines Erachtens das Imprimatur zu ver-
weigern ist. Die Zusammenstellung soll den Kreis-
rathSchödde persiflieren, also den obersten Staats-
diener der Verwaltung in dem Orte, wo sich Drucker
und Verleger (Schmalkalden Vamhagensche Verlags-
handl.) befindet. Dies streitet wider die gute Ord-
nung. Der Zusammensteller kann ja leicht in einer
auswärtigen Druckerei seine Absicht erreichen.
Da wir blosz erlauben oder verbieten dürfen,
und uns weder damit abgeben können, Erläuterungen
einzuziehen, noch zu warnen, so schlage ich den
verehrten Herrn CoUegen vor, ob nicht folgendes
an den Vamhagen zu erlaszen seyn möchte: 'Ob-
wohl die zurückgehenden Gedichte an sich nichts
censurwidriges enthalten, und ihr Verfaszer, wenn
Ihm deren Zusammenstellung unlieb wäre, dies mit
dem Verleger oder Zusammensteller hernach auf
anderem Wege auszumachen hätte, so kann jedoch,
weil es auf die Persiflage eines im Amt stehenden
Staatsdieners, der an dem Ort wo der Druck ge-
schehen soll, die oberste Verwaltungsbehörde aus-
macht, abgesehen ist, das nachgesuchte Imprimatur
nicht ertheilt werden.* s. m. 2. Sept. 1826 Grimm'.
y Google
IV. J. Chimm, Mitglied d. Censur-Gommission. 137
Das Imprimatur wurde ohne weitere Mativirung ver-
sagt.
Die sonstigen Verhandlungen der Commission sind
von keinem Interesse.
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Anmerknngen.
Band L
S. 1. Wiffand, Paul, aus Cassel] geb. 1786, besonders
mit Jacob YomLyceum her (hielt allerdings erst am 1.4.1808
seine Valedicentenrede als Schüler d. ü. I.) befreundet, studirte
später zusammen mit den Briidem in Marburg und bewohnte
auch kurze Zeit mit Wilhelm, als Jacob nach Paris gereist war,
ein Zimmer. Am 28. Sept. 1805 bestand er seine Facultätsprüfung.
Er starb als Stadtgenchtsdirector a. D. in Wetzlar 1866. lieber
das Verhältniss der Brüder zu ihm geben zahlreiche Stellen
ihres Briefwechsels aus der Jugendzeit Aufischluss. Die an
ihn gerichteten Briefe der Brüder sind jetzt in den Besitz
der Kasseler Landesbibliothek übergegangen, deren zeitiger
Vorstand Herr Dr. A. Duncker sie demnächst zu publiciren
gedenkt. Er war so freundlich, mir die unter Nr. 1—3 mit-
getheilten Auszüge zukommen zu lassen, ebenso auch einen
Abzug seines im Casseler Tageblatt u. Anzeiger 1885 no.l — 4
abgedruckten Aufsatzes : r Jacob u. Wilhelm Gr. in den Jahren
1812 — 15», welchem no. 4 — 8 meiner Sammlung entnommen
ist. Ein Auszug eines weiteren Briefes von Jacob steht in
desselben Gelehrten Aufsatz: «Aus den JugencMahren der
Brüder Grimm** in der Deutschen Bundschau 1885, Januar-
heft.
S. 1. M a r b u r g.] Nach dem handschrifbl. Verzeichniss der
von Ostern bis Michaelis 1802 in Marburg Studierenden (die
Verzeichnisse der folgenden Semester sind, scheint es ver^
loren) wurde Jacob Gr. am 30. April 1802 als Jurist ein-
geschrieben (sein Lvcoalzeugniss nat A. Reifferscheid in
Xacher's Zeitschrift f. deutsche Philologie VT, 103 mitgetheüt ;
ältere ürtheile seiner Lehrer in Cassel s. Anm. zu S. 84)
und wohnte no. 89 bei Kaufmann Heckmann. Es ist dies
das zur Zeit Herrn Sattlermeister Heuser gehörige Haus
Barfüsserstrasse no. 35. Später Ostern 1803 (vgl. Anm. zu
y Google
\
Anmerkungen zu B. I. S. 1. 139
n S. 1) zog Wilhelm Gr. zu dem Bruder. Als aber Jacob
1805 Savigny nach Paris begleitete, siedelte Wilhelm in das
Haus no. 149 zu A. Rudolph über (schwerlich haben beide
Bräder hier gewohnt, 1802 wohnte da dem Studentenver-
zeichniss nach ein Hanauer Landsmann Wilhelm Schraidt,
der Cameralwissenschaften studierte und Wilhelm beschreibt
Jacob im Briefwechsel aus d. Jugendzeit S. 46 die Wohnung :
»Das Bett steht wie beim Schraidt/ Vgl. ib. S. 43) und
wohnte hier kurze Zeit mit Wigand zusammen. Daraus
erklärt sich , dass die Tradition beide Brüder nur hier
wohnen Hess. Das Haus no. 149 ist übrigens jetzt = Wendel-
gasse no. 4 (zuvor hatte es no. 144). Das erwähnte
Studentenverzeichniss fQhrt noch folgende Namen an, die
im Briefwechsel aus d. Jugendzeit wiederkehren: Bang,
Daniel, aus Gossfelden, Theol., ein Bruder des Freundes der
Brüder , der , scheint es, frühzeitig starb. — Bentheim,
Erbgraf Alexis B. Steinfurt, studierte Jura und kaufte Wilh.
Gr. Collegienhefte ab, vgl. S. 8 u. 13 der Br. aus d. Jugend-
zeit. — Bucher, Carl Franz Ferd., aus Rinteln, wohnte
bei Prof. Bucher. — Dehnhard, Fried. Wilh., aus Braun-
fels, Theol. =? Briefw. 43, 131, 223 etc. — Grosse, Rein-
hard, aus Eschwege = ? ib. 49. — Koch, Christian, aus
Sterbfrig im Schwarzenf., oder K., Friedr. Wilh. aus Singlis =
ib. S. 40. — Laroche, Joh. David Aug., aus Basel = ib.
231. — Lotz, Phil. Friedr. Carl, aus Borken, Jur. = den
hier mehr erwähnten vgl. Anm. z. S. 202. — Malsburg,
Friedr. Ernst v. d., aus Eschen berg, Jur., wohnte bei Prof.
Bauer, vgl. Anm. zuS. 231. — Müller, Beruh. Hyeronim.,
aus Caldem in Hessen, Jur. = Briefw. a. d. J. 61, 64. — M u r -
hard, Beruh. Ana. aus Roth in Oberhessen, Jur. = ib. 84
etc. — Reinhard, Carl Friedr., aus Carlsruhe, Jur. = ib.
312, 444. — Schlarbaum, Christ. Adolph aus Berlenburg,
Jur. =r ib. 65 (fälschlich ist „Schlarbanin* gedruckt). —
W alper, Just. Dan., aus Eiterhagen in Hessen, Theol. =
ib. 55. — Wan^emann, Carl Phil. Theod.. aus Neu-
kirchen, Jur. = ib. 40. — Zimmermann, Christ., aus
Marburg, Baukunst, wohnte bei Weinwirth Zimmermann
= ib. & ff.
Im Sept. 1814 auf der Durchreise nach Wien besuchte
J. Gr. seinen Philister Heckmann und stieg in der Post, dem
heutigen Schwanenhof, ab. (vgl. Briefw. S. 347). Ebenso war
er schon am 1. Jan. 1814 durch Marburg gekommen und
war ihm da nur aufgefallen, dass »jetzt Laternen brennen«
(S. 212), obwohl es ihm immer noch «inwendig so dorf-
mässig* vorkam (S. 216). Längere Zeit scheint J. überhaupt
nie mehr in Marburg verweilt zu haben, doch ist er noch
y Google
140 Anmerkungen zu B. I S. 1—4.
öfters durchgekommen, so 1817 (vgl. oben S. 36 n. 39) nnd
1823 (vgl. oben S. 226), 1831 (Germ. XIII, 375). Von der
Studentenzeit her behielt er aber das Bild von Marburg fest
im Gedächtniss. Das beweist die so oft citirte Stelle ans
seiner 1850 geschriebenen Glückwunschschrift zu Savigny*8
Jubiläum {Ki. der I. 115), sowie seine Autobiographie von
1830 bei Justi u. oben S. 109. — Auch Wilhelm kam, nachdem
er hier 1806 eine Prüfung abgelegt hatte (vgl. Anm. zu IL
S. 1. J. hatte sich nicht prüfen lassen vgl. Anm. z. S. 109),
erst 1815 wieder nach Marburg (vgl. oben S* 27), später öfter,
namentlich zuSuabedissen(vgl.obenS.69,89, 119,222, 258, 264,
275, Anm. z. 241). Während seiner Studien war W. nur einmal
nach Gossfelden gewandert (vgl. S. 27). Längere Zeit war er
1853 in Marburg. Seine Frau war hier erkrankt Sie wohnten
damals bei der Nichte von Dortchen, bei der Frau Oberst-
lieutenant Wegner im Klöfäer'schen Haus an der Schlosa-
treppe. (Vgl. Brief an Dahlmann vom 28. Juli 1858.) Auch
W. behielt Marburg in treuer und lieber Erinnerung (vgl.
oben S 210). So dachten denn auch die Brüder 1838 nach
ihrer Vertreibung aus Göttingen allen Ernstes daran nach
Marburg überzusiedeln — vgl. Freundesbr. 152, Briefw. mit
V. Meusebach S. 265, mit Dahlmann S. 137 f. Dass auch
von Marburg aus nichts versäumt wurde, beweist ihre Ehren-
promotion T'^gl. Anm. zu S. 46] und der zu ihren Gunsten
vom Vertreter der Universität in der Ständekammer ge-
stellte, von der Regierung aber zurückgewiesene Antiag,
über welchen man Duncker .Die Brüder Grimm' S. 89
nachlese — und schon 1831 kam ihnen ein ähnlicher Ge-
danke (vgl. oben S. 117 , Bang dachte schon 1817 daran ;
vgl. Anm. zu S. 33 no. 28).
S. 3 no. 4. Ein braves Volk wie wir Hessen
sind] vgl. W. Gr. an Görres v. 30. Jan. 1815 (Gesammelte
Br. U 453).
S. 4 no. 6 u. 8] vgl. U. S. 3 ff.).
S. 4 no. 7. Görres, Joseph.] Ueber die Beziehungen
der Brüder zu ihm s. Briefw. d. Frh. v. Meusebach m. L u.
W. Grimm S. 302 Anm.* Ihre Briefe an ihn stehen in
Görres Gesammelte Briefe II — III. hrsg. v. Binder, München
1874. — Eine ähnliche Aeusserung über den rhein. Merkur
von J. Gr. an Tydeman v. 5. Mai 1815 s. Briefe an T. S.54;
vgl. femer hier Anm. zu S. 146.
S. 4 no. 9.] Vgl. Jac. Gr.'s Selbstbio^phie : «Ich stand
doch noch gut angeschrieben* etc. sowie seinen Brief an
W. V. 21. Oct 1815 aus Paris (S. 478), vgl. femer Brief W/s
an J. in Wien v. 12. Nov. 1814 (S. 384) u. J.'s Antwort v.
y Google
Anmerkiuigen zn B. I S. 4 — 5. 141
23. Nov. (S. 387). — Die Gesuche unter no. 9—12 waren
bereits gedruckt, als mir das übrige Actenmaterial bekannt
wurde, sie würden sonst mit diesem im zweiten Bande ver-
einigt worden sein. — Auf J. Qrimm's Gesuch ist folgendes
gnädigste Rescript (enthalten in dem Acten-Fascikel B. K. IV.
no. 1 den Legationssecretar Grimm betreffend) an ihn ergangen :
«Nachdem Wir den vorhin bey ünserm Kriegs Collegio ge-
standenen Secretariats-Accessisten Jacob Ludwig Carl Grimm
Unserm Geheimen Staats Minister und ausserordentlichen
Gesandten bei den Allerhöchst- verbfindeten Mächten, Grafen
von Keller, als Gesandtschafts-Secretair ^ädigst beigeordnet
haben; So hat Unser gedachter Geheimer Staats-Minister,
denselben in dieser Eigenschaft xu den Geschäften zu ad-
hibiren , er Legations Secretair Grimm aber sich sofort an
den Ort des Aufenthalts Desselben zu begeben , und denen
ihm aufgetragen werdenden Arbeiten und Geschäften, mit
Pünctlichkeit, Verschwiegenheit und Treue sich zu unter-
ziehen. Cassel den 23. December 1813.* Gleichzeitig er-
folgte gnädigster Befehl an dieO. Rent-Cammer und das 2te
Depart des Kriegs CoUegii, wonach ihm vom 1. Jan. k. J.
an ein monatlicher Gehalt von Zwanzig fünf «^, mithin
läbrlich Dreyhundert «^ während dieser Mission gnädigst
bewilligt sei. Damit ist ein im selben Personalacten-Fascikel
liegender „Extract Auswärtigen Protokolls : Cassel den 15. Sept.
1815. Die dem Legations Secretair Grimm durch allerhöchstes
Rescript vom 23. Decbr. 1813 verordnete Besoldung von
Sechshundert .^, halb aus der Kriegs- und halb aus der
Cammer-Casse , betr.: Resol. Ist solche demselben bis auf
anderweite Verordnung fernerhin auszuzahlen.* zu ver-
gleichen. Gr. erhielt aemnach aus jeder der zwei oben er-
wähnten Cassen 300 Thlr. Gehalt.
S. 5. Vormals Kriegsecretar.] vgL darüber J.'s
Angabe in der Autobiographie bei Justi S. 154. In den
Acten des Kriegskollegiums hat sich seine Eingabe um An-
stellung nicht erhalten, nur im Kriegszahlamts-Manual von
1806 Bd. II S. 620 findet sich folgender Eintrag: »Der
Secretariats-Accessist Grimm soll laut höchsten Rescript v.
16. Jan. ä l»o Febr. monatl. holz 8'/» Thlr. empfangen.*
und sind nach den ffemachten Vermerken J. Gr. auch that-
sächlich 11 Monate (am 1. Nov. zugleich mit iür den 1. Dec.)
ausbezahlt worden. Im Januar 1856 gratulirten die Casseler
Bibliothekare Jac. Grimm zu seinem 50jährigen Dienst-
1'ubiläum und er erwiderte darauf mit einem freundlichen
Jrief aus welchem A. Dunker „Die Brüder Grimm" S. 112
eine Stelle mittheilt. (Das Original ist in der Casseler
Landesbibliothek.)
y Google
142 Anmerknngen zu B. I S. 5.
S. 5 no. 10.] Auf Grimm's Vorstellung ist als Aller-
höchste Resolution verzeichnet : ^Wilhelmshöhe d. 16. Ang.
1815. Ponator ad acta." ~ Das Beschwerdeschreiben von
Georg Ferdinand v. Lepel, dat. Caszel d. 12. Aug. 1815,
lautet: ,£w. Königliche Hoheit haben Allergnftdigst Selbst
bemerkt, und ich kann nicht umhin es zu bestätigen , dasz
der Legations Secretär Grimm seine Dienstgeschäfte keines-
wegs mit dem Eifer und der Accuratesse verrichtet habe,
als billig von ihm zu erwarten war. Kurz vor meiner Ab-
reise von Wien sah ich mich genöthigt ihm deshalb einen
derben Verweis zu ertheilen und jetzt bin ich sogar in dem Falle,
Allerhöchst-Denenselben eine beschwerende Anzeige thun zu
müssen. — Wie nothwendig es sey, dasz alle allerhöchsten Orte
eingeschickten Berichts Beilagen auch zu den Acten geschrieben
werden, und dasz die Besorgung dieser Abschriften zum
Amt eines Legations Secretärs gehöre, bedarf wohl keines
Beweises. Aus den Manual-Acten der Congresz Gesandt-
schaft, welche Graf Keller mitbringt, wird sich ergeben,
wie viele Berichts Beilagen fehlen. Die nächste Ver-
anlassung meiner Beschwerde sind jedoch die Protocolle der
letzten Conferenzen über die deutsche Constitution. In wie
fern es thunlich gewesen wäre, sie zu den Acten zu schreiben,
will ich dahin gestellt seyn lassen. Es gab damals der
Schreibereyen viel, und deswegen bestana ich nicht auf
doppelter Ausfertigung der Protocolle sammt Beylagen, da-
gegen gab ich ihm gemessenst auf, wenigstens für ein voll-
ständiges Exemplar der Protocolle, nocn während seines
Aufenthalts in Wien Sorge zu tragen ; und er versprach
mir, solches zu thun. Bey genauer Durchsicht der theils
mir überlieferten, theils nach meiner Abreise hieher ge-
schickten Protocolls Beylagen, fand ich indessen nicht nur
dasz er das Verzeichnisz der Beylagen nachlässig verfertigt,
und bey der 3ten 7ten und lOten Conferenz. Beylagen auf-
zuführen unterlassen habe, sondern auch dass ausser diesen,
von denen von ihm bezeichneten Mehrere fehlen. [Dieselben
sind aber in dem betreffenden Actenfascikel alle vorhanden
und scheinen nicht erst nachträglich ergänzt zu sein.] Ich
liesz ihn vor etlichen Tagen zu mir entbieten um ihm diese
Nachlässigkeit zu verweisen, zu meinem Erstaunen erwiderte
er mir aber,: nachdem er Ew. Königliche Hoheit gebeten,
ihn von der Stelle eines Legations Secretärs zu dispensiren,
so habe er keinerley Vorwürfe von mir anzuhören; hätte
ich eine gegründete Beschwerde gegen ihn, so möge ich
solche bey Allerhöchst Denenselben anbringen. — Dieses
geschiehef denn hiermit. Der Beweis seiner Saum-
seeligkeit und Nachlässigkeit liegt in dem beyge-
y Google
Anmerkongen zu B. I S. 5 — 6. 143
schlossenen von ihm aufgesetzten Elenchns der Protocolls
Beylagen, and meine allernnterth&niffste Bitte geht dahin:
dasz ihm der Verweis , zu dessen Ertheüung er mich nicht
mehr berechtigt glaubt^ allerhöchsten Orts, nebst dem ge-
messensten Atutrag ertheilt werde, schleunigst für Bey-
brin^ng aller fehlenden Protocolls Beilagen zu sorgen,
inzwischen aber während seiner jetzigen vollkommenen
Qeschftffcsfreyheit , sämmtliche Protocolle und Beylagen.
welche zum Behuf der Arbeiten der Bundes Versamlung
durchaus nothwendig sind, noch einmal sauber abzuschreiben,
Ich bestehe in tiefster Submission etc.*
Darauf erfolgte nachstehende allerhöchste Resolution:
•Wilhelmshöhe d. 16. Aug. 1815 : Dem Legations Secretair
Grimm wird allergnädigst befohlen, nicht nur die nach dem
anliegenden Auszug aus dem eingeschickten Elenchus
fehlenden Beilagen der Wiener Protekolle, sondern auch
eine vollständige Abschrift sämtlicher Protokolle und Bei-
lagen annoch zu fertigen und einzureichen.* v. L e p e 1
wurde hiervon Nachricht gegeben. Hierzu gehört noch die
Bd. II S. 100 no. 1. abgeoruckte Resolution vom 26. Aug.,
welche auf J. Gr's. zurück^egebnes Gesuch um die 2te Bio-
liothekar- xmd die HofarchivarsteUe erfolgt war. F J. Gr. war
also im Irrthum wenn er am 21. Oct. 1815 (S. 478) an
W. schreibt, es liege über sein Gesuch um die Biblio-
thekarstelle in den Acten nichts mehr vor.] Ausgeführt
scheint übrigens die Resol. nicht zu sein, da ia bereits am
9. Sept. J. (i.'s Absendung nach Paris gemeldet wird (s.
Bd. n S. 14 1.). Höchstens könnte die in der Anm. zu
S. 4 no. 9 angeführte Res. vom 15. Sept. 1815 andeuten,
dass die Zahlung seines Gehaltes zeitweise sistirt war. ~
Die Protecolle über die Conferenzen, die Feststellung des
deutschen Bundes betreffend, von denen die Beschwerde
V. Lepel's spricht, sind auf dem Marburger Archiv erhalten.
Nur wenige der Beilagen sind von Grimmas Hand, dagegen
sind die sehr umfEin^eichen Protecolle von ihm sehr sauber
geschrieben. Auf diese seine Schreiberarbeit bezieht sich
rimm in no. 10 S. 6. Vgl. dazu auch seinen Brief an W.
V. 23. Nov. 1814 (S. 387), worin er sich auch schon abfällig
über V. Lepel ausspricht, von dem er vermuthet, dass er es
gewesen, der ihn bei dem Kurfürsten nach Wilhelm's Brief
vom 12. Nov. 1814 (S. 384) angeschwärzt hatte ; vgl. auch
Bd. n S. 73.
S. 6 ff. no. 11.] Auf dem Gesuch findet sich der Ver-
merk: »Resol. Cassel d. 24. Nov. 1815: Bleibt offen.« Dar-
unter mit Bleistift: «Als erledigt ad acta 16/4 1816.' vgl.
Bd. n S. 72 f.
y Google
144 Anmerkungen zn B. I S. 8 — 13.
S. 8 no. 12.] Das Gesuch trägt folgenden Bleistift-
vermerk : ;,Zur Landesbibl. abzugeben. 16/4 16." vgl. Bd. IT
S. 100 no. 2.
S. 9 no. 13 u. S. 10 no. 14.] Charlotte Ramus war
damals schon mit Dr. B a u e r (vgl. S. 136 u. Freundesbr. S. 79)
verlobt (S. 168.) Ihre Hochzeit fand am 21. Oct. 1818 statt (vgl.
S. 131), Bauer starb als Obermedicinalrath am 18. April
1835, seine Frau am 12. Jan. 185a Ihre Tochter ist die
Gemahlin des Herrn Geh. Obeijustizrath Schultheis,
derzeit Präsident des könifj^l. Landgerichts in Marburg. Von
ihm wurden mir die Originale von no. 13 und 14 freund-
lichst mitgetheilt. Briefe von Bauer oder seiner Frau an
die Brüder Gr. sind nicht erhalten.
S. 11 no. 15J Das Original dieses Briefes ist mir von
" " ■ ~r. Ke " ^
Archivrath Dr. Könnecke freundlichst zur Verfögung ge-
stellt worden. Prof. Gödeke stand seit 1837 mit J. Gr. in
brieflichem Verkehr, 1855 besuchte ihn J. m Celle. Die
zahlreichen an ihn gerichteten Briefe von Jacob mag Prof.
Gödeke, wie er mir schreibt, der Oeffentlichkeit nicht über-
geben. In einem noch ungedruckten Brief an Pertz vom
7. Dec. 1858 verwendet sich J. Gr. in warmer Weise für
Gödeke, hat dabei, wie mir Herr Prof. Gödeke ebenfalls
mittheilt, allerdin^ aus Herzensgüte etwas dunkle Farben
über dessen damalige Lage gewählt, (vgl. wegen d. Grimm-
Briefe an Pertz Anm. zu S. 267.)
S. 12 Z. 13 V. u. handiert] b. scandiert.
S. 13 ff. no 16 — 7.] Diese Briefe an S. Berlit wurden mir
vom Sohne des Adressaten Herrn Gvmnasial Oberlehrer Georg
Berlit in Leipzig gütigst zugestellt. Derselbe machte mir
auch freundlicnst noch folgende Mittheilungen: rDie an
meinen Vater gerichteten Briefe Jacob Grimmas sind eigent-
lich nur wie durch einen Zufall erhalten worden. Ich habe
als Sekundaner die Briefe einmal aus alten Gerumpel vom
Boden angelesen. Geboren ist mein Vater den 7. Febr.
1808, als Sohn eines armen Leinewebers in Eleinschmal-
kalden, studirt hat er in Marburg Theologie, ohne Zweifel
aber auch neuere Sprachen. Mit Interesse scheint sich seiner
Vilmar angenommen zu haben , wenigstens erfreute er sich
seines Rates als er Mai 1841 ein Gymnasiallehrer-Examen
in Kassel ablegte. Zuvor, vom Dec 1835 an, war er mehrere
Jahre Hauslehrer in Frankfrirt a/M. gewesen. Von hieraus
wandte er sich an J. Grimm um Rat wegen deutscher
Studien. Seit 1840 war er in Hersfeld am Gymnasium als
Lehrer des Französischen u. s. w. ; um diese Zeit verheirathete
er sich und hatte dann später für den Unterhalt einer zahl-
reichen Familie zu sorgen, wodurch er an grösserer wissen-
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 13 — 16. 145
schaftlicher Bethätigung gehindert wurde. Doch hat er
umfangreiche, jetzt allerdings werthlose, Vorarbeiten zu
einem mhd. Handwörterbuche hinterlassen, 1851 den mhd.
•Weinschwelg* übersetzt (Kassel, Raabe), ebenso auch
Stricker 's Schelmenstreiche des Pfaflfen Ameis (Leipzig,
0. Wigand 1851), üebersetzungen, die es noch heute mit
jeder ähnlichen aufnehmen. Eine weitere Uebersetzung aus
dem Flämischen ^der Kaufmannsdiener'* von P. P. van
Kerckhoven erschien schon Kassel 1850. Auch ein ganz
ausführliches Glossar zu Andreas und Elene, von welchen
Gedichten ihm J. Grimm nach Brief 16 einen Correctur-
bogen übersandt hatte , hat er sich angelegt gehabt. Seine
Teilnahme an der Bewegung der 40er Jahre (er gab 2 Jahre
hindurch den Hessenboten heraus, und war auch 185? Mit-
glied des Landtags) brachte ihm in der Zeit der Reaction
die Reducirung seines Gehaltes um 1/4 ein. Auch mit Vilmar
kam er durch die Politik auseinander. Dennoch gedenkt
dieser seiner mit Anerkennung in seinem Idiotikon. Im
Oct. 1855 starb mein Vater." Die Gegenbriefe B*s. fehlen.
S. 13. B 0 s w 0 r t h.] A Dictionary of the Anglo-Saxon Lan-
guage 1838. Als Assistent v.Bosworth habe ich die Richtigkeit
von Grimmas ürtheil nur zusehr kennen gelernt. Bekannt-
lich erscheint jetzt nach B.'s Tode eine neue, von Toller
besorgte Ausgabe, an der B. lange hat arbeiten lassen, aber
ohne eigentlich neues Material herbeizuschaffen, als ge-
legentlich eine Kraftstelle aus einer ags. Predigt. Toller
selbst scheint das Versäumte etwas nachgeholt zu haben
(vgl. Litteraturbl. f germ. u. rom. Philol. 1882 S. 386 flf.).
R a s kj Der Briemechsel d. Brüder Gr. mit Rask 1 1832
steht in E. Schmidt's Sammlung: Briefw. d. Br. Gr. mit
nordischen Gelehrten. Berlin 1885. Er reicht von 1811 — 26,
wo er in Folge einer literarischen Fehde plötzlich abge-
brochen wurde. Die erste (dänische) Ausgabe d. Grammatik
erschien 1817.
S. 14. Leo] Beowulf . . . nach seinem Inhalte u. nach
8. bist. u. mjthol. Beziehungen betrachtet. Halle 1839.
ich lasse 2 bedeutende ags. gedichte drucken]
Andreas u. Elene, hreg. v. J. Grimm, Kassel 1840.
S. 16 no. 18—20.] Diese Briefe sind hier nach Dr. A.
Duncker^s Veröffentlichung in der Hanauer Zeitung vom
24. Januar 1885 no. 20 wiederholt. In einer späteren
Nummer derselben Zeitung, welche mir nicht vorliegt, ist
auch das (S. 19 oben) erwähnte Blatt für Philippine Hone,
eine Verwandte der Brüder, abgedruckt. — Zu diesen be-
sonders wegen der darin enthaltenen Jugenderinnerungen
interessanten Briefen ist ein Brief Jacobs an seinen Bruder
£. Stengel. Acten der Brüder Orlmm. 10
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146 Anmerkungen zu B. I S. 16.
Ferdin. v. 26. Febr. 1829 zu vergleichen, abgedruckt in den
klein. Schriften I, 23 ff. -r Die drei Gegenbriefe v. Frl. Louise
Gies V. 26. 12. 58, 16. 3. 59, 29. 12. 59 sind erhalten. Aus
Br. 2 folgende Stelle: »Ihre Mittheilung! Sie seien nicht in
unsern Hause geboren, enttäuschte uns ; nichts destoweniger
waren wir eifrig bestrebt, nach Ihrer wahren Geburtsstätte
zu forschen. Mein Vater, welcher sich warm für die Sache
interessirt, Hess in den Kirchenbüchern durch seinen Freund,
den Herrn Metropolitan Calaminus, Nachforschungen an-
stellen, deren Resultat jedoch nur die beifolgende, Inre von
Bergen und Hanau stammenden Voreltern betreffende, Ur-
kunde war. Vielleicht ist es Ihnen von einigem Interesse,
dieselbe zu besitzen. Unter weiteren erfolglosen Erkun-
digungen vergingen alsdann Tage, Wochen, selbst Monate.
Da brachte uns ein glückliches Zusammentreffen von Um-
ständen auf eine Spur, welche uns endlich zum Ziele führte.
Vater hatte sich schon vor einiger Zeit an die ältesten Be-
wohner und Bewohnerinnen Hanaus gewandt, in der Hoff-
nung in dem guten Gedächtniss derselben Auskunftequellen
zu entdecken. Auch dies schien erfolglos; bis endlich eine
alte Dame ihm mittheilte, es lebe hier in Hanau noch eine
Cousine der Gebrüder Grimm, welche vielleicht im Stande
sein dürfte, uns das Geburtshaus derselben anzugeben. —
Vater begab sich zu derselben, und fand in Frl. Höhn[e]
eine 82jährige Matrone, deren lebhafter Geist und gutes Ge-
dächtmss den mangelhaften Kirchenbüchern zu Hülfe kam.
Dieselbe theilte ihm mit, dass die Gebrüder Jacob und
Wilhelm Grimm in dem jetzigen Polizeigebäude, einem
grossen Hause an der Südseite des Paradeplatzes, geboren
seien. Frl. Höhn[e] erinnerte sich noch sehr genau, aass Ihr
Herr Vater selig seine juna^e Frau in dies Haus eingeführt,
daselbst einige Jahre gewohnt habe, und alsdann in das jetzt
uns sugehörende Haus gezogen sei. Ihre Angabe bezüglich
Ihres Geburtshauses war also ziemlich richtig; das jetzige
Polizeigebäude ist das 4te Haus von dem Weissen Löwen.
Wir glaubten, es würde Ihnen vielleicht einiges Vergnüfiren
machen, eine Ansicht Ihrer Geburtsstätte zu besitzen, lieber
Herr ; daher Hessen wir beifolgende recht treue, wenn auch
nicht nach allen Regeln der Kunst ausg[eführte Photographie
anfertigen.* — Von no. 18 stehen einige Stellen bereits in
der Augsb. Allg. Z. v. 9. 3. 70 S. 1035 f. in der Antiqua-
schrift des Originals. Abweichend steht da rbegränzten
Hof (S. 16 Z. 12 V. u.) „rathhausgarten ; im rathhaushofe*
(ib. Z. 10), .oft.' (ib. Z. 9), «lange* (ib. Z. 7). Die beiden
letzten Sätze des letzten Absatzes auf S. 17 f. sind um-
gestellt
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 16—19. 147
S. 16. St ein au.] vgl. S. 226, 247 und Brief Jacobs
an Lachmann vom 10. Juni 1823 (s. Briefw. d. Frhm. von
Meusebach S. 361) und einen Brief JacoVs an Wilhelm
(Briefwechsel aus d. Jugendzeit S. 469).
S. 16. Hanau.] üeber die Erinnerungen der Brüder
an Hanau und ihre Besuche vgl. einen Brief W.'s an Jacob
vom 14. Oct. 1815 (Briefw. a. d. Jugendzeit S. 476), femer
einen Brief Jacobs an v. Meusebach vom 26. Nov. 1831 (s.
Briefwechsel S. 139 no. 67) sowie über Jugenderinnerungen
V. J. Grimm in Germ. XIII, 367.
S. 17. 0 e 1 b i 1 d.] Dieses kleine Oelbild ist jetzt im
Besitze des Herrn Seconde-Lieutenants und A<yutanten im
11. Artillerie-Regiment, Otto Victor Kühne zu Fritzlar, der
mit einer Grossnichte Jacob Grimms, einer Enkelin seines
Bruders Ludwig, vermählt ist. Herr Lieutenant Kühne war
80 freundlich , das Original zu der auf die Brüder Grimm
und ihre Verwandten und Freunde bezüglichen Ausstellung
von Bildern, Drucken und Autographen zu senden, die vom
4. bis 17. Januar in der Landesbibliothek zu Kassel statt-
fand. Das von Jacob Fräulein Gies geschenkte Bild war
eine Badirung nach jenem Oelgemälde, die Ludwig Grimm,
als Kupferstecher ein ganz ausgezeichneter Künstler, an-
fertigte. Der Maler des Oelbildes, von Jacob mit Urlaub
bezeichnet, war ohne Zweifel unter den verschiedenen Malern
dieses Namens Georg Carl Urlaub, der 1787 in Hanau lebte.
[Anm. von A. Duncker.] — Weiteres über Urlaub s. in Hof-
meister's Nachrichten über Künstler etc. , herausgeg. v. G.
Prior. Hannover 1885.
S. 18. mit dem Bilde.] Die Photo^aphie seines
Geburtshauses am Paradeplatz no. 1. Es ist oekanntlich
1870» mit den Bronzereliefs der Brüder von A. v. Nordh^im
geschmückt. Das Haus in der Lauj^gasse trägt jetzt no. 41.
8. 19. eine wahre Geschichte.] vgl. Freundes-
briefe S. 189: „Sie haben wohl von dem Märchengroschen
gelesen, den uns ein kleines Mädchen brachte; die Ge-
schichte hat die Runde in den Zeitungen gemacht. Man
glaubt sie sei erfanden, sie ist aber wahr. Es war ein feines
Sind mit schönen Augen. Es war erst bei dem Jacob, dann
brachte es Dortchen zu mir. Es hatte das Märchenbuch
unter dem Arm und fragte : *darf ich Ihnen etwas daraus
vorlesen?* und las dann das Märchen, an dessen Schlusz
steht Svers nicht glaubt bezahlt einen Thaler\ gut und mit
natürlichem Ausdruck. *Da ich es nun nicht glaube , so
musz ich Ihnen einen Thaler bezahlen, ich erhalte aber
nicht viel Taschengeld und kann es nicht auf einmal ab-
tragen.* Es holte aus seinem Rosageldtäschchen einen
10»
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148 Anmerkungen zu B. I S. 19—20.
Groschen und reichte mir ihn hin. Ich sagte *ich will Dir
den Groschen wiederschenken.' 'Nein\ antwortete es, *die
Mama sagt, Geld dürfe man nicht geschenkt nehmen.' Dann
nahm es artig den Abschied.* Diese Darstellung ist vom
2. März 1859. Sie wird durch einen (ib. S. 253) von Reiffer-
scheid wieder abgedruckten Bericht der Kölnischen Zeitung
(no. ?) ergänzt, der indessen zurechtgemacht ist, da der
Abschluss jedenfalls erst bei Wilhelm gespielt hat, während
der Zeitung nach die ^nze Scene als in Jacobs Zimmer
spielend geschildert wird. Die Biographien reproduciren
meist die drastischere Zeitungsnachricht.
S. 19. Zwei 1815 u. 1845 gemachte Zeich-
nungen.] Beides Radirungen Ludwig Grimmas. Die von
1815 stellt Jacob en face im Mantelals kurhess. Legations-
sekretär dar, die von 1845 Jacob und Wilhelm im Profil.
Die letztgenannte Radirung diente A. v. Nordheim bei
der Anfertigung seines Medaillons am Geburtshause zur
Grundlage. [Anm. v. A. Dunker.]
kleine Schrift] B. Denhard's ,Die Gebrüder
Grimm*. Ein Vortrag. Hanau 1860. [Anm. v. A. D.]
S. 20. Eine Photographie.] Sie stellt Jacob in
ganzer Figur, mit dem Hute auf dem Kopfe dar. Sie war,
ebenso wie die vorher erwähnten Bilder, mit einer grösseren
Anzahl anderer Photographien, Zeichnungen und Radirungen
des Brüderpaares in der Kasseler Grimm-Ausstellung ver-
treten. [Anm. V. A. D.]
S.^20 no. 21.] Herrn Prof. Oetker in Bonn, der mir
den Brief freundlichst mittheilte, verdanke ich auch folgende
Erläuterung desselben : Zur Zeit des zweiten kurhessischen
Veijfassungskampfes (von 1859 bis Juni 1862) erschien in der
von Friedrich Oetker redigirten ^Hessischen Morgenzeitung"
am 9. Febr. 1860 ein Artikel, an dessen Schlüsse es hiess:
,Wir haben den Zustand des deutschen Bundes in's Auge
fefasst. Wir fanden diesen Zustand in vieler Hinsicht
ein OS. Län^t hat sich Alleö in der Welt ringsumher
geändert, nur in dem Eschenheimer Palaste ist Alles beim
Alten geblieben, da spukt noch immer Herr von Linde und
macht mit seinen guten Freunden reactionäre Beschlüsse für
Deutschland." In dem Ausdrucke .spuken" erblickte der Staats-
prokurator eine Beleidigung d^s liechtenstein'schen Bundes-
tagsgesandten V. Linde, und Oetker ward unter Anklage
gestellt. „Der Spuk«, erzählt Oetker in Nord und Süd XL
S. 136, „ward mit heiterer Gründlichkeit behandelt, sogar
die sprachliche Belesenheit und Autorität Jacob Grimm's
nahm ich zu Hülfe. (No. 21 enthält die Auskunft Grimm's.)
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 20—24. 149
Am 2. November stand der Verhandlungstermin. Allein
weder die Benutzung dieser Mittheilungen noch die Beru-
fung auf Goethe:
*Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mutterchen die Frohnatur
Die Lust zu fabuliren,
Grossvater war den Schönen hold,
Das spukt so hin und wieder*
vermochte das Verhängniss abzuwenden. Der *Spuk* kostete
50 Thaler. — Der Fragebrief Oetkers fehlt, statt dessen findet
sich von ihm in der Grimm-Correspondenz ein Br. v. 11. 11.
55 aus Brüssel, als Begleitschreiben, bei Übersendung seines
Buches über Helgoland.
S. 22—3 no. 22 — 3] sind mir von Herrn Landgerichts-
director Dahlmann mitgetheilt. Dorothea, seine
Schwester heirathete 22 Jahr alt am 22. Nov. 1844 den
späteren Abgeordneten Prof. L. Reyscher (nicht Reysiher,
wie S. 23 verdruckt ist) in Tübingen (vgl. das von ihm ver-
fasste als Ms. gedruckte Revscher'sche 1* amilienbuch, Cann-
statt 1869 S. 108). Ihre Tochter Luise (vgl. S. 23) wurde
nach dem Tode ihrer Mutter (Dec. 1847) von ihren Gross-
eltem Dahlmann in Bonn erzogen und kehrte erst im Herbst
1861 nach des Grossvaters Tode (5. Dec. 1860) in das väter-
liche Haus zurück, heirathete 1865 den Dr. E. Veiel, ist aber
seit 1884 verwittwet. Der Briefwechsel zwischen Chr. Dahl-
mann und den Brüdern ist Anfang 1885 von Dr. Ippel ver-
öffentlicht. Die hohe Achtung der Brüder vor Dahlmann
findet auch an verschiedenen Stellen unserer Briefe Aus-
druck (vgl. oben S. 114, 120, 267; ausserdem Freundesbr.
S. 138 u. Briefw. mit Meusebach S. 365). — Unbekannt
dürfte es sein, dass die Marburger phil. Facultät nach der
Vertreibung der Göttinger Sieben, im März 1838 Dahl-
mann für die Professur der Nationalökonomie vorschlug,
allerdings nicht wie Hupfeld wollte, allein, sondern neben
ihm noch zwei andere Candidaten: Hansen und Schön. Im
Senat wurde dann freilich Dahlmann's Name gestrichen.
S. 24 f. no. 24 ff.] Diese Briefe sind mir von den Kindern
des ältesten Sohnes des Adressaten freundlichst übergeben
worden, ausser no. 36 und 37, welche mir das Pathenkind
der Brüder Grimm Herr Kaufmann Ferdinand Bang in
Marburg zustellte. No. 53 erhielt ich durch Vermittlung
der Frl. Minna Bang in Wildungen von Herrn Amtmann
Hille in Darmstadt , der mir später noch einen Brief von
J. Gr. an Bang in Abschrift zustellte, welchen ich weiter
unten (Anm. zu S. 105 no. 55 a.) mittheile.
y Google
150 Anmerkungen zu B. I S. 24.
Bang] Job. Heinr. Christ, vgl. Brief J. Gr.'s an von
Meuaebach (Briefwechsel S. 342 Anm. zu S. 82J. Herrn
Amtmann Hille, einem Schüler des , alten Bang** verdanke ich
folgende Angaben über denselben. Er war der Sohn des
als Philolog gleichfalls bekannten Pfarrers Magister Job.
Christ. Bang in Gossfelden, des Freundes von Wyttenbach.
Seine Mutter Marie Christina war eine geb. Conradi. Er
war am 14. Aug. 1774 geb. und wurde auf der Latina der
Franke'schen Stiftungen in Halle ausgebildet, studirte dann
1793-5 in Göttingen und wurde wahrscheinlich 1798 ordinirt-
Von dieser Zeit an wird er seinem Vater, der 1803 starb,
assistirt haben. Am 13. Mai 1804 heirathete er Sophie
Kleeberger aus Bottenhausen , welche 1784 geboren war.
Aus dieser Ehe entsprossen 12 Kinder. Ein Vetter Bang's
war der Heidelberger F. Creuzer, der ebenso wie Savi^y von
dem Mag. Bang im Griechischen unterrichtet war. Beide ver-
kehrten viel im Haus, ebenso Prof. Conradi, der ebenfalls
Bang's Vetter war. Durch Savigny wurden auch die Brentano's
und Grimm's mit ihm bekannt und so erfreute sich das Pfarr-
haus in Gossfelden geraume Zeit eines beneidenswerthen
geistigen Verkehrs. Das von Bang hier ins Leben gerufene
Listitut genoss einen guten Ruf und ruhte auf streng humanisti-
scher Basis. Neuere Literatur und Literaturgeschichte war
völlig ausgeschlossen. (Vgl. dazu J. Gr.'s analoge Ansichten
S. 84f.) 1821 am 1. Sept. wurde Bang von der phil. Fakul-
tät in Marburg der Doctortitel ertheilt, 1839 wurde er nach
Haina bei Rosenthal als Oberpfarrer versetzt und starb da-
selbst am 2. Sept. 1851. Aus seinen Briefen an die Brüder,
von welchen 34 erhalten sind, ergiebt sich, dass kaum einer
der Grimm-Briefe an ihn verloren ist, (nur zwischen no. 49
u. 50 fehlt mindestens ein Br.; vg^l. Anm. zu S. 236) und
dass die Correspondenz wohl mit der Übersiedlung der
Brüder nach Berlin aufhörte. Auch mit Savigny und Creuzer
unterhielt Bang einen ununterbrochenen Briefwechsel.
S. 24 no. 24] erwidert auf B.'s Br. 1. v. 25. 2. 1814,
worin er die Subscribentenliste von S. 25 mittheilt, die sich
danach ergänzen lässt : 1) Wilhelm Krücke, Stud. Theol. aus
Detmold ; 2) Dickerhof, Stud. Theol. aus d. Grafschaft Marb. ;
3) Stud. TheoL aus Elberfeld; 4) u. 5) Stud.; 6) Wilh.
Theobald, Cand. d. Theol. aus Nieder rodenbach ; 7) Wilh.
Weisz, Cand. d. Theol. aus Hofgeismar; 8) J. G. C. Bang,
Pfarrer zu Goszfelden; 9) in Marburg; 10) in Groszseelheim ;
11) Weinwirth (also nicht wie gedruckt: Vdecan) Creuzer
in Marburg; una am Schiuss sagt: cZu Ihrer Anstellung an
der Bibl. wünsche ich den Wissenschaften Glück, und auch
— - wenn Sie es von einem Landpfarrer annehmen wollen,
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 24-26. 151
Ihnen selbst.* — Auf no. 24 erwidert B.'s Br. 2. vom 18. 5.
1814, in welchem er das Geld für den , Armen Heinrich*
überschickt, von dem Zusammentreffen mit einem von W.'s
Brüdern in Marburg spricht, und W. ersucht, für die Er-
haltung Conradis in Marburg (vgl. S. 26) zu wirken. «Wann
wird man, wann werden doch die Fürsten u. die, welche in
ihrem Rath sitzen^ einsehen, dasz groszentheils die wahren
Gelehrten den deutschen Geist wach erhalten haben? Mir
scheints, als thue man das in Preussen seit der Gründung
der Universität Berlin.**
S. 24 — ^26. Arme Heinrich.] Vgl. Briefe aus der
Jugendzeit S. 819, Freundesbriefe S. 207, Briefe v. J. Gr. an
Tydeman S. 136, Anm. zu S. 59. Den Aufruf u. die Vor-
rede s. in W.'s Kleineren Schriften II 504 f.
S. 24. C 0 n r a d i , Prof.] aus Marburg gebürtig, bis 1814
Prof. in Marburg, giengf dann nach Heidelberg und 1823
nach Göttingen, wo er sich mit des Philos. Schulze Tochter
Ende 1823 verlobte. J. Gr. erwähnt seiner gegenüber seinem
Bruder schon den 11. April 1805, so dass Letzterer schon
damals auf sehr vertrautem Fuss mit ihm gestanden haben
muss. Er hatte grosses Zutrauen zu ihm als Arzt und be-
suchte ihn 1815 in Heidelberg (vgl. Bd. II. S. 7 no. 4 und
Wilhelm's Autobiogr. bei Justi S. 170). In Göttingen ver-
kehrten die Brüder auch mit ihm, doch entfremdeten sie
sich späterhin. — Der Brief, auf welchen Wilhelm hier
anspielt, ist erhalten und vom 27. 1. 1814 datirt. C.
bezieht sich darin auf einen Brief W.*s und theilt das vor-
läufige Resultat seiner Subscribentensammlung für d. armen
Heinrich mit; ausser ihm: Primarius Amoldi, Prof. Creuzer,
Superint. Justi, Pfarrer üsener, Con8i8t.-R. Wachler. Letzterer
habe die Studenten im Colleg ermuntert. Viele Andere
machten Ausflüchte.
S. 24. einer meiner beiden Brüder] Karl oder
Ludwig. Vgl. U. S. 4, Br. aus der Jugendzeit S. 248, 259,
Freundesbr. S. 20, Br. v. Wilh. an Ferd. v. 31. Jan. 1814 in
der Biogr. Ludw. Grimmas in Ersch u. Gr.*s Encvcl. (S. 309).
S. 25. ein dritter ist bei den B ai er nj Ferdinand
(vgl. Acten S. 5 u. Br. aus der Jugendzeit S. 248).
S. 26. Krieger,] Joh. Konr. Chr., Üniversitäts-Buch-
händler und Drucker, seit 1783 in Marburg. S. über ihn
Justi, Grundlage zu e. hess. Gelehrten- etc. Geschichte von
1806-1830. Marb. 1831. S. 370-2.
S. 26. wie wenig sind die frischen u. jugend-
lichen Hoffnungen erfüllt.] VgL Preundesbriefe S. 80
die ähnlichen Aeusserungen J. Gr.'s an A. v. Hazthausen
V. 4. Sept. 1815 u. eb. S. 206 die an E. v. Groote v. 1. Nov.
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152 Anmerkungen zu B. 1 S. 27—28.
1816, sowie, die an Tydeman v. 5. Mai 1815 (Briefe an Tyd.
S. 54); vgl. auch Anm. zu S. 3 no. 4.
S.27. Ich bin Willens nach Frankf. zu reisen.]
Vgl. Freundesbriefe S. 28, 35 ff. , femer Briefw. d. Brüder
aus der Jug. S. 474 ff.
S. 27. S a V i g n y ,] Fr. Karl v., derjenige der Marburger
Rechtslehrer, welchem die Brüder Grimm am meisten ver-
dankten und mit welchem sie dauernde Freundschaft ver-
knüpfte (vgl. Anm. zu S. 107 u. Briefe an Meusebach S. 335
ff.}. S. hatte auch mit Bang und dessen Vater intimen
Verkehr (s. Anm. zu S. 24). Seine Frau Kunigunde (gewöhnl.
genannt ,Gundel*) war eine Brentano. Den Einfluss dieser
aufgeregten Frau und eifrigen Katholikin auf S. schildern
die Brüder u. Bang als einen unglücklichen, ebenso Lach mann
(Briefw. v. Meusebach mit J. u. W. Gr. S. 331, Anm. z. S. 40,
vgl. ib. S. 369). Leider habe ich nicht vermocht mir die
jedenfalls interessanten Briefe der Brüder an S. zu ver-
schaffen. (Einer derselben steht in den Anm. des Meusebach-
schen Briefwechsels S. 358. Er ist vom 25. 1. 31 datirt.)
Auf meine briefliche Anfrage an einen Nachkommen v. S.'s
ist jegliche Antwort ausgeblieben, üeber S. vgl. Enneccerus'
Festschrift Marburg 187§. Auch v. Meusebach, der witzige
Freund der Brüder, trat spüter mit S. in nähere Beziehungen,
namentlich seit beide Mitglieder des Kassationshofes in
Berlin waren (vgl. Briefw. des Freih. v. M. mit J. u. W. Gr.
S. 342).
S. 28 no. 26] darauf erwidert B.'s Br. 3. v. 18. 6. 1816 :
Dank für die Sagen, Bitte um die Mährchen, Uebersendung
der Bibelstellen in die Mundart „meines Kirchspiels über-
setzt. Die Variationen sind unendlich, immer eine andere,
sowie man über einen Berg hinüberschreitet. Es ist aber
schwer für den Ungeübten Mundarten gehörig mit Zeichen
wiedergeben zu können. Euch = Ich dürfen Sie nicht
aussprechen wie euch = vobis, sondern müssen sozu-
sagen, es weit dunkler betonen. . . . Bald sollen aber auch
Sagen kommen. Jene gute gesunde Zeit, wo mir . . nur
allein die deutsche Bibel u. der Nepos u. die Odyssee in
Händen waren, wo mir die unkindlichen Kinderschriften
mit ihren Geschmacklosigkeiten u. den dummen realistischen
Auskramungen das unbekannteste Ding von der Welt blieben,
wo aber mit Heiszhnnger u. unnennbarer Sehnsucht die Er-
zählungen der Mägde u. Knechte von Prinzen u. Biesen u.
Geistern etc. verschlungen wurden — diese Zeiten sind mir
noch in gutem Andenken." . . . Bang bittet dann sein
Privatinstitut für solche, die studiren wollen, zu empfehlen,
erzählt dass Creuzer aus Heidelberg, aus Dankbarkeit für
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Anmerkungen zu B. I S. 28—33. 153
seine Wiederaufnahme in H. 1809, nicht nach Göttingen
gehen wolle, wohin Heynianer u. Anti-Heynianer ihn wollten.
•Goethii Tractatus Kunst am Rhein u. Mayn hat viel
Schönes u. Wahres aber es strömt auch darin alles über von
einer vornehmen Zufriedenheit mit allem, Güte u. Sehens-
würdigkeit (?) u. Ministerleutseeligkeit , dasz einem bange
werden kann."
S. 28. Ein Sprachforscher,! Radlof, vgl. S. 29,
Freundesbriefe S. 210 f.. Briefe J. Gr.'s an Tydemann S. 133,
Briefe v. K. v. Meusebach an J. u. W. Grimm S. 322 ; und
die 1820 veröffentlichte öffentliche Erklärung über den Prof.
extraord. Radlof in Bonn in J. Gr.'s kl. Schriften VII, 596.
S. 29 no. 271 erwidert auf B.'s Br. 4. vom 30. 9. 1816,
worin er zunächst 4 Sagen sandte, um Nachrichten von
Savigny, Cl. Brentano u. Arnim bat, sowie um Zusendung
von Büchern.
S. 30. Wolke,] Ch. H., Anleit. zur deutsch. Gesamt-
sprache etc. Dresden 1812. 8. 460 S. (vgl. Briefw. mit v.
Meusebach S. 329 Anm. zu S. 35).
S. 31. Entdeckung des Niebuhr: Codex re-
scriptus der Institutionen des Gaius zu Verona]
vgl. S. 41, 51, Briefe v. J. Gr. an Tydeman S. 63.
S. 31. Arnim war gefährlich krankj vgl. S. 151.
S. 31. Clemens] Brentano.
S. 32. die Gründung Prags] Schauspiel von
Clemens Brentano Pesth u. Leipz. 1815.
S. 33 no. 28] erwidert auf B.'s Br. 5. vom 6. 3. 1817,
worin er die übersandten Bücher zurückschickt, sich über
sie ausspricht u. um neue bittet. Von Radlof heisst es:
„Ja wohl ist der Mann steif u. eigensinnig, wie alle Gram-
matiker der Art, die die Sprache als ein todtes Instrument
ansehen u. daran flicken; daher glaubt er auch thörigt,
Provokationen an einen Bundestag könnten eingreiten. Aber
ein Sprachatlas, der dann auch wirklich ein Atlas, mithin
weit mehr als so ein Büchlein wäre, müszte unendlich
fördern und gar nicht vermuthete Schätze öflnen. Auf ihn
erst kann eine deutsche Sprachlehre folgen, als wozu frühere
Versuche nicht viel dienen. Ich hätte wohl Lust bey so
einem gemeinsamen Unternehmen mit thätig zu seyn. . .
Er fragt dann ob auch Regen von öriyi], abgeleitet werden
könnte, wie Roggen, Strasse von ^ov^f, «tt^ck, lobt Sa-
vigny*8 *Stimmeir. ... „Sie sind nun Bioliothekarius ? Mich
freut diese j}otenzirte Potenz ; wäre ich aber ein Curator,
so würde ich Sie auf die Universität Marburg schicken,
versteht sich mit einer guten Genossenschaft, an der Sie
Freude hätten. Marburg wird immer leerer u. das Be-
y Google
154 Anmerkungen zu B. I S. 33-38.
deutendere verliert sich, sobald es sich zeigt. Munke geht
nach Heidelberg.*
S. 33—4. Golownins Reise] = Begebenheiten des
Capitains ... G. etc. aus d. russ. übersetzt von Dr. C. J.
Schultz; vgl. die Anzeige W.'s in seinen Kl. Sehr. I. 560 ff.
S. 34. Jungs Leben] gemeint ist Jung Stilling.
S. 36. GerlingJ s. Anm. zu S. 123.
Vater] der bekannte hallenser Theolog und Sprach-
forscher, vgl. Briefw. m. v. Meusebach S. 332 f.
S. 37. V. H an stein] Reg.-Rath in Marburg, später
Regierungsdirector in Hanau und dann Minister m Cassel.
Er hat sich um das Armenwesen in Marburg verdient ge-
macht (vgl. S. 123).
S. 38 no. 30] erwidert auf B.'sBr. 6. v. 9. 11. 1817: Mit
ihm werden die in no. 29 reclamirten Bücher zurückgeschickt.
Chr. Brentano, der 8 Tage bei ihm gewesen, habe sie schon
mitnehmen sollen. Jacob Gr. sey Mitte May bei ihm gewesen.
Das Wesen, welches Chr. Brentano begeistert, habe sehr
wohlthätig auf ihn gewirkt. Gerade nach Jacob's Abreise
sey ein Brief v. Savigny gekommen, der auch ein herrliches
testimonium über Jacob enthalte. Herr Rommel habe mit
seinem Gaul auf seinen Wanderungen durch Hessen ent-
deckt, dasz die Bauern an der Schwalm mit ihren langen
Haaren u. Pudelmützen eine Colonie aus der Ukraine seien.
Nene Bitte um Zuweisung von Schülern. „Schelling hat
kürzlich einen Bekannten von Savi^y gefragt, ob denn in
Berlin noch immer die grosse Hinneigung zum Eatholicismns
herrsche, wie sie sich in neueren Schiiften offenbart habe?
Und als dieser weiter inquirirte , zeigte er ihm im Beruf
S. 160 die Geschichte vom wunderthätigen Christusbild.
Ich mögte wohl fragen, ob der Mann je gewusst, was Ge-
schmack u. was Methode sey.* — Auf no. 30 antworten B.*8
Br. 7. u. 8. V. 18. 4. u. 11. 12. 1818, womit die geschickten
Bücher zurückgehen. Der Anfang von Br. 8 lautet: ^ Liebe
Herrn n. Freunde! So muss ich Sie anreden u. Beyde zu-
gleich. Ob ich gleich nichts weisz von der Duas u. mein
Lebsta^e kein dualistisches System studirt habe, so schweben
Sie mir doch immer nur in Verbindung, zwey vor Augen
— u. das geschieht sehr oft. . . . Prof. Bdrsch in Marburg,
ein rühriges pol y historisches Männchen, das auch Ihre
Studien treibt u. humanissimis auditoribus der
Nibelunge Liet zu erklären erbdtig ist, diesz Männchen
kann ^ar nicht müde werden, so oft es mich sieht, nach
Ihrer historischen Grammatik zu fragen, ob sie denn endlich
einmal erscheine; es freue sich, sagt es, dasz endlich einmal
so was unternommen sey, n. das gestehe es gerne, wenn es
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 38—41. 155
gleich sagen müsse, dasz es selbst so eine Aufgabe sich ge-
macht, deren Vollendung aber noch weit von der Reife ent-
fernt sey. Ich sage ihm dann : M a c t e ! so giebts zwey u.
zwey vermögen mehr als Eine. Habe ich recht daran?**
B. dankt dann fdr die Bekanntschaft mit Gerling, den er
sehr schätze, klagt über die Zugvögel von Professoren, fragt
ob die Fortsetzung der Bilder, von denen ihm Göthe u.
Wieland, gestochen von Müller in Weimar, geschenkt sey,
anschafifenswerth sey, bittet um der Brüder Bilder, sowie
um neue Bücher und um Nachrichten von den gemeinsamen
Freunden.
S. 39. Ich schicke das Paket an Hrn. Prof.
Gerling] vgl. S. 129.
S. 40f. Clemens [Brentano] ... ist mit einer
Liebschaft beschafft igt.] Aehnlich W. Grimm an
Görres v. 20. März 1817 (Görres Briefe U S. 517).
S. 41. Rommel.] Dietrich Christoph Bommel, Prof.
der Philol. u. Geschichte in Marburg (vgl. Jugendbr. S. 29,
48), eine Zeit lang Professor in Charkow, kehrte später nach
Marburg zurück, wurde dann 1820 Director des Staatsarchivs
in Cassel und Historiograph des hesa. Fürstenhauses, 1828
wurde er geadelt und im Febr. 1829 erhielt er die durch
VölkePs Tod erledigte Stelle des Museums- und Bibüotheks-
directors, welche J. Gr. abgeschlagen wurde. Geboren war
er am 17. April 1781 und starb am 21. Jan. 1859 in Cassel.
Über seine litterar. Thätigkeit s. A. Duncker, Zeitschr. des
Ver. für hess. Geschichte. N. Folge X. Suppiem. S. 14 ff.
Obige Stelle wie S. 59 ergeben, dass weder W. noch J. Gr.
*e in freundschaftlicher Beziehung zu ihm standen. Mit
r. Gr. correspondirte er freilich seit 1817. Der erste in der
Grimm-Correspondenz erhaltene Brief RommePs ist Marburg
d. 19. 2. 1817 datirt. J. Gr. hat darauf bemerkt: resp.
23. Febr. R. schreibt darin, er habe einige Sagenerklärungen
der Brüder gelesen und daraus die Wicntigkeit einer hessi-
schen Sagengeschichte (als Theil der Einleitung zur hessischen
Geschichte) entnommen. Er bittet daher, die Brüder
möchten ihn aus ihrem mythologischen Yorrath unter-
stützen, oder mit ihm einen Plan zu gemeinsamer Arbeit
vereinbaren. — Br. 2 (nach J. Gr.'s Vermerk vom Jan. 1818)
erkundigt sich nach Vorarbeiten zu einem von ihm ge-
planten hessischen Idioticon: ,Da Sie nämlich puncto der
Volksthümlichkeiten gewisz omne scihile erschöpft haben, so
zweifle ich nicht, dasz das auch in Hinsicht der Sprache
unserer biederen Hessen ^ua Provinzialsprache geschehen ist.^
Einige Ausdrücke schienen auf das Angelsächsische zu
führen. Vielleicht wäre hier auch gothisches zu finden, be-
y Google
i
156 Anmerkungen zu B. I. S. 41.
sonders da die bey Willingshausen entdeckte vermnthliche
Runenschrift als Indicium nicht zu verachten sei. In der
Nachschrift findet sich die Frage: »Ist Ihr Lied von Hilde-
brand in Cassel zu haben?*
Was ihn speciell veranlasste bei der philos. Fac. in Marburg
am 12. Dec. 1818 den Antrag auf die Promotion der Brüder
Grimm zu stellen, welche dann auch am VS. Jan. 1819 erfolgte,
bleibt unklar; (s. das Universit.-Progp*- für die am 13. Jan. 1885
stattfindende Grimm-Feier, worin ich die betreffenden Pro-
motionsverhandlungen nebst einer, auch der gegenwärtigen
Publication beigegebnen Reproduction der üoctordiplome
mittheilte. Als Ergä,nzung zu den Promotionsvernand-
lungen dienen RommePs Br. 3-6. Br. 3 v. 19. 12. 1818:
,Ew. Wohlgebohr. bin ich so frey bekannt zu machen,
dasz die hiesige philosophische Facultät, schon längst über-
zeugt von Ihren gewisz daurenden Verdiensten um die
teutsche Literatur mich offiziell durch ihren Decan Herrn
Prof. Hartmann benachrichtigt hat, dasz sie selbst pro virili
parte Ihnen und Ihrem Herrn Bruder mit Vergnügen die
nöchsten Würden in der Phüosopliie honoris gratia ertheilen
würde ; und dasz zugleich vorläufig sämmtliche Theil habende
Mitglieder derselben auf die ihnen gewöhnlich zukommen-
den Gebühren wegen des Ihnen und Ihrem Herrn Bruder
honoris gratia zu ertheilenden (doppelten) diploms, obser-
vanzmäszig Verzicht geleistet haben. Da nun aber auszer
bey feierlichen Gelegenheiten und bey etwaiger
Berührung mit railitairischen oder civilen Potentaten, von
solchen zusammen k 30 Rthlr. sich belaufenden Promotions-
gebühren die frommen Stifftungen allhier namentlich die
Wittweucasse nebst einigen andern Personen (als dem Buch-
drucker) etwas mehr als ein Drittheil bekommen 'Isodasz
von einer zu promovirenden Person an diese Stifftungen
und Personen etwa 12 Rthlr. abfallen] und die Aende-
rung dieser Einrichtung ausser dem Ressort
der philosophischen Facultät liegt, so halte ich
mich für verpflichtet, vorher bey Ew. Wohlgeb. privatim
anzufragen, ob Sie mit Rücksicht auf diese Umstände, gleich
andern auswärtigen Gelehrten , welche hierüber befragt
worden sind, die von der philosophischen Facultät Ihnen
zugedachte Ehren-Ernennung gern annehmen würden; in-
dem ich zugleich bemerke , dasz die Abtragung dieser für
fromme Stifftungen etc. etc. bestimmten 12 Rthlr. für das
Ehren Diplom als pieUUis causa angesehen zu werden pflegt.
Indem ich auf jeden Fall Ihre disposition befolgen und erat
nach erhaltener Antwort das Weitere besorgen werde, er-
suche ich Sie sowohl als Ihren Herrn Bruder die aus-
y Google
Anmerkungen zu B. I. S. 41. 157
gezeichnete Hochachtung zu genehmigen, womit ich beharre
Ew. Wohlgebohr. ganz gehora. Diener Chr. Romme 1. —
Br. 4: , Dienstag den 26ten Jan. 1819. Verehrtester Herr
Doctor. Unter sehr ehrenvollen Ausdrücken ist heute das
Decret die Promotion von Ihnen und Ihren Herrn Bruder betref-
fend durch die Facultät (sowie durch das Medium des Pro-
rectors und Vicekanzlers an mich ergangen, mit dem Auftrag .
beyde Promotionen zu besorgen. Ich beeile mig Ihnen das
zu melden mit der Bitte zur Bestreitung des Drucks u. der
andern Auslagen (und Trinkgelder) in summa sumraarum
13 Rthlr. k Person mir gefälligst einzusenden. Hochach-
tungsvoll Ew. Wohlgeb. ergebenster Dr. C. Rommel. —
Br. 5 V. 3. 2. 1819. Begleitworte bei Uebersendung der
Diplome. — Br. 6 v. 17. 2. 1819 meldet, nebst Danksagung
für abersandte Bücher, dasz R. die Danksagung an die
Facultät mit allen gewöhnlichen Formen in Namen Beider
besorgt habe.
Ausser diesen 6 sind noch 10 weitere Briefe RommePs
an J. Gr. erhalten. Br. 7: [Pfingsten 1823.1 ^Den Herrn
Dr. J. Grimm u. C. W. Grimm übersendet aiesen zweyten
Band vaterländischer Geschichte hochachtungsvoll der Ver-
fasser.* — Br. 8 V. 12. 6. 1827 unter Uebersendung des lU.
Bandes H. G. ,Jede Bemerkung, Ausstellung und Berich-
tigung von Ihrer Hand werde ich als einen Gewinn für die
Wissenschaft mit der gröszten Bereitwilligkeit annehmen.**
— Br. 9 V. 1. 2. 1829 bittet um Notizen zu einem nekro-
logischen Aufsatz über Völkel. — Br. 10 vom gleichen Tage
lautet : ^Mit wahrer Freude erfüllt mich Ihr Entschluss, den
seeligen Völkel betreffend, und es versteht sich nun von
selbst, dass ich michbegnüge Ihnen alles was ich habe nämlich
beyliegendes aus 2er Aerzte Mund aufgesetztes Promemoria über
y.'s lezte wahrhafft antike Momente zu beliebiger Berüh-
rung zu übersenden. Es war nämlich meine Absicht ganz
allem, für die hiesige A. Z. theils aus Strieders Nachricht
einen Auszug zu geben theils die Folgen einer klassischen
Bildung, deren Würkung in den letzten Momenten V.'s so
augenseheinlich sind, durch einige der angemerkten Züge
oder durch andere Winke vor Augen zu legen. Sie werden
dies eben so gut und noch besser thun als ich; denn es
ist nicht zu verkennen, dass hier wieder ein durch den
Druck der Zeit zusammengedrückter Character erscheint,
den der letzte Moment verräth. (Man muss in dieser Hin-
sicht nicht zu wenig sagen.) (Vielleicht übersehen Sie auch
nicht dass Wenk besonders durch Völkels Hülfe die ür-
kundenabschriften aus dem Hofarchiv erhielt.) Ganz der
Ihrige Rommel. PS. Ich bitte Sie rechtsehr aus beyder Hamier's
y Google
158 Anmerkungen zn B. I. S. 41.
und O.-G.-R. Schottens Munde sich die letzten Momente V.
schildern zu lassen, es dient theils zur Berichtigung meines
Brouillons, theils Ihnen selbst die Seltenheit und Trefflich-
heit eines solchen Beispiels klarer zu machen. Vergessen
Sie doch ja nicht , wie er in seinen früheren Jahren Sere-
nissimi Lehrer gewesen und wie aufrichtig der letzte Anf-
• trag durch s. Schwiegersohn pto. seiner Treue etc. gemeint
war. Dies wünscht besonders Letzterer.* — Br. 11 v. 11. Aug.
1829 : , Nicht nur die Lippoldsberger sondern alle Urkunden
des R.- Archivs stehen Ihnen zu Diensten, ich wollte wünschen
dass Sie Zeit hätten nach und nach alle diese paläographi-
schen Schätze besser als ich zu benutzen. Ein Eurf. LaKay
Namens Goede od. Güde der sich nach und nach durch
historische Leetüre unterrichten will hat sich mir persönlich
empfohlen. Er wird sich melden und seinen Namen unter-
zeichnen. R." — Br. 12 V. 8. 10. 1830 : ,Dem Herrn Professor
u. Bibliothekar J. Gr.. hochachtungsvoll u. freundschaftlich
gewidmet von dem Verfasser.* — Br. 13. v. 14. 12. 1838:
^Verehrtester Herr Hofrath. Ohngeachtet ich wegen drin-
gender Arbeit zu der Morgen stattfindenden historischen
Vereins-Sitzung die Stellvertretung (Jes Herrn Biblio-
thekars Bernhardi in Anspruch genommen habe, so zweifle
ich doch nicht, dass die sämmtlichen Mitglieder Ihrem
freundlichen Anerbieten eines Vortrags mit demselben Ver-
gnügen entgegensehen, wie Ich, Hochachtungsvoll Ganz der
fiirige Chr. Rom mel.* — Br. 14 — 16 sind undatirte Zettel
mit Anfragen u. Mittheilungen ohne Interesse. 'Ein vom 17.
10. 1851 aus Frankfurt datirter Brief rührt von einem hessi-
schen Namensvetter RommeFs her, der seinen Sohn, welcher
IVt Jähi' ii^ Bonn Jurisprudenz studirt habe und nun mach
Berlin {^ehe, den Brüdern empfiehlt und sich auf frühere
persönhche Bekanntschaft beruft.) — Br. 10, 12 und wohl auch
13 ergeben denn doch wohl, dass Rommel 1829 bei Ver-
drän^ng der Brüder Grimm nicht die erbärmliche Rolle
gespielt haben kann , welche ihm auf Grund einer wenig
glaubwürdigen Quelle (Fr. Müller: , Kassel seit 70 Jahren*,
Kassel 1876, I, 159) zugeschrieben wird (s. Briefw. m. v. Meuse-
bach S. 352 Anm. zu S. 117, S. 353 Anm. zu S. 124.) Er
wird allerdings durch Reichenbach'sche Protection die Stelle
erlangt haben. — RommeFs Vater war der in obigen Briefen
mehnach erwähnte Generalsuperintendent, der als Mitglied
der Censur-Commission J. Gr. s College war, aber eine sehr
schwächliche Rolle spielte, vgl. Anm. zu S. 165. — Wegen
RommePs Entdeckungen vgl. Germania XXII. 380 ff., wo
übrigens fölschlich » Wittingshausen* statt .Willingshaosen*
gecmickt ist.
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 41^47. 159
S. 41. Handschrift ZQ Verona] s. Anm. zu S. 31.
S. 41. Ulphilafl] vgl. Germania XXII. 380 f., Briefw.
des Frh. v. Meusebach S. 317, Briefe d. Br. mit nord. Ge-
lehrten S. 117 u. ßr. V. J. Gr. an Tydemann S. 67.
S. 41. .den bedächtigen Holländern, wie
einer in einem Brief geäuszert.] Offenbar T y d e -
man (vgl. Briefe v. J. Gr. an T., herausg. v. A. Reifferscheid,
Heübronn 1883. S. 69 no. XVI), der auch 1816 in Cassel die
Brüder Gr. besucht hatte (vgl. ib. S. 137 Anm. zu S. 62).
Den Inhalt der Gegenbriefe Tydeman's an J. Gr. theilte
E. Martin im Anz. f. d. Altert. X 160 ff mit
S. 41. Sohwälmer Tanz.] Derselbe soll jetzt ausser
Brauch gekommen sein. Eine beliebige Anzahl Paare sind
dabei betheiligt, während des von allen gesungenen Refrains :
.Sind Dir denn die Hosenbäng (= Hosenbänder)
Länger als die Strümpfe,
Ist Dir denn das rechte Bein
Kürzer als das linke ?••
macht' jedes einzelne Paar beliebige Bewegungen, worauf
sich alle mit einem Male zu drehen beginnen.
S. 46. Universität Marburg] vgl. S. 186, B's ßr. 6
in Anm. zu S. 33 u. W. Gr. an Görres, Görresbr. II, 452.
Doctorwürde] vgl. S. 186 u. d. Anm. zu S. 41.
ob in Bonn die verschiedenartigen Elemente
zusammengehen] vgl. Görresbr. II, 582.
S. 47. Prof. Börsch,] F.A.B. Vgl. Ober ihn Ger-
land's Forts, v. Justi I (1863), 265. u. B.'s Br. 8. — Jedenfalls
hat B., wenn er den Plan eine deutsche Gr. zu verfassen, je
ernstlich ins Auge gefasst hatte, davon gänzlich abgestanden,
wenn er sich auch in den um diese Zeit gepflogenen Pro-
motionsverhandlungen (s. Anm. über Bommel zu S. 41) als
sachkundigstes Mitglied gerirt. Uebrigens ist sein dortiges
Urtheil über die Ausgabe des Hildebrandliedes nach Jac.
Gr.*s eigenem Urtheil zutreffend; vgl. Brief an Lassberg
vom 15. März 1829 Germania XÜI, 366.
S. 47. es geht noch auf einen dritten [Band
deutscher Sagen] hinaus] vgl. Freundesbriefe S. 216.
S. 47 no. 32] erwidert B.'sBr. 9. vom 15. 1. 1819 »Unter
Rücksendung einiger Bücher bittet B. darin : „Fahren Sie auch
fort, wie bisner in die Specification Ihr Urtheil einzuflechten,
sintemahlen dies einer der herrlichsten Genüsse der Briefe
ist, der so angenehm erinnert an die ehemalige classische
Sitte sein bescheidenes Gutachten brieflich auszusprechen.
Die Sammlung Epistolarum virorum doctorum be-
zeugen diesz. Die öffentliche Critik hat die Scham ver-
lohren, u. ich hoffe, wenn wir länger leben, den Untergang
y Google
160 Anmerkungen zu B. I S. 47—53.
der Recensi ranstalten zu sehen.« Von den Bildern gefalle
ihm Jacob am besten. Wilhelms Tiefsinn könne er wohl
begreifen. Gar nicht gefalle ihm dieser Savigny auch nicht
im Vergleich mit dem Berliner. Ludw. Grimm habe einen
Zug hervorgehoben, der dem Original nur in manchen
Stimmungen eigen sei. Er habe wohl S. nicht oft genug gesehen.
Das Bild ähnle dem Prof. Fries. B. richtet dann der Fr.
V. Hanstein Bitte um die Märchen aus und sagt, dasz er
Bd. II d. Sagen noch nicht gesehen. Nach Cassel käme er
gern, sobald einmal victus quotidianus einige Thaler
übrig lasse. — Auf no. 32 erwidert dann B.'s Br. 10. v. 27. 3.
1819, in dem er betreffs der Grammatik (vgl. S. 52) sagt:
»»Ein eignes ürtheil wird mir wohl noch lange abgehen,
aber das sehe ich wohl, dasz man groszen Respect dafür
haben müsse. Und die Zueignung sammt der Vorrede ist
das Herrlichste, was mir nur je vorgekommen.*
S. 49. G e n z] = Fr. v. Gentz. Seine kleineren Schriften
sind von Schlesier, Mannheim 1838-9 in 5 Bänden heraus-
gegeben, ebenso erschien sein Briefwechsel mit Ad. Müller
1800-29 Stuttgart 1859, und 1870 v. 0. v. Klinkowström
herausgegeben : Briefe politischen Inhalts 1799 — 1827.
S. 50. C r e u z e r] F. geb. den 10. März 1771 zu Marburg,
wurde 1802 daselbst Prof., siedelte 1804 nach Heidelberg
über und starb daselbst am 16. Febr. 1859. vgl. B.'s Br. 3
in Anm. zu S. 28 u. seine Autobiographie in den deutschen
Lehr- und Wandeijahren II. Berlin, Fr. Vahlen 1874 (vgl. S. 78).
S. 50. Hermann! an er.] Joh. Gottfried Jac. Her-
mann. 1818 erschienen seine und Creuzer's Briefe über
Homer u. Hesiodos.
S. 51. Reimer,] Georg Andreas, Inhaber der Beal-
schulbuchhandlung in Berlin. Die Brüder standen mit ihm
von sehr früher Zeit in Verbindung und hat er eine Anzahl
ihrer Schriften verlegt. 1809 hatte W. ihn in Halle kennen
gelernt (vgl. Jugenbr. S. 101).
S. 52. Kamptz.] Karl Alb. Christ. Heinr. v. K., war
seit 1817 Director des Polizei-Collegiums und leitete als
solcher die Untersuchung gegen die sogenannte demagogische
Bewegung der damaligen Burschenschaft.
S. 53. j i t oder ge t u. s. w.] Nach gütiger Angabe von
Dr. Wenker in Marburg verhält es sich mit diesen Formen, über
die er im kommenden Frühjahr detaillirte Karten in spe-
cieller Publication herausgeben wird, folgendermassen : Das
westfälische Gebiet, in welchem heute die alten Dualformen
der II. Pers. in Pluralverwendung herrschend sind, hat zum
Centrum etwa Herdecke an der Buhr und umschliesst an
den Grenzen folgende Orte : Gummersbach, Neustadt, Pletten-
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 53—56. 161
berg, Neuenrade, Iserlohn, Menden, Unna, Hamm, Olfen,
Haltern, Dorsten, Holten, Mühlheim a/d. Ruhr, Kettwig,
Velbert, Elberfeld, Kronenberg, Remscheid, Hückeswagen,
Wipperfarth. Gegenüber Orsoy berührt es den Rhein. Die
hier vorkommenden Formen sind für den Nominativ in der
Osthälfte it, illt, ät, in der WesthfiJfte git, get, göt
und in Kettwig und Umgegend gönt. Für die Casus obl.
und das Possessivum ink resp. inker im überwiegenden
Theil, enk resp. enker um Mühlheim ad. Ruhrund önk
resp. önk er m einem Streifen am Südwestrande des Ge-
bietes, von Kettwig über Elberfeld und Barmen bis bei
Wipperfürth.
S. 53. Märchen] vgl. Freundesbr. S. 198, einen Brief
J. Gr.'s an Görres v. 14. Nov. 1812 (Görres Ges. Briefe Ilj,
u. einen an Pfeiffer v. 19. Febr. 1860 (Germania XIj. Ueber
den Antheil der Familie v. Haxthausen an den deutschen
Märchen 8. Freundesbr. S. 200.
S. 53 no. 34] Hierauf B.'s Br. 11. vom 22. 12. 1819. Er
spricht hier zunächst über Böckh's Buch, mit dessen Zurück-
sendung er gezaudert, um sich mahnen zn lassen, „was doch
nicht ohne Brief geschehen konnte*. Er dankt dann für
die Mährchen, für die Stelle aus Savignys Brief, ,der un-
streitig im Preussenthum etwas zu sehr befangen* u. spricht
sich über Vossens Aufsatz trotz dessen Eitelkeit anerkennend
aus. „Man sagt mir, heiszt es weiter, Sie wären chur-
hessischer Landes Censor, der in- und auswendig an der
Grenze wachen müsse, dasz ohne Ihre Erlaubnisz nichts
Gedrucktes oder Zudruckendes herein oder hinausgehe*, ob
er auch etwaige Beiträge zum griech. Lexicon ihm schicken
müsse. Er bittet dann von neuem um Zuweisung von
Schülern.
S. 54. Sophronizon V. Paulus.] Freimüthige Bei-
träge d. neueren Gesetzgebung u. Statistik d. Staaten und
Kirchen. Frankfurt a M. 1819—30. — Paulus Tochter verlobte
sich 1818 mit A. W. Schlegel (vgl. S. 180, Görresbr. U, 578,
582).
S. 54. in den Briefen, welche Körte bekannt
machte.]* Gemeint sind wohl die Briefe zwischen Gleim,
Wilhelm Heinse u. Joh. v. Müller aus Gleim's litter. Nachl.
hrsg. V. Wüh. Körte, Zürich 1806. 2 Bde. 8o.
S. 55. Zoegas Leben] von Welker, Göttingen 1819.
Z. war 1755 in Jütland geboren, reiste mehrmals nach
Italien, wurde katholisch und 1798 Prof. der Archäologie in
Kiel. Er starb 1809 in Rom.
S. 55—6. Kraus,] Christian Jak. Als Bd. Vm seiner
£. Stengel. Acten der Brfider Grimm. 21
y Google
162 Anmerkungen zu B. I S. 55—61.
vermischten Schriften erschien Eönigsb. 1819 sein Leben
von Joh. Voigt.
S. 55 no. 35] Darauf erwidert B.'s Br. 12. v. 18. 7. 1820:
B. kündigt seinen Besuch an, schickt Bücher zurück, äussert
sich über Creuzer's Symbolik, vertheidigt u. critisirt Heyne,
bekennt mehr Hermannianer zu sein als Creuzerianer, spottet
über RommePs hessische Geschichte.
S. 57. Heyne,] Christian Gottl., schrieb eine Ein-
leitung in das Stucüum der Antike, und Antiquarische Auf-
sätze; vgl. Heeren*s Biogr. H.'8, Göttingen 1813.
S. 57. Ruh 8,] Prof. in Berlin. Sein Buch über die
Edda besprach 1812 sowohl J. (Kl. Sehr. VI, 106) wie W.
Gr. (Kl. Sehr. U, 80 ff., 100 ff.); vgl. Br. v. J. Gr. an Tyde-
man S. 132 Anm. zu S. 35.
S. 58. Die Marburger sind eifrige Disser-
tationstausch er.] 1817 wurde bekanntlich von Marburg
aus der Tauschverein für akademische Schriften, welchem
jetzt auch Frankreich angehört, ins Leben gerufen.
Artikel wider Jean Paul] s. Kl. Sehr. I, 403 ff.
Dasz Savigny vor. Jan. ein Sohn gebohren]
vgl. J. Gr. an Tydeman S. 71.
S. 59. Görres haben Sie doch gelesen?] Seine
Schrift: Deutschland u. die Revolution. Coblenz 1819, in
Folge deren von Berlin der Befehl ergieng ihn zu verhaften.
Vgl. Görresbr. II, 594.
Ferdusi.] Vgl. über Görres' üebersetzung des Helden-
buchs von Iran aus dem Schah Nameh des Firdusi, welche
1820 in 2 Bänden erschien, zahlreiche Stellen in Görres
Freundesbr.; s. auch Br. v. J. Gr. an Tydeman S. 132
Anm. zu S. 37.
der Vicecanzler,] Georg Friedr. Carl Robert, Prof.
der Rechte. Vgl. Anm. z. S. 135.
S. 60. Rector des hies. Lyceums.] Nathanael
Caesar, welcher 1815 nach Suabedissen's Weggang von
neuem die Leitung übernahm, die er schon vor der west-
phälischen Zeit innegehabt hatte, (vgl. S. 85 u. Anm. zu
S. 84 u. J.'s Aeusserungen in seiner Autobiographie bei Justi
S. 150).
S. 60. Inscription auf dem Schloszgrtindstein
von meinem gelehrten College n,] Generalsuper-
intendent Romme!, der mit Grimm u. Völkel die Censur-
Commission bildete, vgl. Fr. Müller : Cassel seit 70 Jahren.
I, S. 125 ff. Die Grundsteinlegung erfolgte am 29. Juni
1820.
S. 61 no. 36.] Der am 8. Oct. eingetroffene Gevatter-
brief fehlt. B.'s Br. 13. v. 28. 12. 1820 erwidert auf no. 36.
y Google
Anmerknogen zu B. I S. 61. 163
Er lautet : „Meine freundliche Gevatter ! Je älter ich werde
u. je öfter ich in die Nothwendigkeit komme, Gevatter für
meine Kinder einzuladen, desto zaghafter thue ich das.
Aber desto inniger ist dann auch die Freude, wenn dem
gehofften Zutrauen und Vertrauen begegnet wird. Ihr liebe
ierren! habt meiner Frau u. mir diesze Freude gemacht.
Wir danken Euch darob herzlichst u. wünschen, üasz der-
maleinstens Euch auf ähnliche Art freundlich gedient werde.
— Der Tauftag war am 29. Oct., also über fönf Wochen
nach dem Geburtstag. Lassen Sie das jakeinem Pontifex
maximus gewahr werden, sonst könnte diesze Liebhaberey
am Heidenthum übel gedeutet werden. Creuzer hat getauft u.
dabey gesprochen, wie es christlich u. für alle Anwesende
passendst, also erbaulich war ; Herr Wurzer, der Magnificus, ge-
ziert mit den Insignien des Löwen-Ordens hat das Kind getragen
u. ihm alle Namen gegeben, die Er u. Sie bei ähnlicher
Gelegenheit erhalten haben. Nun haben wir grosze Wahl.
Und dann wurde auch bey einem Ehrentrunk der abwesen-
den Gevattern fleiszig gedacht, wie Ihnen das Ohrenklingen
wird verkündigt haben. Das ist der Hergang, den Sie
wissen wollten. — Übrigens ist so ein unbedeutender Wicht,
wie dieszer Euer Pathe, schuld, dasz ich mich wegen seiner
Ankunft in diesze allerbesste Welt vor Ihnen noch recht-
fertigen musz. Sie urgiren das, dasz ich im Julius schon
von Cassel wegeilte vorschützend die nahe Niederkunft.
Aber liebe Herren! bedenket, es geschehen auch seltsame
Dinge, die gegen Erfahrung u. Übschafb (Praxis) sind. . . .
und was war das für ein Kerl, der da kam! Wurzer u.
Busch, die doch Hofräthe sind u. Mitglieder d. Kaiserlichen
Naturforschenden Gesellschaft, versicherten, noch nie so ein
starkes Kind bey seiner Geburt gesehen zu haben. Es wog
über eilf Pfund, u. wollt Ihr gelehrte Ignoranten in Eurem
Jung:gesellenstand wissen, was das sage, so fragt nur den
Präsident des Ober-Sanität»-ColIegii. TKommt so ein un-
gewöhnlicher Bube zur gewöhnlichen Zeit?* Im weiteren
Srent B. sich der Erfolge von Jacob's Grammatik, bittet um
Bücher und die vom Bruder Mahler versprochenen Bilder
und grüszt die ganze Familie am Wilhelmshöher Thor.
S. 6L mein College Völkel] vgl. über sein Leben
A. Duncker Zeitschrift des Ver. f. hess. Gesch. N. F. IX.
249 ff. und Jac. Grimm's Nekrolog (kl. Schriften VI, 405 ff.)
u. zu diesem Nekrolog Bommels Brief 10 in Anm. zu S. 41.
Zu folgender Stelle desselben (ib. S. 407): ,in der Unter-
suchung .... über den olympischen Jupiter war er ganz
an seinem platz; eine dem letzten gegenständ zugewandte
neuere, den bestimmungen Quatrem^res zum theil wider-
11*
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164 Anmerkimgen zu B. I S. 61.
sprechende abhandlung war fQr die Amalthea ausgearbeitet,
ist aber noch nicht gedruckt und wahrscheinlich von ihm,
der sich selbst am schwersten genügte, zurückgenommen
worden/ ist ein Brief J. Grimmas an seinen Schwiegersohn
Geh. Jnstizrath Schotten (s. Anm. zn S. 125), der zur Zeit
im Britischen Museum aufbewahrt wird (Anm. zu S. 74) zu
vergleichen. Er lautet: rZu einer Abhandlung Ihres seel.
Herrn Schwiegervaters über den Tempel des olymp. Jupiters
gehört eine bereits gestochene Kupferplatte, von welcher
sich ein Abdruck bei den Manuscripten findet. Da diese
Kupfertafel nothwendig den Druck des Aufsatzes begleiten
musz, so haben Sie doch die Güte nachzusehen, ob die Platte
unter der Hinterlassenschaft Völkeis noch vorräthi^ ist, wie
ich vermuthe, und mich davon baldig zu benachrichtigen.
Denn es würde Kosten verursachen sie von neuem stechen
zu lassen. Vielleicht weisz Kühl, Vater oder Sohn davon?
An jenen bitte ich die Einl. zu bestellen und diese höchst
eiligen Zeilen zu entschuldigen. 9. Jan. 1831. Grimm.*«
— Der Adressat hat :iuf den Brief die Notiz vermerkt:
„Beantwortet am 14. 1. 81 dahin, dasz sich Platte nicht
vorfände, Ruhl, Vater und Sohn nichts davon wuszten, und
gebeten den Abdruck hierher zu schicken, da J. Ruhl
eine Platte stechen solle.**
Vier frühere Briefe in derselben Angelegenheit, v. 31. 1, 13.
3., 24. 4. und 13. 9. 1830, sowie einen fünften vom 10. 12. 1833
an einen andern Schwiegersohn Völkel's, Assessor u. später
Gberappellations-Gerichtsrath Knatz veröffentlichte 1882
A. Duncker in der Zeitschr. d. Vereins f. hess. Gesch. und
Landeskunde IX. S. 343-7 , ebenda S. 332 f. auch einen
kurzen Dankbrief an Amalie Völkel (roätere Frau Knatz)
geschrieben im April 1829 aus Anlass des von ihr am 14. 4.
1829 im Namen der Geschwister den Brüdern übersandten
Bildes von Völkel. Der Begleitbrief dieser Dame ist in
der Grimm-Correspondene vorhanden.
Von Völkel selbst sind 21 meist geschäftliche Zuschriften
an die Brüder aus den Jahren 1814-28 erhalten. Ich fahre
nur an Br. 3. v. 11. 3. 1821: „P.P. Dem gestern mir zuge-
kommenen Schreiben der allerhöchst verordneten Commission
zufolge soll sich iede Behörde ihren Marschall selbst wählen,
welchem der Stab aus der Hofkämmerev gegen Bescheini-
fang der Direction geliefert wird. Bey der Regierung, dem
riegs CoUegium u. a. vertrit, wie ich höre, diese Stelle der
Secretarius, u. demnach musz ich also Sie bitten, unsem
Zug bey dem Leichenbegängnisz anzuführen.« — Br. 4. vom
5. 11. 1821 bezieht sich auf Wühelm's Gesuch (ü. S. 7 no. 5), das
er, V., noch nicht habe überreichen können, Riva! ier werde
y Google
Anmerkungen zu B. I. S. 61. 165
eher dazu im Stande sein. — Br. 5. v. 26. 12. 1822 lautet:
,Hochffe8chätzter Herr Secretarins! Es ist mir leyd, dasz
H. D. H[arnier?] anders erzählt, als gehört hat: aber noch
leyder dasz seine Rede Gedanken bey Ihnen erregte, welche
meinen Gesinnungen gegen Sie, u. dem Wunsche Ihrer Be-
förderung widerstreiten. — Unbescheiden wäre meine Frage
gewesen, wie viel Sie für den Unterricht des Kur Prinzen
erhalten. Sie selbst haben mir weder zufällig noch ge-
legentlieh etwas davon gesagt. Warum hätte ich also nicht
glauben sollen, was ich vor der Abreise des K. Pr. schon
darüber hörte, von wem, kann ich mich nicht besinnen.
Und als etwas mir erzähltes habe ich es neulich nachge-
sprochen, jedoch mit dem Zusätze, dasz ich nicht wisze, ob
Sie jetzt nach der Rückkunft noch die 300 «^ bekommen,
nirgends hingegen dieser ^iebeneinnahme mit einem Worte
gedacht, wo etwa darauf hätte Rücksicht genommen , und
deswegen die Vennehrung Ihres Gehalts gehindert werden
können. Auf keinen Fall also kann sich die Aeuszerung
über Ihre Bittschrift weiter als auf Ihr wirkliches Ein-
kommen von dem Unterricht beziehn , welches , auch noch
so klein , doch hoch genup angeschlagen wird ; u. keines-
wegs hat sie ihren Grund in derselben unrichtigen Angabe,
die mir zu Ohren gekommen ist. Man weisz einmahl, dasz
Sie auszer Ihrer Besoldung vom Secretariat ein Monaths-
geld beziehn, und ohne Zweifel weisz man dies ganz genau ;
es wird, wie Ihnen bekannt ist, aller Anregung ungeachtet,
auf das Museum kein Bedacht genommen : dies ist die Ur-
sache, warum Ihre Bitte kein Gehör fand, jenes giebt eine
Veranlassung, sie zurücklegen zu lassen. Soviel aber wer-
den Sie mir zutrauen, dasz, hätte man mich über Ihre An-
gelegenheit befragt, ich ohne alle Rücksicht auf Neben-
Umstände, blos das, was Sie Ihrer Stelle u. Kenntnisze
wegen längst verdienen, in Erwägung gebracht, u. der Er-
folg Ihres Gesuchs Ihren gerechten \ erlangen u. meinen
ernstlichen Wünschen hätte entsprechen müszen. Dasz ich
im vorigen Jahre, wo wegen der Wahl eines Begleiters des
Kurprinzen mit mir gesprochen wurde, die Gelegenheit zu
Ihrer Beförderung nicht unbenutzt liesz, würde ich nicht
erwähnen , noch mich auf das Zeugnisz des Herrn 0. C.
V. Bardeleben berufen, wenn es nicht schiene, als hielten
Sie mich für gleichgültig gegen Ihr Bestes. Wie ich da-
mals gegen Sie gesinnt war, bin ich es noch jetzt, u. werde
es jeder Zeit seyn u. nunmehr musz es mir angelegener als
sonst seyn, Sie davon zu überzeugen, u. zur baldigen Er-
füllung Ihres Wunsches beyzutragen. Es kann nur mittel-
bar geschehn, u. noch heute will ich mich erkundigen, ob
y Google
166 Anmerkungen zu B. I S. 61—65.
sich jetzt von einem neuen Versuche eine beszere Wirkung
versprechen läszt. Was ich erfahre, werde ich Ihnen ohne
Verzug mittheilen. Möchte dann das neue Jahr Ihnen das
bisher entzogene bringen, u. Ihre begründeten Ansprüche
geltend machen!* — Auch die weiteren Briefe zeigen, dass
V. sich fernerhin für Wilhelm bemühte. Der letete Brief
V. 7. Jan. 1828 lautet: „Mit dem verbindlichsten Dank ver-
ehrter Herr College ! schicke ich die griechische Grammatik
zurück. — Prof. Wagner in Marburg ersucht mich, Sie an
die Erfüllung seiner Bitte um Ihre Meynung über himself
und themselves zu erinnern. Wollen Sie mir das Re-
sponsum zuschicken, so kann ich es dem Buche beyschlieszen,
welches in den nächsten Tagen an ihn abgehn wird.** Die
Briefe der Brüder an Völkel sind vermuthlich derzeit im
Besitz seines Enkels, Amtsgerichtsrath Knatz in Cassel. Von
dem im obigen Brief Jacobs an Schotten erwähnten jüngeren
L. S. Ruhl [Geh. Hofrath in Cassel, Sohn des 1842 ebenda
verstorbnen Bildhauer J. Chr. R. u. älterer Bruder des Land-
baumeister Julius Eugen R.] sind Erinnerungen an J. und
W. Gr. in der zum 4. Jan. 1885 veröffentlichen Festnummer
der Hessischen Blätter mitgetheilt. Dieser Artikel enthält
auch einen an ihn gerichteten Brief W. Gr. 's v. 22. 12. 1825.
R. hatte W. Gr. am 10. 6. 1825 von Berlin aus zur Hoch-
zeit beglückwünscht. Noch 21 weitere Briefe R.*s an W. Gr.
aus den Jahren 1825 — 47 liegen mir vor. Demgemäss wird
sich eine entsprechende Zahl Briefe v. W. Gr. im Besitz des
Herrn R. befinden. Eine Publication derselben ist erwünscht.
Ich wurde ihrer Existenz zu spät gewahr. Raummangfel
nöthigte mich daher, von einer Bitte um Ueberlassung Tür
meine Sammlung abzusehen.
S. 62. Grammatik] vgl. Index und Briefe v. J. Gr.
an Tydeman S. 72 sowie 140 Anm. zu S. 69, femer Briefe
an Lachmann u. Hofimann (Briefw. v. Meusebachs S. 328),
an Görres H, 577, an Frommann (Germ. XH, 118), an Lass-
berg (Germ. XIII, 247) und die schöne Vertheidigung der-
selben gegen Frl. A. v. Haxthausen vom 10. Sept. 1822
(Freundesbr. S. 87 f.).
S. 64 no. 37] wird durch B.'s Br. 14. v. 31. 12. 1820 be-
antwortet. B. spricht sich über Vosz, Stollberg u. Christian
Brentano aus und bittet um einige neue Bücher während
er die früheren zurückschickt.
S 65. dasz ich seit dem November dem Kur-
prinzen Unterricht in der Geschichte geben
musz.] Hierüber war bisher ausser kurzen Erwähnungen
in einem Brief an Frl. L. v. Haxthausen vom 27. Mai lo21
(Freundesbriefe S. 83) u. in einem an Lachmann (Briefw. m.
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 65. 167
Meusebach S. 369) nichts bekannt. Wie wenig W. diese
Thätigkeit befriedigte, zeigt noch deutlicher die Aeusserung
gegen Suabedissen (S. 198), welcher bekanntlich bislang
der Erzieher des nachmaligen letzten Kurfürsten und, seinen
Briefen an W. nach, mit ihm ebenfalls recht unzufrieden
gewesen war. "Wie lange W. Grimm diese Stunden fort-
fesetzt hat, ist ungewiss; wohl nicht über Anfang Sept.
821 hinaus, da er nach dem Brief v. 19. Sept. (S. 202)
schon frei gewesen zu sein scheint. Seine damalige Hoff"
nung auf Anstellung (ib. Ö. 203) blieb unerfüllt, und da
auch sein Gesuch um Beförderung zum Bibliothekar vom
23. Oct. 1821 (vgl. II, S. 9) nicht gewährt wurde, darf man
wohl annehmen, dass diese seine Thätigkeit keine Aner-
kennung bei dem Kurfürsten fand, offenbar deshalb, weil
ihm auf Wunsch der Kurfürstin Auguste die Stunden über-
tragen waren. Vgl. noch Völkel's Brief 5 in Anm. zu S. 61.
S. 65 no. 38] erwidert auf B.'s Br. 15. u. 16. v. 16. 4.
u. 16. 5. 1821. In 15. meldet B. die Rücksendung von Büchern,
die ihm Mahler Müller (oder Müller Mahler) im Winter
überbracht hätte. „Müller ist doch ein herrlicher Mann*,
wenn auch manche gegen sein Geschäftsleben etwas ein-
zuwenden hätten. . . «Sie haben reiche Gelegenheit, zumahl
jetzt aus Ihrer Hauptstadt viele goldne Hoffnungen über
den Neuen Regenten auf uns Leute in der Provinz auszu-
streuen.* . . . Wurzer habe als Prorector geistreich über
den verstorbenen Fürsten gesprochen, «nicht allein mit
rhetorischer Kunst, im allgemeinen, obenhin schwebend in
Worten, sondern ganz tief das Einzelne der Sache berührend
u. aus dem Standpuncte eines — mags auch seyn bornierten
Hessen." Rehm's Mittelaltergeschichte mache ihm nicht
den Eindruck als sey sie aus Forschungen entstanden.
Krug's Tendenz im Hermes sey die edelste. In 16. ruft B., wie
schon in 15. den Brüdern sich, den Pfarrer in Gossfelden, ins
Gedächtniss. — Auf no. 38 u. 39 (S. 68) antwortet B.'s Br. 17.
V. 29. 8. 1821 : Die übersandten Bücher folgen zurück , die
Reisebeschreibung von Mayr entrolle ein unerfreuliches Bild
von den Griechen. «Hat ein Herr Schmidts ein Zettelchen
von mir überbracht? Wie hat Ihnen der Mann und sein
Unternehmen behagt? Es war nur zufällig, dasz ich ihn
einige Stunden lang sprach, aber der ernste Enthusiasmus,
mit dem er die Sache betreibt, hat was sehr Ehrwürdiges."
. . . Lob der Schrift über die Runen, neue Aeusserung über
den Streit zwischen Creuzer u. Voss. Bedenken und Hoff-
nungen über den (S. 66) angekündigten Studiendirector.
Dank für Lotte's Bild und Bitte um neue Bücher für den
Winter.
y Google
168 Anmerkungen zu B. I S. 68—74.
S. 68. Schweinichen's Leben] hrsg. von Büsching,
Breslau 1820. vgl. J. Gr.'s Anzeige (Kl. Sehr. IV, 158).
S. 70. einen jungen Prof. Namens Sariorius,]
ausserord. Prof. der Theologie. Er ist 1859 als General-
superintendent in Königsberg gestorben ; vgl. Herzog's Beal-
encyclopädie der prot. Kirche. Bd. XLLI.
S. 71. Frau J o r d i s ,] Ludowica, geb. Brentano. Ihrer
geschieht in den Briefen der Brüder aus der Jugendz. sowie
in den mit Thomas aus Frankfurt (vgl. Anm. S. 74) sehr
oft Erwähnung; vgl. Näheres über sie in dem allerdings
wenig zuverlässigen Lebensbild Clemens Brentano's von Diel
u. Kreiten, Freiburff 1877. I, 232 Anm.
S. 78. MoneJ Franz Jos. — J. Grimm hat ihn 1831 in
Heidelberg besucht und stand auch mit ihm in Correspon-
denz (vgl. Germania XIII, 375 u. 374). Schon 1818 geht er
Wilh. in der mythol. Deutung der Siegfriedsage zu weit
(s. dessen Kl. Schriften II, 220).
S. 74 no. 41] erwidert auf B.'s Br. 18. v. 12. 5. 1822,
worin dieser sich über das lange Schweigen beklagt, dann
aber bittet ihm behilflich zu sein an das Frankfurter Gym-
nasium zu kommen, wohin man ihn schon vor 5 Jahren
habe ziehen wollen u. wo durch Grotetends Abgang und
Matthias Tod 2 Stellen frei wären.
S. 74. Senator Thomas] Senator und Bürgermeister
in Frankfurt. Vgl. über ihn Jac. an Wilh. am 4. Jan. 1814
(Br. a. d. Jugendz. S. 212), Wendel er's Angaben im Briefw.
von Meusebach's S. 361 und die Einleitung zu: *Der Oberhof
zu Frankf. a/M. etc. Nachlass v. J. Gerh. Chr. Thomas,
herausg. v. Dr. L. H. Euler u. bevorwortet v. J. Grimm.
Frankmrt 1841. S^.' Die Briefe, welche die Brüder an ihn
richteten, sind, wie mir Dr. Jung in Frankfurt freundlichst
angab, mit den anderen Papieren von Thomas nach dessen
Tode vollständig zersplittert. In das Franfurter Stadtarchiv
kam keiner derselben. Ein ganz kurzer findet sich mit
zwei weiteren Grimmbriefen (s. Anm. zu S. 61, 318) nach
freundlicher Mittheilung des Herrn Prof. Kluge derzeit im
Brittischen Museum (Egerton Hs. 2407 p. 162) und lautet
nach von Prof. Kölbing gütigst besorgter Abschrift: „Herrn
Senator Thomas zu Frankfurt empfiehlt seinen Freund August
von Haxthausen. Cassel 8. Sept. 1816. Jacob Grimm.*
Ein anderer im Besitz des Justizrath Dr. Euler wird dem-
nächst abgedruckt in den Mittheil, des Frankf. Vereins f.
Gesch. u. Alterthumskunde Bd. VIL Heft 6. Die Zahl der
ursprünglich vorhandenen Briefe muss eine sehr beträchtliche
gewesen sein, da die Grimm-Correspondenz nicht weniger
als 128 Briefe von Thomas u. seiner zweiten Frau, welche von
y Google
Anmerkangen zu B. I S. 74. J69
1812 — 43 reichen, enthält, und da noch eine Anzahl andere ver-
streut oder verloren sind. So besitzt Herr Landcerichtsdirector
Dahlmann in Marburg aus seines Vaters Nachlass einen
solchen ohne Datum, der von einem der Brüder einst an
Dahlmann überschickt war. Auf dem Brief v. 15. 10. 1888
bemerkte J. Gr.: „Letzter brief von Thomas, er starb plötz-
lich am 1. nov. zwischen 8—9 morgens 53 j. alt geb. 5. febr.
1785* und Rudolf Gr. bemerkte dazu : „Jacob liebte ihn mit
einem Gefühl, das an Zärtlichkeit gränzte." Diese Corre-
spondenz ist also für die Biographie der Brüder von gröszter
Wichtigkeit und wird es hoffentlich noch gelingen, die
Briefe der Brüder Grimm an Thomas wieder aufzufinden u.
dann einen Briefwechsel mit den Frankfurter Freunden,
Thomas, Schartf, Böhmer, Guaita, Jordis u. andern zu-
sammenzustellen. Ich beschränke mich deshalb hier die
Stellen aus Thomas' Briefen auszuheben, welche auf Bang
Bezug haben. Am 8. 8. 1822 schreibt er: „Auf Ihren Freund
Bang wird wohl bey der Wiederbesetzung der Stelle am
Gymnasium ernstliche Rücksicht genommen werden. Er ist
auch von Savigny u. Creatzer empfohlen. Nur wird er nicht
Matthias Stelle erhalten können; da man im Plan hat,
Vömel zum Rector u. Schäfer von Heidelberg . . zum Con-
rector zu ernennen. . . . Creutzer glaubt, da B. 10 Kinder
haben soll, er werde nicht auskommen hier, wenn er nicht
Gelegenheit habe, fremde Schüler in Kost u. Logis zu
nehmen, woran es jedoch meines Erachtens nicht fehlen
wird. Er hat überdiesz nur einen Competenten, der über-
diesz noch zweifelhaft ist.**. . . — Am 18. 11. 1822: „Wegen
des Gymnasium ist Entscheidung eingetreten. Vömel und
Schäfer sind, wie ich voraus schrieb, Rector u. Conrector
geworden. Für die dritte Stelle ist Bang vom Consistorium
vorzüglich empfohlen an den Senat, von dem die Sache nun
abhängt. ... Es ist allerdings bei so zahlreicher Familie
ein wichtiger wohl zu überlegender Schritt, den zu thun,
ihm, wie ich weis, ein Universitätsfreund, der Rathsschreiber
U s e n e r bestimmt abgerathen hat. Das ist übrigens Bangs
Sache.** — 11. 2. 1822 (lies: 1823 j : „Die üngewiszheit wegen
Weber von Wetzlar, der, wie ich Ihnen schrieb ans Gym-
nasium gerufen war, von dem ich aber nicht glaubte, dasz
er die Stelle annehmen werde, waren die Ursache, warum
ich so lange schwieg. Weber hat sich jetzt entschieden zu
kommen, ich musz also meine Hofnungen für Bang auf-
geben, so wehe es mir thut; denn Alles, was ich von ihm
weisz , hat mir sehr wohl gefallen u. da Anfangs , vor der
Bewerbung Webers die besten Aussichten waren, meine
Wünsche würden erfüllt werden , so hatte ich mir ein an-
genehmes Zusammenleben mit ihm ganz ausgemahlt.
y Google
170 Anmerkungen zu B. I S. 74—82.
Grüszen Sie ibn von mir herzlich n. versichern ihn, dasz es
an meinem guten Willen nicht gefehlt habe, Beinen Wunsch
zu erfüllen." . . . Die Bedürfnisse seien übrigens in Frankf.
wirklich unglaublich. Er brauche bei höchst einfachem,
stillen Leben jahrlich über fl. 5000. — Andere Stellen aus
Briefen von Thomas, vgl. Anm. zu S. 121, 210 u. 266.
S. 74. Guaita] Meline Brentano's Mann.
S. 75. Corpus juris.] vgl. J. Gr. an Tydeman vom
26. März 1820 (Briefe S. 71) : •Es soll eine neue critische
Ausgabe d. c. j. c. erscheinen etc.*
S. 76. Schubert über Göthe.] Gemeint ist doch
wohl 'Karl, Ev. Schubarth. Zur Beurtheil. Göthe's mit Be-
ziehung auf verwandte Literatur u. Kunst. (2 Bde. Breslau
1817. 2. Aufl. 1820.)'?
Thorbeck el vgl. S. 226. Es ist der spätere hollän-
dische Reform ministir Job. Rudolf Th., geb. 1796.
S. 77 no. 42] erwidert aut B.'s Br. 19. v. 28. 7. 1822,
worin den Brüdern ein Bang empfohlener Tynov Martin
weiter empfohlen war.
S. 78. Koch,] Chr. H., Lehrer am Pädagog. u. ausser-
ord. Prof. in Marburg (vgl. seine Autobiographie in Justi
S. 335 fl*.), später ord. Prof. daselbst. Er starb am 28. April
1861 (s. das Marburger Rectoratsprogramm v. 1861).
S. 80. Cr am er,] Andr. Wilh. Seine Autobiographie
steht in den Brockhausischen Zeitgenossen.
S. 80. Savigny's Schilderung von Bologna]
im dritten 1822 erschienenen Band seiner Geschichte des
röm. Rechts im Mittelalter.
S. 82. no. 45J erwidert auf B.'s Br. 20. v. 13. 12. 22:
Betrifft B.'s Berufungsangelegenheit nach Frankf. Creuzer
hatte ihn empfohlen, aber seine grosze Zahl Kinder er-
wähnt. Ein Cfoncurrent sei Schwenck, den Welcker u. Eich-
hof empfohlen hätten. Usener habe ihn nicht bestimmt
abgeratnen aber angegeben, dasz er mit Frau, einem Kinde
u. einer Magd jährlich ge^en 5000 fl. gebrauche. Eine von
Grimm Thomas mitgetheilte Stelle aus Bangs Brief werde
ihn doch nicht compromittiren V In Beantwortung von no.
43 folgt Lob d. Grammatik, aber Bedauern über Wegfall von
Dedication u. Vorrede (vgl. S. 86). Kuithan solle ein tüchtiger
Schulmann sein , die Freunde des Realismus dürften sich
nicht auf Emesti berufen. Creuzer's Biographie habe ihn
wegen ihrer Unterlassungssünden geärgert.. Grimm habe sie
zu milde , Savigny schärfer beurtneilt. C.'s Rückkehr aus
Holland sei jedoch so erfolgt, wie er erzählt. Seine Span-
nung mit Paulus habe ihn aber zu einem Anachronismus ver-
führt, denn 1791 als er sich die Psalmen-Erklärung durch
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 82—84. 171
die Homerprolcgomena erträglich habe machen wollen,
hätten diese noch nicht existirt. Wolf hofiere er zu sehr.
Ein liebes Büchlein sei das von Gramer. Buttmann's Un-
tersuchungen im Lexilogus seien verfrüht. Das neugriechische
werde nocn vieles aufklären. Der junge Creuzer, der seine
Dissertation über das Nibelungenlied schreiben wolle, habe
gebeten ihn den Brüdern zu empfehlen. Es folgen dann
ücher, welche B. aus Cassel geliehen wünscht. — no 45 u.
46 beantwortet B.'s Br. 21. v. 22. 2. 23. : B. schickt damit die
Bücher zurück und bittet um neue, meint Creuzer werde
ihm doch in der Frankfurter Angelegenheit geschadet
haben. Nach Ankunft von Br. 46 bittet er um baldige Nach-
richt über Wilhelm's Gesundheit. Er selbst will sich wegen des
Mislingens seiner Frankfurter Pläne kein graues Haar mehr
wachsen lassen. Weber, der die Stelle erhalten, sei ein ge-
lehrter Mann. Man habe ihm für seine Privatschule den
Knaben eines Hofmarschalls aus Cassel auf -hausen ange-
tragen; er habe aber nicht gern mit zu vornehmer Leute
Kindern zu thun.
S. 8:3. Schwenck,] Conrad, geb. d. 21. Oct. 1798 in
Lieh b. Giesaen, Schüler Welcker's und Jugendfreund von
Friedr. Diez. 1823 ging Schwenck nach Frankfurt, obwohl
er die Stelle, um welche er sich gleichzeitig mit Bang be-
warb, auch nicht erhalten hatte, erst 1825 wurde er zum Lehrer
der Geschichte am Gymnasium daselbst ernannt. 1858
wurde er als Conrector des Gymnasiums pensionirt und starb
am 14. Febr. 1864; vgl. Dr. E. Neubürger: „Einige Blätter
zur Erinnerung an Konrad Schwenck" Frankf. a/M. 1867,
sowie meine „ErinnerungBworte an Fr. Diez" S. 17 ff. ; femer
einen Br. v. Diez an J. Grimm in Z. f. rom. Phil. VII, 489.
S.83. etymologisirt in Kannescher Art.] Offen-
bar Anspielung an Kanne's Pantheum, worüber vgl. J.'s u.
W.'s Aeusserungen gegenüber Görres vom 5. Dec. 1811 und
dessen Erwiderung in seinen gesammelten Briefen II 261 f.,
268 f., 283 f., wieder abgedr. in : Briefe v. J. Gr. an Tyde-
man S. 181. Naturgemäss ist J.'s Urtheil 1822 weniger
günstig, üeber eine andere Schrift Kanne's s. Anm. zu S. 150.
S. 84. Hier in Cassel war zu meiner Zeit
Richter . . Rector] vgl. die Autobiographie bei Justi.
An die Schuljahre erinnerte sich J. später gern: vgl.
Freundesbr. S. 91 , Brief v. 28. Merz 1824 , sowie einen Br.
an Lassberg v. 24. Aug. 1829, d. h. in der Zeit geschrieben, wo
die Berufung nach Göttingen bereits so gut wie sicher ge-
stellt war (Germ. XIII, 367): Jugend er innerungen sind doch
die schönsten und werden immer schöner, ich möchte mich,
80 oft ich daran gedenke, in meine Schuljahre zurückver-
y Google
172 Anmerkungen zu B. I S. 85—89.
netzen (viel lieber als in die studentenjahre) die bücher
unter den arm nehmen und fröhlich über den markt springen.
So leicht ums herz wirds einem hernach doch nie wieder,
wie damals ; wie voll und verweilend ist die zeit der Jugend,
ein tag mehr als jetzt eine schnell verrauschende woche.*
Jacob war übrigens auch ein musterhafter Schüler gewesen.
Aus dem Festprogramm des Casseler Gymnasium von 1879:
wZur Statistik des Lyceum Fridericianum während seines
Bestehens von 1779—1835 von Dr. F. G. K. Gross" S. V
ergiebt sich, dass schon beim Herbstexamen 1799 Nathanael
Caesar über Jacob Grimm als Primus der Oberquartaner
schrieb: „Mit Vergnügen können ihn die Lehrer als einen
der fähigsten, fleiezigsten und gesittetsten Schüler empfehlen*
und 1801 beim Frühjahrsexamen über ihn als Primus der
Untersecunda urtheilt: „Macht bei un tadelhafter Aufführung
mit gewohntem Fleisz rühmliche Fortschritte*, und bei
seinem Abgange aus Unterprima Ostern 1802 : dass r er durch
seinen ausnehmenden Fleisz völlig die Kürze der auf dem
Lyceo zugebrachten Zeit ersetzte.* Seine am 9. April 1802
gehaltene Valedicenten-Rede : „De ingeniorum certaminibus
in sacris Graecorum ludisque solemnibus" fehlt nach der-
selben Quelle leider in der betreffenden Sammlung des
Casseler Gymnasium. Ueber W. Grimm sind ähnliche
Notizen nicht überliefert (vgl. Anm. zu II S. 1), ihn ängstigt
noch 1824 im Traum der Gedanke, dasz er in die Schule
gienge u. dieses u. jenes nicht wisse (vgl. S. 233).
b. 85. Jetzt siehts mit dem hies. Lyc. nicht
gut ausl vgl. S. 60.
S. 86. Creuzer, der junge]
rath Creuzer in Marburg u. Meffe des Heidelberger Prof.,
S. 86. Creuzer, der junge] Sohn des Consistorial-
vorher Hülfsl ehrer bei Bang in Gossfelden und dann Gym-
nasiallehrer in Marburg und Hersfeld.
S. 86. Vorrede u. Einl. musste wegbleiben]
vgl. Briefw. m. v. Meusebach S. 309 Anm. zu S. 7.
S. 87. Eichhorns Jahr h.J gemeint ist offenbar Joh.
Gott. E.'s Gesch. d. 3 letzten Jahrh. 3. Aufl. 1817.
S. 88. Co 11 mann] Pfarrer, welcher in Cassel eine
Erziehungsanstalt hatte.
S. 88 no 48]. Darauf erwidert B.'s Br. 22. v. 9. 1. 24:
Dank für die Mittheilungen , näheres über Conradis Ver-
lobung. Bücher brauche er wohl. „Brod u. Bücher. Lange
habe ich mich danach gesehnt. Aber der Gevatter Wil-
helm hat alle die Aufträge vergessen in den glänzenden
Circeln Marburgs. Aber so sevd Ihr ürbani mit Eurer ür-
banitas. Dennoch soll er herzlichst gegrüszt sein."
S. 89. serbische Gr.] Wuk's Stephano witsch (vgl.
y Google
Anmerkungen zu B. 1 S. 89—90. 173
Anm. S. 228) kleine serbische Gr., verdeutscht u. mit einer
Vorrede v. J. Gr. Leipz. u. Berl. 1824. Vgl. Germ. XI, 385
und Kl. Sehr. J. Gr.'s IV, 22.
S. 89. Preisschrift über die deutschen Ad-
jectiva) vgl. Br. v. J. Gr. an Tydeman S. 142 Anm. zu
S. 78. Sie war veranlasst durch ein Preisausschreiben der
deutschen Gesellschaft zu Königsberg, doch wurden nur die
beiden ersten Kapitel fertig gestellt. Sie sind zum ersten
Mal abgedr. in J. Gr.'s Kl. Schriften VI, 307 ff.
S. 89 no 49.] Darauf erwidert B.'s Br. 23. undatirt
(Postst. 21. April j. Die Bücher folgen zurück , Eichhorn
tauge nichts. Jacobs letzter Brief vom Jan. sei trübsinnig
ffewesen. Dass man ihn kränke sey ihm unbegreiflich, dasz
J. aber denken könne, er, B., glaube ihn auf falschem Wege,
das ginge über die Schnur.
S. 90 no 501 Darauf erwidern B\s Br. 24 u. 25 v. 16. 7.
u. 26. 8. 25 — Br. 24: Glückwunsch. Das Verbot der An-
spielung anf die Namen Grimm und Wild veranlasste B.
an Chrimhieldzu denken und fluon Jacob einige Lob-
verse der Ehe zu citiren. Im übrigen spricht er über die
anbei zurückgehenden Bücher, über seine drei ältesten
Söhne, über seinen Gehtilfen Dr. Grenzer, über Savigny's
Befinden. Ein Bonner Profess. habe ihm Ostern erzählt,
S. habe mit der Familie vielen Kampf über das Nicht-
catholischwerden seiner Kinder gehabt , er habe aber fest
widerstanden. ,Als ich in der Zieitung las, dasz ein anderer
Minister der Justiz geworden, alo nicht S. , habe ich eine
Bouteille alten Rheinwein, die noch bey mir lag als Ge-
schenk, ganz allein getrunken.' B. bittet dann um Für-
sprache und Rath wegen eines Stipendiums für seinen
Sohn. — Br. 25 empfiehlt den Doctorandus Creuzer, seinen
Gehülfen, welcher bei M. R. Graft Hauslehrer werden solle.
C. thue es noth, etwas unter die Menschen zu kommen.
Nachfrage nach Savigny. .Habt Ihr gelesen 'Vosz und die
SvmboliK* von einem gewissen Menzel? Der hat aber den
alten Steinbock mächtig gepackt.* B. bittet um Auskunft
über Menzel und andere Schriften von ihm, möchte nur
wenige Buchstaben wieder einmal von Jacob sehen und grüszt
die Männer und die Frauen im Grimmschen Hause herz-
lich und freundschaftlichst
S. 90. Meine Braut heiszt Dorothea.] Das
Heirathsconsensgesuch Wilhelm Grimmas s. Bd. U, S. 9 ff.
Die Heirath fand am 15. Mai 1825 statt. Unter diesem Tag
findet sich im Kirchenbuch der Kasseler Hofgemeinde Bd. E.
p. 411 folgender Eintrag: «Herr Wilhelm Carl Grimm
Secretarius bey Kurfürstlicher Bibliothek des in Hanau (!)
y Google
174 Anmerkungen zu B. 1 S. 90—92.
verstorbenen Stadtschreibers H. Wilhelm Carl Grimm hinterl.
S. und Jungfrau Henriette Dorothea Wild, des verstorbenen
Apothekers Herrn Joh. Rudolph Wild hinterl. T.** Vgl. sonst
hier S. 238, sowie Görresbriefe HI, 190 f., Briefe, mit von
Meusebach S. 322, Freundesbr. S. 231 und Jugendbr. S. 506
no. 34 den Eintrag in die Grimmische Familienbibel: ,Im
Jahre 1825 den 15. Mai verheirathete sich mein lieber
Bruder Wilhelm mit Dorothea Wild, Tochter des verstorb.
Herrn Wild, Apotheker dahier. Die Einsegnung geschah
Morgens 1/2I2 Uhr im Schmerfeldischen Gartenhaus. Der
Himmel gebe ihnen seinen Segen. Cassel. Jacob Grimm.'
— Das schöne Verhältniss, welches zeitlebens nicht nur W.
sondern auch J. mit Dortchen verband, geht aus zahlreichen
Stellen ihrer Briefe hervor. Ich erinnere nur an folgende :
J. Gr. an v. Meusebach v. 15. Nov. 1829 (S. 120): .Dortchen
kommt mir ordentlich wie meine frau vor, weil ich nach
der frau bibliothecarin und nicht mehr nach der irau se-
cretarin fragen höre.** W. Gr. an Lachmann 18. Jan. 1838
(Briefw. mit Meusebach S. 415): «Jacob sitzt in Cassel. . • .
Die Trennung thut ihm weh wie uns. 'Sie thun dort alles
fOr mich, schreibt er, aber sie können mir nicht geben, was
ich vermisse.' Zu seinem Geburtstag am 4. Jan. reiste
Dortchen, da sich eine Gelegenheit darbot, sammt allen
Kindern hin. Sie langte den Abend vorher an, stieg bei
ihrem Bruder ab, und sie machten sich den andern Morgen
auf den Weg in die Bellevue* etc. — Anspielungen auf ihre
Namen mussten zieh die Brüder offenbar oft gefallen lassen
vgl.: «Es ist mir nur lieb, dass Sie nicht . . . meine
Grammatik eine Grimmatik gescholten haben.* (Brief J.
Gr.'s an v. Meusebach vom 24. Dec. 1822, S. 6), vgl. auch
L.Diefenbach an Weigand vom 11. Jan. 1851(Anm.z.S.388).
S. 92 no 51.] erwidert auf B.'s Br. 26. v. 14. 2. 26:
Bang beginnt mit verspäteten Neujahrswunsch, erkundigt
sich nach dem Hofmeister Creuzer, dessen sich die Brüder
annehmen sollen. .Ich hoffte viel, dasz ihm das Anschauen
Ihrer ebenso geräuschlosen als groszen Thätigkeit ein
Centrum geben sollte.* Gerücht, der Heidelberger Creuzer
Sehe nach Berlin, seine und Daubs Sache sei allerdings in
[. bedeutend gesunken. .Clemens Brentano hat vorigen
Sommer in Wiesbaden eines Pfarrers Tochter zum Catho-
licismus verführt. Der Pfarrer ist ein Jugendlehrer von
Savigny und hat vor langen Jahren schon einmal die
Schmach gehabt, dasz Clemens eines seiner Gedichte so
jämmerlich mishandelte .... Lassen Sie doch wieder
durch einiffe Bücher es hier sichtbar werden, dasz Sie noch
über eine Kurfürstl. Hessische Hof-Bibliothek zu befehlen
y Google
Anmerkungen zu B. 1 S. 96—97. 175
haben. Zwar weis ich von Prof. Hupfeld, dasz Sie dieszes
drückend genuff fühlen ; aber ich möchte doch wieder sicht-
bare Proben davon haben. Herzlichste Grüsze an die
Frauen, Brüder, Schwester und an Euch."
S. 97. Wer wird nun curator der Universität?
ich denke minist er iairath Ries]. Es handelt sich
hier nicht um den Curator in dem heutigen Sinne, der da-
mals den Titel landesherrlicher Commissarius führte (diese
Stellung bekleidete seit 1821 bis in die 30er Jahre der
Hegierungsrath Hast), sondern um den Vorstand des Mini-
steriums des Innern, von welchem die Universität ressortirte.
Nach der Entlassung von Kraft ( Anm. S. 100) aus diesem Ajnt,
wurde der Vorstand des Justizministeriums Hiesz zunächst be-
auftragt, auch die Geschäfte des Ministeriums des Innern zu
fahren. Später gab er dann das Justizministerium ganz ab.
S. 97 no 53.J erwidert auf B/s Br. 27 v. 30. 3. 26. :
yLiebe Gevattern und Freunde! Der junge Bauer aus meiner
Gemeinde, 20 Jahre alt, der im Sommer Maurer und Lehm-
arbeiter und "Weisbinder ist, legt sich in den müssigen
Stunden des Winters aufs 2^ichnen and Mahlen. Bey mir
holt er sich immer Bilder zum Copiren, und hat nebst den
Göttinger Professoren, Ihrem Geschenk, auch Ihr Bild, lieber
Jacob, gemahlt. Weil ich glaube, es mache Ihnen Freude,
so einen Bauer unter meinen geistlichen Söhnen zu wissen,
so schicke ich Ihnen die Copie dieses Bildes. Was sagen
Sie dazu? und was die Brüaer? Vorgestern stand erlange
vor Ihrem Bild lieber Wilhelm ! zweileite aber, obs ihm ge-
lingen werde.** Herr Kraft habe ihn besucht, er verstehe
die Kunst sich schnell zu orientiren, habe nach allem
examinirt, nach Waschen wie nach Methode u. Stoff. Er
sey ihm immer noch als ein Minister des öffentlichen Unter-
richts erschienen u. habe förmlichen Unterricht im Deut-
schen nach Adelung oder Schmieder verlangt. „Der Debel
hohl mich, was hatte ich gleich zur Hand Ihre' Grammatik
1. Ausg. u. liesz ihn sehen, was noth thue. Ehe bis wir
so weit wären, dasz diesz Buch in die gelehrten Schulen
eindringe, läugnete ich jeden anderen Unterricht im Deut-
schen, sagend, die Jungen müssten es lernen, wie es Sa-
vifiT^y gelernt, der es bekanntlich gut gelernt habe.*
Kraft habe Lust gezeigt ihm seinen Jungen anzuvertrauen,
doch habe er ihn nicht darin bestärkt, übrigens habe er
grosse Achtung vor dem Mann ,u. die Erfahrung wirds
lehren, ob jener Riese diesze Kraft habe." Die Schilderung
J.'s von dem jungen Creuzer stimme ganz mit seinem Ur-
theil überein. Er habe sie dem Vater gezeigt. Der Sohn sey
jetzt in Marburg krank, solle aber nach Cassel zurück u. die
y Google
176 Anmerkungen zu B. 1 S. 97-101.
Brüder, welche er verehre, möchten ihn zur Arbeit ermuntern
und an eine Bibliothek empfehlen. Den zweiten Bd. d.
Grammatik habe er noch nicht gelesen. Buttmann's Lexi-
logus sey frei von der kahlen Speculation sonatiger Etymo-
logen. Riemer sey „wohl geistreich u. witzig; aber auch
naseweis u. verwegen, ein leichter Husar, der die schwere
Cavallerie der Philologen oft ärgert.* Passow müsse in
der Metrik noch Manches lernen. Seyifart solle dem Her-
mannschen System einen heftigen Stoss versetzt haben. Er
habe endlich an Savigny geschrieben „Glaubet fest, dasz
auch ich innigst froh seyn werde, wenn bey Euch der Ruf
erschallet: 'Es ist uns ein Mensch geboren worden.** —
Auf no 53 erwidert B.'s Br. 28. v. 11. 5, 26. betitelt: ,*Au8-
zug eines Briefs, den ich meinen lieben Gevattern Grimm
schieiben wollte: Glückwunsch wegen des kleinen Jacob,
Bitte B.'s Sohn , welcher über Cassel nach Göttingen reise
Bibliothek u. Museum zu zeigen. „Herrlicher Brief v. Sa-
vigny. So menschlich rein, so gelehrt! aber leider auch
sehr klagend besonders über Gesundheitszustand u. über
sectenartige Widersacherei der Hegelianer." Die Regierung
habe Vosz u. Paulus den Streit mit Creuzei verboten. Voaz
sey mit dem Rescript auf dem Krankenlager verschont. Die
Fama verbreite dennoch, er sey daran gestorben. Bitte um
Savigny's Abhandlungen über das Colonat u. d. Steuerver-
fassung. Er nenne sie seine gelungensten. „Der S . . dasz er
sie mir nicht geschickt ! Da er doch weisz, wie mich jedes
Büchlein erfreut. Der junge Creuzer ist am Marburger
Gymn. mit 100 Thlr. angestellt/
S. 97. JacobJ Wilh. Grimm's ältester noch im selben
Jahr verstorbener (S. 241 f.) Sohn. Vgl. über seine Geburt
Freundesbr. S. 231 f. sowie Briefw. m. v. Meusebach S. 362
Anm. zu S. 31 no. 22-3. Im Kirchenbuch der Kasseler
Hofgemeinde Bd. E finden sich folgende 2 Einträge p. 133:
„Getaufte 1826. April am 16. Jacob des Bibliothek Secretars
H. Dr. Wilhelm Grimm et ux. Dorothea geb. Wild S. n.
3. April h. p. 2. Gev. H. Bibliothekar Jacob Grimm, des
Kindes Oheim* und p. 534: rBegrabene 1826. December
am 18. Jacob, des Bibliotheks-Secretarius Herrn Dr. W. C.
Grimm et ux. Dorothea Henriette geb. Wild S., t am 1^. I^ec.
h. m. V, alt 8 M. 5 T.*
S. 100. diesen Staatsmann] Ministerialrath Kraft
in Cassel, dann Obergerich tsdirector in Marburg (vgl. S. 85
u. 96). Er starb als Meiningischer Staatsminister a. D.
S. 101. Der junge Mensch.] Herr Amtmann Hille
in Darmstadt, der zu jener Zeit Bang's Schüler war, und in
dessen Besitz dieser unser Brief sich derzeit befindet, theilt
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 101—104. 177
mir mit: «Es handelt sich unfehlbar um den Weissbinder-
gesellen Bosz aus Samau , der allherbstlich die frischen
Kalkwände der Schulstube in Banges Haus mit einer Roseti-
guirlande zu schmücken pflegte. Ich habe ihn Wünsche
aussprechen hOren, die Bang — unter Umst&nden ein Bischen
IdealiBt — als Ausflüsse verborgenen Talents gehalten haben
mag, erinnere mich auch, dasz JBosz Bang was gezeichnetes
brachte."
S. IQlf. Bumohr über die Kochkunst.^ Dr.Beimer,
Archivar in Marburg theilt mir mit, dass sich im Besitz
seiner Verwandten ein Kochbuch befindet, in welches von
idlen möglichen Freunden, darunter auch von den Brüdern
Grimm, je ein Recept eigenh&ndie eingetragen sei. Dasselbe
ist jetzt in Prof. A. Tobler's Händen.
S. 103. In diesen Monaten streichen die
Professoren wie Zugvögel] vgl.: «Also mit den ge-
lehrten Vögeln , die im Frühjahr u. Herbst von einer üniv.
zur andern ziehen, haben Sie diesmal nicht streichen
wollen?* Brief W. Gr.'s an Lachmann im Briefw. mit
V. Meusebach S. 382 (datirt v. 13. Aprü 1833).
S. 103. Offenbarungen der Dülmer Nonne]
vgl. Briefw. m. v. Meusebach S. 363, Görresbriefe II, 576.
S. 103. Ich höre, dasz man in Marburg viel
von der Versetzung der Universität hierher
spricht.] Im Marbur£[er Universitätsarchiv befindet sich
unter den Senatsacten em eigenes Fascikel Über die Irrig-
keit dieser durch Zeitungsartikel ausgesprengten Geruch^,
welche den Senat aber doch veranlasst hatten, in Cassel
darüber anzufragen. Vgl. Anm. zu S. 241 Snabedissen^s
Br. 47.
S. 104. no 55.] ist datirt vom 18. Juni (Jnr. ist verdruckt)
1827 und erwidert auf B.'s Br. 29. v. 16. 6. 1827. Danach
hofft B. Passavants Stelle an der reformirten Kirche in Frank-
furt zu erhalten u. bittet um Empfehlung. Director Vömel,
der die Schule mit dem Mystischen der Religion überfalle,
bewerbe sich allerdings auch darum, habe aber z. B. die.
Neufvüle^s gegen sich. „Ich sage nichts, wie es mir zuletzt bei
Ihnen gefafien . . . wie ich Schlegel bej allen seynen unange-
nehmen Manieren u. Grimassen dennoch sehr achte.' —
Auf no 55 erwidert B.'s Br. 30. v. 29. 6. 1827: B. ist in
Frankfurt gewesen u. sehr freundlich v. Thomas aufgenommen.
Der m;^ stische Scholarch habe keine Aussicht, er aber wahr-
scheinlich auch nicht, da viele sich schon gebunden hätten.
Clemens Brentano sei von einer Reise nach Paris auch in
Frankfurt , u. sage, er B. passe als Prediger nicht für die
Frauen. Als schönsten Gewinn seiner Reise betrachte er
£. Stengel. Acten der Brüder arlimu. X2
Digitized by VjOOQ IC
178 Anmerkungen zu B. I S. 104-105.
die Bekanntschaft mit Görres, dessen hohe Einfalt n. Klar-
heit ihn entzückte a. den er über Schlegel stelle. Er arbeite
jetzt eifrig an einem ethnologischen Geschichtswerk, das,
wie er gerade heraussage, gewaltig aufräumen würde. Eine
seiner Hauptquellen seyen die dazu noch gar nicht be-
nutzten Schollen der Alten. Er hoffe im Herbst in München
angestellt zu sein. Sein Sohn, Guido, habe ihm auch gefallen,
er wolle bald die Grimms aufsuchen. Frau Thomas lasse
die ganze Grimmsche Familie grüssen. Christian Brentano
komme bald von Rom zurück. Savigny u. Frau seien ge-
sund, über den Sohn klagen alle. Bitte um Bücher
namentl. um 2te Aufl. v. Niebuhrs Rom. Gesch. über deren
Umänderungen sich Görres sehr gefreut habe, sowie um
2 Aufsatze Savigny's.
S. 105 vor no. 56.] Hier schiebt sich folgender mir
nachträglich von Herrn Amtmann H i 1 1 e abschriftlich über-
sandter Brief ein :
55a. Jacob Grimm an Bang.
Der neue Niebuhr, lieber Bang[, den Sie haben
wollten, ist schuld, dafs auf Ihren brief vom 29 juni so
späte antwort erfolgt, das buch war nicht gleich in meinen
bänden, hernach wollte ich es selbst wenigstens durchlaufen
und auch jetzt kann ich es Ihnen nur auf drei, vier wochen
lafsen. Es haben sich noch mehrere der^leiche leser dazu
gemeldet, übrigens finde ich es zwar weit ausgearbeiteter
und reicher, worüber er in der vorrede mit schönem stolze
spricht, aber doch nicht so grundverändert, wie Gör res
meint. Ein werk, das einem zu schaffen macht, wie wenige,
man muls überall streng aufmerken um zu verstehen und
zu behalten: Ich lege Ihnen Ranke und Schlossers
neue ausgäbe bei. Von Ranke ist eben ein frisches werk
heraus über das 16. 17 jh. mit gleichem geiste und fleilse
geschrieben, das Sie haben sollen, wenn Ihnen jenes gefällt.
— Menzels reform ationsgesch. (die meinen Sie doch?) ist
ausgeliehen. — Es freut uns, dafs es Ihnen zu Frankfurt nach
wünsch ergangen ist, wenn auch aus der hauptsache, wie es
scheint, wieder nichts werden sollte. Thomas ist ein ehr-
licher, verständiger mann; der andere der nach mir fragte
wird Senator Scharf gewesen sein. Dafs Ihnen die männer
von allen parteien recht sind, wo sie geist und gelehrsamkeit
offenbaren und ein redliches herz zeigen, ist ein schönes
zeug^ifs für Ihren eignen sinn. Die ^ofsen entd eckungen
des Gör res aus den scholiasten begreife ich noch zur zeit
nicht, wills aber abwarten, überhaupt vermag ich den gang
nicht zu verfolgen den seine studien in den letzten zehn
Jahren, seit er wenig wifsenschafblicher art hat drucken
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 105—108. 179
lafsen, genommen haben. Den söhn habe ich anch von
anderen loben hören. — Für die mittheilnngen über Clemens
und Christian danke ich. Von Savigny lauteten die
letzten meidungen gut, sind aber freilich etwas alt; doch
muTs keine neue gefahr eingetreten sein. — Senden Sie mir
doch die beiden abhandlun^en Savignys über die röm.
Colonen und abgaben bald wieder, ich brauche sie. — Luis
ist nach Westphalen gereist, Wilhelm und Dortchen
wohl, wir grüisen Sie von herzen: Ihr treuer freund und
gevatter
Cassel 20 aug. 1827. Jac. Grimm.
S. 105. no 55. a]. Auf diesen Brief erwidert B.*s Br.
81. y. 4. 10. 27: B. sendet Bücher zurück und bittet um
neue, beschreibt das Universitätsfest, welches die Brüder,
wie fast alle Cassler verschmäht hätten. Savi^y werde
krank in Träges zurück erwartet und solle nie mehr in
Berlin auftreten wollen. Creuzer habe Gans ins Gesicht ge-
sagt: dasz er S.*s Buch ganz anders habe behandeln sollen,
und habe seinen Namen auf der Berliner B«censentenb'ste aus-
streichen lassen. Er Bang könne eine gute Portion Wünsche
Ssbrauchen, da seine ,Frau jetzt zum zwölften mal eine
albkuffel tragend* von Tag zu Tag der Erlösung ent-
fegensehe. Sonst wäre er ein Paar Tage nach Cassel ge-
ommen. Thiersch: ,Über öffentl. Schulen* habe ihm sehr
gefcdlen.
S. 108. Wit. Dörring.] Wit genannt v. Dörring.
1827 — 30 erschienen von ihm „Fra^m. aus meinem Leben
n. meiner Zeit', 1827 in Braunschweig: Lucubrationen eines
Staatsgefangenen.
S. 108. no 57] erwidert auf B.'s Br. 82. v. 16. 1. 1829:
„Meine liebe freunde! folgendes Bruchstück aus einem
Dialog mit meinem dritten Sohn, der ein Jurist ist, giebt die
erste Veranlassung zu diesem Brief: — Sohn : Ich mag nun
im nächsten Semester das Germanicum in Marburg oder
Heidelberg hören, so will ich mich immer im voraus be-
kannt machen mit Eichhornes dahin gehörigen Schriften;
5:ebe mir doch zu dem Ende das Buch des Herrn Grimm. -^
ch: Diesz Buch habe ich nicht; es mag noch nicht heraus
seyn. — Sohn: Heraus ist's; schon im Herbst habe ichs bey
Herrn Carl in Hanau gesehen. - Ich : Aber ich habe es
nicht. — Sohn: Warum nicht? — Ich: Der Verfasser hat
mirs nicht geschickt — Sohn: Warum? — Ich: Herr
Grimm denkt vielleicht, ein Buch solchen Inhalts nütze mir
nichts. — Sohn: Das ist wohl richtig, aber Savigny hat Dir
doch alle seine Schriften, die noch in weit strengerem
Sinn nur juristischen Inhalts sind geschickt. — Ich: Ja
12*
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180 Anmerkungen zu B. I S. 108—111.
80 . . . .■ Er hoffe diese neue Art Bettelejr werde J. nicht
ganz verwerflich finden. Thomas denke ihn immer noch
von Qoszfelden fortzubringen, doch bliebe er nun gern da
(vgl. Thomas an J. Gr. v. 20.8.1827). Creuzersei im Herbat
viele Tage dagewesen munter und spasshafb, Savigny sei
wohl. iiNun ist noch Raum Ihnen eine Sprachbemerkung
mitzutheilen , dasz Ewart i. e. Gesetzbewafarer in Ober-
hessen noch im Munde des Volkes lebe. So ist z. B. das
Währ-Ewart eine Gesellschaft von Bauern, welche das
Flusz-währ behufis der Wässerung der Wiesen in einem
groszen Umkreise aufrecht h<, das Recht selbst zu strafen
ausübt etc. Lre ich nicht, so giebts eine Dissertation de
judiciis ad Lanam.'
S. 109. Bauer, Prof. in Marburg.] Die ürtheile
der BrQder über ihn waren schon in der Studentenzeit sehr
ungünstig, wie ihre Briefe aus der Jugendzeit ergeben (vgl.
S. 9, 28, 55). Ebenso urtheilt J. Gr. in einem Brief an
Tydeman vom 8. Dec. 1812 S. 43: „An Goedes Stelle ist
Bauer ans Marburg versetzt, ein mittelmässiger Docent, der
sich nur mit unbeneidenswerthem Eifer auf das neue Recht
geworfen hat." Vgl. S. 289 Wilhelms ürtheil.
S. 109 den Hu fei and]. Gottlieb H. seit 1788 Prof. ftLr
deutsches Recht in Jena starb 1817 als Prof. in Halle.
er wollte mir nicht behagen] vgl. «so könnte ich
mich jetzt nicht mit Staats-, Privatrecht etc. abgeben.* Brief
an W. V. 12. 7. 1805 (Jugendbr. S. 58). Dennoch beabsich-
tigte J. sich damals der Prüfung pro advocatura zu unter-
ziehen (vgl. ib. S. 36, 39, 57), hat aber die Absicht nie ver-
wirklicht, wenigstens findet sich in den Acten der jur. Fa-
cultät nichts darüber. Über Wilhelms Prüfung s. IL S. 1.
S. 110. Berliner Facultät . . . das Diplom
ausgefertifj^t] vgl. Br. an v. Meusebach S. 847.
S. 110. die Statute der oberhessischen wuhre-
warte]. Gemeint sind die Währ-Ewart e in Bangs
Br. 32. Vgl. dazu : Das Wehreinwart im Amte Wetter von
Landau (Bd. 4 d. Zeitschrift d. hess. Geschichtsvereins
Kassel 1847 S. 167 ff.)
den impertinenten Gans] E. t ^* ^« 1839, vgL
über ihn Briefw. m. v. Meusebach S. 335 ff.
S. 110. Hol weg]. Betiimann - Holweg der bekannte
spätere preussische Unterrichts-Minister der neuen Aera.
S. 111. ein Heft der Zeitschrift] für gesehichtl.
Rechtswissenschaft heraus^eg. v. v. Savigny, Eichhorn u.
Göschen. Berlin 1828. Die 2 Aufsätze Savignys sind be-
titelt: «Ober den juristischen Unterricht in Italien' u.
-Über das Interdict quorum bonorum (Nachtrag zu
Bd. VL)«
y Google
Anmerkongen eu B. I S. 111—115. 181
S. 111. vielleicht den Heffter]. Heffter wurde in
der That 1833 nach Berlin berufen.
ib. dasz Eichhorn Göttingen verläszt]. E.
Friedr. £., der Begründer der deutschen Privatrechta-Dis-
ciplin verliess aus Gesundheitsrücksichten Göttingen 1829
und zog sich auf ein Landgut bei Tübingen zurück. Vgl.
über ihn Schulte's Biographie 2te Aufl.
S. 111. das kleine Hermftnnchen gedeiht zu
unserer Freude]. Wie rührend sich Jacoo des Kindes
annahm erweist auch der Schlusz seines Briefes an y. Meuse-
bach V. 7. Oct. 1828 (S. 99 f.): , Wilhelm ist heute morgen
5 Uhr mit Dortchen . . . nach Marburg gereist . . . Leben
Sie wohl, das Kind schreit, ich musz es warten helfen.*
Frl. Minna Bsuig theilte mir folgende idyllische Scene mit,
die sich um diese Zeit zugetragen haben wird: ,,Mein Vater
(der spätere Pastor in Rosenthal) hatte im Auftrage seines
Vaters (des alten Bang) Grimms ein Buch zu überbringen.
Beim Eintritt in ihr Zimmer sieht er Wilhelm Grimm mit
einem Wickelkind auf dem Schosz, vor ihm Jacob, der sich
bemüht demselben Brei einzufiltriren.** — Im Kirchenbuch
der Kasseler Hofjgemeinde Bd. E. p. 148 findet sich folgender
Eintrag: „Getaufte 1828 Jan. am 27ten Hermann Friede-
rich des Bibliothek-Secretars Wilh. Carl Grimm et ux.
Henr. Dorothea geb. Wild n. am 6. Jan. Morgens 11 Uhr
Gevatter Jacob Carl Grimm.'
S. 112. Abschied von CasselJ. vgl. den Brief-
wechsel mit Hupfeld in Anm. zu S. 280, sowie Anm. zu
S. 266, einen Brief Jacobs u. Wilhelms an v. Meusebach v.
15. Nov. 1829 (S. 117 ff.) u. Brief Jacobs v. 8. Febr. 1830
(S. 354 Anm. z. S. 125). Brief Jacobs an Lassberg vom
17. Nov. 1829 (Germ. XIII., 369).
S. 112—3. Louis . . . ist mit der Tochter der
Wittwe des Prof. Böttner versprochen.] vgL
S. 408 und Briefw. mit v. Meusebach S. 352 z. S. 119. Die
Hochzeit fand am 20. Mai 1832 statt (ib. S. 368 f.)
S. 114. Jacob hat Rechtsalterthümer ange-
kündigt] VgL W. an v. Meusebach 19. 12. 1830 (S. 136).
ib. werden nur Brodcollegia gehört] vgL Briefw.
m. V. Meusebach S. 368.
S. 115. dasz ich die arbeiten, die ich im Kopfe
trage, . . . vollführen könnte.] vgL S. 314, 332,
Brierw. m. v. Meusebach S. 341 Anm. z. S. 80, Germ. XIH.
374. no 14.
S. 115. Diese Bibliothek ist ein stets um-
laufendes Rad oder ein stets hungriges thier].
vgl. Briefe v. J. Gr. an Lassberg v. 20. Aprü u. 8. Aug. 1830
y Google
182 Anmerkungen zu B. I S. 115—117.
(Germ. XIII. 370. fF.), Tydeman (S. 143 Anm. zu S. 82. eb.
8. 145 Anm. zu S. 87) u. besonders an Lachmann y. 21. Juli 1830
(Briefw. m. v. Meusebach S. 354 f.)
S. 116. Zum professorleben . . musz man sich
vom doctor auf anschicken u. bilden, später
bin schmeckts nicht mehr]. Schon am 17. Nov. 1829
schreibt J. an Lassberff (Germ. XlII., 369): ,Es hätte schon
zehn jähre früher gescnehen sollen, damals waren unsere
Organe noch weicher, unser ganzes wesen noch fügsamer*,
am 15. Nov. an v. Meusebach (S. 120): .Der professor ge-
mahnt mich noch seltsam, aber die mägde werfen schon
ganz fertig damit herum." u. am 26. Nov. 1831 (ib. S. 143):
«Ich hoffte diesen winter sollte die angeschlagne gramma-
tik nicht zu stände kommen . . . Diese Vorlesung macht
mir keine freude, aber viel mühe ; ich muss mich besinnen,
was den Studenten aus meinem kram taugt, und es für sie
ordnen und einrichten. Ich lerne nichts dadurch. Das auf-
treten zu bestimmter stunde auf dem catheder hat etwas
theatralisches u. ist mir zuwider.' Aehnlich schreibt er an
Lassberg am 8. Aug. 1830 (Germ. XIII., 372] : «Daneben
nun auch coUeg zu lesen ist für einen proiessor, der in
seinem leben noch nie gelesen hat, eine tüchtige anstren-
guug; ein solches colleg ist wie eine predigt, in der man
nicht stecken bleiben soll, und kehrt täglich zu bestimmter
zeit wieder, und in den 50 minuten, £e es dauert, musz
man eine men^e worte sprechen. Dergleichen kostet reif-
liche und mühsame Vorbereitung.* Dage^n hatte J. am
13. Juli 1805 an seine Tante Zimmer gescnneben (Jugendbr.
8. 57): «Ich würde gewiss mehr Lust am Professorfach
haben^ wenn mir nicht dabei die äuszere Lage sehr misz-
fiele, abgesehen, dasz die Universität auch nicht in Gassel,
sondern in Marburg ist, also immer in Entfernung von den
Meinigen.' Aus demselben Grund lehnte er die Bonner
Professur ab (vffl. 8. 175). Bekannt ist, dasz J. in Berlin
nur kurze Zeit Vorlesungen gehalten hat, während W. der
Docententhätigkeit mehr Freude abgewann und auch länger
Vorlesungen nielt. Was Jacob von den Angaben der
deutschen Universitäten dachte, hat er mehrfach ausge-
sprochen (vgl. Anm. zu 8. 120).
8. 116—7. unsere revolution . . . Wilhelms
Erkältung . . Arnims Tod] vgL darüber den schönen
Bi-ief J.'s an 8avigny v. 25. Jan. 1831 im Briefw. m. Meuse-
bach 8. 358 f.
8. 117. he-ss. Constitution]. vgL Anm. z. 8. 271.
8. 117. 8chenckl. F. K. W. H. Freih. v. Seh. za
Schweinsberg. Seit 1830 Minister und wesentlich bei der
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 117—120. 183
Einführung der Verfassung betheiligt, wurde im Herbst 1831
noch von Wilhelm II. vor seinem Rücktritt von der Re-
gierung entlassen und durch Wiederhold ersetzt, (vgl. Wip-
permann ^Kurbessen seit dem Freiheitskriefipe* S. 245^.
Er starb 1843. Seine Tochter war So^ie v. Witzleben
(vgl. Anm. S. 264). An v. Meusebach schrieb J. Gr. am 15.
Nov. 1B29 (Briefw. S. 120): „Um die Schenckische Familie
habe ich schon lange stilles verdienst, nämlich grammatik
2, 13 thut dar, dasz Schweinsberg nicht von dem thier, son-
dern von dem göttlichen sauhirt zu verstehen ist, das liest
aber der präsident noch viel weniger als Ihr distichon auf
die Weisheit."*
S. 118. Justi . . . möge . . ausdrücklich be-
merken etc.] Es handelt sich um die Autobiographie
J. Gr's. Es lag J. Gr. offenbar daran, dasz man wisze, er
habe sie vor den bedeutungsvollen Ereignissen in Hessen
im Herbst 1830 niedergeschrieben. Der gewünschte Ver-
merk steht denn aucn S. 164, ist aber wohl nur von
wenigen beachtet.
S. 118. no 60] erwidert auf B.'s Beileidsbr. 33. v. 6. 7. 1833.
S. 119. war die liebe Lotte schon einen hal-
ben tag todtj. vgl. Briof an Lachmann v. 20. Juni 1838.
(in Briefw. ro. v. Meusebach S. 386.) Sie starb am 15. Juni
1833, wegen ihrer Hochzeit vgl. Anm. S. 140, wegen ihrer
Abneigung vor dem Hofleben vgl. Briefw. m. v. Meusebach
S. 369. Die Grabschrift, welche ihr, ohne Hassenpflugs Mit-
wirkung die Brüder später setzen Hessen, lautet nach
Fr. Müller (Kassel seit 70 J. IL, 10): ^Unserer hier in Gott
ruhenden liebsten Schwester Lotte Amalie, geb. 10. März 1793.
Verheirathet 2. Juli 1822 mit Ludwig Hassenpflug. Gest.
15. Juni 1^3, haben wir diesen Stein im Jahre 18& setzen
lassen. Brüder Grimm." Das Denkmal ist nach einer Zeich-
nung von Ludwig Grimm durch den Bildhauer Henschel
(vgl. Anm. zu S. 146) ausgeführt.
S. 120. die gegen meinen Schwager an-
hängige Klage] Hassenpflug (vgl. Anm. z. S. 140) war
im März 1833 von der hessischen Ständeversammlung wegen
Verfiassungsverletzung angeklagt, wnrde aber mittelst eines,
für ihn allerdings nicht sehr schmeichelhaften Erkenntnisses
üreigesprochen. J. Gr., der hier ziemlich mild über seinen
Schwager urtheilt, hat bekanntlich sein politisches Auf-
treten scharf verurtheilt , ähnlich Wilhelm (vgl. Briefw. m.
V. Meusebach S. 369).
S. 120. Die Universitäten haben viel feinde.]
Bezieht sich auf Zöpfl's Anträge in den badischen Land-
ständen. Die hier angeführte Aeusserung Grimmas wurde
y Google
184 Anmerkungen zu B. 1 S. 120—221.
1844 von neuem in d. Allgemeinen Zeitung no. 36 aljre-
druckt und steht in den kleineren Schriften v, 151 ff. un-
mittelbar daran schliesst sich hier eine Besprechung J. Gr/s
von Savigny's Aufsatz, der in Ranke's Zeitschrift erschienen
war. Auch diese Besprechung ist aus d. Gott. Anz. 18fö,
St. 84-5. Ueber die Aufgabe der Univ. hat sich Qrimm in
seiner Schrift yüber meine Entlassung' und in einer akade-
mischen Vorlesung (Kleinere Schriften I, 211) ausgesprochen
(vgL auch Anm. zu S. 116).
S. 121 no. 61] erwidert auf B.'s Br. 34. (den letzten der
erhaltenen) y. 28. 5. 1838: ^Lieber Freund u. Qevatter.
Endlich sehe ich heute aus der S^itung, dasz Sie in Gassei
sind , u. der Entschlusz an Sie zu schreiben wird auf der
Stelle zur That . . . Die Noth u. die Angst, die ich in
meiner Einsamkeit um Euch Alle gehabt habe u. noch habe,
vergesse ich nie . . . Ihr u. Georgia Augusta seid Eins. Sie
hat kaum den ersten Gipfel ihres Ruhms, das erste Hundert
erlebt u. gefeiert, so sinkt sie hinab, u. ihre edelsten
Häupter, Clara capUa, werden ihr entrissen theils durch den
Tod, theils durch Gewaltstreiche ... Ich habe mich manch-
mal in meinen vier Wänden nicht lassen können vor Freude,
wenn ich hörte von der unsterblichen Ehre, die Euch im
Unglücke bei der gebildeten Welt wird. Geben Sie mir
bald ein Zeichen, dasz Sie mich nicht vergessen haben, dasz
Sie mich noch ein Bischen lieben. Dem vierten Theil der
Grammatik, der Schrift aus Basel, den Mährchen u. was Sie
sonst fQjr mich passend halten, sehe ich mit Sehnsucht ent-
gegen. Es ist nichts als Bescheidenheit, dasz ich nicht
irüner mit einem Brief Sie oder Wilhelm aufgesucht u. zu
trösten u. zu verherrlichen unternommen habe. Welche
Menge guter u. schlechter Briefe werden Sie haben lesen
müssen. Nachdem es sich abgekühlt hat, komme auch ich
so schlicht als herzlich. ** — Hier seien auch die Aeusseruns^en
von Thomas in Frankfurt (Anm. zu S. 74) in seinen orei
letzten Briefen angeführt, welche sich auf den Protest der
Brüder beziehen. 1) vom 2. 1. 1838 : ,,Ich darf es nicht erst
sagen, da Sie sich von selbst denken können, wie sehr uns
Jacob u. Sie, seit Ihrer kundgewordenen Erklärung be-
schäftigt u. welchen Antheil wir genommen haben. Hassen-
pflug war kurz nachher hier u. ich besprach die ganze Sache
mit ihm oft u. vielfach. Von meiner ursprün^ichen An-
sicht, Ihnen die unsrige mitzutheilen, kamen wir zurück, da
es mislich ist zu rathen ohne an Ort und Stelle zu seyn u.
ohne die Verhältnisse ganz genau zu kennen, was jetzt noch
der Fall ist u. wozu noch kommt, dasz Alles zur Ent-
scheidung gediehen ist. Inzwischen sind wir alle bewegt u.
y Google
Anmerknngen za B. I S. 121. Ig5
müszen wünschen zu wissen, wie es mit Ihrer Gesandheit
geht u. was Sie zunächst beahsichtijg^n , auch sind wir be-
reit, wie es geschehen kann n. soweit unsere Kräfte reichen
Ihnen die alte Freundschaft zu erweisen, die von äuszeren
Verhältnissen und Ansichten nicht abhängig ist." — 2) vom
5. 5. 1888 : . . . Zudem bin ich mit der ganzen, ohnehin ver-
wickelten Sache zu unbekannt, um ein anderes Urtheil zu
fällen, als das: dasz ich nicht zweifle, wie ich Sie kenne,
Sie werden nach aufrichtiger Überzeugung über das, was
Ihr EechtsgefÜhl u. R^chtabewusztseyn Ihnen sa^, handeln
u. gehandelt haben. So &ide ich Sie auch in der ge-
druckten Brochüre wieder, die ich mit Interesse gelesen u.
es wiederholt sich mir, wie damals die, wie aus einer Be-
täubung auftauchende Frage: wie kann es geschehen, dasz
unser Jacob in eine politische Verwicklung geräth? Sie
thun sich noch in dieser Brochüre die Frage u. oeantworten
sie, ganz so, wie ich es mir dachte u. sie von andern er-
klären hörte. — Was ich, wäre ich anwesend gewesen, ge-
fr^K gedacht u. gesagt haben würde, oder aucn, nach voll-
ständiger Kenntnisz der Verhältnisse unterlassen hätte, zu
fragen , zu denken u. zu sagen , das ist ietzt nicht mehr an
der Zeit, zu erwähnen. Darüber war ich immer sicher, Sie
würden wäre ich auch nicht mit dem Resultate Ihrer Ent-
schlüsse einverstanden, aufrichtig, ehrlich u. ehrenhaft grade
so äuszerlich handeln, wie Sie inwendig denken.* — 3) vom
15. 10. 1838 : , Von Hassenpflu^, der eben hier durchkommt,
höre ich , dasz Sie beide wieder in Cassel , in der alten
Heimath, ja im selben Hause sind. Ihren Brief, lieber Jacob,
habe ich oft u. oft zur Hand genommen, um ihn zu beant-
worten u. immer gefunden, dasz es schwierig ist, über solche
Sachen sich schriftlich zu verständigen, ohne Misverständ-
nisse, denn Vieles, ja das Meiste, was Sie mir schreiben, ist
auch meine Ansicht, denn ich bin weit entfernt, schwarz,
weisz zu nennen, nur thut es mir leid, dasz Ihr Sieben jetzt
dem Lande entzogen seyd u. ich hätte gewünscht, es hätte
sich gefügt, dasz Alles, was zur Geltendmachung des Rechts
geschehen sollte, namentlich von Dahlmann in der Stände-
Versammlung selbst vorgetragen worden wäre, weil ich in
solchen Dingen die äuszerste Anstrengung zur Verständigung
für geboten halte. — Auch aus Dahlmanns Schrift ersehe
ich, dasz durch eine eigne Verwickelung, die Sache so ge-
kommen ist u. dasz er nicht daran dachte sie aufs Äuszerste
zu stellen. Das Alles läszt daher keine schriftlichen Expli-
cationen zu u. wir müssen es, da Ihr nun so viel näher seyd
u. wir auf einen Besuch fürs nächste Jahr hoften dürfen,
bis zur mündlichen Besprechung aufschieben. Streiten ist
y Google
186 Anmerkungen zu B. I S. 121—124.
ohnehin nicht meine Sache u. zwischen unseren freund-
schaftlichen Verhältnissen hat sich nichts geändert, es ist
Alles beym A.lten geblieben, da ich nicht behaupten kann,
dasz unsere Ansichten und wie verschieden sind, ehe wir
uns gesprochen.
S. 121. meiner kleinen Schrift] Über meine Ent-
lassung, Basel 1888.
S. 121. „deutschen Wörterbuchs*.] Den Plan
des Wörterbuchs setzte J. Gr. umständlich Lachmann am
24. '31. Aug. 1838 auseinander (Briefw. m. Meusebach S. 416 ff.)
Aehnliche Aufforderungen ergiengen an Berlit (S. 15),
Hupfeld (S. 282), Vilmar (S. 298), L.Diefenbach (Anm.S.388
Br. D.'s an W. v. 26. 10. 1863), Lachmann (S. 338 Anm.).
Göthe wurde excerpiert von Klee (s. Germania 26, 127),
Thümmel von Schwabe (S. 336), vgl. auch noch Anm. zu
S. 367 u. zu S. 377, Roth an W. v. 28. 8. 1852, sowie Briefw.
m. V. Meusebach S. 459. Weigand^s treuer Mitarbeit ist hier
wiederholt Erwähnung geschehen. Auch Damen haben eu
den Auszügen beigesteuert, soHedw. u. Eleonore Wallot ; vgl.
J. Gr.^8 Dankbriefe an sie im Anz. f. deutsches Alterth.
X. 280-1.
S. 122. Cal antra] vgl. Anm. zu S. 305.
S. 123. G erlin g] Chr. Ludw. geb. am 10. Juli 1788
in Hamburg, kam nachdem er das Studium der Theologie
mit dem der Naturwissenschafben vertauscht hatte am
1. Oct. 1812 als Lehrer an das unter Suabedissen's Direktion
neu zu organisirende Lyceum in Kassel. 1814 heiratete er
Suabedissens jüngere Schwester Christine Wilhelmine Eli-
sabeth. Dadurch wurde er mit den Brüdern Grimm be-
kannt. Am 22. März 1814 schreibt W. an J. (Br. aus d.
Jug. 8. 275): „Ein neues Kränzchen, es . . . sind unser nur
vier, nämlich der kleine Doctor Gerling ist der vierte.*
1816 stand er in Unterhandlung wegen eines Rufes nach
Stralsund (vgl. S. 154) und kam dann an Munke*8 Stelle als
Prof. der Mathemat. u. Phvsik nach Marburg (vgl. S. 36),
wo er als Geh. Hofrath 1864 starb, üeber ihn vgl. Justi
S. 140—8. - Die vorstehenden an ihn gerichteten Briefe
wurden mir von seiner Tochter, Frau Obergerichtsrath
PI atner hiersei bst übergeben. In der Grimm-Correspon-
denz sind nur vier Briefe von ihm erhalten. Vgl. Anm. zu
S. 124 no. 63, S. 128 no. 66, S. 135 no. 72 u. S. 138 no. 73.
S. 123: Görres sendet mir hundert Loosel vgl
S. 125, 128—9, Freundesbriefe S. 211 (Anm. z. S. 49), Görres
an J. Gr. 7. 6. u. 29. 6. 1817 (IL, 530 u. 536) u. J. Gr. an
Görres v. 18. 6. 1817 (H., 533 ff.)
S. 124. no 63] erwidert auf Gerling's Br. 1 v. 16.7. 1817:
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 124-128. 187
G. hofft, dasz auch die Brüder nach Marburg kommen werden.
Am 23. 6. habe er an Jacob den Betrag von 10 Losen der
Coblenzer Armenlotterie Übermacht, Bericht über seine
Lehrihätigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse Marburgs,
über sein Kind. «Beiliegend bin ich so frei Ihnen einen
Wechsel auf Schotten zu senden . . . und mich dadurch der
Schuld zu entledigen, womit ich Ihnen verhaftet bin. Ich
sage Ihnen nochmals meinen herzlichen Dank für diese Qe-
fäfliffkeit u. verspreche dieselbe so Gott will noch Ihren
Kindern u. Kindeskindem mit Zinsen zu vergelten.' Gruss
an Ramus, Bauer werde von Perthes die bewusste Disser-
tation erhalten. Gerling's verwittwete Schwägerin könne
erst jetzt von Spangenberg abziehen und hoffe er sie bald
bei sich zu sehen.
S. 125. Hummel] doch wohl der Maler Louis H.,
dessen schon in den Jugendbriefen der Brüder mehrfach
gedacht wird und der als Academiedirector in Cassel starb.
ib. Räthin Pfeiffer! doch wohl die Frau des in
dem hessischen YerfassungsKampf später so stark bethei-
ligten 0. AppeU. Rath Pf.
ib. Glimmerode] vgl. Freundesbr. S. 62 u. 67-8.
S. 125. Schotten] wohl der 1878 in Gassei als Geh.
Justizrath verstorbene frühere Obergerichtsrath und Schwie-
gersohn des Bibliotheksdirectors VGlkel. Vgl. über ihn die
Statistik des Lyceum Frideric. v. Gross im Casseler G^mn.
Progr. 1879, über die an ihn gerichteten Briefe v. J. Grimm
s. Anm. zu S. 61.
S. 127. Ankündigungen] von Reinhart Fuchs vgl.
S. 170.
S. 127. Justi d. Dichter] -W. K. vgl. seine Selbst-
biographie in Strieder's Hess. Gelehrten- u. Schriftsteller-
Geschichte, sowie in Justins Fortsetzung 8. 320 ff. Er war
ein seiner Zeit bekannter Localpoet Marburgs und hat das
Denkmal auf d. Augustenruhe bei Marburg veranlasst.
R. 127. Arnoldi d. Sprachforscher] Prot d.
Theologie u. Orientalist in Marburg f 5. Sept. 1835, stu-
dirte in Leiden. Er hiess in Marburg allgemein «Primarius
Arnoldi*.
S, 127. Wagner] K. F. Chr. s. seine ausführliche
Autobiographie bei Justi 671 ff. ; vgl. Br. Völkeis v. 7. 1. 28
in Anm. zu S. 61.
S. 128. no 66]. Antwort auf Gerlings Br. 2 v. 5. 11.
1817. G. empfiehlt darin den Universitäts-Mechanicus Schubart
und seinen eifrigen Zuhörer stud. mechanices Tasch, welche
das Kasseler Museum besichtigen möchten. Die Einlagen seien
besorgt, gelegentlich bitte er einiger Bekannten wegen um
y Google
188 Anmerkungen zn B. I S. 128—138.
specielle Nachricht über den Ausgang der Görresschen Lot-
terie, er wünsche nichts sehnlicher als dasz sie einmal n.
wer weiss wie es kommt, CoUegen würden u. ^ar hoc
loco. «Von manchen unserer akademischen Angelegen-
heiten haben auch Sie yielleicht wunderliche Dinge gehört.
Suspendiren Sie ja ihr Urtheil. Es scheint sich aus schmerz-
lichem Anfang ein sehr fröhliches Ende entwickeln zn
wollen.*
S. 129. des Mathesius Predigten] vgl. W. Gr.'s
Anzeige in s. kl. Schriften I. 569 f.
S. 135. no 72] Antwort auf G.'s Br. 3 v. 29. 5. 1820:
Er habe seit einem halben Jahre nicht geschrieben u. auch
nichts von Wilhelm gehört. Dank für die freundliche Auf-
nahme seines Bruders, der sich seit kurzem in Hamburg
al^ Kaufmann niedergelassen habe. Der zweite Bruder
Gottlieb, den Gr. vor 2^/8 Jahren freundlich empfangen habe,
verwalte jetzt in Ditmarsen, ohnweit Meldorf u. der Nord-
see ein Gut. Ob denn wirklich die Universität in Kassel
so gewaltig angeschwärzt sei (vgl. S. 59, 137)? So viel er
sehe, gienge alles seinen gewiesenen Weg, auch die Studen-
ten fünrten sich ordentlich auf. Wichtigthuerei und die
Sucht nach Titeln, Orden u. Geld schienen die Hauptmotive
der Denunciationen. Auch er selbst sei gewarnt, dass er
suspect sey, er denke aber, ehrlich währt am längsten u.
hone, dass in Kassel von redlichen Leuten solchen Aus-
sprengungen entgegengetreten werde. Er se^ ausgezogen
u. hone, nun werde Gr. den schon seit drei Jahren ver-
sprochenen Besuch ausführen. Hinsichtlich Bauers habe
Gr. richtig gerathen, er hätte doch die Universität, der er
sein Herkommen angezeigt, von seinen veränderten Lebens-
plänen unterrichten müssen. Suabedissen, werde auf künf-
tige Michaelis, wenn sein Amt in Leipzig ein Ende habe,
zum Besuch nach Marburg kommen, demnächst aber noch
ein halbes Jahr in Leipzig privatisiren.
S. 137. Minister v. Witzleben] vgl Anm. S. 264
u. Briefw. d. Frh. v. Meuseb. mit d. Br. Gr. S. 16.
S. 138 no. 73] Antwort auf G/s Br. 4. v. 19. 4. 1821.
Bitte um Auskunft über einen metallenen Himmelsglobus,
der von der Universitätsbibl. dem phvsicalbchen mstitut
überlassen sei [u. daselbst noch jetzt aufbewahrt wird]. Der-
selbe sei für die Geschichte der Uhrmacherkunst sehr inter-
essant und solle aus Wilhelm IV. Zeiten herstammen. Ihm
sei die Sache nicht klar, er bitte deshalb um die S. 138
angegebnen Bücher [1. daselbst 2): Stegmann st. Bergmann)
und um Nachforschung nach ähnlichen Globen. (Später hat
Gerling in Justins Vorzeit 1825 S. 153 dargethan, dass der
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 138- 141. 189
Marbnrger Globus in der That ans der Zeit Wilh. lY. stamme
[vgl. auch Ch. v. Bommel, Neuere Gesch. v. Hessen. I.
Cassel 1835 8. 787j. In den Sammluxigen des Unterstocks
der neuen Bildergallerie zu Kassel sinazwei ähnliche, aber
weit kleinere Globen, ebenso in Gotha einer, als dessen
Verfertiger sich der bekannte Mechaniker Byrgi nennt. Von
demselben Meister rührt auch eine astronomische Uhr der
Casseler Sammlungen her, mit deren Werk eine Himmels-
kugel in Verbindung steht. (Vgl. Lenz, Leitfaden f. den Besuch
d. Samml. etc. Cassel 1881, 8. 15 no. 24-25 u. S. 17 no. 63.])
Man hoffe allgemein, dass die bevorstehenden Änderungen
und Einrichtungen mit den allgemeinen Wünschen überein-
stimmen würden. Ob denn nun auch einmal die Reihe an
die Universität kommen werde, welche bei der vorigen
Regierung in Vergessenheit gerathen sei. Wenn doch ein
wohl qualiflcierter Referent mr Universitäts- u. Gymnasial-
Angelegenheiten bestellt würde? Schliesslich bittet er ihm
anzugeben, warum Below von Cassel fort gegangen sei.
S. 139. Below] nreuss. Oberst v. B., Militärgouvem.
des hess. Prinzen Friedr. Wilhelm, war 1813 von Berlin mit
nach Cassel gekommen, und lernte alsbald, wohl durch
Suabedissen, die Brüder Grimm kennen. In den Briefen aus
der Jugendzeit geschieht seiner bereits mehrfach Erwähnung.
Wilhelm wechselte mit ihm Briefe. Später findet er sicn
wieder in dem Freundeskreise von Meusebach's, mit dem
er wohl durch die Brüder Grimm bekannt geworden sein
wird (vgl. Briefw. d. Freih. v. M. mit J. u. W. Gr. S. XV.)
S. 140. Hassenpflug] Lotte Grimmas Mann, vgl.
S. 77. 212. Am 13. Sept. 1815, also auf der Reise nach
Paris, schreibt Jac. an W. (Br. aus der Jug. S. 469). ,In
unserm Haushalt zu Cassel war auch eine kleine Ver-
wirrung, die Lotte ist zu Hassenpflugs gezogen, die Louise
heim auf Urlaub und also alles zugemacht. <* Schon am
3. Sept. 1809 (ib. S. 161) schreibt er an W. .durch sie [die
Engelhardin] haben mir Hassenpflugs (die mir auch sonst
gefallen) einige ganz neue [Mährcnen] erzählt.** Am 25. Jan.
1816 bestellt er Grüsse an Hassenpflug nach Göttingen. Am
2. Juli (nicht 22. wie oben veraruckt und auch nicht am
2. Juni wie S. 212 v. Wilh. verschrieben wurde) fand die
Hochzeit statt. Wegen Lotte*s Tod. s. Anm. z. S. 119.
H. ist der bekannte spätere kurhessische Reactionsminister
(vgl. Anm. z. S. 120), ^est. 1862 in Marburg.
S. 141. Suabedissen.] David Theodor Aug. S.,geb.
14. April 1773 zu Melsungen, war seit 1800 Prof. d. Philo-
sophie an der Landesschule zu Hanau und ging 1805 nach
Lübeck. Seines Rufes dahin thut Wilh. (in einem Brief an
y Google
190 Anmerkungen zu B.,I S. 141—143.
J. aua der Jugendz. S. 55) Erwähnung. Schon in dieser Zeit
war er also den Brüdern bekannt, 1812 wurde er Director
des Lyceums in Cassel und mnss schon ein Jahr vorher mit
den Brüdern in nähere Berührung gekommen sein (vgl. S. 281),
woraus sich bald ein intimer Freundschaftsbund gerade mit *
Wilh. (vgl. oben S. 78 Jacob's Worte) entwickelte. In den
Briefen der Brüder aus der Jugendzeit kehrt sein Name
schon häufig wieder. Da er 1815 zum Instructor des Prinzen
ernannt und diesen nach Leipzig begleitete, so wird er auch
die Bekanntschaft der Brüder mitv.Below vermittelt haben.
Die weiteren Daten von Suabedissen's Leben ergiebt der
Briefwechsel , vgl. ausserdem Justi 651-9 u. Gerlanä's Fort«.
V. Justi I 1863, 307. Eine ausfahrliche Biographie Suabe-
dissens bereitet sein Enkel David Hupfeld, Superintendent
a. D. in Eisleben vor, welcher aucn nötigst den Abdruck
der an Suabedissen gerichteten Briefe der Brüder gestattete,
ebenso wie auch derer, welche sein Vater Prof Hupfeld und
sein Schwiegervater J. Müller von ihnen erhielten. Einen
warmen Nachruf an S. veröflFentlichte 1835 E. Plattner. Es
heisst darin : »S. gehörte zu den seltenen Männern, bei denen
das Wissen aus dem Leben n. dessen Tiefen entspringt, u.
in deren Leben das Wissen sich reflectirt, so dass beides in
einer unzertrennlichen Einheit verknüpft ist." Die Grimm-
Correspondenz enthält 71 Briefe 70 Suabedissens, an W. Grimm
aus den Jahren 1812 — 35, und einen (Br. 19) an J. Gr. voih
7. 5. 1819 als Antwort auf no. 77, welcher lautet:
„Leipzig, am 7. May 1819. Eine Reise nach Dresden
und der unuiegenden Gegend , von der ich erst vorgestern
zurückgekommen bin, hat mich verhindert, verehrter Freund,
Dinen früher fQr das werthe Geschenk des ersten Theils
Ihrer deutschen Grammatik zu danken. Ich sehe es dem
Buche an, dasz es für mich nicht zum Lesen und Beur-
theilen, sondern nur zum Lernen da ist, und habe mich da-
za mit dem Pflichtgefühl eines guten Schülers angeschickt.
Ihrem lieben Bruder Wilhelm sagen Sie den herzlichsten
Gruss von mir, und durch ihn grüsse ich auch den Prinzen
Friedrich und Ob. v. Below, wenn sie noch dort sind. Ich
würde allen dreyen geschrieben haben, wenn ich nicht an-
nehmen müss^ dasz Letztere bei der Ankunft dieser Zeilen
schon abgereist seyen, und Ihr Bruder? — sollte er sich
durch kein Wünschen und Hoffen haben bewegen lassen,
sie zu begleiten? Den Aufkrag an Prof. Krug habe ich be-
sorgt. Mit der aufrichtigsten Hochachtung Suabedissen."
S. 141. Krug,] Wilh. Traugott, Prof. in Leipzig, Her-
ansgeber des Hermes; vgl. S. 184, 262. H, 167 (B.^s Br. 15).
S. 143 no. 77.] Vorauf gehen zwei Einladungsbriefchen
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 143—146. 191
Suabedissens 1) ohne Datum: „Wollen Sie mir die Freude
machen den heutigen Tag bey mir zu beschliessen u. Ihr
Frl. Schwester mitbringen?^ 2) C. den 6. Oct. 1812: „Villers
will heute den Thee bey mir trinken. Ich weisz, dasz es
ihm eine Freude seyn würde, den Abend in Ihrer Gesell-
schaft zuzubringen, u. hoife, dasz Sie seinetwegen meine
Einladung willfahren werden." (Briefe v. J. Gr. an Villers
veröffentlichte M. Isler, Hamburg 1883, zugleich mit solchen
von Benj. Constant, Görres, Göthe an denselben.) —
no. 77 ist die Antwort auf S.'s Br. 3. Leipzig, 1. 12. 1815 :
«Dasz ich Sie von ganzem Herzen liebe, mein guter
Grimm, das ist das einzige, was ich Ihnen jetzt schreibe,
weil mich das Herz dazu treibt. — Noch fühle ich mich
hier nicht zu Hause. Gearbeitet habe ich noch nichts; nur
Einrichtungen u. Verhältnisse zu bestimmen gesucht, Lehrern
nachgefragt, Lehrstunden geordnet, u. dgl. Meine Bücher
liegen noch ungerührt im Koffer. Noch habe ich keinen
Sitz und Tisch. Aber in den nächsten Tagen gedenke ich
mich so lange herum zu drehen, bis ein Nest wird. —
Manchmal beschleicht mich noch die Reue. Und doch ist
nichts anders, als ich mir*s vorher dachte. Aber es ist ge-
rade so. — Below u. seine Frau lassen Sie gr^zen, Sie
erwarten ein Bild von Ihnen. — Leben Sie wohl, mein
Freund. Möge es Ihnen wohl gehen! Suabedissen. —
N.*S. Meine Frau u. Kinder sind gesund. Grüszen Sie
Bauer. — Herrn Bibliotheksecretarius Grimm zu Cassel.*
S. 144. unserer lieben Mutter] vgl. die Stellen
ans den Autobiographien der Brüder, welche ihre Liebe zu
ihrer Mutter bezeugen ; vgl. auch noch unten Anm. zu S. 240.
S. 144. Schmalz,] Theodor Ant. Heinr. Gemeint ist
hier: üeber polit. Vereine u. Ein Wort über Schamhorst's
u. meine Verhältnisse zu ihnen. Berlin 1815; vgl. Görres
Briefe II, 487.
S. 146 no. 78.] Antwort auf S.'s Br. 4: .Leipzig, 26. 1.
1816. Vorgestern las ich in der hiesigen schaalen Zeitung,
dasz der Rheinische Merkur suspenoirt sey. Sollte das
wahr seyn — wie es mir denn nach dem Benehmen der
Pr. Re^^irung bey der Schmalzisch. Gteschichte mcfit unwahr-
scheinlich ist — so wäre es wohl Zeit, Ihren Gedanken in
Ausführung zu bringen, u. dem braven Görres zum Zeichen
der Liebe u. Achtunfi^ einen Becher zu schicken. Unter-
zeichnen Sie für mich 4 4|f . -j- Sie haben recht gehabt,
mein guter, weiser Freund, meine neue Lage einem neuen
Rocke zu vergleichen, der anfangs nie bequem ist. Schon
hat sich Alles ziemlich geweitet, gereckt, ein- u. angepaszt.
y Google
192 Anmerkungen zu B. I S. 146.
Zwar spannt mich's noch bisweilen hier u. da; aber wo ist
ein Kock bev uns knappen Abendländern, der nirgends
angete ? Doch habe ich noch immer das Gefühl, als würde
ich diesen Rock nicht austragen. — Übrigens finde ich mich
anch schon dadurch ein wemg behilflicher, dass ich nicht
mehr so viel Zeit durch blosses Pflastertreten verliere, u.
die meisten Abende zu Hause zubringen kann. Sie wissen,
ich tauge nichts für die gute Gesellscnaft, u. was man hier
so nennt, widersteht mir. Also, wenn ich nicht musz, bleibe
ich zu Hause. Da habe ich nun auch endlich, u. mit rechter
Freude Ihre Edda gelesen. Verlangend sehe ich dem 2. u.
8. Bande entgegen. — Meine Frau u. Kinder ffrüszen Sie
herzlich. Auch Ihrem Bruder meinen Grusz! Hat er sich
bestimmt? Erhalten Sie Ihre Liebe Ihrem treuen Freunde
Suabedissen.» — Herrn Bibliothekssecret. Grimm zu CasseL'
Auf no. 78 antwortet S.'s Br. 5. Leipzig 6. 4. 1816:
„Mit nicht geringem Jubel kamen mir vor acht Tagen
meine Kinder entgegen gesprungen mit einer Rolle und
einem Zettel in der Hand. Sie hatten erkannt, daszer von
Ihnen kam : Unser aller Freude ward noch gröszer, als sich
Ihr Bild herauswickelte, Ihr liebes Bild, woran wir Sie uns
sichern und festhalten wollen. Ich danke Ihnen, auch für
den lieben Brief. — Wie lieb mir auch gewesen wäre, wenn
GGrres den Becher bald hätte bekommen können, so bin ich
doch ganz Ihrer Meinung, dasz er nach Ihrem u. Henschels
erstem Entwürfe ausgearbeitet werde, und sollte es auch
noch länger anstehen. Er soll auch fOr sich was bedeuten
u. das deutsche Gemüth ansprechen ; auch wird Görres mehr
Freude daran haben. Ihre Beschreibung des Bechers ist so
gut gelungen, dasz ich mir ihn recht anschaulich vorsteUe
und meine Freude daran wird immer ^öszer. Auch Below
u. seine Frau finden Alles schön, und sind ganz der Meinung,
dasz er so ausgefühi^ werden müsse. — Auch über Ihren u.
Ihres Bruders wackem Fleisz freue ich mich, u. sehe den
deutschen Sagen mit Lust entgegen. Noch ffründlicher ist
mein Verlangen nach der Fortsetzung der Edda. Ich habe
jetzt das Nibelungenlied wieder gelesen ; es hat einen mäch-
tigem Eindruck auf mich gemacht, als das erstemal. Nun
wül ich 6»A Heldenbuch lesen. Hat man davon mehrere
Ausgaben u. welche ist die beste? — Das Buch von Kanne
habe ich nun erst gelesen, von Ihnen aufmerksam gemacht.
Ich habe das Vertrauen zu seinem kräftigen Leben, dasz in
ihm noch die Wissenschaft mit dem Christusbewusztseyn in
Eins ^ehen wird, wenn nur erst seine Eitelkeit gänzlich
ausget)^ ist. — Was Sie Below von (Jöthe's Anzeige seines
Ost-Weskichen Divans schreiben, ist uns noch nicnt klar^
y Google
Anmerkungen zu B. I S, 146—150. 193
da wir bis jetzt nur ein Gedicht mit der Überschrift: Ost-
westl. Divan — im Morgenblatt gelesen haben, das uns zum
Theil unverständlich, überhaupt unbedeutend scheint. —
Mit der Hessischen Verfassung glaubten wir wäre es schon
sicherer und weiter. In der ierne eilt die gute Meinung
immer voraus. Im Allgemeinen aber, nämlich für Deutsch-
land überhaupt, halte ich mit Ihnen an der Hoffnung u. am
Glauben fest; es wird gehen, denn es musz gehen. — Auch
im hiesigen Lande sollen bald, sagt man, die Landstände
zusammenkommen, und berathschlagen, ob keine neue Ver-
fassung nöthif^ sey. Übrigens will man hier vom Deutsch-
thum nicht viel wissen; sie wollen nur Sachsen sevn. —
Hamier hat versprochen , mich bald von Frankfurt her zu
besuchen: dann werde ich hören, was für Triebe jetzt im
Herzen von Deutschland sich regen ; hier ist*s wie in einem
L^mphgefäsz N. S. Wird denn mit dem Leben der Natur
nicht auch die Reiselust in Ihnen erwachen?"
S. 146. Verbot des Merkurs] von Görres heraus-
gegeben; vgl. S. 4 no. 7 u. Freundesbriefe S. 209 u. Brief
Jacob*s an Görres v. 10. Juni 1816 (Görresbriefe II, 500). Die
Cabinetsordre , welche den Merkur verbot, erhielt G. am
12. Januar 1816.
S. 146. uns er n Becher] vgl. Freundesbriefe S. 34:
,Ich habe gestern mit dem Henschel über einen schönen
und künstlicnen Becher von Eisen und Gold gesprochen, den
wir dem Görres zum Andenken verehren woUen.**
ib. Henschel,] Joh. Werner, geb. 1782, gest. 1850 in
Rom, Bildhauer, schon seit 1805 mit den Brüdern bekannt;
vgl. W.'s Brief an J. vom 10. Aug. 1805 (Jugendbr. S. 64),
sowie Kl. Schriften v. W. Gr. I, 558, u. Gerlands Fortsetzung
V. Strieder's a. Justins Hessischer Gelehrten-Geschichte, Kassel
1863, S. 212 ff.
S. 149. Mein Bruder [Jacob] ist noch nicht
wieder angestellt] vgl. oben S. 8. Mein Bruder
ist eben auf ein paar Tage nach Göttingen] vgl.
Freundesbriefe S. 34 u. 209. An letzterer Stelle wird (wegen
S. 33) angegeben, er sei Ende Februar dorthin gereist, unser
Brief ergiebt, dass die Reise Ende März stattfand und kurz
zuvor ist auch der betreffende undatirte Brief W. Gr.'s an
A. V. Haxthausen geschrieben.
S. 150. Kanne] vgl. S. 83 und nach Freundesbriefe
S. 211 f. folgende Stelle aus einem Brief J. Gr.'s an Dr.
V. Ringseis vom 31. Mai 1816: „Mein Bruder hat auch Kannes
Bekenntnisse mit auf den Weg genommen, ich kann Ihnen
daher meine Meinung über einiges im Buch nicht so genau
schreiben, als ich mir früher vorgesetzt* etc.
E. Stengel. Acten der Brfider Grlxum. ^3
Digitized by VjOOQ IC
194 Anmerkungen zu B. 1 S. 150—155.
S. 150. Die Bauern vom Diemeistrom]. Ihre Ein-
gabe theilt Fr. Müller «Gassei seit 70 Jahren*" S. 99 f. mit;
Tgl. auch Wipppermann S. 68 f.
S. 151. Arnim ist krank geworden] vgl. S. 31 o.
Freiindesbriefe S. 211 (Anm. zu S. 43).
S. 152 no. 80] darauf antwortet S.*s Br. 6. Leipz. 27. 7.
1816 : nllii' lieber Brief war mir einiger Trost in der Trauer
über Ihr schnelles Hinreisen. Lieb war mir's auch, zu ver-
nehmen, dasz Sie noch ziemlich bald den Juden losgeworden,
und dafür Göthe gesehen haben. Und was Sie miru.Below
von ihm schreiben, hat mich sehr erfreuet — Jetzt arbeiten
Sie wohl mit Ihrem Bruder recht wacker drein. So denke
ich Sie mir wenigstens, und wie Sie dabev ruhig glücklich
sind. Doch möchte ich Sie manchmal hierher entrücken
können, nicht blosz f^ mich; bisweilen auch zum zwey-
oder dreystimmigen (Jesa^ge eines lieben Volksliedes. Da
nun aber das Entrücken in dieser Zeit unsers Daseyns so
leicht nicht gehen wird, so sollten Sie bisweilen so ein Lied
— Worte u. Weise — aus der Feme spenden "
S. 154. Schuckmann,] Preussischer Unterrichts-
minister u. Vorgänger v. Altenstein^s ; vgl. Görres Gesammelte
Briefe H 481, &7, 544, 554.
S. 155 no. 81] beantwortet S.'s Br. 7. Leipzig 29. 11.
1816: ;,Haben Sie Dank, geliebter Freund, fOr Ihren Brief
und die Beylagen. Sie haben uns allen damit die gröszte
Freude gemacht. — Göthe'a Italienische Reisen lese icneben
jetzt, u. erfreue mich recht sehr an der Lebendigkeit und
Klarheit Welch ein glücklicher Mensch ist Göthe ! Freilich
gibt es auch Menschen, die sich an der Geistesfreyheit,
welche in diesem Buche dar^ele^ ist, halb krank ärgern.
— Die ewige Jugend u. Thätigkeit des Mannes beweist sich
auch jetzt wieder in dem Wunsche, die Anerkennung der
altdeutschen Kunst und Wissenschaft zu fördern. Möge er,
von Ihnen zu bestimmten Zielen gerichtet, wirksam werden !
— In den ^undestags-Reden u. Vorträgen ist mir die Menge
des Unbestimmtgelassenen erfreulich. So läszt sich hoffen,
dasz der Volksdrang nachhelfen u. ausfüllen werde. . . . Bey
den von allen Seiten her engenden Verhältnissen, worin jetzt
der Bundestag steht, müssen wir schon zufrieden seyn, wenn
dort die Idee des deutschen Volksthums auch nur mit
wenigen Wurzelfasem Boden erreicht — Soll ich Dmen
auch etwas von mir schreiben? — Seit einigen Monaten
habe ich die Ausarbeitung des dritten Bandes meines
Buches über den Menschen vorgenommen. Ihm widme ich
Morgens vor neun Uhr eine Stunde oder zwey. Wäre ich
nur rüstiger, um früher auf seyn zu können. So aber habe
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 155—164. 195
icb gewöhnlich kaum angefangen, wenn ich schon endigen
musz. Um 9 Uhr gehe ich zum Prinzen, u. nnn ist die übnge
freve Tageszeit dem Ungefähr hingegeben; es wird noch
Allerley gelesen, aber nichts mehr gearbeitet. — Das nächste
Französische, was ich lesen werde, soll das Buch sejn, das
Sie mir loben. — Liegt's Ihnen nicht zu weit ab, so lesen
Sie Daub*s Judas Ischarioth. Ich selbst habe zwar nur erst
die Vorrede gelesen, aber die ist von einer so würdigen
Haltung und gewaltigen Ironie, dasz ich mich recht daran
erfreuet habe. — Eine Bitte noch ! Der , jetzt sechszehn-
jährige, älteste Sohn des Generals von TEstocq (der jetzt in
der Festung Eönigstein gefangen sitzt), einst einer meiner
Schüler in dem Lyceum zu Gassei, hat mir geschrieben und
wünscht zu wissen, ob er wohl in Kurhessen als Junker in
Dienst kommen könne, u. was in diesem Falle er oder seine
£ltem zu thun haben. Können Sie das erfahren, so haben
Sie die Güte mich — bald — davon zu benachrichtigen. —
Sie haben mir einmal geschrieben, dasz von der deutschen
Gesellschaft in Berlin ein Diplom für mich dort angekommen
sey. Nun besorge ich, dasz man mein langes Stillschweigen
übel deuten möchte ; darum wünschte ich es bald zu haben,
oder zu wissen, wem ich darüber schreiben musz.... N. S.
Von Clodius hierbey nebst einem Grusze die verlange Ab-
schrift Zugleich macht er Sie aufmerksam auf die eigne
Lebensbeschreibung des Kephalides in den theologischen
Nachrichten (von Wachler) im August d. J."
S. 156. Zwehrner Märchenfrau] vgl. Freundes-
briefe S. 203 u. Hessische Blätter vom 3. 1. 1^ S. 2.
S. 158. Hans, Lehne! = Hannchen und Helene Molter,
Nichten v. S.*8 Frau. Täuochen, Brummbasz] = Marie
u. Elise, S.'s Töchter, vgl. S. 145.
8. 160. Leist] vgl. S. 157 u. Brief v. J. an W. vom
10. Juli 1809 (Jugendbr. S. 127): „Gestern kommt der St.-R.
von Leist, der an [J. v.] Müllers Stelle Generalstudien-
director geworden, zu mir und trägt mir die Generalsecretär-
stelle dabei an, ich hatte aber innerlich keine Lust dazu'
etc. Leist war vordem Prof. in Göttingen, wurde 1810
Freiherr , trat später in hannoversche Dienste über und
wurde nach Rom geschickt, um über Concordat zu verhandeln.
S. 160 no. 83] Antwort darauf ist S.'s Br. 8 v. 31. 1.
1817; Dank für den Neujahrsgruss. Für Brentanos Lied
sei man dankbar. Mit der deutschen Sprachgesellschaft
werde er es wie W. Gr. halten. Bitte um deutsche Sagen.
S. 163-4. Smid,] J. vgl S. 196 u. Brief v. J. an W.
V. 10. März 1814 (Briefw. aus d. Jug. S.266): .Mein liebster
Umgang ist der Senator Smid aus Bremen, ein herzensguter
13*
y Google
196 Anmerkungen zu B. I S. 164—165.
u. vernünftiger Mann, mit dem ich die Verbindung auch in
Zukunft zu behalten hoffe." Er war am 5. Nov. 1773 in
Bremen geb., war erst Gymnasiallehrer, dann seit 1800
Rathsherr, auf dem Wiener Congresse vertrat er Bremen,
wurde 1821 zum Bürgermeister erwählt, gab 1830 Ver-
anlassung zur Anlage von Bremerhafen und starb am 7. Mai
1857 in Bremen. Auch Smid interessirte sich und zwar schon
im März 1829 für die Berufung der Brüder nach Göttingen,
wie ein Brief von Thomas an J. Gr. ergiebt, s.Anm. zuS.z66.
S. 164. Litthauen] vgl. eine Stelle aus einem Brief
V. Friedr. Perthes an seine Frau aus Coblenz am 2. od. 3.
Aug. 1816 geschrieben (Fr. Perthes Leben 11. 1851 S. 115 ff.
citirt von Wendeler Briefw. des Freih. v. Meusebach mit
J. u. W. Grimm S. VIII.) ,Der heutige Mittag war sehr
lebhaft und sehr interessant; Meusebach u. ein eiserner
Kreuzritter, welche die Preuszenpartei gegen den Rhein-
Görres bildeten, nannten alle aus der Devolution hervor-
gegangenen liberalen Ideen und Institute Napoleonismus u.
der sei es eigentlich, den die Rheinländer liebten u. den
sie nicht fahren lassen wollten. — 'Litthauer seid Ihr, rief
ihnen dagegen Görres zu, Litthauer, denen die Leibeigen-
schaft noch an der Ferse klebt!* ferner Görres an
W. Gr. V. 15. 1. 1817 (ü., 508) u. an J. Gr. v. 7. 6. 1817
rn„ 530), dagegen nimmt J. Gr. an Görres vom 20. 12. 1822
(IIL 10 f.) die Litthauer in Schutz.
S. 165. Berlepsch]. Etwa der vormalige Hofrichter
V. Berlepsch, der in westphälischer Zeit Staatsrath inCassel
war (vgl. Justi S. 185)? Dasselbe Buch wird in W. Gr.'s
Kl. Sehr. L, 558 erwähnt.
S. 165. no. 85] erwidert auf S.'s Br. 9. u. 10. 1) Leipzig,
24. 5. 1817 : , . . . nun ist's doch seit drey Wochen recht herr-
lich, und wo nur ein Lebenskeim ist, thut sich alles so
wohlgemuth hervor, dasz mir manchmal ist, als wäre selbst
Leipzig ein freundlich gelegener Ort. Ein kleines Hoff-
nungsiunkchen , Sie auch in diesem Jahre zu sehen, ist in
meine Seele gefallen, seit Reimer — ich sprach ihn nur
einige Minuten — äusserte, Sie würden in diesem Sommer
nach Berlin kommen. Nun wiederhole ich, was ich Ihnen
vor zwey Monaten in Below's Namen schrieb, dasz Sie doch
nach Berlin reisen u. in Leipzig sitzen bleiben mögen.
Aber haben Sie auch meinen Brief erhalten? Es war darin
die Ankündigung und Probe einer Sammlung von Gedich-
ten von WelTentreter (Heinroth) auf Subscription , mit der
Bitte, sie Freunden und Bekannten mitzutheilen. Nun
konnte ich zwar dem Vf. zum Voraus keine sonderliche
Hoffnung machen ; aber Sie lassen doch auch kein Syl beben
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 166. 197
darüber fallen. . . . Was Sie mir von GOrres und den Rhein-
preuszischen Dingen schreiben, ist mir leid. Diese Regier-
ung hat wirklich Unglück in ihren Maszregeln. Auch im
Herzogthum Sachsen soll man jetzt noch unzufriedener se jn,
als im Anfange. Aber gegen unsere Bundesversammlung
sollte man gerechter sejn, als man häufig ist; die Leute
thun, was sie unter den ungünstigen Verhältnissen können,
ja vielleicht mehr als sie wollen. Möchten nur nicht so
viele unserer Fürsten sich wieder immer mehr, fast feind-
lich abwenden von dem, was deutsch und des deutschen
Volkes Art u. Bedürfnisz ist! Aber Deutschland steht in
Gottes Hand, wie Steffens sagt. Es kann nicht zu Grunde
gehen, wie viel Verkehrtes auch geschehe. Wunderbarer
Weise arbeitet sich das Bessere immer wieder aus der Tiefe
empor. — Wissen Sie schon, was Görres vom Mittelalter
schreiben wird? — Ich habe angefangen, mit Prinz Frie-
drich Vorlesungen des Pr. Kruse über die Geschichte des
Mittelalters zu nören. Wie da aber das gewaltige Gebäude
umsprungen u. beguckt wird! Es ist, als hätte man ein
Eartenhäuschen in der Hand. Doch für den Prinzen nicht
unzweckmäszig, da er nur noch das Aeuszere kennen ler-
nen musz, da ihm für das Innere u. Grosze noch der Sinn
nicht aufgegangen ist. Indessen werde ich in den Wieder-
holungen andeuten und anregen, wie möglich. ..."
2} Leipzig 7. 6. 1817.: »Wahrscheinlich, lieber Grimm,
haben Sie m Ihrem Leben noch keinen Fasanenhandel ver-
mittelt. Jetzt bietet sich die Gelegenheit. Ein hiesiger
Hofrath Keil wünscht seinen Garten mit Gold- u, Silber-
Fasanen zu zieren, hat gehört, dass dergleichen in Cassel
zu haben wären, aber nur auf Empfehlung von einem dort
bekannten Manne abgelassen würden, u. wendet sich an
mich; ich aber weisz mich mit seinem Anliegen an Nie-
mand, als an Sie zu wenden. Vielleicht können Sie es bej
einem Spaziergange abmachen. Dafür sollen Sie, wenn
Sie herkommen , bej besagtem Fasanenliebhaber einige
recht schöne Bilder sehen. -- Meinen Sie , es gehöre diese
Liebhaberei mit zur Bezeichnung des Leipziger Geschmackes,
so habe ich nichts dagegen ; auch das gehört dazu, dasz
man in vielen Häusern ein Papchen findet. . . .^'
S. 166. Wellentreters Ankündigung] ,Ge-
sammelte Blätter von Treumund W. (Pseudonym für Joh.
Chr. A. Heinroth , Prof. der Psychiatrie in Leipzig, geb.
1783, gest. 1843) worin prosaische und poetische Reflexionen
über das Leben enthalten sind.
S. 166. stadtdirector Burchardi] weitläufiger Ver-
wandter von Grimms.
y Google
198 Anmerkungen zu B. I S. 167—170.
S. 167. deshalb aber ist sich an ... . zn wen-
den] damaliger Kanzleistil.
S. 168. Y. Schelmnfsk j]. ,,Sch.'8 Abenthener zu
Lande nnd zur See" welchen hnmoristischen Boman Ang.
y. Hazthaosen, der Freund der Brüder Grimm gerade d^
mals von nenem veröffentlicht hatte. Vgl. F. L. A. Maria
Freiherr von Haxthausen. Ein photographischer Versoch
Ton Freundeshand. Als Ms. gedruckt Hannover 1868 (Göt-
tinger Bibl. Eist. lit. pari 2013*) S. 6 ff. Danach ist wohl
Wendeler's Anm. zu S. 16 des Bnefw. des Frh. y. Meuse-
bach m. J. u, W. Gr. (S. 320-1) zu berichtigen.
S. 169. Von Arnim ist ein neuer Roman die
-Kronenwächter* erschienen] vgl. Freundesbriefe
8. 55 und 213 u. W. Gr.'s Anz. in den Heidelb. Jahrb. 1818
(Kl. Sehr. 1. 298 ff.)
S. 170 no. 86]. Antwort auf S.'s Br. 11 u. 12 1) Leip-
zig. 12. 8. 1817 : ,. . . . Ich laufe in diesem Sommer viel
herum in den Kornfeldern, u. erfreue mich ofb an der unter-
gehenden Sonne, u. arbeite wenig. Doch musz ich wieder
etwas nebenher vornehmen, selbst zu meiner Befriedigung,
die ich leider in meinem Amte nicht ganz finde. Darum
will ich mir den dritten Band meines Buches über den
Menschen aus dem Wege schaffen .... *
2) Leipzig 26. 9. 1817: «Ich fühle, dasz ich's zu ar?
mache, dasz ich unausstehlich werde. Kaum kann ich%
geradezu heraussagen, was ich Ihnen, liebster Freund, an-
sinne. Ich musz erst mit den Ghründen vorrücken, um Sie
nicht zu sehr zu erschrecken. — Mein Buch, das bej Wittwe
Anbei gedruckt wird, wünschte ich so fehlerfrey gedruckt, als
sich's uiun lässt. Darum wollte ich die Gorrectur selbst be-
sorgen. Nun aber finde ich erstlich, dasz diesz kostspielig ist,
zweytens, dasz es den Druck aufhält. Aus letzterem Grunde
wünscht die Anbei selbst einen Corrector in Cassel. Und ich ? —
Sie haben nun den Schrecken weg — ich könnte das Ihnen
zumuthen? — Nein, Lieber, — und doch ja! Ich meine
nämlich, vielleicht übernähmen Sie es mit Bauer's Hülfe,
abwechselnd wie es jedem von ihnen die Zeit und die
Geduld erlaubte. Darumschreibe ich auch an Bauer. Aber
schlagen Sie mir's nur beide |^eradezu ab; ich erwarte
nichts anderes. — Oder wollen Sie vielleicht einen Versuch
machen, einen kleinen Anfang, ob's erträglich sein wirdV —
In den ersten zwej Bogen waren wenig Fehler; ich schöpfe
einige Ho&ung. . . ."
S. 170 den zweiten Bogen von ihrem Buch]
.Die Betrachtung des Menschen* in 3 Bden., von denen
die beiden ersten in Kassel bei Krieger, der dritte 1818 in
Leipzig bei Cnobloch erschien, vgl. S. 173.
Digitized by VjOOQ IC
Anmerkungen zn B. I S. 170—173. 199
S. 170. drei Tage im Grünen] vgl. S. 125.
S. 170. auf dem Haxthausiachen Gnte] Böken-
dorf, wohin auch A. v. Haxth. nach Absolvimnff seiner
Stndien Michaelis 1817 von Göttingen ans xnrückkehrte.
In der (Anm. zu S. 168) erwähnten Biogr. A. ▼. H.*8 steht
S. 10 eine n&here Beschreibung dieses Gutes. Den ver-
traulichen Briefwechsel der Brüder Grimm mit verschiede-
nen Gliedern der Haxthausenschen Familie veröffentlichte
Heilbronn 1878 A. Reifferscheid. Ueber den hier erwähnten
Aufenthalt s. daselbst S. 50 ff., woraus auch hervorgeht,
dasx *incognito' hier *ohne Urlaub* bedeutet. J. Gr.*s Empfeh-
lung V. A. V. H. an Thomas s. Anm. zu S. 74.
S. 170. Reinhart Fuchs] vgl. 8. 38 u. Briefe von
J. Gr. an Tydeman S. 138 Anm. zu 8. 64. sowie Briefw. m.
Meusebach S. 370 ff. Br. an Diez. Z. f. rom. Philol. VI. 503.
Ueber Wilhelm's Antheil vgl. hier S. 179.
S. 171. Geschichte auf der Wartburg] vgl. Br.
V. J. Gr. an Tydeman S. 138 Anm. zu S. 66.
S. 173 no. 87] Antwort auf S.'s Br. 13, 14. 1) Leipzig,
9. 12. 1817 : ^Beiliegender kleine Zettel enthält alle Sub-
scribenten auf Reinhart Fuchs, die sich hier bisher ange-
geben haben. Sollte sich noch einer oder der Andere
melden, so werde ich den oder die Namen nachsenden.
Man liebt hier das Altdeutsche nicht, weder in Röcken,
noch in Schriften, man denkt es mit dem Neudeutschen in
Verbindung, u. das können die Sachsen noch nicht ver-
dauen. — vor einem Monate lernte ich Frau Schopenhauer
aus Weimar kennen. Sie gab mir Auftrag, Ihnen zu
schreiben, dasz sie auf einen baldigen Besuch von Ihnen
rechne u. sich sehr darauf freue. Damit vereinigen sich
die Wünsche Ihrer Leipziger Freunde . . . ." 2) Leipzig, 13. 1.
1818: . . . „Noch immer ist Frau von Erüdener hier, und man
hört allmählig auf, von ihr zu sprechen. Anfangs waren
die Menschen hier auf mancherlej Weise erregt. Viele
sind bei ihren Gottesverehrungen , Manche allein bej ihr
gewesen. Einige sind von ihr gewonnen worden, für Andere
ist sie Veranlassung zu tieferer und festerer Bejpründung
der eignen Überzeugung geworden. Soviel istgewisz, sie u.
ihre Tochter meinen es gut u. reden mit voller Aufrichtig-
keit; weniger sicher ist man dessen von dem Hrn. Kellner,
der bey ihren Gottesverehrungen den Prediger macht. Die
Menschen dieser Zeit , lehren sie , besonders die Deutschen,
sejen so verderbt, dasz sie alle jämmerlich zu Grunde
gehen würden, wenn ihnen nicht noch von der heiligen
Allianz, u. ihrem Vollstrecker, dem heiligen Alexander,
Rettung u. Heil komme; u. s. w. AnSings gedachte
y Google
200 Anmerkungen zu B. I S. 175.
ich auch zu ihr zu gehen. Nachdem ich aber bald
zuverlässige Kunde von ihren Lehren und ihrer Art,
zu den Menschen zu reden, erhalten hatte, habe ich den
Gedanken au%egeben. Nach meiner Überzeugung ist sie
selbst, die als eine von Gott gesandte Busspredigerin auf-
tritt, noch nicht zum rechten Glauben durchgedrungen.
Ich müzste ihr das sagen u. würde sie ohne Nutzen krän-
ken; denn sie nimmt alles, was gegen sie gesagt wird, nur
als Prüfung auf und danket Gott für das neu zu^fügte
Leid. Unrecht aber ist es offenbar, dasz die gutmemende,
mildthätige Frau polizeilich fast wie eine Verbrecherin
behandelt wird. Denn auch hier steht eine Wache vor
ihrem Wohnzimmer und niemand darf zu ihr, der nicht von dem
Polizeydirector besondere Erlaubnisz erhalten hat. Es
herrscht überhaupt eine fast lächerliche Aen^tlichkeit bey
unseren Regierungen. Die zeigt sich auch m den Erklä-
rungen über die Wartburger Segebenheit, doch wohl mehr
traurig als lächerlich. Man kann das thörichte, in seinen
Folgen nothwendig traurige, Mizstrauen gegen das Volk
immer weniger verhehlen. Hierbey eine — verspätete —
Rede vom Reformationsfest. Bey ihrem Niederschreiben
dachte ich nicht, dasz sie gedruckt werden sollte. . . .*
Auf no. 87 antwortet S.'s Br. 15. Leipzig 3. 5. 1818 :
,. . . Was Sie , veranlaszt durch meine Rede zur Beformations-
feier, über die reine Verehrung eines einzigen Gottes, die
der heidnischen Naturvergötterung vorhergegangen sey,
sagten, hat in seiner Einfachheit eine Fülle des Sinnes, die
mich zu öfterm weilenden Lesen angezogen hat. Aus den
Thälem u. von den Gebirgen Tibets her wird man, hoffte
ich, dereinst auch ziemlich bestimmte historische Bestäti-
gungen erlangen. — Sehr wohl hat mir gefallen, was Görres
gesagt u. geschrieben hat. Auch bin ich überzeugt, dasz
von Hardenberg das Beste zu erwarten ist. Er scheint offnen
Sinn für das Gute u. Grosze zu haben; auch hat man hier
sehr günstige Aeusserungen von ihm über die Bewohner
des Rheinlandes gehört. Wenn ihm nur nicht Verhältnisse
u. Personen in den Weg treten ; man sagt, er gebe zu leicht
nach. — Unangenehm ist mir, dasz man dem Bundestage
die Sache der deutschen Landesverfassunj^en ffanz entziehen
zu wollen scheint. Wohl müssen die Eigentnümlichkeiten
bleiben; aber das gesammte deutsche Volk hat doch auch
ein Gemeinsames. Beiszt man erst die Glieder vollends aus-
einander, so wird nachher Alles beliebig zerstückt oder in
einander verschwemmt. . . .*'
S. 175. Oppositionszeitung] oder Weimarische
Zeitung, erschien von 1817—20, pro Jahr zu 10 Thlr.; vgl.
S. 184.
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 175—179. 201
S. 175. Wir beide sollten an die neue rheini-
sche Universität.] Ueber die Motive der Ablehnung
vgl. Görresbr. II, 554 u. Wilhelm 's Autobiogr. bei Justi
S. 181. Schon 1816 war ein solcher Kuf ergangen und
Savignj gegenüber abgelehnt (vgl. J.*8 El. Schriften I, 182
und auch oben S. 8 no. 11). Die ersten Aus&ichten mochten
J. Grimm schon 1815 in Paris von Eichhorn gemacht sein
(s. Acten S. 15 u. Jacob's Autobiographie bei Justi S. 161),
der auch später die Berufung der Brüder nach Berlin
ausführte (s. Briefw. m. v. Meusebach S. 296).
S. 176 no. 88] Antwort auf S.'s Br. 16. Leipz. 16. 7. 1818:
,Die freundliche Güte des Fräuleins von Scheel, einen Brief
an Sie , liebster Freund , mitnehmen zu wollen , kann ich
nicht unbenutzt lassen u. schicke Ihnen hiermit wenigstens
einen der herzlichsten Freundesgrüsze. In meinem näus-
lichen u. meinem Freundeskreise wird Ihrer oft mit Liebe
gedacht, u. immer schlieszt sich der Wunsch an: Wenn er
doch einmal wieder herkäme ! — Den 2. Theil Ihrer deutschen
Sagen habe ich mit Freude gelesen. Sondern Sie nur nicht
das alles von der Geschichte! Wie dürr würde sie werden,
wenn Sie allen Saft ausscheiden. — Was arbeiten Sie jetzt?
Wie steht's um das Edda- Werk ? — Indem ich denke, dasz
Sie immer so recht, wie es seyn musz, eine Arbeit, ein
Werk vorhaben, fällt mir's traurig auf, wie zerstückelt
meine Zeit u. Kraft hingeht, besonders auch in diesem
Sommer. Zum dritten Bande meines Buches über den
Menschen habe ich eine kleine Nachlese von Druckfehlern
gehalten u. sie der Frau Anbei zugesandt. Das bezeichnet
all mein Thun. Es ist ein beständiges Drucklehler-Ver-
bessem. Und köunte ich sie nur ausmerzen, die fatalen
Druckfehler! Aber zu meiner Pein bleiben sie unverändert
stehen u. sehen mir jeden Tag von neuem ins Angesicht,
wie oft ich ihnen auch zurufe: Ihr seyd Druckfehler, Fort
mit euch ! — Unter die hiesigen Studenten ist eine Rührung
u. Regung gekommen, seit ein halbes Dutzend Jenaer die
allgemeine Burschenschaft hierher genflanzt hat. Noch
widerstreben manche Landsmannschaftler, aber nur noch
schwach. Ich — ein bemoostes Haupt — habe mich bey
diesem Streite ganz verständig benommen.«*
S. 176. FrL v. Scheele] = v. Scheel S. 262, Hof-
dame der späteren Kurfttrstin Auguste.
S. 179. EddaJ Vgl. Thorlacius Briefe an W. Grimm
vom 7. Febr. 1817 u. 21. Febr. 1818 (in Briefw. der Br. mit
nord. Gelehrten S. 129 ff.), femer Br. v. J. Gr. an Tydeman
(S. 124). Es erschien bekanntlich kein weiterer Band.
y Google
202 Anmerknngen zu B. I S. 179-182.
S. 179. Übersicht der altnord. Lit] s. W. Gt.'b
klein. Schriften UI, S. 1-84.
S. 180. Schlegel ist nun Prof. in Berlin]. A.W.
Schlegel wurde 1818 Prof! in Bonn, nicht in Berlin. Ueber
sein Verhältn. zu den Brüdern vgl. Briefw. mit y. Meusebach
S. 888 f., sonst über ihn noch Anm. zu S. 54. Einen von 7
Torhandenen Briefen J. Gr.'s an ihn theilte Klette im Ver-
zeichniss der v. A. W. Schlegel hinterlassenen Brie&ammL
Bonn 1868 S. XL mit.
S. 181. Dasz sie sich z. B. grosze Zöpfe . . .
anhi engen], vgl. Fr. Müller, Cassel vor 70 Jahren I, 115
ff. : „Jedesmal Pfingsten strömte die ganze Studentenschaft
von Göttingen, Marburg u. Gieszen dahin; auch Jena und
Halle stellten ihr Contingent. . . . Niemals liess sich der
Kurfürst Wilh. I. durch den studentischen üebermuth be-
irren, selbst nicht einmal dadurch, dasz derselbe seine Lieb-
haberei am Zopfe in drastischer Weise verhöhnte. Viele
Studenten hatten sich Riesenexemplare zugelegt und nicht
wenige trugen zwei Zöpfe. £iner erschien sogar mit einem
in solcher Länge, dasz ihn zwei andere Burschen wie eine
Schleppe ihm nachtragen mussten. Man sah darin nichts
anderes als einen Fastnachtsscherz im Sommer. **
S. 182 no. 89] Antwort auf S/s Brief 17 : .Leipzig am
26. Novbr. 1818. Liebster Freund! Nicht ohne Verwunde-
rung sehe ich, dasz Ihr letzter lieber Brief schon drev
Monate alt ist. Noch keine Zeit ist mir hier so schnell
hingegangen, als der jetzige Herbst ; und doch kann ich
mich eben nicht rühmen, etwas Tüchtiges darin ^than
oder vor mich gebracht zu haben. Nicht einmal viel ge-
lesen habe ich. Einige Arbeiten für den Prinzen beschäf-
tigten den gröszten Theil meiner Freystunden; vorzüglich
ein Abrisz der christlichen Kirchengeschichte. Den eigent-
lichen Religionsunterricht habe ich mit ihm geendigt; auf
meine Bitte hat denselben für diesen Winter ein hiesiger
wackerer Prediger übernommen , der sich es ernstlich an-
gelegen seyn läszt auf das Gemüth zu wirken. Ich besorge
dameben den Unterricht in der christlichen Kirchen-
Seschichte. So, hoffe ich, wird gethan, was gethan werden
ann. — Nach der Einsegnung gedenke ich dem Prinzen
auch von anderen Religionen eine Vorstellung zu geben.
Wissen Sie mir ein daza brauchbares Lehrbuch zu nennen?
Ausserdem beschäftigt mich auch zu Hause der Unterricht,
den ich dem Prinzen in der Hessischen Geschichte gebe.
Sie werden sich wundem, dass ich ihn gebe; aber wer
sonst sollte es hier? Zum Gmnde lege ich das Lehrbuch
von Curtius. Doch habe ich nebenher auch Einiges gelesen.
y Google
Anmerkangen zu B. I 8. 184—187. 203
Darunter Steffens Carricatnren des Heiligsten.
Gedanken- n. GemüthsfQüe hat auch diesz Buch des treff-
lichen Mannes, dem ich mit Liebe ergeben bin. Aber ich
vermisse im Ganzen, dass die Mitte, die das Mannichfaltige
tragen nnd einen soll, nicht genng emporgehoben, oder
vielmehr eigentlich noch ganz im Dnnkel gelassen ist. Das
scheint mir nemlich der Gedanke, dasz unser Vaterland
seine Einheit nur in einer neuen Kirche finden kOnne und
finden werde. Meine Ahndung von dieser Kirche ist zu
unbestimmt geblieben, als dass ich mich nicht vor der
Hand alles Unheils begeben müszte. Darum nun ist mir
das Buch selbst , besonders die erste Hälfte , schwankend
erschienen. Dabej ein wenig zu reich an Worten. Das erste
Heft des Hermes soll in acht Tagen ausgegeben werden. Der
Wille des Herausgebers ist wacker. Dass Ihr Bruder Fer^
dinand nicht zu uns gekommen ist, bat uns leid gethan.
Wir hatten uns Alle auf ihn gefreut. Denn alles, was
Grimm heiszt u. von Grimm kommt, regt unser Aller
Herzen an. Hannchen ist, dem Verlangen der Oroszmutter
folgend, in Lübeck. Die Andern grüszen herzlich. Auch
Ihrem ältesten Bruder Grusz u. Segen zu dem grossen
Werke, der historischen Grammatik. Belows lassen sehr
grüssen. Beide lieben das angenommene Kind mit aller
Innigkeit und Freude. Auch von dem Prinzen habe ich
einen Grusz zu bestellen.
S. 184. Prof Benecke] über ihn u. seine Beziehungen
zu den Brüdern s. J. Gr. 's Kleinere Schriften 1, 111. Die
Briefe der Brüder an ihn sind noch nicht bekannt.
S. 185. Steffens Carricaturen]. Carricatnren des
Heiligsten. Leipz. 1819—21. 2 Thle. Heinrich St. war
1773 geb. , war 1809 Prof. d. Mineralogie in Halle und zu
dieser Zeit lebte Wilhelm in seinem Hause [vgl. Briefw. d.
Brüder aus d. Jug. S. 76 ff.] Er starb 1845 in Berlin.
S. 187no.90], Antwort auf S.'s Br. 18, Leipz. 29. 3. 1819:
.... In der Trauer der Abwesenheit tröstet mich eine geheime
Freude, ein Gedanke, den ich wohl noch nicht sagen sollte,
— dasz Sie mit dem Prinzen bey seiner Rückkehr hierher
kommen könnten. Thun Sie es, liebster Gr. ! Die Gelegen-
heit ist vortrefflich, die Jahreszeit die beste, Ihrer Gesund-
heit wird es zuträglich seyn, hier werden Sie Vielen, be-
sonders mir und den Meinigen, grosze Freude mEichen.
Dann werden wir uns auch über Manches im Gespräche
behaglich ergehen können , besonders auch über die Zeit
u. ihre Bedürinisse. Es ringet ja doch einmal das G^
schlecht nach Selbstbewusztsejn ; u. dazu möge es der Geist
der Wahrheit führen* u. es vor Willkühr u. Faseley be-
y Google
204 Anmerkungen zu B. I S. 187.
wahren! Bewnsstlos kann sich wohl die Zeit nicht mehr
ausffebären; was sie in ihrem Schoose trägt, mosz zayor
auch in den Geist , in Gedanke u. Wille , üoergehen , aof
dasz es mit Ordnung an den Tag gebracht u. im äusseren
Daseyn gehalten werde. Da haoe ich jetzt ein Buch in 2
Bänden vor mir: Versuch einer Darstellung unserer Zeit,
Berlin 1819 , das mich anfangs gewonnen hatte. Der
Verfasser (vielleicht Buchholz?) tritt gewichtig aut mit
einer Fülle von Gedanken. Weiterhin aber — doch bin
ich erst bis in die Mitte des ersten Bandes — habe ich
angefangen, mich zurückzuziehen, denn es kommt mir vor,
als wäre das Herz des Mannes nicht dabey. Es sollte aber
Keiner, dünkt mir, über seine Zeit sprechen, der nicht mit
seinem Herzen, obgleich gegründet im Ewigen, auch in ihr
lebt. Wärmer ist Steffens, auch wohl in Manchem klarer.
Übrigens habeu Sie recht, was die Rage betrifft. Es ist so
etwas von der Berserkei*-Wuth. Doch thut er mir leid.
Die Berliner fahren wohl zu leicht ins Aeusserste; Alles
muss sich da parteyen. Steffens hatte doch wenigstens
darin Recht , dasz er sagte , es müsse eine Zeit kommen,
worin man den Turnplatz so besuche, wie die Reitbahn u.
den Fechtboden. Hätte doch die Preussische Regierung
einstweilen alles gehen lassen, wie es geht, bis ihr allge-
meiner Unterrichtoplan zur Ausführung reif geworden. Dir
Urtheil über die ITebersetzungen Shakespeares habe ich mit
Vergnügen gelesen. Vom Hermes wird bald der 2. Band
ausgegeoen, worin Ihres Bruders Bemerkungen über
J. Faurs Sprache befindlich sind. Für den 3. Band erwar-
tet Prof. Krug Ihren Aufsatz. Mit meiner Gesundheit geht
es viel besser , so dasz ich mich des nahenden Frühlings
freuen kann. Nur dasz mich noch geringe Arbeit bald er-
schöpft. Harnier wird mich besuchen u. hat mich ein-
geladen, ihn auf der Reise, die er von hier nach Berlin u.
von da zurück über Dresden u. durch Böhmen machen will,
soweit es mir gefalle, zu begleiten. Ich weisz noch nicht,
was ich thun werde. In Berlin möchte ich wohl einig[e
Menschen sehen; übrigens hat das Leben dort, nach mei-
nem Vorurtheil davon , gar keinen Reiz für mich ; auch
scheue ich das lange Fahren. Gern aber ginge ich nach
Dresden: da erfreut und erquickt, was oraussen u. was
drinnen ist. ..."
S. 187. dasz ich keinen Urlaub erlangen
kann]. Die Urlaubsertheilung erfolgte stets durch den
Kurfürsten selbst und wurde , wie aus Bd. IL S. 7, 101 o.
Briefw. ra. v. Meusebach S. 17, 330 hervorgeht, ziemlich un-
gern bewilligt Nach dem Urlaub im Ende August 1815
y Google
Anmerkungen zu B. I. S. 189. 205
erhielt W. allerdings einen neuen grossen schon im Früh-
jahr 1816 um Arnim 'besuchen zu können (vgl. S. 151 u.
Görresbriefe IL, 504). Aus den Freundesbriefen ergiebt sich
(S. 39, 52, 68) dasz W. später einige Mal ohne Urlaub
verreiste (vgl. auch Anm. z. S. 170) und einmal dabei vom
Kurfürsten selbst beinahe ertappt wäre. Wie wenig Ver-
ständniss sowohl Wilh. I. wie Wilh. II. für die Leistungen
der Brüder zeigten, ergeben zwei Br. J.'s an Lachmann v.
2. März u. 12. Mai 18^ (Briefw. m. v. Meuseb. S. 329—30)
und die Resolution behufs Wieder besetzung ihrer Stellen
1829 (II, S. 11 no. 11).
S. 189 no. 91]. Antwort auf S.'s Br. 19 (Br. 18, s.
Anm. zu S. 141.) Leipz. 16. 11. 1819: .Wie Einer, der
durch ein wildes und seltsames Land gezogen wäre, und
nun zurückkäme zu dem alten Freunde, anfangs von der
Menge der Schreckbilder, die noch vor seiner Seele schwe*-
ben, nichts erzählen, sondern sich nur freuen würde, den
Freund und die Liebe wieder gefunden zu haben: so geht
mir's jetzt nach diesem halben Jahre, in dem ich Imien
nicht geschrieben habe. Ich freue mich der alten, unver-
änderhchen Liebe zu Ihnen und mag nichts von all dem
Zeug reden , besonders da Sie ja auch selbst in das wüste
Treiben hineingeblickt haben und hineinblicken, u. zwar
wobl mit sichrerm Gemüthe und klarerm Blicke, als ich.
Zwar weisz auch ich, dasz das Gute, seines gewissen Sieges
ungeachtet, in jeder bestimmten Zeit mit starren Ein-
seitigkeiten zu kämpfen haben wird ; doch scheint mir
jetzt des Rohem, unedlem u. Gehässigem mehr, als billig
ist. Darum habe ich in diesen Tagen die Rede von
Weiller: 'Über die religiöse Aufgabe unserer Zeit' mit
einer Art von Erquickung gelesen; denn es spricht der
Geist der Liebe in ihr. Weiller — und noch mehr —
J. M. Seiler in Landshut mögen dort mäehtig Gutes wirken
in ihren Kreisen, und den Glauben, die Hoffnung u. die
Liebe in vielen Seelen stärken, üeberhaupt mag es jetzt
in Altbaiem ganz anders aussehen, als zur Zeit, da Nicolai
seine Briefe schrieb, u. wieder ganz anders, als zur Zeit
der Dluminaten. . . . N. S. Bey der hiesigen Universität ist
zufolge der Carlsbader Beschlüsse noch keine Veränderung
eingetreten; auch sind diese Beschlüsse überhaupt, soviel
ich weisz, hier im Lande noch gar nicht als Gesetze be-
kannt gemacht worden. Wenigstens hat die hiesige Zei-
tung nichts darüber enthalten."
Auf no. 91 antwortet S. Br. 21: „Leipz. am Himmel-
fahrtstage 1820. Möge Ihnen, liebster Freund, der Himmel
im Gemüthe heute so klar erscheinen, als er Alles besee-
y Google
206 Anmerkungen zu B. I S. 189.
ligend, draossen über der Natur ausgebreitet liegt! Es ist
die Himmelfahrt doch ein herrliches Fest! Auch ftusser-
lich ist der Tag fast immer schön und herrlich. Freund-
lich senkt sich der Himmel herunter, um uns in sich anf-
Eunehmen. Wie habe ich heute gefeiert? — Früh war ich
in der Kirche bej unserm , der Liebe und des Glaubens
▼ollen, Wolf, mit Andacht Dann bey dem Prinzen. Non
schreibe ich meinem lieben Freunde; und dann laufe ich
mit meinen guten Kindern in das Feld, bis die schöne
Sonne untergent. Zuerst haben Sie Dank für Ihren lieben
Brief vom 20. Februar (den ich erst am 5. April erhielt).
Sie hatten mir, ich Ihnen lange nicht geschrieben; aber
meine Liebe war u. ist die alte, unverändert. — Vor acht
Tagen besuchte mich Keimer u. brachte den Prof. Raumer
von Halle mit; sie blieben den Abend bej mir, u. waren
mir auch deszhalb lieb, weil wir da alle zusammen Ihrer
mit Liebe gedenken konnten. Reimer brachte meinen Kin-
dern die 2. Ausg. Ihrer Märchen als Geschenk mit. Das
machte grosze Freude ; Elise besonders ist mit der gröszten
Liebe darüber her gewesen, u. hat mir schon Vieles von
den herrlichen neuen Sachen erzählt, die darin sind.
Meiner Frau hat die Vorrede sehr gefallen; ich konnte
noch nichts davon lesen Wohl hoffe ich u. sehne mich,
Sie, lieber Freund, wie auch andere Freunde u. meine Ver-
wandten in Hessen im Herbste dieses Jahres wieder zu
sehen. Mein vorläufiger Reisegedanke ist folgender: Ent-
weder ich begleite den Prinzen; dann komme ich zuerst
zn Ihnen nach Cassel, eile aber von da nach meiner Mutter,
u. s. w. Oder es ist nicht nöthig, dass ich den Prinzen
begleite; dann verlasse ich ihn in Gotha u. gehe zuerst zu
meinem Bruder im Schmalkaldischen , wende mich von da
in das Fuldathal, u. besuche in Rotenburg eine Schwester,
dann in Melsungen meine Mutter, komme dann zu Ihnen,
u. reise von Ihnen nach Marburg. Meine Frau u. Elinder
bleiben einstweilen hier u. ich selbst kehre hierher zurück
u. bringe den Rest des Winters hier zu. Denn ich habe
ein groszes Bedürfnisz, einige Zeit für mich zu sein. Dann
auch erst wünsche ich mich in Hinsicht des Aeussem meines
künftigen Lebens zu entscheiden. Entschieden zwar bin
ich in der Neigung u. dem Entschlüsse , mein dann noch
übriges Leben der Wissenschaft, ich meine der Philosophie,
zu widmen. Ob aber nur stille für mich oder auch münd-
lich lehrend, um das zu entscheiden, musz ich erst wieder
Eanz zu mir gekommen seyn , u. inne werden ob mein
eben nicht schon zu tief angefressen ist, als dasz es noch
zu mündlicher Lehre Kraft haben könnte. — Doch, es ist
y Google
Anmerkungen zn B. I S. 189 - 192. 207
ja noch, wenigstens meinem Qefdhle nach, sehr lange bis
zum Herbst . . . /*
S. 189 f. Streit zwischen Vosz a. Stolberg],
vgl. Frenndesbriefe y. 5. Mai 1820 (S. 80 n. 217).
S. 191. Tante] Zimmer vgl. Briefe v. J.Gr. an Tyde-
man S. 134. Sie starb am 15. April 1815.
S. 192 no. 93J Antwort anf S.'s Br. 22: »Leipzig am 29.
Dcbr. 1820. Mein geliebter Freand. Dasz ich vor einigen
Wochen von meiner Reise wohlbehalten bey den Meinigen
angekommen bin, werden Sie dnrch Ob. v. Below erfahren
haben. Ich hatte darauf den besten Willen, mich den
Büchern n. Gedanken zuzuwenden, wenn nur nicht das
menschliche Leben unstet u. unruhig, u. das menschliche
Herz ein trotziges u. verzagtes Ding wäre. Es hat sich
nämlich die Fraffe, wo ich künftig wohnen und was ich
treiben solle, so nahe herangedrängt, dasz sie erst beantwortet
u. abgethan seyn musz, ehe ich etwas mit rechter Ruhe u. Frey-
heit unternehmen kann. Ich selbst fühle mich aber so un-
sicher u. unbestimmt in meinem Wollen u. Wünschen, dasz ich
nie mehr des Rathes bedurfte. Darum will ich Ihnen, lieber
Freund, das Für u. Wider darstellen, wie es sich mir dar-
stellt, u. bitte um den Rath, den Ihnen Gefühl zugleich u.
Gedanke eingibt. — Du solltest — so sage ich zu mir von
der einen Seite — den Werth des freyen Lebens, das Dir
jetzt zu Theil geworden, zu schätzen wissen. Dein Leben
u. Deine Kraft ist auf der Neige; benutze, was Dir davon
übrig ist, um Deine Überzeugungen von dem Menschen u.
seinem Verhältnisse zu Gott u. der Welt auszubilden u.
schriftlich darzustellen. So wirst Du Dir selbst genügen u.
Andern nützlich seyn! — Ich kann aber — erwiedere ich
von der andern Seite — nicht sorgenfrey von meiner Pension
leben. Schulden möchte ich gern bezahlen, nicht mehrere
machen. Und wenn man nicht unbekümmert lebt, kann
das Gemüth sich nicht frey u. tief der Betrachtung ergeben.
Dazu kommt, dasz ich glaube, durch mündliche Mittheilung
meiner Überzeugungen sicherer wirksam zu seyn, als durch
schriftliche. — Du wünschest also — spricht es wieder
von der ersten Seite — doch kein anderes Amt, als ein
Lehramt der Philosophie. Ein solches aber ist in dieser
Zeit, da man die Freyheit der Lehre misztrauisch bewacht
u. beschränkt, mit Gefahren u. Verdrieszlichkeiten ver-
bunden. Und, was das Auskommen mit Deiner Pension
betriflft, so ziehe nach einem andern Orte, wo wohlfeiler zu
leben ist, nach Hanau etwa oder einer Hessischen Landstadt,
oder suche irgend eine einträgliche Nebenbeschäftifiping ! —
Man soll wirken — antworte ich hierauf — so lange es
y Google
208 Anmerkungen zu B. I S. 192.
Zeit ist, n. Gefahren nicht achten. Die Kosten der Reise an
einen andern Ort n. der Einrichtung an demselben machten
leicht mehr betrafen, als in einigen Jahren durch die
gröszere Wohlfeilheit gewonnen würde. Die Nebenbeschäf-
tigung aber — worin sollte sie bestehen? Etwa in Privat-
unterricht oder Recensiren? leicht möchte das meine 2ieitu.
Kraft hinnehmen u. zur Hauptbeschäftigung werden. — So
warte doch wenigstens, bis die Zeiten günstiger werden.
Dann kannst Du einer Anstellung entgegensenen , die in
jeder Hinsicht Deinen Wünschen entsprechen wird ! — Aber,
wie lange warten ? Es sieht nicht darnach aus, als wenn
bald günstigere Verhältnisse eintreten würden ; u. weder
mein Alter , noch meine Vermögensumstände g^tatten ein
langes Warten. Dazu kommt , dasz indessen Lust zugleich
u. l^ähigkeit, Philosophie zu lesen, schwinden möchten. —
So weit, lieber Freund, Gründe u. Gegengründe im AIl-
femeinen. Gesetzt , es entschiede sich Ihre Meinung daför,
asz ich jetzt ein Lehramt der Philosophie wünschen müsse ;
so entsteht nun die zweite Frage: ob ich ein solches in
Marburg wünschen solle. — Da würdest Du nicht viel
wirken können ~ heiszt es dagegen — da die Zahl der
Studirenden so gering ist! — Aber doch etwas; auch ist die
Wirksamkeit nicht immer nach der Menge der Schüler zu
messen, sondern öfter noch nach dem vorhandenen Be-
dürinisz. — Aber scheue die ungnädige Stimmung gegen
Dich von oben her. Bei irgend einer Veranlassung könntest
Du Amt zugleich u. Pension verlieren! Das ist wahr und
scheint sehr bedenklich. Aber wahrscheinlich ist es doch
nicht, wenn man mir einmal (was man ja wohl nicht thun
würde, wenn man mich nicht haben will) das Amt gegeben,
u. die Beybehaltung der Pension fär jeden Fall versprochen
hat. Auch ist auf der andern Seite zu bedenken, d&az jetzt
wohl an kcineni Hofe in Deutschland eine gute Meinung
von den Universitäten , am wenigsten von der Philosophie,
zu finden seyn möchte ; nicht weniger , dasz , hinsichtlich
meiner, bej einer etwaigen AnsteUung an einer andern
Universität eher eine Anzeige oder Verdächtigmachung zu
befürchten seyn möchte, als bey einer Anstellung in Hessen.
— Dazu kommt , dasz mir jetzt keine Anstellung auf einer
andern Universität geboten wird. — Nun sagen Öie mir, ob
meine Gegenstellung richtig ist, u. wohin sich Ihr Urtheil
neigt. Ich habe absichtlich nichts von den Gründen gesagt,
welche die Logiker subjective nennen. Sie sind auch auf
beiden Seiten ungefähr gleich. — Belows Rath habe ich;
doch mögen Sie die Sache gelegentlich noch einmal mit
ihm besprechen; — u. schreiben Sie mir bald •
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 196-198. 209
S. 196 no. 94] hierauf wie auf no. 93 antwortet S.*8
Br. 28: , Leipzig, am 2. M&rz 1821. . . . Ihrem Bruder, dem
Maler, soll ich nerzliche Grüsze von dem Maler Blum sagen,
den ich in der vorigen Woche hej Marheinecke in Berlin
kennen lernte. Reimer war verreist. Interessant ist mir
Berlin erschienen, aber es hat mich nicht an^^emuthet.
Ausser dem Mangel an Berg und Thal — wonach ich immer
sehnsüchtig bleibe — ist mir unter den Menschen ein Par-
teyen entgegengetreten, das mir in allen Dingen, am meisten
in der Religion, verhaszt ist. ~~ Bey der Umversität scheint
viel geistige Lebensregung. — Auf die erhaltene bestimmte
Nachricht, dasz unter der Professur, wovon man mir, als
ich in Cassel war, sagte, nicht die durch Tennemanns Tod
erledigte, wie ich glaubte, sondern eine bis jetzt noch nicht
erledigte zu verstehen sey , habe ich mich entschlossen , zu
Ostern einstweilen mit den Meinigen nach Lübeck zu reisen.
Ich befriedige dadurch die immer gröszer gewordene Sehn-
sucht meiner Frau, u. weisz, dasz wir dort herzlich will-
kommen sind. Den Gedanken, wenn ich mich entschiede
oder entscheiden müszte, noch mehrere Jahre oder immer
ohne amtliche Wirksamkeit zu leben, Hanau zu meinem
Wohnorte zu wählen, habe ich noch nicht in meinen Willen
aufgenommen. — Von Bremen habe ich die frohe Nachricht
erhalten, dasz meinem Bruder ein Sohn geboren worden.
Ich soll Pathe seyn, u. werde darum vielleicht, da das Kind
erst in zwey Monaten getauft werden wird , den Weg über
Bremen nehmen. — Dasz Sie bev Ihrem Unterrichte viel
Gelegenheit haben werden, Geduld und Glauben zu üben,
kann ich mir wohl denken. Wie oft hat das schmerzliche
Gefühl, nichts wirken zu können, mein Innerstes durch-
schnitten! Aber man musz immer von Neuem Muth fassen.
Seelen kann man nicht verändern — u. das ist gut ! — aber
es gibt Seelen, die zwar selten, aber doch bisweilen ange-
sprochen werden, u. dann, ohne sich's merken lassen zu
wollen; — u. unter diese gehört die, womit Sie es zu thun
haben. — Für den gründlich freundschaftlichen Rath, den
mir Ihr Brief vom 7. Januar überbracht hat, sage ich herz-
lichen Dank. — Von Hannover ist mir nichts zugekommen;
auch würde ich mich schwerlich darauf eingelassen haben. . . .*
S. 198. Was meine Stunden etc.] vgl. Anm. zu
S. 65.
S. 198. Der Mahler scheint ein grösseres Bild
vorzuhaben] vgl. Freundesbr. v. 27. Mai 1821 (S. 83 und
die Biographie von Ludwiff Grimm in d. Allg. EncycL v.
Ersch und Gruber aus der Feder von Hermann Grimm.
S. 198 no. 95] Antwort auf S.'s Br. 24:
B. StengeL Aot«ii der Brüder Grimm. 14
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210 Anmerkungen zu B. I S. 198.
„Leipzig, am 10. April 1821. Durch Below habe ich die
ajigenehme Versicherung erhalten, dasz Sie, liebster Freund,
sich wohl befinden. Er kam am 31. März Nachmittags hier
an, und reisete schon den folgenden Tag um 10 weiter. E»
war mir lieb, ihn zu sehen. Er war zufrieden, schien sich
auch, 80 wie seine Frau und das Kind, wohl zu befinden,
obgleich er viel mit seinem ehemaligen Arzte über seinen
Gesundheitszustand redete. — Auch ich werde nun Leipzig
bald verlassen. Morgen über acht Tage werden meine
Kinder eingesegnet, an einem der Festtage werden sie zum
h. Abendmal gehen, und dann, wahrscheinlich den 25., ziehen
wir fort. Ich verlasse Leipzig mit einem gemischten Ge-
fühle. Freundschaft u. Wonl wollen habe ich hier gefunden,
doch ist mir nicht heimathlich geworden, hauptsächlich
wohl , weil ich in meinem Berufe Keine Befriedigung £Euid.
Die hieraus entstandene Seelenbeklommenheit iiesz mich
auch der Liebe der Menschen nicht recht froh werden. —
Wenn Sie mir schreiben wollen, guter Grimm, so schicken
Sie mir die Briefe bis in die Mitte May nach Bremen. . . .
Hierbey ein Friedensbüchlein, zunächst geschrieben zu einer
Vorlesung unter Freunden Die Hannoversche Schul-
angelegenheit ist nun doch noch an mich getreten; aber
ich habe keine Neigung, u. meine entscheidende Antwort
nur verschoben, weil ich doch nächstens selbst durch Han-
nover komme "
Auf no. 95 antwortet S.*s Br. 25: , Lübeck, am 20.
Junius 1821. Liebster Freund. Gleich nach dem Em-
S fange Ihres Briefes vom 28. May habe ich meinem
truder in Bremen Ihres Bruders Carl wegen geschrieben,
n. weisz, dasz er sich dafür bemühen wird Es sind nun
schon bald sechs Wochen, dasz ich mit den Meinigen hier
bin, es scheint uns aber kaum 14 Tage. Täglich erhalten
wir von unsem Verwandten u. Freunden Beweise groszer
Liebe, u. ich fühle schon, was ich zum voraus befönshtete
— dasz der geringe Eisengehalt, den meine Seele hat, (im
Leben doch se nothwendig 1), hier vollends in Flusz kommt
Es ist hier, dünkt mir, und zwar nicht blosz bey meinen
Verwandten, sondern im Allgemeinen hier in der Stadt u.
auf dem Lande umher, eine stillere u. innigere Liebe u.
Frömmigkeit in den Familien , bei geringerer Sorge um
Literatur und Politik, als wo ich sonst war. Mein Schwager
lebt ganz in diesem Sinne; seine Frau ist ganz Herz, ganz
Lauterkeit u. Verständigkeit; sein Haus überhaupt ein
Heiligthum der Liebe. Ausserdem lebe ich viel mit Geibel.
Bey unverminderter Rüstigkeit ist er zu seltener Gediegen-
heit der Ueberzeugung gelanget, ist ganz Theologe oder
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 198—205. 211
vielmehr Christologe, n. in seinem Hause ein Patriarch in
der Mitte seiner acht blühenden Kinder, vier Söhnen u.
vier Töchtern. Freilich gibts daneben auch bisweilen Ein-
ladungen auf halbe Tage, wo einem die Güte der Menschen
zu lang wird. — Für Ihre Bemerkungen über meine letzte
kleine Schrift page ich Ihnen Dank ; ich habe sie beherziget.
Wir hätten uns wohl noch über Das, was eigentlich die
Geschichte ist, zu verstand isen , wfdches aber schriftlich
nicht ohne grosze AusfÜhrlicnkeit u. Gefahr des Miszver-
standes würde geschehen können. — Gerling hat mir vor
einigen Ta^en geschrieben, dasz die philosophische Facul-
tat auf Wiederbesetzung der Tenne mann^schen Stelle an-
tragen u. mich dazu vorschlagen wolle. Ich bin es zu-
frieden, hinsichtlich des Erfolges aber sehr zweifelhaft
S. 202no. 96]. Antwort auf S.'s Br. 26: rMelsungen, am
17. Sept. 1821. Mein geliebter Freund. Seit kurzem bin ich,
einer früheren Verabredung getreu, hier, um meine Mutter
und Schwestern zu besuchen. Mächtig zog es mich, als ich
bei Cassel vorbeikam, hinein zu Ihnen. . . . Wann aber werde
ich Sie wiedersehen? Wie sehr würde ich mich freuen,
wenn Sie der Einladung des Keg.rathes Lotz folgen und
hierher kommen wollten! Dasz man in Marburg den Ge-
danken gehabt hat, mich da als Lehrer der Philosophie
zu haben, in Cassel aber mich lieber als Schulrath bei der
dortigen Regierung anstellen wollte, haben Sie vielleicht
gehört. Ich schrieb dem Ministerialrath Kraft, dasz mir
die Anstellung in Marburg angemessener seyn würde ; doch
wolle ich micn, wenn etwa besondere Gründe dafür ent-
schieden, auch der Anstellung in Cassel nicht versagen.
Seitdem sind schon zwei Monate vergangen, ohne dasz ich
weiter etwas gehört habe. Darum vermuthe ich, dasz beide
Anstellungsgedanken aufgegeben worden sind, u. bereite
mich, einstweilen den nächsten Winter hier zuzubringen. . .*
S. 202. Lo t z], Reg. R. Derselbe, wie der Auditor Lotz
der S. 330, 412 der Briefe aus d. Jugendz. erwähnt wird ; nach
dem Marburger Studentenverzeichnisz vom Sommer 1802 war
er aus Borken gebürtig und am 16. Nov. 1800 als Jurist in
Marburg eingeschrieben. Seine Vornamen sind Phil. Friedr.
Carl, Er war später während der vierziger Jahre Re^ie-
rungsdirector in Hanau, wo ihm, wie mir Herr F. Bang hier-
sei bst mittheilt Grimm einmal besuchte, später kam er als
Regierungsdirector nach Marburg, wo er starb.
S. 205 no. 98]. Antwort auf S.'s Br. 27 v. 20. 1. 1822,
in welchem S. meldet, dasz es nun entschieden sei, dasz er
nach Bremen gehe, aber noch um einige auf Spener be-
zügliche Bücher bittet, und sich über das erste Heft der
14*
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212 Anmerkungen zu B. I S. 205—209.
Morphologie von W. v. Schütz ausspricht, sowie nach der
dritten Auflage von Schleiern) achers Reden über die Reli-
gion erkundigt. — Auf no. 98 antwortet S.'s Br. 28 v. 18.
2. 1822, mit welchem er die übersandten Bücher zurück-
schickt, Yon den unvermuthet wieder zu tage getretenen
Aussichten, dasz er nach Marburg an Tennemanns Stelle
kommen könnte, meldet, u. um Nachricht bittet sobald
etwas entschieden sei.
S. 205. Spener]. Suabedissen schrieb um diese Zeit
einen Abrisz y. Spener^s Leben, welcher 1824 in Rochlitz
, Jährliche Mittheilungen HI. S. 1—120 erschien.
S. 207 no. 99]. Antwort auf S.'s Br. 29. Melsungen
d. 17. 3. 1822 : Bitte um die zweite Auflage v. Creuzer*8
Symbolik u. Mythologie, welche der Bote von R. R. Lotz
abholen werde. »Meine zweite und angelegenere Bitte ist,
dasz Sie recht gesund sejn sollen! In der vorigen Nacht
sind Sie mir so krank vorgekommen, als gar nicht erlaubt
ist, so dasz ich schelten möchte, wenn ich nicht lange her
selbst nichts getaugt hätte. Mit herzlicher Liebe Ihr S.«*
S. 209. no. 100]. Antwort auf S/s Br. 30:
„Marburg am 6. Junius 1822. Es ist wohl unrecht^
liebster Freund, wenn Einer, der in eine neue Lebenslage
versetzt worden ist, seine Freunde nicht bald benach*
richtigt, wie er sich darin befindet, oder vielmehr, wie er
sich in dieselbe findet. Das scheint noch mehr unrecht,
wenn die Veränderung in einem Alter, wie das meinige,
geschehen ist, das scnon eine gewisse. Starrheit zu haben
pflegt u. sich weniger bequem m 'neue Lebensverhältnisse
tagt; — weil dann die Freunde Ursache haben, besorg-
licher zu seyn. — Darum will ich Ihnen nun gleich vor
Allem sagen, dasz es mir, meinem Gefühle nach, wohlgeht.
An diesem Gefühle ma^ wohl die Herstellung meiner Ge-
sundheit einigen Antbeil haben, u. zu dieser Herstellung
mag wohl gewirkt haben u. fortwährend zu meinem Froh-
sinn wirken die herrlichp Jahreszeit, der prächtige Himmel,
das helle Licht, die reine Luft, und die n*eie Lage meiner
Wohnung, die mich wie in die Mitte dieser Elemente
hineingehoben hat. Zwar dröhnet mein Häuschen, erschüt-
tert in seiner Grundveste durch mächtige Schläge — man
bauet da eine Küche, haut Fenster in die Mauern, etc. —
aber das kümmert mich wenig ; ich sitze oben , wie ein
Vogel in seinem Bauer; habe auch — zum Beweise, dasz
ich hier zu nisten gedenke — auf drejr Jahre gemiethet, ob-
gleich vorauszusehen ist, dass im Winter durch die schlot-
ternden u. zerrissenen Fensterrahmen oft mehr frische Lufl
einströmen wird, als zum Leben nothwendig ist. . . .'
y Google
Anmerkungen zn B. I S. 209. 213
Auf no. 100 erwidert S.'a Br. 31: .Marburg am 4.
Januar 1823. Liebster Freund, .... Nun Dole ich , da ich
Sie doch nicht selbst hier habe , Ihren lieben Brief vom
17. Julj herbej, ihn noch einmal zu lesen. Dasz Sie sich
meiner Wohnung noch so gut erinnern — denn damit be-
ginnt Ihr Brief -> ist mir nicht wenig lieb, da Sie desz-
wegen bisweilen auch unwillkürlich durch Vorstellungen
aus früherer 2jeit mit Ihren Gedanken zu mir hergeleitet
werden müssen. Eine meiner liebsten Hoffnungen für
dieses Jahr ist, dasz Sie selbst nachgezogen werden mögen.
Freilich werden Sie dann die Wände, wo sonst die schönen
Kupferstiche hingen, leer finden; jetzt noch, wie sonst, ist
mein Zimmer puritanisch einfach; es ist nur ein Bild
darin, das Ihrige. Aber die Natur umher ist doch noch
freundlich, wie immer; u. selbst in der jetzigen Jahreszeit
sehe ich, als Ersatz für das Grün der Bäume u. Felder, die
Sonne, die sich im Sommer hinter den Dammeisberg wen-
det, Yor mir über Ockershausen untergehen In ihrem
Briefe weiter lesend komme ich ül^r die Ausgleichungs-
au%abe Ihres Nervensystemes mit dem Staabstrompeter u.
dem Schmidt — die nun hoffentlich ganz ffelOszt ist — zu
der mir stets in. frischer Erinnerung gebliebenen höchst er-
freulichen Nachricht von der Herstellung Ihrer Gesundheit
durch Milch u. andere milde Nahrungsmittel. Ich hoffe,
dass sie indessen bis zum Wasser vorgedrungen sind ; dann
wird nicht leicht wieder ein böser hitziger Dämon in
Ihnen aufkommen können. Dann folgt ein Absatz in Ihrem
Briefe, der mich beunruhigt hat, weil ich ihn nicht
recht verstanden habe. & ist darin die Rede von
innerlicher Krankheit, aber auch von innerlicher Gesund-
heitnkraft. — Letztere wird vollends gesiegt u. aos-
S^worfen haben, was nicht ins Innere gehört, gewiszlich!
arum hätte ich dieses passus gar nicht erwähnen sollen;
da es nun aber geschehen ist, liebster Freund , so lassen
Sie uns bev dieser Veranlassung uns einander versprechen,
dasz das Leben, das Leben aus dem Urgründe, das gerade, auf-
richtige Leben, in uns feststehen u. den Tod nicht an sich kom-
men lassen soll. Vivat das Leben, pereat der Tod! — Das
ist mein Wahlspruch, u. soll es auch dann noch seyn, wenn
mein schwaches Daseyn vollends zusammensinkt. Zum Be-
schlüsse enthält Ihr Brief einige freundliche Nachrichten u.
Mittheilungen, deren letzte ein herrliches Urtheil über Göthe
ist, veranlaszt durch den zuletzt erschienenen Theil seiner
Lebensdarstellung. Das Buch habe ich nun endlich auch
erhalten, aber noch nicht gelesen. . . . Gern möchte ich auch
Ihr Urtheil über Pustkuchens: Meisters Wanderjahre
y Google
214 Anmerkungen zu B. I S. 209—210.
wissen, obgleich ich selbst auch dieses Buch noch nicht
gelesen habe. Sie werden lachen über mein : Nicht gelesen
haben. Aber so geht's jetzt hier am Berge! Ich halte
Vorlesungen, u. arbeite dafür, u. weiter nichts ! — Üebrigens
befinde ich mich ziemlich wohl. . . .*
S. 210. Da ich mich genau Ihrer jetzigen
Wohnung erinnere] vgl. Anm. zu S. 1. Marburg].
S. 210. Ich bin endlich an meine Wohnung
gewöhnt] vgl. hier S. 233, Freundesbr. S. 89 u. 91, so-
wie aus einem Br. von Thomas an J. Gr. v. 11. 2. 1823
folgende Stelle: ^Der Verlust Ihrer schönen Wohnung thut
mir recht leid, besonders da Sie eine engere getroffen.
Das letzte fühle ich aus eigner Erfahrung.** Diese Interims-
Wohnung, welche die Brüder nach Lottes Heirath im Som-
mer 1822 bezogen haben müssen und bis Ende April 1824
inne hatten, ist bisher nicht festgestellt; (vgl. Duncker, Die
Brüder Grimm S. 53 f.) Herr Cand. Euler benachrichtigt
mich freundlichst, dasz dieselbe nach Angabe der in Cassel
wohnhaften Wittwe des Kupferstecher u. Prof. Grimna.
in der jetzigen Fünffensterstrasze belegen war, also
in der Nähe der Gardeducorps-Kaserne. jJie Hausnummer
vermochte er bisher nicht zu ermitteln, da eine Schmiede,
welche sich nach obigen Angaben im Hause befand, dort
nicht mehr vorhanden ist. Dasz Jacob aus seinem Fenstex-
chen dort ein Stück Nordwesthimmel mit dem groszen Bär
sehen konnte, deutet er auch in den Kl. Schnften I, 186
an. — Nur auf eine Verlegung von J.*s Studirsimmer deutet
es hin, wenn Thomas unter d. 2. 8. 1826 an J. Gr. schreibt :
„Hoffentlich ist ihr Auszug vorüber u. der wackere Schrift-
steller Jacob U. (v. Meusebach hatte scherzweise dem kleinen
Jacob am 25. 5. 1826 ein Exemplar des Dasypodius über-
sandt, 8. Briefw. m. v. Meusebach S. 327 f.) hat sich an die
neue Wohnung schon gewöhnt. Ich wünsche Ihnen Glück,
dasz es überstanden ist.*
Harnier] der ältere [B. geb. 1775] u. jüngere [K. geb.
1790], beide Aerzte. Schon in den Brief, aus der Jug. be-
gegnet der Name H. sehr oft seit Anfang 1814, doch lassen
sich beide Brüder (172) nicht deutlich auseinander halten.
E. Harnier der Jüngere scheint früher verheirathet gewesen
zu sein als R., aber mit den Brüdern nicht viel verkehrt
zu haben, der ältere war Hofrath und hatte sich im April
mit der Tochter des hannoverischen Ministers Ruhmann
verlobt (S. 139), im September fand die Hochzeit statt
iS. 203, 206). Auch die vielen Stellen der Jugendbr. der
Brüder scheinen sieh auf ihn zu beziehen. Er starb als
urf. Geh. Hofr. 1856, sein Bruder E. starb 1857 als GeL
y Google
Anmerkungen zu B. 1 8. 210—216. 215
0. Med. Batb. Vgl. Gross Statistik des Ljc. Frideric. Cas-
seler Gymnasialprogramm 1879.
Es gibt ein geistigerSchmerz.]. So im Original.
S. 212. 2. Juni] verscbrieben für: ,2. Juli- vgl. Anm.
zu S. 140.
S. 212. Wilbelmsböber Bibl.] vgl. Briefe mit
V. Meuseb. S. 8.
S. 213. Kopp] Ulrich, Friedr geb. 18.3.1762 in Cassel.
Er ist besonders als Verfasser der ralaeographia cri-
tica bekannt u. stand besonders mit Völkel in freund-
schaftlichem Verkehr und regem Briefwechsel. Vgl. über
ihn noch: Briefw. der Bröder Grimm m. nord. Gelehrten
S. 119, Görres' Briefe III. 31.
S. 214. Es klebt Goethes Werken zu viel
Studium anj vgl. S. 74 und dagegen einen Brief an
Lachmann (Briefw. m. v. Meusebach o. 368).
S. 215. no. lOlJ gehört zwischen no. 105 u. no. 106, in-
dem 1823 statt 1824 verschrieben ist. (Vgl. Suabedissens Br.
35 in Anmerk. zu S. 226, auf welchen no. 101
antwortet.) Auf no. 101 antwortet S.'s Br. 36 v.
11. 2. 1824: S. schickt die Bücher zurück und dankt für
W. Gr.'s Mittheilungen. Die Frage, ob. was vom altdeutschen
Epos erhalten, AusBusz eines einzigen höchst vollkommenen
Gedichtes sei, sei eine tiefe, ,die bei allen nicht gemeinen
Dingen des Lebens wiederkehrt. Ich nach meiner Ei^en-
thümlichkeit, bin immer, wo zwischen der Annahme einer
zeitlichen oder überzeitlichen Einheit und Ursprünglichkeit
die Wahl ist, zunächst geneigt, mich zum Ideale zu wen-
den, und es für die Lebenswurzel (die immer zeitlos gegen-
wärtige) der zeitlichen Versuche zu halten, ohne darum zu
bestreiten, dasz es auch irgendwo u. irgendwann zu zeit-
licher Herrlichkeit vorgetreten seyn könne. Nicht selten
aber wandelt mich Trauer an , wenn ich gewahr werde,
dasz so viele Menschen das Ideale fOr das Nichtwirkliche,
Nichtwesenhafte, blosz Gedachte halten *
S. 215. des wunderlichen u. ängstlichen
Hoffmanns Leben], gemeint ist der bekannte Dichter
E. Amadeus H., der 1822 gestorben war, 1823 erschien:
Aus H.*8 Leben u. Nachlass (v. I. E. Hitzig) Berlin. vgL
S. 227.
ib. Weitzels LebenJ, J. W. 1771 im Rheingau ge-
boren, bekannt als Publicist, er starb 1837 in Wiesbaden,
wo er seit 1820 Bibliothekar war. 1821 erschien: „Das
Merkwürdigste aus meinem Leben** Leipz. 2 Bde.
8.216. dasz es nicht die Nase u. das Wesen
des Groszvaters Hassenpflug herkommt]. D«r
y Google
216 Anmerkungen zn B. I S. 216—226.
alte Hassenpflag ist jedenfalls derselbe, dem W. nach seiner
Mittheilnng an J. (Briefe ans d. Jngendz. S. 250) bei seiner
Anstellung den Eid nachsprechen mnszte. Er war Begierongs-
rath. Vgl aach Frenndesbr. S. 34.
S. 2x7. Mir kommt es zumeist auf die Ent-
stehung u. Entfaltung d. Dichtungen an] ygL
Anm zu S. 808.
S. 222. no. 102.1 der Brief ist erst nach dem 7. Oct.
1828 geschrieben. S.'s Br. 56 undatirt bildet die zusagende
Antwort; vgl. einen Brief J. Gr.'s an v. Meusebach (Briefw.
S. 99 no. 52): „Wilhelm ist heute morgen 5 uhr mit Dori-
chen und Frau Sophie von Witzleben (vgl. Anm. S. 264^
über Ziegenhain nach Schweinsberg und Marburg gereist.^
Dass der Brief nicht Mitte August 1829 geschrieben sei
(vgl. S. 264), geht aus einem Brief W.'s an v. Meusebach
(S. 123) hervor. -Nach Schweinsberg u. zum Tanz auf der
Kirmes konnte ich leider dieses Jahr nicht mitgehen, weil
eben meine Verwandelung in einen Hannoveraner vor sich
gehen solltp." — No. 102 sollte also nach no. 118 stehen.
S. 223. Frau v. Schwertzeil] vffl. S. 204 Herr
Georg V. Schwertzell in Willingshausen theilte mir, auf
meine Auflage, mit, dasz er Briefe W.'s an seine Mutter
besitze u. dasz deren Inhalt die freundlichen Beziehungen,
welche zwischen W. Gr. u. seinen Eltern bestanden, berünre.
S. 224. E. Platner.] Seit 1811 Prof. der Rechte in
Marburg, sjbarb daselbst am 5. 6. 1860.
S. 224 no. 104.] Antwort auf S.'s Br. 32 u. 33 v. 22. 6,
u. 2. 7. 1823, worin er meldete sein Nachbar Kessler [Zeichen-
lehrer in Marburg) sei gestorben, u. den jüngeren Bruder
W.'s, den Maler, aufforderte, sich um seine Stelle zu bewerben.
S. 226. no. 105.1 Antwort auf S.'s Br. 34 v.20.8. 1823,
welcher Bücksendung geliehener Bücher und Bitte um neue
im Herbst betrifft
Auf no. 105 antwortet dann S.'s Br. 35 v. 23. 11. 1823:
S. schickt die 5 Hefte von Göthe über Kunst u. Alterthum,
an welchen er sich sehr erfreut habe, ztfrück. ,Es war
mir oft, als wäre ich mit in dem engern Kreise, dem diese
mannigfaltigen Mittheilungen zwar mit Selbstgefühl, aber
immer mit würdiger Haltung gemacht werden. Ins beson-
dere freute es mich, dasz auch noch das, was G. nach
seiner Krankheit geschrieben , so vollgehaltig ist u. noch
so vieles verspricht, lieber manche Aeusserungen möchte
ich Sie gern frästen, wenn Sie hier wären, z. B. od auch nach
Ihrer Meinung Lord B/ro n der gröszte Dichter ist." Weitere
Urtheile über Schlosser's Gesch. des 18. Jh. u. TiecksPhan-
tasus, Bitte um Hoffmanns u. Werners Biogr., das letzte Heft
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 226-229. 217
zur Naturwissensch. v. Goethe u. um Calderon*8 Tochter der
Luft (y. Gries); Theilnahme an den Mittheilungeu über die
serbischen Gedichte; Beschreibung der Ferienreise nach
Melsungen ; Famüiennachrichten. Der Schluss dieses Briefes
lautet: «Möchten Sie, liebster Freund, recht gesund seyn
XX. weder über Brust u. Herz, noch über den Magen zu
klagen haben. Sie bedürfen nicht des Pfahles im Fleische,
oder vielmehr da dieser Pfahl so lange her doch nicht den
Schalksgeist (wie die Leute meinen) austreiben konnte, so
wäre wohl einmal zu sehen, wie sich dieser zweideutige
Genius ohne jenen yerdrieszlichen Gesellen gehaben u. l^
nehmen würde." (Die Antwort auf diesen Brief bildet
Brief no. 101, dessen Datirung irrig ist).
S. 228. Wukl Stephanowitsch , serbische Lieder vgl.
J. Gr.'s Anzeigen derselben (Kl. Sehr. IV. 197 ff., 218 ff.)
u. Freundesbriefe S. 92 u. 221. Wegen seiner serbischen
Gram. s. Anm. zu S. 89.
S. 229. no. 1061. Darauf antwortet S.'s Br. 37 v. 15. 10.
1824 : «Ich danke Ihnen, liebster Freund, dass Sie mir etwas
zu lesen zugeschickt haben, was sich zwischen das einför-
mige Ackerland meiner gewöhnlichen Beschäftigungen wie
ein Wiesengrund gelegt hat Zuerst habe ich die Hefte
von Göthe gelesen: gern und mit Behagen, denn
ich lasse mir Alles, was er giebt. Kleines und Groszes,
Wohlgefallen. Dann las ich die oeiden letzten Stücke
von Lope u. von Calderon das erste. Schon seit
einigen Jahren habe ich die Erfahrung an mir ge-
macnt, dasz dramatische Sachen vorzüglich der tragischen
Gattung, mich nicht mehr so anziehen, wie sonst. Ist es
Folge des Alters ? nämlich der mit den Jahren zunehmen-
den Zurückziehung der Theilnahme an dem treibenden u.
wirkenden Leben ? — Doch glaube ich, dasz ich Shakespeare
bis zu meinem Tode gern lesen werde, u. nach Shake8)>eare
Calderons ernste Stücke. — Von Lope hatte ich noch nichts
gelesen, Nach den zwey jetzt gelesenen Stücken zu ur-
theilen, scheint er mir mehr auf dem irdischen Boden der
herrschenden Denk- u. GefÜhlsweise seines Volkes zu stehen,
als Calderon, dessen Geist den Glauben u. die Begriffe seines
Volkes in den reinem Aether der Freiheit u. der Idee em-
porgehoben zu haben, u. eben darum zugleich ernster u.
Künstlerisch spielender mit denselben zu verfahren scheinet.
Auch daher vielleicht die gröszere Liebe des Spanischen
Volkes zu Lope. Aber ich kenne weder diese Dichter, noch
dieses Volk hinlänglich, um ein bestimmtes Urtl^eil darüber
zu haben ! Meine Seele aber ist wund für das jetzige
Schicksal dieses Volkes, u. darum habe ich einige Scheu,
y Google
218 Anmerkungen in ß. I S. 229—237.
den Alonzo des Salvandy zn lesen. Doch will ich dieas
Buch lesen, n. bitte Sie, es mir, wann Sie es nicht mehr
brauchen werden, zu schicken. . . . Kommen Sie einmal in
guter Jahreszeit zu uns, wie wir alle gar sehr wünschen,
so wollen wir zusammen nach dem Stauffenber^e fahrezi.
Man hat da eine reizende Aussicht. Zwar Sie können
darnach kein Verlangen haben, da Sie sich aus Ihrer
Wohnung ohne alle Mühe der freundlichsten erfreuen, jukd
dasz dem so ist, dasz Sie wieder eine Wohnung haben, die
Ihnen zusagt, ist mir nicht wenig angenehm "^
S. 231. Malsburg] Ernst Freiherr v. d. M., geb. d.
23. Jan. 1786 in Hanau, gest. 1824. Er verliess gleicnzeitig'
mit den Brüdern Grimm das Casseler Lvceum, als Schüler
der Oberprima und bezog mit Jacob alsbald die Universit&t
Marburg. Nach dem Marourger Studenten verzeichniss wurde
er als Jurist am 8. Mai 1802 eingeschrieben u. wohnte bei
Prof. Bauer no. 160. Die auf S. 230 erwähnte Calderon-
Uebersetzung ist offenbar nicht die seinige, sondern die von
Gries. Vgl. über ihn u. seine Schriften Justi S. 437^1.
S. 233. weil ich ihn [diesen Sommer] in meiner
Wohnung recht habe genieszen können] vgl. Anm.
zu S. 210.
S. 234 no. 107J. Darauf antwortet S.'s Br. 38 v. 22. 12.
1824, worin er für Luis* radirte Blätter, von denen er durch
Göthe in Kunst u. Alterthum erfahren hatte, dankt, und
von Krankbeitsanfö>llen seiner Frau u. eignen berichtet
S. 236 no. 108]. Darauf antwortet S.'s Br. 39 v. 31. 12.
1824: S. sendet Alonso Bd. 1 u. 2 zurück. Pfarrer Bange
habe die Bücher noch nicht holen lassen. Der Brief, welcher
dem Pfarrer Bang die Uebersendung der Bücher an S. mit-
theilte, ist nicht erb alten, in dem Antwortsbnef auf no. 50
schickt B. aber die hier erwähnte Sendung Bücher zurück.
— Nach no. 108 fehlt ein Brief W. Gr.'s, in dem er seine
Verlobung anzeigte. Darauf antwortet S.'s Br. 40 v. 9. 1.
1825: „Wir nehmen alle den herzlichsten Antheil an der
lieben Neuigkeit, die Sie uns zum Neuen Jahre gesagt
haben. Für Sie also, liebster Freund wird dieses Jahr eine
vorzügliche Wichtigkeit haben, wird die Mitte Ihres Lebens
ausmachen. So müsse auch fortan Ihr Herz — das früher
oft ängstlich kranke — von Befriedigung durchdrungen, der
Mittel- u. Quellpunct Ihrer steten Gesundheit werden. Ich
kenne Ihre Braut nicht, aber ich darf doch wohl bitten, sie
von Ihrem Freunde zu grüszen *
S. 237 no. 109] wird von S.*8 Br. 41 v. 24. 1. 1825 be-
antwortet: S. sendet den letzten Theil des Alonzo zurück.
Er habe das Buch gern gelesen. Die Erwähnung, dass die
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 237—240. 219
Prinzessinnen das Buch gelesen hätten, Hesse ihm wünschen,
daes auch der Kurprinz dergleichen Bücher lesen möchte.
«Aber ich bin am wenigsten in dem Verhältnisse zu ihm,
um solchen Rath geben zu können, denn er ist &emd gegen
mich *
S. 238 no. IIOJ beantwortet durch S/s Br. 42 v. 27. 5.
1825.
S. 239 no. 111]. Antwort auf S.^s Br. 43 u. 44 v. 20. 10.
u. 25. 12. 1825, Br. 43 überbrachte Freund Clodius aus
Leipzig u. seine Frau. Br. 44 lautet: „Mit dem Grusze, den
Sie vor zwey Monaten bei Clodius auf ein ßlättchen
schrieben, hatten Sie mir zugleich eine liebe Hoffnung zu-
gesandt, die von mir und den Meinigen so gut gehegt und
gepflegt worden ist, dasz wir nun die groszgezogene nicht
lange mehr werden abhalten können, zu Ihnen zurückzu-
fliegen. Sie müssen also nun entweder kommen, oder unsere
liebe, aber ungeduldige Hoffnung durch eine neue bestimmte
Zusage beruhigen. — Es ist wahr, einladen darf ich eigent-
lich nicht. Was Marburg Freundliches hat, sind seine
Hügel und Thäler in der Zeit des Grünens u. Blühens. Von
einem ersten Besuche im Winter zu Marburg würde Ihrer
lieben Frau nur der Gedanke u. das Gefühl zurückbleiben:
•Diesmal und nicht wieder!* Dazu kommt bev mir das
Unangenehme , dasz ich Sie in meiner kleinen Wohnung
Nachts nicht beherbergen kann; dasz Sie also, wie Clodius
u. seine Frau , die Nacht in einem Gasthause würden zu-
bringen müssen. Also: einladen darf ich eigentlich nicht I
Aber die Wünsche sind unbescheiden. Ich bin gewisz,
wenn meine Frau u. Kinder zu entscheiden hätten, und ich
fragte sie: ob Sie und Ihre liebe Frau jetzt, in der un-
günstigen Jahreszeit, oder im Frühling kommen sollten, —
alle würden rufend Jetzt! und ich selost würde mich wohl
kaum erwehren können einzustimmen "
S. 239. Clodius] Chr. Aug. Heinrich. Prof. in Leipzig,
(vgl. S. 49, 184) besuchte 1825 mit seiner Frau die Brüder
in Cassel (vgl. Briefwechsel m. v. Meusebach S. 25 no. 16),
t 1836 : A. D. B. IV, 334.
S. 240. Ähnlichkeit mit der seel. Mutter.]
vgl. 243, Anm. zu S. 144 u. Freundesbriefe S. 111 f. Wilh.
an Frl. L. u. A. v. Haxthausen vom 5. Jan. 1826.
S. 240. Dortchen . . ist vor 15 Jahren in Mar-
burg bei einer nun verstorbenen sehr geliebten
Schwester gewesen], vgl. Briefwechsel der Brüder a.
d. Jugendz. S. 93, 108 no. 34. — Gretchen Wild war in Mar-
burg verheirathet (vgl. ib. S. 173 oben). Später 1814 lebte
sie wieder in Cassel (vgl. ib. 253, 399).
y Google
220 Anmerkungen zn B. I S. 241—242.
S. 241 no. 1121 beantwortet dnrch S.'s Br. 45 y. dO. 4.
1826: Glückwnnscn zur Geburt des kleinen Jakob. — Im
Juni 1826 hatte W. Gr. Suabedissen einen Besuch ab^estatteir
wie aus S.^a Br. 46 y. 23. Junj 1826 hervorgeht, womit er ihm
einen nachträglich ein^etroffnen Brief nach Cassel nach-
schickte. Beide waren m dieser Zeit einmal gemeinsam nach
Gossfelden zu Bang gewandert u. unterwegs von einem
Regengusse überfallen. — Am 10. 9. 1826 folgt S.'s Br. 47 :
,. . . Man hat hier viel davon gesprochen, dasz die Univer-
sität nach Cassel solle; u. was mich betrifft, so liesze ich
mir's gefallen, wenn man mich unter andern Mobilien auch
dorthin schaffen wollte. — Doch wird man uns wohl noch
vorher hier jubiliren lassen. Und wollen Sie dann nicht
dabej seyn? Zwar wird man Mühe haben, schon alle die
Pastoren , die dann herauf ziehen werden , unterzubringen ;
aber das eben wird der HaupUpasz seyn. — Vor Kurzem
war Ulrich Peter Kopp vierzehn Tage hier. Er machte sich
und den Studenten den Spasz, sich im matrikuliren zu lassen,
u. zog dann Abends mit einer Fackel in der Hand im Zuge
mit, bey einer Musik, die dem Prorector u. s. w. gebracht
wurde. Heute vor acht Tagen verliesz er Marburg auf
einem Philister-Miethgaul vor seinem Wagen her, nachdem
er vorher einen gedruckten Zuspruch an die Studirenden
hatte ausgeben lassen. — Was ich aber eigentlich wollte
mit diesem Briefe ? Nur Sie recht herzlich gprüszen, liebster
Freund, u. Ihnen sagen, dasz ich Sie aufrichtig liebe, u.
dasz Sie es nicht genau nehmen sollen, wenn ich mich un-
geschickt benehme u. ausdrücke. — Ich wünsche, dasz Sie
indessen mit Ihrem Heidelberger Dickbauche zu Stande
gekommen seyn mögen. — Meine Frau u. die Kinder (sie
waren letzte Nacht auf einem Balle bey Schenks) lassen
gar sehr grüszen, u. letztere auch danken für die Sternchen;
sie hätten schon manche Elle Erinnerung auf- u. abge-
wickelt. . . . .*
S. 242 no. 113] Antwort auf S.'s Br. 48 u. 49 v. 31. 12.
1826 u. 1. 1. 1827. — Br. 48 : .Das beste Glück zum neuen
Jahre! zunächst, dasz Sie es Alle recht gesund begimien
mögen ! Ich denke dabei vorzüglich an Ihr liebes Kind, weil
mir vor drey Wochen Frau v. Schenk sagte , dasz es lange
Zeit krank gewesen sey. Das möge gewesen seyn! ....
Ich habe mich in diesen Ta^en an den Irischen Elfen-
märchen erfreut u. aus der Einleitung belehrt. . ..* — Br.49:
.Heute habe ich von Frau v. Witzleben gehört, dasz Ihr
liebes Kind gestorben ist. Welch ein Schmerz für Sie u.
Ihre liebe Frau! . . .« — Auf no. 113 folgt S.'s Br. 50 vom
27. 4. 1827, in welchem er seine glückliche Bückkehr von
Cassel meldet.
y Google
Anmerkungen zu B. I 8. 243—254. 221
8. 243. Meiner Schwester Kind hat mir eben
80 ]eid gethan wie mein eignes] vgl. Frenndesbr.
S. 118, femer Briefw. mit y. Meusebach S. 334 Anm. zn 8.
62, 8. 335 Anm. zn 8. 66.
8. 244. habe . . in Ihrem Buche gelesen! Die
Betrachtung des Menschen. Cassel n. Leipzig 1818. 3 Bde.
vgl. Anm. zu 8. 170.
ib. Ich glaube, wie 8ie, dasz Liebe . . . das
einzige ist, was uns aufrecht erhält] Vgl. W. Gr.'s Br.
an Lachmann y. 17. Oci 1833: j^das habe ich lebendiger als
je empfunden, dasz die Liebe das einzige ordentliche Ding
ist, das wir auf der Welt davon tragen und das widerh&l^
wenn die anderen Lumpereien zu (Irund gehen.* (Briefw.
mit y. Meusebach 8. 389 Anm. zu 8. 198.)
8. 246. die kleine Schrift] »Zur Einleitung in dia
Philosophie*. Marburg 1827. gr. 8o.
8. 246 no. 114] Darauf erwidert S.'s Br. 51 y. 13. 10.
1827: Besuch gehabt, Herbarts Psychologie gelesen etc.,.
lange nichts von W. Gr. gehört. Was W. Gr. ihm über
Philosophie u. Poesie gescmrieben , habe er mit Nachsinnen
gelesen und werde es gelegentlich wieder lesen.
8. 247-- 50] vgl. Tiecks Einl. zu seiner Einl. von Lenzen»
Werken, und 8 255-6. .
8.248. Scheidler Einleitung zur PhilosophieJ
Propädeutik und Grundriss der Psychologie von Dr. C. BL
Scheidler. Jena 1827.
ib. J. J. Wagner], wohl in .Religion, Wissenschaft,
Kunst u. Staat in ihren gegenseitigen Verhältnissen be-
trachtet.* Erlangen 1819. (?) Wegen anderer Schriften von
J. J. Wagner s. Tennemann's Grundriss d. Geschichte der
Philosophie. 5. Auflage von A. Wendt. Leipzig 1829. 8. 552.
8. 252 no. 115] beantwortet durch S.'s Br. 52 vom 9. 1.
1828 : Glückwunsch . . «Von Elise soll ich sagen, das Süsze
u. Freundliche sey ihr jetzt lieber als das Saure*
8. 254 no. 116] vorauf ^ht S.'s Br. 53: Melsun^en 6. 4.
1828, worin er seine baldige Ankunft in Cassel ankündigt
und S.*s Br. 54 Marb. 30. 6. 1828: „Herr Cand. Münscher
hat, wie einst sein Vater, eine vorherrschende Neigung zu
historischen Studien, u. hofft darin durch Ihre Güte mit
Büchern unterstützt zu werden. Ich gebe ihm die herz-
lichsten Grüsze von mir u. den Meinigen an Sie, liebster
Freund, an Ihre liebe Frau u. an Ihre Brüder mit* Er habe
Besuch von seinem Schwager [Molter] aus Lübeck gehabt
u. erwarte ebendaher Pastor Geibel, der mit seiner Tochter
nach Ems gehe. Wie es mit des Bruders Gesundheit und
mit der des lieben Kindes stehe.
y Google
222 Anmerkungen zu B. I S. 254—264.
S. 254. Hr. Münscher] derzeit Geh. Regieninc^srath
und Gymnasialdirector a. D. in Marburg. Ihm verdanke ich
mancherlei mündliche Mittheilungen über Persönlichkeiten
dieser Briefwechsel.
S. 25tf. Hegels Becension von Solger]. Heg[el8
Recension von ooigers nachgelassenen Schriften und Brief-
wechsel, herausgegeben von L. Tieck und Fr. v. Räumer,
U Bde. 1826, steht im Jahrbuch für wissenschaftl. Kritik
1828 u. ist wieder abgedruckt in Hegels Werken Bd. 16
S. 436 ff.
S. 256 no. 117] Antwort auf S.'s Br. 55 v. 7. 9. 1828:
S. bittet um W. ftr.'s versprochenen Besuch im Herbst. .Ist
Ihnen das kleine Zimmer, das Sie schon einmal annahm,
Raumes genug, so bringen Sie diesesmal auch die Nächte
bei uns zu. Wir wünschen es sehr u. bitten darum •
S. 258. Landgrebe] Dr., Privatdocent in Marburg
für Geologie bis Sommer 1886, siedelte später nach Gassei
über, wo er starb, vgl. S. 261.
S. 258 no. 119) beantwortet durch S.'s Br. 57 (Br. 56
8. Anm. zu S. 222 no 102) v. 5. 11. 1828. S. dankt fOx W.^s
Besuch. ,1 Lassen Sie's uns doch so halten, da^z wir alle
Jahre einmal eine Weile zusammen leben.' Eine Ausgabe
von Lazius Antwerpen 1698 werde Bibliothekar Rehm ihm
KAl bflt flOh 1 ck ATI
S. 261 no."l21] Antwort auf S.'s Br. 58 v. 18. 2. 1829,
worin S. den Tod seiner Mutter u. den am 5. Dec. erfolg-
ten der Professorin Clodius meldet. Weiter heiszt es dann :
„Hierbei das Buch, von dem Sie wissen, [Grundzüge d. Lehre
vom Menschen, Marb. 1829]. Als ein Schulbuch ist es be-
scheiden u. macht nicht einmal den Anspruch, von Ihnen
gelesen zu werden, wenigstens nicht (was auch wohl ein
mühsam Stück Arbeit wäre) in einem Zuge. Das Buch^
an welchem Sie arbeiten , mag wohl zu gelehrt für mich
werden; aber ich nehme es doch gern, wenn Sie ein Exem-
plar übrig haben werden Recht geärgert hat es
uns, dasz Ihr Bruder u. Sie nach Völkel's Tode nicht vor-
gerückt sind.*
S. 263 no. 122]. Antwort auf S.'s Br. 59 v. 9. 8. 1829,
worin S. mit Bezug auf eine Mittheilung v. Hanneben
Kiolter], er wolle S. besuchen, wenn S. erst *gesunder u.
änker* wäre, zu nunmehrigem Besuch auffordert, da er
kränker gewesen, jetzt aber wieder besser sei. Auch Frau
▼. Witzleoen lasse ihn auffordern u. wolle Frau u. Kinder
bei sich aufnehmen.
S. 264. Witz leben, Sophie v.] Frau des 1825 veh
storbenen Obergerichtsraths v. W., des Schwagers v. Freih.
y Google
Anmerkungen zn B. I S. 264—266. 223
V. Meusebach und Sohnes d. hess. Ministers (vgl. S. 137).
Sie war eine geborene Freiin Schenk zn Schweinsberg,
Tochter des Min. Ferd. Schenk (vgl. S. 117) nnd am 24.
Jan. 1796 zu Marburg geboren. In zweiter Ehe war sie
mit dem hess. Regierungs-Präsid. Freih. v. Dörnberg ver-
heiratet und starb als Wittwe in Marburg am 17. Dec. 1873
(Wendeler giebt im Briefw. v. Meusebacbs S. 326 irrig an, sie
habe noch 1880 gelebt). Vgl. Anm. S. 222. Nach gütiger
Mittheilung ihres Bruders des Herrn Erbschenk Ernst
Schenk zu Schweinsberg haben sich in ihrem Nachlass
keine Briefe von W. Grimm vorgefunden.
— ib. Schwester der Frau Platner). Die Frau
E. Platners war eine Tochter des bekannten Kanzelredners
Wolf in Leipzig, vgl. S.'s Br. 21 in Anm. zu S. 189.
S. 265 no. 124]. Antwort auf S.*s Br. 60 v. 16. 10. 1829.
S. schickte ihm damit sein Bild, welches der Maler Hach
gezeichnet und nebst andern Professoren- Bildern hatte
Rthographiren lassen (ein Exemplar davon hängt in den
Räumen des Marburger Museums), femer seine Abhandl. Von
dem Begriffe der Psychologie* und äusserte sich über seine
weiteren wissenschaftlichen Pläne. — Auf no. 124 antwortet
S.'s Br. 61 V. 3. 11. 1829: .Wohl kann ich fühlen, geliebter
Freund, dasz Sie Cassel mit Schmerz verlassen ; aber es ist
so recht u, gut u. so werden Sie am neuen Wohnorte sich
bald zu Hause fühlen, u. sich der neuen Verhältnisse er-
mächtigen. Dasz Ihnen aber Hessen immer lieb bleiben
wird, dessen bin ich gewiss; u. darum hoffe ich, dasz Sie
die Grenze nie für eine Abscheidung u. den Lutterberg 1^
keinen unübersteiglichen Hämus halten werden . . . Scneid-
1er hat mir seine Schrift über die Duelle zugeschickt. . . .*
S. 265. Ihre Religions lehre] S.'s 'Grundzfige der
philos. Religionslehre* erschienen Marburg u. Cassel 1831.
S. 266. verlasse Cassel mit bitterm Schmerz]
vgl. S. 404 und Anm. z. S. 112. Jedenfalls war Suabedissen
sdion im Au^st mündlich unterrichtet worden. Die
früheste, flüchtige Andeutung von der möglicheii Verän-
derung der Stellung findet sich in einem Brief an den
Bruder Ferdinand. Lachmann erfuhr davon am 1. Aucr.
(Briefw. m. v. Meusebach S. 351), Lassberg schon ziemlich
bestimmt am 24. Aug. (Germ. 13, 368). AufBenecke's Ver-
anlassung (vgl. Germ. 13, 367 no. 10 j wurden die Verhand-
lungen wegen Berufung der Brüder nach Göttingen in An-
Sriff genommen. Sie wurden durch ein Schreiben
eeren^ an den Geh. Cabinetsrath Hoppenstedt v. 15. Febr.
1829 eröffnet, nachdem, wie II. S. 10. no. 8 ergiebt, bereits
unter den 5. Febr. das v. 2. Febr. datirte Gesuch der Brü-
y Google
224 Anmerkungen zu B. I S. 266.
der um Beförderung, za welchem der Tod Völkels (t 31. Jan.)
Veranlassung gegtjben hatte, abschläglich beschieden war.
Die yerhandlungen wnrden zunächst nur für den Fall d^
Amtsniederlegung des derzeitigen ersten Bibliothekars Hof-
rath Beusz geführt, ^n^en dann aber in Folge Buttmanns
Tod, der in Berlin Bibliothekar war. seit Ende Juni darauf
hin, die Brüder sofort zu berufen. Sie wurden durch defi-
nitive Annahme J. Gr.'s am 4. Aug. zum Abschlusz ge-
bracht. (V^. darüber wie über den ganzen GOttinger
Aufenthalt F. FrensdorfiTs Mittheilungen in den Nach-
richten d. Ges. d. W. zu Göttingen 1885 L] — Ich setze hier
noch 2 interessante Stellen aus den Briefen von Thomas
an die Brüder her: 1) v. 17. 8. 1829: „Da ich so lange
nichts gehört, so musz ich wieder anklopfen. Smid schrieb
mir unlängst, ob Sie denn nicht nach Göttingen gehen
wollten. Im Fall Sie Neigung hätten, will er dazu mit-
wirken. Nun sehe ich, dass Eichhorn von Göttingen wejf-
feht, den Jacob mehr als ersetzen kann und für Wu-
elm dürfte sich auch etwas angemeszenes finden lassen.
Schreiben Sie mir darüber Ihre Ansicht Ich würde hieran
nicht denken, wenn ich nicht glauben dürfte, Sie könnten
jetzt Motive haben zu einem Entschlusz der Art.* (Das
klingt fast wie auf den Busch klopfenJ 2) der nächste Br.
V. 2. 18. 1829: „Lieber Freund (d. h. Wilhelm)! In dem das
lange Erwartete endlich eingetreten u. ich den herzlichsten u.
freudigsten Antheil mit allen niesigen Freunden darannehme,
im voraus mich freue, Sie in einem angemeszenem Beruf, mit
dem Bruder Jacob zu sehen, zu gleicher Zeit die Hofnung be-
lebt wird, dasz Sie beyde, sich freyer bewegen können u.
vm* Sie bejde nun öfter hier senen werden, begreife ich
doch ganz Ihre Gefühle beym Abschiede aus einer Stadt,
wo Sie so viel Liebe u. Leid erfahren haben u. so viele
Freunde zurücklassen. Und wenn auch Göttinnen nahe ist,
mithin häufiges Wiedersehen zugelaszen wird, Sie leben
doch nicht mehr an demselben Orte.*' (Vgl. auch Hupfeld's
Br. V. 29. 12. 1829 in Anm. zu S. 280).
S. 266. Zwischen no. 124 u. 125] fehlen mehrere Briefe,
wie aus den dazwischen gehörigen Br. 62 — 67 S.'s hervor-
geht. Br. 62 V. 27. 8. 1830 wünscht die schwere Zeit für
W. möge nun bald vorüber sein und sie sich, wenn sie im
May in die bessere Wohnung gezogen, alle in Göttingen
heimathlich fühlen. Ihm selbst gienge es noch schlecht,
Brustbeschwerden machten ihm alles Schreiben zur Arbeit
.An den Kurprinzen kann ich nicht ohne ein Gefühl den-
ken , in welchem sich Trauer u. Unwille mischen. Vor
sechs Wochen etwa ist seine Rückkehr mit Bestimmtheit
y Google
Anmerkimgen zu B. I 3. 266. 225
von seiner Mntter erwartet worden. Jetzt sagt man, er
richte sich in Frankfurt , wo er bisher in dem Hof von
England gewohnt hat, häaslich ein. Immer noch habe
ich ihm bisher, am nicht gänzlich abznreissen, jährlich
einmal, an seinem Geburtstage, geschrieben, aber schon
seit vielen Jahren, hat er mir nicht mehr geantwortet.* —
Br. 63 V. 7. 9. laSO. ebenso wie 64 u. 65, von Marie Suabe-
dissen's Hand, dankt f&r die liebevolle Gesinnung, womit
W. ihm am 21. 7. geschrieben hätte , kla^ über immer
noch schlechtes Befinden, verspricht aber einen Besuch in
Gottingen, sobald er wieder hergestellt seL Sechs Stunden
täglich ein so einförmiges Geschäft [in der Bibliothek | za
treiben, mQsze wohl sehr beschwerlich sein. Bitte um Be-
such in den Ferien, Grusz an Lücke. Gerling werde dem-
nächst durch Göttingen kommen. ~ Br. 64 v. 2. 11. 1830
lautet: »Herzlichen Dank, geliebter Freund, für den Brief, den
Sie Gerling mitgegeben haben. Dasz Sie Ihren Reiseplan
nicht durchführen konnten musz ich beklagen; doch ist
mir's lieb für die Kurfürstin, daf<z Sie bis Fulda gekommen
sind; sie wird sich über Ihren Besuch sehr gefreuet haben.
Was Sie vom Kurprinzen melden, freut mich; es ist merk-
würdig. Einst sähe ich während eines Jahres seine physische
Constitution sich gänzlich verändern; sollte nun etwas
Aehnliches mit dem Psychischen geschehen seyn? Wir
wollen indessen wünschen, dasz die Veränderung innerlich,
und zwar nicht in bioser Klugheit gegründet, und dasz sie
von Bestand sey. — Die Ereignisse in Frankreich sind mir
von Anfang an wenig erfreulich gewesen. Meine Gesinnung
erklärt sich für das Benehmen von Chateaubriand; wohl
aber erkenne ich, dadz die Andern den Drang der Umstände
für sich haben ; es muszte gehandelt werden , in solchen
Zeiten ergreift die Nothwendigkeit den Menschen. Und
loben musz ich das bisherige mäszige Bestreben der neuen
Regierung. Im Ganzen scheint die Richtung darauf zu
gehen den blosen Verstandesbegriff einer bürgerlichen Ge-
sellschaft zu verwirklichen. Daraus kann wohl zunächst
Gutes kommen; im Fortgange aber wird^s doch auch die
Franzosen nicht befriedigen. Widrig wäre es , wenn sich
die Regierung gezwungen sehen sollte , dem Pöbel das
blutige Schauspiel der Hinrichtung der gewesenen Minister
zu geoen. — Bei den traurigen Ereignissen in den Nieder-
landen mögen wohl allerdings Leidenschaften, Aufreizungen
und einseitige Ansichten mancher Art mitgewirkt haben.
Im Ganzen aber erscheinen sie mir, als die früher oder
r''ter nothwendige Folge einer falschen Politik, welche
e Berücksichtigung der Eigenthümlichkeit des Lebens
E. Stengel. Acten der Brüder Qrlmm. 25
Digitized by VjOOQ IC
226 Anmerkungen zu B. 1 S. 266.
der Völker, zu einem blosz änsserlichen Zwecke, Unverein-
bares zusammengebracht hatte. — Bei den Volksbewegun-
gen in deutschen »Staaten scheint es charakteristisch f^
unsere Zeit, dasz das, was von einseitigen Richtungen roher
PObelgewalt angefangen worden, von dem Bürgerverstande an
den meist<§n Orten aufgenommen, und für allgemeinere Be-
dürfnisse geltend gemacht wird. MOgte es auch bei uns in
Hessen zu einem endlichen guten Ziele führen. Aber ich
ersehe leider auch aus Ihrem Briefe, wie grosze Schwierig-
keiten entgegen stehen. Zu besorgen ist ausserdem , daiz
auch unsre Bauern, die sich bis jetzt zurückgehalten haben,
wenn sie nicht bald die bestimmt von dem Landtage er-
warteten Erleichterungen erfahren, sich endlich wilden Aus-
brüchen überlassen werden. — Hierbei meine Religions-
lehre. Wenn ich das Buch recensiren sollte, würde ich
etwa anfangen: ,Dem Verfasser ist widerfahren, dasz der
Anfang seines Buches an das Ende getreten ist. Der Ge-
danke nämlich : der Mensch weisz von Gott, weil sich Gk>tt
ihm offenbart , ist die Grundlage des Buches. Es ist ein
Versuch zu verdeutlichen was der Mensch durch Gottes ur-
sprüngliche Offenbarung von ihm weisz. Nun aber wird
von der Offenbarung Gottes erst am Ende gehandelt*
u. s. w. Wenn Sie das Buch lesen wollen so wird sich
durch diese Ansicht vielleicht das Abstöszige, das es von
vom herein für Sie haben mögte, um etwas vermindern. —
Mit meinem Befinden ist's seit einigen Wochen wieder
schlecht gegangen; darum musz ich auch jetzt wieder
Mariens Hülfe zum Schreiben in Anspruch nehmen. Es
möge Ihnen und den Ihrigen recht wohl gehen. Mit der
herzlischsten Liebe Ihr Suabedissen.*
Br. 65 V. 12. 3. 1831 : ^Liebster Freund. Ich danke
Ihnen herzlich für Ihren lieben Brief vom 6ten. dieses Mo-
nats. Schon lange wuszte ich von Ihrer Krankheit, aber
mit der ersten Nachricht vereinigte sich auch schon der
Trost, dasz die gröszte Gefahr überstanden sej, und seit-
dem erwartete ich vertrauensvoll dasz Sie mich über den
Fortgang Ihrer Genesung selbst in Gewiszheit setzen wür-
den. Möchte nun Ihre Gesundheit mit dem Frühling wie
der Frühling wachsen ! Welche Freude würde es mir seyn,
wenn ich Sie dann zur Zeit der vorgetretenen Frühlinj^
S rächt tageweise hierher versetzen könnte, dasz Sie sich
ieser Lebensherrlichkeit theils von dem kleinen Eckzim-
mer aus, theils in dem Garten, den ich am Schloszberge
gemiethet habe, erfreuen möchten ! Die Göttin^er ao-
volution war freilich ein tolles Unternehmen und es ist
seltsam und bedenklich, dasz so etwas in dem Hauptsi^
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 266. 227
der Verständigkeit aasbrechen konnte. Gnt aber dasz nun
den gestrengen Herren zu Hannover die Augen aufgegangen
sind und ich wünsche den besten Erfolg. Indessen haben
wir vor f^nz kurzem nun auch hier unsre Unruhen gehabt.
Dasz Reich der Bürgerwache ist in sich selbst zerfallen
über einen Bürgerkapitän, den die Einen ausstoszen, die
Andern behalten wollen. Daher ein Durchziehen der Stadt
von beiden Parteien und viel Lärm, auch Stösze und Püffe.
Endlich hat das ordentliche Militär in Verbindung mit der
einen Partei zugegriffen und den strittigen Kapitän einst-
weilen aufs Schlosz gesetzt. Dazu kommt dasz seit einiger
Zeit die Bauern umher sich Holz und Wild nach Belieben
zu holen angewöhnt hatten und meinten das Naturrecht
gestatte es. Nun sind aber Jäger und Husaren von Cassel
gekommen um diese Theorie handgreiflich zu bestreiten. —
Grestem hat die Universität den Professor Jordan von
neuem zu ihrem Landtagsdeputirten erwählt. Der bevor-
stehende Landtag, der erste auf der Basis der erneuerten
Verfassung wird, meine ich, dadurch wichtig werden, dasa
durch ihn erst die erneuerte Verfassung, die bis jetzt noch
unstät woget, ihre zugleich gemäszigte und feste Haltung
wird bekommen können. Es wird sich nämlich, glaube ich,
bei uns von nun an voti dem Militär und von der Beamten-
welt aus eine sich allmählig steigernde Rückwirkung gegen
die Verfassung bilden, wodurch sie um so mehr in Qefahr
kommen wird in ein dürres Sandufer hingeworfen zu wer-
den, als der hessische Bürgerstand noch keine hinlängliche
Selbstständigkeit erlangt zu haben scheint, um dann, wann
die jetzige Aufregung vorüber gegangen, eine ruhige und
sichere Kraft zu behaupten "
Br. 66 V. 23. 12. 1831 : »Liebster Freund. Ihre liebe-
volle Theilnahme an der Verlobung meiner Marie mit Prof.
Hupfeld ist mir recht rührend. . . Auch vor einigen Monaten
haben Sie mich durch einen lieben Brief erfreuet, wofür
ich herzlich danke. . . . Nachmittags. Heute gegen Mittag
wurden wir alle freundlich überrascht durch das Kindes-
bild meiner Marie, das Sie ihr geschickt . . . Des Briefwechsels
zweier Deutschen von Pfizer konnte ich bisher nicht habhaft
werden, obgleich in einer Buchhandlung \det Elwertschen]
wohnend Am 24. Der widrigen Vormlle in Cassel mag
ich kaum gedenken. Zu wünschen ist nur, dasz dieser ge-
waltsame Ausbruch den Übergang zu einer Ausgleichung
gemacht haben möge, die den Landesangelegenheiten
freien Fortgang gestatte. — Die Kurfürstin schrieb mir
vorgestern, ihr Gemüth u. ihre Gesundheit sey durch die
Anwesenheit des Prinzen Albrecht u. seiner Frau sehr auf-
15»
Digitized by VjOOQ IC
228 Anmerkungen zn B. I S. 266-267.
f ^erlebet worden. — Hier ist alles ganz ordentlich u. stille,
ch habe in meiner jetzigen Wohnung zn beiden Seiten
Weinhänser n. gegenüber die Police! ; wenn aber nicht der
Nachtwächter sich hier mehr befleissigte seinen Pflichteifer
dnrch sein dröhnendes Hom zu verkündigen, so wäre auch
Nachts alles so rahig wie bei meiner vorigen Wohnung.
An freundlicher u. freier Aussicht aber habe ich allerdinffa
viel verloren, werde Ihnen aber doch, wenn Sie miäi
nächsten Sommer besuchen wollen, ein Zimmer mit der
Morgensonne u. einem freundlichen u. mannichÜEÜtigen
Vorgi-unde geben können. — Es ist wohl merkwürdig, dasz
die politischen Erregungen unserer Zeit (ganz anders als
in den Jahren 1789 fif.) die Gemüther unserer Studiren-
den fiwt gar nicht berührt haben ; — vielleicht zum Theü
darum, weil sie die Bürger bewegt sehen. So möchte es
wohl geschehen (oder vielmehr, es ist schon geschehen),
dasz das eigentliche Philisterthum mitten unter den Stu-
denten u. den aus ihnen hervorgehenden Ständen seine
Heimath au%eschlaffen hat. — Ist das aber nicht haupt-
sächlich dem Prof. d. Philosophie zur Last zu legen? Muss
nicht alles Leben der Lebenswissenschaft erloschen seyn,
wo solch eine Ideenlähmung, solch ein Tod in den jugend-
lichen Gemüthem Platz greifen kann? " — Dabei
lie^ ein Brief v. Marie ouabedissen vom gleichen Tatre:
»Lieber Herr Gnmm! Herzlichen Dank für das Bild-
chen das Sie mir geschickt haben und für die Freude
die Sie mir dadurch gemacht haben. Ihre liebe-
volle Theilnahme, und Ihr freundlicher Gedanke
auch Hupfeld zu Weihnachten eine Freude zu machen,
rührt mich sehr, und ich bitte Sie, dasz Sie mich
auch femer lieb behalten. Wir hoffen Sie nächstes Früh-
jahr hier zu sehen und freuen uns alle sehr darauf und
wenn Sie dann den Hupfeld näher kennen lernen, werden
Sie ihn auch gewisz lieo gewinnen, denn er ist eine gute
liebe Seele. . . .* — Br. 67 v. 6. 3. 1832: S. meldet die Verlobung
seiner Tochter Elise mit dem Obertierichtsassessor Jäger in
Marburg, ihre Hochzeit werde erst im Herbst stattnnden,
Marie's im nächsten Monat. Vgl. Anm. zu S. 273.
S. 267. Die wohlwollende weise des
Herzogs] von Cambridge, des von König Wilhelm I. im
voraufgebenden Jahre ernannten Yicekönigs von Hannover,
ib. die Hannoversche von Pertz redigirte
Zeitung] Wegen dieser Zeitung vgl. J. Gr.'s Kl. Schriften
VII, 536 f. Die Briefe der Brüder an Pertz sind, bis auf
einen, der sich auf Prof G ö d e k e in Göttingen bezieht,
von Bibliothekar Dr. Müller in der Beilage z. Leipz. Z.
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 267—277. 229
1882 no. 91—3 n. in Zachere Zeitechr. f. cL Philol. XVL
8. 232 fF. veröfFentlicht. (vgl. Anm. zu S. 11 no. 15).
S. 269 no. 126] Antwort auf S.'s Br. 68 v. 13. 10 1832,
worin dieser bedauert, dass W. ihn nicht besucht habe,
über seine Gebrechlichkeit klagt, seiner Töchter Zufrieden-
heit und Glück schildert, und 7.ur Geburt der Tochter
gratulirt.
S. 270.über die Nibelungen gelesen] vgl. Briefw.
m. Meuspbach S. 368.
8. 271. In Hessen hindert . . . einen . . . glück-
licheren Zustand] vgl. 8. 117 u. Briefw. m. v. Meusebach
8. 354 Anm. z. 8. 127, sowie 8. 357, Anm. z. 8. 137.
8. 273. Frau Nimrodj == Frau Geh. Justizrath
Jäger, derzeit in Oassel lebend, eine Tochter von Prof.
Suabedissen. Vgl. 8.'s Br. 67 in Anm. z. 8. 266.
8. 273. Kurfürstin) Auguste s. Anm. zu 8. 404.
8. 274 no. 127] gehört offenbar nach no. 128 und datirt
V. 10. 1. 1834 (nicht 1833), denn er wird beanwortet durch
S.*s Br. 69 V. 2. 2. 1834: 8. meldet darin, dass sein Gesundheits-
zustand befriedigend, dankt für das schmackhafte Geschenk,
und hegt keine Besorgnis fQr die Universitäten.
8. 275. Unser neuer Philosoph Herbart]
Herbart war schon früher 1805—9 in Göttingen gewesen,
und kehrte jetzt dahin von Königsberg aus zurück. Er
starb 1841.
ib. dasz Twesten aus Kiel Plancks 8telle be-
setzen sollte] Twesten ist nicht nach Göttingen, sondern
an 8chleiermachere 8telle 1835 nach Berlin berufen. Neben
P. wirkte bereits zu dessen Lebzeiten seit 1831 Gieseler.
8. 275. Planck] Gottl. Jac, Senior der theol. Facul-
tät war am 31. Aug. 1833 gestorben. Vgl. über ihn:
Lücke^s Biogr. Göttingen 1835 u. Herzog's Encyclopädie.
8.276. Tod d. Königs von Spanien] Ferdinand VU.
am 29. Sept. 1833. Ihm folgte in Folge des 1830 wieder
eingeführten weiblichen Successionsrechtes seine 3 jährig
Tochter Isabella unter Vormundschaft ihrer Mutter Mana
Christine. Gegen sie trat Don Carlos als Kronprätendent
auf, was zu den langwierigen noch immer nicht völlig er-
loschenen Carlistenaufständen führte
8. 277. E s wa r innere Gicht] vgl. Briefw. m. Meuse-
bach 8. 895. f.
8. 277 no. 129] Vorauf ging ein verlorener Brief v.
11. Sept 1834 , wie sich aus S.'s Br. 70 v. 2. 10. 1834 er-
giebt, welcher über die Hitze des Sommers klagt, die Ein-
stellung seiner Lehrthätigkeit für den Winter mittheilt,
die geplante Verbindung der theologischen Professur mit
y Google
230 Anmerkungen zu B. 1 8. 277.
der Direction des zu errichtenden Predigerseminars
billigt und einige Familiennachrichten erzählt. — Auf no.
129 erwidert S.*8 Br. 71, geschrieben v. 30. 3. —1. 4. 1835:
„Mit trauernder Theilnahme, mein geliebter Freund,
und nicht ohne Besorgnisz habe ich den Winter Über oft
von Ihrem Krankseyn gehört. Desto ^öszer war meine
Freude, als ich auf dem Briefe, der mir am 24. gebracht
wurde, die lieben Züge Ihrer Handschrift erblickte. Möchte
doch der milde, belebende Frühlingsathem nun bald kommen
u. Ihnen alles leisten was die Aerzte davon versprechen!
Hier aber herrscht seit 14 Tagen ein feindseliger Luftgeist
bei einer hinauslockenden Sonne. Ich wünsche sehr, da«
Sie sich gehütet haben mögen. — Mit meinem Befinden
fing's bis zum Ende des vorigen Jahres fortwährend schlecht,
eit dem Anfange des jetzigen sind wieder bessere Zwischen-
zeiten eingetreten. Ich habe dann bisweilen wieder etwas
lesen können, was nicht blosz Zeitung war; auch sogar bis-
weilen, wie heute, einige Zeilen scnreiben können. Und
ich halte es für thunlich, u. bin stark Willens, jm nächsten
halben Jahre wieder Vorlesungen zu halten. Überhaupt
habe ich in solchen Zwischenzeiten gar zu leicht einen fast
iugqnd liehen Muth, u. habe doch schon so oft von der stets
lauernden Tücke meiner Krankheit Erfahrung gemacht.
Ich träume dann auch wohl von Reisen, nach Qieszen etwa
oder nach Rotenburg, am liebsten zu Ihnen, u. habe doch
seit dem Tauftage meines jüngsten Enkelchens nicht zum
Hause hinaus kommen können. Wohl sollte meine Philosophie
meditatio mortis seyn, ist aber noch immer meditatio vitae.
— Am 31. März. Lücke's Urtheil Über meine Religions-
philosophie ist mir erfreulich. Sonst kann ich mit den
öffentlichen Urtheilen über mein Philosophiren , die mir
vorgekommen sind , nicht sehr zufrieden sevn. In keinem
finde ich au^faszt, was die Mitte u. Einheit meines
Fhilosophirens ist. Das würde sich bestimmter als bis jetzt
ffeschehen in meiner Metaphysik darlegen} u. auch ans
oiesem Grunde sollte ich mich aufgefordert finden, meine
bereits erschienenen Lehrbücher der Philosophie durch die
noch zurückstehenden zu ergänzen. Ich sehe aber voraus,
dasz meine Lehren, wenn man überhaupt Notiz davon
nehmen wollte, bei den Bestrebungen welche jetzt den Markt
des Fhilosophirens in Deutschland beherrschen, vielen An-
fechtungen ausgesetzt seyn würden ; u. ich hätte dann
weder die Kraft noch die Neigung das was ich in die Welt
geschickt in ihr auch zu vertreten. Doch habe ich bereits
vor einigen Jahren die Grundsätze meiner Vorlesungen über
die Metaphysik in*s Reine schreiben lassen, u. bin jetzt
y Google
Anmerkungen lu B. I S. 277—279. 231
daran, mitunter das Wesentliche meiner Vortrage über die
Tn^nd- n. Rechtslehre zu diotiren. Vielleicht wird*8 nach
meinem Tode erscheinen. — In dem Repertoriara von Gers-
dorf habe ich gestern gelesen, dasz Sie bereits im vorigen
Jahre den Freidank heran8f|[egeben haben. Das ist wohl
eine grosze u. schwere Arbeit g^ewesen, n. ich wnszte gar
nicht, dasz Sie damit beschäftigt waren. — Was Sie von
den Casselschen Religionsanrnhen urtheilen, ist auch gans
meine Ansicht. Ich nahe in diesen Tacren eine jetzt nier
cursirende Predigt von Ernst in Oassel „über die unzer-
trennliche Verbindung der Vernunft u. des Christenthumes*,
nebst einer Gegenrede (angeblich von einem Studenten der
Theologie) mit der Aufschrift: ,Die Vernunft ist dem
Christenthume untergeordnet^, gelesen. Jene schmeckt wie
ein Stück derbes Schwarzbrod , diese wie ein Fetzen Leb-
kuchen. Weder dort noch hier eine Ahnung, dasz Christas
die Vernunft ist. — Von Mäller's Predigten habe ich die
sechs ersten gelesen; mit Wohlgefallen. Von der Er-
richtung eines rredigerseminars und der Veranstaltung einer
Kirchensynode ist jetzt alles stille. — Göthe's Briefwechsel
mit einem Kinde ist jetzt nicht hier. Ich habe ihn mir
bestellt — Mein erstes Enkelchen ist heute schon zwei
Jahre alt geworden. Es ist zugleich der Geburtstag seines
Vaters, u. morgen ist der Geburtstag seiner Mutter. Der
wird bei mir gefeiert werden. — Am 1. April. . . . Prof. Müller
wird sich durch das Geschenk, das er uns von Ihnen mit-
bringet, sehr empfehlen. Ich werde es vertheilen, mich aber
dabei am meisten bedenken. Sie können von allen Em-
pfängern der gerührtesten Dankbarkeit versichert seyn. —
ihrer Frau u. Ihrem Bruder meine herzlichen Grüsze. Auch
die Meinigen alle (so viel ihrer erfahren haben dasz ich
Ihnen schreibe) lassen herzlich grüszen. Mit unveränder-
licher Liebe Ihr Suabedissen."
Auf diesen Brief hat W. Grimm bemerkt : .Sein letzter
Brief an mich, er starb am 14 Mai Abends 6 Uhr."
S. 278. Müller], J., (Bruder v. Ottfried M. (s. Anm.
zu S. 290), geb. d. 10. April 1801 in Brieg, war von 1831-5
Universitätsprediger in Göttingen, seit Sommer 1835 o. Prof.
d. Dogmatik in Marburg, kam 1889 nach Halle, t 1878 da-
selbst (vgl. Anm. zu S. 141).
ib. Lücke] vgL Anm. zu S. 291.^ Schleiermaoher]
Er war am 12. 2. 1834 gestorben.
S. 279. Lang in Gasse 1] Lutherischer Pfarrer da-
selbst Er hatte namentlich durch Veranstaltung religiöser
Privatversammlungen Anstoss erregt. Dadurch war auch
ein Votum von Prof. Hupfeld in Marburg (Darmst. Kirchen-
zeitung 1837 no. 29—32) veranlasst.
y Google
232 Anmerkangen zxx B. I S. 279—280.
S.279. eine tiefe u. reiche menschliche Seele]
Beüine v. Arnim ; vffl. Briefw. m. y. Meusebach S. 369, 394 Ly
397 f., 410 f. und aie zur Feier ihres hundertsten Qeburts-
tages erschienene Festschrift v. Conrad Alberti, Leipzig 1885.
S. 280. Prof. Hup fei dl, H. geb. 1796 in Marburg,
wurde hier 1880 Prof. der Theologie, siedelte 184S nach Halle
über, wo er 1866 starb. Vyl. Anm. zu S. 278, 22 u. Justi S.
277 ff. Von Hupfeld sind in der Grimm-Correspondenz drei
Briefe an W. erhalten , ausserdem aber noch 27 Briefe an
J., denen 19 v. J. an Hnpfeld entsprechen, welche mir Herr
Superintendent Hupfeld noch nachträglich zustellte, und
ich daher hier zusammen mit denen Hupfeld's mittheile :
1. Hupfeld an J. Grimm.
„Spangenberg, den 7. Jul. 1823. Hochgeehrtester Herr!
Erst gestern kam mir Ihr Schreiben vom 30. Janj so
Banden, und ich beeile mich daher um so mehr, Ihnen die
verlangte Auskunft zu geben, so gut ich sie geben kann.
Vorerst eine knrze' Beschreibung des erwähnten Reliefe
selbst, da ich nicht weisz, inwiefern es Ihnen bekannt ist.
Es zieht sich an dem vordem Rande eines Rauchfangs (über
dem Kamin) hin, ungefähr 4 Schuh lanff, 1 Schuh hoch, u.
besteht aus ziemlich grob aber deutlich gearbeiteten, und
gefärbten, Figuren. Am linken Ende steht ein Bogenschütze
unter Bäumen, etwas weiter noch ein andrer, aber gröszten-
theils verdeckter, u. dann ein Hirsch. Wo die Bäume auf-
hören, sieht man einen Eber, von der Lanze eines Ritters
durchbohrt, der aber selbst — das Pferd ist gestürzt —
hoch aus dem Sattel fliegt u. seiner Lanze zu folgen scheint.
Hinter ihm eine Menge Hunde, dann wieder Bäume mit
rothen Aepfeln, u. am Ende eine offne Thüre, also An-
deutung eines Gartens. Vor der Thüre steht eine kurze,
dicke weibliche Figur, u. vor dieser ein Barsch mit einem
Vogel auf der Hand, der denBeschlusz macht. Ueber jeder
dieser bevden Figuren hängt eitfe bandförmig gewundene
Inschrift (ad modum derer, die sonst in dergleichen
Bildern den Leuten aus dem Maule heraushängen), die die
Anrede der erstem, u. die Antwort des letztern enthalten.
Dieses sind die Inschriften, von denen die Rede ist. Sie
sind nicht etwa auch erhobene Arbeit, sondem schwarz
geschrieben mit unserer gewöhnlichen Fracturschrift, also
nicht aus dem Mittelalter. Die Anrede der weiblichen Figur
besteht aus den Worten: ,Was suchet ir was bringt ir mir,
das sa^ett alhier.* Die Antwort der m^nlichen lautet:
Ich, bringe ein — lein (wahrscheinlich , Vöglein* — das übrige
ist vor Schmutz nicht zu erkennen) auff meiner handt zu
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 233
euerm ^rtn aus frembdem landt vö^lein zu fangen bin ich
gesandt/ Es besteht also jede aus einem 3 fachen Reim....
Auch die Figuren haben nichts Alterthümliches — der
Bogenschütz z. B. hat rothe Hosen. — Das Alterthum dieses
DenkmAls mag also wohl nicht weit her seyn. Da der
Bogen noch darauf erscheint, so ist es wahrscheinlich Dar-
stellung irig^end einer altem Sage, nicht einer gleichzeitigen
Begebenheit. Das ist Alles, was ich darüber muthmaszen
kann. So wenig ich auch in dieser Art von Archäologie be-
wandert bin, so glaube ich doch, dasz sich das Stück nicht
zu einer archäologischen Untersuchung eignet "
Auf den Brief hat J. Gr. mit Antiquaschrift bemerkt:
„hiemach ist kein gedanke an den nibelungischen tod Sieg-
frieds auf diesem bilde, weder den figuren, noch den Worten,
noch der zeit nach . worin dies Steinbild gehauen worden
sein mag: aus der Sprache jener bandschnft zu schlieszen,
etwan erst im 16 oder gar 17 jahrh.* und auf der Adresse:
,An Archivdirector Rommel zur Einsicht." Dieser hat dazu
geschrieben: „Zurückgestellt. 1827. May." Es handelt sich
also hier wohl um eine der -vermeintlichen Entdeckungen
Rommels vgl. Anm. zu S. 38 Bangs Br. 6 u. Anm. zu S. 41.
2. Hupfeld an J. Grimm.
„Hier, verehrtester Herr Doctor, folgt das gütig geliehene
mit meinem lebhaftesten Danke wieder zurück. Entschul-
digen Sie nur, wenn, wie ich fürchte, das Büchlein durch
das Herumtragen mit mir auf der Reise u. das häufige
Oeffnen etwas im Aeuszem gelitten haben sollte. Die
grammatische Bekanntschaft mit Hm. Bopp, dessen combi-
natorischer Schar&inn sich in seinem Lenrgebäude durch
die dort gebotene Zurückhaltung demAn^nger verbirgt, ist
mir so enreulich gewesen , dasz ich auf eine fernere Gabe,
die der Titel: „exvte Abhandlung" ankündigt, sehr begierig
bin, und mir die Freyheit nehme, Sie zum voraus um deren
Mittheilung zu bitten, da dergleichen Abdrücke nicht in
den Buchhandel zu kommen scheinen, und die gesammelten
Abhandlungen der Berliner Akademie, wie ich sehe, nicht
Alles enthalten. Mich Ihrem Wohlwollen empfehlend Ihr
inniger Verehrer H. Hupfeld. Marburg, 4. Mai 1827."
3. J. Grimm an Hupfeld.
„Verehrter Herr Profefoor, Ich besitze keine weitere Ab-
handlung von Bopp. Seine Beurtheilung meiner Gramm,
in der neuen Berliner Lit. zeitung werden Sie gelesen haben,
sie ist gelehrt und lehrreich, auch mir g^anz recht, wiewohl
keine Recension meines Buchs. Kann ich Ihnen mit dem
y Google
234 Anmerkungen zu B. I S. 280.
*e88ai 8ur le Pali par Bumouf et Lassen» Paris 1826* dienen ?
es scheint eine tüchtige Arbeit, so wie mir auch Lassen, der
Yorigen Monat mit Schlegel hier war, wohlgefiallen hat.
Schlegel rühmte eine neue Abhandlung Yon Humboldt
aufaerordentlich, welche Remusat soeben hat drucken lafeen,
obgleich sie ihn selbst widerlegt. Zu Qöttingen hat Heeren
den Schlegel höflichst auf der Bibl. herumgeführt; schön
wRre gt^wesen, wenn auch Niebuhr dazu gekommen wäre.
Heerens Antwort ist in Bezug auf den Vorwurf wegen
Robertsons allerdings treffend. — Die Marburger Bibl. ist
wahrscheinlich, von Estors und Hoffmanns Zeiten her, mit
publicistischen Deductionen wohl ausgestattet. Sollten sich
nachstehende , die mir hier abgehen und die ich sogar in
Göttingen vor einigen Tagen vergeblich gesucht habe, vor-
finden, so bitte ich solche für mich auf ganz kurze Zeit zu
leihen und durch Krieger herzuschicken: abhandlung von
den gerechtsam en eines obermärkers in anwendung auf die
mark bei Miltenberg.- 1757. fol. (auctore Ohlnhausen)
— deduction von Wülften. Wien 1766. 1768. f auctore
V. Taube) — Vorstellung die redin tegration der grafischaft
Schieiden (in Westphalen) betr. (annum et auctorem
ignoro) — reichsfreiheit der gemeinden Sulzbach und
Soden (auctore Fr. C. v. Moser) 1753. — Herrn Rehm
kenne ich nicht, sonst würde ich mich gerade an ihn wen-
den; Empfangscheine werde ich nöthi^enfalls übermachen.
Mit wahrer Hochachtung u. Ergebenheit der Ihrige Qrimm.
Cassel 10. Mai 1827."
4. Hupfeld an J. Grimm.
„Marburg 14. May 1827. Hochverehrter Herr Doctor!
Sie machten mir eine grosze Freude, indem Sie mir eine
Gelegenheit zuzuweisen schienen, Ihnen eine kleine Ge-
fölligkeit zu erzeigen. Allein leider musz es dieszmal bey
dem guten Willen sein Bewenden haben. Ich war am Sonn-
abend auf der Bibliothek aber fand die Schriften nicht.
Die Marburger Bibliothek kann also auch hier ihrer reichen
Schwester in Göttingen nichts zuvor thnn, wie ich gehofft
hatte. Möchte ich bald eine andre Gelegenheit erhalten,
S lücklicher als dieszmal zu seyn! -:- Ihr gütiges Anerbieten
er Mittheilung von Bumouf & Lassen essai nehme ich mit
dem gröszten Danke an. Ich kenne Bumouf aus dem asia-
tischen Journal als einen Philologen, der sich Über die
französische Empirie zu erheben und namentlich den
deutschen Sprachforschungen zugewendet zu seyn scheint.
Wenn es nicnt Miszbrauch Ihrer Güte wäre, so möchte ich
auch wohl um eine Abhandl. von Humboldt über die
y Google
Briefe swischen J. Grimm n. Hupfeld. 235
Buchstabenschrift n. ihren Zusammenhang mit dem Sprach-
bau, die in den Schriften der Berl. Akademie, so weit wir
sie hier haben, nicht steht, bitten. Es ist jetzt eine schöne
Zeit für die Sprachforschung, dasz höher stehende u. um-
fassendere Geister, die nicht grade im Schulstaube leben
und ums Brod speculiren , sich bej uns nicht mehr zu vor-
nehm fQr diese Studien dünken sondern so wacker zugreifen,
und dasz drey Länder, die sich sonst so selten zusammen-
yerstehen, Deutschland, England u. Frankreich, hierin wett-
eifernd die H&nde zu bieten anfangen. Wenn nur auf dem
edeln Kampfplatz nicht so viel kleinliches, unedles Leiden-
schiUPten-Getnebe zu sehen wäre, und unsre vornehmen
Schriftsteller etwas mehr vornehmen Anstand im Femhalten
oder Ignoriren von Persönlichkeiten zeigen wollten! Der
Streit zwischen Schlegel u. Heeren, den Sie berühren, scheint
mir doch rein vom Zaun gebrochen, so weit ich ihn aus
der indischen Bibliothek kenne (die Antwort Heerens ist
mir nicht bekannt); und so hat in den meisten jetzt
laufenden Fehden die Wissenschaft den genügten, un-
gemessenes Persönlichkeitsgefühl u. kleinliche Eitelkeit, die
durch das geringste Wort zu einer Ergieszung gereizt wird
(auch eine impotentia, wie die der Despoten) den aller-
gröszten Antheii. Damit scheint freylich die Höflichkeit des
persönlichen Verkehrs zu contrastiren, aber ich glaube, dasz
diese eben beweist, wie unmächtig u. kleinlich diese Leiden-
schaften sind — die Herren haben entweder zu wenig Hasz,
oder zu wenig Courage, um es persönlich auszufechten. —
Mich Ihrer fernem Gewogenheit empfehlend mit bekannter
Yerehrang Ihr gehorsamster Hupfela.**
5. Hupfeld an J. Grimm.
„Mit herzlichstem Danke, verehrtester Herr Doctor, sende
ich hier das gütigst Mitgetheilte zurück. Der , Essai sur le
Fali' scheint mir ein Muster, wie eine in Denkmälem neu
aufgefundene Sprache, die sich an einen schon bekannten
Stamm anschlieszt, darzustellen ist. Ein neulich hier durch-
reisender Orientalist, der von Paris kam, behauptete, dasz
der junge Bumouf (der auch das Zend bearbeitet, wie
Olshausen u. Rask) es weiter bringen werde als alle lebenden
Orientalisten in Paris. Der Abhandlung von Humboldt über
die grammatischen Formen und ihr Verhältnisz zur geistigen
Bildung der Völker verdanke ich mehr Belehrang u. Zu-
rechtweisung als ich je geahndet hätte , und ich bewundre
den feinen Geist, der, frevlich durch umfassende Empirie
unterstützt, so geheime Verrichtungen des unbewuszten
Sprachgenius u. ihre unsichtbare geistige Macht zu erspähen
y Google
236 Anmerkungen zu B. I S. 280.
u. zu ermessen vermag. Er scheint sich mit Vorliebe auf
diesem Gebiete zu bewegen, nur meine ich, dasz sein Vor-
trag etwas weniger abstract u. abgemessen seyn könnte.
Der Abhandlung über die Buchstabenschrift, so wie einer
frühern über Sprachvergleichung habe ich aus diesem
Grunde noch keinen rechten Geschmack abgewinnen können
— vielleicht bey einer wiederholten Lesung auf einer etwas
hohem Stufe der Reife. Mit Verehrung u. Dankbarkeit der
Ihrige Hupfeld. M. ü. Juni 1827."
6. J. Grimm an Hupfeld.
„Den büchem, die ich nun schon wieder von Dinen,
verehrter professor, zurückerhalten habe, war ein blatt bei-
zulegen vergessen worden, worin ich für die verlorne mühe
dankte, die Sie sich meinetwegen um die aufsuchung der
gewünschten deductionen gemacht hatten, ich wiederhohle
also meinen dank. — Humboldt ist sehr geistreich, aber doch
scheinen mir seine Untersuchungen von der art, dafs man sie
kaum für die eignen Studien verwenden darf, wenigstens mir
geht es so. er ist nicht materiell genug, allein der materiellste
und abstracteste müfsen bewundem, wie viel ihm gelingt
und wie hoch er schwebt. Hätte doch solch ein mann, und
nicht erst im alter, sich umfafsenden arbeiten über die
Sprachen der erde hingegeben, das wäre ein anderer Mithri-
dates geworden, als der unter Adelungs und Vaters hand!
— Schlegel, statt die ausg. seines ind. gedichts zu fördern,
hält diesen sommer über Berliner herm und damen Vor-
lesungen über literatur, aber schwerlich mit dem alten er-
folg und beifall. — Zieht Sie Lachmanns Walther von der
Vogelweide nicht einmal zur altdeutschen poesie? Inhalt
und critische behandlung scheinen mir gleich vortrefflich.
[Unterschrift weggeschnitten.) Cassel, 13. Juni 1827."
7. Hupfeld an J. Grimm.
„Marburg 2. Aug. 1827. Verehrtester Herr Doctorl
Ich nehme mir die Freyheit, Ihnen hier, nicht nur in
eigenem sondern auch in des Prof. Bickells, eines eifrigen
Verehrers Ihres Geistes, Namen eine kleine Schrift zu
überreichen, die durch unser neuliches Jubiläum veranlasst
worden ist, u. deren Zweck unstreitig das Verdienstlichste des
ganzen Unternehmens ist, wenigstens was meine Arbeit betrifft.
— Denn die gründlich gelehrte, mühsam aus seltnen, (schwer
zugänglichen) Quellen geschöpfte Abhandlung Bickells, die
Männer wie Sie u. Savigny zu würdigen wissen werden,
kann ich füglich mit meiner, die ein Erzeugnisz des Augen-
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 237
blicks ist, nicht in eine Kategorie stellen. Eine Durchsicht
der letztem wird Ihnen zeigen, dasz das Beste darin noch
dazn Ihnen angehört, also auch des Verdienstes der Neu-
heit, das solchen Erzeugnissen des Augenblicks sonst einigen
Werth giebt, entbehrt, und sich auf das kleine Verdienst
beschränkt, einige Ihrer Ideen, die fQr die Lexikographie
von fruchtbarer Anwendung zu seyn scheinen, den Männern
meines Fachs näher vor Augen zu rücken , u. den herr-
schenden Empirismus durch Vorstellung des hohen Ziels
wo möglich aus seiner selbstzufriedenen Behaglichkeit zu
rütteln. Ich fühle es, wie unbefriedigend ein allgemeines
Haisonnement ohne gehöriges Material von Beyspielen u.
Anwendung ist, u. bedaure es daher den oft allegirten
Lexilogus, nicht sogleich mitgeben zu können, aber ich
musz zu meiner Entschuldi^ng anführen, dasz ich ur-
sprünglich gar nicht an eme allgemeine Abhandlung
dieser Art dachte, sondern lediglich einen Lexilogus d. h.
eine Zusammenstellung von lexikologischen Thatsachen beab-
sichtigte, aus denen ich nachher einige allgemeine Folge-
rungen zu ziehen gedachte, und erst wenige Tage vor dem
Jubüäum, als ich sah, dasz dieser Lexilogus aus Mangel an
Zeit u. Typen nicht mehr gedruckt werden könne, mich
schnell entechloss, jene allg. Folgerungen nebst einigem Ge-
schichtlichen als Einleitung vorangehen zu lassen. Bey der
Ausarbeitung dieser Einleitung selbst bin ich erst auf die
meisten der hier geäuszerten allg. Ideen u. Analogieen ge-
kommen, indem der Blick, früher durch das Material ge-
fesselt n. beengt, nun. jemehr dieses zurücktrat, u. jemehr
die Analogie u. die Idee, besonders von Ihnen angeregt,
einzuwirken anfieng, sich ins Allgemeinere hob. Doch
hoffe ich nicht meinem Material ungetreu geworden zu
seyn, u. wenn es auch in Einzelnem hinter der Idee zurück-
bleiben sollie, so doch gewisz nicht im Ganzen, u. was
mich in dieser Sache am sichersten macht, ist der von
einem kleinen, unbewussten Anfang ausgehende u. sich
allmählig, nur bev Gelegenheit, erweiternde Gang meiner
BeobachtunsT , und die Erfahrung, mit diesem bchlüssel
Licht u. Ordnung in diese rudis farrago, hundert einzelne
Fälle darnach berichtigt , geordnet u. in überraschende
Analogie gebracht zu nahen , u. bey jedem Ansatz mit
reicher Beute zurückgekehrt zu seyn. Diese innere Erfah-
rung gilt mir mehr als alle äuszeren Stimmen u. giebt mir
die feste Ueberzeugung, dasz wir vor einem Geheimnisz der
Sprachbildung stehen, das schon die Alten geahnt haben,
u. die Folgezeit vielleicht lösen wird, wenn auch Einzelnes
auf immer unlösbar oder zweifelhaft bleibt, und wenn auch
y Google
238 Anmerkungen zu B. I S. 280.
einige meiner praecepta sich nicht bewähren. — Ich lege
auch ein Exemplar für Ihren Herrn Bruder , dem ich mich
zu empfehlen oitte , u, für die Bibliothek bey. Bickell
wünscht auch seinem Meister Savigny ein Exemplar su
schicken, der ist aber in Italien — wissen Sie keinen Weg
zu ihm, u. dürfte ichs allenfalls Ihnen zur Besorgung zu-
schicken? Mit bekannter Gesinnung Ihr Verehrer Hupfeld.'*
Das mit diesem Brief übersandte Programm bildete die
am Tage des Universitätsjubiläums veröffentlichte Gratn-
lationsschrift zum 50iährigen Dienst-Jubiläum des Herrn
Primarius Arnoldi und enthält die 2 Abhandlungen 1) ,De
paleis quae in Gratiani decreto inveniuntur disquisiüo
nistorico-critica auctore Bickellio*, 2) Hupfeld's ,Comment.
de emendanda ratione lezicographiae semiticae.* — Ueber
J. W. Bickell (geb. 1799 in Marburg und seit 1826 ord. Prof.
der Rechtswissenschaft daselbst, später Vorsteher des Justis-
minist. in Cassel, gest. 1848 daselbst) vgl. Justi's Grundlage
zu einer hess. Gel. etc. Geschichte S. 2£
8. J. Grimm an Hupfeld.
„Werthester Freund, ich habe es fast zu lange aufgeschoben,
Ihnen und herm professor Bickell für das auch durch diese
gemeinschaft sowie seiner veranlaszung wegen anziehende Pro-
gramm zu danken. Mir ist darin von Ihnen offenbar zu viel
ehre angethan worden, meine deutschen grammaticalien
dachten ursprünglich sicher nicht daran, dafs Sie einen mafa-
stab hergeben sollten, der einmal an semitische Sprachen ge-
setzt werden könnte und doch sind solche vergleichungen
natürlich und liegen noch weit näher, als die bloCse ab-
straction, worin wir uns so leicht versteigen. Ich freue
mich nun auf Ihre versprochene eigentliche ausführun^,
soweit ich sie werde fafsen können, denn ich spüre bis
i'etzt von Kopps muthe noch wenig in mir, mich an das
lebräische ordentlich zu waj^en. überhaupt ziehen mich
schon in meinem engeren kreise allgemeine Untersuchungen
zwar an, aber ich fliehe Sie doch auch wirklich zuweilen,
ich fürchte sie verlocken mich und nehmen mir den stand-
Sunct weg, von welchem aus ich nach meinen krl^ten
as beste leisten könnte. Mit dem capitel von den ab-
leitungen bin ich, aber nicht aus diesem Grunde allein, in
meinem buche am wenigsten zufrieden. Da würde beson-
ders das indische und persische auf belehrende ähnlich-
keiten fuhren und doch möchte ich lieber recht von grund
aus litthauisch und slavisch wifsen als Zend und Sanskrit
Gegen das Studium des hebräischen und arabischen habe
y Google
Briefe zwischen J. Qrimm n. üapfeld. 239
ich das vorartheil, dafs sie uns Japheiiden zar Sprach-
-vergleichnng weniger haltpnncte darbieten. Den Schul tens
loben und tadeln Sie wahrscheinlich mit grolsem fug, ich
mafse mir kein urtheil an, aber fast in allen wiTsenschaften
sind mir die Holländer unausftehlich pedantisch. Welch
ein frischer mann ist z. 6. der deutsche Heiske (der auch
mit Schultens zu thun hatte) gegen sie gehalten. — Grüfsen
Sie herm prof. Bickell. ich habe seine gründliche abhandl.
mit vergnügen gelesen und schon der name paucapalea ist
mir merkwürdig. Savign^ ist noch nicht aus Italien
zurück, näheres hoffe ich diese herbstferien von Hugo oder
Göschen zu hören. Soll ich einem von diesen das exem-
plar für Savigny zusenden ? die werden es am besten be-
sorgen; oder will es Bickell selbst dem Hugo schicken?
— Wilhelm empfiehlt sich und ich bin mit Sreundschaft-
licher hochachtung der Ihrige Grimm. Cassel 1. Sept. 1827.**
9. Hupfeld an J. Grimm.
„M. 20. Sept. 1827. Verehrtester Herr Doctor! Hier
kommt endlich mit meinem herzlichsten Danke Humboldts
lettre k M. Abel Remusat wieder zurück, die Sie mit so zu-
vorkommender Güte mir mitgetheilt haben So sehr die
Schrift den Stempel des Humboldtschen Genius trägt, so
weisz ich doch nicnt, warum Schleffel sie grade so vorzüg-
lich vor den frühem hervorhebt. Nach dem Totaleindruck
einer raschen Lesung zu urtheilen, ziehe ich jeuQ deutsche
Abhandlung über die EntstehunjOf der grammatischen Formen
vor, in der ich das Alles, was hier in ungleich gröszerm Umfang
behandelt wird, mit gröszerer Schärfe u. Bündigkeit gefunden
zu haben meine, u. deren Verhältnisz zu dieser lettre mir, ab-
gesehen von der Anwendung auf die chinesische Sprache,
fast wie das eines deutschen Originals zu einer französischen
Uebersetzung vorkommt. Das ist nun frevlich, da sie für
Franzosen geschrieben ist, ganz in der Ordnung, u. mag in
künstlerischer Hinsicht ein Kunststück sevn, das ihm so
leicht kein Deutscher nachmacht, aber icn sehe doch die
deutsche Sprachphilosophie wie die Philosophie überhaupt
lieber im heimischen schulgerechten Aufzug. Die Noten
von A. R. scheinen mir verwundersam. Bey aller franzö-
sischen Verständigkeit zeigt sich doch darin noch bedeutende
Verstocktheit ffegen H.'s Belehrungen. — Den versprochenen
Lexilogus würae ich schon ans Licht gefordert haoen, wenn
ich nicht, um die Druckkosten zu sparen, mich nach einem
Platz in einem Journal hätte umsehen müssen. . . . Nachdem
ich nun endlich auch die Boppschen Recensionen Ihrer
G^mmatik gelesen, bin ich sehr oegierig zu hören, wie Sie
y Google
240 Anmerkungen zn B. I S. 280.
in Absicht auf die Ablaute nun gesinnt sind. Es hat mir
schwer gehalten, in diesem liebuchen Farbenspiel etwas
Unursprüngliches zu sehen, aber bey wiederholter u. ge-
nauerer Betrachtung konnte ich doch B/s kühner aber
scharfsinniger Deduction nicht widerstehen, wenn man gleich
bey solchen transcendenten Fragen sich des GefELhls der
Unsicherheit nicht erwehren kann und sich gern bescheidet,
dasz neue Thatsachen manche Reihe von Folgerungen
gradezu umkehren u. ein entgegengesetztes Resultat iiefero
Können. Die Behauptung B.'s, dasz innere Ablautung ein
späteres Flexionsprincip sey als äuszere Ableitung , findet
übrigens auch in den semitischen Sprachen ihre Anwendung,
wo der ursprüngl. Bildung der Verbalien durch äuszere
Zusätze in reicheren Dialecten zugleich eine vocalische zur
Seite tritt u. einen wahren Ueberflusz hervorbringt, den die
Sprache noch nicht hinlänglich vertheilt hat. — Sehen Sie
es nur als ein Zeichen meines foiten Willens, Ihnen etwas
aus meiner Armuth mitzutheilen , was Interesse för Sie
haben könnte, wenn ich Ihnen hier einige Producte würtem-
bergischer Yolkspoesie oder vielmehr politischer Volks-
schriftstellerey beylege. Was ihnen an poetischer Kraft ab-
geht (wiewohl ich als Kenner schwäbischer Bauemsitten
oezeugen kann, dasz die Zeichnung treu ist, wenn auch einige
nicht zu diesem Kreis gehörige Personen matt sind), das
mag das sprachliche Interesse ersetzen. Der merkwürdige
Diphthong oa (ua, uo) der hier eine so grosze Rolle spiät
ist Ihnen aus der bairischen Mundart bekannt, u. wechselt
in andern Gegenden mit oi, welches ich öfter gehört habe
als jenen, z. ß. in dem Munde meiner Groszmutter. Der
Uebergang des oi in oa findet seine Parallele im franz. oi,
welches ebenfalls aus urspr. e verdorben ist. Diese Diph-
thoni^e Ol, oa finden sich, nämlich nur in solchen Wörtern,
die im niederdeutschen mit e gesprochen werden (goth. ai),
während das hochdeutsche ei, welches aus i entstanden ist
(wie noch jetzt in der schweizerischen Mundart) unverän-
dert gelassen wird. Merkwürdig ist, dasz dieser Unter-
schied auch in der Sprache der gebildeteren Schwaben
eine genaue Analogie findet, die, als gänzlich bewusztlos,
reine Sache der Tradition ist. Sie sprechen näml. das
ei = i ffanz gedrückt, wie die Elberfelder, u. wie vielleicht
das gothische ei, dagegen das ei = e breit wie ai z. B.
Weisheit wie Wöishait, u. so hat also der uralte iroth.
Diphth. ai sich in der schwäbischen Mundart als Diphtong
oi, oa; ai erhalten, und sich von der Vermischung nut ei (i)
frej gehalten. Doch das werden für Sie keine Neuig-
keiten seyn. Ich werde leicht verleitet, sie dafür zu halten,
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hnpfeld. 241
da ich sie dnrch Beobachtnng aof meinen Wanderungen in
Nord- n. Süddeutschland gelernt habe. Leben Sie wohl u.
bleiben Sie gewogen Ihrem ergebensten H. Hnpfeld/'
10. Hnpfeld an J. Grimm.
Marburg 4. November 1827. Verehrtester Herr Doctor !
Hier sende ich Ihnen ein merkwürdiges Din^: meine
erste Recension; eine Arbeit, die mir vorigen Som-
mer viel Mühe u. Zeit gekostet hat, bey der ich viel gelernt
habe — wahrscheinlich mehr als der daraus lernen wird,
dem sie bestimmt ist — , die mir aber unter der Hand zu
einem kleinen ungeheuer angewachsen ist. Der Gegenstand
brachte dieses gewisser maszen mit sich. Ich hatte es nicht
blosz mit Hm. Ewald zu thun , sondern auch mit dem Pu-
blicum; die Recension enthält nicht sowohl die Kritik
eines einzelnen Werks, als der Wissenschaft selbst, und
stellt ein neues System in seinen Hauptpartieen dar. Da-
durch bin ich nun in eine Verlegenheit gerathen. Sie war
von drey verschiedenen kritischen Instituten bestellt; von
einer theologischen Zeitschrift, die nächstes Jahr hervor-
treten will, einer philologischen, u. von der Hall. Lit. Zei-
tung. Ich bestimmte sie für die letztere. Während ich
daran arbeitete, schrieb mir Gesenius, dem ich kurz vor-
her gelegentlich meine Absicht u. Ansicht geäuszert hatte,
dasz ich ihm die Recension einschicken möchte, er wollte '
ihr auf jeden Fall einen guten Platz ausmachen. Mir be-
hagte das nicht, weil ich alles Partheygängerwesen hasse
und mich nicht einem Verdacht aussetzen wollte, dem ich
selbst das Urtheil in der Recension gesprochen habe. Ich
ffestand daher Ges. meine Bedenklichleiten offen, die Rec.
durch einen Betheiligten ins Publicum zu bringen, u. mei-
nen Wunsch, auch äusserlich so unpartheyisch u. rück-
sichtslos dazustehen, wie es der innere Charakter der Rec.
sey. Der Erfolg war, dasz die Redaction der Hall. L. Z.
ihren Auftrag zurücknahm, weil Gesenius selbst die Rec.
übernommen nabe. Nun blieben mir zwar die beyden an-
dern Zeitschriften noch übrig, allein fär diese, bey denen
die hebr. Philologie nur ein unbedeutendes Nebenfach aus-
macht, war der Anfang der Rec. durchaus nicht geeignet.
An die Jenaer L.-Z. mochte ich mich nicht wenden, weil
ich mit Hrn. Eichstädt u. seinem immer gehaltloser wer-
denden Institute nichts zu thun haben will, u. an die
Berliner Jahrbücher eben so wenig, weil mir diese ganze
sich vornehm spreizende Clique zuwider ist (weszhalb ich
mich auch höchlich gefreut habe, Ihren u. Ihres Herrn
Bruders Namen nicht mehr darunter zu finden, und wünsche,
E. StengeL Acten der Brüder Grimm. \^
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242 Anmerkungen zu B. I S. 280.
dasz Ihr Beispiel von einigen andern, die ich ungern darin
sehe, befolgt werden möge). Der liebste Platz wäre mü-
der Hermes oder die Wiener Jahrbücher — aber ich stehe
in gar keiner Verbindung mit den Redactionen derselben,
u. mag mich als junger , unbekannter Mann nicht auf-
dringen. Da ist mir endlich eingefallen, dasz Sie mir viel-
leicht dazu verhelfen könnten, wenn Sie die Arbeit Ihrer
Empfehlung u. des Platzes würdig fänden. Ob sie dieses
ist, und ob sie, wie ich mir einbilde, ein mehr als blosz
hebräisches Interesse hat, werden Sie, obgleich nicht eigent-
licher Orientalist, und vielleicht gerade deszwegen am
beszten, ihr leicht ansehen. Im Falle einer günstigen Ent-
scheidung mache ich jedoch zur Bedingung, dasz Sie alle
PortoausTagen, die Ihnen Ihre Verwendung in dieser An-
gelegenheit verursachen sollte, zu meiner Kunde kommen
lassen. — Ob der Ton der Rec. bei der oft zur Indignation
herausfordernden Beschaffenheit der Schrift und der mir
natürlichen Freymüthigkeit und Rücksichtslosigkeit, nicht
zuweilen den Geboten der Schicklichkeit u. Humanität zu
nahe getreten ist, ist mir nicht ^anz klar. Mein Freund
Bickell, dem ich meine Sachen mitzutheilen pflege, wie er
mir, meint es; allein ich kann mich gerade hierin am
wenigsten auf sein Urtheil verlassen, da er durch eine
weibische Erziehung, verbunden mit seiner natürlichen
Gutmüthigkeit, eine oft an Feigheit gränzende Aengstlich-
keit erhalten hat Wollten Sie in dieser Hinsicht an der
Schrift einige Freundschaftsrechte ausüben, so würde ich
das mit dem ^öszten Danke anerkennen. — Das Manuscript
ist nicht so rem als ich es wünschte, allein so sind last
alle meine sogenannten Reinschriften. Sie tragen das Ge-
präge meiner Grübeley und die Stigmaten meiner Leiden
bey der Darstellung an sich. Die Ideen strömen bey mir
schnell, die Abwägung u. Untersuchung geht schon lang-
sam, aber gar di6 Darstellung ist ein wahres Märtyrerthum,
durch eine gewisse Negativität des Geschmacks, der sich
zu keiner bestimmten Form entschlieszen kann , weil meh-
rere gleich gut möglich sind; die Folge einer mathe-
matischen Erziehung, die das kritische Gefühl zu früh
weckte, und Phantasie und plastische Kraft zurückdrängte.
Das macht mir die schriftstellerische Laufbahn einiger-
maszen zur Dornenbahn, und nimmt der wissenschaftlicnen
Forschung und Ausbildung viel köstliche Zeit weg. — Ich
war neulich auf einer Rheinreise in Bonn, mochte aber
die Männer, die ich gern gesehen hätte, Niebuhr u.
Schlegel, nicht mit einem Besuch belästigen. Wenn ich
einmal wieder die Reise mache , will ich sehen , dasz ich
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hufpeld. 243
vorher einen Auftrag von Ihnen oder sonst jemand be-
komme, um mit Anstand zu ihnen gehen zu können. —
Leben Sie wohl und bleiben Sie gewogen Ihrem ergebensten
H. Hupfeld. — N. S. Hat das übersandte schwäbische Büchlein
einiges Interesse für Sie gehabt? Ich fürchte, meine Vor-
liebe für solche Sachen (ob ich mich gleich darin mit dem
Herrn Massmann nicht messen kann) , die ich alle wie ein
Eingeborener spreche u. für mein Leben gern vorlese, hat
mir einen Streich gespielt, u. Sie mit einem unbedeutenden
Ding belästigt. Es handelt sich um die Bd. XXXI Heft I
des Hermes abgedruckte Recension von Ewalds hebräischer
Grammatik.
11. Hupfeld an J. Grimm.
„Ich bedaure sehr, verehrter Freund, dasz Sie von der
Ihnen gegebenen Vollmacht einen so eingeschränkten und
für Sie belästigenden Gebrauch gemacht, und nicht die
Ihnen anstöszigen Stellen brevi manu durchgestrichen
haben (denn das verstand ich unter dem Freundesrechte,
das ich von Ihnen gebraucht wünschte). Die letzte Stelle
hatte ich besonders bey diesem Wunsche- im Auge, u. ich
würde sie selbst schon gestrichen haben, wenn ich nicht ge-
dacht hätte, es würde sicher von Ihnen geschehen. Um
jedoch nicht bey Ihnen in den Verdacht des Leichtsinns
oder der Frivolität gegen einen groszen Mann zu fallen,
musz ich Ihnen gestehen, dasz die Stelle meine vollkom-
mene üeberzeugung ausdrückt, die sich auf Thatsachen
f rundet, die Ihnen unbekannt zu seyn scheinen. Eichhorn,
urch eine an Vergötterung gränzende Schmeicheley seiner
Zeitgenossen verwöhnt (und, setze ich hinzu, vielleicht weil
ihm sein Ruhm zu leicht geworden war, den er mehr sei-
nem Geschmack als tiefer Forschung verdankte), hatte
schon frühzeitig Widerspruch zu vertragen verlernt , und
schon bei der §ten Ausg. seiner Einleit. ins A. T. 1803 seine
Forschung für abgeschlossen erklärt, mit dem fast belei-
digenden Zusatz «aasz ihm seine Zeitgenossen keine Veran-
lassung gegeben hätten, die Resultate seiner frühem Unter-
suchung mit andern üeberzeugungen zu vertauschen*
(NB. seit 1787!) Diese Stellung hat er auch nachher, nach
dem Auftreten von Vater, de Wette, Gesenius u, A.,
die der Wissenschaft eine fast gänzliche Umwandlung ge-
feben haben , bey behalten und in der 4. Ausg. 182ä die
time gehabt, nicht nur die ebenerwähnte Aeuszerung zu
wiederholen, sondern auch alles was jene geschrieben aus
persönlichen Groll gegen ihn abzuleiten! In seinen Vor-
lesungen hat er von einem gewissen Gesenius gesprochen,
16*
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244 Anmerkungen zu B. I S. 280.
dessen Schriften er aber nicht kenne. Berüchtigt sind auch
einige niedrige Angriffe auf Gesenius durch CTienten von
ihm, namentlich der des Prof. Mahn, eines miserabeln
Scribenten, der Abbitte thun muszte. Dasz auch Ewald von
einiger Augendienerey nicht ganz frej ist, bin ich ebenfalls
überzeugt. Er hat zuerst den Krieg ^egen Gee. in einem
kleinen, Eichhorn gewidmeten Büchlein über das Hohelied
mit einigen vom 2äun gebrochenen u. ganz schiefen Be-
merkungen, denen man einstweilen nur den guten Willen
ansah, eröffnet. Darauf verbreitete Eichhorn den Ruf von
einem grammatischen Werk des jungen Helden, das Ges.
todt machen würde (mir kam der Ruf schon V« Jahr vor
der Erscheinung desselben durch den Prof. Hartmann von
Rostock zu, der von Eichhorn kam , u. auch eine kleine
Malice auf Ges. hat). Wissenschaftl. ist übrigens Eichhorn
bey diesem Werke ganz unbetheiligt, denn als Grammatiker
ist er nie aufgetreten. Ich kann nun nichts weniger leiden,
als den heiligen Dienst der Wissenschaft mit solchen un-
lautern Schildknappendiensten vermengt zu sehen; und Sie
werden sich nun oie Bitterkeit der Stelle denken können,
die schon gedacht war, ehe Eichhorn starb u. einem
hohem Ricnter anfieimfiel. — Wenn ich die Wahl habe»
so ziehe ich den Hermes vor. Ich füge hinzu, dasz die
Yerlagsbandlung vielleicht wohl thäte. einen besondern
Abdruck nebenher zu veranstalten , weil die Rec. zugleich
eine unabh. Abhandlung bildet. — Vorläufig meinen
wärmsten Dank; u. Verzeihung, dasz aus den beabsichtigten
zwey Zeilen wieder ein voll gerüttelt Masz geworden ist. —
Inliegend eine in der Eile ausgefertigte Antwort von
Bickell. Der Ihrige Hupfeld.*
12. Hupfeld an J. Grimm.
„Marburg 16. Jan. 1828. Verehrter Freund ! Ich hatte vor
etwa acht Tagen, um Sie nicht schon wieder mit Brief ischreiben
zu beschweren, meinem Freunde Schröder in Kassel aufgetragen,
sich bey Ihnen zu erkundigen, ob Sie noch keine Nachricht von
dem Schicksal meiner Recension hätten. Während ich
seiner Antwort entgegensehe, kömmt in diesen Tagen ein
Brief von den Redactor der Zeitschrift, für die sie ursprünfp-
lieh bestimmt war (Jahrbücher der Philologie u. Pädago^
in Leipzig), der mich doch nun bestimmt, mich schrmhch
an Sie zu wenden. Ich hatte diesem vor einiger Zeit
Nachricht gegeben, dasz die versprochene Recension zu
dickleibig rar seine 2ieitschrift, die eigentlich nur der das-
siechen Philologie bestimmt ist, geworden wäre und Sie die
Güte haben wollten, ihr einen andern Platz zu verschaffen.
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 245
Nun dringt der Mann in mich, ihm doch, wenn es möglich
wäre, die Sache zu redressiren, die Recension zuzuwenden,
da sie bey der Wichtigkeit des Werks keineswe^ ftlr seine
Zeitschrift zu lang sey. Wenn daher die Rec. im Hermes
keine Aufiiahme gefunden hat, und noch nicht nach Wien
abgegangen oder dort noch nicht angenommen ist (was,
wie mir nachher bevgefallen ist, vielleicht wegen einiger
Stellen Bedenken haben könnte), so möchte ich allerdings
dem Redactor jener Zeitschrift, dem ich auch hinsichtlich
eines andern Versprechens schon lan^e verschuldet bin,
ferne den Gefallen thun, besonders da ich hier ein baldiges
irscheinen derselben erwarten u. mir einen besonderen
Abdruck derselben, woran mir gelegen ist, ausbedingen
kann. Ist aber schon Alles in Ordnung, oder machte Ihnen
die Sache eine neue Mühe, so bleibt es natürlich beym
Alten. — Mit herzlicher Empfehlung an Ihren Herrn Bruder
Ihr ergebenster Hupfeld.*
13. J. Grimm an Hupf ed.
„Cassel 16 merz 1828. Werthester freund, endlich folgt
hierbei das geliehne schwäb. buch mit dem gröfsten daiä
zurück, einige meiner bekannten wollten es ^ern lesen und
daher rührt die Verspätung. Alle vier stücke sind vortrefflich,
herrlich aber besonders madame Justitia. In allen ist zehn-
mal mehr geist als im frankfurter bürgercapitain , der sie
vielleicht veranlafzt hat und der nur theatralischer ist.
Ich habe mir sie selbst verschrieben. — Dafz ich in be-
sorgung Ihrer recension durchaus nichts versäumt habe,
wird Ihnen schon hr. Schröder gemeldet haben. Da Sie
Hermes den Wienern vorzogen , sandte ich bereits vorigen
november das manuscript nach Jena mit dem ersuchen,
falls unerwarteter weise kein gebrauch davon gemacht wer-
den könne, es alsbald zurückgehen zu lausen. Dieses ^
schab nicht, folglich war ich der aufnähme sicher. Schmidt
meldet mir eben, dafz der abdruck erst im mai erscheinen
wird. Ich lege Ihnen lieber hier seinen brief bei. An
Jahns Zeitschrift dachte Ich hinterher auch, als es bereits
zu spät war. doch hat Hermes ein ausgebreiteteres publicum.
— Ich bin seit anfang decemb. fortwährend brustkrank
gewesen, zwar nicht bettlägerig, aber doch verstimmt über
das beständige stubenhocken und das versäumen der noth-
wendigsten arbeiten. Seit vierzehn tagen befsert es sich
nun ernstlich und ich bin schon einigemal in der luft ge-
wesen. Meine briefschreiberei hat unter diesen umständen
sehr gelitten und auch darum entschuldigen Sie mein
langes stillschweigen. (Unterschrift ist weggeschnitten.)"
y Google
246 Anmerkungen zu B. I S. 280.
14. Hup fei d an J. Grimm.
„Marburg 24. März 1828. Verehrter Freund! Indem ich
hier den mitgetheilten Brief des GR. Schmid in Jena wieder
zurückgehen lasse, sage ich zugleich meinen herzlichsten
Dank für die Mühe, der Sie sich in dieser Angelegenheit
unterzogen haben. Mein Dank hätte billig früher kommen
sollen , da ich von dem Erfolg Ihrer gütigen Verwendung
schon lange Nachricht habe , und ich hole ihn jetzt um so
mehr mit einiger Beschämung nach, da Sie sich sogar wcjgen
der Nichtbeantwortung einer unnöthigen Anfrage von meiner
Seite entschuldigen. Wenn Sie nur wüszten, wie theuer
mir Ihre Zeit ist, u. wie wenig es meinem Sinne gemäsz ist,
wenn Sie ohne Noth nur einen Theil derselben durch Brief-
schreiben opfern, so würden Sie sich wegen so etwas nicht
entschuldigen u. es überhaupt mit der Etiquette gegen mich
nicht so genau nehmen. Mein Zugang zu Ihnen darf Sie
nicht belästigen, sonst werde ich ängstlich u. befangen:
und ich bin selbst so ein Freund der Bequemlichkeit und
Zwanglosigkeit , dasz ich nur da in meinem Elemente bin,
wo ich sehe, dasz ich nicht störe. Es ist nicht blosz Ihre
Musze zu Ihren wissenschaftlichen Arbeiten, die ich zu
stören besorge, sondern Sie werden auch, denk ich, der
Correspondenz ohnehin schon übergenug Zeit opfern müszen.
— Der Hermes ist mir in der ganzen Joumalwelt der liebste
Platz, und ich freue mich nicht wenig darauf, meine erste
Recension so breit darin prangen zu sehen. Ich bin auch
nun der Sorge wegen des zwejten Artikels, der künftig
folgen soll, überhoben — denn der erste wurde unter der
beständigen Besorgnisz geschrieben, dasz das Alles vielleicht
blosz zu meiner eigenen Gemüthsergözung diene, und um
öffentlich erscheinen zu können vieles von diesen schönen
Sachen, die ich der Welt sagen wollte, würde jämmerlich
beschnitten und verschnitten werden müszen. Ich bin in-
dessen mit einer selbsteigenen Grammatik nachgerückt , u.
wenn ich auch nur eine erträgliche Methode zum Schrift-
stellern hätte, so müszte sie bereits längst fertig seyn. So
aber hat jetzt erst der Druck angefangen , u. es wird vor-
läufig nur ein erstes Heft, die Laut- und SchrifÜehre ent-
haltend, erscheinen. Die systematische Form in Anordnung
u. Schreibart, verbunden mit dem genetischen Gang u. Ton
einer Untersuchung, was mir meine Natur beydes zum
Gesetz machte, hat mich wieder mehr als bey irgend einer
frühem Arbeit um viel edle Zeit gebracht, die oesser der
Forschung selbst gewidmet gewesen wäre; und ich sehne
mich selu: nach der Zeit, wo ich dieses Jochs entledigt
wieder fortstudiren kann ohne über der Darstellung grübem
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 247
tmd brüten zn müszen. Ich will mich dann wieder der
Lexikographie zuwenden, in der ich, weil es hier kein zu-
sammenhängendes Gedankensystem herzustellen gibt und
jeder flüchtige Einfall sogleich seine Stelle findet, eben so
leicJit und ergiebig arbeite, als in allen übrigen Dingen
müheam u. spärlich. — Nach Ostern werde ich nach Cassel
kommen una mir dann das Vergnügen machen Sie zu be-
suchen Ich gedachte früher mein Büchlein bey dieser Ge-
legenheit überreichen zu können, aber ich musz nun doch
mit leeten Händen kommen. — Sehr hat michs gefreut,
dasz Ihnen mein Schwabenbüchlein gefallen hat. Dasz Sie
es dem Bürgercapitain sogar vorziehen würden , hatte ich
mir nicht einfallen lassen — ich fürchtete immer, es wäre
nur so eine Narrheit von mir; oder eine Wirkung meiner
Vorliebe für jenes Land. Nun sehe ich doch, dasz Bauren-
witz auch bey Ihnen was gilt, u. mehr als Pflastertreter- u.
Philisterwitz. Ich habe ihn wenigstens auf meinen Fusz-
reisen in Wirthshäusem u. sonst immer viel frischer u. er-
quicklicher gefunden als Stadtwitz. Sollten Sie Lust tragen,
die Sprache der guten Schwaben auch mit leiblichen Ohren
zu vernehmen , so steht Ihnen mein Mund , der nach dem
Kennerurtheil meiner Mutter den Dialekt in seiner ganzen
Breite u. Pracht darstellt, zu einer Probe zu Diensten. Mit
Verehrung u. Liebe der Ihrige H. Hupfeld. — N. S. Haben
Sie was nach oder aus Indien zu bestellen ? Ich hatte im
vorigen Jahre einen Engländer bey mir, dessen Bruder ein
Ostindierfahrer ist, und Kürzlich bey mir anfragen liesz, ob
er mir etwas von dort mitbringen könne? Im Juny geht
er ab. Vielleicht wäre das eine gute Gelegenheit für die
Herren, die sich unlängst über ihre indischen Studien gegen-
seitig explicirt haben."
15. Hup fei d an J. Grimm.
»Verehrter Freund! Hier einstweilen eine ganz kleine
Gabe für Sie und Ihren Herrn Bruder (besondre Abdrücke
von ein paar Abhandlungen in den Jahrbüchern der Philo-
logie [Über den gramm.-hist. Werth d. bessern deutschen
Volksmundarten, hinsichtl. d. Bewahr, d. wichtigsten in d.
Schriftspr. untergegang. Vocalunterschiede in Jahns Jahrb.
f. Ph. u. Päd. 1829 Heft 3. - *Von d. Natur u. d. Arten d.
Sprachlaute' ebendas. Heft 4.] etc., die ich mir zum Ver-
schenken an Freunde habe machen lassen), bis ich end-
lich im Stande bin auch einmal etwas, was einigermaszen
einen Körper hat, zu geben. Es verzögert sich damit
länger als ich je gedacht hätte. Meine Natur hat
eine zu entschiedene Neigung sich in Einzelnheiten zu
y Google
248 Anmerkunf^en zu B. I S. 280.
vergraben und resp. zu verirren So ist denn seit
&8t einem Jahre meine hebr. Gramm, noch auf dem alten
Fleck mitten im Druck stehen geblieben, weil ich ein paar
früher übersehene Lücken ausmllen wollte; die mich all-
mählich in die weitschichtigsten theils philosophis^en
theils literarhistorischen Unterauchungen verwickelt hsbeii,
aus denen ich noch nicht ganz heraus bin. Ich habe mich
Monate lang mit dem Wesen des Accents und seinen Ver-
hältnisz zu den verwandten Begriffen der Quantität^ Modu-
lation, Rhythmus beschäftigt, dium Monate lang den Schlüssel
der berüchtigten hebr. Accentuation gesucht, dann dem
Ursprung und Bildung unsrer masorethischen Glossen in der
Bibel, endlich dem unsrer Versabtheilung etc. nachgeforscht,
und ich bin noch jetzt in Folge dieser letztem in Ver-
folgung der Interpunction und Sinnabtheilui^ in unsem
ältesten sowohl morgenländischen als abendländischen Denk-
mälern begriffen — lauter Untersuchungen^ die zu den
feinsten u. schwierigsten im philosophischen u. lit. histerischen
Gebiete gehören, die aber ein Anderer in Verfolgung eines
gröszern Zwecks nur leicht berühren und das Unerforschte
bei Seite liegen laszen würde. Das ist^ eben was ich nicht
kann, und was ich noch lernen musz. Zwar habe ich auf
diesem Wege manchen Fund* gethan, manches alte Räthsel
mir aufgeklärt, und manchen Genusz gehabt den das Finden
gewährt (am stelzesten bin ich gewesen als sich mir das
rhythmische Gesetz in seiner ganzen Allmacht aufthat, wie
ich es nun aus unsrer innersten Lebensquelle sich ergieszen
sah und mich auf seinen stelzen Wogen wiegte) ; aber ich
habe mirs doch dabei nicht verbergen können, dasz solche
extemporirte Untersuchun^n , in Sie man zufällig imd un-
willkünrlich verwickelt wird, mit weit mehr Zeitverlust ver-
bunden sind, als wenn man mit Vorbedacht, planmäszig
und wohlgerüstet daran geht Mein Trost ist dasz daran
auch literarische Unerfahrenheit ihren groszen Antheil hat,
also die Versuchung sich mit zunehmender Bekanntschaft u.
Erfahrung in der Literatur von selbst mäszigen wird, auch
wird ja wohl die Kraft der Selbstbeherrscnung und Be-
schränkung deste mehr eintreten je mehr man sicn orientirt,
und so der Spruch : was man in der Jugend wünscht hat
man im Alter genug, auch an mir in Eimlung gehen
Wir haben diesen Winter bei einer und der andern Ge-
le^nheit viel und lebhaft von Ihnen gesprochen. Obgleich
bei dem gegenwärtigen Zustand der Dinge in unserm V ater-
land Alle leiden, und daher der Einzelne im Gefühl des
allgemeinen Elends seine eigne Eränkung leichter ver-
schmerzt, so hätten wir Sie doch in unsrer fiidignation gern
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 249
augenblicklich und bis auf bessere Zeiten in ein etwas
freundlicheres Klima versetzt, und ich fOr meine Person war
so determinirt dasz ich anch gleich den Ort wnste wohin
ich Sie bringen wollte, nämlicn GGttingen (denn den Ber-
Hnem gönne ich Sie nicht). Haben Sie gar seine Neigon^^
zum Professorleben? (Ich meinestheüs möchte nicht exi-
stiren ohne die Gelegenheit das auszusprechen was mir die
Bmst bewegt, besonders da mir die Feder so langsam geht).
Genng, auf welche Weise es anch ser, wir dürsten nach einer
Satisfaction fOr Sie an dem undankbaren Vaterland, und so
denken grade diejenigen, die sich dieses Mitbürgers bisher
am meisten freueten. — Mit dem Hofr. Suabedissen geht es
leider immer schlechter, und ich kann mir die traurige
Aussicht nicht mehr verholen, dasz er nicht mehr lange
unter uns weilen wird. Er ist so schwach dasz er längst
nicht mehr ausgehen kann , und ich zweifle ob er seine
Vorlesungen wird wieder anmngen können, ob er es gleich
bis zum Schlüsse des Winterhalbjahrs erzwungen hat Seine
Familie scheint noch ohne Arg. — Sie haben doch wohl
nicht die Martianaysche Ausgabe des Hieronjmns
auf der Bibliothek? In dem Fall würde ich um den 1. Band
bitten, den ich im Begriff bin von Göttingen zu verschreiben.
So auch Jos. Mar. Carus (Card. Tommasi) Psalterium.
Rom 1683. u. 1697 u. in Tommasis Werken. — Mich Ihrem
fernem Wohlwollen empfehlend ganz der Ihrige Hupfeld.
M. 13. Apr. 1829."
16. J. Grimm an Hupfeld.
„Verehrter freund, ich habe Ihren brief vom 13 april
durch die saumseeligkeit der Kriegerschen buchhandlung
erst den 21^^ erhalten und bin vorige Woche durch eine
augenentzündung gehindert worden zu lesen und zu ant-
worten. Denn allerding[s hätte ich Ihnen auf der stelle
melden sollen, dasz wir weder die verlangte ausg. des
Hieronjmns noch des Tommasis psalterium auf der bibl.
haben , damit Sie nicht unnöthig warten , ehe Sie darum
nach Göttingen schreiben. — Ihre beiden abhandlungen
habe ich mit groszer freude und belehrung gelesen. Inder
ersten entwickeln Sie die elemente der spracne scharfsinnig
und viel feiner und genauer, als ich es an dem bloszen
deutschen konnte. Bei einer Umarbeitung des ersten theils
meiner grammatik (wovor mir ordentlich bange wird,) will
ich groszen vortheil daraus ziehen. Sie gehen fast zu g^t
mit mir um, indem Sie mich nur da anführen, wo Sie mir
beükllen können, nicht aber da, wo Sie mich tadeln müsten.
Was die consonanten betrifft, so glaube ich hätte sich aus
y Google
250 Anmerkungen zu B. 1 S. 280.
näherer berücksichtigung der slavischen sprachen noeh
einiges schöpfen laszen, freilich nicht zur berichtigung des
reinen semitischen ursystems, sondern zur erforschung der
späteren modificationen. — ErfQUen Sie ja Ihr versprechen
und schreiben Sie gegen Bloch, dessen buch mir auch nicht
behagt hat Wie mag man der altgriech. ausspräche zu-
trauen, dasz sie ihre schöne mannigtaltigkeit von lauten
nicht wirklich beseszen, sondern etwa nur geschrieben habe ?
Die neugriech. pronuntiation kann darüber sicher nicht ent-
scheiden. Ist aoch auch die uns jetzt schwer erreich bue
Vermählung des accents mit dem princip der Quantität
untergegangen. Und wir sehen, was aus der deutschen aus-
spräche geworden ist, verglichen mit der alten. Zwei fühl-
bare bedürfhisse sind noch da, eine ordentliche grammatische
Untersuchung der celtischen (galischen) sprachen und eine
gelehrtere entwickelung der romanischen aus dem latein.
Kaynouard hat für letztere viel zu wenig geleistet. — Es
hat mich in Ihrer zweiten abhandlung überrascht, wie tief
Sie in das deutsche eingegangen sind. Von der hessischen
mundart weisz ich gar wenig, weil ich nie in das land ge-
kommen bin. Ihr gedanke, dasz man jedem volksdial^,
um über ihn aufs Mare zu kommen, seinen mittelpunct auf-
suchen müsze , scheint mir schwierig in der ausführun^.
Gibt es überall solche bezirke, so kann das nicht zufällig
sein, sondern musz sogar zu historischen folgerungen über
die Völkerstämme führen. Ich lasze mir aber alle versuche
und beispiele gefallen. — Kein zweifei, der Organismus oder
die echtheit der laute und formen ist in unserer heutigen
spräche vielfach gestört und getrübt. Ich weisz abernidit,
OD sich jetzt noch etwas bedeutendes ändern und zurück-
bringen lä^zt. Es scheint, dasz der geist der menschen und
die zeit beide darauf hinarbeiten, die spräche undurch-
sichtiger zu machen. Man kann sagen, zugleich herber
und milder. Oft bricht ein neuer wohllaut an einer andern
ecke heraus. An sich klingt uns der unechte diphthong,
wie sonst der echte und ein gewisses gleichgewicnt stellt
sich immer leidlich her ; ja es können artikel , hilfsWörter
und alles geschleppe, wovon die alte spräche nichts weisz,
eine gefüge gefäliigkeit bewirken, wozu sich die verlornen
sinnlicheren lautverhältnisse nicht mehr recht schickten.
Ein freund der alten spräche darf das auch so ausdrücken:
unsere heutigen armen flexionen sind der alten schönen
laute nicht mehr werth. — Die beiden neusten lustspiele
des Würtenbergers sind mir viel geringer vorgekommen,
als die vorausgegangnen , obgleich nocn viel schönes an-
gebracht ist, z. b. die treffliche letzte scene des handstreichs.
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 251
— Ihre freundschaftliche theilnahme an dem, was mich
persönlich betroffen hat, musz mir wohl thun. Mich hält
hier nichts zurück auszer mir selbst. Ich bekenne indessen,
dasz alles mögliche geschehen ist um mir meinen dummen
Patriotismus auszutreiben. Die wenigen, die mich zurück-
alten würden, vermögen gar nichts, und die etwas ver-
mögen, werden mich ohne mühe und selbst mit vergnügen
fortlaszen. Es hätte aber noch weit ärger kommen können,
als es gekommen ist, und hatte alles ansehen dazu. — Ihre
nachricnt von dem guten Suabedissen ist betrübend ; der
leidige trost, dasz er sich schon öfter aus einem fast ver-
zweifelten zustand erholt hat, kann die länge auch nicht
mehr hinhalten. — Wilhelm grüszt Sie mit mir auf das
herzlichste. Gr. C. 9 Mai 1829.*
17. J. Grimm an Hupfe Id.
^Cafoel 21 dec. 1829. Zu ffuter letzt, lieber freund, sende ich
Ihnen meinen herzlichen scneidegrusz aus Cassel. Der ent-
schlusz dem geliebten vaterlande zu entsagen ist uns schwer
geworden; allein wir waren zu empfindlich gekränkt, ohne aus-
sieht, es hier unser lebenlang weiter zu bringen und die luft
hatte, auch wenn alles übrige geboten worden wäre, etwas be-
engendes und drückendes. * Niemand unter meinen freunden
und bekannten verdenkt es mir daher, so und nicht anders
gehandelt zu haben, und Ihrer billigung war ich schon
voraus sicher, da Sie mir, es ist noch kein halbes jähr, selbst
riethen wegzuziehen und weissagend sogar den ort angaben,
wohin. Ob ich nun dort der erwartung, die man sich von
mir macht, entsprechen kann, ma^ die zukunft lehren, an
redlichem willen mangelt es mir nicht ; ich wollte aber das
Probejahr wäre schon überstanden und ich werde meine
volle last bekommen, da ich eben auch den dritten band
meines buches ausarbeiten musz; es sind schon zwölf bogen
gedruckt. Der abschied wurde uns hier auf der stelle er-
theilt. Sechs wochen später, nachdem längst alles in Han-
nover richtig gemacht und unsere emennung der Universität
angekündigt war, erfolgte ein unerwarteter versuch, uns
zurückzuhalten, ich weisz nicht, durch welche art von Über-
legung veranlaszt. War es ernst damit, so verfuhr man
sehr linkisch ; sollte es im publicum nur irgend einen schein
hervorbringen, da man fast sicher war, dasz wir nicht gegen
alle pflicht und ehre, wieder abtrünnig werden würden, so
schmerzt es mich, auch diese erinnerung mitzunehmen. —
Hier haben sich viele, zum theil sonderbare leute zu dem
Schlüszel für die nun seit zwei monaten gesperrte bibliothek
gemeldet, ich höre, dasz man mit Börsch m Marburg, und
y Google
252 Anmerkungen zu B. I S. 280.
nun auch mit Bemhardi in Löwen (aber einem gebomen
Zierenberger) unterhandelt. — Erhalten Sie mir Ihre freand-
schafbliche gesinnung, in zwei oder drei tagen reisen wir
mit sack und pack ab. Stets der Ihrige Jac. Grimm. —
ich bitte die emlage abzugeben ; auch an prof. Bickell
meine herzl. empfehrung.**
18. Hupfeld an J. Grimm.
^Marburg 29. Dec. 1829. Verehrter Freund! Das h&tte
ich nicht vermuthet, dasz meine Weissagung oder vielmehr
der Wunsch meines zornigen Herzens so bald und so genau
in Erfüllung gehen würde! Meinen herzlichen Glückwunsch
zu Ihrer Be^eiun^ aus dera schwülen drückenden Dunst-
kreis Ihrer bisherigen Stellung! Freilich sollte ich nicht
jubeln über einen Verlust den das Vaterland leidet: aber
dieses arme von Barbaren beherrschte Vaterland ist es
schon gewohnt seine besten Söhne austreiben zu müssen,
weü es sie auf die Länge nicht mehr nähren und pflegen
kann — grade die Söhne die am ungemsten ffehen. Das
ist einmal der Fluch der auf diesem Lande runt, dasz es
sein bestes hergeben und fast nur für die Fremde erziehen
musz — alle wiszen nicht anders und bescheiden sich dasz sie
wie Savoyarden und Piemontesen ihr Glück auswärts suchen
müszen. Und das thut auch am Ende nicht viel, da man
immer im deutschen Vaterlande bleibt, wenn man nur der
Heimath im Herzen treu bleibt Dasz Sie dies thun und
dem Vaterlande nur mit Schmerz entsagt haben, hat mich
besonders gefreut u. erhoben. Auch ich bin ein guter Hesse,
u. bin stolz auf mein Vaterland u. mein Volk. Wie un-
scheinbar es seyn ma^, es ist ein edles Land, das — von
keinem Strahl fürstlicher Gnade erwärmt, in rauhem
Himmelsstrich — doch so fruchtbar an tüchtigen Männern
ist, und unermüdet, wie eine treue Mutter sie für Andre
groszzieht. Ob ich gleich oft recht auf unsre Hessen schelte*
wegen ihrer Apathie und tiefen Prosa, so wird es doch nicht
leicnt noch einen deutschen Stamm geben wo so viel Be-
sonnenheit und gesundes Urtheil sich findet, und so viel
Tüchtigkeit ohne Grimasse (um mit Ihrem sei. Vorfahr,
dem alten Strieder zu reden), die einen in Sachsen, Preussen
n. anderwärts so anwidert — Dasz Sie unsern Grenzen so
nahe sind, ist recht tröstlich : man kann sie nun feut noch
eben so leicht besuchen als in Kassel — Suabedissen meint
sogajT leichter, weil dem Kassel zuwider ist Ich habe
nun einen Aniaieb mehr, auch einmal Göttingen zu sehen;
was nun — nachdem ichs immer wieder aufgeschoben —
künftige Ostern ganz gewisz ausgeführt werden soll. Ich
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 253
bin begierig zu sehen wie Ihnen das akademische Leben
zusagt — denn wie ich ans der Frankf. OPAZeitong er-
sehen habe, sind Sie auch in meinen Orden getreten, woäber
ich mich sehr gefreut habe. Ich habe immer gedacht, das
Katheder müsse Ihnen wohl anstehen, and es müsse Ihnen
Freude machen nicht blosz durch das todte Wort sondern
auch durch das lebendige zu wirken. Freilich ist dieser
mündliche Wirkungskreis beschränkter, und man musz sich
weit mehr herunterlaszen als im Buch , hat auch wohl mit
Stumpüieit eine Zeitlang seinen Kampf: aber es ist doch
auch ein eigner Genusz eine junge Welt endlich beseelt u.
begeistert zu sehen, und eine lebendige Pfianzschule und
Tradition zu gründen — die Rückwirkung einer solchen
Gemeinschaft auf den Lehrer gar nicht einmal zu rechnen!
— Der irritus conatus Sie zu halten hat uns, Bickell u. mich,
nicht wenig gewundert, nachdem wir gehört hatten dasz
Seren, die Gelegenheit Leute die so weni^ nach seinem
Geschmack waren los zu werden mit eimger Hastigkeit
benutzt hatte. Was sagen Sie dazu dasz mir Ihre btelle
angeboten worden ist? Die Versuchung wäre vielleicht in
3[>ätem Jahren reizend für mich gewesen (abgesehen von
en Hofverhältnissen): aber jetzt ist mir das Lehren noch
zu sehr Bedürfhisz, u. meine Lehrerlaufbahn kaum erst
recht im Beginnen, als dasz ich nicht sogleich entschlossen
gewesen wäre sie abzuweisen. Ich habe Börsch lebhaft
empfohlen (^der meiner Meinung nach ganz dazu paszt)
und bin be^erig ob es was helfen wird. — Sie werden sich
wundem diesen Brief durch Prof. Ewald zu erhalten. Er
hat mich neulich mit einem Brief überrascht, worin er sich
zwar über mich beschwert, aber sich doch ein weiteres frei-
müthiges Urtheil über seine kleinere Gramm, ausbittet.
Ein Zeichen dasz ich ihm doch nicht so sehr Unrecht ge-
than haben kann, weil man sich dergleichen eben nicht
zum zweitenmal erbittet. Ich habe diese Gelegenheit be-
nutzt mich über meine ganze wissensch. Stellung zu ihm zu
erklären, um mich wo möglich mit ihm zu verständigen,
(ich fürchte nur meine Weise ist ihm zu derb freimü&i^,
und ich werde ihn wohl abgeschreckt haben sich mit nur
einzulassen.) — Möge Ihnen Ihr neuer Wohnort u. Wirkungs-
kreis an Leib u. Seele zuschlagen [!], und einigermaszen die
Belohnung gewähren die das Vaterland unter den jetzigen
Umständen nicht geben konnte I Vergessen Sie nicht in
der freundlicheren Fremde des armen schlichten Vater-
landes, dessen Stolz Sie sind, das Sie mit Schmerzen ent-
läszt, aber sich freut den hessischen Namen an einer be-
rühmten Stätte durch Sie verherrlicht zu sehen! Gedenken
y Google
254 Anmerkungen zu B. I S. 280.
Sie unter Ihren hessischen Freunden fernerhin auch dessen
der Ihnen u. Ihrem Herrn Bruder von Herzen zugethan ist-^
H. Hupfeld.
N. S. Ich habe den Jo. Morinus exerc. bibl. nebst
andern Büchern, die ich von der Göttinger Bibliothek hatte,
im October mit der Post abgeschickt, aber keine weitere
Nachricht von ihrem Schicksal: sie sind doch wohl richtifir
angekommen? — Mit Suabedissen gehts wieder recht
schlimm seit Anfang dieses Monats. In wenig Ta^en war
er wieder auf dem alten Puncte vom vorigen Prülyahr.*
19. Hupfeld an J. Grimm.
, Marburg 4. März 1830. Hier, verehrter Freund, wieder
ein kleines Büchlein von mir, statt des lang versprochenen
grOszem, das aber nun (freilich für die lange Zeit die
daran gedruckst wird ziemlich dünn aussehend) bald
nachfolgen wird — ich habe mich nämlich entschlossen die
Schriftlehre der hebr. Sprache (die eigentlich nur die
erste Hälfte der Elemf^ntarlehre ausmacht) vorläufig an
ein Pfand des übrigen aliein ausfliegen zu lassen |als erstes
Theils erstes Heft seines kritischen Lehrbuchs d. hebr.
Sprache u. Schrift Marb. b. Krieger], um nur einmal
eine Epoche in meiner sauern Arbeit zu bekommen. —
Nun es wird ja auch für mich die 2ieit der Erndte wohl
noch kommen. Ich möchte freilich manchmal vergehen
vor Ungeduld u. Eckel, wenn ich mich herumschlagen musz
mit wahren Gespenstern und meine Kraft daran zersplittere,
während platte Gesellen sich breit machen und das grosze
Wort führen, die ich ganz aufs Maul schlagen könnte wenn
ich meiner überströmenden Brust nur Luft machen könnte.
Es häuft sich durch diesen gezwungenen Zustand eine Galle
in mir an, die nicht ermangeln kann sich bei Gelegenheit
recht bitter zu entladen, und die mir einmal (wenn ich
erst mehr freie Hand bekomme und mich öfter äuszere)
noch viel Verdrusz machen wird. Ich freue mich sehr der
herannahenden Ferien, weil ich mir vorgenommen habe Sie
in Göttingen zu besuchen Bickell der vielleicht noch
etwas für Sie beilegen wird, wird wieder nach Paris wall-
fahrten, wohin auch Biener u. Kaumer von Berlin in diesem
Augenblick hier durchreisen. Ich werde den Gang auch
noch einmal thun, aber erst dann wenn meine Bildung so
weit ist dasz mir die groszen Bibliotheken mehr nütze sind.
Die literarhistorische Richtung fängt aber ietzt erst bei
mir an sich mit Macht zu entwickeln, da bisher die specu-
lative zu vorherrschend war. — Mit Ewald bin ich wieder
nach einigem Briefwechsel auseinandergekommen. Es war
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 255
ihm hloBz um eine Ehrenerklärung von mir zu thun, um
die Autorität seiner hebr. Grammatik von meinem ihm
lästigen Widerspruch zu befreien. Er sprach zwar viel von
heiligem Wahrheitsstreben u. dgl.. aber ich habe ihm zu
erkennen geben wie weniff ich auf diese Redensarten halte.
Es gefiel mir von vom herein nicht dasz er sich an mich
wandte, wenn er (wie sich bald nur zu sehr zei^) gar
nichts von mir angenommen hatte , und sich in allen
Stücken für gravirt hielt. Ich weisz nicht wie unsre meisten
jungen Leute jetzt sind : so viel Eitelkeit u. Ehrgeiz, u. doch
so wenig wahres Ehrgefühl u. Würde ! Da smd auch so
ein paar leipziger Grössen in unserem Fach, die unter der
Hand — wie man gewahr wird — wahre Kriecher sein
können. Ewald scheint mir ein junger Fant zu sein dem
seine Snccesse in der Wissenschaft zu Kopfe gestiegen sind,
weil ihm der Geist der Selbstkritik noch wenig an seinen
Einfällen (wie sie jeder ffute Kopf reichlich hervorbringt)
verdorben hat, u. ihm aer Beilall des groszen Haufens
für das Ziel gilt. Ich habe ihm gesagt, das sei eine ge-
meine Eitelkeit sich mit deren Beiful zu kitzeln : man musz
einen höhern Ehrgeiz haben u. um den Beifall der ersten
seines Fachs ringen. Er will nun eine Antikritik schreiben,
womit ich mich auch ganz zu&ieden erklärt habe, u. auf
die ich schwerlich etwas antworten werde, wenn er mir sie
nicht etwa zuschickt, was ich ihm vorgeschlagen habe, mit
dem Erbieten was ich milderndes u. anerkennendes wüste
beizusetzen N. S. Prof. Bickell, der sich Ihnen empfehlen
läszt, hat mir beiliegendes theils für Sie theils zur gütigen
Besorgung gegeben.*
20. J. Grimm an Hupfeld.
, Göttingen 13 merz 1830. Während ich mir schon heim-
liche vorwürfe machte, verehrter freund, auf Ihren brief
vom 29 dec. nichts erwiedert zu haben, beschämen Sie mich
durch einen neuen. Ich bin hier noch nicht recht wieder
in meinen fugen und der hauptgrund liegt mit in der be-
engten Wohnung, die wir jetzt einstweilen einnehmen, nach
Ostern werden wir in die eigentliche einziehen und die
nachricht von Ihrem besuch würde mich noch mehr gefreut
haben, wenn ich Ihnen schon in der letztem ein gastzimmer
hätte bereit halten dürfen. Dies versteht sich wenigstens
für künftige fälle. — Ich danke für die übersandte ab-
handlung. Soviel ich beurtheilen kann, was darin ver-
handelt wird, musz ich Ihrer ansieht beistimmen; das aber
fühle ich ganz klar, mit welchem innerlichen drang Sie
schreiben. Aus dieser bewegung hoffe ich wird einmsd ein
y Google
256 Anmerkungen zu B. I S. 280.
mliiges and bedeutendes werk hervorgehen. Gegen Ewald
mögen Sie in dieser sache recht haben. Ihn dachte ich
mir persönlich ganz anders, ich glaubte einen sehr deter-
minierten jungen mann zu finden, wie er sich in seinen
recensionen ausspricht. Er redete ganz schüchtern und sah
kränklich aus, ihrer wurde bei dem ersten antrittsbesuch
gar nicht gedacht. Später kam er zu mir und brachte
Ihren brief , wurde aber in seiner explication durch andere
besuchende, die dazwischen kamen, gestört. Seitdem habe
ich ihn nicht wieder gesehen, eben weil ich meine, dasz ich
in der Sache doch nichts vermitteln kann: Mag er Ihnen
in manchen puncten der hebr. gramm. blöszen geben; so
kommt mir Ihr rückhaltloses urtheil darüber doch fae^ za
hart vor. So weit ich hier höre, steht Ewald bei allen in
achtung und seine Vorlesungen werden zahlreich besucht.
Er ist von armen eitern und soll als schüler und student in
ihrer kleinen stube und bei ihrer spärlichen lampe alles
erlernt haben. Jetzt geht es ihm besser, und seit einem
monat ist er mit einer tochter des hofrath GauTs verlobt.
Nehmen Sie sich also vor zürnenden gestimen in acht! —
Von meinem dritten theil sind erst 300 selten gedruckt;
ich kann jetzt wirklich nur langsamer daran fort arbeiten,
die bibliothek nimmt mir mehr zeit weg, als ich wünsche,
und es fehlt nicht an andern abhaltungen, über die ich in
Cassel hinaus war. Das alles musz sich erst setzen, ehe ich
gründlich vortheil und nachtheil abwl^n kann : Ich wollte
mit einer Vorlesung über Otfried beginnen, aber die er-
wartete Graffische ausgäbe wird erst den sommer erscheinen
und nichts anders kann man den zuhörern in die hand
geben. Also müszen mir die rechtsalterthümer zuerst aus
der noth helfen, die ich noch ziemlich im köpf habe. —
Aus München habe ich vor einigen ta^en aushängebogen
der längst ersehnten Evangelienharmonie, die aber unter
dem passenderen titel Heliand (salvator) herauskommt, er-
halten. Ein alliterierendes gedieht des neunten jh. und
überaus lehrreich. Ich bin voller freuden darüber. — Meinen
schönsten dank an Bickell für die berichtigung der Würz-
burger glossen, ich wünsche ihm vergnüc^ reise. Hugo
meint er werde bald die längste zeit zu Marburg ffewesen
sein. — Mein bruder grüszt; mündlich bald mehr. Ihr
Jacob Grimm.*
21. Hupfeld an J. Grimm.
,M. 3. Sept. 1830. Verehrter Freund ! Hier die Fort-
setzung der früher überreichten kleinen Gabe. Leider ist
gröszeres das ich bereite, noch immer nicht fertig. Doch
y Google
Briefe zwischen J. Grimm tu Hupfeld. 257
wird eins davon hoffentlich in den nächsten Monaten nnter
dem Preszbengel hervorkommen. Dann will ich mich ein-
mal mit meinen Sachen dem Hm. von Humboldt präsen-
tiren — etwa durch Ihre Vermittelung. Mit Bopp oin ich
neulich durch persönliche Bekanntschaft in Verbindung ge-
kommen. Wahrscheinlich verdanke ich Omen diesen Besuch :
denn er brachte mir einen Qrusz von Ihnen. Sein Sie
schönstens bedankt dafür, und weisen Sie mir mehr solche
Bekanntschaften zu. Er schenkte mir seine letzte Abhandl.
über die Vergleichung des Sanskrit, auf deren Studium ich
mich freue. — Ich bin sehr begierig zu hören wie Ihnen
der Katheder zusagt. Bisher habe ich noch nichts darüber
in Erfahrung bringen können. Meine Absicht Sie diesen
Herbst in G. zu sehen wird zu Wasser. Wird Ihr Herr
Bruder uns nicht (wie ich neulich von Suabedissen hörte)
vielleicht auf dem Durchfluge nach Steinau erfreuen?
Mit Suabedissen hat es diesen Sommer sehr schlecht Re-
gungen. Keine der doch im vorigen Jahr von Zeit zu Zeit
sich einstellenden Ebben ist diesmal eingetreten. Doch liest
er mit Unterbrechungen u. unter groszen Leiden fort. Es
ist ein wahrer Jammer. — Inlage bitte ich an Ewald zu
senden. Grüszen Sie die Ihrigen herzlich und leben Sie
wohl; Der Ihrige Hupfeld.**
22. J. Grimm an Hupfeld.
,Gött. 24. Nov. 1830. Mit einer gelegenheit übersende
ich beifolgendes pro^amm fHymnorum veteris ecclesiae XXVI
interpretatio Theodisca nunc primum edita Gott. 1830 4.],
nicht weil ich mir denke dasz es Sie besonders interessiert,
sondern weil Sie mich so freundscbafblich mit Ihren auf-
sätzen, die mehr werth sind, beschenken. Vielleicht komme
ich ein andermal auch mit etwas besserem nach. Es ist
keine zeit da mehr hinzu zu setzen, leben Sie in diesen
vielfach bewein tagen so vergnügt als es ^eht und
grüszen mir Bickell Von herzen Ihr Grimm. — einlage an
Justi bitte zu besorgen.'*
23. Hupfeld an J. Grimm.
.Marburg 12. Dec. 1830. Verehrter Freund ! Herzlichen
Dank für das Geschenk womit Sie mich in der vorigen
Woche erfreut haben. Dasz es Interesse lür mich
haben werde, dürfen Sie nicht zweifeln. Für jeden Deut-
schen dem die Ueberlieferunffen seines Volks werth sind-
müssen die Früchte Ihrer Studien Interesse haben; wie viel
mehr für einen Philologen von Profession! Es ist der erste
althochdeutsche Text der — abgesehen von einer kleinen
£. StengeL Acten der Brüder Grimm. 17
Digitized by VjOOQ IC
258 Anmerkimgeii zu B. I S. 280.
Schrift LachmanDs — in meinen Besitz kommt. — Meine
Zusendungen machen durchaus keinen Anspruch auf Er-
wiederung, sie gehen lediglich von dem einem jungen
Manne natürlichen Triebe aus nach einem Kampfe den man
ehrenvoll bestanden zu haben glaubt (und Sie wissen schcm
wie heisz und sauer sie mir werden), sich einem verehrten
Meister zu zeigen und die Degenspitze vor ihm zu senken,
zufrieden wenn er einen theilnehmenden Blick darauf wirft.
Wollte Gott dasz Sie vermöge Ihrer Studien Kampfrichter
sein könnten : aber leider sind die Gegenstände an die ich
durch eine Bizarrerie meiner Natur meist gerathe von so
beschränktem Interesse u. domiger Natur dasz ich selbst
unter den Mahnern vom Fach nur auf äuszerst wenige
Leser und auf noch weniger competente Beurtheiler rech-
nen kann. Mein Trost ist, dasz meine Stimme doch bei
einzelnen derjenigen Männer um derer willen es allein sich
der Mühe verlohnt zu schreiben, nicht überhört werde,
folglich nicht wirkung[slos verhallt. Diesen Trost haben
Sie mir vornehmlich bisher durch Ihre freundliche Theil-
nähme gewährt und ich musz Ihnen nur gestehen, dasz Sie
mir beim Arbeiten oft gegenwärtig sind, und so oft ich
etwas in Ihrem Geiste gethan zu haben glaube, mir denke
wie Sie eine Freude daran haben müszten wenn ich Sie in
den Zusammenhang einführen und orientiren könnte. Auch
Bopps mündliches Urtheil hat mich vorigen Herbst ge-
stärKt. Dagegen habe ich auf Ewald , der jetzt auf vöflig
freundschaftlichem Fusze mit mir steht und sich sehr gut-
müthig u. geföllig erwiesen hat, bisher wenig Wirkung ^
habt, und seine Sachen stoszen mich fortwährend, wie viel
treffliches ieh im einzelnen finde und wie sehr ich die Fülle
seiner Kenntnisse bewundere, im ganzen sowohl der Form
als dem Geist nach ab, u. ich erkenne hier ein völlig die-
parates Ingenium, das an mir, wenn ich mich noch einmal
öffentlich äuszem müszte, einen eben so entschiedenen Geg-
ner haben würde als früher. Namentlich musz ich ihm
allen gesunden historischen Geschmack u. Sinn absprechen.
— Wie ist Ihnen denn bei den Umwälzungen der letzten
Zeit zu Muthe gewesen? Ich habe mich hier sehr bald in
einer gewissen Opposition gegen die herrschende Ansicht
befunden, die alle die Tumulte und Unordnungen gross u.
klein als Eeguns^en des seine Menschenrechte reclamiren-
den und eine scnönere Zukunft verheiszenden Freiheitssinnes
betrachtet und mit uiu^etheiltem Jubel aufnahm, während
ich schon in den auf aio wirklich schönen 3 — 4 Juliustage
folgenden Vorgängen des Au^t zu Paris nur die pure
Anarchie (die Grundsuppe die gewöhnlich auf die erste
y Google
Briefe «wischen J. Grimm u. Hupfeld. 259
schöne Begeisterung des Befreiungskampfes folgt), u. in
dem was darauf in andern Ländern gefolgt ist meist nur
eine Nachäfferei der Pariser (wie einer Mode) zum Theil
nur miserabelen Pöbelunfoge, der die Feigheit der Behörden
benutzte um sich einmal ungestraft ein Gütchen zu thun,
erblicken und nur mit wahrem Schrecken wahrnehmen
konnte, wie schlaff die Banden der bürgerlichen Ordnung,
wie ausgehölt die moralischen Grundlagen der Gesellschaft
selbst in den Gemüthem der gebildeten Stände sind. Ich
habe zwar schon lange in dieser Hinsicht nicht das beste
Zutrauen zu unsem gebildeten Ständen u. dem unter ihnen
herrschenden Liberalismus oder pol. Rationalismus, dessen
revolutionäre Natur freilich die Wenigsten einsehen : aber
diese Schwindelei in unserem Volk, diese pflicht- u. ehr-
vergessene Gleichgültigkeit gegen alle Ausschweifungen der
Anarchie, die nicht einmal die Entschuldigung der Leiden-
schaft für sich hat, sondern blosz die Charakter- und Hal-
tungslosigkeit unserer Zeit kundgibt, hat doch meine Er-
wartung weit übertroffen. Ich versichere Sie, mit Ausnahme
des 15. Sept. in Kassel (wovon die Begeisterung allerdings
reell und schön, der ihr vorhergehende Heroismus aber von
diesem theatralischen und seine Zustände immer mit einem
zu groszen Maszstabe messenden Volke hinterher sehr
übertrieben worden ist) hat sich das Städtevolk in ganz
Hessen, auch da wo es nicht zu eclatanten Excessen ge-
kommen ist wie hier , auf eine solche Weise benommen,
dasz ich immer heimlich erröthe wenn ich von „biedern*
Hessen reden höre. Diesen Ruhm haben wir m. E. voll-
ständig verwirkt. Gott gebe daaz die Landstände uns statt
paniemer Freiheiten wie sie unsere süddeutschen Landsleute
sich aus den Constitutionen aller Welt copirt haben, einige
lebendige kräftige Institutionen für unser verödetes aller
Tradition u. Eigenheit beraubtes Volksleben schenken,
worunter ich die Emancipation der Gemeinden in bür-
gerl. wie kirchl. Hinsicht als die Grundbedingung ansehe.
— Dasz ich in Folge eines Rufs nach Gieszen Ordinarius in
der theol. Fac. (mit Beibehaltung des Sitzes in der philos.
Fac.) nebst einer vorläufigen haaren Zulage von 1(X) Thlr. u. der
Anwartschaft einer weitern von 200 Thlr. bei der ersten Vacanz,
geworden bin, haben Sie wohl schon durch Gerling erfahren.
Ich weisz nicht recht, wem ich eigentl. den Ruf zu ver-
danken habe (ich vermuthe aber Schleiermachern in
Darmstadt , der sich wenigstens gegen einen Bekannten
günstig über meine äthiop. Schrift geäuszert hat). — Einen
schönen Grusz von Bickell, der sich Ihres Andenkens freut,
u. einige Wünsche an Ihre Ü.-Bibliothek auf beilieg. Zet-
17*
Digitized by VjOOQ IC
260 Anmerkungen zn B. I S. 280.
teln verzeichnet hat, so wie anch ich Sie in dieser Hinsieht
zu belästigen so frei bin, da ich voraussetze, dasz Sie die
Verpackung n. Versendung einem Diener auftragen werden,
dem ich für seine Mühe etwas schicken werde, wie ich das
schon früher so gehalten habe. Empfehlen Sie mich Ihrem
Hm. Bruder u. Inrer Frau Schwägerin, u. bleiben Sie ge-
wogen Ihrem getreuen Hupfeld.*
24. J. Grimm an Hupfeld.
.Göttingen 20 dec. 1830. Hierbei erhalten Sie, lieber
freund, die verlangten bücher alle, bis auf das von Bickel
geforderte von Wansleb über die alex. kirche, das wir zwar
auch haben , das sich aber seiner kleinheit wegen an den
unrechten ort verkrochen haben musz, wenigstens habe ich
es mit aller anstrengung vergeblich gesucht. In der hof-
nun^ es noch hinterner zu finden will ich indessen Bickels
Schein noch aufheben. — An den ^oszen und schweren
Zeitbegebenheiten nehme ich den eifrigsten innerlichen an-
theil und mache mir genug gedanken darüber. Im neusten
theil seiner röm. geschichte nat sich Niebuhr merkwürdig
ausgesprochen, er sieht aber zu dunkel, und gibt zuviel
verloren, die barbarei des 2jh. und der Völkerwanderungen
könne wieder einkehren. Was mich anbelangt, ich glaube
doch mehr an einen fortschritt des guten , vieles wurm-
stichige kann durch die ereignisse weggeschafft werden.
Das revolutionäre würde man gern von sich halten, stände
es nur im innem Deutschland Kräftiger und ' beruhigender ;
es läszt sich doch unmöglich verkennen, dasz in Braun-
schweig, Hessen und Sachsen heilsames erreicht worden ist,
im gewohnten gleise wäre gar nichts auszurichten ge-
wesen, sondern es muszte in dieser etwas rauhen fractnr
geschrieben werden. Gewiszermaszen läszt sichs unter
einer desnotischen Verfassung am sichersten und ruhigsten
leben und arbeiten, wiewohl dadurch zähheit und eintönige
keit der gedanken auch begünstigt wird , die öffentliche
freiheit theilt dagegen den aAeiten und Studien bewegung
und Schwung mit, die nicht zu verachten sind. — Möge
der himmel wachen , dasz die eigenthümlichkeit unseres
Volkes nicht unterliege , sondern aus solchen nrüfungen
neugestärkt hervorgehe. ~ Ich schreibe jetzt wieaer gram-
matik, aber etwas langsam; was Sie meisterhaft an mir
nennen, erscheint mir dabei oft als etwas gewaltig stümper-
haftes. Von Graffs Otfried sind schon drei bücher hier,
auch der altsächs. Heliand ist mir sehr viel werth. —
Dortchen und Wilhelm grüszen Sie und ich den Bickell.
Bleiben Sie gut Ihrem Jac. Gr. — in eile, Val2uhr nachts.*
y Google
Briefe zwischen J. Ghrimm u. Hapfeld. 261
25. Hnpfeld an J. Grimm.
^Marburg, 9. März 1831. Verehrter Freund! Hier
sende ich endlich die von Ihrer U.-Bibliothek geliehenen
Bücher zurück, auch das zuletzt angekommene von
A. R^musat, welches mir von grOszerem i^utzen gewesen
sein würde wenn der darin stets angeführte Append. mit
Alphabeten und Schrifttafeln dabei gewesen wäre, der dem-
nach noQh gar nicht erschienen zu sein scheint. Meinen
herzlichen Dank fQr die Sorgfalt womit Sie sich meiner
Wünsche angenommen haben, wiewohl mir bei jeder Sen-
dung — so theuer mir auch die Zeilen sind, die sie jedes-
mal begleiteten — der Gedanke schmerzlich war Ihnen
auch meinerseits durch solche Geschäfte, die ich bei Ihnen
sehr beklage, Ihre edle Zeit verdorben zu haben. Beil. 12
Groschen rar den Diener. — Die Nachricht von der gefähr-
lichen Krankheit Ihres Herrn Bruders , die ich im Januar
durch Ewald erhielt, hat uns hier sehr geängstigt, und wir
haben sie dem guten Suabedissen , dessen Zustand höchst
elend ist und von so etwas leicht afficirt wird, verschwiegen,
bis bald darauf von Kassel aus die Nachricht von der Bes-
zerung kam. Heute hörte ich auch dasz bereits ein Brief
von mm angelangt ist. Wünschen Sie ihm in meinem
Namen Glück zu dieser Rettung aus so groszer Gefahr.
Möchte er uns im nächsten Frühjahr oder Sommer — je
bälder je beszer — einmal wieder hier mit seiner beleben-
den Gegenwart erfreuen : ich fürchte er darf einen solchen
Vorsatz wohl nicht mehr lange au&chieben wenn er seinen
Freund Suabedissen noch einmal sehen will. — Sie haben
inzwischen auch etwas von der nBewegung** unserer 2^it
zu schmecken bekommen, u. zwar gerade, wie es scheint,
eine der piquantesten Manifestationen derselben. Ich hätte
die Scene wohl mögen mit ansehen, wenn ich nur den
hohlen Enthusiasmus der Philister und Strohrenommisten
ohne Aerger sich spreizen sehen könnte. Diese tolle Göt-
tinger Revolution, deren gescheidteste Seite war dasz sie
nicht lange dauerte, hat nur zu verwünschte Aehnlichkeit
mit den italienischen Farcen dieser Art, und fürchte ich
den Ausländem wieder etwas auf Kosten des deutschen
Charakters zu lachen gegeben. Leider ist die Sache über-
all nicht viel beszer bestellt, u. die meisten unsrer deut-
schen Revolutionen, wo nicht alle (die Braunschweiger
nehme ich allein aus) würden schwerlich die Probe einer
englischen Policei, die in dergleichen Auftritten ziemL
Uebung hat, bestanden haben. Da musz man Respect vor
den Polen haben, deren Revolution mir zwar von vom
herein höchst toll erschienen ist, die aber den Muth zeigen
y Google
262 Anmerkungen zu B. I S. 280.
die angefangene Rolle auch würdig zu Ende zu spielen,
und wirklicn das zu thun was die Revolutionshelden ge-
wönlich nur im Munde führen, nämlich zu siegen oder zu
sterben. Selbst unsere Staatsmänner und Gesete^eber glau-
ben es käme nur darauf an dasz ein Regent liberal oder
schwach genug wäre dem Volk brav Rückte einzuräumen,
dann wäre die Freiheit gemacht, und jemehr man ihm ab-
zupreszen wisze desto vollständiger sei der Zweck erreicht.
Ich will wünschen dasz sie in unserm Lande nicht zu un-
sanft aus ihrem Traume gerüttelt werden, und die 160 §§
unserer Yerfaszung aus todten Buchstaben lauter Leb^
werden möchten; aber ich habe wenig Ho&iung zur Er^
föUung dieses Wunsches. Das unruhige Treiben und die
Gesetzlosigkeit die man bisher mit der Ungewissheit unse-
res pol. Zustandes entschuldigte und die man mit dem Ein-
tritt der Constitution mit einem Schlag beendigt zu sehen
hoffte, hat nicht nur nicht aufgehört, sondern noch zuge-
nommen, und die Bürgergarde, die ich immer als einen
Misgriff (eine fi^nz. Schwindelei) betrachtet habe und die
bei uns der eigentliche Heerd der Unruhe war, ist nun in
töllige Demoralisation g[erathen und wäre am Sonnt^ bei-
nahe handgemenffe miteinander geworden. Die Haupt-
anstifter sind endl. heute arretirt worden, aber mit einem
lächerlichen Aufgebot von militärischer Macht, die jetzt
die Stadt und Umgegend so stark besetzt hat , dasz man
im Kriegszustand zu sein glaubt Wäre es Hessen allein,
so wäre es mir nicht bang dasz, bei einiger Festigkeit xmd
besonders Gesetzlichkeit im Verhalten der Regierung,
die Ordnung sich allmählich wiederherstellen würde, da
wirs mit keinen gewaltiffen Leidenschatten und einem im
ganzen pflegmatischen Volke zu thun haben: aber wenn
ich dran denke , dasz in ganz Deutschland, ja in ganz
Europa derselbe Geist der Unruhe u. Gährung herrscht, da-
bei cTie sehr geringe moralische Kraft, die den guten Ans-
Sang einer Krise allein verbürgen kann, in Anschlag bringe :
ann wird mirs allerdings bange fdr unsre nähere oder ent-
ferntere Zukunft (denn über kurz oder lang musz jedenfalls ein
Ausbruch erfolgen), u. Niebuhrs bekanntes Wort, zwar
eines schon kranken Mannes , ist nicht so gar weit von
meiner Ansicht entfernt. Auch dünkt mich dasz ein
groszer Theil des Publikums etwas von der früheren Zu-
versicht verloren habe u. die Sache ernsthafter zu nehmen
anfange. Was solls am dürren Holz werden, wenn am
grünen Holz von Paris die ^glorreiche Revolution* wie ein
böser Wurm zu nagen anfängt? Es ist ein böses Ver-
hängniss für Deutschland, dasz es seine Freiheitebegriffe,
y Google
Briefe zwischen J. Chimm u. Hnpfeld. 263
wie seine ganze sogenannte Civilisation von einem so ober-
flächlichen und der wahren Freiheit nnd Cultur unfähigen
Volke wie die Franzosen übernahm nnd dasjenige ger-
manische Volk bei welchem die ächten nnd germanischen In-
stitutionen der Freiheit zu voller historiscner Ausbildung
gekommen sind, unserm Gesichtskreis zu fern Hegt. Und
so fürchte ich dasz wir auch eine französische Revolution
durchzumachen bestimmt sind, die das leichtsinnige Volk —
nach den Faseleien seiner Wortführer, namentlich der über-
wiegenden Majorität seiner Journale zu schlieszen — noch
einmal mitzumachen leicht zu bewegen wäre/
26. Hupfeld an J. Grimm.
.Marburg 8. Dec. 1831. Ich habe Ihnen eine Nach-
richt mitzutheilen die Sie, da Sie an meinem Wohl
und Wehe freundlichen Antheil nehmen und zugleich
mit dem Suabedissenschen Hause befreundet sind, dop-
pelt erfreuen wird. Dasz ich ein Bräutigam geworden
bin mit Marie Suabedissen, der ältesten Tochter
S.*8. Das Ereignis ist ein so natürliches, . . . wenn ich
daran denke dasz ich schon über 6 Jahre im S/schen
Hause aus und eingehe, schon seit mehr als 8 Jah-
ren mit meiner Braut in einem nähern freundschaftlichen
Verhältnisse stehe, sie aufs genauste kenne, das edelste
Herz mit seinem ganzen unendlichen Schatz von Liebe u.
Liebenswürdigkeit offen vor mir ausgebreitet sehe. . . . Nun
Gott gebe, dasz ich noch nicht ganz zum £hemann ver-
dorben bin, und meine gute Marie glücklich mache, was
mein ernstlicher Vorsatz und ein fast noch älterer Ge-
danke als meine Liebe zu ihr ist. Da ein Professor, be-
sonders wenn er ein neues CoUeg liest, im Laufe des Halb-
jahrs nicht gut Hochzeit machen kann, so werden dazu die
nächsten Osterferien abgewartet werden. Meine Braut hat
mir. noch vorhin die herzlichsten Grüsze an Sie, Ihren Herrn
Bruder u. Frau Schwägerin angetragen. Auch Suabedissen
läszt grüszen u. wird nächstens selbst schreiben. Es geht,
nachdem es vorigen Sommer sehr schlecht mit ihm ge-
standen hatte, seit September bewunderungswürdig besser
mit ihm. . . . Dasz die Landstände unsrer Universität einen
Zuschusz von 12— 15000 Thlr. verwilli^ haben , werden Sie
in den Zeitungen gelesen haben. . . . Mir scheint es für unser
Land aller Ehren werth, und ich glaube dasz damit, wenn
sie weise vertheilt und angewendet werden, sich etwas
tüchtiges aus der Univ. machen läszt Was die Haupt-
sache ist, die vorhandenen Lücken mit tüchtigen L eu-
rem zu besetzen, durch zweckmäszige Berufungen und
y Google
264 Anmerkungen zu B. I S. 280.
Pflege einheimischer Talente, damit wird es , fürchte ich,
den alten Gang nehmen, so lange das Ministerium, als eine rein
mechanische Geschä^behörde, dergleichen Angelegenheiten
wie alle andren auch durch Senats- u. resp. Facult&ts-
berichte entscheiden läszt, und es an einer sachkundigen
Universitätscuratel gebricht. Sie sollten nur einmal unare
Facultäts- u. Senatsdeliberationen über solche wichtige
(jegenstände anhören oder lesen: ich versichere Sie me
Urtheile und Motive der Mehrzahl geben denen bei der
Schalmeisterwahi in Blindheim um kein Haar nach. Wenn
ein gedeihliches Resultat dabei herauskommt, so ist es ein
purer Zufall. Doch bin ich bis jetzt in beiden Facult&ten,
der philosophischen u. theologischen, glücklicher gewesen
als ich je gehofft. In der philos. ist hauptsächl. ein Phi-
lologe zu oerufen* und da wird auszer Lachmann in
Berlin (was ich freilich für thöricht halte, da L. über die
Zumuthung lachen wird von B. nach M. zu gehen) der
junge D. Hermann in Heidelberg vorgeschlagen werden,
welches ich in jeder Hinsicht für eine passende Partie f^
uns halte. Auszerdem wird Bubin o von Kassel herkom-
men, der bereits ein Expectanzrescript vom J. 1829 hat, den
aber die Univ. nur als Privatdocent (mit Gehalt) zulassen
will, bis die staatsrechtl. Frage weg. der Juden entschieden
ist, u. R. sich auf dem ak. Katheder gezeigt hat Die Phi-
lologie scheint demnach künftig hier gut besetzt zu wer-
den. In der Theologe ist es mir gelungen den Vorschlag
de Wette's, dem sie im Grunde alle abhold sind, primo
loco durchzusetzen. Ob aus der Berufung etwas wird, ist
freilich noch sehr problematisch. Die Idee ist unter unsem
Studenten schon seit vorigem Winter im Gkuige und würde,
dünkt mich, wenn sie gelänge allgemein einen guten Ein-
druck machen, unsrer abgestorbenen Facultät aber eine
eigentl. Seele geben. — Herzliche Grüsze an Ihren Herrn
Bruder! Wird er uns denn nicht bald einmal wieder mit
seiner Gegenwart erfreuen? AUe freuen sich darauf.—
Ich wollte an Ewald ein Briefchen beilegen u. ihm meine
Verlobung bekannt machen, aber die Zeit ist mir jetzt zu
kurz: wollten Sie wohl oei Gelegenheit ihn von mir
grüszen und ihm die Nachricht mittneilen?'^
27. J. Grimm an Hupfeld.
„Göttingen 13 dec. 1881. Auf eine so erwünschte mit-
theilung musz man es nicht machen, wie ich sonst mit mei-
nen antworten, sondern seine freudige theilnahme gleich zu
erkennen geben. Also herzlichen glückwunsch; wir kom-
men einander durch diese Verbindung noch näher, denn ich
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hnpfeld. 265.
achte Ihren Schwiegervater und seine familie schon lange
sehr hoch, obgleich Wilhelm genauer mit ihnen bekannt
geworden ist, Grüszen Sie Ihre brant von mir, von Wil-
helm und von Dortchen und sagen ihr, wie aufrichtig wir
uns freuen. Auch die frohe nachricht dasz sich Suabedis-
sens gesundheit erholt hat uns wohlgethan. — Ich habe
eine vergnOgte und erquickende herbstreise gemacht, nach
welcher das hiesige enge und einfßrmige leoen mir noch
nicht behagen wul. Ich war in Carlsruhe, Stuttgart und
einem theil der Schweiz ; aus bibliotheken und archiven ist
mir manches willkommne, gesuchte und gefundne zu theil
geworden. So frei möchte ich immer arbeiten. Auf dem
weg durch Schwaben dachte ich mehrmals an Sie, an Ihr
zweites vateriand und was Sie mir davon erzählt. Uhland
verfehlte ich leider, bei dem ehrlichen Schwab sah ich
Gustav Pfizer und trug ihm grusz und dank auf an seinen
bruder Paul fdr das buch üb^r unser vateriand. [Gemeint
ist : Der Briefwechsel zweier Deutschen, Stuttg. 1831, dessent-
wegen Paul Pfitzer aus dem würtemb. Staatsdienst entlassen
aber dann von Tübingen in den Landtag ffeschickt wurde.] —
Durch Marburg kam ich beide mal bei nacht und konnte mich
nicht aufhalten. — Die jüngsten Casseler aufbritte sind
wieder sehr niederschlagend; das wird auch den vocierten
ausländem keine lust erregen, in einem so bewegten stür-
mischen land sich niederzulassen. Von den fdrsten ge-
schieht alles, um die letzten reste ihres ansehens zu zer-
stören. — Sollten Sie oder Suabedissen beruf und anlasz
haben, sich über politische und literarische angelegenheiten
in Hessen zu äuszern, so kann ich alles an Pertz oefOrdem,
der von neu jähr an eine zeitung zu Hannover redigirt und
in so edelm sinn, dasz er von allen wohlmeinenden red-
lichen männem unterstützt zu werden verdient. Richten
Sie diese bitte in meinem Namen auch an Bickel. — Den
auftrag an Ewald hätte ich torgestem ausrichten können,
wo ich mit ihm in gesellschafb war. Er ist noch immer
hölzern und trocken unter den leuten, mit der feder in der
band aber desto eifriger und heftiger. — Mit herzlicher
freundschaft Ihr Jacob Grimm.*
28. Hupfeld an J. Grimm.
«Kassel 17. Jan. 1832. Verehrter Freund! Ich bin mit
Bickell vom Ministerium hieher berufen worden um an
einer obem Eirchencommission Theil zu nehmen, die fär
die Verbeezenmg des hessischen Kirchenwesens Vorschläge
machen und der zu dem Ende zusammenzurufenden Synode
vorarbeiten soll. Ob ich mir gleich von dem guten Willen
y Google
266 Anmerkimgen zn B. I S. 280.
tind der Einsicht unsrer StaatemUnner, besonders im Drange
der gegenwärtigen Zeitumstände , nicht viel reelles von
dieser Operation verspreche, und meine und Bickells An-
sichten hierüber, ungeachtet des bisher erhaltenen BeifiUls,
zu weit von der bisher üblichen Staats- und Kirchenpraxis
abstehen als dasz wir damit durchzudringen hoffen dürften»
so wollen wir doch das unsrige thun, und ich will es
namentlich nicht an der Mühe u. den Studien fehlen lassen
meine Ansichten möglichst zu begründen, zu vervollständigten
und zu vermitteln. In dieser Hinsicht wünschte ich
namentlich ein Buch, das ich früher einmal in Händen ^
habt habe aber hier nicht auftreiben kann, nämlich
V. Schuberts Werk über die schwedische Kirchen- u.
Schul verfaszung 1820 in 2 Bd. erschienen, zur Hand su
haben. Ich weisz daher keinen andern Rath als mich an
Ihre Bibliothek zu wenden und Sie um geföUige Zusendung
desselben zu bitten. — Ihrem Bruder Wilhelm bin ich sel:^
dankbar für die grosze Freude die er mir mit dem Bilde
meiner Braut gemacht hat. Es war ein schüner Gedanke
n. ich wüste nicht was mir für ein lieberes Ghristgeschenk
hätte gemacht werden können. Grüszen Sie ihn wie Ihre
Schwägerin aufia herzlichste. Von ganzem Herzen der Ihrige
H. Hupfeld. — Ich wohne hier im Kömischen Kaiser. In
Eüe.*
29. J. Grimm an Hupfeld.
, Göttinnen 5 sept. 1882. Lieber freund, eine sonderbare
frage, die ich aber hier doch keinem bekannten vorlegen
kann. Im Reineke de vos buch 8 cap. 6. (oder wenn Ihnen
das buch nicht zur band ist, selbst m Göthes bearbeitung,
gleich zu eingang des X. gesangs) geschieht eines Juden
Abrion von Trier erwähnung, der alle zungen und
sprachen verstanden, alle kräuter und steine gekannt habe.
Möglich dasz alles erdichtung ist, doch nicht unwahrschein-
lich, dasz eine wirkliche person zum grund liegt. Kann
nun die form Abrion ein gerechter hebr. name sein?
oder ist sie entstellt aus Abraham ? Aaron ? schwerlich der
verfluchte name Abiram? ich habe in Wolfs bibl. hebr.
vergebens geblättert. Vielleicht ftllt Ihnen etwas ein, was
auf eine spur leitete? Jedenfalls müstederjude mindestens
im 15 jh. gelebt haben, wo nicht früher. — Dasz Dortchen
am 21 vor. monats dem Wilhelm eine gesunde tochter ge-
boren hat, wird zu Ihren und Ihrer Schwiegereltern ohran
längst gedrungen sein. Von herzen der Ihrige Jac. Grimm.*
y Google
Briefe swischen J. Grimm n. Hnpfeld. 267
80. Hnpfeld an J. Grimm.
«Marburg 19. Sept. 32. Entschuldigen Sie, verehrter
Freund, meine saumselige Antwort. Ihr Brief fiel in den
Schlusz des Halbjahrs, der fOr mich mit vielerlei Geschäften,
namentlich einer Reihe von Prüfungen, verbunden ist, so
dasz ich erst jetzt meine Ferien bekomme, die Andre län^t
angetreten haben. Am meisten aber bedaure ich dasz ich
Ihnen über den Gegenstand Ihrer Frage nichts erkleckliches
melden kann. . . . Ihre Nachricht von der Ankunft eines
Tochterleins in Ihrem Hause war hier neu und wurde mit
froszer Theilnahme vernommen. Ich erwiedere sie durch
ie von der am 2. Sept. stattgehabten Hochzeit der Elise S.
mit dem Assessor Jäger, wozu sich eine fast 80jährige
jugendlich rüstige Groszmutter des Bräutigams aus Hanau
eingefunden hatte. . . .*
31. Hupfeld an J. Grimm.
,Marb. 19. Jan. 1833. Verehrter Freund ! De Wette in
Basel trägt mir auf ihm einen Philologen für deutsche
Sprache u. Literatur zur Anstellung an der dortigen Uni-
versität vorzuschlagen, entweder als Lector mit 300 Krön-
thaler oder als Professor mit 400 Krthl. Gehalt; ersteres
würde man zur vorläufigen Probe vorziehen. Er soll da-
neben 6—8 Stunden am raedagog Unterricht geben. Sehr
passend fUnde man es wenn er zugleich Lehrer der eng-
lischen Sprache werden könnte. Wäre es ein Mann von
Geist, so würde er durch Vorlesungen über deutsche Literatur
für ein gemischtes Publicum sich viel verdienen künnen.
Man wünscht aber einen gemäszigten Mann, keinen Mittel-
alters-Adepten und enragiHen Romantiker. AnWackemagel
in Berlin ist schon gedacht u. geschrieben. Könnten Sie
mir wohl noch einige zur Auswahl nennen? Denn ich bin
mit Niemand der Art bekannt . . . Grüszen Sie die Ihrigen
herzlich , u. besorgen Sie gefälligst die Inlage , die mir de
Wette zugeschickt hat. Von ganzem Herzen der Ihrige
Hupfeld,-
82. Hupfeld an J. Grimm.
«Marburg 18. Sept. 1837. Anbei, verehrter Freund, nach
langer Zeit, währena deren ich von Jahr zu Jahr vergebens
hoffte ein wissenschaftliches Lebenszeichen von mir geben
zu können u. nur darum geschwiegen habe, endlicn ein
kleines Stichen , das freilich wenig Interesse f^ Sie haben
kann, da es einen sehr abstrusen Gegenstand in trockner
Form behandelt, das ich Ihnen aber doch als Fortsetzung
y Google
268 Anmerkungen zu B. I S. 280.
einer früher mitgetheilten Arbeit glaubte senden zu dürfen,
in Ermangelung einer beszem Mein Bruder rühmt
sehr die Güte die er in Ihrem Hause erfährt Auch meinen
herzlichen Dank dafür. ..."
38. Hupfeld an J. Grimm.
.Marburg 1. Dec. 1837. Verehrter Freund: Herzlichen
Dank für das schöne Geschenk womit Sie mein Haus ge-
segnet haben: Denn ich denke dasz es ein rechter Haii»>
schätz werden soll, für meine Kinder u. für die Alten.
Meine Frau kennt sie von der frühern Ausjgabe her halb
auswendig, u. hat sie schon vielfach den Kindern erzählt,
wird aber hier, wie es scheint, auch neue Bekanntschaften
machen; u. ich selbst gedenke mich mit dieser Welt nun
auch etwas vertrauter zu machen als ich es bisher war;
wie ich denn überhaupt in reifern Jahren viel in meiner
unpraktischen Erziehungsweise versäumtes nachzuholen habe,
was Glücklichere zu einer günstigem Zeit sich eingeprägt n.
eingebildet haben. Meine Frau wird ihren Dank noch selbst
bei Ihrem Hm. Brader ausrichten. — Wollte Gott dasz wir
Ihren freundlichen Besuch, womit Sie mir die angenehmste
Überraschung, die mir seit lange widerfahren bereitet, und
die sonst öden Ferien auf einen Tag belebt haben, auch för
Sie etwas belohnender hätten machen können. Aber ich
fürchte nur zu sehr dasz Sie nichts gefunden haben was Sie
nur einigermaszen für die Mühen der Reise hätte ent-
schädigen können, u. dasz Sie sie bereut haben. Wie oft
habe ich die Ungunst des Wetters beklagt, das schon den
andern Tag so schön wurde als man es für diese Zeit
wünschen konnte; aber auch mir Vorwürfe gemacht dasz
ich die wenigen Stunden Ihrer Anwesenheit so schlecht zu
verwenden verstanden 1 Möge ich bald Gelegenheit haben
das verfehlte wieder gut zu machen, u. Marourg, sich in
einem schönen Lichte zu zeigen u. in Ihrer Phantasie zu
emeuem! — Seit dem Erscheinen des berüchtigten Patents
habe ich Ihrer u. der Göttinger Gollegen überhaupt viel
mit Sorgen gedacht, da ich von Müller gehört hatte dasz
man dort keineswegs sich neutral zu halten gesonnen sei;
und diese Sorge ist nun zu einer ordentl. Spannung ge-
steigert, seitdem uns die Kunde von der Protestation der
sieben, worunter wir mit Bewegung auch Ihre Namen
lasen, überraschte. Merkwürdigerweise haben sich bei dem
Eindruck den diese Nachricht auf mich u. meine Fran
machte, die Bollen vertauscht: meine Frau nahm sie mit
ungemischter männlicher Freude u. Begeisterang auf (die
ihr freilich, wie Sie sie als die Tochter ihres Vaters kennen
y Google
Briefe zwischen J. Chrimm n. Htipfeld. 269
werdeiii überhaupt eigen ist); ich dagefi^en, was man wohl
nicht von mir erwarten sollte, mit dem überwiegenden
weibl. Gefühl der Bangigkeit n. des Schreckens Sie so vor-
gewagt u. ausgesetzt zu sehen, mitten nnter einer, wie es
nach allen Zeitungsnachrichten schien, gleichgültigen u.
passiven Masse. Es ist zwar inzwischen der Trost ge-
kommen dasz der Senat überhaupt als Wahlkörper seinen
Protest ausgesprochen (u. das war es woraut ich ge-
wartet hatte): aber von andern Corporationen, namentl.
den Städten, hat bis jetzt nichts sicheres verlautet; im
Gegentheil sind die Zeitungen voll von den in einem solchen
Augenblick widerlichen Huldigungen der Siadter u. Bauern
welche die Boise des Königs berührt, u. woran sich jetzt
sogar eine mir nicht recht begreifl. Deputation der
Universität anschlieszt. Möchte das hanoversche Volk
(wenigstens derjenige Theil der politisch allein in Betracht
kommen kann) diese Prüfung beszer bestehen als ich von
ihm u. den Deutschen überhaupt erwarte u. als das (für
die Ehrbegriffe unsers Adels charakteristische) Benehmen
der Minister erwarten läszt! Die Universität hat ihre
politische Ehre bereits glänzend eingelöst, u. ein Beispiel
Segeben das die herrschende Meinung von den deutschen
elehrten, namentl. den Göttinger Professoren, erfreul.
widerlegt — wie ich denn nicht zweifle dasz was in Deutsch-
land von höherer Ansicht u. Gesinnung sich findet, sich
hauptsächl. in diesem Stande finde, u. weit mehr als in dem
sich spreizenden Staatsdienerstande. Als ein solches Zeichen
u. Beispiel ist mir Ihre Protestation ein Gegenstand auf-
richtiger Freude u. Bewunderung, die ich mit Müller theile
(der sie Ihnen, wie er mir sagt, schon ausgedrückt hat), u.
ich wünsche dasz es nicht ohne Wirkung u. Nachfolge
bleibe, nicht blosz in Ihrem Lande, sondern auch ander-
wärts; ob ich gleich ehrlich bekennen musz dasz ich mich,
in einer solchen politischen Frage, wenn ich nicht der guten
Gesellschaft wegen ein übriges gethan , mehr auf eine rein
defensive Rolle Deschränkt nahen würde, u. so edles Blut
für eine Verfaszung die das übrige Volk preisgibt nicht ohne
Bedauern aufs Spiel gesetzt sehen kann. Got^ebe dasz Sie
viele Mitstreiter finden, wodurch allein der Wurf gelingen
kann, vor allen aber dasz der Muth womit Sie sich aus
Ihrer stillen Werkstätte in diesen Kampf geworfen haben,
Ihnen auch femer unerschüttert zur Seite stehe u. Sie mit
Freudigkeit u. Kraft zur Ausdauer erfülle, u. dasz alles zu
einem iriedlichen Ausgang komme! Unsre Wünsche und
Gebete begleiten Sie. — Noch in der fatalen Gesangbuchs-
geschichte begriflen u. durch das Drängen des Minist, zu
y Google
270 Anmerkangen za B. I S. 280.
Zusammenraffen aller Zeit zur Beendigung derselben ge-
nötkigt, musz ich mir hier Einhalt thun, u. es bei so un-
genügenden Äuszerunffen wie die obigen bewenden laszen.
so gern ich mich auch über ein so wichtiges Thema etwas
weiter ausliesze, jetzt da es für so verehrte theure Freunde
eine persönliche Beziehung bekommen hat Ich hoffe es
ein andermal zu thun, u. kann einstweilen nur noch die
Bitte hinzufügen dasz Sie, wenn ich Ihnen bei dieser Ge-
legenheit etwas mattherzig erscheine, besonders im Vei^eich
mit dem was selbst Fremde (ich lese eben in der Zeitung
von einer Hamburger Addresse) Ihnen zuzurufen sich ge-
drungen fühlen, weder an meiner politischen Gesinnung
noch an meiner Liebe u. Ergebenheit irre werden mögen.
Ich fühle allerdin^ einen gewissen Zwiespalt der Gef&hk
in mir, über den ich noch nicht ganz im reinen bin, von
dem ich mir aber wenigstens so viel bewust bin dasz er
weder aul' etwas Unlauterm noch auf politischer Feigheit
beruht. — Leben Sie wohl, grüszen Sie herzl. Ihren Serm
Bruder (von dessen Befinden Ihr Brief nichts erwähnt) u.
bleiben Sie gewogen Ihrem treu ergebenen Hupfei d.*
34. Hupfeld an J. Grimm.
„Marburg 27. April 1838. Verehrter Freund! Wie viel
wir diesen Winter an Sie gedacht u. von Ihnen gesprochen
haben, werden Sie mir leicht glauben, wenn ich auch nicht
dazu gekommen bin Ihnen meine Theilnahme schriftlich
zu bezeugen. Ich dachte wohl zuweilen daran, u. es drängte
mich von Zeit zu Zeit dazu: aber (abgesehen davon daaz
Schreiben wie Handeln bei mir schwer vom Gedanken zur
That wird) hielt mich immer wieder ein Gefühl ab dasz
Sie in dieser Sache vom deutschen Publicum nur gar zu
viel Phrasen bei kahler That haben über sich ergehen lazsen
müszen, u. ich gedachte wenigstens das Gedränge sich erst
verlaufen zu laszen, wozu bei uns nicht viel Zeit gehört
Mittlerweile hat sich die Sache auf eine so traurig und
meine finstem Erwartungen noch überbietende Weise ge-
staltet , dasz man kaum den Ekel überwinden kann von
den Dingen zu sprechen die dabei zum Vorschein gekommen
sind. Wenn ich in meinem letzten Briefe Zweifel äuszerte
ob Ihr Schritt nicht zu weit ge^ngen sei, u. darüber noch
eine weitere Erörterung in Aussicht stellte , so ist mir jetzt
diese Frage durch die Ereignisse ziemlich in den Hinter-
grund geschoben. Ich hatte mir damals, gleich nach Er-
scheinung des Patents als ich dadurch eine so ernste Ent-
scheidungsfrage auf den Frieden meiner Göttinger Freunde
u. Collegen losrücken sah, eine Lösung ausgedacht die die
y Google
Briefe zwischen J. Grimm n. Hapfeld. 271
Fra^e vom Qebiete des Gewiszens auf das des Rechte u. der
Nationalehre schob, u. die, wenngleich nicht mir u. meines-
gleichen, doch allen denen die sich um Yerfasznng u. d^l.
nicht zu bekümmern gewohnt sind, zu Gute kommen, u. in
diesem Conflict , dessen gleichen ich in meiner Jugend in
nnserm Vaterland an der Eindrän^ng einer unrechtmäszigen
Fremdherrschaft erlebt hatte, die Gewissen schonen sollte.
Ich mag dabei leicht zu weit gegangen u. zum Theil durch
den Widerspruch gegen einen unnützen Schwätzer in meiner
Nähe dahin getrieoen worden sein : Aber es liegt mir jetzt
fem mein Recht oder Unrecht zu untersuchen, nachdem auf
der Gegenseite solche Thaten geschehen u. Reden gefallen
sind, die das tiefste Rechts- u. Ehrgefühl empören müszen.
Damals hatte das Patent in meinen Augen noch einen ge-
wissen Schein u. Anstand einer politischen Rechtssache:
aber nachdem nun dieser so schnöde abgeworfen u. alle
Würde u. Ehre verläugnet worden: wer möchte noch dar-
über rechten ob solcher Macht gegenüber der rechtmäszige
Widerstand etwa zu früh oder zu wenig schonend gewesen
sei? Was ist zu scharf gegen einen solchen Feind? Und
was ist unter solchem Re^^ent an der Universität zu
ruiniren? Wer kann hiebei an ein Gedeihen einer solchen
Anstalt denken? Wenn man nun aber ffar sieht, welche
Grundsätze bei dieser Gelegenheit in dem gepriesenen
Preuszen sich nicht g[eschämt haben hervorzutreten (wie in
dem Briefe des Ministers Rochow an die Elbinger): dann
entdeckt man erst die ganze Bodenlosigkeit unseres öffentl.
Zustands u. die weite Kluft zwischen Regierenden u. Regierten,
deren Gemeinschaft selbst einer nothdürftigen moralischen
Basis, geschweige einer rechtlichen, zu entbehren scheint.
Es hat mir von AnfiEing nichts gutes geahnt, aber so rohu.
schlimm dachte ich mirs nicht. Der Friedensstand deckt
das Elend zu u. wiegt in Sicherheit, aber jede Bewegung,
jede irgend entschiedene That die aus dem ^gewöhnlichen
Geleise heraustritt, zieht es schreiend ans Licht. Solche
Enthüllungen, die das herrschende öffentliche Lügensystem
unterbrechen, mögen, wie alle auch die traurigste Wahrheit,
zur Entwickelung dienen u. sofern heilsam sein : nur sehe
ich eben keine Entwickelung vor uns deren wir uns zu
freuen hätten. Wo auf beiden Seiten so wenig Rechtlichkeit
u. moralische Kraft ist als sich bei jeder Gelegenheit zeijgft,
was kann da am Ende der Ausgang anders sein als eine
wüste Revolution? Solche Betrachtungen u. Erfahrungen
über unsem öffentlichen Zustand müszen Ihnen Ihr eignes
Unglück, das an sich schon hart genug ist, noch bedeutend
erschwert haben, ja es ist vielleicht für Sie grade das
y Google
272 Anmerknngen zu B. I S. 280.
schwerste dabei gewesen. Doch tröste ich mich noch einiger-
maszen damit dasz Ihre Ansicht, nach frühem Erfahrungen
zu schlieszen, vielleicht eine wenig:er hypochondrische und
hoffidongsvoUere ist als die meinige, n. dazn wollte idi
Ihnen denn jetzt mehr als je Glück wünschen. Ihre persOnL
Lage betreffend, bin ich auch nicht so hofihnn^los als in
jener öffentl. Hinsicht. Ich kann mir unmöglich denken
dasz, wie auch die Gesinnungen der Regenten sein mö^ren,
man noch lange übers Herze bringen wird Sie und Ihre Ge-
fährten in dieser Lage zu laszen. Der Scandal ist zugroez,
das Princip zu erbärmlich u. unhaltbar, u. der deutsche
Charakter nicht schroff genug um das schlechte u. von der
öffentlichen Stimme Terworfene auf die Länge zu behaupten.
Auch ist nun durch die Entschloszenheit der Wüi^em-
bergischen Regierung schon ein Loch in das Sjstem ge-
macht. Das wird hoffentl. der Unentschloszenheit anderer
einen Impuls geben und baldige Nachfolge finden, da bei
uns, wo in der erbärmlichsten u. unbedenklichsten Sache
niemand gern vortreten u. das Signal geben will, der erste
Schritt das schwerste ist. und dann, wie wenig ich auch
von der Rechtlichkeit der Regierungen u. des Bundes er^
warte, kann ich doch nicht umhin zu denken dasz der Herr
Bruder von Hannover, der alle Tricks eines Orangisten-
häuptlings entwickelt, es ihnen doch zu bunt treibt, u. den
Skandal — den man bei uns mehr als alles andre scheut —
zu grosz macht, als dasz sie auf die Länge Gefallen daran
finden könnten, u. sich nicht am Ende bewogen finden
sollten dem Skandal durch irgend eine Verwickelung, wie
sie auch ausfallen ma^, ein Ende zu machen; wobei man
doch auch die Universität nicht leicht vergeszen würde, da
eben ihr Zustand einen Haupttheil des Skandals ausmacht
u. sie zu bedeutend n. wohlgelitten bei den Machthabem
ist als dasz sie übersehen werden könnte. Parlamentarisch
scheinen nun auch die Halbheiten u. Vermittelungen , die
die Sache zu verderben drohten, sich ausgespielt zu haben
u. die Sache nun wirkl. auf den Punct gekommen zu sein
wo man sie von Anfang wünschen muste , so dasz nichts
übrig zu sein scheint als ein ^uszerstes, also Skandal, den
man eben vermeiden wollte. Wenn es erst da ist, ist mir
für das weitere nicht mehr bang. . . — Da nun die schöne
Jahreszeit im Anzüge ist, so wiederholt sich bei mir der
schon in dem letzten Brief geäuszerte Wunsch, dasz Sie die-
selbe zu einem Besuche bei uns verwenden möchten, unter
den gegenwärtigen Umständen um so mehr. Bickell wird
um Pfin^ten, also gerade in der schönsten Zeit, herreisen.
Haben Sie nicht Lust ihn zu begleiten, oder die Zeit während
y Google
Briefe zwischen J. Grimm n. Hnpfeld. 273
seines Hierseins, etwa die Pfingstwoche, wo wir überdies
Ferien haben, dazn zu wählen? Anch wäre Ihnen wohl
eine kleine Abwechselung in Ihrem jetzigen Aufenthalt, der
eine schwüle Atmosphäre haben mnsz, wohlthätig. ... —
Hassen^flng bitte ich zu grüszen , der mir zwar anf meinen
Brief nicht geantwortet hat, aber hoffentlich mir nicht böse
ist. Sein Schicksal macht mir die gröszte Sorge , n. ich er-
kenne anch darin den bOsen kleinlichen Geist der jetzigen
Zeit, die für einen Mann von seiner Kraft keine Stelle hat,
weil er — das unverzeihliche Verbrechen begangen hat sich
nicht mit Füszen treten laszen zu wollen. (Vgl. unten S. 288].
Bleiben Sie gewogen Ihrem getreuen H. Hupfei d.*
85. J. Grimm an Hupfeld.
;,Lieber freund , eine äulserung Bickells macht , dafs
ich nicht erst seine nahe reise nach Marburg abwarte und
ihm die herzlichsten freundschaffcsversicherungen an Sie
auszurichten aufbrate, sondern gleich auf der stelle einige
Zeilen enteende, die Ihnen hoffentlich alles mistrauen be-
nehmen. Ich hätte Ihren letzten brief vom 27. apr. und
den viel früher empfangnen , in welchen beiden Sie die
offenste theilnahme an unserm geschick so wohlthuend dar-
legen, längst beantwortet, wenn ich zum briefschreiben auf-
gelegter und fähiger gewesen wäre, und nicht andere ge-
schälte (auch ein fertig zu machendes buch) auf mir ge-
lastet, vielfache Störungen mich unterbrochen hätten. Ihre
liebe und Zuneigung ist mir von länge her zu werth, als
dafs ich sie venetzen könnte oder fahren lassen möchte,
wenn auch jetzt einige meinungsverschiedenheit zwischen
uns sich hervorthun sollte , wie mir scheint eine weit ge-
ringere, als sie wirklich in dieser zeit von einigen mir sehr
nahen und theuem freunden, ja verwandten [Vgl. II 184 f.]
geäufsert worden ist. An Ihnen kenne und schätze ich eben,
dafs Sie allem schlechten und aller Ungerechtigkeit und lüge
von grund aus zürnen, und so wüste ich gar nicht, wie die
Sache meiner gegner Ihnen nur irgend gefallen könnte.
Meine innerste gesinnung vor der weit darzulegen bin ich
nun bewogen und gedrängt worden, ich brauche darum
wenig über mich hinzuzufügen, sondern habe mir nur von
dem eindruck rechenschaft zu geben den die urtheile ande-
rer redlicher leute auf mich machen. Da finde ich denn^
um von der beistimmung zu schweigen, die freigesinnte
unserm schritt geben , dafs die partei der monarchisten
zwar nicht verkennen kann, dafis wir grund und antrieb ge-
E. Steoffel. Acten der Brüder Orlmm. lg
y Google
274 Anmerkungen zu B. I S. 280.
nng hatten zu handeln, aber die verschiedensten bedingnn-
gen aufstellt, an die wir uns hätten binden müssen, alles
aus furcht und scheu, es möchten revolutionaire gefahren
daraus entspringen. Es hat sich in den letzten zehn oder
fün&ehn janren ein so überfeines, parfümirtes nnd unnatür-
liches System von monarchismus festgesetzt, das nicht den
gesundesten kämpf gestattet, und nerdich von einem preofs-
ischen minister, gegen welchen im ganzen königreick keine
einzige stimme laut zu werden wa^ so widrij^ zur schau ge-
tragen wird, dafs man ordentlich &oh sein sollte, wenn
durch unsere sache die unverjährbaren rechte der mensch-
lichen natur, allem bösen, woher es auch komme, zu wider-
streben, gestärkt und hervorgehoben werden. Wozu ein-
gebildete gefahren fQrchten, wenn das gegenwärtige leben
schon in einem zustande unsäglicher knechtschaft befangen
ist, in dem zu verharren wahrlich keine wohlthat sein
kann? Der himmel läfst den unfag und die anmaCsung
der Römer in der catholischen sache als ein zweites zeichen
hart daneben erscheinen, um uns Deutschen die äugen zu
öfnen, dafs unsere regierungen endlich wieder freier und
mannhafter verfahren müssen und das. gängelnde system
aufgeben, das sich weder für die unterthanen noch für die
fürsten der heutigen weit schickt. Ich heifse die rohen
und gewaltsamen neuerungen nicht gut, aber eben so wenü^
billige ich die aufrechterhaltung des abgelebten durch
jesuitische lügen und kunstgriffe; Gott lälst überall und
immer keime des besseren aufgehn, über die wir uns
freuen und die wir hegen sollen. Solche keime sind auch
in die ständischen Verfassungen gelegt, es ist eine neue
noch unscheinbare frucht die aber für die felder taugen
kann, auf welchen der alte same entartet ist. — Die uns
in Göttingen schelten dafs wir zu früh und unzeitig ge-
redet, die hätten sicher auch später das maul gehalten,
und wären um so schmiegsamer geworden, wenn wir ^
schwiegen hätten ; jetzt verleiht ihnen unser beispiel einige
aber gefahrlose scheinstärke, wer sich den eidbruch auf-
bürden läfst, was hätte sich der wider die wähl gesträubt;
jene anmutung war viel factischer und aufregender, ich
preise Gott, dafs er uns regiert hat, daCa wir geretde zur
rechten zeit den rechten fleck getroffen haben ; seine gnade
wird nicht nur mit uns sein , er wird auch segen in die
folgen und Wirkungen unserer that legen , die kein licht
zu scheuen brauchte. Wir sind ruhig und getrost. — Wil-
helm grüfst. jspiilfsen Sie Ihre frau, und behalten Sie mich
lieb Jacob Gnmm. — » 15 mai, abends 11 uhr*.
y Google
Briefe zwischen J. Grimm n. Hapfeld. 275
36. Hapfeld an J. Grimm.
«... Meinen herzlichen Dank fQr Ihren letzten tröstlichen
Brief. . . . Ich war dieses Trostes sehr bedürftig, da mir der
Gedanke Ihre Gnn^t oder wohl gar Ihr Vertrauen verloren
zu haben zu unerträglich war ; u. ich hatte grade in jenen
Tagen mehrmals Briefe an Sie angefangen, um Sie selbst
um ein tröstliches Wort zu bitten, aber wieder unterdrückt
weil ich Sie immer noch nicht sanft genug angefaszt zu
haben glaubte, und neuen Entwürfen Raum gegeben, als mich
Ihr Brief zu meiner nicht geringen Freude all dieser
Sorgen enthob. Ich hatte mir nämlich — ich weisz nicht
recht warum — Ihre Stimmung so gedacht, dasz Sie, im
Bewusstsein des reinen groszen offen vorliegenden Princips
Ihrer That aller ErOrtening darüber abgeneigt wären —
wie man ja grade das was aus dem tiefsten Uerzensdrang
f^ekommen ist am wenigsten beschwätzen u. sich bekriteln
aszen mag — ja wohl auch durch Ihr Unglück in diesem
Punct reizoar geworden. Ich hatte längst meine Pedan-
terie verwünscht, dasz sie, nichts bprgen könnend, in mei-
nem ersten Briefe den Ausdruck meiner aufrichtigen Be-
wunderung sich nicht hatte enthalten können eine Mäkelei
über die Form beizumischen, durch die ich mich hatte
stören lazsen, ob wohl wiszend, dasz eine grosze That sel-
ten ganz formgerecht, u. umgekehrt aus kritischen Form-
erwägungen selten eine grosze That hervorgeht. Zu mei-
ner Entschuldigung darf ich sagen . dasz die kritische
Regung hier hauptsächlich aus der Liebe stammte, zu
den Männern nämlich die ich eben durch die ge-
wählte Form ohne Noth u. vielleicht ohne Nut^n
so viel preisgeben sah. . . . Besonders war mirs ein trauriger
Gedanke, eine stille nur den Heiligthümem unsrer Vorzeit
geweihete Werkstätte (deren Frieden auch in Ihrer letzten
Flugschrift so rührend vor die Seele des Lesers tritt) nun
durch die Kämpfe des Tages gestört, u. ihre Priester in
die wüste Welt hinausgeworßn u. dem Kampf um eine
neue Existenz ausgesetzt, denken zu müszen. In dieser
Hinsicht bin ich nun schon durch Ihre Flugschrift sehr be-
ruhigt worden, aus der ein starker muthiger, von der
Gnaae der Machthaber nichts hoffender u. nichts fürchten-
der Sinn, u. mehr Theilnahme an den Angelegenheiten der
Gegenwa^ u. den Kämpfen des Tages als man erwarten
konnte hervortritt. Meine Einwürfe gegen die Form der
Protestation waren bereits durch die folgenden Ereignisse
u. die moralische Indignation die sie erwecken müssen,
ziemlich in den Hintergrund getreten, da einem solchen
Feinde gegenüber der offenste Angriff der paszendste er-
18*
Digitized by VjOOQ IC
276 Anmerkungen zu B. I S. 280.
Bcbeint. Aus Ihrer u. Dahlmanns Schrift aber ersah ich
zugleich dasz zwei Hauptbedenken auf falscher facüscher
Voraussetzung beruhten. Die erste war, dasz der Zweck
der Protestation auf die Veröffentlichung mitberechnet ge-
wesen sei, um ein Beispiel zur Nachfolge zu sreben: da sich
nun evident ze\gt dasz eine solche nicht beabsichtigt, son-
dern rein zufälng ^ewe8en. Die zweite, dasz durch dieses
zu frühe Vortreten u. Ausscheiden der besten Elemente
aus der Masse eine Vereinbarung zu gemeinsamem Han-
deln vereitelt worden sei : während ich nun sehe dasz an
eine solche schon damals nicht mehr zu denken u. Gefahr
bei längerm Verzuge war. . . . Dasz in dem engem Kreise
Ihrer Freunde Ihr Schritt auf wesentliche Meinungsver-
schiedenheit gestoszen ist, war mir unerwartet und betrü-
bend. Wenn ich freilich an die Aeuszerungen des poli-
tischen Wochenblatts denke, mit dem doch wohl mehrere
dieser IVeunde zusammenhängen, so hätte ich auch dies
leicht denken können. Ich musz aber gestehen dasz eben
diese Aeuszerungen des pol. Wochenblatts so wie die ganze
Rolle die es in der Hannoverschen Sache gespielt hat, för
mich zu den betrübendsten Erfahrungen dieser Zeit gehö-
ren. Ich kann zwar nicht rühmen dasz ich dem darin sich
spreizenden Junkerthum u. Monarchismus volle Zuneigunjg
u. Vertrauen hätte schenken können — es geht mir damit
wie mit so manchen Aeuszerungen heutiger Frömmigkeit
u. Orthodoxie: sie sind mir zu gepfeffert u. sublimirt oder,
wie Sie es nennen, zu parfumirt, als dasz ich so etwas für
ehrliche u. gesunde Überzeugung halten u. erwarten könnte
sie auch in der Praxis bethätigt zu sehen. Ich freute mich
eigentl. nur des Gegensatzes darin ge^en die traurige Mo-
notonie des Liberalismus in den öffentlichen Blättern u. be-
sonders der Preuszischen Bureaukratie u. Hierarchie, die
m. W. sonst durch keine einzige einigermaszen lebendige
Stimme in diesem groszen Reiche unterbrochen wird. Aber
eine solche niederträchtige freche Verläugnung alles Rechts-
u. Ehrp^efÜhls hätte ich doch nimmermehr erwartet Seit
der Zeit sehe ich das Blatt nicht mehr an : das niquanteste
Gerede ist mir in einem ehrlosen Munde gleichgültig, u.
wenn ich Gelegenheit hätte, ich würde ihnen zurufen: tur-
nirt nur immer hin ihr Cavaliere, für eure auserwählten
Cirkel, aber ein ehrlicher Mann hebt euch keinen Hand-
schuh mehr auf. Wenn*s noch eine Gerechtigkeit jdbt, so
kann solche Frechheit nicht ungestraft bleiben. Was Sie
über diesen unlautem krankhaften Monarchismus des
neuesten Schnitts sagen, ist mir ganz aus dem Herzen fe-
sprechen, ebenso wie der Zweifel ob denn der gegenwärtige
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hapfeld. 277
Zustand solche z&rÜiche Aengste vor jeder Bewegnnff auch
nur verdient u. entschuldigt. — In der katholischen
Angelegenheit denke ich etwas anders weil ich in Ehe-
sachen die Rechte der Kirche , auch der protestantischen,
von dem Staate seit lanjge misachtet sehe, u. es schon
recht ist wenns darüber einmal Geschrei gibt. Erst dieser
Rechtspnnct swischen Staat u. Kirche fest^i^setzt u. der
Kirche gegeben was der Kirche ist, dem Staat was dem
Staate ist; dann erst ist die Zeit mit der katholischen
Kirche für gemischte Ehen zu vertragen, wozu es jetzt noch
am gehörigen Fundamente fehlt. Lieber Civilehe, wenns
nicht anders ist, als durch Staatsgesetze erzwungene Idrchl.
Weihe. . . . Von Herzen der Ihrige Hupfeld. M. 30. Mai 1838.*
37. J. Grimm an Hupfeld.
»Cassel 28 aug. 1838. Lieber freund, Als ich zuanfang
dieses monats hierher zurückkehrte, betrübte es mich zu hören,
dals Sie krank geworden und in ein bad gereist seien.
Neuerdings wird mir jedoch Ihre heimkunft und besserung
gemeldet. Möf[en Sie bald vollends hergestellt seini —
V on mir kann ich wenig sagen, aufser dais ich gesund und
beherzt bin; das gilt auch von Wilhelm. Wir wollen un-
bekümmert darum, was die Welt mit uns vorhat, selbst
vor den rifs stehen. Wir haben uns in eine grofse, weite
arbeit eingelassen, die uns auch äufserlich halt und stütze
gewähren soll, wir denken ein ausfQhrliches deutsches Wör-
terbuch von Luther an bis zu Göthe zu unternehmen und
haben es schon mit einem Verleger (Weidmann in Leipzig)
verabredet. Alle Schriftsteller sollen dafür gründlich aus-
gezogen werden. An gelehrten und tüchtigen mitarbeiten!
soll es dabei nicht fehlen , und kommt die sache, wie ich
hoffe, in rechten zug, so wollen wir froh sein, dafs unsere
muTse und unser beruf dazu nicht durch amtslast ge-
schmälert wird. Soviel trotz fßhle ich dann auch in mir,
dafs ich den verspäteten antragen absage. — Da Sie Ihre
Vorlesungen jetzt doch nicht wieder aufnehmen, will ich
Sie mit einer kleinigkeit bemühen. In Hermanns verzeichn.
der marbnrger hss. steht 2, 38, dafo der cod. D. 21 einen mir
unbekannten tractat des Jacobus de Clusa ^de super-
stitionibus' enthalte. Haben Sie einmal eine viertel
stunde lust und mufse, so sehn Sie doch zu, ob es nur fdl-
gemeine theologische betrachtungen über Zauberei und
aberglaube sind (wie ich vermute), oder ob einzelne super-
stitionen beschrieben werden. Im letzten fall könnte mich
die abhandl. interessiren. — p. 8 hält Hermann die cleri-
calis disciplina des Alfonsus für ungedruckt Sie ist von
,y Google
278 Anmerkungen za B. I S. 280.
Fr. Wh. Val. Schmidt Berlin 1827 herausgegeben und xwei
jähre später noch einmal zu Paris erschienen. — Sein Sie
mit Ihrer frau gegrüfüst und halten sich frisch. Bickell
verzärtelt sich immer noch ein wenig. Jacob Ghrimm. '
88. Hupfeld an J. Grimm.
nMarbur^ 15. Dec. 38. Verehrter Freund! Anbei wie-
der einmal ein Fragment in meiner alten Weise. . . . Durch
Ewalds dringende Bitten um einen Beitrag ftlr seine Zeit-
schrift veramaszt, glaubte ich allerdings etwas zu liefern
was auch fClr Japhethische Philo! o^n Interesse haben
würde. Es war zwar nichts als eine kl. Tafel der ge-
bräuchlichsten Sem. Pronominal bildungen. . . . Aber meine
Pedanterie konnte sich wieder nicht enthalten nach einer
Vollständigkeit zu streben auf die ich nicht gerüstet war
So kommt mir denn die Arbeit in dieser Gestalt , unge-
achtet aller Mühe die ich daran verschwendet, viel schlech-
ter vor als in ihrer ursprüngl. Gestalt. . . . Die Sache spinnt
sich mir unter den Händen so aus, dasz ich wahrscheinlich
noch einen dritten Artikel werde hinzanehmen müszen um
fertig zu werden. Ihre Entwickelung der Deutschen Pro-
nomina im 3. B. der Gramm, (den ich zu meiner Schande
bis jetzt noch ungebraucht da stehen hatte) habe ich nun
auch gelesen, u. fühle mich zieml. beschämt mit meiner
Armuth so breit gethan zu haben. — Im vorigen Sommer
bin ich während meiner Krankheit wo ich grösztentb. nur
leichtere Lesereien treiben durfte, an die deutsche Helden-
sage, n. dadurch an die nordische Sage gekommen, u. da
ich eine Vorliebe för diesen Zweig der deutschen Helden-
poesie gefaszt habe, so dasz ich mich darin heimisch zu
machen wünsche, so habe ich mich auch an die nordischen
Sprachen gemacht (die altnordische nach Ihrer Grammatik),
u. ich will nun, da ich einmal daran bin , soviel meine
nähern Berufsstudien erlauben, sachte im Studium der alt-
nordischen Literatur fortfahren, an deren Einjo^nge ich
stehe. Hierbei vermisse ich nun vor allen Dmgen die
Sämundische Edda, die auf der hiesig, ßibl. fehlt Viel-
leicht ist aber was uns hauptsächl. noth thut mit wenigen
Namen genannt, die Sie die Güte hätten mir an Hand zu
geben. Auch möchte ich wissen ob die dänischen Kjämpe
Yiiser in einer neuen Ausg. erschienen sind, wie ich mich
gelesen zu haben erinnere. — Endl. noch eine Frage : Ken-
nen Sie eine Sammlung: Rerum Hibernicarum scriptores
veteres ed. O'Connor 4. Bde. 4®., welche grade die wich-
tigsten u. ältesten Denkmäler des Galischen resp. Irlän-
dischen, meistens aus d. 10.~14. Jh., ja bis zum 6. u. 7.
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. HupfelcL 279
Jahrh. hinaafsteigend, enthalten soll, wie ich bei A. Pictet
*de Taffinit^ des langnes Celtianes avec le Sanscr. (Par.
1837)^ S. IX finde ? . . . In dem Innen gewidmeten Buch von
Prichard — das übrigens für einen Engländer u. noch dazu
einen Arzt aUes mögliche ist — kann ich das meiste nicht
beweisend finden u. meine Scrupel sind dadurch nicht ge-
hoben ; interessant ist was über die Pronomina beigebracht
wird: aber grade hier haben die verschiedensten Sprachen
Berührungen, vgl. z. B. die Tatarischen. — Von Göttingen
ist ja wieder ein neuer Gestank ausgegangen — in der Be-
schreibung des Jubiläums. Nach Zeitungsnachricht hätten
wir den Verf. dieser edlen Schrift in unsrer Facultät!
Warum haben aber die Göttinger einen so verdienten und
brauchbaren Mann nicht festgehalten u. uns zugeschoben?
Wie ich höre, soll Bergmann dabei den Censor gemacht
u. die Scheere geführt haben. Welch ein Abgrund von
Unehrlichkeit doch heut zu Tage in sog. ehrenhaften u. an-
gesehenen Männern steckt. — Einen nicht minder ekel-
naften Anblick von der pöbelhaftesten Gemeinheit u. nie-
derträchtigsten Servilität verbunden mit groszer Virtuosität
in banalen Phrasen bietet mir eine Fraction des jungen
Deutschlands die ich das junge Preuszen nennen
möchte u. die z. Th. in d. Hallischen Jahrbb. ihr Organ ge-
funden hat. Welch ein schauerlicher Auswurf iunger
Sophisten, denen , wie ihrem Patriarchen Heine , aUe Ge-
sinnung u. ehrliche Überzeugung abzugehen u. Alles für den
Effect einer Phrase oder d. Beifall der hohen Gönner feil
zu sein scheint. Abgesehen von der Fehde mit Leo — der
sich über die gröbsten Prüj^el nicht beschweren kann — :
aber gibt es etwas unwürdigeres als die Art wie diese
Menscnen alles was es von hochstehenden Notabilitäten
noch unter uns ^bt, Männer wie Schleier m acher, Niebuhr,
Savignj zu begeifern und in den Koth zu ziehen suchen,
blosz weil sie, obwohl bewährte Patrioten , ihr Knie nicht
vor diesem hohlen Götzen des Treuszenthums* beugten ?
Die kath. Sache hat das Gesindel vollends munter gemacht . . .
Ihr getreuer H. H. ~ Hermann läszt fragen ob in dem cod.
theoT. D. 2 der hies. Bibl. (i. s. Verzeichniss Pars II. p. 13)
die zuletzt angeführten Elegien wohl schon irgendwo
abgedruckt wären oder nicht. "^
39. J. Grimm an Hupfeld.
«Cassel 8 febr. 1839. Ihrem briefe vom 15 dec. ist es
folgenderma£sen ergangen, lieber freund, ich reiste um diese
zeit gerade nach Jena, um das weihnachtsfest und nei^jahr
bei Dahlmann zuzubringen, zurückgerufen durch die leidige
y Google
280 Anmerkungen zn B. I S. 280.
botschafb von Dortchens schwerer erkranknng, verlebten wir
den Jahrswechsel und die erste h&lfte Januars in beständig
schwankender sorge und angst; nach dem sich die genesung
kaum entschieden hatte, wurde Gustchen von der b(Seeii
bräune befallen, was aber nun auch glücklich vorüber ist.
gearbeitet wurde weniger als es nach den getrofhen Vor-
bereitungen dringend nöthig gewesen wäre und das nach-
zuholende lastet nun desto schwerer auf den schultern. —
Ihr paket nun hatte Wilhelm in meiner abwesenheit ei^
öfhet und mir zugestellt ich glaubte dafs es blofs d^-
aufsatz über das demonstrativ etc. wäre, und nahm mir vor,
ihn bei erster mufse ordentlich zu lesen, heute als ich mich
dazu anschicke , ^It mir daraus Ihr brief entgegen, da
Ihnen vielleicht daran gelesen hat, auf die darin enthaltne
an&age wegen der altnora. iiteratur einigen bescheid za
empfangen, so zögere ich damit keinen augenblick, denn es
ist ebenso schön als selten, dafa ein theolog nach solchen
profanen büchern greift. Da die dortige bibl. einmal Finn
Magnussens myth. lexicon besitzt, welches den dritten theil
der copenh. edda bildet, scheint es freilich rathsam die
beiden ersten noch dazu anzuschaffen, zumal sie selbst dem
der die wolfeilere und bessere Stockholmer ausg. hat, noch
manches bietet, namentl. eine Übersetzung daneben. Vor
einigen monaten hat ein strafsburger namens Bergmann
[Vg;l. 3 Briefe J. Gr.'s an ihn im Anz. f. d. A. 11, 92J
einige lieder der alten edda* unter dem titel 'po6mes is-
landais tir^s de V edda Paris 1838' recht tüchtig behandelt,
text und Übersetzung, es sind aber nur erst vier stücke, doch
das buch ist leicht zu haben und nicht unlesenswerth. Die
übrige Iiteratur bietet leidlich und genau genug dar : *literar.
einleitung in die nord - mythologie von C. F. Koppen
Berlin lö37.' Die lieder von den Nibelungen verdeutsche
Ettmüller, Zürich 1837 und es ist eine seiner besseren
arbeiten, doch gibt er das original nicht daneben. Ich
würde der bibl. rathen Rafns Tomaldarsögur Nordrianda.*
drei bände Copenh. 1829. 1830 zu erwerben, worin sich die
mythischen sagen in gutem isländ. text, ohne Übersetzung,
finden, das werk ist völlig verschieden von den fommanna-
sögur. Auch die Isländinga sögur Copenh. 1829. 1830* sind
kaufenswerth. Von der Snorra edda mufs man freilich die
Stockholmer ausg. von 1818 besitzen; es kommt sicher bald
zu einer neuen und verbesserten. Da hätten Sie vorläufig
genug zu lesen. Die dän. kämpeviser sind von N^erup und
KÄbbek 1812—1814 in 5 bänden herausg., ich ziehe aber,
was lieder und was ausg. betrift, die schwedische samlung
vor. 'svenska fornsänger af Arwidsson* , wovon erst 2 theile
y Google
Briefe zwischen J. Grimm tu Hufpeld. 281
Stockh. 1834. 1887 erschienen sind. Oconnors saml. ist
allerdings ein bibliotheksartikel nnd bereits in Göttingen
und Berlin vorhanden, aber selbst in England wenig ver-
breitet, die critik wird manches daran ausstellen müssen,
obgleich es Pictet (in seiner recht lobenswerthen preis-
schrifl) gerade als critisch rühmt; ich habe das buch zu
Göttingen erst flüchtig gekannt, nachher hatte es Lappen-
berg entliehen, der für die haller encycl. den artikel Irland
ausarbeitet, und wahrscheinlich ist es noch jetzt bei ihm
zu Hamburg. Die ^lischen und welschen sprachen mit
ihren denkmftlern ziehen genu^ an und werden es sicher
bald noch mehr. — Ich mms mich für meine arbeiten sehr
zus. raffen; wenn ich recht gesund werde und bleibe, er-
scheinen dies iahr wenigstens zwei bände, ein band der
weisthümersamlung und der erste th. der grammatik völlig
umgearbeitet. Aus den einheimischen quellen war so viel
neues zuzulernen, dafs ich mich der verfQhrerischen ver-
gleicbung des fremden so viel es nur geht, entschlage, be-
sonders seitdem ich gesehn, dafs Grans Wörterbuch dadurch
nur verloren hat. Je näher mir das steht was ich entdecke,
desto flicherer ist meine freude. — Aus den wenigen zeilen
die Hermann p. 181 von den lat. elegien anführt kann ich
mich nicht auf etwas gedrucktes besinnen. — Dieser monat
wird, wie es scheint, in der politik aufräumen; das treiben
zu Hannover ist immer giftiger geworden, eine kleine
schrifb über das verfahren der hannöv. geistlichkeit (aus
dem polit. joum. auch besonders abgedruckt) zeigt ehren-
werthe gesinnunf^, beweist aber dafi es an mut und ent-
schlufs fehlte, nicht bei Lücke allein. Grüfsen Sie Jul.
Müller, ich fürchte, dafs er die längte zeit in Marburg ge-
wesen ist. — Sie aber halten Sie sich vor allem gesund auf
und bleiben zugethan Ihrem Jac. Grimm.*
40. J. Grimm an Hup fei d.
„Lieber freund. Weil ich zu viel briefe schreiben mufs,
bin ich ein schlechter briefsteller geworden, und mag mir
meine alten sünden nicht gern vorhalten. Ihre herzliche
Zuschrift vom 11 nov. [fehlt] hatte uns aber so wol gethan, daTs
ich Wilhelm, den es auch zur antwort drängte, bat, mir
diesmal die vorband zu lassen. Nun wurde ich krank und
habe vierzehn tage das bett [hüten] müssen, ganz wider
meine natur; darum schreibe ich erst heute. Einer von
uns, haben wir uns schon vorgenommen, wird auch vor
unserm abzug aus Hessen erst einmal nach Marburg zu
Ihnen kommen; es war ein alter wünsch und bedürfnis,
Ihnen und Ihrer frau für so viel erwiesne theilnahme und
y Google
282 Anmerkangen zu B. I S. 280.
freundschaft persönlich zu danken. Dieser tage reise ich
nach Berlin, um zu recognoscieren , denke aber noch vor
neujahr zurück zu kehren, und dann wird sich ausweisen,
wie lange wir noch hier bleiben. — Wir ziehen gar nicht
mit überspannten hoinungen nach Preufsen; was Sie über
die dortigen zustände äufsern ist gröfistentheils auch meine
Stimmung und empfindung. Der köni^ hat reinen, edeln
willen und der kann ihn aus fehltntten und irthümem
reifsen, in denen er jetzt noch befangen scheint. Was dort
von beiden seiten geredet wird , ist mir zu fett und hat zu
wenig mager fleisch ; die gedrehten phrasen weisen nicht auf
tiefe und stärke gesunder gesinnung:en. Sie haben recht, es
gibt keine politik als gerechtigkeit und Wahrheit; es ist
vor allem königlich, wort zu halten, und das 1813 ge^bne
unerfüllte wort läfst sich nicht wegschaffen, sondern wird
immer als Vorwurf auftauchen. Keine halbheit und windun^
hilft dagegen. Hassenpflugs anstellung ist blofses partei-
spiel; wenn ich bedenke, dafs Dahlmann, einer der reinsten,
edelsten menschen, dessen Wirkung zu Berlin die heilsamste
gewesen wäre, verschmäht und ^enöthig[t wird, dem vatei^
lande den rücken zu kehren , bin ich tief betrübt. — Das
letzte jähr über habe ich doch nur ein stück der lautlehre
umarbeiten können; über die art und weise meiner stndien
spricht sich die vorrede so aus, dafs ich fürchte mehrern zu
misfallen. Es schien mir jedoch nöthig an mich , und die
allgemeine Sprachvergleichung mir möglichst vom leibe zu
halten. Was ich dadurch einbüDse, gewinne ich an Sicher-
heit und praxis für das deutsche selbst. — Sein Sie und
Ihre frau aufs treuste gegrüfst. Jacob Grimm. — Um ab-
gäbe der einlagen bitte ich. Cassel 5 dec. 1840.»
41. J. Grimm an Hupfeld.
, Cassel 12 merz 1841. D&r entschlufs Sie, geliebter
freund, vor unserm abzug aus Hessen noch zu besuchen,
ist uns vereitelt worden, ich für mein theil habe seit neu-
jahr in einem fort gekränkelt, die stube und das haus ein-
gehalten, und fühle mich immer nocfi nicht wie es sein
sollte; von der gröfseren reise und dem frühlingswetter er-
warte ich gänzliche heilung. Wilhelm, der sich jetzt viel
tapfrer hält, hat es anfangs zu lange verschoben, in der
letzten zeit häuften sich bei ihm correcturgeschäite und
Dortchen wurde bettlägerig, dafs er sie nicht zu verlassen
wagte. In diesem augenblick hat sie sich leidlich erholt,
so dafs sie übermorgen die reise mit uns unternehmen
kann. Wie gern hätten wir beide, Wilhelm und ich, die alten
Marburger erinnerungen aufgefrischt, und mit Ihnen und
y Google
Briefe zwischen J. Grimm u. Hupfeld. 283
Ihrer guten frau ein paar verffnügte tage zugebracht.
Fristen Sie uns nun bis auf eine ferienherbstreise, wo nicht
dieses, doch das nächste jähr, es wird uns doch immer in
die heimat am meisten ziehen. — Von Berlin aus sollen
Sie bald einmal hören, ob und wie wir anwachsen und ge-
deihen. Die äufseren be dingungen des daseins sind so wie
sie uns nirgend anders hätten können geboten werden.
Wir erkennen Gottes fügung und geben uns ihr willig hin.
Die drei Jahre des banns und Unglücks möchte ich auf
keine weise aus meinem leben wissen, so viel erhebnngund
innere freudigkeit haben sie mir gebracht. Auf Ihre
freundschaft und anhänglichkeit rechnen wir als auf eine
gewisse sache, und es wird auch in Ihren äugen keiner
neuen Versicherung unsrer beständigen gesinnung bedürfen.
Grüfsen Sie von mir Hubers und Yilmar. Jac. Grimm.*
42. Hupfeldan W. Grimm.
, Halle 17. Jan. 1844. Verehrter Freund! Ich habe
Ihnen herzzerreiszendes zu melden. Das himmlische Wesen
das mich bisher liebend u. schützend umgab, das mir das
höchste Glück bereitete das je ein Mann in der Ehe ge-
nosz, das mich erst im verfloszenen Jahr durch seine un-
ermüdete Pflege in schwerer Krankheit dem Tode ent-
riszen u. mich dann sicher in das fremde Land geleitet u.
mit Überwindung so mancher Widerwärtigkeit mir eine
Stätte bereitet hatte, ist mir plötzlich von der Seite ge-
riszen worden, u. läszt mich' mit meinen 6 unmündigen
Kindern u. meiner alten Schwiegermutter, die nur aus An-
hänglichkeit an mein Haus gefolgt ist, in fürchterlicher
Vereinsamung u. Hülflosigkeit zurück, mitten unter fremden
Menschen, da unsre Herzen noch voll Heimwehs u. Unbe-
haglichkeit in dieser Einöde sind! .... Auch Sie werden
um meinen Engel trauern , den Sie von seiner frühesten
Entfaltung an kannten u. schätzten. Sie war ein leben-
diges Glied in jedem edlen Freundschaftsbund ihres Vaters
wie ihres Mannes, und Sie wiszen wie sehr sie vor allen
dem Namen Grimm zugethan war. Grüszen Sie herzlich
Ihren Herrn Bruder und Ihre l. Frau, u. erhalten Sie mir
u. meinem Hause Ihre Theilnahme u. Freundschaft. Ihr er-
gebenster H. Hupfeld. — Darf ich bitten die Trauerkunde
auch Hassenpflug u. Huber nebst einem Grnsze mitzutheilen ?*
43. J. Grimm an Hupfe Id.
n Berlin 4 april 1844. Lieber fireund, ich lasse bei seite
was Ihnen und uns in der letzten zeit schmerz gemacht
y Google
286 Anmerknngen zn B. I 8. 280.
den Tag zuvor im Garten der Frau Lindheimer. wo ich mit
meinen Kindern Gast war, u. von ihm hatte ich das BiUet
in die Paulskirche. Ich wünsche Ihnen Glück, daaz Si«
ihr entronnen sind, wie ich alle die ehrenwerthen Leute
die noch darin sitzen bedaure, an einem Werk arbeiten so
müszen das einen zu revolutionären Ursprung u. Charakter
hat als dasz es Segen bringen und auch einen nacfahakigen
Erfolg haben könnte, das leider, fürchte ich, nicht einmal
die so ersehnte deutsche Einheit weiter bringen sondera
eher gefährden wird u. mit dem Schicksal des Bab. Thnrm-
baues bedroht ist. Und wie kann es ein Uhland aoshalten
unter dem Gesindel wo er sitzt u. stimmt! Dies a. so
vieles andere gehört zu den schmerzlichsten Erfahrungen
die es gibt Das vorige Jahrhundert hat, nach Joh. Mül-
lers Ausdruck bei der Polnischen Theilung die ,MoraIität
der Groszen* gezeigt u. gerichtet; das gegenwärtig wird
fürchte ich die der Völker noch schrecklicher offenbaren,
u. vor allem das Jahr 1848 für das Deutsche eine Schaad-
Säule sein. -— An Ihren Bruder Wilhelm u. Dire Frau
Schwägerin meinen herzlichen Grusz u. Wunsch fernerer
Erstarkung. Mit alter Treue der Ihrige H. Hupfeld.«
S. 280 no. 130]. Antwort auf den S.'s Tod meldenden
Brief Hupfeld's v. 15. 5 1835:
„Verehrter Freund! Ich habe die traurige Pflicht zu
erfüllen Ihnen den gestern erfolgten Heimgang meines
Schwiegervaters zu melden. Wir hatten uns an seine lei-
densvolle Krankheit u. seine verfallene Gestalt so gewöhnt,
dasz wir noch vor Kurzem an eine baldige Katastrophe
nicht von ferne dachten. Der Verewigte selbst, der vorigen
Winter im ganzen leidlicher als den vorhergebenden Som-
mer zugebracht hatte, hatte die Freude am Leben u. die Hoff-
nung auf eine längere Fortsetzung so wenig verloren dasz
er fest entschlossen war die im vorigen Winterhalbjahr
ausgesetzten Vorlesungen in diesem Sommer wieder aufzu-
nehmen. Er war eben im Begaff sein Sommerzimmer neben
dem Auditorium wieder zu beziehen und Anstalten für die
in Kurzem beginnenden Vorlesungen zu treffen, als gegen
Ende A^ril ihn ein fürchterlicher Brustkrampf befiel , der
ihn in einem nie zuvor gesehenen Grade von Abends 9 Uhr
an fast 12 Stunden schüttelte und zur äuszersten Kraftlosig-
keit herunterbrachte. . . . Sein Tod war ganz sanft, das un-
merkliche Auslöschen eines glimmenden Dochtes, u. dauejrte
von 10 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends. Ihm ist wohl, aber
wir haben den Mittelpunct unseres Familienglücks verloren,
das seine Tage noch erheiterte u. um dessen willen er das
Leben noch länger wünschenswerth fand. Bis zu seinem
y Google
Briefe zwischen J. Orimm a. Hapfeld. 287
letzten Ta^e dauerte diese Theilnahme, besonders an mei-
nen Kindern, fort, er liesz sie sich noch am letzten Morien
bringen u. das letzte Wort aus seinem Munde war eine
Frage nach den Blattern des kleinsten. Es ist ein unend-
licher Schatz von Liebe mit ihm aus unserm Kreise ge-
schwunden u. wir fühlen uns wahrhaft verwaist. Unaus-
sprechl. ist der Schmerz meines guten Weibs, die von Kind
auf mit allen Fasern der Seele an seiner Seele hin^, u.
nun von ihr wie aus einem mütterlichen Boden losgerissen
wird. Sie hat den Trost, ihn die letzten Tage u. namentl.
die letzte Nacht gepflegt zu haben, wie sie es früher ge-
wohnt war. Denn . seine gewöhnliche Pflegerin , Karoline
Suabedissen (eine jüngere Schwester) erla^ im Laufe dieser
letzten Krankbeitsperiode der übermäsziffen Anspannung
Tag u. Nacht u. liegt noch fast hoffnungslos danieder, da
ihre Krankheit einen nervOsen Charakter hat u. ihre Kräfte
ohnehin sehr schwach sind. Sie hat ihren schönsten
Lebenszweck in der mehrjährigen treuen Pflege unseres
Vaters gefunden, u. in dieser Hinsicht genug gelebt. —
Wir haben letzten Winter viel Sorge um Sie gehabt.
Möchten wir bald wieder tröstliches von Ihrer Gesundheit
vernehmen. Grtiszen Sie herzlieh Ihren Herrn Bruder, u.
wir alle empfehlen uns Ihrer ferneren Freundschaft u. Liebe.
Hupfeld.*
S. 281 no. 131]. Eine Antwort H.'s auf diesen Brief
liegt nicht vor, doch geht ihm ein Br. H.'s v. 26. 4. 1837
vorauf: , Verehrter Freund! Ich kann meinen Bruder, der
nach beendigtem hiesigen Studienlauf u. gemachtem philol.
u. theolog. Examen sicn noch ein halb Jahr in Göttingen
auf dem archaeologischen Gebiete umsehen will, nicht ab-
gehen lassen, ohne mich u. die meinigen wenigstens durch
ein paar Zeilen ins Andenken zurückzurufen u. Sie unserer
fortdauernden Liebe zu versichern. Wir haben zu seiner
Zeit mit groszem Leidwesen Ihre schwere Krankheit er-
fahren u. sind dem Fortgange, so weit wir ihn erkunden
konnten, mit bangem Herzen gefolgt , haben uns aber seit
einiger Zeit, da Sie wieder in öffentlicher Wirksamkeit er-
scheinen, mit der Voraussetzung getröstet, dasz es nach-
grade wieder ins alte Geleise gekommen sei, obgleich die
letzten mündlichen Nachrichten durch Lücke von der Ver-
änderung in Ihrer Stimmung und Lebensfreudigkeit nicht
gerade tröstlich waren. Gott gebe , dasz Sie bald wieder
Ihrer alten schönen Heiterkeit zurückgegeben werden, u.
dasz auch wir noch einmal etwas von Ihnen zu genieszen
haben! Werden Sie nicht wieder einmal eine Gesundheits-
reise nach dem Süden machen, wenns auch nicht gerade in
y Google
288 Anmerkungen zu B. I S. 281—283.
ein Bad wäre? Dann rechnen wir darauf dasx Sie un«
nicht vorbeigehen, und sich ein paar Tage bei ans aus-
ruhen. Das soll ich Ihnen namentl. auch im Namen meiner
Frau ans Herz legen, u. mein Bruder hat schon den Auf-
trag dasselbe mündlich zu thun. — Ihrem Herrn Bruder
einstweilen meinen herzlichen Grusz. Dasz ich aus dem
schriftl. Verkehr mit ihm schon so lange herausgekommen
bin, kommt daher, dasz ich literarisch seit Jahren in Rück-
stand gekommen bin, ohne Gabe mag ich nicht erscheinen.
— Ihr Schwager Hassenpflug [Vgl. S. z73 o.] entwickelt sich
auf seinem Posten in neuester Zeit so, dasz seine Freunde, die ee
wahrhaft gut mit ihm u. zugleich mit der guten Sache meinen,
sich darüber betrüben, u. ich mich wohl ^nz werde Ton
ihm abwenden müszen. Auch Sie werden sich über manche
Vorgänge wenig erbaut haben. Patriotische Hoffinnngen
die ich ehedem auf ihn baute, habe ich längst aufgegeben.
Es handelt sich, wie ich immer deutlicher sehe , nur um
alten faulen Herrendienst, um mögliche Wiederherstellung
des ancien regime, u. daneben um persönl. Ehre u. Glanz.
Das neueste mit der Universität wird Ihnen Huber erzählt
haben. Wohl dem der sich von den öffentl. Angcdegen-
heiten so ganz abwenden kann wie das den Göttinger
Herren im allgemeinen nachgesagt wird. Ich möchte mir
jetzt etwas von dieser Gabe wünschen. . . .
S. 282. Mitarbeiter am Wörterbuch] vgl. Anm.
zu S. 121.
S. 288 wie sorgenvoll seine [J. Müllers] läge ist.
Vgl. Anm. S. 278.
S. 283. In Hanover stehen die Sachen soI
Vgl. Briefwechsel der Brüder mit Dahlmann, der auch
alle anderen mit der Vertreibung der Sieben zusammen-
hängenden Ereignisse die beste Auskunft gewährt.
S. 283. Hermann habe einen ruf nach Göt-
tinge nj. K. Fr. H. 1804 in Frankf. a. M. geb., war seit
1832 Prof. in Marburg und ging 1842 in derThat als Nach-
folger Ottfried Müller's (vgl. Anm. z. S. 290) nach Göttingen,
wo er 1856 starb.
S. 283 no. 1321 darauf erwidert Hupfeld am 9. 10. 1840:
, Verehrter Freund! Ich habe erst heute jenaand finden
können der mit auf die Bibliothek ging, da diese in den
Ferien geschlossen ist u. beide Bibliotnekare unpäszlich
sind. Od nun gleich mehreres von Jac Grethe vorhanden
war, namentlich ein ganzer Foliant *opera omnia de
cruce Christi, so hat doch die Hoffnung die Schrift
selbst zu finden getäuscht. Können Sie vielleicht jenen Fo-
lianten de cruce Chr. brauchen, so dürfen Sie nur befehlen. —
y Google
AnmerkTmgen sn B. I S. 283—284. 289
Dasz Hermann nach GGttingen bernfen werden würde, hatte
ich ebenfalls schon län^t von einem durchreisenden Würt.
Candidaten gehGri n. ich erwartete es nicht anders. Anch
wäre H. wahrscheinlich gegangen, da keiner der an dem
Wohlergehen der Univ. lebendigen Antheil nimmt wie er
sich nnter dieser Cnratel hier gefallen kann, n. er überdies
von neuem durch die hirnlose Verzögerung seiner Best&ü-
ffung seiner Wahl zum Prorector — wozu man ihn, nach
der eben so hirnlosen Verweigerung der Bestätigung Cur-
lings — schon wieder gewählt hafte — schnöde vor den
Kopf gestoszen war. Indessen hat H. selbst ... die Ueber-
zeugung mitgebracht, dasz man . . . nur einen eigentlichen
Archäologen (Kunstarch.) sucht. Das ist . . . fOr uns gut, und
wohl auch fdr ihn, da ich wenigstens ihm wünschen möchte
unter günstigem Umständen nach Göttingen zu kommen
als die jetzigen sind. Mir ist jetzt Göttingen und das ganze
Hannoversche Land wie unter einem Fluch und in Trauer
stehend, während es seine Restitution erwartet — wer
möchte, der nicht schon daran gefesselt ist, jetzt sein Ge-
schick daran fesseln. Ich freue mich zu hören, dasz Sie
beide sich frisch halten und kräftig in der Arbeit sind. u.
Ihr Brief fügt dazu die erfreuliche Kunde dasz Ihre L Frau
sich auf dem Lande gestärkt hat. Meine Frau , die an
allem dem groszen Antheil nimmt, läszt Sie alle recht
ordentlich — mit diesem Ausdruck, den sie mir beson-
ders aufgetragen — grüszen, u. ich nicht minder die Ihrigen.
Von Herzen Ihr H. Hupfeld.*
S. 284. Prof. J. Müller^ s. über ihn Anm. zu S.278.
In der Grimm-Correspondenz sind von ihm 3 Briefe an W.
u. 1 an J. Grimm erhalten.
S. 284 no. 133] Antwort auf J. M.'s Br. v. 26. 11. 1837:
.Hochverehrter, theurer Freund, Es ist zwar etwas
Lächerliches, was ich thue; aber ich fühle mich nun ein-
mal in meinem Herzen gedrungen, Ihnen meine innigste
Freude an Ihrer und Ihrer 6 Kollegen Erklärung, die ich
diesen Augenblick gelesen habe, zu bezeugen. Docn ist ja da-
bei die Meinung mcht, als könne diese Zustimmung für Sie
irgend einen Werth haben, sondern nur darum drän^ es mich
Urnen zu schreiben, weil ich mich Ihnen zum innigsten
Danke verpflichtet fühle für die Herzerquickung , die eine
solche That zweifach gewähren musz in einer äit, die wohl
an nichts so arm ist, als an kräftiger entschiedener Gesin-
nung und an Gewissen der Macht gegenüber. — Gott segne
und stärke Sie, geliebter, verehrter Freund und lasse Sie
und Ihre trefflichen Mitstreiter heilsame Früchte Ihrer Ihm
wohlgefälligen That sehen. — Verzeihen Sie mir diese son-
E. Stengel. Acten der BrAder GMmm. 19
y Google
290 Anmerkungen zu B. I S. 284—285.
derbare Explosion eines überströmenden Gefühls. Von
ganzem Herzen Ihr treuergebener Jul. Müller.«
S. 285 no. 134] beantwortet durch J. M.'s Br. v. 27.
12. 1^7: »Theurer, verehrter Freund, Sie verlangen von mir
Auskunft über eine bei Rothschild in Kassel fSr Sie depo-
nirte Summe (eigentlich hatte er Auftrag Ihnen sogleich
einen Wechsel darauf einzusenden : er hat aber, Ihre Wei-
gerung der Annahme besorgend, diesen Weg vorgezogen),
und icn halte es iür meine Pflicht, Ihrem Verlangen schleu-
nigst zu entsprechen. Die Summe kommt der Hauptsache
nach von vier Freunden [Gerling, Hupfeld, Huber, Müller],
die unter uns Marburgem sich rühmen dürfen Ihnen am
nächsten zu stehen. In diesen regte sich sogleich bei
der Nachricht von Ihrer Entlassung die Besorgnisz , daaz
Sie für den Aus:enblick in irgend eine pekuniäre Verlegen-
heit gerathen könnten, und sie glaubten sich durch ihr
Verhältnisz zu Ihnen berechtigt, Ihnen diesz unbedeutende
Zeichen freundschaftlicher Theilnahme und Bereitwilligkeit
zu geben. Zwei davon haben den Gedanken ein Paar anderen
vertrauten Freunden [wohl Bickell und Hermann] mit-
getheilt, und diese haben in derselben Gesinnung es sich
nicht nehmen lassen, mit einem kleinen Beitrag hinzuzu-
treten. Die ganze Sache ist in diesem allerengsten Kreise
geblieben ; Niemand sonst hat hier etwas davon erfahren.
Ihren Andeutungen, wie Sie sich gegenüber dem unvermeid-
lichen Andrängen der liberalen Pui^ei zu verhalten gedenken,
muszich von ganzem Herzen beistimmen; aber damit hat unsre
einföltigen Sinnes dargebotene Freundesgabe auch nicht
das Mindeste zu schaffen. Wir freuen uns sehr der Hoff-
nung, die Ihr Brief uns läszt, dasz Sie das so Dargebotene
freundlich annehmen wollen. — Durch Ihre freundliche
Vermittelung, mit einigen lieben Worten von Ihnen über-
schrieben, habe ich kürzlich eine Schrift gegen Strausz im
Auftrage ihres Verfassers erhalten, und sa^e auch Ihnen
herzlich Dank dafür. Mir ist das ernste religiöse Interesse
und die entschiedene und doch freie Behandlung des Gegen-
standes sehr zusagend und erfreulich und zwiefiich erfreulich,
wenn wirklich, wie ein Artikel der Allg. Zeitung andeutet, Herr
V. Kanitz, dessen Persönlichkeit mich auf Ihrem verhängnisz-
vollen Jubiläum sehr angezogen hat, der Verfasser ist. Aber
wenn er es ist, will er gewisz nicht erkannt sein, und ein Dank
von mir würde ihn nur verletzen. — Wir freuen uns herz-
lich, dasz es mit Ihrer Gesundheit doch leidlich gut geht,
und nehmen den lebhaftesten Antheil an Allem, w^s wir
Über Sie und die theuem Ihrigen erfahren und erkund-
schaften können. Hupfeld, Gerling, Huber tragen mir auf,
y Google
Anmerkungen zn B. I S. 285—291. 291
Sie herzlich so grüszen. Bitte , grüszen Sie auch von nns
tausendmal Ihre liebe, mnth volle Fran. In treuer Ergeben-
heit und Verehrung Ihr Jul. Müller."
S. 285] ein paar Zeilen von unbekannter
HandJ. Uieselben waren in der That von Suabedissens
Tochter, Marie Hupfeld geschrieben, und zwar deshalb weü der
Marburger Freundeskreis meinte, ihre Hand würde von den
Brüdern Qr. nicht erkannt werden.
S. 287 ff.] Die hier folgende Schilderung, welche Stel-
lung jeder einzelne College zu dem Proteste der Sieben
einnahm, liegt offenbar der Stelle von Jacobs Schrift: -Über
meine Entlassung* , welche von der Stellung der Fakul-
täten zu dem Protest handelt (Kl. Sehr. I, 43) zu Grunde.
Die Worte auf S. 290 „Es ist unglaublich, wie etc. kehren
darin sogar fast wörtlich als ein Ausspruch Wilhelm's
wieder: ,die Charaktere fiengen an sicn zu entblättern
gleich den Bäumen des Herbstes bei einem Nachtfrost; da
sah man viele in nackten Reisern, des Laubes beraubt, wo-
mit sie sich in dem Umgang des gewöhnlichen Lebens ver-
hüllten.* (ib. S. 37 f.)
S. 290. so wie Ihr Bruder wollte]. Ottfried
Müller (geb. 1797) war seit 1819 Prof. der Archäologie in
Göttingen und st. 1840 in Athen. Seine Frau, die *schöne
Müllerin* fBriefw. v. Meusebachs mit J. u. W. Grimm S. 188]
war eine Tochter des Pandectisten Hugo. Über seine Stel-
lung zu den Göttinger Sieben vgl. J. Grimms El. Sehr. I.
54—6. Es handelt sich hier um die Erklärung, welche am 13.
12. 1837 K. 0. Müller, Kraut, Ritter, Schneidewin, H. Thöl.
und E. V. Leutsch in Kasseler Blättern zu Gunsten der
sieben gemaszregelten Collegen, veröffentlicht hatten.
S. 2i91. Über den Tag in Witzen hausen] ge-
meint ist die bei Vertreibung von Dahlmann, Jacob Grimm
und Gervinus in Witzenhausen improvisirte Abschiedsfeier.
Zu Fu8z waren hunderte von Studenten den Wagen voraus-
Seeilt, da den Fuhrleuten untersagt war, ihnen Wagen zur
Disposition zn stellen. Unter denen, welche jenseits der
hannoverschen Grenzen, die Pferde der Verbannten aus-
spannten, befand sich auch ein Glied der Familie Roth-
schild. Noch 1852 schreibt J. Gr. an Hofmann v. F. (Germ.
XI. 511) von dem .glorreichen Studentenauszug nach Witzen-
hausen.*
S. 291. Lücke's Frau sagte etc.] vgl. S. 287, vgL
Freundesbr. S. 150: ,Der Ungiücklichste hier von uns
allen ist Lücke.* Lücke fjeb. 1791 war seit 1818 Prof. der
Theol. in Bonn, seit 1827 m Göttingen, wo er 1855 starb.
ib. Huber] Prof. Vict. Aim^ seit 1836 in Marburg,
19*
Digitized by VjOOQ IC
292 Anmerkungen zu B. I S. 292—295.
später in Berlin, wo er anch mit den BrAdem Crr. verkehrte.
Vgl. Anm. zu S. 318 Br. 2. [II S. 308.]
S. 292. Bei nnserm Schritte lag bloss die
religiöse Überzeugung zu GrundeJ vgL Freun-
desbr. S. 149 f. : .ich besorge, man wird nirgends c^anben,
dasz wir Gott mehr als den Menschen haben g;ehorche&
wollen, u. die in Parteien getheilte Welt glaubt nicht, dasz
jemand anders als aus Parteiansichten habe handeln kte-
nen. Ich musz entweder abgeschmackte LobpreiBnnffen
(einige ausgenommen , welche die Wahrheit fühlen) oder
ho££:tige Verhöhnung ertragen, ich weisz nicht, was von
beiden mir mehr zuwider ist.*
Über die sonstige polit Gesinnung der Brüder v^
Briefw. m. v. MeusebachS. 357 f. u. Beitrfige zu Görres Rhein.
Merkur in dessen kl. Schriften Bd. I. 536 ff. sowie hier be-
sonders n 260, 265, 310 no 5, 313 no 7.
S. 292. Dasz der König von Sachsen uns Sieben
erlaubt hat, Vorlesungen in Leipzig^ als prol
honor. zu erö f f n e nl. Aus den Briefen mit Dahlmann
ergiebt sich, dasz diese Erlaubnisz doch nur mit Cautelen
gegeben war und daher von ihr kein Gebrauch gemacht
wurde.
S. 294 no. 136] Voraus seht ein Br. J. M.*8 v. 11. 6. 1839:
«Innig verehrter Freund, Hier sende ich Ihnen das ^e-
wünschte Document, von meiner Tochter Klara abgeschrie-
ben. Es kann Einem ein Grauen ergreifen, wenn man in
diese bodenlose Sicherheit der verstocktesten Verblendung
— oder ist es quasi Heuchelei? — hineinsieht. — Die un-
geheure Plattheit auf S. 2 ist nun wohl zu ergötzlich, ah
aasz man es sich versagen könnte sie vertrauten Freunden
gelegentlich mitzutheilen. Was aber den Brief selbst be-
trifft, so habe ich Huber gesagt, dasz Sie ihn treulich für
Sich in Ihren Akten zu dieser denkwürdigen Geschichte be-
wahren wollen. . . . Wenn ich von Ihnen bin , so fWt es
mir immer aufs Herz, über wie Manches ich noch hätte mit
Ihnen reden mögen, und wie wenig ich Ihnen meine innige
Anhänglichkeit an Sie zu erkennen gegeben habe. — Gott
schütze die gerechte Sache und die um ihretwillen leiden.
Von ganzem Herzen der Ihriffe J. Müller.*
S 295. Schönlein] Geh. Obermedicinalrath u. Leib-
arzt des Königs. Der König hatte ihn auf die Nachricht
von W. Gr.'s Erkrankung zu denselben geschickt. Lant
uns dem Aesculap einen Hahn opfern, rief Seh. mit lauter
Stimme durch das Zimmer als die Fieberkrisis überwunden
war. Im Fieberschauer hatte W. zuvor aus dem Bett stei^
wollen und Dahlmann*s Sohn, dessen mündlichem Bericht
y Google
Anmerkimgen zu B. I S. 205—296. 293
ich dieee Daten entnehme , vermochte seiner nicht mehr
Herr zn werden. Da rief er den im Nebenzimmer arbei-
tenden Jacob herbei. Er kam schweigend, setzte sich an
das Bett dem Kranken gegenüber and schaute ihn ernst
mit seinen trenen Angen an. Da legten sich die Fieber-
schauer und der Kranke sank mhiff zurück in die Kissen
und in erquickenden Schlaf. Ein bezeichnendes Beispiel,
welche moralische (Gewalt Jacob über seinen Bruder besasz.
Vgl. über diese Krankheit Wilhelm's noch J. Gr.*s Brief an
K. A. Hahn (Germania XH., 117.)
S. 296. diese Blätter] fÜber meine Entlassung*.
S. 296 no. 137.] Darauf antwortet J. M.*s Br. v. 16.
5. 1838 : «Theurer, innigyerehrter Freund, Empfan^n Sie mei-
nen herzlichen Dank mr das Geschenk, das Sie mir, von
so freundlichen lieben Zeilen begleitet, gesandt haben. Wie
sehr ich mich an Ihrer Schrift erquickt und erbaut habe,
brauche ich Ihnen nicht zu sagen; Sie kennen meine G^
sinnung. Wer es ernstlich wonl meint mit unserm armen
Yaterlande, und nicht will, dasz es dem perfidesten Treiben
und den wildesten Revolutionen Preis gegeben werde, der
musz es Ihnen und Ihren Kampfgenossen ungemessenen
Dank wissen , dasz Sie es gewagt haben, Sich vor die
Bresche zu werfen, im Unterliegen g^wisz den Sieg berei-
tend, weil die heilige Macht Gottes mit Ihnen ist. Auch
haben gerade Sie durch Ihre Schrift allen denen, welche
sich gerne damit beschwichtigen möchten, dasz sie ihren
Schritt auf Rechnung eines politischen Parteiinteresses
setzen, alle Entschuldigung abgeschnitten , und wenn sie
vielleicht nicht zu heilen sind, doch ein klares Zeugnisz
über sie abgelegt das sie scheuen müssen. — Mir ist mehr
als einmal beim Lesen das Herz wahrhaft aufge^ngen,
und ich hätte viel darum g^ben einen Augenblick bei
Ihnen zu sein, um Ihnen mit Einem Worte sagen zu kön-
nen, wie innig ich mich mit Ihnen einverstanden fühle. —
Diesz führt mich darauf einen Wunsch gegen Sie aus-
zusprechen, den ich schon lange im Herzen trage, und den
hier Viele mit mir theilen. Möchte es Ihnen doch gefal-
len, ehe Sie Kassel verlassen, vielleicht während der Pmigst-
zeit, wo unsere Gegend sich am schönsten herausputzt,
einige Tage bei uns zuzubringen. Bickell will ja , soviel
ich weisz, kommen; könnten Sie ihn nicht begleiten? Und
wenn Sie kommen, nicht wahr, dann kehren Sie bei uns
ein, und nehmen mit einem dazu bereiten Zimmer, wie Sie
es eben finden, vorlieb? Meine Frau, die sich Ihnen herz-
lich empfiehlt, würde sich sehr betrüben, wenn sie in diesem
Falle nicht die Freude haben sollte , auf einige Tage Ihre
y Google
294 Anmerkungen zu B. I S. 296—207.
Hauswirthin zu sein. Am allerschönsten wäre es, wenn Ihr
Bruder Wilhelm, den ich tausendmal zu grüszen bitte,
wenn Sie ihm schreiben, mit Ihnen kommen könnte. Viel-
leicht ziehen Sie es dann noch einmal in Erwäguni^, uimI
wählen zu Ihrem künftigen Aufenthaltsorte statt Leipsig
unser stilles Marburg, wo Sie gewisz von herzlicherm, an-
eigennützigerm Wohlwollen umgeben, und allen Zudring^
lichkeiten des Parteiwesens viel mehr überhoben sein wür-
den als dort. — Gott leite und schütze Sie, geliebter, ver-
ehrter Freund. Von ganzem Herzen Ihr treuergebener
J. Müller. — PS. Wenn Sie uns die Freude Ihres Besuches
machen wollen, lassen Sie es uns wohl vorher wissen, wann
wir Sie erwarten dürfen; ich könnte sonst am Tage Ihr^
Ankunft zufällig abwesend sein.**
S. 297. Vilmarl Aug. Friedr. Christ. Der bekannte
hessische Theolog und Literarhistoriker, geb. 1800 ^est. 30. Juli
1868 in Marburg. In dem Briefwechsel Weigand's befinden
sich 21 Briefe Vilmar's von ll43— 67, darunter einer von
1867 auf roth gerändertem weissem Papier mit dem photo-
graphischen Bildniss des letzten Eurmrsten. Natürlich er-
wähnt Yilmar in diesen Briefen verschiedene Mal die Brüder.
Ich hebe einige Stellen heraus: 20. Merz 1845: , Jacob Gr.
klagt gegen mich sehr über das abnehmende interesse der
weit an unserer Wissenschaft; aber woher kommt diese ab-
nähme?" — 18. Aug. 1846: ,bis dahin (eintreffen v. W. Gr.'s
Athis u. Prophilias) hatte ich mich an J. Grimmas Geten-
Gothen und etymologischen kühnheiten in der vo(^-
abhandlung erfreut ... es mögen also diese Rimberge ur-
sprünglich reginber^e gewesen sein, u. somit uralte
culturstätten der raging. In der nähe dieses oberhess.
Himbergs bei Caldern sucht bekanntlich Mone nicht ganz
ohne Wahrscheinlichkeit die Gnitaheide.* — 28. Dec. 1846:
,Wir Philologen und Dichter haben uns [auf d. Germ.-Vers.]
gut mit einander verschlagen, bis auf die kleinen spitzen,
welche ich notgedrungen gegen W.Grimm in angelegenheit
der zu erneuernden Hauptschen Zeitschrift herausKehrte, und
die auch J. Grimm in seinem bericht in der allg. zeitung nicht
Sinz übergangen hat. das ding kam beinahe heraus, afi wenn
aupt die Zeitschrift gepachtet hätte, während er doch aus
freien stücken die'sache niedergelegt hat. F. Pfeiffer, den
ich in den Vordergrund rückte, schienen die Grimm die
Zeitschrift nicht recht gönnen zu wollen. . . . die übrigen
expectorationen in Fft. nätte ich den herm Juristen heri-
licn gern geschenkt; . . . u. Reyschers eseleien g^en J.
Grimm in d. aÜg. zeitun^ haben ebenso [bös] auf viele
andere gewirkt.* — 31. Mai 1849: »Ich habe Sie beneidet.
y Google
Anmerknngen zu B. I S. 297. 295
dasz Sie am 18. sept. v. J. in aller gemüthlichkeit sich
haben bibliotheken ansehen und Codices nntersnchen und
excerpieren können, das wäre mir völlig unmöglich ge-
wesen. J. Grimm that auch wohl, dasz er sich vonFrankf.
entfernte; es thnt mir leid, dasz ihn seine eitelkeit ver-
führte, sich für F. zuzudrängen (denn das hat er gethan),
n. wählen zn lassen , um sich — lächerlich zu machen.
J. Gr.'s existenz in der Nat. V. ist ansern Studien oder viel-
mehr deren geltung nicht förderlich gewesen, doch darnach
fragen wieder die Grimms nicht — sie wollen ihre sachen
eben nicht aus dem kreise der gelehrsamkeit gerückt sehen ;
exclusiv oder gar nicht! ist ihr alter wenn auch un-
ausgesprochener Wahlspruch. — L. Uhland ist weniger klug
als die Grimma, und scneint sich völlig ruiniren zu wollen.^
— 6. Aug. 1867: »Den Tod Jacob Grimms habe auch ich
auf das Schmerzlichste empfunden; es macht sich dieser
Verlust auch sonst durch oie einreiszende Meisterlosigkeit
auf dem deutschen Sprachgebiet und den bittem Hader,
welcher überall auftaucht, empfindlich bemerkbar.*
In der Grimm-Correspondenz haben sich nur 4 Briefe V.'s
an J. Grimm erhalten. Auf den ersten derselben fehlt die
Antwort v. J. Gr. Er lautet: • Wohlgeborener, Hochver-
ehrtester Herr Professor! Ein Neuling überreicht Ihnen
hierbei seine Arbeit — nicht, als ob er meinte, es sei die-
selbe an sich Ihrer Auftnerksamkeit würdig, wohl aber, um
Ihnen durch ein äuszeres Zeichen darzuthun, dasz die Zahl
Ihrer, für ein ganzes Leben dankbaren Schüler sich um
Einen vermehrt nat, der, freilich nun schon vor Jahren, an
Ihren Schriften lernte, zu lernen, und sich mit seinen An-
sichten von den Dingen den Dingen selbst unterzuordnen.
Möge der verehrte Meister auch die geringe Leistung eines
seiner schwächeren Schüler nicht verschmähen, der, über
zwei Jahre lang aus der Bahn der Wissenschaft in das
Gebiet des Geschäftslebens verschlagen, mit dieser Arbeit
zuerst wieder den wissenschaftlichen Boden betritt. — Ich
hätte sehr gewünscht, diese Abhandlung vollständiger aus-
reifen lassen zu können, indesz geboten die Amtsverhältnisse
Eile in der Ausarbeitung und Herausgabe, und so kann und
soll sie denn nichts anderes sein, als eine kleine syntaktische
Concordanz für den Genitiv im Heliand. — Die Grund-
linien einer Theorie des Genitivs, die ich zu ziehen versucht
habe, mögen, von einem höheren Standpunkte aus an-
gesehen, unhaltbar erscheinen — ich gebe sie gern daran
— indesz konnten mich die bisherigen Theorien noch weniger
befriedigen, weil diese auch nicht einmal einen beschränkten
Kreis von Thatsachen mit Vollständigkeit zu Ihrer Grund-
y Google
296 Anmerkimgen sn B. I S. 297->298.
läge genommen hatten. — Mit lebenslftn^lioher Dankbarkeit
nnd Verehrnng habe ich die Ehre, mich zu nennen Ew.
Wohlgeboren ergebensten Dr. A. Yilmar, Gjmnasialdirector.
Marbnrg am 29. März 1834."
Die übersandte Arbeit ist V.*8 Gymn.-Progr. : 4>e geni-
tiyi casns syntaxi quam jmraebeat Harmonia Evan^lioram,
saxonica dialecto seculo IX conscripta, commentatio.'
S. 297 no. 138] Antwort auf V .*8 Br. 2 : .Hochwohlgeborener,
Hochverehrtester Herr Hofrath! Gestatten Sie mir, dam.
ich, ermnthigt durch die nur zu gütige Aufnahme meines
Schulprogrammes vor anderthalb Jahren, auch das an-
liegende [von. der stete ampten und der fnrsten ratgeben
18%. 4.1 Ihnen überreiche. Dasz ich dies kleine Stück her-
ausgegeoen, hat freilich zunächst mehrere äuszere Ver-
anlaszungen — welchen auch die, so wie sie da (S. 4 — 5)
stehen, sehr überflüszigen Bemerkungen über u und ü an-
gehören — indesz spracn mich doch auch das frische Leben
in diesem derben, einem noch gesunden Boden entsproszten
Gewächse an. Wie ich es herausge^ben — darüber ist
eben nichts zu sagen. Abschreiben ist keine Kunst, doch
wuszte ich hier ernstlich nicht, was ich beszeres hätte thnn
sollen. — Unter den vielen freudigen Stimmen, welche von
allen Enden her sich über Ihre deutsche Mythologie er-
heben werden, erlauben Sie auch der meinigen, sich hören
zu laszen. Die vielen einzelnen, leisen Töne und Stimmen,
die fast verhallend an Ber^ und Wald vorüberziehen, klingen
nun zusammen in einem einzigen, lauten und hellen Klange.
Mit wem jene Töne aus der frühen Kindheit her dur^
Leben gegangen sind, der wird sich noch ehe er den vollen
Klang des Gkinzen technisch bewundert, daran persönlich zu
freuen im Stande sein. Den wissenschaftlichen Gewinn
und das Lernen aus Ihrem Werke theile ich mit sehr Vielen,
die Freude mit nicht Wenigen; jeder hat denn nun seine
besondere und besonderste Freude. So ist es unter Vielem
kein geringes Vergnügen, die auch in Hessen wohlbekannten
Elbe ntröt sehen (Hilpentritschen) in so guter Gesellschaft
auftreten zu sehen. Die Jagd der H. Tr. bestand noch vor
zwanzig Jahren als ein sehr alter Pennalismus in Hersfeld.
Seitdem ist auch diese letzte schwache Spur erloschen nnd
lediglich der Tradition anheimgeMlen. — Mit der innigsten
Verehrung habe ich die Ehre, mich zu nennen Ew. Uoch-
wohlgeboren gehorsamster Dr. A. Vilmar. Marburg 7. Nov.
S. 298. über den hersfelder Hilpentriterde]
verdruckt für Hilpentritsch. Vgl. noch Vilmar*s Idio-
tikon von Kurhessen Marburg 1868 s. v. Hüpentritsche : «Dasz
y Google
Anmerkimgen zu B. I S. 298~d04. 297
die fiUlpentritschen in Henfeld vorkommen, hat er (d. h.
J. Gr.) aus meiner Mitteilung.'
S. 298. Mohrl vgl. folgende Stelle eines Briefes von
Yilmar an Wei^rand v. 5. jan. 48 : «Sind Sie gemeint, wenn
der *pr6fe88Ör Jö8n& Eiselein* von einem *pr6fessör Weigand
in Mainz* spricht? der mann scheint zu den vielen halb-
tollen zn gehören, die wir in nnsem disciplinen haben auf-
tauchen sehen: Berndt, Badloff, E.Roth, Crüger, Wil-
brand, Mohr (dieser ist denn doch im irrenhause gestorben !)
und viele andere geben eine schöne reihe.'
S. 298. ob Sie geneigt . . . beitrag für das
deutsche wb. zu liefern?] vgl. Anm. z. S. 121.
S. 299. Blacker t]. Lehrer am Gymnasium in Mar-
burg wurde 1845, wie ein Brief Vilmars an Weigand er-
giebt, nach Rinteln versetzt, wurde dann Pfarrer, trat
3}äter zum Katholizismus über und starb als Professor in
ernovitz. Er wird wohl nie etwas für das Wörterbuch
geliefert haben.
S. 301. mein bruder will das programm in
dem gött. anz. beurtheilen]. Vgl. die Anzeige in
W. Grimmas kl. Schriften II, 481.
S. 302. Dem mfinchener Roth]. E. Roth am
Reichsarchiv zu München geb. 1802 t 1880. vgl. S. 408,
J. Gr. an K. Frommann v. 10. apr. 1839 (Germ. XII, 119)
u. Anm. zu S. 298: Mohr. — Über seine Schriften vgl.
K. V. Bahder*8 Deutsche Philologie.
S. 303. bogen etymologie über ,sünde'] in
Theol. Studien u. Eritiken hsg. v. Ullmann u. Umbreit
1839 8. 747-52 (= El. Sehr. IV, 288 ff.)
S. 303. Bemerkungen über hessische Orts-
namen] in d. Zeitschr. d. Vereins f. hess. Gesch. u. Lan-
deskunde. Bd. 2 (1840) S. 132-54 (= E). Sehr. V. 297 ff.)
S. 304. Haupt] vgl Anm. zu S. 314. Von ihm
liegen mir 4 Zuschriften an Weigand vor, aus den Jahren
1841—8. Ich setze aus dem letzten v. 27. C>ct. 1848 datirten
Brief den Eingang her: «Haben Sie freundlichsten Dank
für die Zusendung Ihres evangelien-bruchstücks. ich habe
es soeben erhalten u. mich über den schönen auch durch
grosze reinheit des versmaszes merkwürdigen Fund sehr
gefreut u. werde dafür sorgen, dasz Jacob Grimm an sei-
nem Geburtstage abdrücke erhält'. (Im weiteren bean-
standet er die Ansetzung desAnfauji^ d. 11 Jh. für die Hs.
und Weigand acceptirte seine Ansicht, dasz sie dem An-
fang des 12. Jh.*s angehöre) Vgl. Anm. zu S. 327.
y Google
298 Anmerkungen zu B. I S. 305—307.
S. 305. Stielers Sprachschatz]. Der deutschen
Sprache Stammbaum u. Fortwachs od. demtscher Sprach-
sdiatz etc. Nürnberg 1691 4o.
S. 305. Horus u. Kiliandr] vgl S. 122 femer
einen Brief v. Vilmar an Weigand v. 18. 8. 1846 (in Anm.
z. S. 297) und v. Müllenhoff an Weigand v. 25. 1. 1857 (in
Anm. zu S. 359). In der zweiten von Müllenhoff 1867 be-
sorgten Ausgabe von W. Grimmas Heldensage ist der Iden-
tität von Euiandr mit Calantra, welche Mone ohne weite-
res annahm, ebensowenig gedacht, wie in der ersten.
Nach W. Kolbe: 'Die Sehenswürdigkeiten Marburgs u. 8.
Umgebungen. Marb. 1884' S. 145 ist allerdings noch heute
in Kembach eine vor den Ohren der Städter wohl ge-
hütete Überlieferung lebendig, wonach dort der Lindwurm
gehaust habe, den Jungsiegfried erschlug.
S. 307 no. 144] Antwort auf V.'s Br. 3: .Hochver-
ehrtester Herr Professor! Inliegende kleine SchrÖt, nicht
für die Oeffentlichkeit bestimmt, vielmehr nur ein in groszer
Eile beschafftes Surrogat für Dictate, würde an sich nicht
gewagt haben, sich Ihnen zu zeigen, und nur gelegentlich
würde ich es als ein Curiosum — damit Ihnen auch der-
gleichen Dinge wenigstens zu Gesicht gebracht würden —
Ihnen vorgelegt haben. Die Indiscretion des Buchhändlers,
welcher das Stück wider die bestimmteste Abrede ver-
sendet, erinnert mich, ihn nicht an Unverschämtheit zu
überbieten, indem ich es darauf ankommen liesze , da»s
Ihnen das Stück anderwärts zu Gesicht käme , nicht durch
mich. Die Absicht ist nicht eben, dasz Sie es lesen soll-
ten ; denn wer kann solchen Abhub (und mehr können
freilich alle dergleichen Schulhefte nicht sein) ohne schmäh-
liche Zeitverderbnis durchgehen ? ~ Für Ihren [Wilhelm's]
Werhher habe ich nicht einmal gedankt; was werden Sie
von mir denken? Der Wunsch, mit mehr als der allge-
meinen Formel, mit Beweisen des Gelesen-Habens und des
Nutzens aus dem Lesen, zu danken, liesz mich im Anfange
Aufschub suchen ; nachher traten die seit einem Jahre wieder
unabläszig andringenden Amtshindernisse, wie diese bei
unsern Verhältnissen so häufig kommen, in den Weg. —
Beiliegendes Citat wird Ihnen wohl längst bekannt sein;
seit drei Vierteljahren liegt es nun schon bei mir. Ein
wirklich interessantes, Ihnen vielleicht unbekanntes und
nicht ganz unwichtiges Zeugnis werden Sie neulich von
Dr. Dietrich erhalten haben oder doch in der Kürze erhal-
ten. — An Ihrer [Wilhelm's] goldenen Schmiede habe ich
vielfache Freude gehabt : zunächst die billige und milde und
doch entschiedene Abwehr des fremden Maszstabes ; vor allem
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 807-308. 299
aber das theologisch-poetische Glossar, welches für die
innere Kirchengeschichte nicht hoch genug in Anschlag
kommen kann. Wie reich ist diese Fundgrube, und wie
wenige kennen sie; denn seit Peschek meine ich kaum
eine Andeutung dieser Dinge gelesen zu haben. Ohne
Eingehen darauf, von den angelsächsischen Stücken, Otfried
und Heliand an bis hinab in das 15. Jh., werden wir aber
niemals eine Geschichte des Christenthums in Deutschland
bekommen. Mit der herzlichsten Verehrung und Ergeben-
heit Ew. Wohlgeboren ergebenster Vilmar. — Marburg,
28. Sept. 1840.-
5. 307. Ihre mir . . . übersandte schrift] Deutsche
Schulgrammatik etc. Marb. 1840, 7. Aufl. 1871.
ib. unserer grammatik ihre eigenthümlich-
keit zu bewahren] vgl. S. 334.
5.308. die . . reduction des textes erschreckt
doch ein wenigl vgl. S. 314, 332, 217 u. J. Gr.'s Anzeige
V. Lachmann*9 Scnrift über die ursprüngliche Gestalt der
Nibelunge Noth. Berlin 1816. (Kl. Sehr. IV 92 ff.) sowie die
W.*s (KL Sehr. II, 176 ff.) und W. Gr. an Görres v. 6. 12.
1816 ( Görres briefe II 505). Die spätere Correspondenz Lach-
mann's u. Wilh. Gr.*s über das Nibelungenlied steht in
Zacheres Zeitschr. II, vgl. dazu Wegeners Anm. in dem
Briefw. m. v. Meusebach S. 366 f. Jacoo's Correspond. mit L.
begann 1819, vgl. ib. S. 303 f.
S. 308. Gervinus fünften Theil] Gesch. d. poeti-
schen Nationalliteratur d. Deutschen. 1 — 5. Bd. Leipzig
1835-40. 5. Aufl. bes v. K. Bartsch 1871-74. 8». — Be-
kanntlich war Gervinus mit Dahlmann und J. Grimm 1837
gemeinsam aus Hannover verbannt. Aus den 7 mir vor-
liegenden Briefen an Weigand (von 1847—53) hebe ich fol-
gende seinen Berliner Aufenthalt 1852-3 beleuchtende Stellen
eraus: Heidelberg 28. 9. 1852: ,Ich würde Sie dann bitten,
mir dasselbe unter J. Grimmas Adresse nach Berlin zu
schicken, wohin ich übermorgen abreise, vielleicht um den
ganzen Winter dort zu bleiben.* — Berlin Behrenstr. 6. —
18. 12. 1852: ,Ich werde hier wohl noch längere Wochen
oder selbst Monate aushalten müssen. Die Masse des Vor-
rathes ist gewaltig." — H. 1. 3. 1853: ,Die lanjfe Ver-
schleppung dieser Antworten entschuldigen Sie gewisz gerne
mit aen häszlichen ZwischenföUen , die mich, zum Schaden
auch meiner neuen Auflage der Lit. Gesch. vorschnell aus
Berlin nöthigte. Es ist ein seltsames Schicksal, dasz ich
über der Überarbeitung des 3. Bandes gerade so aus Berlin
vertrieben wurde (u. vielleicht noch weiter aus Baden u.
Deutschland weg) wie ich bei der ersten Ausarbeitung eben
y Google
300 Anmerkniigen zu B. I S. 308-^13.
dieses Bandes aus Göttingen verjagt wurde . . . ich könnte
wahrscheinlich in Wochen noch nicht hier weg, wefl mit
einer demnächstigen Freisprechung, an der ich nicht zweifle,
die Sache noch nicht zu Ende sein wird/ — 23. 9. 1852:
« J. Qrimm war schon weg ; er blieb nur 1 — 2 Tage^ o. sah
leider recht verarbeitet aus.* (vgl. Fr. Roth an Weigand
12. 9. 1852. Anm. zu S. 377). — Qervinus' Briefwechsel mit
den Brüdern wird demnächst von Dr. Ippel veröffentlicht.
S. 308. Ihre Nationalliteraturl Geschichte der
deutsch. N. Marb. 1845. 8. 22. Aufl. 1886.
S. 309. theilnahme d. publicums an der altd.
lit. nimmt ab.] vgl. Vilmar*s Aeusserung an Weigand in
Anm. zu S. 297. — Seifrid Helbling steht in Bd. lY v.
Haupt's Zeitschr.
ib. Müllers u. Schaumanns leere Einbil*
dunij^en] vgl. L. Diefenbach an Weigand v. 5. 6. u. 28. 7.
1845 m Anm. zu S. 388, sowie J. Gr.'s Recension v. W. MüUer^s
Geschichte u. Syst. d. altd. Religion. Göttingen 1844 (Kl. Sehr,
y S. 336 ff.) u. seine weitere Sklärung in der Allg. Zeitang
1845 (Kl. Sehr. VII 8. 600). Wegen Schaumann's vgl. J. Gr.'s
Bemerkungen zu Schaumann*s Aufsatz über das wehrgeld
d. freien nach d. Lex. Saxonum in Bd. 11 d. Zeitsch?. f.
gesch. rechtswissensch 385 ff.
S. 310. phol] vgl. «Schon mehr über phol* in der
Zeitschr. f. das Alterthum v. Haupt Bd. 2. 1842. S. 252-7
(= Kl. Sehr. Vn S. 101).
ib. Ihrer abhandlung über den Heliand]
Deutsche Alterthümer im Heliand etc. Progr. 1845.
S. 311 z. 1 V. u.] lies: »des von 1594* st *der*.
S. 312. Pertz davon benachrichtigt] Vgl. Anm.
S. 267. Pertz war bekanntlich Oberbibliothecar an der
königl. Bibliothek in Berlin.
ib. SchadewitzJ Vgl. in Anm. zu S. 313 V.*s Br. 4
auf S. 302.
ib. Pfeiffer will . . . neue Zeitschrift be-
ginnen, was mir lieb ist]. VgLS.314, Germania XI, 122.
Die 22 mir vorliegenden Briefe Franz Pfeiffer^s an Weigand
von 1843—68 bieten keine Ausbeute für Pf.*s Verhältniss
zu jedem der beiden Brüder, das, wie auch deren Briefe an
Weigand ergeben, ein sehr verschiedenes war. Vgl. noch
Wühelm's Kl. Sehr. II, S. 508 ff.
S. 313 no. 148] Antwort auf V.'s Br. 4: .Marburg
4. Januar 1859. Hochverehrtester Herr Hofbit! Nicht um
die gratulantenschar zu vermehren, welche, erwünscht und
unerwünscht, an diesem tage sich Ihnen zu nahen pflegt,
komme ich, wol aber, um doch wenigstens einmal an cuesem
y Google
Anmerknngen zn B. I S. 313. 301
tage Ihnen, mein hochverehrtester meister, meine verehmng
anch brieflich anszndrflcken, die mich ja freilich seit nun-
mehr l&iger als dreifsig jähren keinen tag verlalsen hat
leider bin ich seit zehn Jahren fast ganz, seit länger als
drei jähren ffftnzlich aus der bahn herausgeworfen worden,
auf dfer ich Ihnen von fem folgen konnte, wenn gleich aller-
dings auch in jenen ersten zwanzig jähren die gesch&fte des
amts nur ein sehr fernes und langsames folgen erlaubten;
aber auch auf dem felde, auf welches ich, viel zu spät,
zurückgeworfen worden bin, freut es mich^ die nach-
wirkungen Ihrer meisterschafb, wenn auch fUr jetzt noch in
den erslen anfangen, zu bemerken, ganz junge aber tüchtige
kräfte beginnen die ausgefahrenen gleise der alten exegese
zu verlafsen, und eine gründliche forschung sich zur aufgäbe
zu machen, wie dieselbe von Ihnen vorgezeichnet worden
ist, 80 z. b. dr. ZOckler in Giefsen und prof. v. Zezschwitz
in Leipzig. — Dagegen ist es mir schmerzlich . in einem
Suncte, und einem sehr wesentlichen, einen abmll gerade
erjenigen jungem weit bemerken zu mülsen, welche Ihre
pfade einzuhalten bemfen ist. das wirmis, welches Holz-
mann in der ansieht von den Nibelungen angerichtet hat,
trägt je länger desto üblere fruchte, welche wiedemm ihre
samen auf weite gebiete, nicht blofs der deutschen literatur
und sprachwifsenschafb hinaus tragen wird, die ganze an-
sieht von dem was volkspoesie, was epos, ja was poesie
überhaupt ist, gerät in schwanken, Verwirrung und — schon
jetzt — in verfall, ich verkenne ja nicht, daDs Lachmann,
der in allem guten seine safte aus Ihnen zog, und nur wo
er sein Ich ungehemmt walten liefs, formell fehlte, durch
seine abstmse methode an dem abfall — nicht schuld ist,
aber seinen anteil hat; denn die schuld liegt an denen, die
zu träge sind, sich durch das Lachmannsche gestein hin-
durchzuarbeiten, aber deSa man nun die Sachen auf den
köpf stellt, und Lachmann als auf dem köpf stehend dar-
stellt, das ist mir zu arg. wie hat sich Zamcke dazu her-
bei lafsen können, die schülerhaften misverständnisse, welche
Holzmann, und noch neuerlichst Fischer, zu tage bringen,
nur gelten zu lafsen? ist denn niemand da, welcher, maCs-
voller und geschickter als der gute Müllenhoff, für die
meister eintüte ? — geht es so lort , so ist ein Untergang
der wifsenschaft, welche lange zeit die königin gewesen ist,
auf dem gebiete der literatur der poesie nicht schwer zu weis-
sagen, warum schweigt Haupt? — Herr Wurm ist ja nun mit
seinem Anti-Grimm, wenigstens mit einem probebogen,
heraus gekrochen, er wird niemanden überreden, dafs er
ein drache sei. möge es Ihnen aber vergönnt sein, Ihr
y Google
302 Anmerkungen zu B. I S. 313-315.
Wörterbuch zu einem frölichen und siegreichen ende m
bringen! Mit den herzlichsten wünschen fttr Ihr äuXaeree
und inneres wolergehen in bekannter innigster Verehrung
Ihr ergebenster Vihnar, prof. d. th. u. Cons. E. — Es fällt
mir ein, dafs ich Ihnen noch die beantwortung einer frage
schuldig bin ; falls Sie die antwort noch interessiert, so folgt
sie hier: der buchdrucker Schadewitz in Kassel fühiie
diesen namen wirklich, und es lebt in Kassel sogar noch
ein nachkomme des buchdruckers, welcher diesen namen
fahrt.*
S. 314. anderes in sich verschlossen halten
m u 8 z] vgl. Anm. zu S. 115.
S. 314. Dem Wörterbuch ist., wenig aner-
kenn ung zu theil geworden] vgl. Germ. XL, 252.
ib. 8. deutsche Wb. unter der presse] vgL
S. 352.
ib. Lach mann 's ansieht] s. Anm. z. S. 308.
ib. Haupt ist ... in seine Fusztapfen getre-
ten], vgl. Brief w. mit y. Meusebach S. 395. We^en
7gl.
S. 314. Meyenbergs] verdruckt st. Megenbergs.
Haupt vgl. noch Anm. zu S. 304.
S. 314. Conrad heiszt sicher nicht von Wür»-
burg nach der stube (?) in Basel]; Vgl. Wackemagel
Joh. Tischart S. 78 Anm. 170 u. Germania IV. S. 113 ff., so-
wie Jac. Grimm an Pfeiffer v. 8. 2. 1859 (ib. XL S. 113 ffl
no. 28) : „Conr. v. W. hat lange zu Basel gelebt und ist da
gestorben; doch kommt mir der beweis, den Wackemagel
aus dem Baseler hause zieht, bedenklich vor.*
S. 315. Wer den Gargantua endlich heraus-
fibt, wollen wir sehen, Meusebach sah vieler-
ei ein), vergl. Fischartstudien d. Frh. K. H. Gregor v.
Meusebach. Mit einer Skizze s. liter. Bestrebungen heraus-
geg. V. Dr. Camillus Wendeler Halle 1879. Demselben
Herausgeber verdanken wir auch den hochinteressanten Brief-
wechsel des Frhn. v. M. mit Jac. u. Wilh. Grimm Heilbr.
1880, dessen so werthvoUem Commentar leider ein leicht
orientirender Index fehlt.
S. 315, Prof. Weigand]K. in Giessen, wohl der w&rmste
und aufopferndste Freund der Brüder. Über ihn vgl. be-
sonders 0. Bindewald: Zur Erinnerung an Fricdr. Ludwig
K. Weiland Gieszen 1879, wo auch verschiedene Aeusze-
rungen W.'s über die Brüder mitgetheilt sind. Die Briefe
der Brüder an ihn . so wie seine gesammte sauber aufbe-
wahrte wissenschaftliche Correspondenz , eine Anzahl von
ihm gehaltene Vorträge , seine Collegienhefte sowie eine
Anzahl Collectaneen sind mir von seiner Tochter, der Frau
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 315. 303
Oberlehrer Dr. Flach in Wiesbaden freundlichst anver-
traut worden. Das seit langer Hand von W. gesam-
melte Material zu einem Wetterauer Idioticon hat Prof.
Crecelins in ßlberfeld in Händen und denkt es demnächst
um anderes vermehrt zu veröffentlichen. Das Material
über Lamprechts Tochter Sion hat Prof. Weinhold ver-
werthet (vgl. Anm. zu S. 816). Einen Vortrag über Ickel-
samer hat Fechner (vgl. 8. 340) abgedruckt, einer über die
Beziehungen der einzelnen Landestheile des Groszherzog-
thum Hessen zur deutschen Literatur sollte im Feuilleton
der Frankfurter Zeitung 1885 mitgetheilt werden. Auszer-
dem liegen mir noch je ein Vortrag über Jacob und Wil-
helm Grimm und einer über Schmeller ans den Jahren
1863, 1870, 1869 vor. Sie spiegeln die aufrichtige Ver-
ehrung Weigands für diese drei seinem Herzen so nahe
stehenden Männer wieder. Die anderen Vorträge handeln:
über die deutsche Lezicographie (26. 1. 1855), die Forschung
in den deutschen Mundarten, deutsche Etymologie (2. 8.
1867), den Buchstaben R im Deutschen (29. 11. 1861), Bür-
gers Lenore (2. 2. 1872), den Göttinger Dichterbund oder
den Hainbund (4. 7. 1873), Max u. Thekla in Schillers Wal-
lenstein (19. 2. 1875), Bürgers Ballade .des Pfarrers Tochter
zu Taubenhain* (24. 11. 1876), von welchen der eine oder
andere auch jetzt noch veröffentlicht zu werden verdient. Von
der sehr umfangreichen wissenschaftlichen Correspondenz
habe ich für meine Anm. verwerthet, die Briefe v. L. Diefen-
bach (s. Anm. zu S. 388), Ph. Dieffenbach (S. 370), Dietrich
(S. 372 u. 377), Gervinus (S. 308), Grieshaber (S. 321), M. Haupt
(S. 304), Ad. V. KeUer (S. 333), K. Müllenhoff (S.359). Franz
Pfeiffer (S. 312), Franz Roth (S. 377), Heinr. Rückert (1 Br.
V. 16. 10. 1851), J. A. Schmeller (S. 333), Vilmar (S. 297).
W. Wackemagel (S. 338), J. W. Wolf (S. 318). — Vgl. auch
noch Anm. zu S. 353 einen Brief Weigands an S. Hirzel,
von dem natürlich ein dicker Pack Briefe , welche das
deutsche Wb. betreffen, vorliegt. — Wie pietätvoll Wei-
gand bis ins kleinste gegen die Brüder gesonnen war, geht
unter anderem daraus hervor, dasz mir nicht nur die
Couyerte zu no. 149, 152, 182 vorliegen, sondern auch
1) ein Sedezzettel mit der Adresse: ^An Frau Professorin
Dorothea Grimm Bad Heringsdorf bei Swinemünde. — fr.
Jac. Grimm Abg[eordneter] zur N[ational] V[er8ammlung]'*
(Poststempel: Frankfurt d.9. (?)Aug. 1848), dessen Rückseite
von Dorothea Grimms Hand folgende zweite Adresse trägt:
.Herrn Professor Wilhelm Grimm Berlin 20 V/ Post-
stempel : Swinemünde 11. (?) 8. — 2) der Entwurf einer auf
die Anzeige von Jacob Grimms Tod hin aufgegebenen De-
y Google
304 Anmerkungen zn B. I S. 315.
pesche: .Fraa Professor Wilhelm Grimm Berlin. Tiefrter
Schmerz. Gott mit Ihnen! Bitte gleich Nachricht, wenn
die Beerdigung morgen nachmittags. Weigand.', sowie der
telegraphischen Antwort: «Professor Weiland Giessen in
Hessen. Die Beerdigung ist Donnerstag früh nm 9 Uhr.
Professorin Grimm Limcstr. 7.' DasE Weigand sich ein
eigenes Grimmsimmer eingerichtet hatte, wird allen denen
die, wie ich, das Glück hatten den freondlichen alten Herrn
in seiner Wohnang zu besuchen , bekannt sein. — In der
'Grimm-Gorrespondenz sind nachstehend angezogene d8 Briefe
von ihm erhalten.
S. 315 no. 149]. Voraus geht W/s Br. 1, womit er
seine *Kurze deutsche Sprachlehre für Real-, Bürger- n.
Volksschulen Mainz 1838' an J. Gr. übersendet. Bindewalds
Darstellung 1. c. S. 45 f. u. 49 wird durch diesen Brief et^
was berichtig^. Er lautet: , Wohlgebomer , Hochznyer-
ehrender Herr Hofrath ! Wenn ich es hiermit wage. Eurer
Wohlgeboren das anliegende kleine Schrifbchen zu über-
senden, so folge ich dem Drange meines mit Verehrung
gegen Sie erfüllten Herzens. Als ich frühe schon, mit mei-
nem Adelung beschäftig^ und dann in den mittelhoch-
deutschen Sprachdenkmälern, die ich erlangen konnte,
lesend, das otudium der deutschen Sprache lieo gewonnen
hatte und mit der ^öszten Freude in demselben weiter za
kommen suchte, zeigte mir Ihre Sprachlehre erst, was ein
solches Studium sei und wie dasselbe betrieben werden
müsse. So ward ich Ihr Schüler und lernte Sie verehren,
und diesz um so mehr, je mehr sich mir unter Anleitnng
und Hilfe des Herrn Geheimen Regierungsrathes Schmitt-
henner dahier schon in den Jahren meiner Studienzeit auf
der Universität die althochdeutschen Quellen mit denen der
übriffen Mundarten im Altdeutschen aufschlössen. Wie sehr
würde es mich nun freuen, wenn Eure Wohl^eboren dem
hier übersendeten wenn auch geringen Büchlein, das unter
gröszeren Arbeiten und während meines Unterrichts sich
bildete, eine freundliche Aufriahme und gütige Nachsicht
nicht versagen wollten! — Ich habe Bedeutendes zu einem
Wetterauiscnen Idiotikon gesammelt und g^rdnet, und
dabei mancherlei Freude gehabt. Diese gewährte mir
theils das Auffinden alter aus der Schriftsprache verschwun-
dener Wörter, die in der Wetterau noch gang und gäbe
sind, z. B. die Üssel (agf. ysla) = Funke und Funkenasche ;
iderüchen (ahd. itaruhhan) = wiederkäuen , Athem holen ;
die Urschwinge (ahd. äfwinka) , die bei dem Brechen des
Flachses abgefallenen gröberen Fasern, b. Alberus: eh-
schwingen ; aut = etwas und naut = nichts ; die Schnübe
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Anmerkungen zu B. I S. 315—318. 306
= Kopfbedeckung, Haube (ahd. fnuaba); Walt. v. d.
Vogelw. *Schapel und Geb&nde*; die bemde = Binse
u. 8. w. Theils freuten mich manche Formen, z. B. beede,
bode, beide, ähnlich dem daselbst beobachteten zween, zwo^
zwei ; die regelmäszige Bildung der Diminutivformen auf i
bei Sauselauten : f, fz, fch, z, bei den. übrigen Auslauten auf
chen. U. dgl. m. Eben zeichne ich aus Alberus auf,
welcher ehedem Pfarrer zu Staden in der Wetterau, eine
Masse von Wörtern und Formen jener Gegend enthält. —
Mit inniger Verehrung und Liebe verharret Eurer Wohl-
geboren ganz ergebenster Dr. Weigand. — Gieszen, am
6. Dec. 1837."
S. 315. Ihre fleifsige arbeit] Wörterbuch der
deutschen Synonyme 1—3 Bd. Mainz 1840-3, 2. Aug. 1852;
vgl. S. 318.
S. 316. Wörterbuch des Alberus] Erasmus A.
geb. zu Sprendlingen 1500 verfasste : Novum dictionarii
genus, in quaultimis seu terminalibus germanicarum vocum
syllabis observatis latina vocabula sese offerunt Francof.
1540 40. Vgl. oben W.'s Br. 1.
ib. and e lagen] s. Deutsches Wb. s. v. handlangen,
u. Weigand's Br. 10 Anm. zu S. 329.
S. 316. Lamp rechts ,tochter Syon**]. W. ist
nie zur herausgäbe dieses mhd. allegorischen Gedichtes von
der Seele und ihrem himmlischen Bräutigam gekommen,
doch zeugt eine ausgedehnte Correspondenz mit dem Gym-
nasiallehrer Ignaz Petters zu PiscK, später zu Leitmeritz
(9 Briefe von 1855 — 73j, sowie zwei Briefe des Prof. Kelle
in Prag, dasz er bis in späte Zeit seinen Plan im Auge be-
hielt und sorgfältige Vorarbeiten dazu angestellt hat. Diese
sind nach der Bio^phie von Bindewald S. 88 in die
Hände des Prof. Wemhold in Breslau übergegangen, der
bald darauf das Gedicht auch wirklich zusammen mit
Sankt Francisken Leben desselben Autors Lamprecht von
Regensburg (Paderborn 1880) veröffentlicht hat.
S. 317. Basse] der Verleger der Quedlinbarger National-
bibliothek, welche von 1835 — 75 in drei Abtheilun^en von
im ganzen 47 Bänden erschien und manchen wichtigen
Text der älteren deutschen Literatur zu Tage gefördert hat.
ib. Dasypodius] vgl. Anm. S. 335. — z. 2. v. u. L *war*.
S. 318. no. 153]. Antwort auf W.'s Br. 2 v. 15. 9. 1843
an beide Brüder; W. übersendet Bd. 3 seines Wörterb. d.
d. Syn., fragt ob der früher geschickte 2. Bd. und die
Weisthümer von Beienheim u. Fauenbach in der Wetterau
richtig eingetroffen seien, macht auf Einzelnes im Bd. 3
aufmerksam, theilt mit, dasz seine nächsten Arbeiten ein
E. Stengel. Acten der Brüder Grimm. 20
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306 Anmerkungen zu B. I S. 318.
kleines deutsches Wörterbuch u. eine Ausgabe der Tochter
Syon sein würden und überschickt den Plan u. Proben des
Wörterbuchs.
S. 318. prof. Dielfenbach . . seine schrift
über dieWetterau] vgl. Br. Ph. D.'s an Weigfand y.
8. Dez. 1843 in der Anm. z. S. 370.
S. 318. Die neue ausgäbe meiner mytholo^iej
vgl. hierzu einen im Britischen Museum befindlichen (vgL
Anm. zu S. 74) Brief v. J. Grimm an seinen Verleger
Dieterich in Göttingen : , Berlin 25. 1, 1844. Hochgeschätzter
herr und freund, es that mir vorigen sommer recht leid,
dafs ich nach dem rath der ärzte eine reise nach Italien
machen und dadurch den druck der m^hologie anter-
brechen muste. Sie haben zwar mit meiner bewiJliffnng,
doch so dafs es mir eigentl. unangenehm war die 44 fer-
tigen bogen unterdessen ausgegeben , in diesem werk ist
alles auf einander berechnet und ein stück nicht recht
brauchbar, namentlich kommt es auf die einleitende vor-
rede an, welche den leser über vieles erst ins klare setzt.
— Ich dachte nach meiner rückkehr würde der abge-
brochne druck desto rascher fortgesetzt werden, allein es
geht zu meinem bedauern ganz scnläfrig. Seit anfan^ nov.
bis jetzt, also in drei monaten sind blofs vier bogen
(46. 47. 48. 49) fertig gebracht , denn 44. 45 waren schon
vor meiner reise gesetzt, wenn auch nicht gedruckt. Auf
solche weise wird der druck, der im juli 1842 begann,
ausserordentlich in die länge gezogen, und meine last an
der arbeit gestört. Manuscript ist bis zu cap. 33 oder bis
zu p. 548 der ersten ausg. dort ; ich bat unterm 18. Dec
um schnellere förderung, es hat jedoch nichts geholfen. -
Wenn Sie das buch nicht zu gründe richten wollen, so
bitte ich in der druckerei die nöthi^e Vorkehrung za tref-
fen. Hochachtend und freundschaftlich Jac. Grimm."
Hier sei auch der Beziehungen der Brüder zu dem bekannten
Mythologen Joh. Wilh. Wolf gedacht. — (Mir liegen auch
zwölf Briefe Wolfs an Weigand v. 1850—53 und zwei Ant-
wortschreiben des letzteren vor, die sich auf seine Märchen-,
Volkslieder- und Sagensammlungen, sowie auf seine mytho-
logischen Arbeiten beziehen. Aus ihnen hebe ich folgende
zwei Stellen aus 1) 18. Merz 1850 „. . . dank für Ihre mir
höchst werthvolle sendung; die mir nicht nur zu meiner
sagensammlung , sondern auch zu 'heiträgen zur deutschen
mythologie* [erschienen Göttingen 1852 u. Abth. 2 nach
des Verfassers Tod 1857] mit deren ausarbeitung ich
auf Jacob Grimms mahnung beschäftigt bin, viele und
kostbare notizen brachte." 2) 27. dec. 1852: „Von beiden
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Briefe zwischen J. u. W. Grimm u. J. W. Wolf. 307
Grimms hörte ich seit längerer zeit nichts; 'der abgnind
des Wörterbuchs* scheint sie verschlungen zu haben." —
14 Briefe der Brüder Grimm an ihn sind mir noch nach-
träglich von Wolfs Wittwe in Darmstadt freundlichst zu-
gestellt und lasse ich sie daher hier zugleich mit den
7 in der Grimmcorrespondenz erhaltenen Briefen Wolfs folgen :
1. J. Grimm an J. W. Wolf.
„Hochgeehrter herr, schon am 27. febr. kam mir Ihr
brief vom 25. jan. nebst dem übersandten heft der Wodana
richtig zu banden, ich wollte den eintritt der ferien ab-
warten, um Ihnen ausführlicher antworten zu können, bin
aber seit dieser zeit fortwährend krank gewesen und fühle
mich immer noch nicht wieder hergestellt. Nehmen Sie
daher mit diesen wenigen zeilen meines herzlichen danks
für Ihre gute vorlieb. — Ihrer begonnenen Zeitschrift
wünsche ich rege theilnahme, damit Sie zur fortsetzung
schreiten können. Uns in Deutschland und vor allen mir
sind diese studien und Untersuchungen sehr willkommen ;
beim ausarbeiten der neuen hoffentlich viel besseren ausg.
meiner mythologie , wovon jetzt die hälfte gedruckt ist,
liegt es mir besonders an, das material aus dem staub zu
wecken. Belgien wo das feld so lange brach lag mufs
schon darum äufserst ergiebig sein , und in der erwartung
täglich neue entdeckungen zu machen teuschen Sie sich
kaum, — Die stelle aus Gramayes Taxandria ist merk-
würdig. Woensel stelle ich myth. s. 144 (der zweiten ausg.)
zum nordischen Odinssalr, und es mufs früher Woedenssele
geheifsen haben , wie Woensdrecht = Wodani trajectum
war. den seltsamen namen der spanne Woenslet (Wodani
membrum und den grund der benennung müssen Sie dort
zu erforschen suchen. Wo liegt Roy sei? und wie hiefs
der ort in alten Urkunden? an der mythischen beziehung
zweifle ich beinahe nicht, den Holländern zum trotz, roy-
dach für dies Martis las ich sonst noch nie, aber es könnte
recht sein; sollte Roydach nicht der ahd. name
Hruodtac, also sächsisch Hröddag, Röddag scheinen?
Hruod geraahnt an die ags. göttin Hrede und an Krodo,
der vielleicht noch zu ehren kommt (myth. s. 186, 227.
267) ; Hrßde steht dem merz monat vor ; da hätten wir
wieder Mars, wo nicht im tag, doch im monat. Eersel
müste auf Era, Erde bezogen werden. Suchen Sie doch
ältere namensformen und die quelle aus der Gramaye
schöpfte herauszubringen. — Auch die mitgetheilten volks-
sagen und märchen haben mir sehr gefallen. — Sicher sind
Sie mit Willems befreundet , an den ich einen Grufs be-
20*
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308 Anmerkxmgen zu B. I S. 318.
stelle, mein College Ranke, der nach Paris gereist ist,
sollte diesen brief mitbringen, er hat aber einen andern
weg eingeschlagen, und kommt diesmal nicht nach Belgien,
— Mit au^chtiger hochachtnng und erffebenheit Jacob
Grimm. — Berlin 10 mai 1843.* — Adr. : «Monsieur Monsieor
J. W. Wolf Membre de plnsienrs societäs savantes ä Gkuid
(Belgiqne) Ackergem. Renodynstraet 15.*
2. J. Grimm an J. W. Wolf.
.Berlin 2.5. april 1844. Hochgeschätzter herr, ich bin
mit dank und antwort auf Ihre freundschaftlichen Zu-
sendungen lange zurück geblieben; in der zweiten hälfte
des vorigen janrs war ich verreist und diesen winter über
kränklich, da brauche ich Ihnen nicht erst zu erklären,
wie manches vorhaben unausgeführt wurde. — Mit genauer
noth reicht die neue ausgäbe meiner mythologie zum
schlufs. sie ist fast um das doppelte vermehrt und doch
mufs ich den ganzen anhang, der sogar einigen lesem das
liebste am buch war, diesmal auslassen, es hätte einen
dritten band gegeben. — Aus Ihrer Wodana habe ich mir
in den nachtragen noch ein und das andere zu gute kommen
lassen, die samlungen über die alte kosmogonie werden Sie
beträchtlich vermehrt, und auch sonst vielerlei nachgetragen
finden, aus dem aberglauben und den segensformeln wurd
sich vortheilhaft ein eignes buch machen lassen. Zum boch
de Biterne (Wodana p. XL) bedürfen wir Leos hilfe nicht,
vgl. mythol. p. 1019 (und schon p. 601 der ersten ausübe.)
— Es ist mir gleich erfreulich und förderlich, dafs Sie anf
die niederländischen Überbleibsel unsrer mythologie so be-
dacht sind und selbst unter uns in Deutschiana sind nur
wenige so sinnig und mit erfolg in meine combinationen
eingegangen. Icn hoffe dafs dies geständnis Ihnen will-
kommen ist, und niemand wünscht aufrichtiger als ich die
fortsetzung Ihrer arbeiten, wobei ich Ihnen nur behutaam-
keit empfehle. Ihren fleifs und sinn zu loben habe ich
nicht nöthig. — Dieser brief erfolgt mit gelegenheit, (durch
prnf. Huber von hier, der nach England reist. [Rand-
oemerkung.]) die mir zugleich ihn abzukürzen auflegt. Mit
herzlicher ergebenheit Ihr Jacob Grimm."
3. J. Grimm an J. W. Wolf.
.Berlin 7 augnst 1844. Geehrter herr, vorige woche
habe ich Ihren brief vom 25 juni nebst dem dritten stück
der geschiedenis van Antwerpen empfangen, für dessen
gütige Zusendung ich der dortigen Rederykkamer meinen
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Briefe zwischen J. u. W. Grimm u. J. W. Wolf. 309
dank zu melden bitte. Im april hatte ich dem prof. Huber
briefe an Sie und Willems mitgegeben; er ist aber erst
nach England gereist und wird sie nun auf dem rückweg
▼on da überbringen. Den herzlichsten dank fQr Ihre nieder-
länd. volkssagen, för die beiden hefte der Wodana und
andere handschriftliche mittheilungen glaubte ich längst
erstattet zu haben. Sollte es noch nicht geschehen sein, so
entschuldigt mich kränkeln und vielfache arbeit. Ich hoife
nicht dafs die Zeitschrift, die so angenehm begonnen hatte,
wieder abgebrochen werden soll. Meine mythologie ist
fertig geworden und ein ezemplar ist an Sie und an Willems
über Bonn (durch Marcus) abgegangen. Sie werden dem
buch mancherlei nachtragen können, so wenig ich es selbst
schon an nachtragen habe fehlen lassen. — Dais Sie nach
Berlin zu kommen gedenken freut mich sehr, obgleich es
mir leid thut, dafs Sie einen ergibigeren boden verlassen,
auf dem Sie unsem Studien grofsen Vorschub thun konnten,
wie Sie es schon bewiesen haben. — Ich stehe auf dem
Sprung einer reise nach Dänmark und Schweden, die meiner
gesundheit nützen soll; eben so gern hätte ich den weg
nach Belgien eingeschlagen. — Das chronicon blandiniense
will ich künftig einmal nier bei Ihnen einsehn, wir wollen
es den weg nicht zweimal machen lassen. Mit bestem grufs
Jacob Grimm.
4. J. Grimm an J. W. Wolf.
„Berlin 25 oct. 1845. Lange habe ich nichts von Ihnen
gehört und weifs nicht einmal, wo Sie jetzt Ihren aufenthalt
aufgeschlagen haben? ich denke in Brüssel und sende diese
Zeilen an Willems in Gent, der wol näheres wissen wird.
Der minister Thiele versicherte mir, aber freilich schon vor
langen monaten, dafs Ihnen Unterstützung werden solle, und
seitdem können sich plane und ansichten wieder geändert
haben. Ihre neue samlung von volkssagen ist mir noch
nicht zu gesicht gekommen, obgleich sie längst erschienen
sein soll. — Können Sie mir auskunft darüber geben, ob zu
Antwerpen ein nachdruck von Weilands holländ. Wörterbuch
fertig erschienen sei und was er dort koste? auch ob ihn
Marcus in Bonn oder Leipziger buchhändler liefern können?
— Nicht wahr von Ihrer Wodana waren nie mehr als zwei
hefte herausgekommen? neulich hörte ich behaupten, auch
ein drittes. — Ich habe, seit mein buch erschienen ist, far
die mythologie viel nachgearbeitet; die wunderbare Ver-
breitung der märchen kommt immer deutlicher an tag.
nächst den norwegischen und schwedischen sind jetzt auch
walachische aus mündlicher Überlieferung von Alb. Schott
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310 Anmerkungen za B. I S. 318.
herausgegeben worden , die von neuem bestätigen und er^
läutern. — Diese zeilen sollen blofs herausbringen wie es
jetzt um Sie steht, damit der zwischen uns angeknüpfte
verkehr femern fortgan^ haben könne. Sein Sie also herz-
lich gegrüfst. Jacob Gnmm.*
5. J. Grimm an J. W. Wolf.
^Werthester herr und freund, Über eine ganze 'woche
haben die geburtswehen der, wie sie undeutsch heifst, provi-
sorischen central Verwaltung tägliche Sitzungen erfordert, da
ist es kein wunder, dafs ich im unablässigen getöse der
gegenwart zu Wuotan und Donar gar nicht sammeln konnte,
deren treiben uns jetzt ganz still erscheint, gewünscht hätte
ich wol, dals sie mitten unter uns geritten und gefahren
wären und gewaltig und zornig an das Vaterland gemahnt
hätten, die unsinnigen democraten achten weder götter
noch göttersage und geschichte ; sie möchten das ganze land
aufreifsen und den samen ihres Unkrauts auswerfen: ihre
spur durch die äcker wird nicht durch höhere halme, blols
durch zertretene bezeichnet. — Ihre abhandlung, die Sie so
freundlich gewesen sind mir zuzueignen, mit dem frischen
kränz angehängter volksagen, wird mir in ruhigen tagen
noch willkommner sein, als sie es jetzt schon ist. ich habe
alles erst einmal durchlaufen und mich darüber gefreut. Es
kann sein dafs Sie recht haben, den Schnellertauf Wuotan,
den Rodensteiner auf Donar zu ziehen, und der name 'land-
geist', wiewol er auch einmal jenem zusteht, scheint ganz
eigentlich diesen zu bezeichnen, doch wissen Sie wie apfir^
lieh unsre künde von beiden göttern im innem Deutschland
lautet, und es bleibt unsicher ob vater und söhn ebenso zu
einander sich verhalten, wie im Norden. Wir wollen daher
was Sie sinnig mutmafsen noch femer prüfen und zu be-
stätigen suchen. Auf allen fall haben Sie die göttematur
der Deiden geister über jeden zweil'el erhoben. — Leider
wurde aus dem vorgehabten ausflug über Darmstadt nach
dem Melibocus nichts; der himmel zeigte sich bedeckt und
arbeiten versetzten in bewegte Stimmung. Unser aufenthalt,
fürchte ich, in Frankfurt wird sich noch so in die länge
ziehen, dafs ich hoffen darf in sich darbietenden ferien-
tagen Sie noch einmal zu besuchen. Mit herzlichem dank
Ihr ergebenster Jacob Grimm. Frankfurt 28 juni 1848.*
Adr.: .Herrn Dr. Joh. Wilh. Wolf Darmstadt Lmsenstr. bei
Kaufm. Veith.*
6. J. W. Wolf an J. Grimm.
, Verehrtester Herr und Freund ; Wie Vieles und
Schweres ging an uns vorüber, seitdem ich Sie zuletzt in
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Briefe zwischen J. u. W. Grimm u. J. W. Wolf. 311
Frankfart sah und sprach! Mich verschlngen die Stürme
in das stille und abgeschiedene Jugenheim und ich danke
es ihnen, denn sie gaben mir dadurch Zeit und Musze, die
alten Studien mit neuer Kraft aufzugreifen und endlich an
die Zusammenstellung und Ausarbeitung^ des seit so lange
Gesammelten ernstlich zu denken. Freilich stiegen dabei
mancherlei Aengstlichkeiten auf, aber ich tröstete mich mit
unserm- rheinischen Sprichwort ; Wer thut, was er kann, ist
werth, dasz er lebt. Wenn auch „kühne Griffe** unterlaufen,
so kühn sind sie keinesfalls, wie der von Menzel, der die
Katzen und Kaninchen in der belgischen Sage zu Katten
und Kaninefaten macht. — Ich habe die Hoffnung, manchem
Kapitel der Mythologie, ja wol den meisten, Interessantes
nachtragen zu können ; ein paarmal überraschte mich selbst
der Umfang des für einzelne angewachsenen Materials und
der noch immer neue Zuflusz desselben. Diesz war be-
sonders bei näherm Auswählen für die Nornir der Fall.
Sie führen 388 einen schweizerischen Kinderreim an, den
ich mit wichtigen Abänderungen in Michelstadt und Darm-
stadt wiederfand. Hier steht nämlich die dritte „Jungfer"
am Brunnen und hat ein Kind gefannen« (Bhuet mer Gott
mis Chindli au!) Der Brunnen ^findet sich als „Mägda-
brunnen** in Baden an den Gräbern dreier Jungfrauen aus
der Gesellschaft der h. Ursula wieder; sie heiszen Kune-
gundis, Meistundis, Wibrandis. Von einer andern Trias
derselben Gesellschaft erzählt Caesarius VIÜ, 85. (Meine d.
M. u. Sagen No. 182) eine ganz heidnisch klingende Legende.
Die darin vorkommenden Kamen sind Theomata, Cleomata,
Christiancia. Einer dritten Gräber bestreiten sich Strasburg
und Worms; sie heiszen dort Einbetta, Vorbetta, Willbetta
(bei Bollandus mens. Sept. V p. 315) auf dem Grabmal ina
Wormser Dom Embede, Waroede, Wilibede. Andre drei
Jungfrauen fand ich in Kyllthal in der Eifel: Irmindis,
Adela, Clotildis; ohne Namen welche in Landskron und
Luxemburg — - in Lüttich eine Kapelle der drei Marien —
bei Thienen die Gräber dreier Jungfrauen: Helwigis, Jutta,
Giselindis — in Gent drei Jungfrauen — in Brusthem die
Gräber dreier Schwestern mit drei heilkräftigen Brunnen —
drei solcher Brunnen ohne Gräber in Nordbrabant — drei
weisze Frauen endlich in Holland. Vielleicht liesze sich
auch noch Troisfontaines und der Maidebrunn beiLembach
im Elsasz hierherziehn. Wie verschieden die Legenden von
diesen Jungfrauen auch klingen mögen, sie haben alle den
einen Zug gemein, dasz dieselben als verfolgt dargestellt
werden, viele finden wunderbare Rettung, Entrückung.
Innerer Zusammenhang ist ganz unleugbar. In Strasburg
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312 Anmerkmigen zn 6. I S. Sia
konunt noch das Merkwürdige hinzu, dasz die meisia
Mart^ologen nur die Einbetta kennen, die ältesten aUe
drei ignoriren, während die Sage auf den dreien besteht
,Tres virgines istae ignotae fuerunt Omnibus omnino mai^
tyrologis antiquioribus et duae posteriores etiam recentio-
nbus. Sola Einbetta mutata aliauantulum nominis scriptione
occurrit hodie apud varios' (Eimoetha, Eimberta, AimberÜia.)
Boll. 1. c. Die Anlehnung an die Geschichte der» Ursula
(plura ad eam historiam pertinentia prorsus fabulosa. Pagins
zu Baron. Y, 551.) ist aarum noch interessant, weil sich
diese Sagen, Brunnen und Gräber so viel mir bekannt nur
in den Strichen längs des Rheines finden, den Ursula auf
ihrer Fahrt nach Rom hinauffuhr, an dessen Ufer sie ge-
martert wurde. Wäre nur mit den Namen mehr anzufangen,
nur mit einem derselben ! — Eben lebe ich in dem Eldorado
der legenda aurea; sie ist eine sehr reiche Fund^i^rube fOr
mich und ich wünsche nichts mehr, als noch eini^ ihr
ähnliche zu finden, aber sie sind allzuselten. Vielleicht
kennen Sie noch andere und machen mir die Freude, mir
deren Titel mitzutheilen. — Durch Buchhändlergelegenfaeit
sende ich Ihnen einen kleinen Aufsatz über den , heiligen
Berg*', in dessen Hut ich wohne; er erschien in dem Archiv
fQr hessische Geschichte und Landeskunde. — Wüszten Sie,
mit welchem Verlangen ich wieder einigen Zeilen von Ihrer
theuren Hand ent^egenharre. dann schrieben Sie mir gewisz
bald. Doch ich bin nicht unbescheiden und warte gem. —
Empfangen Sie mit herzlichstem Grusz die Versicheran^
meiner tiefsten Verehrung. Ihr ergebenster J. W. Wolf.
Ju^enheim a/Bergstrasze 21. July 1849. poste restante
Zwingenberg.*
7. J. Grimm an J. W. Wolf.
Sie sind diesmal, werthester freund, nicht weit ver-
schlagen worden, und immer noch in der Eatzenelnboffischen
grenze geblieben; ich wünsche nur wovon Sie nichts be-
rühren, Ihre äufsere läge möge sich dort so gestalten, dals
Sie getrost in die Zukunft backen können. Voriges jähr
konnte ich Ihrer schönen einladung leider nicht folgen, einen
theil der reizenden bergstrafse und vielleicht des Oden«
walds mit Ihnen zu bereisen, der codex laureshamensis
versetzt mich zuweilen in jene gegend, wo es an alterthüm-
lichen namen und sagen nicht gebricht, den letztem wer-
den Sie treulich nachzuspüren fortfahren. -- Bei Ihren
forschungen über die namen, über Einbetta, Vorbetta und
Willbetta dürfen Sie nicht säumen Panzers 'beitrag zur
deutschen mythologie. München 1848* einzusehen, wo sich
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Briefe zwischen J. tu W. Grimm u. J. W. Wolf. 313
reichlich über sie gesammelt findet, die weifzschwarze
kleidnng ist gewis nichts nenpreufaisches , sondern uralt
nordisches. — Die sündliche Verkehrtheit des süddentschen
particnlarismos steht der einigung des Vaterlandes schroffer
als je entgegen, was den thoren an Preoüsen nndeutsch
vorkommt würde ja durch den beitritt aller verwischt wer-
den, ein Jammer dafs wir nicht erleben sollen, was der Zu-
kunft doch bevorsteht. — Mit Belgien bin ich seit Willems
tode nicht mehr in verkehr, — Ich wünsche Ihnen dafs Sie
so ruhig und vergnügt fortarbeiten können als es geht. —
Berlin 28 juli 1849. Jacob Grimm.
8. J. Grimm an J. W. Wolf.
Hochgeschätzter freund, eine von Ihnen heute morgen
mit der briefpost empfangene Sendung lälst mich einen
irtum vermuten , weshalb ich gleich schreibe. — es war
kein brief in dem paket, sondern zwei exemplare Ihrer abh.
über den heil, berg, deren eins mir genügt hätte, und dann
handschriftliche auszüge aus belachen cartularien auf
dickem papier, mit welchen ich nichts anzufangen weifs.
ich denke also sie waren einem andern zugedacht , der
vielleicht den mir bestimmten brief erbalten hat. Sagen
Sie mir also wem ich alles zu schicken habe und ob es
damit eilt; sonst gebe ich es in buchhändlergelegenheit.
— Schon neulich liefs ich antwort auf Ihre frühere Zu-
schrift, wie Sie bestellt hatten, poste restante Zwingenberg
abgehn und mache es diesmal wiederso. Hoachtend Ihr
ergebenster Jac. Grimm. 23 aug. 1849. — das eine ex. vom
Jugenheimer buch darf ich wol für mich zurückbehalten.
— Unsere posteinrichtungen sind unverschämt, da Sie ver-
säumt hatten auf den Brief zu setzen fahrende post
(die so schnell wie die briefpost mit der eisenbahn geht)
und gedr. sachen; so kostete der brief was 5 einfache,
nemlich 35V2 groschen; ich lege Ihnen die adresse bei,
wenn Sie sie etwa in Darmstadt vorzeigen wollen.*
9. J. W. Wolf an Jacob Grimm.
»Hochverehrtester Herr und Freund. Eben von Basel
zurückkehrend, finde ich Ihre Zeilen. Gewisz, es ist ein
Irrthum und zwar ein doppelter. Gleich vor meiner Ab-
reise gab ich unserer Botin eine Anzahl dicker Briefe und
Packete mit der Weisung, sie der Pabstacben Buchhand-
lung in Darmstadt zur Versendung durch Buchhändler-
gelegenheit zu ^eben. Statt dessen warf sie alles auf die
Post und bereitete mir so mehr als eine Verlegenheit.
Auszerdem vergasz ich in der Eile, Ihrem Päckchen den
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314 Anmerkungen zu B. I S. 318.
ihm bestimmten Brief beizufQgen , worin ich Sie bat, d»
wol in Folge der Beschlüsse des ersten Germanistencongires^es
in Frankfort in's Leben getretenen Commission zur Sammlung
älterer Namen von Orten und Personen die beigelegten Auszüge
gefälligst übergeben zu wollen. Die beiden Exemplare der
Abhandlung über den heil. Berg waren für Sie und Ihren
Herrn Bruder bestimmt. Entschuldigen Sie ^ügst den
unangenehmen Vorfall und erlauben Sie mir zug'leich,
Ihnen die unnützen Kosten, welche er Ihnen verursachte,
k peu pres wiederzuerstatten. — Meine heszischen Märchen
und Sagen, Lieder und Gebräuche gehen nun endlich unter
die Presse. Die Märchen enthalten manches Neue und
recht Frische ; die Sagen sind leider weniger bedeutsam,
obwol sie auf eine ganze Reihe halbgöttlicher Weaen oft
helle Lichter werfen. An ihnen wie an Gebräuchen sind
wir hier viel ärmer, als der Norden Deutschlands. Die
Poesie des Volkslebens wich und weicht immer mehr
zurück bei uns und was an ihre Stelle tritt, das ist eben
nicht tröstlich, wie Baden und jetzt Württenberg uns
sattsam zeigen. Ihnen im Norden ist die Regenerirung
unseres Südens vorbehalten; diese seine grosze Mission hat
Preuszen erkannt. Gebe Gott seinen Segen , dasz es sie
seiner würdig erfülle ! — Ich sprach Ihnen in meinem
letzten Brief von Jacobs a Voragine legenda aurea. Das
Buch wurde mir je tiefer ich hineindrang , so lieber und
werther, eine rechte Goldgrube. Ist Ihnen, um ein Beispiel
anzuführen , die folgende offenbare Göttersage schon be-
kannt? „Dum {Germanus ep.) in Brittannia praedicaret et
sibi et sociis rex Brittanniae hospitium denegasset, subul-
cus regis regressus a pascuis acceptam praebendam in
palatio ad proprium tugurium referens, vidit beatum Ger-
manum cum sociis fame et Mgore laborantem, quos in
domo sua benigne recepit et unicum vitulum quem habe-
bat, hospitibus occidi mandavit. Post coenam S.ii» Ger-
manus omnia ossa vituli super pellem vituli componi fecit
et ad eius orationem vitulus sine mora surrexit. Sequenti
die Germanus regi festinus occurrit, cur ei hospitium dene-
gayerit potenter inquirit. Tunc rex vehementer attonitus
sibi respondere non potuit. Et ille, ejyredere, inquit et reg-
num meliori dimitte. Germanus igitur dei mandato su-
bulcum cum uxore sua venire fecit et universis stupendi-
bus regem constituit et extunc reges ex genere subulcipro-
deuntes dominantur genti Brittanniae." 7 Vgl. Vita S* Uer^
mani Legenda aur. Venet. 1516 r 111 c] Dieser letztere
Theil der Thorsage wurde so viel mir bewuszt noch von
Niemanden angeführt. Wir hätten sie somit auch f^
y Google
Briefe zwischen J. u. W. Gnmm u. J. W. Wolf. 315
Brittannien gesichert and noch dazu in Verbindung mit
dessen Königshaus. — Zu jenem Roydag von Gramaye
kommt noch in den Auszügen aus brüszler Cartularien eine
oft erscheinende ,via dicta Koyweg in parochia de Winczele*
(Winsele) und aus der Legende des heil. Mellon« zweiten
Bischofs von Ronen, das ,idolum Roth*. In einer
alten Prosa kommt namentlich, wie Amelie Bosquet, in 'la
Normandie pittoresque et merveilleuse* p. 421 sagt, der
Vers vor: ,extirpato Roth idolo*, und von diesem Abgott
soll Ronen, Rothomagus, seinen Namen haben. Ist diesz
Letztere auch nicht ganz unverdächtig, dann bleibt der
Royweg doch von Bedeutung. — Unser ters fand ich als
Eigennamen a. 1280 auf p. 7ä des Cartularium S.* Michaelis
(Antv.) wo ein ,Walteru8 dictus ters* vorkommt. Eben-
daselbst steht n. 65 a. 1154 ein Henncu8Magathoc(Matoc?j,
p. 108 a. 1179 nenricus curtibold, p. 169 a. 1346 arnoldns
mommaert. Im Cartular. S.* Petri afflighemensis etwa 100
Seiten nach jenem Roy weg (welches tom. II pp. 609, 611.
617 a. 1424 vorkommt) p. 702 a. 1163 fand ich Rogerus de Can-
dast. Im tom I. p. 325 a. 1329 (dess. Cart.) Claes sduuels-
sone. — In Cart. abbat, helencyrensis p. 6() a. 1262. Wal-
terus dictus cobout. Jammerschade, dasz sich weder Hände
noch Mittel finden , diese , wie noch ein Dutzend anderer
sehr bedeutsamer belgischer Cartularien herauszujfeben I —
Auf Panzers Beitrag, den ich mir verschrieben, bin ich sehr
gespannt. Mein eigner schwillt immer mächtiger an, und
ich darf hoffen , wenn auch weniger für die dii majorum
gentium doch für die andern manche Frage ihrer Lösung
näher zu führen. Mit herzlichsten Grüszen in bekannter
Verehrung Ihr ergebenster J. W. Wolf. — Jugenheim
15. Sept. 1849 poste rest. ZwingenbcM^. — P. S. Dürfte
ich Sie wohl bitten, eingeschlossenes Zettelchen zur Stadt-
post geben zu lassen?*
10. J. W. Wolf an J. Grimm.
„Hochgeehrtester herr professor; Erlauben Sie mir,
Ihnen beißlgend meine neueste arbeit zu überreichen, sie
wird Ihnen weniger durch das interessant sein, was daran
mein werk ist, als durch den theil, der meinem freunde
Hefner angehört, wissen wir doch noch so wenig über
Waffen, kleidung und gerate des ma., dafs jeder beitrag sei
er auch noch so klein willkommen sein mufs. die sagen-
ausbeute war wie Sie bemerken werden nur gering. —
Aufser diesem buche wurde eine Sammlung von etwa 50
märchen fertig, deren erste bogen gedruckt siod und die ich
Ihnen bald vollständig senden kann, sie enthält durch-
gängig neues und hochwichtiges, ihr schliefsen sich eine
y Google
316 Anmerkangen sq B. I S. 318.
von ca. 250 sagen und eine andere ziemlich reiche von
bränehen, segen und aberglanben aus Hessen an, die alle
nur des setzers harren. — Aus meinem buch «zur deutschen
mvthologie* erlaube ich mir eine kleine probe beizulegen,
ich habe in ähnlicher weise die meisten Ihrer Unter-
suchungen da wo Sie dieselben verlassen au^nommen und
soviel es meine kräfbe erlaubten weiter zu mhren geeucht.
mir scheint als habe ich manches neue gewonnen; ganz
unbeachtet blieb nichts; mehr wäre geschehen, wenn mir
mehr nordische quellen zu gebot gestanden hätten, binnen
einigen monaten, wol noch vor ablauf des Jahres gedenke
ich den ersten band des Werkes abzuschliefsen, der beitrage
zu cap. I— XIV und XVII Ihres unvergleichlichen buchee
bringet, cap. XVI beiden lasse ich vor aer band unberfihrt,
da sich meine collectaneen dazu so reich gestalteten^ dais
ich sie zu einem eigenen buche ausarbeiten möchte, von
den andern cap. sind die über Wuotan und Donar die um-
fassendsten und es gelang mir (ob gut oder schlecht, dai^
über können nur Sie richten) besonders den ersten wieder
in ziemlich klares licht zu stellen, wie seine äuTsere er^
scheinung, so sein wesen und die ihm heiligen orte, ao
führte mich z. b. was die letztem betrifft die bemerkong,
dafs Bonifacius seine meisten kirchen den heil. Michael und
Petrus weihte, zu einer grofsen zahl von uralten (sec. 8 — II)
Michaels- und Peterskirchen und bergen, die mitunter in
Verbindung stehen wie der Snellerts mit dem Rodenstein.
— Je mehr ich mich so in Ihr schönes werk hineinlebte,
um so mehr muTste mir seine gröfse aufgehen und so mehr
beugte und beuge ich mich vor dem wunderbaren geiste
der es schuf, wol wirkte jene oft fast erdrückend auf mich,
doch rifs es mich bald wieder um so gewaltiger empor und
mit sich fort, die massen sind so siegreich bewältigt, wie
etwa in dem grofsartigsten aller dome, und über ihnen
thront der geist, wie das goldene kreuz auf hoher thurm-
spitze. gestatten Sie mir denn, meinem danke für die
reichen stunden, die Ihr buch mir geschaffen hat, und
meiner hohen Verehrung für Sie einen ausdruck dadurch zu
geben, dafs ich Ihnen meine arme aehrenlese weihe. Sie
geben mir dadurch neuen muth, die bahn zu verfolgen auf
die ich wieder ganz und ausschliefslich eingelenkt bin und
die ich auch nicht mehr verlassen zu müssen hoffe. — Meine
Verhältnisse sind zwar noch dieselben, wie seit Jahren, doch
der alte gott lebt noch und der hilft immer wieder und
wird wol auch fürder helfen, auch mir bringt die zeit wol
einmal rosen. Mit herzlichstem cnnifse Ihr treuergebenster
Job. Wilh. Wolf. Jugenheim a/Bergstrafse. 20. Oct 50.*
y Google
Briefe zwischen J. u. W. Grimm u. J. W. Wolf. 317
11. J. Grimm an J. W. Wolf.
»Werthester frennd, Sie werden von selbst ermessen
was schuld ist, dafs ich auf Ihren willkommnen brief vom
20 oct. so spät antworte und für das gesandte prachtwerk
vom Tannenoerfif erst jetzt danke, die zeit in diesen mo-
naten war und ist so unruhig und gespannt, wie als ich
zuletzt Sie persönlich sah, nur weit trüber und hofnungs-
loser. alle gedanken, die sich zum briefschreiben sammeln
müssen, vergehn einem da, diese wenigen worte sollen Ihnen
blofs den empfang bezeugen. Mögen in Ihrem winkel an
der bergstrafse Sie auch ferner unangetastet leben. — Die
ausstattung des Tannenbergs ist sauber und fleifsig, zumal
zog mich oie dem Hamelnschen rattenfänger ähnliche sage
an, die Sie nur echter auftreiben müssen. Reichhaltiger
noch als dies werk wird Ihr verheifsnes märchenbuch sein,
auf das ich mich freue. Ergibige und biegsame mythische
combinationen haben Sie mir abj^elemt, besser als irgend
wer, das ist mir natürlich lieb. Mit buchhändlergelegenheit
sende ich Ihnen ein paar academische kleinigkeiten , denn
sonst ist wenig dies jahr von mir heraus gekommen ; doch
eine vorrede zur lex. salica und eine abh. über den leichen-
brand. — Geben Sie die einlage nach Mainz zur post und
sein mir herzlich gegrülist. Jac, Grimm. 28 nov. 50.*
12. W. Grimm an J. W. Wolf.
, Hochgeehrtester herr, Sie haben für die auffassung
lebendiger Überlieferungen, wie sie noch immer im deutschen
volk fortdauern, so viel theilnahme, sinn und liebe gezeigt,
und selbst so schätzbare beitrage in verschiedenen werken
geliefert, dasz ich hoffen darf Sie werden der neuen ausgäbe
der kinder- und hausmärchen, die ich Ihnen hierbei zusende,
einen platz bei sich gönnen, mein bruder hat schon nach
der ersten ausgäbe, von gröszeren arbeiten abgehalten, mir
die pflege und weiterführung der Sammlung überlassen, und
es ist mir geglückt sie nach und nach um ein viertel zu
vermehren, auch diese neuste ausgäbe enthält wieder ein
paar neue stücke, und ich habe bei einem Sommeraufenthalt
m Schlesien musze gefunden eine abhandlung hinzuzufügen,
welche überschaut was in den letzten dreiszig jähren für
diese sache geschehen ist. auch Ihrer neusten Sammlung
hessischer m£'chen habe ich nach einer mittheil ung meines
bruders schon gedacht, wovon ich mit vergnügen das erste
heft gesehen habe und der ich einen glücklicnen fortgang
wünsche, als ich im jahr 1821 den dritten band unserer
Sammlung schrieb, war er wohl ziemlich vollständig, aber
y Google
318 Anmerkungen zn B. I S. 318.
jetzt nach so reichem Zuwachs, möchte ich ihn f^ern om-
arbeiten und ergänzen: es ist keine schwierige, &ber eifi^
mühsame arbeit, die viel zeit kostet, die sich nicht leicht
auftreiben läszt. Die besten wünsche Itlr Ihr wohler^hei
und den jfhlcklichen fortgang Ihrer wissenschaftlicher
arbeiten wie die Versicherung aufrichtiger hochschätxaD^
und ergebenheit. Wilhelm Grimm. Berlin 2. märz 185L'
13. J. W. Wolf an J. Grimm.
„Verehrtester herr professor; Die aushängebo^en meines
buches werden Ihnen regelmäfsig zugekommen sein , das
ganz fertige wird wol jetzt in Ihren banden liegen, jeden-
lalls dieser tage bei Ihnen eintreffen, nehmen Sie es aJs
einen neuen beweis meiner tiefen Verehrung für Sie auf
und seien Sie ihm der gewohnte nachsichtsvolle beurtheiler.
ich weifs , dafs ich an mehr als einer stelle darin Ihrer
mahnung an „Vorsicht* vergessen habe, aber mitunter
mufs man ja einmal frisch wagen, will man gewinnen, sind
Sie auch nur einigermafssen mit der arbeit zufrieden, dann
bin ich für dieselbe reich belohnt, denn nächst dem wünsche,
unsere Wissenschaft um einen schritt zu fördern, war der
mir Ihre Zufriedenheit zu erringen der mächtigiste sporn
zur ausarbeitung des werkes. ob ein zweiter theil erschei-
nen wird, steht noch dahin, da es von dem absatze diese»
ersten abhängt. - Zugleich mit diesem buche laufen meine
„deutschen hausmärchen'* bei Ihnen ein, für welche ich
freundlich um ein plätzchen unter Ihren büchem bitte,
ich hoffe, Sie werden freude an ihnen haben, eben wächst
ein zweiter band schon wieder so rasch heran, dafs ich
mich vor material kaum zu retten weifs. die zahlreich sich
häufenden Varianten werde ich in einem .beitrag zur ge-
schichte und kritik der märchen* niederlegen, zu dem be-
reits bedeutend vorgearbeitet ist. — Ein herr G. von
Meyem sammelt eben eifrig am Bodenstein und findet
wieder manche werth vollen sagen, man soll oft lauten
sprechen und hellen gesang im Schnellerts hören; der
auszug findet stets vom Schnellerts aus statt, auch ein in
der nähe wohnender geistlicher bekümmert sich jetzt dar-
um , so dafs wir noch mancher ausbeute entgegen sehen
können, das wichtigste was ich von ihnen erfuhr, ist dafs
noch ein dritter berg bei Berfurt mit den zweien in sagen-
hafter Verbindung steht; die ritter seien vettern gewesen
und man soll sicn über sie manches erzählen. — Wo sind
denn die sa^en des Saurlandes von Beusch erschienen?
vergebens habe ich die darmstädtor buchhändler in be*
wegung gesetzt , sie mir zu verschaffen. — Darf ich Sie
y Google
Briefe zwischen J. u. W. Grimm u. J. W. Wolf. 319
wohl bitten, einliegende briefe besorgen zu lassen V Mit
den herzlichsten g^rüfsen Ihr Sie innig verehrender J. W.
Wolf. — Jugenheim 2 dec. 51.*
14. J. Grimm an J. W. Wolf.
,Sie haben, lieber freund, Ihr wort gelöst und mich
durch Zueignung Ihrer beitrage zur deutschen mythologie
geehrt wie erfreut, ich empfing das buch vor acht ta^en
aus Göttingen und sage Ihnen den herzlichsten dank, eine
woche früher war eine andere gäbe, nicht minder willkom-
men, aus Leipzig vorausgegangen, Ihre überraschend reich-
haltigen hausmärchen. Da gibt es nun für mich vieles zu
lesen, zu erwägen und einzutragen, und doch bin ich diesen
au^enblick ungeschickter dazu als je , ich habe mich seit
einigen monaten in den abgrund des deutschen Wörterbuchs
gestürzt, der nun über mir zusammenschlägt und fast kein
ende absehen läfst. freude ist zwar auch bei der arbeit,
doch der mühe weit mehr; die zeit mufs erleichterung
schaffen. Sie entschuldigen mich aber dafs ich jetzt auf
gar nichts näheres über Ihre bücher eingehe; ich kann sie
noch nicht recht zur band nehmen. — Wilhelm grüfst mit
mir aufs herzlichste und dankt gleichfalls für oeide ge-
schenke. — Freundschaftlich der Ihrige Jacob Grimm. —
3 dec 1851.-
15. W. Grimm an J. W. Wolf.
„Hochgeehrtester herr. Nehmen Sie meinen groszen
dank für aie werthvoUen geschenke an, die Sie mir mit
den Beiträgen zu der deutschen mythologie und den Haus-
märchen gemacht haben, beide bücher sind mit soviel
sinn und geschick geschrieben , und von so einer warmen
liebe zur sache belebt, dasz ihnen jeder, der diese Vorzüge
zu schätzen weisz, geneigt sein musz. die märchen habe
ich gleich in ein paar abenden durchgelesen und viel
hübsches und manches neue darin gefunden, ein besonderes
vergnügen haben mir die neuen thier märchen gemacht, es
macht einen eigenen eindruck, wenn manches märchen
gleichsam ins soldatische übersetzt ist , aber das hat auch
ansprach auf geltung und Sie thun recht diese quelle aus-
zuschöpfen; icn hone bald die fortsetzung zu sehen. Mit
der aufrichtigsten hochachtung und ergebenheit Wilhelm
Grimm. — Berlin 7. Dec. 1851.'*
16. .1. W. Wolf an W. Grimm.
„Hochverehrtester herr professor ; vor einigen Wochen
schrieb ich Ihrem herrn bruder Jacob [fehlt] und bat ihn um die
y Google
320 Anmertranf^en zn B. I S. 3
erlanbnifl, eine bearbeitnng der «dentschen mytholo^ple* mit
benntzang seiner worte heransffeben zu dürfen, natfirlkk
mit gewissenhafter angäbe in der vorrede nnd nöthigea-
falls in eigenen Anmerkungen, was sein eigenthmn und
was mein werk sei. meine absieht mit dem buche ist
einzig (denn die 150 fl, honorar konnten mich
nicht dazu bestimmen [Randbemerkung]), dieser did-
ciplin einen grölseren toreis von freunaen zu erwer-
ben, dem weitern publicum die resultate der bis-
herigen forschungen zugänglich zu machen, da ich bisher
keine antwort auf meinen brief erhielt, so muCs ich htei
vermuthen, dafs die arbeiten am Wörterbuch — dessen
erste lieferung ich gestern mit hoher freude begrüüste —
Ihren herrn bruder zu sehr in anspruch nehmen, denn ihn
auch nur entfernt beleidigt zu haben , bin ich mir nicht
bewufst. sollte er aber meine arbeit nicht billigen und mir
die benutzung von theilen seines textes nicht gestatten
wollen, so will ich gern meine obgleich vollendete arbeit
vernichten und sie von neuem beginnen , da es mir rein
um die sache zu thun ist und nur die gröfste pietfit
geffen Ihren herrn bruder mich seine worte beibehalten
liefs. Erlauben Sie mir denn freundlich, Sie zu bitten, mir
seinen entschlufs, der Ihnen ja nicht unbekannt sein wird^
gütigst selbst, oder, da auch Ihre zeit jetzt aeufiserst beschränkt
sein wird, durch eine andere hand mittheilen zu wollen,
da der Verleger mit der sache eilt, und ich den arglos be*
gonnenen druck in gewissem fall auf meine kosten zurück-
nehmen werde. — Empfangen Sie, hochverehrtester herr
Professor, die Versicherung meiner ausgezeichneten hoch-
achtung, der ich memen herzlichen gruTs an Sie wie an
ihren herrn bruder Jacob anzuschliefsen mir erlaube.
Ihr ergebenste diener J. W. Wolf.
Jugenheim 18 Mai 1852.
17. J. Grimm an J. W. Wolf.
«•Hochfj^eschätzter freund, ich kann mir gar nicht den-
ken, dafs Sie meine mythologie beeinträchtigen wollen, habe
also gar keine einwilligung zu ertheilen für das buch,
welches Sie bekannt zu machen beabsichtigen, jedes werk
mufs sich selbst tragen, Ihre forschende tnäti^keit ist mir
längst bekannt, höchstens könnte mir bedenkhch scheinen,
dafs Sie die ergebnisse derselben vielleicht allzuschnell mit-
theilen, das aber habe ich nicht zu verantworten, und
wünsche Ihnen allen erfolg. Die ausarbeitung des wb.
gibt mir unmässig zu schauen und absorbiert jetzt alles
andere, vorige woche gab ich einem reisenden eine hier
y Google
Briefe zwischen J. n. W. Grimm u. J. W. Wol£ 321
erschienene interelsante diss. über abergläubische gebränche
für Sie mit, welche in Ihre bände gelang sein wird, mit
an&ichtiger hochachtnng nnd ergebenheit Jac. Grimm. —
22 mai 1852.-
18. W. Grimm an J. W. Wolf.
, Hochgeehrtester herr, Ihr brief vom 25. Ang. ist mir
hierher , wo ich am fass des Thüringer waldes mit einem
theil meiner familie den Spätsommer zubringe, nach-
gesendet worden, weshalb ich ihn erst heute beantworte,
mit vergnügen nehme ich das geschenk an, welches Ihr
herr seh wager mir mit einer ausgäbe der Gudrun zuge-
dacht hat und freue mich jeder neuen Untersuchung über
dieses ausgezeichnete gedieht, bei der mhd. metrik scheint
es mir ein wichtiger punct die eigenthümlichkeiten der
hauptdichter neben dem allgemein geltenden festzustellen,
ich nahe über einen nahe hegenden gegenständ , über den
reim , eine Vorlesung in der academie gehalten, die eben
gedruckt ist, und von welcher ich Ihnen, wenn ich nach
Berlin werde zurückgekehrt sein, ein exemi)lar zusenden
will, um es Ihrem herrn schwager mitzutheilen. — Em-
pfangen Sie im voraus meinen besten dank für das hand-
Duch der d. mythologie: es wird mit derselben sinnvollen
Sorgfalt und liebe gearbeitet sein, die Ihre anderen Schrif-
ten auszeichnet. — Mit der erneuten Versicherung aufrich-
tiger hochachtung und ergebenheit Wilhelm Grimm. —
Friedrichsroda bei Gotha 10. Sept. 1852.*
19. J. W. Wolf an J. Grimm.
»•Hochverehrtester herr und freund , nur auf einen
augenblick möchte ich Sie dem ^abgrund* des Wörterbuches
entreifsen und Ihren Blick verlassenen studien zuwenden,
deren förderung Ihnen ja doch noch nahe liegt, ich
möchte nämlich vom 1. juli an eine der Wodana im plan
ähnliche .Zeitschrift für deutsche mythologie , rechts- und
sittenkunde* herausgeben, von der alle drei monat ein
heft k 7—8 Bogen erscheinen soll, neben abhandlungen
will ich besonders frisches material darin bringen und habe
dazu freunde aus allen gegenden des vaterlanaes gefunden,
vom Süden Tirols bis an die Nordsee, vom Rhein bis zu
den Donaumündungen! wenn aber dies unternehmen eine
Zukunft haben soll, dann meine ich, mulj9 es Ihren segen
haben und mufs Ihre theure band den jprundstein dazu legen.
Sie haben mir schon so viel unverdiente liebe und gute
bewiesen, dafs Sie mir die bitte auch wohl gestatten
werden, mir wenigstens für das erste hefb eine wenn
E. Steoffel. Acten der Brüder Grimm. 21
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322 Anmerkungen zu B. I S. 318.
auch kleine abhandlang zu schenken nnd auch in
der folge, wenn es Ihnen gerade pafst, sich der
Zeitschrift freondlich erinnern zu wollen, ohne diese Ihre
weihe hätte ich ja keinen glauben, kein vertrauen zu dem
werk. — Das handbuch der götterlehre hat eingeschlafen,
ich hoffe dieses jähr noch an die 2. aufläge zu gehn. übej>
haupt re^ es sich aller enden für unsere Wissenschaft, die
liebe zu ihr greift mächtig um sich und wenn Sie einmal
die vorrede zur dritten aufläge der mythologie schreiben,
wahrlich dann mufs sie anders enoen als jene vom 28.
april 1844. — Die hessischen sagen laufen dieser ta^ nebst
einer mit abhandlungen begleiteten Übersetzung (mitg^en-
überstehendem Originaltext) der Gudrun meines schwagers
Wüh. von Ploennies bei Ihnen ein und fiir beides bitte ich
Sie um wohlwollende aufrahme, den 2. band der beitrage
hoffe ich Ihnen noeh im lauf des iahres überreichen zu
können. Nodnagel ist gestorben und hinterlies eine hübsche
Sagensammlung, die ich herausgebe. — Der wohlg^eneigten
erfüllung meiner bescheidenen bitte harrend, bringe ich
Ihnen nebst den herzlichsten wünschen für Ihr wohl und
besten grüfsen die Versicherung meiner alten Verehrung
und treuen liebe. Ihr ergebenster J. W. Wolf. — Jugen-
heim a. BergstraTse 16 apr. 1853. p. r. Zwingenberg."
20. W. Grimm an J. W. Wolf.
^Hochgeehrtester herr, vor kurzem habe ich Ihnen ein
paar märcnen aus der hebräischen Sammlung des rabbi
Barachja für Ihr neues unternehmen zugesendet, ich war
damals noch der allgemein verbreiteten meinung, dasz
Baracl^'a im anfang des 15. jahrh. geschrieben habe, bin
aber jetzt überzeugt dasz er in viel ältere zeit gehört, ich
bitte Sie daher einige änderungen in dem manuscript vor-
zunehmen und zusetzen ^thierfabeln die der rabbi Barachja
in der zweiten hälfte des 13. Jahrhunderts m
hebräischer spräche dichtete* und weiter unten , deren
hohes alter dadurch nachgewiesen ist.** — Mit erneuter
Versicherung meiner hochachtung und ergebenheit Wilhelm
Grimm. - Berlin 12. mai 1853."
21. J. W. Wolf an W. Grimm.
^Hochverehrtester herr ; Sie haben mich mit so schönen
und reichen bditrägen überrascht und mich durch diese
Ihre grofse gute so glücklich gemacht, dafs ich Ihnen meinen
wärmsten und herzlichsten dank darzubringen mich beeile,
wenn irgend etwas, dann ist es Ihre freundliche Unter-
stützung, die mir vertrauen auf die zukunft der Zeitschrift
y Google
Briefe zwischen J. u. W. Grimm u. J. W. Wolf. 323
einznflöfsen vermag, sie ist mir ein neuer sporn, alles dafür
aufzubieten, dafs sie der grofsen ehre würdig werde. —
Aufser reichen beitragen aus Ungarn liegen mir noch eine
grofse zahl von märchen aus der Bukowina vor. Waldburg
und Staufe (recte Simiginowicz) haben sehr bedeutende
Bammlungen, die noch unausgearbeitet sind und durch die
Zeitschrift angeregt, sind dort noch andere Sammler erwacht,
es regt sich stets und überall lebendiger und es sind mir
bereits so viele und grofso manuscripte von traditionen
jeder art zur verfCLgung gestellt, dafs ich nächstens an die
herausgäbe einer groCsen bibliothek dieser Überlieferungen
zu gehen gedenke, in der ich ganze Sammlungen aufnehmen
kann; der Zeitschrift bleiben dann nur abhandlungen und
kleinere beitrage, die in masse einlaufen, vorbehalten,
o unsere alterthümer haben eine herrliche zukunft und es
ist mir ein seeliger genufs, unsem forschungen täglich fast
neue jünger zueilen zu sehen, nach aHen Seiten hin das
feuer der begeisterten liebe zu ihnen wecken und schüren
zu können, selbst ihre bisherigen feinde kommen, sie sehen
es ruht ein ^ofser, reicher segen auf diesen arbeiten, und
sie helfen mit bauen an dem ewigen denkmal, das Ihren
theuren namen trägt, welchem deutschen mann schuldete
auch das vaterland das, was es Grimm schuldet? — Noch-
mals meinen vollsten dank und indem ich Sie noch bitte,
Ihrem herm bruder meine freundlichen grüfse in den ab-
grund des lexicons bringen zu wollen, zeichne ich mit der
Versicherung meiner aumchtigsten Verehrung und liebe Ihr
ergebenster diener J. W. Wolf. Jugenheim a/Bergstrafse
20 Jan. 1854.«
S. 319. Soldan hat fleissig[ über die hexen-
rocesse geschrieben]. Gemeint ist seine geschichte
_er Hexenprocesse, sie wurde von H. Heppe 1880 neu be-
arbeitet. Grimm äuszerte darüber in der Vorrede z. zwei-
ten Aufl. der Mythologie.
S. 819. Ihren plan zu einem handwörterbuchl
vgl. S. 336, einen Brief L. Diefenbachs an W. v. 2. 12. 1843
(Anm. zu S. 388) und eine Aeusserung W.*8 gegen Diefenb.
V. 17. 3. 1844: „Auszerdem habe ich noch Auszüj^e für mein
Wörterbüchlein zu machen, für welches ich bereits viel vor-
bereitet habe, was neu ist. J. Grimm . . . möchte mich in-
dessen lieber an eine andere, die Forschung fördernde Arbeit
haben, als diese. Doch wird auch das Wörterbüchlein dem
Forscher manches bieten (freilich in populärem Kleide).*
ib. meine vorjährige ReiseJ nach Italien; vgl.
Schmeller an W. v. 9. 9. 1843 (Anm. zu S. 333) u. J.'s Ab-
handlung: it. u. scandinav. eindrücke (Kl. Sehr. I, 57).
21*
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l
324 Anmerkungen zu B. I S. 321—326.
S. 321. Grieshahn] verdruckt st. Grieshaber, geist-
licher Rath zu Rastatt. Er wechselte von 1846—50 eioige
Briefe mit Weigand, wegen der von W. beabsichtigten Ge-
schichte d. deutechen Predigt bis Luther u. seiner deutschen
Predigten aus dem 13. Jh. 2 Abth. (Stuttg. 1844-6.) Er
starb 1866 in Freiburg i/Breisgau.
ib. Nächstens . . . kleines gegengesch enk
mit einer akademischen Vorlesung etc.] Vffl.
Weigand an L. Diefeubach v. 29. 8. 1846: rvor seiner [d.ii.
J. Gr.'s) abreise [nach Lippspringe vgl. I S. 324] erfreute er
mich noch durcn zwei schöne geschenke, Vorlesungen in
der academie: *über Jomandes u. die Geten' upd 'über
diphthonge nach weggefallnen consonanten\*
S. 323. den fertigen Athis] s. W. Grimmas Kl.
Schriften III, S. 212 if. Auszüge aus Weigand's Antwort-
schreiben auf no. 155 u. 156 stehen ib. S. 333 ff., woraus
hervorgeht, dasz Geh. R. Prof. Dr. Nebel in Giessen, ein
heiterer freundlicher Greis, derWilh. Gr. einige Mal flüchtig
gesehen hatte, die ihm gehörigen Athisbrucnstücke dorch
Weigand's Vermittlung W. Gr. geschenkt hatte.
S. 324 no. 157.J Vorauf gehen W.'s Br. 3-5. — Mit
Br. 3 V. 12. 11. 1846 überschickt W. 5 weitere Nummern des
Friedberger Intelligenzblattes, worin wetterauer Wörter
besprochen waren, weiterhin eine Urkunde von 1398 ans
einem Hausarchiv. Er fragt dann, ob die giessener Marien-
lieder sich in anderen Hss. fUnden und bedauert durch seine
Krankheit um die Frankfurter Germanistenversammlung
gebracht zu sein. — Mit Br. 4 v. 27. 7. 1847 folgen wieder
Nummern des oberh. Intelligenzblattes und d. Vaterlandes.
W. theilt weiter mit, Prof. Nebel habe eine Papier hs. der
von Grieshaber herausgeg. Predigten gekauft, fragt im
Namen von Adrian nach dem Titel eines Buches, dessen
Anfang u. Schluss er beilege und grüsst von Fr. Roth. —
Br. 5 V. 24. 10. 1847 begleitet ein ihm übergebenes Buch v.
Ph. Dieffenbach mancherlei Interessantes aus der Wetterau
enthaltend, und fügt einige Bemerkungen hinzu. — no. 157
beantwortet W.'s Br. 6 v. 10. 1. 1848: Dank fxlr J. Gr.'s
Brief, Glückwunsch zum Geburtstag, Freude Über wieder^
hergestellte Gesundheit u. baldiges Erscheinen der Geschichte
d. deutschen Spr., Uebersendung von 3 Nummern des oberh.
Intelligenzbl. und Mittheilung über seine wetteramschen
Studien. Einzelne Lautbrechungen würden schwer zu
deuten sein.
S. 325. Adrian] Prof. u. Bibliothecar in Giessen.
S.326. Friedberger passions spiel] Vgl. Weigand's
Aufsatz: .Über das Fr. Pass.* in Hauptes Zeitschrift Bd. VII
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Anmerkungen zu B. 1 S. 326—328. 325
545 — 56. Das weitere von W. gesammelte Material hierüber
befindet sich noch in Dr. Milchsack's Runden.
ib. ruhe für Vilmar] vgl. V.'s Aeusserung gegen
Weigand von 1849 in Anm. zu S. 297.
ö. 327. Ihren hübschen fund zu Friedberg]
vgl. Hauptes Zeitschr. VII S. 442-8: »Bruchstück einer Alt-
mitteldeutschen £vangelien-Harmonie mit Vorrede." Es
wurde am 18. Sept. 1848 im Fried berger Seminar gefunden
und schleunigst an Haupt Übersandt um Jacob Gr. zu seinem
Geburtstag üoerreicht zu werden (vgl. Anm. zu S. 304). Im
Bd. VIII S. 258-74 erschien dann das ganze Bruchstück,
welches später von Müllenhoff in den Denkmälern als Christ
u. Antichrist bezeichnet wurde, wie auch schon in einem
Briefe an Weigand.
ib. zu Frankfurt . . konnte es . . nicht länger
aushalten] Vgl. II 295, 310, J.*8 Brief an v. Lassberg v.
20. Juli 1848 (Germania XIII, 384) u. den Adresszettel, dessen
Anm. zu S. 315 gedacht wurde.
ib. durch starke prüfungen sind wir ge-
gangen] Vgl. II 313 u. den interessanten Br. v. W. Gr. an
Lassberg v. 15. 2. 1849, (Germ. XIII 487 f.) worin er schildert,
wie er in der aufgeregtsten Zeit Vorlesungen gehalten habe.
ib. Mein buch] Geschichte d. deutschen Sprache, vgl.
325, 338.
S. 328 no. 160] Antwort auf W.'s Br. 7 v. 12. 7. 1849:
W. schickt 2 Nummern des oberh. Int.-Bl. ,In dem kirchen-
zinsbuch kommt s. 32 (zinsposten nr. 102) vor , aber nach
dem jähre 1471 eingetragen: 'eyn gerigin liget hinder der
bürg den Hzt Heintzgin Welcher hait vnd höret zu dem aeker
der dar gein vher liget am hreidenwege den man nennet der
wüle/ das wort wüle* ist hier merkwürdig und scheint
sich mir auf den acker zu beziehen. ..."
no. 160 beantwortet W.'s Br. 8 v. 2. 11.1849: Dank für
die Abhandlungen, den eingelegten Brief an J. W. Wolf, [fehlt]
der wieder in Jugenheim sei, habe er besorgt. Vergeoliche
Nachforschungen nach altdeutschen Hss. im ehemaligen
Kloster Ilbenstadt. Einige Reste aus Enenkel u. dem alten
Passional seien ihm von Baur in Darmstadt mitgetheilt.
J. Gr. werde wohl am Wörterbuch arbeiten: ,Vor längerer
zeit bin ich auf eine erscheinung im neuhochdeutschen auf-
merksam geworden , über die ich noch nicht ins reine
kommen konnte, nämlich das in einigen Wörtern, welche
'ür* hatten und diesz später in *auer* zerdehnten, vor-
kommende zwischeneintreten des d. so haben wir z. b.
Schauder neben schauer aus mhd. schür ahd. scür; haudem
(süddeutsch s. v. a. kleinhandel auf karren u. s. w. treiben)
y Google
326 Anmerkungen za B. I S. 328.
neben dem nach Ettmüller zu Franenlob s. 274 in südd.
mnndarten vorkommenden hauem, hanren, von dem altem
hüren, welches sich in behüren = durch kauf, mietbe er-
werben (frauenleich 17, 19) mehr dem begriffe des nhd.
Wortes nähert; schlauderaff (in hiesiger gegend familien-
name) = schlaraffe aus älterm slüraite. was ilbrigens das
letzte wort anbelangt, so meine ich schon in einer sclirift
des 15. ihdts. schlüderaffe angetroffen zu haben, ob aach
unser nhd. schleudern (oberd. schlaudem) auf älteres alüren
zurückgeht? vocabularien aus den letzten jahrzehenden
des 15ten und Schriftsteller des 16ten jhdts. haben slawder,
schluder, Schleuder und das verb schludern, schleudern för
funda und fundibalare. endlich möchte vielleicht selbst bei
zaudern ein wort mit ür zu gründe liegen? — Ihr mythol.
s. 349 angefahrtes ags. Aegles thorp erinnert mich an das
gpleichnamige an dem VogeJsberge gelegene Eichelsdorf, im
jähre 1187 Eigelesdorph und Eigelesdorf. diesem ganz nahe
aber liegt ein zweites, Eigil in dem namen ftlhrendes dorf :
Eichelsachsen, 1187 Eigelessachscen, im 14. jhdt. Eygelsahsen
(Würdtwein d. M. III, 1287. Eygelhassen ist verschrieben).
Wie möchte sich wol dieses -sahsen, das in Ortsnamen der
Wetterau und Oberhessens mehrmals begegnet (Saasen —
1125 Sachsun bei Guden. c. d. I, 397-, Wettsaasen, König-
saasen, Mühlsachsen), erklären laszen? ich habe daran ge-
dacht, ob das deutsche wort dem lat. saxum entsprechen
möchte, betrachtet man aber die tiefe der la^e der meisten
der genannten orte, so ist keine Wahrscheinlichkeit. —
Vogt ist zwar in der Schweiz, aber seine zahlreichen an-
hänger hier hoffen auf seine rückkehr und möchten ihn
gern bei der nahe bevorstehnden abgeordnetenwahl zu
unserm landtage durchbringen, diesz werden vielleicht die
mit der stadt stimmenden dörfer vereiteln, und jene rück-
kehr dürfte schwer auszufahren sein, der ehrgeiz hat ihn
weit geführt: bis zum bewerbenden redner in den niedem
wirthshäusern und dann bis zum regenten, der freilich ohne
land war. im umgange war er allerdings recht angenehm.
— Was wäre aus unserm armen vaterlande geworden, wenn
die revolutionäre genoszenschaft ihre plane hätte durch-
setzen können ! ihre auf die demoralisation und die herbei-
Seführte Verarmung gegründete herrschafb würde eine zeit
er grösten rohheit über uns gebracht haben [Vgl. II. 310J,
und wahrlich! deutliche anzeichen waren schon da. Wie
schön wäre es gewesen, wenn sich die deutschen Staaten
um Preuszen vereinig hätten ! der anschlusz unsres gross-
herzogthums hat mich sehr gefreut. . . .*
S. 328. zwei akademische Abhandlungen].
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 328—329. 327
Wohl die im Jahrgang 1849 d. Abh. d. berliner Akademie
enthaltenen : *Ober schnle, universit., akad/ u. *Über d.
verbrennen d. leichen/ (Kl. Sehr. I. 211 ff., U. 211 ff.)
S. 329. Den Vogt sind sie nun in Giessen los].
Der bekannte Prof. K. Vogt , welcher im Frankfurter Par-
lament der äuszersten Linken angehörte und 1849 seines
Amtes als auszerordentl. Prof. der Medizin in Giessen ent-
setzt wurde. Vgl. W.'s Br. 8: II 326.
S. 329 no. 161]. Antwort auf W.*8 Br. 9 u. 10. — Br.
9 V. Himmelfahrtstage 1850: W. schickt einige Recensionen,
erwähnt die ergiebigen Auszüge Phil. Dieffenbachs aus dem
Kloster Amsburger Salbuch, die Synonyma Jac. Schöppers,
Dortmund 1550, fragt für Prof. Kenaud nach der Bedeu-
tung von Quercrecnt (Weisthümer III. 698) und theilt
mit, dasz sein Friedberger Fund sich vermehrt habe. —
Br. 10: „Ihr gütiges geschenk, verehrtester Herr Hofrath, habe
ich erhalten und sage Ihnen für dasselbe auf das herz-
lichste dank, es hat mich sehr gefreut, sowol als ein
neues freundliches zeichen Ihrer mir so werthen gewogen-
heit, als auch in wiszenschafblicher beziehung, denn wie
sollte ein jeder , der ein herz für das deutsche alterthum
hat, nicht erfreut sein, dasz Sie der verwaisten und lange
verwahrlosten reste der alten fränkischen spräche, welche
die beute eines allerdings gespenstischen und ohne zweifei
gespenstisch bleibenden g^tes zu werden drohten, Sich an-
genommen haben ! doch wer hätte es auch vermocht, sich
ihrer so anzunehmen, wie Sie. zwar war schon, jener jagd
Leo's auf keltisches in deutschem walde entgegen, die er-
klärung der malbergischen glosse durch den auslauf in der
gesch. d. deutsch, spr. nach meiner Überzeugung vortrefflich
gefSrdert; aber sie ist nun eben in Ihrer abhanalung zu der
neuen vorzüglichen ausgäbe der lex. Salica [v. J. Merkel] so
durchschlagend, dasz der zweifei, ob jene glosse wirklich
deutsch sei, für immer gehoben sein wird, ich oin mit gröster
spannune den erklärungen gefolgt, von welchen manche
überraschen, mehreres wird sich mit der zeit sicherer
stellen lassen, so scheint mir das s. LXXXIII aus Schm eller
angeführte bayerische rennferkel, rennsau nicht wol auf alt-
tränk, chranne zurückzuführen ; denn jene ausdrücke wer-
den mit dem wetterauischen und oberhessischen der sprenger
eins sein , welches wort das schwein bezeichnet, das nicht
mehr eigentliches ferkel , aber auch noch nicht recht sau
ist, und zur heerde getrieben werden kann, hier in Gieszen
und der umgegend wendet man diesz «sprenger* auch auf
einen knaben an, der etwa 5—8 jähre alt ist. das wort
gehört aber zu springen, wie niederd. sprenger = heu-
y Google
328 Anmerkungen zu B. I S. 329.
schrecke (brem. nieders. wtbch. 4, 974); und so wird auch
das bayer. rennferkel, rennsau zu rennen zu stellen sein. —
Bei besprechung des ausdrucks andelagen in Ihren rechts-
alterthümern [196 ff.] weisen Sie neben anderm auf *Ich Andel
Ministro* bei dem Wetterauer firasmus Alberus hin. in einem
briefe, welchen ich vor zehn jähren an Sie schrieb, [fehlt]
bezweifelte ich , dasz dieses wort wetterauisch sei, denn es
komme weder in wetterauischen Urkunden noch jetzt in der
mundart vor. ich kann es aber nun aus ungedruckten Ur-
kunden der kirche und pfarrei des zwischen Gieszen
und Butzbach liegenden dorfes Polgöns nachweisen, das
buch ^Jerlich einkomm ens vnd gebrauch der pfarr vnnd
kastens zu polguns jm Hittenberge* v. j. 1586 hat nemlich
8. 8. den ausgabeposten: ^xiiii gl. (d. i. gülden) gegeben das
hausz zu sticken (d. i. die gefache der wände mit stick-
stecken zu versehen) vnd kleyben (,) drey bön (= bühnen
d. i. gerüste ? oder bäume ?) zuschlagen vnd dem decker
zu and ein,* worin ich vor das leUte Vnd* ein komma
setze und das folgende so verstehe: 'dem dachdecker beim
decken des daches handreichung zu thun.* andeln wäre
also 8. V. a. darreichen , handreichung thun , was auch zu
dem bei Frisch I, 26 c aus Alberus Wörterbuch angeführten,
von mir in diesem übersehenen Substantiv der andeler =
opera stimmt, übrigens will ich, da es vielleicht für Sie
interesse hat, bei Polgöns nicht unerwähnt laszen, dasz der
Pfahlgraben dort schlechthin der Pol heiszt, und ich habe
mir für mein wetterauisches wörterb. aus , dem 16. jhdt.
angehörigen Polgönser pfarracten aufgemerkt: 'vor dem pole.*
*der boler berg*, 'der boler weg.' [Vgl Br. 11] — Ich weiss
nicht, ob ich Ihnen für Ihr neuhochd. Wörterbuch zu
blöken bereits mitgetheilt habe 'Baiare bl eckchen' aus
*liber ordinis rerum' (ein wol in Österreich geschriebener
vocabular v. j. 1429., mscrpt. in Nebels besitz) bl. 24 b. im
mhd. findet sich das wort bekanntlich noch nicht. Zu
^amm. P, 867 unterste zeile habe ich mir neben pittan u.
sizan noch likkan ausgezeichnet, auf dessen schwaches praes.
der im ahd. Tat. XXVlIL, 1. (Schmellers Matth. 5, 27) vor-
kommende imp. hinweist. Das Tatianische mandwäri
(gramm. IV, 479. steht nicht mehr ä sondern a) ist doch
wol wie gramm. II, 553. man-dwäri (nicht, wie s. 577. ver-
muthet wird, mand-wäri) zu theilen und etwa wie unser
menschen-freundlich zu faszen? — Schmitthenners tod, den
Sie aus den zeitungen erfahren haben werden, war und ist
mir noch sehr schmerzlich, schon seit vielen jähren plagte
den sonst kräftigen mann von zeit zu zeit ein leberleiden,
das er irrig für magenschwäche hielt und darnach selbst
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 829. 329
zu curieren suchte, aber den letzten winter über nahm die
krankheit so zu, dasz er nach ostem sehr übel aussah und
mit anfang des juni^s die ärzte wenig hoffhung mehr hat-
ten. Er hat auch in den letzten jähren sich noch viel mit
deutschen Sprachstudien beschäftigt und sich namentlich
der angelsäcDs. mundart zugewandt, vieles ist von ihm
zur erklärung[ der deutschen ei^ennamen aufgezeichnet
wie sehr er Sie hochachtete, habe ich oft aus seinem munde
gehört, wenn wir, was häufig geschah, sprachliche erschei-
nungen besprachen, eins seiner liebsten bücher war ihm
Ihre deutsche mythologie. — Der landtag für das grosz-
herzogthum ist aufs neue eröffnet, wird aber, nach seiner
Zusammensetzung zu urtheilen, schwerlicb lange beisam-
menbleiben, die Demokraten hatten bei den wählen meistens
freien Spielraum, denn die constitutionellen und conserva-
tiven haben, groszentheils aus verdrusz über das Jaup'sche
Wahlgesetz, nur sehr schwach sich betheilijft, Es ist bei
uns überaus thätig gewühlt worden , und die staatsregie-
rung hat ihre gröszten feinde zum theil unter ihren eignen
angestellten gehabt — Die herzlichsten grüsze an Sie und
Ihren herrn bruder. mit unwandelbarer Verehrung und
liebe Ihr Dr. Weigand. — Gieszen 14. September 1850.*
Auf no. 161 antwortet W.'s Br. 11 v. 1. 1. 1851 : W.
dankt für die Schrift zu Savigny's Jubiläum: *Das Wort
des Besitzes*. Die andern Ex. seien besorgt, (rlückwünsche
zum Geburtstag. ^Dürfte ich ^egen eine der in Ihrer schrift
gegebenen ver^eichungen einiges bedenken äuszern, so wäre
es gegen die von (x^ ^^^ ^^^ &* ^^ ^* (^ff^* gesch. d. d. spr.
s. 410). trotz Potts zweifei (etymol. forsch. I, ^, 373) möchte
fjfw mit sanskr. sah = perferre, sustinere zusammengehören,
den Spiritus asper zeigt das fut t^to und das abgefallene
a der aor. (c^oy. ist aber bei (/^ ^i^ anlautendes s weg-
gefallen, so könnte es nicht mit äih zusammengehören. . . .
Aus Baurs Arnsburger urkundenbuch . . . hft. 2. s. 298 f. nr.
441 ersehe ich denn auch, dasz ich in meinem letzten
briefe an Sie unrichtig die in Polgönser kirchenacten v. f.
1569 vorkommenden namen Boler weg, der Boler berg mit
dem pole (= Pfahlgraben) zusammengestellt habe, oeide
namen sind völlig verschieden, wie eben in der Urkunde
nr. 441. 'offe deme boilirwege* zeigt. . . .*
S. 329prof. KnobelJ seit 1839 Prof. d. Theologie in
Giessen.
S. 329. Baurs Arnsberger Urkunden]. Vgl.
Weigands Br. 11. Mit Baur hat Weigand eine ziemlich
umfangreiche Correspondenz geführt, welche mir vorliegt.
y Google
330 Anmerkungen zu B. I S. 890—331.
S. 330. Die sache des Vaterlandes u. s. w.]
Am 1. Nov. 1850 rückten trotz Preussens Protest dieBaiem
u. Oesterreicher in Hessen ein. Das preuss. Heer wurde in
Folge dessen mobil gemacht u. am 8. Nov. kam es zu dem
berüchtigten R^ncontre bei Bronzell.
S. 330. Wigandl Paul vgl. Anm. zu S. 1.
S. 330. Böhmer]. Mit J. F. Böhmer hat J. Gr. auch
einige Briefe gewechselt Nach Reifferscheid (Vorwort za
den Freundschaftsbr.) sind 2 Briefe J. Gr.'s an ihn gedruckt.
Wo? Vgl. noch Briefw. m. v. Meusebach S. 361.
S. SSO. no. 162). Dieser Brief ist die Antwort auf
folgenden nur im Concept erhaltenen Weigand's: ^Hier-
mit, verehrtester Herr Professor, sende ich Ihnen genaue
vollständige abschrift der in meinem briefe vom 2. d. m.
[fehlt] erwähnten sprüche. welche in nr. 1247 der hiesigen
hss. enthalten sind, sie bilden, wie es scheint, eine ähnliche
Spruchsammlung, wie die, nach s. 22 über Freidai\k, Ihnen
von Diemer mitgetheilte. nur ist die Gieszener nicht zu
ende geführt, denn mit „Vil geiaget vnd nit gefangen*
beginnt, nachdem ein strich die mit namen überschnebe-
nen geschlossen hat , offenbar eine neue reihe , die aber
nach dem ersten Spruche nicht fortgesetzt ist. Adrian gibt
an, die hs. gehöre in das 15. jahrh. ; was die sprüche be-
trifft, so sind sie ohne zweifei in dieser zeit aufg[eschrieben.
. . . Herr prof. Braun hat die gute, gegenwärtiges an Sie
mitzunehmen.*
Auf no. 162 folgt W.'s Br. 12 v. 10. 7. 1851: W. über-
sendet Abschrift der Carber Markordnung. ,es freut mich,
mit Zusendung derselben einem wünsche nachkommen zu
können, den iSie, als ich Sie zu Frankfurt besuchte (die
freundlichen stunden werden mir immer eine der ange-
nehmsten erinnerungen sein), gegen mich aussprachen,
aber leider kann ich das weisthum in seinen beiden fas-
zungen nur nach einer alten dem markbuche entnomme-
nen abschrift mittheilen, nicht aus diesem selbst, ich habe
lange vergeblich mühe aufgewendet , des buches habhaft
zu werden, es scheint verloren, auch imarchive zu Darm-
stadt, wo ich selbst nachfragte, war es nicht zu finden. —
Die beigelegten sprüche bitte ich Ihrem herrn bruder zu
geben, den lieben brief desselben vom 19. mai habe ich
erhalten und werde demnächst schreiben . . .*
S. 330. Bernhard Freidankl Vgl. Germania XI,
112, 122 u. W. Gr.'s kl. Sehr. H. 449 ff., 508 f.
S. 331 no. 163] Antwort auf W.'s Br. 13 v. 1. 1. 1852:
Neujahrs- und Geburtstagsglückwunsch, Mittheilung seiner
am Vorabend des christfestä ihm mitgetheilten Ernennung
y Google
Annrerkungen zu B. I S. 331. 331
zum ausserord. Prof. Bei Abfassung seiner Anzeige der
giessener Hs. v. Hans Rosenblut's Schwanken, sei ihm ent-
gangen, dasz die Erzählung von dem Ritter mit den Nüzsen
schon in v. d. Hagens Gesammtaben teuer no. XXXIX stehe.
Freude über das demnächstige Erscheinen der ersten Liefe-
rung des Grimmischen Wörterbuchs. Er selbst habe die
Bearbeitung der 3. Aufl. v. Schmitthenners kurzem deutschen
Wörterbuch übernommen und hoffe, dasz Anfang Febr. der
Druck beginnen könne. (Die beigefügten Zeilen an W. Gr.
sind nicht vorhanden.) — Auf no. 163 antwortet W.'s Br. 14
V. Gründonnerstag 1852: ^Empfangen Sie, verehrtester herr
hofrath, für Ihren herzlichen glückwunsch meinen besten
dank, theilnahme thut wol, aber von Ihnen wie von Ihrem
herm bruder hat sie mich doppelt gefreut, möchte mein
wirken in meinem neuen amte' immer so sein, dasz Sie mir
Ihren beifall zu theil werden laszen können! — Die von
Weidmanns ausgegebene probe des deutschen Wörterbuches
war mir eine höchst freudige erscheinung. erst ietzt, mit
diesem werke, liegt der gesammte nhd. Sprachschatz klar
vor und dessen grösze und fülle wird in erstaunen setzen,
was die anordnung betrifft, so sind die artikel, wie sich
auch nicht anders erwarten liesz, so schön angelegt und
aufgebaut, dasz wol niemand sie anders wünschen möchte,
und das, was sich über die Entstehung des wertes sa^en
läszt, findet sich kurz, aber ausreichend gegeben, dürfte ich
mir eine bemerkung erlauben, so wäre sie über die ent-
faltung des aber- zum beispiel in aberwitz aus ahd. mhd.
ä-, welche mir bedenklicn scheint, sie stünde zu un-
gewöhnlich da und würde einen durch^ng durch abe-
als zerdehnung des ä- voraussetzen, die meines wiszens
nicht zu erweisen ist, denn mhd. a b e-getroc neben ä-getroc
gehört nicht hierher, ich ziehe das gramm. 2, 709 — 710
gesagte vor. den ältesten beleg übrigens für aberwitz finde
ich in dem vocabular. predicant. (Nurenberg 1483) bl. f2^
wo „Delirus homo. der da get in die aberwitz. pueriliter
agens.* ein aus Hoffmeisters nachlese zu Schillers werken
3, 85 genommenes xenion, in welchem Göthe aberwitz und
Wahnwitz scheidet, habe ich in der neuen au&g. meines
syn. wtbchs. I, 12 angeführt. - Dasz das ganze, wie Sie in
Ihrem lieben biiefe bemerken, eine mühevolle arbeit ist und
Sie bei derselben auf viele unvorhergesehene Schwierigkeiten
stoszen, die aufhalten und nur durch neues nachsuchen ül
den (quellen zu überwinden sind, kann ich mir wol denken,
ich bin sehr begierig, wie Sie mit manchen ausdrücken bei
Luther, Fischart u. a. zu rande kommen werden, kann ich
Ihnen bei manchen artikeln irgend beihilfe aus meinen
y Google _^
332 Anmerkungen zu B. 1 S. 331.
anfzeichnungen und auszü^en aus glossarien und hss. oder
den Idiotismen leisten, so bitte ich über mich zu verfügen ;
ich werde nach möglichkeit und mit vergnügen zu will-
fahren suchen, über der al = ,zwinger oder winkel zwischen
gebäuden* und die ahne = »das von flachs oder hanf
Beim brechen oder schwingen abgefallene stengelsplitterchen'
ist einiges in den Ihnen mitgetheilten nuromem des ober-
hess. intelligenzbl. v. i. 1844 (nr. 95) und 1845 (nr. 6); doch
habe ich daselbst neben der al die noch in der Wetterau
vorkommende und auch von Alberus angeführte form der
aln in (Alberus fabeln s. 44: Bisz er gieng ausz dem aln
herfür, — Und macht sich vor der Geyssen thür) unerwfthnt
gelaszen, eben so bei ahne, dasz man dieses wort auch in
einem theile der Wetterau noch von den stachelsplittem
der ähren gebrauche, z. b. gerstenahn. das zeitwort a n de 1 n
. . . eine stelle habe ich Ihnen, schon früher [Br. 10] mit-
getheilt. ich nehme das wort hier von dem darreichender
ziegel oder schiefer an den dachdecker, der im decken be-
griffen ist. es geschah diesz darreichen nämlich früher in
aer Wetterau immer durch knaben, die von der erde bis
zum dache auf der leiter saszen imd von dem eigenthümer
eine besondere bezahlung empfiengen. ist Ihnen das südlich
in der Wetterau vorkommenae Smen = ätzen (den jungen
vögeln futter geben), z. b. der vogel hat seine jungengedmt,
nicnt bekannt? es kommt auch intrans. von wunden vor,
z. b. die wund' 6mt = zieht eiter (?), und wird wol zu mhd.
am , om (Benecke-Müller 27. Schmeller 1, 53) ^hören. —
Sie fragen über willetzknaben , willetzkinder bei Schmeller
4, 58. auch mir ist der ausdruck dunkel, läszt sich Schweiz,
willen = wickeln (Aalder II, 451) vergleichen, so möchte
man wickelkinder denken, wenn diesz in das fastnachtsspiel
passte. — Der Verleger meines synonym, wörterb. wünschte
dasselbe, das in sehr starker aufläge gedruckt ist neu aus-
zugeben. . . . ich machte den Vorschlag, eine anzahl blätter
umzudrucken und so nicht allein veroeszerungen, sondern
auch einige neue artikel mitzugeben, was dem Verleger
ganz genehm war Sie werden es bereits in hänaen
nahen, ich bin begierig, ob Sie die ableitung von auf-
wiegeln 8. 127 und die zurückführung von der backe s. 158
auf das bei Graff fehlende ahd. braccho billigen werden,
dieses backe würde einen neuen beleg zu gesch. d. deutsch,
spr. 314 geben. . . .*
Auf das gegen die Deutung von aber weitend ge-
machte Bedenken bezieht sich auch eine Stelle in einem
Briefe v. L. Diefenbach an W. v. 27. 6. 1852 (vgl. Anm. zu
5. 388).
y Google
Anmerkungen zn B. I S. 332—333. 333
S. 332. mehr freie rnhe ... einige lieblings-
ge genstände unter die band zu^ nehmen] vgl. Anm.
zu S. 115.
ib. gegen meines., freundes behandlnng d.
Nib.] vgl. Anm. zu S. 308. Rede auf Lachmann (Kl. Sehr.
I, 145 ff.). Die Rec. d. gött. anz. steht jetzt auch in Kl.
Schriften V, 476 ff.
S. 333. Die v. Keller jetzt gesammelten fast-
nachtspiele |. Aus den mir vorliegenden 8 Briefen Ad. v.
KeUers an Weigand v. 1846-72 ergibt sich, dass Keller mit
Grimm über diese Stücke zuvor correspondirt hatte: Keller
an Weigand Tübingen 3. Dec. 1851 : ,J. Grimm schreibt mir
gestern, in X^ieszen liege eine hs. mit fastnachtspielen u.
macht mir hoffnung Sie werden die ffiie haben mir dazu
zu verhelfen.* (Von seiner Arbeit seien bereits 20 Bogen
gedruckt.) — Bis jetzt ist nur ein Brief von J. Grimm an
[eller aus dem J. 1862 bekannt geworden (Germania XIX,
S. 504 f.).
S. 333. Seh melier 4, 58]- Bayerisches Wörterbuch
4 Bde. Stuttg. u. Tüb. 1827—37. Es erschien 1869-78 in
zweiter Aufl. bearbeitet von Frommann, mit einer Vorrede
von Weigand, mit welchem Schmeller längere Zeit cor-
respondirte. Mir liegen 9 Briefe Schmellers an W. von
1841—52 vor, sowie ein handschriftlicher in Giessen 1869
gehaltener Vortrag Weigands über Schmeller. .Aus den
Briefen hat W. schon einzelnes in der Vorrede und in seiner
Besprechung der neuen Aufl. des bayr. Wb.*s in Zamckes
Centralblatt 1869 mitgetheilt Ich theile hier aus den-
selben mit, was allgemeineres Interesse bean^ruchen kann :
2) München, 1. 9. 1842: »Mit toppl werden Sie ganz recht
haben. Der Grundbegriff liegt vielleicht ebenso gut in dem
tupfen, eintupfen unserer Volkssprache als in dem
romanischen topar, toper. Eine andere frage wäre, ob
das eine u. welches aus dem andern entstanden? Deutsche
Kriegsknechte haben auch trincar, trinaueTf brin-
disi u. dergl. nach dem Süden gebracht Bekanntlich
waren sie auch starke Liebhaber des Toppein (Spielens
mjt Würfeln). Dagegen heiszt am Westende Europas im
romanischen Portugal topa eine Art Kinderspieles mit
einem vierkantigen Knochen. Die ältere französische
Sprachformel tope et tingue ist augenscheinlich die
spanische [yo] topo y tengo. Und so sind andre Haupt-
kunstwörter der Spieler [es, daus. auater, cinq u.
dergl.] romanischen Ursprungs. Es wira also keinesfalls
gefehlt sejn, auch jenes topp zunächst auf das spanische
topo zurückzuführen, das weiland mit andern hoffähigen
y Google
334 Anmerkungen zn B. I S. 333.
Fremdlingen (wie tantos. ayo , parte, gastos, seerelos)
sich eingeschlichen ha Den mag. — Anch ge^en
Ihre romanische Ableitung von hunzen, Degen n.
matt wüszte ich für den Augenblick nichts haltbares zu
sagen. Auffallend braucht auch der Böhme sein hund'
dwati unter anderen für verhunzen. Wenn erst aus dem
Deutschen, wainim hätte er für den Zischlaut sein t gesetzt ?
Oder [er] nahm es aus dem Niederdeutschen u. also schon
sehr früh. — üngethüm ist mir ein rechtes Ungethüm.
Deutsch scheint es auf jedem Fall. Nach Analogie mit
un-gihiuri schliesz ich auf ein gituomi in gutem,
dem besten Sinne, tuomjan , ags. ddmian ist judt-
care, censere. Besser freilich würde ein 'dem alten
zeman entsprechendes Wort passen Es findet sich etwa
mit der Zeit noch ein historischer thatsächlicher Au^hlus«
über dieses Ungethüm. Unsere Nachkommen müssen anch
noch zu thun haben. Trost des faulen, was ich die eben
angetretenen Vakanzwochen noch mehr als sonst zu seyn
mir vorgenommen habe. Ich werde sie zu einer Reisenach
dem Lande unserer guten Nachbarn der Cechen, verwenden.
Bleiben Sie nach wie vor gewogen Ihrem ergebensten
J. A. Schmeller." — 3) 9. 9. 1843 ; ,Von einer Erholungsreise an
den Oberrhein zurückgekommen, eile ich Ihnen anzugeben,
was sich von den Schriften des Erasmus Alberus auf unserer
Bibliothek befindet Ein kleines d. Handwörterbuch-
lein von der Art, die Sie andeuten u., bei Ihrem Ober blick
des ganzen in allen seinen Einzelheiten, vor Andern durch-
zuführen im Stande sind, käme ohne Zweifel einem wahren
Bedürfnisz entgegen. — J. Grimm ist, wie mich ein in
Leipzig auf die Post gegebener von ihm Ende Juli's in
Berlin geschriebener Brief belehrt, auf einer Reise nach
Italien begriffen, die sehr kurz seyn wird , da er mich die
Freude erwarten läszt, ihn im October hier zu sehen. Al-
lerdings ein für die, Gesundheit halber angerathene. Reise
sehr Inirzer Zeitraum. Er spricht von einer neuen bis zum
46. Bogen gedruckten Ausgabe der Mythologie , und von
einer 'Nebenstunden* betitelten Sammlung vermischter
Abhandlungen, die er, heimgekehrt, in die Welt schicken
wolle. Von d. Wb. nichts* .... — 4) 22. 3. 1846: ,Höchlich
lobe ich Ihren Gedanken den Sinn für Forschungen dieser
Art auch in den weniger gelehrten Lebenskreisen dadurch
anzuregen, dasz sie unter dem Gesichtspunkte einer prak-
tischen jedermann einleuchtenden orthographischen Auge*
leg^enheit dargestellt werden. — Was die romanische Ab-
leitung von Garge, Gärgehack, peisen oder peischen,
pfeeschen betrifft, so käme es wol mit darauf an, ob
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 333. 335
für lene Gegenden Bolche Formen, die sich im be-
nachbartesten Romanischen, dem Französischen, nicht fin-
den, in dem entfernteren Spanischen oder Italienischen ge-
sucht werden dürfen. Näher läge vielleicht das Latein der
frühem Klosterwelt. — Bei garge, gärgel, wenn es zunächst
einem Sacke gälte, der, wie man noch bei Schacheijuden
sieht, vom Nacken nach beiden Seiten vorne herab hängt,
habe ich an Kilian's goreel^ ^oreüua (hdcium) gedacht.
Peisen ist dem nahen fransOsisch peaer ähnlich genug.
Über pfeeschen , das freilich kaum deutscher Abkunft zu
seyn scheint, föllt mir unser pfuschen ^ einpüsehen d. h.
piachen bei. So möchte ich bei dem seltsamen Augen-
gUff an unser Laffen, Lauf, Lofel (Schale) , wozu sich das
^chische leb (Himscnale, Helm) halten läszt, lieber als an
lAppe, Lefze denken. — Wenn der Günter nicht etwa
von einer Person als Erfinder oder erstem Verbreiter her-
stammt, so ist freilich sehr natürlich die Zuflucht zu dem
Solabischen aus jdtra plur. entstellten guntra, vorausgesetzt
asz das hauptsächlicnste oder doch ein wesentliches In-
grediens eben die Leber ist." — 5) 2L 2. 1847 : ,Der Beziehung
des räthsel haften bäfixr auf Baumfuchs steht der einfache
u. dennoch entscheidende Umstand entgegen, dasz in jenem
Falle nicht bä sondern bd gehört werden müszte. So wich-
tig ist es, bei allen Untersuchungen solcher Art die ört-
lichen Lautverhältnisse klar vor Augen oder vielmehr
vor Ohren zu haben. Ich freue mich auf Ihre Leistungen
für die Wetterau, von welchen Sie so ansprechende Proben
gegeben. Auch auf die Bedeutsamkeit der jüdischen Ele-
mente in unsem Volkssprachen machen Sie , u. wie es am
wirksamsten, gleich durch die That, aufmerksam. Diese
Elemente wol durch ganz Deutschland dieselben u. nur
örtlich verschieden gefärot, verdienten, für einen eben so kun-
digen eine eigene Aufgabe zu sejn, eine dankbarere als
etwa die Schatzgräberey nach Keltischem. Vielleicht, doch
musz ich zweifeln, wäre ein Dr. Anton R ^ e der Mann dazu,
der mir von Hamburg aus eine Broschüre von 146 Seiten
8^: ,Die Sprachverhältnisse der heutigen Juden im In-
teresse der Gegenwart u. mit besonderer Rücksicht auf
Volkserziehung Hamburg 44, zugesendet hat. Seine Be-
sprechung ist mir nur etwas zu allgemein u. zu sehr in
philosophischen Höhen gehalten, als dasz sie auch das ge-
hörige Vermögen im Concreten sicher voraussetzen liesze. —
Ihr Lieh (um vom Semitischen wieder auf unser unbe-
zweifelt altheimiscbes zu springen), nach der alten Form
Leoh auf L6h zu beziehen scheint mir etwas gewagt, ob-
schon solche Beziehung durch Grimmas fünfte Ablautreihe
y Google
336 Anmerkungen zu B. I S. 333.
zu befunden wäre. Des entschiedenen und scharfen dk
wegen, würde ich lieber an eine Wurzel lükan (für liukna,
liechen) denken.* — 6) 11. 9. 1847 : ^Verehrter Freund. So ^
traue ich mir Sie anzureden; denn dazu berechtigen mich
die wiederholten Beweise freundschaftlicher Gesinnung*, die
in zweien, durch diesen allzuspät beantworteten Briefen
vor mir liegen. Keine Floskeln der Entschuldigung^ and
statt jener des Dankes blos die Anzeige, dasz Ihre gütigen
Mittheilungen gehörigen Ortes eingetragen sind. — Ganz
erwünscht ist mir die Stelle gekommen , in welcher des
Laberers Erwähnung geschieht , obschon der gute Geselle,
allerdings so ziemlich fertig zum Ausfahren, noch immer
in meinem Schranke still liegt. . . . Die Monatsnamen
Ihres cod. 878 halte ich geradezu für böhmisch, nemlich
einer früheren Zeit Für diesen Herbst lagen zwei
Ausflüge nahe, einer nach Norden, Lübeck, wo wahrschein-
lich auch Sie zu treffen seyn werden, ein anderer nach
Süden zu den Scienziati in Venedig. Mir wird es so gut
nicht, an dem einen oder dem andern Orte gegenwärtig
seyn zu können. Die Krankheit eines Stie&ohns (Legations-
rath Fr. Auer, Herausgeber des Münchner Stadtbuchs) legt
mir die Pflicht auf. ihn nach Meran zu begleiten, von des-
sen Klima u. Trauben die Aerzte ihm Heilung versprechen,
Ueberhaupt hangen, so scheint mir mehr als je, am poli-
tischen Himmel ringsum die Wolken so tief u. drohend
nieder, dasz man sich kaum irgendwo so gut oder besser
als in der Studirstube des Lebens freuen mag. Da ist ein
Trost, zu dem ich schon oft u. viel roeine Zimucht genom-
men habe. Dasz dieser Ihnen stäts nichts weniger als der
einzige sey, wünscht von ganzer Seele Ihr ergebenster
J.A.Schmeller.* — 7)6.5.1849: , Verehrter Freund. Ihre wie
immer freundliche u. gütige Zuschrift v. 25. v. M. erinnert
mich an eine vor mehr als Jahresfrist empfangene, für
welche gebührend zu danken ich damals leider wenig in
Verfassung war, so dasz sie beinahe in Vergessenheit ge-
rathen ist Damals lag ich, ein Lahmer an das RichthoU
des Arztes gefesselt, zu Bette ; heute dem Himmel sey Dank,
kann ich, ein Hinkender zwar, zu meinem Berufstagewerk
wieder den kurzen Weg über die Strasze gehen. Das
Gasteiner bad hat weniger als ich gehofft hatte, geholfen,
u. ich bin noch unschlüssig, ob ich's diesen Sommer aber-
mals u. etwa mit dem Wildbade im Schwarzwald versuchen
soll. Dazu die Unsicherheit in den öffentlichen Verhält-
nisseuy an denen man als Deutscher nicht umhin kann den
lebhaftesten Antheil zu nehmen, so dasz Einem von Zei-
tungsankunfb zu Zeitungsankunft fortwährend zu muthe ist
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 3.33. 337
wie einem Spieler um nicht viel Geringeres als Hab n. Gnt,
Leib u. Leben. Ans solcher Stimmung kein wirksameres
Rettungsmittel als Arbeit — u. Arbeit auch in den Stun-
den der Erholung. — Zu dem tercius in mayo lupus et
septimus anguis Ihres Kalenderbruchstücks vom vorigen
Jahre fallen mir manche ähnliche die bösen oder verwor-
fenen Tage jedes Monats aushebende Verse früherer Calen-
der bey, z. B. anfangend : Prima dies mensis et septima
truncat ut ensis od. Prima dies Jani septenaque daiur inani
od. Prima dies Jani timor est et septima rani. — Ihr Fried-
berger Passionsapiel erinnert mich an ein ähnliches frühe-
res, das Sie aus I)ocen'8 Miscell. kennen , das aber nebst
einem Weihnachtsspiel auch in dem Carmina hurana be-
titelten Bändchen enthalten ist ... Für die jüngsten
Notizen zum b. Wb. wie für die früheren danke ich herz-
lich, trom (Balken) lebt noch lustig bei uns fort. Es ist
auch richtig I. 4H9 vorgetragen. Desto willkommener ist
mir die Aufklärung über £'wrr Ihre Vermuthung slawischer
Herkunft theile ich ohne weiteres. Zwar finde ich in sla-
wischen Wörterbüchern ein entsprechendes materielles Wort
nicht ; aber als Grund desselben bietet sich das Verb imati,
jimati f imai (fassen ergreifen) wie von selber an — 7. 5:
Ich habe gestern nicht weiter geschrieben. Es kam
die Zeitung, die mich aus dem friedlichen gemüthlichen
in einen ^anz andern Gedankenkreis risz. Also nlut auch im
ruhigen loyalen Dresden ! 0 des beschränkten Unterthanen-
verstandes ! Der will nicht begreifen , wie viel besser,
weiter jener unbeschränkte sehe. Genug. Nur soviel :
wenn Deutschlands Schmach eine ewige seyn soll, — wenn
es. wie sich von Osten her alles dazu anläset — ein zweites
Polen werden soll, man wird wissen, wer die Schuld trägt.
— Ich werde nächstens ins fünfundsechzigste Lebensjahr
treten; aber ferne von mir der groszsinnige Trost: apres
moi dHuge ! Leben Sie wohl , so wohl als ein Deutscher
es kann unter solcher Folterung des armen Vaterlandes.
Ihr J. A. Schmeller.* ~ 9) 4. 1. 1852: „Freund, weit freund-
licher u. ehrender scheint es mir einen Freund zur Mit-
freude als ihn zum Mitleiden aufzufordern. Klage drückt,
Freude hebt. Und so danke ich Ihnen wahrlich nicht
minder herzlich für den zweiten als für den ersten
Ihrer Decemberbriefe. — In meinem Leben und Treiben
hat sich in dem sonst nicht sonderlich lobenswerthen
J. 1801 keine wesentliche Veränderung weder zum
Bessern noch zum Schlimmem ergeben. Vom Besuch
emer Heilquelle habe ich diesmal Umgang genom-
men ; doch hab ich das Gefühl , im nächsten, honentlich
E. Stengel. Acten der Brüder Grimm. 22
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338 Anmerkungen zu B. I S. 383.
besseren, Sommer sey abermal in den säuern Apfel so
beiszen. — Dr. Schaum war mir eine freundliche Erschei-
nung. Er hat sich was Unser einer nur durch Roatine
lernt zum Gegenstand eines speciellen methodischen
Studiums gemacht, und sollte was er errungen nicht für
sich behalten. Grüszen Sie ihn bestens. — Von Dingen
die jetzt die Welt bewegen, und worüber ich die Frende n.
Hofnung Vieler nicht tneilen kann , sey unter uns keine
Rede. ~ Retten wir uns aus dem Getümmel der Menschen
u. Ihrer Leidenschaften auf das stille friedliche Gebiet der
V^örter. — In dem dula y. 1482 kann das u dialektisch
bereits das sonst auch in o übergehende d vertreten.
Ob bacco aus hracco entstanden? üas r von hr, dr^ er
vor dem Vocal ausfalle , begreift sich , meine ich , weniger
leicht, als dasz dies in hr ^ wr geschehen könnte.
Deshalb ist mir auch Grimmas adogean aus adr noch
zweifelhaft. Specan aus sprecan möchte sich aus dem
schweren sp erklären. Grosz ist indessen die Wahrschein-
lichkeit für Ihre Vermuthung. Richtig ersetzen Sie [Hanpts-
Zs. 9, 174] in Rosenblut's Spiegl im Bech das pleen Ihrer
Hs. durch p lecken. In unserer Hs. 713 f 54 heiszt es:
Sank für den ofen in die aschen Und liesz plecken ire rawe
laschen. . . . Ich finde es nun, in meinem 67ten Jahre, hoch
an der Zeit, endlich die Nachträge z. b. Wrtbch., da beim
Verleger etwa über eine zweite Ausgabe altum silentium,
in Angriff zu nehmen, nachdem ich ein lange vorbereitetes
Vocabular der VIT u. XIII Communen, wenigstens was an
mir ist, (einen Verleger habe ich noch nicht) hinter
mir habe.*
Von der Correspondenz J. Grimmas mit Schm. auf die
auch der Brief v. 9. 9. 1843 als vorhanden hinweist ist bis-
her nichts bekannt geworden.
S. 333 no. 164]. Vor^ufgehen W.'s Br. 15-23: Br. 15
V. 28. 4. [1852] dankt für die Vorlesung über eine Corveier
Urkunde: „Es ist auffallend, dasz in der alten freien reichs-
Stadt Friedberg die alten benennungen der häuser mit den
angebrachten figuren schon lange verschwunden sind,
während sich wenigstens jene zu Frankfurt a. M. erhalten
haben, alle nachirage nach dem hause der Nibelungen
war vergeblich und auch prof. Philipp Dieffenbach wüste
keine auskunft zu geben, eoen so wenig kommt von irgend
einem hause oder puncte der stadt noch der name ^zudem
vogelsang* vor, der in der nämlichen Urkunde erwähnt ist.
den von Ihnen erklärten beinamen Halbir nehme auch ich
als Halbbier, wie denn die neben der mitteldeutschen form
*Halbir* ohne e bei Baur urk. nr. 103 vorkommende
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 333. 339
*Halbeir* faranz dafilr spricht, diese nämlich ist der mund-
art gemäsz, welche beir* statt *bier*, überhaupt ei (wie
äi lautend) statt ie hat. Ovenhüson s. 16 haben Sie un-
erklärt gelaszen. sollte hier ein ahd. ovanhüs zu gründe
liegen? oder ist vielmehr in Oven ein personname Ovo
zu suchen ? — Ich weisz nicht, ob Sie für Ihr wörterb. auch
des Erasmus Alberus 'der barfuser manche Eulenspiegel
vnd Alcoran mit einer vorrede D. Martini Luth.* haben
ausziehen laszen. ich habe unlängst die Wittern berg. aus-
gäbe von 1542 benutzt, in den auszügen aus Alberus
wörterb. th eilte ich Ihnen mit 'Schlarr, XccQog, i. stupidus*,
und diesz auch Frisch 2, 193^ seltene und sonst unbekannte
wort begegnet wieder in jener barfuser münche Eulenspiegel
nr. 343. 'Ich (nämlich Christus) habe dich (näml. Fran-
ciscus) gesetzt zum zeichen, das sie (näml. die ordensbi-üder)
dir sollen nachfolgten, wollen sie nicht, so mögen sies lassen,
leufft Schlarr hmweg, so kompt Schlaudrant an sein stat,
Ich wil dir wol brüder verschaffen.' mit slarren = schlarfen
(brem.-nieders. wtbch. 4, 816) hängt das wort nicht zu-
sammen, und in der Wetterau kommt es nicht vor. —
Vogt, an den man hier jetzt kaum mehr denkt, soll noch
in Nizza sein, wohin er sich aus der Schweiz begeben hatte,
um den flüchtlingen zu entgehn, die von ihm unterstützt
sein wollten, die beste ernte aus dem jähre 1848 haben
die Jesuiten und ihre partei gemacht, in denen aber den
regierungen ein noch viel schlimmerer feind erstehn wird,
als die demokraten. selbst strenge katholiken, entschiedene
anhänger des früheren erzbischofs von Cöln, sind über das
jesuitische treiben aufgebracht, unlängst waren in Wis-
baden missionsprediger und sollen dort einige mädchen
katholisch gemacht haben, unsere katholische facultät ist
auszer thätigkeit und der bischof in Mainz, den wir unserm
frühem minister Jaup verdanken, hat eine auf eigene faust
an seinem sitze errichtet, ohne sich um die regierung zu
kümmern, solche Vorgänge müszen den freund des Vater-
landes mit trauer erfüllen, und wir haben noch bei dem
gedanken an Schleswig-Holstein zu trauren. doch ich will
schweigen, ich weisz, wie dieser gedanke Ihren schmerz neu
aufregt ..."
Br. 16 V. 9. 6. 1852 schickt auf die von den Brüdern
im liter. Central bl. veröffentlichte Bitte Beiträge für die
beiden nächsten Lieferungen des Wb. : ,Mit welcher freude
ich die erste lieferung durchgeganfjen habe, können Sie
Sich wol denken, auf jeder seite gibt es für mich neues
zu lernen, und auch das sp. 151 nachgewiesene *abewitze'
ist mir nun nicht entgangen, von allen neuem schrifb-
22*
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340 Anmerkungen zu B. I S. 3:33.
stellern scheint mir Göthe am sorgftiltiprst^n aus^ezogi^n.
doch vermisse ich 'adlersjüngling* (2, 77) und *abtreiben* in
der Stellung 2. 76. auszerdem *adlerfittich* bei Bürger, 'adler--
schwinge' bei Wieland (Oberon 1, 7), 'abtröseln* aus ThümmeL-
reise in die mittägl. prov. v. Fr. Ihre ableitung von *aber*ei'
scheint mir aus dt^m vocab. incip. teut. ante Tat. bestätij^
zu werden, wo sich findet 'Auswürfling, Arula, volg^ariter
abersei oder vrpitz.' aber was ist vrpitz? . . .•
Br. 17 V. 19. 6. 1852 begleitet neue Beiträge aus Erasmu»
Alberus Ehbüchlein. , Wüste ich nur, was Sie etwa noch
durchgelesen wünschten, das mir zur band wäre ! . . .*
Br. 18 V. 5. 7. 1852: Neue Zettel für's Wb. aus Andrea^
Tscherning's Deutscher Gedichte -Frühling (Breslau 1642i.
aus Ickelsauier's Clram. u. aus Dicteria proverbialia . . .- .
cum versione Germanica Andreae Gartneri Mariae montani
1598 Franc|of. ad M.], Bedauern über Liebig's Weggang
nach München.
Br. 19. V. 18. 8. 1852: Dank für die Schrift über den
Ursprung der Sprache, wwenn irgend ein Sprachforscher, so
waren Sie berufen, Ihre ansichten über den höchst schwie-
rigen gegenständ auszusprechen, und schon lange ht»gte ich
im stillen den wünsch, Sie möchten diesz einmal thun. für
mich war es darum auch eine grosze freude, dasz Ihre ab-
handlung, wie sich denn auch nicht anders ei*warten liesx,
80 reichen beifall fand, dasz übrigens die spräche keine
geoifenbarte sei, geht, wie Sie mit recht behaupten , schon
aus den alttestamentlichen Urkunden hervor una 1 Mos. 2, 19
spricht deutlich dagegen, vor einigen tagen sprach ich
prof. Knobel , dessen auslegung der genesis eben bei Weid-
manns gedruckt wird, über Ihre schrift. auch er gibt
Ihnen vollen beifall. — Ihr deutsches wtbch. schreitet trotz
der überaus mühsamen und schwierigen arbeit zur groszen
freude aller , die für das Vaterland und seine spräche ein
herz haben , rasch vor , und die zweite lieferung hat den
lauten beifall für das werk noch gesteigert, mich freut
sehr, dasz es auch, wie ich aus erfahrung weisz, anregt, der
spräche des voikes gröszere • aufmerksamkeit zuzuwenden,
als bisher geschehen, wie sich aber Wörter in alter be-
deutun^ noch unter dem volke erhalten haben, davon bot
sich mir unlängst abermals ein schönes beispiel. auf der
nicht weit von hier gelegenen Kabenaii nämlich , deren
volksmundart manches alterthümliche bewahrt hat, ist noch
die 'sänge' ausdruck für den ährenbüschel , wie er beim
ähreniesen aufgesammelt wird, ganz ahd. sanga gemäsz,
das Sie gramm. 2, 3ü trefl*end von goth. siggvan ableiten,
insofern diesz ursprünglich s. v. a. aufsammeln bedeutet
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 333—335. 341
hätte, bayer. sandeln = ähren lesen {Schmeller 3, 270) da-
gegen kommt auf der Rabenau nicht vor. Schmellers tod
hat mich tief betrübt, seinem letzten briefe [vgl. oben S. 337
no. 9J nach vermuthete ich den trefflichen mann, dessen freund-
licher gewogenheit ich mich erfreuen durfte, in einem bade,
und plötzlich bringen die Zeitungen die todesnachricht. was
meinen schmerz vermehrt, ist, dasz ich ihn nicht von angesicht
kannte, und vergeblich habe ich mich schon früher nach
einem bildnisse umgethan. wie ausnehmend viel hat die
wiszenschaft in ihm verloren ! der beabsichtigte fünfte band
seines bayer. wtbchs. würdö noch viel des vortrefflichen
gebracht haben. . . .*•
Br. 20 V. 18. 8. 1852 an Wilh. Gr. gerichtet, Einlage zu
Er. 19. W. dankt darin für die neuen Athis- Bruchstücke.
— Br. 21 V. 2. 1. 1853: Glückwunsch zu J. Gr.'s Geburts-
tag. — Br. 22 V. 26.- 4. 1853 begleitet W.'s Abhandlung
über die hess. Ortsnamen. Berichtigung der [II 319j ge-
gebnen Deutung von Helmannshausen, welches aus Helmirs-
hüsen entstellt, das seinerseits wohl auf einen Mannsnamen
Helm-mär zurückzuführen sei, wie Germanshausen auf Ger-
märshüsen. Auch in dem verschwundenen Dorfe Huftirs-
heim bei Obermörle (Arnsb. ürk. s. 10 nr. 17. 494, 801)
stecke ein ihm dunkler Mannsname. — Br. 23 v. 13. 5.
1853: Neue Zettel. „Die letzte lieferung des Wörterbuchs
habe ich, wie Sie denken können, gleich mit gros terfreude
durchgegangen und bin nun. so viel es mir die zeit ge-
stattet, mit dem einzelnen beschäftigt, zu balzen fehlt
Ihnen, wie es scheint, ein beleg aus der mhd. zeit, das kloster-
Engelthaler salbuch v. j. 1340 hat aus der Wetterau den
ilurnamen „ame hanenbaltzen**. . . .**
S. 333. manche andere . . . sich gar nicht
rühren.] vgl. S. 'SSS.
S. 334. foVschung über die Ortsnamen]. Aus
zwei Vorträgen ging Weigand's Aufsatz „über Oberhessische
Ortsnamen* im Archiv f. hess. Landesgesch. VIT, 1853, her-
vor. Wegen J. Gr.'s ähnlicher Arbeit vgl. Anm. z. S. 303.
S. 334. dasz die ergebnisse der indogerm.
sprachvergl. zurückstehen müssen] vgl. S. 307.
S. 335. iJasypodius] Dictionarium Latino germani-
cum et vice versa Germanico latinum. Argentorati 1535. 4.
Ein exempl. desselben hatte v. Meusebach mit einem sehr
launigen Brief 1826 dem kleinen Jacob Grimm übersandt
(vgl. Briefw. m. v. M. S. 327 f.). Auf D. basiert: J. Serranus
Dictionarium latinogermanicum Norimb. 1539.
S. 335 no. 165). Antwort auf W.^s Br. 24 u. 25. — Br.
24 V. 6. 12. 1853: W. übersendet den Anfang seiner Be-
y Google
342 Anmerkungen zu B. I S. 335.
arbeitung v. Schmitthenner'a Wb. ,So wie es vorlag, ge-
nügte es nicht , es mußte gänzlich umgearbeitet werden.
sehr wird mich freuen, wenn Sie u. Ihr herr brader mit der
neuen abfassung zufrieden sind.* Neue Zettel för's Wb.
»sp. 1609 besprechen Sie 'besebeln, besefeln', u. bemerken,
dasz beide Wörter keinen hebr. Ursprung hätten, aber
*baal-8ebur ist *deus stercoris', also ^sebhuP = *8tercu8' und
in der Judensprache hört man *8Öibele, sSiwele' (also in«
deutsche aufgenommen 'sebeln') = *cacare'. — Br. 25 vom
3. 2. 1854: Neue Zettel für's Wb., nebst Auszügen ans
Thümmel von stud. Schwabe, nach W.'s Anleitung an-
gefertigt. Nachricht vom Darmstädter Nibelungen-Bruch-
stück. — Auf no. 166 antwortet W.'s Br. 26 v. 10. 4. 1854:
,Der recensent des Wörterbuches in der Darmstadter
schubs, ist dr. Karl Wagner, professor am gymnasium zu
Darmstadt und seit neujahr mitherausgeber der Zeitschrift,
der mann meint es gut, sollte sich aber nicht unterfangen,
in einem fache, welches ihm fremd ist, mit berichtigungen
hervorzutreten. . . . Sie haben recht, wenn Sie in ansehung
solcher recensenten sagen, dasz es mit unserer deutschen
Philologie übel bestellt sei. aber in unserem groszherzog-
thume steht es damit an den gymnasien besonders übeL
nicht ein eiuziges hat einen lehrer, der auf dem gebiete
der deutschen sprachwiszenschaft bewandert wäre, und doch
wird deutsche literatur gelehrt, unter den gymnasiallehr-
amtscandidaten dagegen sieht es beszer aus. manche haben
sich auch im deutschen schöne kenntnisse gesammelt und
studieren fleiszig fort, es macht mir diesz besondere freude.
denn sie besuchten alle bis auf einen meine Vorlesungen,
in diesen gilt es zunächst auf den rechten weg zu leit-en
und anzuregen. Beckers grammatiken haben in unserem
lande, besonders unter den lehrern, zu viel eingewirkt und
einem gründlichen Studium geschadet. — *Wa8 meine Um-
arbeitung des schmitthennerischen wtbchs. betriflft, so konnte
mir natürlich nichts erwünschter sein, als dasz Sie Sidi
offen darüber aussprachen, und ich war auch fest überzeugt
dasz Sie diesz thun würden, ich musz gestehn, dasz ich auf
die herausgäbe des buches nicht eingegangen sein würde,
hätte mich nicht rücksicht auf die familie bestimmt, ich
musz es ja doch völlig neu herstellen und von dem alten
texte bleiben kaum einige zeilen stehn. hätte ich nur
nicht stets auf den räum zu achten und könnte mich hie
und da mehr gehn laszen. — Die redaction der Darmstädter
Schulz, hat mich um eine anzeige Ihrer geschieh te der
deutschen spräche angegangen und ich habe zugesagt, böte
sich mir auch nur recht bald die nöthige freie zeit, meinem
y Google
Anmerkungen zu B. l S. 335-337. 343
veräprechen nachzukommen, sie ist mir durch meine stelle
an der realschule zu sehr beschränkt und ich musz beinahe
tag ftlr tag bis tief in die nacht arbeiten, ob ich das für
die dauer auszuhalten vermag, fragt sich. . /
S. 336. Umarbeitung des schmitthenn er-
sehen wb.] Dieselbe erschien 1857 — 71 u. von neuem
1872 — 76 und fand groszen Beifall bei allen competenten
Beurtheilern. J. Gr. hatte gegen Seh. wegen seiner Re-
cension d. deutschen Grammatik einen alten Groll. (Vgl.
Briefw. m. v. Meusebach S. 331 Anm. z. S. 331.) Schon
1843 hatte W. den Plan eines Handwörterbuchs auf An-
regung Diefenbachs gefaszt (Vgl. S. 319). Über Schmitt-
henner vgl. noch W.'s Br. 10 hier 11 328-9;
S. 336. Schwabe auszüge aus ThOmmel gesandt].
J. Grimm erwähnte ihn in der Vorrede zum Wörterbuch
und liegt mir ein schwungvoller Brief F. L. Schwabe's aus
Göttingen v. 18. Juni 1854 an Weigand vor, in welchem
er voll Freude darüber ist.
S. 337. Vom Darmstädter Nib. Fragment],
vgl. Haupts Zeitschr. X. 142—6.
S. 337 no. 166J. Voraufgehen W.'s Br. 27—31. — Br.
27 V. 13. 8. 1854: Neue Zettel. rDie beitrage aus dem
fürstlichen archive zu Büdingen rühren von dr. Crecelius
her, einem jungen philologen, der bis vor kurzem haus-
lehrer am hofe war. er hat auch eine alte gedruckte hess.
fischereiordnung und Wilh. v. Humboldts sonette für das
Wörterbuch ausgezogen und mir die zettel übergeben. Sie
sind in meine eingeordnet und kommen Ihnen nach und
nach mit diesen zu. er hat genau und sorgßlltig auf-
gezeichnet, nur ist bei den sonetten das absetzen der vers-
zeilen unterblieben. — Über Ihre vorrede zum wörterbuche,
welcher allerseits mit gröszter Spannung entgegengesehen
worden war, habe ich nun viele reden hören. Sie finden
sich sämmtlich in vollem masze befriedigt und gestehen
wie sehr sie dieselbe angezogen habe, aber ich wüste auch
in der that nicht, was treffender hätte gesagt werden kön-
nen und wo mehr oder minder zu geben gewesen wäre,
dürfte ich mir jedoch eine bemerkung erlauben, so möchte
es die sein, dasz mir sp. xxvi der name Moritz nicht wol
zu passen scheint, das Wörterbuch von Moritz nämlich ist
kein deutsches, sondern fremdwörterbuch und grammatik
in alphabetischer folge ihrer üblichen ausdrücke, auch
sagt ja Moritz in seiner kurzen zugleich die stelle der vor-
reae einnehmenden Zueignung an Katharine H. , er habe
einen versuch in dem werke gemacht, 'die deutsche spräche
von unnöthigem fremden zusatze zu säubern und sie in
y Google
344 Anmerkungen zu B. 1 S. 337.
ihrer ursprünglichen kraft und reinigkeit aufzustellen.' da-
gegen wäre vielleicht Voigtel zu nennen gewesen. Albe-
rus Wörterbuch ist nirgends erwähnt, auch im quelleri-
verzeichniase nicht, hier wäre auch später der titel der
von mir ausgezogenen schrift wider Jörg Witzel nach-
zutragen und ich lege ihn deshalb hier bei, ich hätte ihn
früher übersandt, versäumte diesz aber, da der erste band
anfangs mit dem vollständigen B schlieszen sollte und ich
die genauen titel mit den letzten zetteln zu diesen buch-
staben schicken wollte. — Das älteste eigentlich deutsche
Wörterbuch (s. sp. xx) ist der 'vocabularius theutonicus*
V. j. 1482, ,in quo vulgares dictiones ordine alphabetico
preponuntur et latini termini ipsas directe significantes se-
quntur' , und zu Serranus wollte ich bemerken, dasz sein
Wörterbuch blosz lateinisch-deutsches ist, dem kein deutsch-
lateinisches verzeichnisz folgt, wie bei üasypodius. Sie
haben von J. H. Voss einen Frisch und einen Adelung mit
beigeschriebenen Zusätzen zur band, ich besitze einen zwei-
ten Frisch, welchen ich aus Vossens bibliothek ersteigert
habe, er enthält zierlich und reinlich beigeschriebene
stellen aus den Nibelungen, aus Luther, Opitz, Zinkgreflf,
Zesen, Wizel u. a. ich werde Ihnen einzelne unter meinen
zetteln mittheilen, vorn ins buch ist der name eingeschrie-
ben und *Eutin. 1797.* — Wie ich sehe, ist die Übersetzung
des Horaz von Voss für das Wörterbuch nicht ausgezogen,
die bemerkenswerthesten Wörter mit den stellen habe ich
mir vor 26 jähren in eine zu einem wörterbuche angelegte
Sammlung eingetragen, woraus ich sie für Sie ausschreiben
werde, in dem jüngsten hefte Ihres Wörterbuches fehlt
aus dem Horaz die hole ; 'stracks auf dem fusz hin Tragen
in mächtiger bole die bursch' ein gehacktes vom kranich.*
8 a t. 2, 8, 86 Machen Sie in diesem jähre keine er-
holungsreise ? es wäre doch schön» wenn Sie auch einmal
unser Giessen besuchten . . ." - Br. 28 v. 30. 8. 1854 : Neue Zettel.
„Aber ein ausdruck bei Serranus ist mir entgangen, bl. n 1 b. :
'limbus, ein b l e i d e oder vmbleg an eines weibs kleid.*
Dasypodius hat das wort bei limbus nicht, wol aber *lim-
bolärius, ein biegen Schneider/ diesz biege, bleige. ver-
zeichnen auch Sie im wörterbuche, aber nicht bleide in der
hier in betrachtung kommenden bedeutung. wie ist die
form zu faszen? vielleicht liesze sich unter streif, säum,
das wort nachtragen." — Br. 29 v. 25. 9. 1854 : Neue Zettel.
„Unter den beifolgenden ausgezognen Stellen finden Sie
auch einige aus Sturz Schriften. Sie sind von dem jun^n
philologen Schwabe aufgezeichnet, der auf meinen antrieb
jenen Schriftsteller für das Wörterbuch auszieht und schon
y Google
Anmerkungen zu B. I S. :337— 339. 345
ziemlich vorgerückt ist. was er Ihnen jüngst mit einem
beischludz von mir zugesandt, werden Sie erhalten haben.
— Das studentische 'balken' = hausmagd scheint Ihnen
wtbch 1, 1089 entgangen zu sein. Sollte dieses wort mit
die balge = situla zusammenfallen und ähnliche ent-
stehung, wie das ebenfalls studentische 'besen' haben ?^
— Br. 30. V. 28. 12. 1854. Zettel aus dem vocab. teuton v. j.
1482 für den Buchstaben D. Drängende Arbeiten hätten
die Arbeit verzögert und selbst an den Feiertagen, an
welchen er zweimal zu predigen gehabt, habe er die letzten
Zettel nicht zufügen können. Die. jüngste Lief, des Wb.
ziehe um so mehr im, als auf die cleut.schen Eigennamen
gröszere Rücksicht genommen sei. Dr. J. W. Wolf zu
Juerenheim leide, wie er höre, an Gehirnerweichung. Prof.
Knobel habe .1. Gr. vorigen Herbst bei der Durchreise durch
Berlin aufgesucht, aber verfehlt. — Br. 31 v. 4. 1. 1855 :
Glückwünsche, weitere Zettel.
S. 337. Riegers vertheidigungl. Vgl. Haupts Zs.
X 241, XI 206 u, sein Buch : Zur Kritik d. Nibelungensage
Giessen 55.
S. 338. die Geten u. Gothen sind unaufge-
gebenj vgl. die erst 1866 erschienene Abb.: 'Über Jor-
nandes u. die Geten* (Kl. Schriften UI 171 ff.) ferner Mül-
lenhoffs Aeusserung gegen Weigand v. 8. 4. 1800 in d. Anm.
zu S. 359 und die auf diese Fragen bezüglichen Schriften
bei V. Bahder *die deutsche Philol.' no. 3875 ff.
S. 338. Wacker na gel]. Die Correspondenz der
Brüder mit W. ist noch unveröffentlicht. Prof. Jac. Wa^ker-
nagel in Basel theilt mir mit, es sei die Absicht der Fa-
milie aus W. Wackernagels Briefwechsel demnächst eine
Publication zusammenzustellen. Bekanntlich hatte J. Gr.
seinerzeit W. Wackernagels Promotion angeregt (vgl.
Briefw. m. v. Meusebach S. 381). Von Briefen Wackern.'s
an Weig. liegen mir 5 von 1846 — 62 vor, doch werfen die-
selben auf sein Verhältniss zu Grimms kein Licht.
S. 338. Lachmann] vgL S. 333 no. 164, vgl. aus
Jacobs Brief an Lachmann v. 24./31. Aug. 1838: ,es ist
schon dankbar tu erkennen, wenn Sie uns den auszug aus
Lessing verschaffen wollen**, und aus Lachmanns Antwort
V. 8. Oct. : «Von hier bekommen Sie Excerpte aus Lessing,
Logau etc * (s. Briefw. m. v. Meusebach S. 416, 418).
S. 339. no. 167], Auf no. 166 u. 167 antwortet W.'s
Br. 32 V. 27. 4. 1855 : W. dankt für die beiden Briefe und
die Mittheilung über Ickelsamer. ^Schwabe hat auf
meinen rath Sturz, dann Rosts epistel des teufeis
an Gottsched, Overbecka Sammlung vermischter gedichte
und nun auch Göckingks lieder zweier liebenden (in
y Google
346 Anmerkungen zu B. I S. 339—340.
der letzten und vorletzten ansfi^be) ausgezogen, ein
anderer meiner zuhörer, stud. Köster, Matthissons ge-
dichte. die auszüge aus den beiden letzten Schrif-
ten werden in kurzem an Sie abgehn. Köstern hatte ich
schon beim ausziehen des Pyrker angegeben, wie die zettel
einzurichten seien, und ihm die gröste genauifi^keit und
deutliche schrift empfohlen, beides hat er auch in den
auszügen, die er mir zeigte, beobachtet. Overbeck und
Göckingk habe ich gern an Schwabe überlaszen, dafür
wende ich mich lieber den frühem werken zu, wie denen
von Alber US , von dessen schriften mir neulich noch die
Widder die verfluchte lehre der Carlstadter in die bände
gefallen ist, leider in der späteren ausgäbe v. j. 1594. —
Dem neulich durch Holtzmann herbeigeführten streit bin
ich mit interesse gefolgt. Holtzmann trat nicht ji^ehörig
gerüstet auf den kampfplatz und seine neueste scbrift, in
welcher er sich vertheidigt, macht die gegebenen blöszen
keineswegs gut. wie sich aber sein buch über Germanen
und Kelten oeifall erwerben will, begreife ich nicht, mein
urtheil, das ich mir über dasselbe gebildet hatte, stimmte
mit dem überein, welches Sie in Ihrem briefe aussprechen.
— Landaus buch über die Wetterau hat mich angesprochen :
doch vermisse ich manches im einzelnen.
S. 340. IckelsamerJ Valentin. Teutsche Gram-
matica, wahrscheinlich 1531 erschienen. Weigand hat sich
lange Zeit mit diesem Buche beschäftigt und in Giessen
auch einen Vortrag darüber gehalten, welcher nach seinem
Tode von H. Fechner in seinen: Vier seltne Schriften des
sechzehnten Jahrhunderts Berlin 1882^ als Einleitung ab-
gedruckt ist, nach Pietsch^s Anzeige im Literat. Bl. 1883
§p. 212 allerdings nunmehr von den gleichzeitig erschiene-
nen Untersuchungen v. Joh. Müller, mehrfach berichtig^
wird. Weigand sagt am 9. 4. 1872 gegen Kehrein darüber
folgendes : ,Ueber L habe ich eine besondere Studie ge-
macht und, was ich erforscht, zum drucke niedergeschrieben,
die für eine Zeitschrift [Germania, vgl. W.'sBr. 7a an J. Gr.J
versprochene abhandlung aber bis jetzt zurückgehalten, weil
ich noch manches zufügen wollte, wozu mir bis jetzt die zeit
fehlte, mit Jacob Grimm sprach ich sehr viel darüber, und
was er in seinem Wörterbuch von ihm und über ihn
bringt, ist von mir. seine Zustimmung zu den ergebnissen
meiner forschung hatte mich sehr gefreut.*
S. 340 no. 168]. Voraufgehen W.'s Br. 33—37. — Er.
33 V. 17. 11. 1855. Der Dank für die Abhandlung über die
Marcellischen Formeln erfolge erst so spät, da zu seinen
sonstigen Arbeiten nun auch die Direction der Realschule ge-
y Google
Anmerkungen zu B. 1 S. 340. 347
kommen sei. »Wenn man nur auch immer bei den be-
hörden in Darmstadt die anerkennung fände, die man nach
seiner stillen Überzeugung erwarten durfte ! ich kann mich
dessen gerade nicht rühmen; woi aber hat die Universität
immer für mich gethan, was sie zu thun vermochte, und
zwar mit gröster bereitwill igkeit. eine Stellung indessen
hier zu lanae zu erringen, in welcher ich vorzugsweise oder
ganz meinen Studien mich hingeben könnte , wollte bis
jetzt nicht ^elin^en , und können Sie glauben, dasz, nach-
dem die Universität vor beinahe einem jähre einen gehalt
für mich als professor an ihr in Darmstadt beantragt hat
(bisher bin ich blosz als lehrer an der realschule besoldet),
das ministerium daselbst bis heute in tiefem schweigen
verharrt und unlängst bei ertheilunpf von Zulagen mich
übergieng. doch ich will Sie nicht mit solchen dingen be-
helligen, und die worte entschlüpften mir auch nur in dem
gedanken an Ihre freundliche theilnahme und Ihr wohl-
wollen. . . . Für Ihr Wörterbuch, von welchem mich jede
weitere lieferung mit neuer freude erfüllt, habe ich trotz
meinen arbeiten thätig zu sein fortgefahren und jüngst
noch in abendstunden Keisersbergs predigten über Maria
hiramelfahrt und Adam Rysens altoerühmtes rechenbuch
ausgezogen, von ersteren hatte ich die ausgäbe Strasz-
hvLTff 1512, von letzterem die 1544 zu Frankfurt a. M. bei
Christian Egenolph erschienene, zu meinem schrecken sah
ich nach Vollendung des ausziehens , dasz jene predigten
schon im Wörterbuch citiertsind. doch wird meine arbeit
wol nicht vergeblich sein und an Sorgfalt wie an umfang
die bereits in Ihren bänden befindlichen auszüge überbieten
bei bocherei 2,200 z. b. ist das buch angezogen, aber Keiser
berg schrieb böchery.*— Br. 34 v. 6. 12. >Jeue Zettel. --Bra5 v.
19. 12: W. empfiehlt Dr. Zöckler aus Solms-Laubach an
J. Gr. — Br. 36 v. 3. 1. 1856 Glückwunsch zu J.'s Geburts-
tag u. neue Zettel. — Br. 37 v. 29. 5. 1856: Neue Zettel u.
die Lieferung seines Wbs., dessen erster Bd. in der nächsten
Lieferung abgeschlossen werden solle. Kr bittet das Wb.
den Brüdern u. W. Wackemagel widmen zu dürfen. — Auf
no. 168 erwidert W.'s Br. 38-40. — Br. 38 v. 9. 10. 1856:
W. bittet die lange Verschiebung des versprochnen Briefes
zu entschuldigen , spricht sich sehr erfreut über die Ab-
handl. *über den Personenwechsel' aus, theilt mit was er
von Ph. DieflFenbach über die Schulanrede 'wir' erkundet
(vgl. Anm. zu S. 370 Br. v. 14. 7. 1856), stellt etwaige Auf-
zeichnungen zu den Märchen, deren 3. Bd. von W. Gr. so
vollständig ausgestattet sei, für diesen in Aussicht und
schickt neue Zettel fürs Wb. : .unter die noch hier befind-
y Google
348 Anmerkungen zu B. I S. 340.
liehen hat dr. Crecelius einige gethan , auch drei bächer-
titel zur besorgung an Sie dagelaszcn , titel von Schriften,
die er für daa Wörterbuch ausgezogen hat und auszieht. —
Die aufzeichnungen aus Keisersbergs postill (Straszbarg"
1522) werden Ihnen, wie ich hotte, willkommen sein. —
die aufzeichnungen bei Krisch sind wie die aus dem Nürn-
berger vocabular. teuton. v. j. 1482 nicht immer zuvei>
lässig, auch hat Frisch eine andere, jedenfalls spätere aus-
gäbe der postille gehabt. Dann habe ich aus der gewöhn-
lichen Umgangssprache manche Wörter aufgezeichnet , die
in den bisherigen Wörterbüchern fehlen, und werde diese
aufzeichnungen fortsetzen, aus der Übersetzung der Ver-
wandlungen nach Ovid von Voss hat Ihr herr bruder schon
Zettel erhalten, sie bietet sonst nicht leicht vorkommende
ausdrücke, namentlich seltnere mit ge- zusammengesetzte
hauptwörter. — Dr. Crecelius erfreute mich mit einem
grusze von Ihnen, er wird in preuszischen Staatsdienst
treten und dieser gewinnt an ihm einen sehr tüchtigen
mann. — In der ausarbeitung meines Wörterbuches stehe
ich im M, das L ist glücklich beendigt, bot aber auch
manche Wörter, die sorge und mühe machten, z. b. 'losung**
= feldgeschrei, das zuerst bei Luther, Dasypodius und 8er-
ranus vorkommt. — Philipp Diefenbach trägt mir einen
grusz an Sie auf.*
Br. 39 V. 3. 1. ia57 : Glückwunsch zu J.'s Geburtstag.
Die 5. Lieferung seines Wbs. sei leider noch nicht fertig.
«Bei dem niederschreiben sehe ich oft auf Ihr bild über
meinem schreibpulte und denke, ob und wie Sie mit meiner
arbeit zufrieden sein möchten und ob einzelnes neue Ihre
billigung erhalten werde. — ich stehe eben im M, an markt,
bei ab- und ausmergeln haben Sie die ganz richtige
ableitung, und meine von mergel, die auch Schmeller
hat, beruht auf irriger ansieht, die Ihrige wird schön be-
kräftigt durch 'adv. Medullitas [verdruckt statt medullitus]
gantz von marck vszgemergelt. Medulliter idem' im vo-
cabular. gemmagemmarum (Straszburg 1505) bl. p3c.
woher das k in mark? doch wol aus der ausspräche in
mitteldeutschland , wie denn auch der Wetterauer bßrk,
w6k, st6k u. 8. w. für berg, weg, steg u. s. f spricht, merk-
würdiger weise hat der voc. theut. v. j. 1482 bl. t6a
*mack mit ausgestoszenem r: 'mack in den knochen oder
gepain, meduUa" u. s. w. und *mack in der federn, ylus*.*
— Br. 40 V. 27. 6. 1857: ,Sie haben, verehrtester herr hof-
rath, mit Ihrem herrn bruder mir freundlichst gestattet,
Ihnen beiden mein Wörterbuch widmen zu dürfen, von
welchem ich nun den ersten band übersenden kann, nehmen
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 340—343. 349
Sie beide das buch als ein kleines zeichen der herzlichsten
Verehrung und liebe gütig auf. ich darf wol sagen dasz
ich bei jeder zeile an Sie und Ihren herm bruder gedacht
habe, und meine gröste freude wird sein, wenn Sie die
arbeit Ihres beifalles würdig halten. — Zugleich lege ich
die fünfte lieferung bei, welche auszer zweien zum ersten
bände gehörigen bogen bereits acht des zweiten enthalt,
auszerdem empfangf^n Sie noch eine anzahl zettel zum D.
— Ich hatte die absieht, im juli nach Berlin zu kommen,
um die bibliothek zu benutzen, und meine tochter dahin
mitzunehmen, ich fürchtete aber, Sie und Ihren herm
bruder um diese zeit, die badezeit, wol nicht zu treffen, und
ich will doch nicht in Berlin sein, wenn Sie beide abwesend
sind, dazu kommt, dasz durch eine länger andauernde reise
meine Vorlesungen und auch meine Unterrichtsstunden an
der realschule zu sehr unterbrochen werden würden, ich
habe deshalb meine reise nach Berlin bis zur mitte des
Septembers verschoben, zu welcher zeit die universitäts-
ferien eingetreten sind und die sclmle ihre ferien beginnt.
Sie und Ihr herr bruder sind doch in dieser zeit anwese«ü V . . •
S. 341. abhandl. über , Personenwechsel*] ab-
gedr. Kl. Sehr. III, 236 ff.
S. 341 no. 169| nicht im Aj)ril, sondern im Anfang Juli
ist dieser Brief geschrieben , wie W.'s Br. 40 ergiebt. Auf
ihn erwidert W.'s Br. 41 v. 31. 7. 1857: Dank für neue Auf-
lage der Märchen u. freundl. Aufnahme seines Wörterbuchs.
Freut sich auf baldiges Wiedersehen J.'s und die persönl.
Bekanntschaft Wilhelms. Ladet die Nichte Gustchen nach
Giessen ein. »-S. 510 in meinem wörterbuche *hoch tütsch'
ist aus Tschudis Rhetia (Wackernagels lesebuch 3. thl. 1. bd.
sp. 385), 'hochteutisch* aber aus Sastrow 1, 65. zwei stellen
aus Helbers sylbenbüchlein lege ich in abschrift an. die
eine hatte ich früher schon Wilhelm Wackemagel mit-
getheilt, der sie auch in seiner geschichte der deutschen
literatur s. 373 in einer anmerkung abdrucken liesz. sollte
ich weitere belege aus dem 16. jahrh. oder aus noch früherer
zeit auffinden, so schicke ich dieselben ihnen gleich zu. —
Ihren auf trag an prof. Klein habe ich gleich besorgt."
S. 343. Prof. Klein . . . mit seinem werk über
Groszen linden] Joh. Val. Klein. Die Kirche zu Grossen-
Linden, bei Giessen in Oberhessen. Versuch einer histor.-
symbol. Ausdeutung der Bauformen u. ihrer Portal-Reliefs.
Giessen 1857.
ib. Raszmann mein landsmann] lebte damals
als Bibliotheksbeamter in Marburg, wurde später Pfarrer;
von ihm rühren die umfangreichen Artikel über J. u. W.
y Google
350 Anmerkunflfen zu B. I S. 343—352.
Gr. in Ersch u. Gruber's Encyclojpädie her. In der Griniin-
Correspondenz befinden sich 5 Briefe R.'s ans den Jahren
1856-9. Die letzten 3 beziehen sich auf R.'s ver^bliche
Nachforschungen nach dem vollständipren Hildebrandsliede
in Fulda, wo sich dasselbe nach der offenbar irrigen An-
gabe eines Militärgefangenen v. Lossberg^ der später -wahn-
sinnig wurde und auf dem Transport nach Haina starb, in
einfer Pergamentrolle nebst anderen wichtigen altdeutschen
Hss. erhalten haben sollte. Vgl. über diese' Hs. einen
Aufsatz von Dr. Grosz in der Zeitschr. d. Vereins f. bess.
Gesch. N. F. Bd. VIII (1879) S. 148 ff.
S. 344 no. 170] Voraus geht W.'s Br. 42 an J. Gr. v.
25. 11. 1857: Viele Arbeit habe ihn am Schreiben u. Zettel-
schicken gehindert. Er u. seine Tochter dächten oft nach
Berlin zurück. Beschreibung der Rückreise über Weimar,
Eisenach, Cassel. Ueber Wendungen, wie die [S. 344J an-
gegebenen, gäben seine Aufzeichnungen keinen Aufschlosa.
S. 346 no. 171] beantwortet durch W.'s Br. 43 v. 25. 4.
1858 : Ph. Dieffenbachs Mittheilung, von der er im jüngsten
Brief gemeldet hätte, in Darmstadt sei ein Verzeichniss der
im Druck des cod. Lauresh. falsch wiedergegebnen Namen
nebst der richtigen Lesung der Hs., sei irrig. Er habe
F. Roth in Frankfurt besucht.
S. 346. Dorenlar in pago Erdehe] vgl. dazu die
Aeusserung von Phil. Dieffenbach an Weigand v. 1. 4. 1858
(in Anm. zu S. 370).
ib. Förstemann vermutet] im Altdeutschen
Namenbuch II, Ortsnamen 56-9.
S. 351. Vermählung d. königin von Portugall]
Stephanie, die Tochter des Fürsten Karl Anton von Hohen-
zoUern-Sigmaringen heiratete im Mai 1858 den jungen
König Pedro V, sie starb bereits 1 Jahr darauf.
S.352no. 174] Voraus gehen W.'s Br. 44 u. 45. — Br.44
V. 29. 6. 1858: W. überschickt ein für J. Gr. erworbenes
Exemplar v. Gottscheds Deutscher Gramm. — Br. 45 vom
27. 9. 1858: J. Gr. u. seine Nichte, welche in Giessen vor-
gesprochen hatten, würden nun wohl zu Hause angekommen
sein, demnächst erhoffe er und die Seinen längeren Besuch.
Einige Zettel fürs Wb. lägen bei. Dr. Crecelius werde
Körners Werke ausziehen. — Auf no. 174 antwortet W.'s
Br. 46 V. 24. 12. 1858: Dank für die übersandten Bücher.
Neue Zettel. Er habe schon bisher einigermaszen auf
Schriften wie die von Gr. bezeichneten Bedacht genommen
,und bei mehreren erwerbungen für mich wie auch für die
hiesige Universitätsbibliothek hatte ich das ausziehen für
das Wörterbuch im äuge, ein Schriftsteller, der sonst nicht
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 352. 351
leicht vorkommende ausdrücke aus dem Volksleben bietet
ond ausgezogen zu werden verdiente, ist Schmidt von
Werneucnen, aber ich habe bisher weder seiner Gedicht-
sammlungen noch der von ihm herausgegebenen almaiiache
habhaft werden können. — Über die in neuester zeit er-
scheinenden deutschen Wörterbücher wird Crecelius eine
recension in Jahns Jahrbüchern liefern, was läszt sich aber
dazu sagen, wenn solche kenntnislose schreier, wie Wurm
und Sanders, die da, wo sie tiefer liegendes zu tage zu
fördern genöthigt sind, nur armuthszeugnisse bringen,
lobende oder doch billigende worte in manchen Organen
der tagespresse finden konnten, ich habe schon manchmal
im stillen gedacht, ob hier feilheit der presse zu gründe
liegt oder unverzeihliche unwiszenheit und leichtsinn mit
anmaszung im bunde. wer möchte wol eine schlechtere
arbeit liefern, als das nun begonnene deutsche Wörterbuch
von Wurm, der sich rühmt, Schmellers nachlasz benutzt zu
haben, ohne doch nur entfernt die einsieht zu besitzen, ihn
benutzen zu können. Sanders aber wird, nach seinem pro-
^amm zu urtheilen, schwerlich beszeres bringen pnd kehrt
in seiner Ordnung der zusammengesetzten Wörter in die zeit
vor Frisch zurück, von beiden spinnen ist mir. die letzte
die widerlichste, mit einem katholisch-deutschen wörter-
buche dürfte es vor der band nichts werden, denn wo wäre
der katholische gelehrte, der es ausarbeiten sollte, etwa
Kehrein, mit dem die katholiken hie und da grosz thun?
da müste erst ein werk vorliegen, an das er sich anlehnen
und woraus er in den schwierigen partien ausschreiben
könnte, es ist in der that eine betrübende erscheinung bei
unserem volke daaz neben Ihrem und Ihres herrn bruders
werke noch solche bücher aufzutauchen vermögen wie die
von Wurm und Sanders. — Osann war nur wenige tage
krank. . . sein tod hat mich sehr geschmerzt, obgleich ihm
die deutschen Studien fremd waren, so nahm er doch leb-
haften antheil. ... oft sprach er den Wunsch aus dasz ich
ganz der Universität angehören möchte. . . . Haben Sie die
gute den hier eingelegten brief an Ihre frau Schwägerin zu
geben, an welche auch das in demselben angemeldete päck-
chen geschälten kummers adressiert ist , worin zugleich
schon lange bereit liegende Zettel zum E. . .*
S. 352. sieben deutsche Wörterbücher] vgl.
S. 314. Es sind: 1) W. Hoffmann, Vollst. Wb. d. deutsch.
Spr. 1-6 Bd. Leipz. 59 61 (vgl. dazu 1. 380). 2) Deutsches
Wb. V. J. u. W. Grimm, nach Weigands Tod fortgesetzt v.
M. Heyne, Hildebrand und Lexer (abfällig kritisirt von D.
Sanders, Hamb. 1852-3. 2 Hfte. u. Wurm, München 1852-3,
y Google
352 Anmerkungen zu B. I S. 352—354.
sonst noch von R. Raumer in d. Zs f. öater. Gymn. 1858, wieder
abgedr. in seinen gesammelten sprachw. Schriften S- 381 -62
[vgl.I 349] und von einem Karl Wagner [vgl. 1 336,11 342! :^i
DeutschesWb. von Weigand. 2 Bde.Giessen 1857 — 71, neoeAufi-
1872-76 (vgl. S. 342). 4) J. Gfr. L. Kosegart^n , Wb. der
niederdeutschen Sprache. Lief. 1 — 3. Greiiswald 1855 — 60.
5) Mittelhd. Wb. v. Benecke, W. Müller u. Zarncke. 3 Bde.
Leipzig 1854—68. 6) Ch. F. L. Wurm, Wb. der deutschen
Sprache. Bd. L Freiburg i/B. 1858-59 (angez. v. Weigand
in Zarnckes Centralblatt 1860 u. nicht fortgesetzt, vgl.
1 :355, 371). 7) Dan. Sanders, Wb. d. deutschen Sprache.
2 Bde. Leipz. 18-59-65 (angez. v. Weigand, ib. 1861, vgL
1 355, 357, 372). Das achti^, dessen I 314 gedacht wird,
ist W. V. Gutzeit's Wörterschatz d. deutschen Sprache Lir-
lands. Riga 1859 ff. (vgl. 1 355).
S. 353. keine coraödie aus dieser Zeit etc]
Vgl. hierzu folgende Stelle aus einem undatirten Brief-
Entwurf Weigand's an S. Hirzel [aus dem Jahre 1861, vgl,
Weigand's Br. 69 in Anm. zu S. 372], welcher ihm die vier
Bücher von H. L. Wagner übersandt hatte : „ . . . besonders
verzögerte meinen brief, dasz ich mich beeilte, Jacob Grimm
aus jenen wagnerschen Schriften und andern, die ich nicht
früher zur band bekommen konnte, für die nächste lieferung
des Wörterbuches, deren druck nach Ihrer gütigen mit-
theilung zu anfange des mais beginnen sollte, stellen mit-
zutheilen. ich bin eben noch im ausziehen begriffen und
sobald ich mit den Schriften fertig bin, sende ich sie Ihnen
mit dem besten danke zurück, auch in anderer hinsieht,
als der sprachlichen, waren mir die wagnerschen stücke von
hohem interesse. die reue nach der that ist ein Vorläufer
von Schillers cabale und liebe. Evchen Humbrecht ist gegen
die kindermörderin um den ersten act verkürzt und der
ausgang des stücks wesentlich verändert, auf dem Macbeth
beruht wirklich der schillersche und in die hexenscenen ist
volksmäsziges eingefloszen. die frohe frau wird durch
Klingers erklärung in den beigebundenen nummern der
Frankfiirter gelehrten anzeigen erst recht interessant und
die dialoge sind vortrefflich, auch in ihnen zeigt sich die
Verehrung Göthes, die man bei Wagner kennt, die confis-
cablen erzählungen sind originell und laszen die ^eniezeit
durchblicken, in allem erscheint Wagner von nicht ge-
ringer' begabung und hätte schon darum mehr beachtet
werden sollen, weil er dem freundeskreise des jungen Gotha
angehörte."
S. 354. Osann's früher tod] Fr. Gotth.O., geb. 1794
in Weimar, war seit 1825 Prof. der alten Philologie ü. Dir.
d. philol. Seminars in Giessen. Er starb am 30. 11. 1858.
y Google
Anmerkungen lu B. I S. 354—358. 353
8. 354. die t. h ist. de la 1. fr.] das Werk ist nicht fort-
gesetzt, an seine Stelle ist das Dict. hist. de langne fr. von
E. Littrd getreten.
S. 354 no. 175] Antwort anf W.'s Br. 47 v. 2. 1. 1859:
Glückwunsch zu J. Gr.'s Geburtstag. In der sechsten Liefe-
rung seines eigenen Wbs. habe er in dem Worte *die dürft' das
ursprüngliche part. praet. Ton dürfen gesehen, wo er glaube,
dass J. Gr. ihm Recht eehe. Dieses Wort würde also zu
* macht, schuld, kunst u. list' Gramm. 4. 255 zu setzen sein.
— Auf no. 175 erwidert W.'s Br. 48 v. 13. 2. 1^59: Dank
für die neue Büchersendung, Freude über die erste Lieferung
von E. Zusätze werde er später schicken, anbei folge eine
neue Lief, seines Wb. u. 2 Päckchen Zettel. Abmlliges
ürtheil über Lief. 1 von Sanders Wb., ebenso über Wurm,
den sogar die Heidelb. Jahrb. im Decemberheft lobend re-
censirt hätten. Gutzeit's Wb. kenne er noch nicht.
S. 855 , Kummer** oder ,dinkel-j vgl. Vilmar's
Idiotikon v. Eurhessen.
ib. wb. V. Gutzeit] vgl. Anm. z. S. 352.
S. 358. no. 177). Darauf antwortet W.*s Br. 49 u. 50.
Br. 49 V. 15. 4. 1859 lautet: „Über das adv. enke, lieber
Verehrtester herr hofrath, eile ich Ihnen mitzuth eilen, was
ich weisz und nach emi)fang Ihrer lieben zeilen noch er-
kundet habe, das wort ist allerdings auch oberhessisch, in
unserm hessen-darmstädtischen Oberhessen ist es ganz ge-
läufig in der gegend von Gladenbach und Biedenkopf, aber
auch auf der unfern Gieszen nach Homberg an der Ohm
zu liegenden Rabenau , weiter in der fegend dieses Hom-
berg selbst und in der von Alsfeld. Sicher wird man es
also ebensowol in den zwischen Biedenkopf oder Gladen-
bach u. Homberg gelegenen kurhess. Oberh^ss. d. h. der gegend
von Marburg u. s. w. hören, auszerdem kommt es nocii in
der zwischen waldeckischem gebiete bei Corbach liegenden
hessen-darmstädtischen herrschaft Itter vor. merkwürdig
aber bleibt dasz es in der nördlich von Biedenkopf liegen-
den gegend von Battenberg nicht gehört wird, in der
Wetterau kennt man es nicht und auch auf dem Vogels-
berge ist es, soviel ich erfragen konnte, unbekannt, in den
von Grünberg nach Alsfeld nin, z. b. an der in die Ohm
sich ergieszenden Felda gelegenen orten beginnt es aujtzu-
sterben. auch hier in Gieszen wird das wort nicht gehört;
aber in dem nahe gelegenen Busecker thal (es liegt von
Gieszen aus so ziemlich in der richtung zu der vorhin ge-
nannten Rabenau hin) kommt 'enklich* vor und zwar ganz
so wie *enke\ welches durch das thal hin nicht gebraucht,
sondern erst, wie ich oben angegeben habe, auf der Raben-
E. Stengel. Acten der Brüder Grünm. 23
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354 Anmerkangen zn B. I S. 858—359.
an gehört wird. Der sinn, in welchem das volk enke ^
brancht, ist: ffenau (accnrate) bestimmt, gewia, waliriich
und wirklich (profecto), z. b. *er weisz f Randbemerkung:
die mundart spricht waesz (langes ä =: ei). 1 es enke , er
weisz es gar enre, es ist enke wahr.* im Bnsecker thale
z. b. *er weisz es enklich*. — Ich weisz nicht ob Ihnen bd
enke das von Valentinus Ickelsamer erwähnte *näncke' yor-
r legen hat, welches wol nicht unwichtig scheint, bl. C.
b (in meiner d. h. der ältesten ausgäbe). — In dem Ber-
liner exemplar von Ickelsamers grammatik findet sich die
stelle auf bl. C. 4 b ; auch kommt Ickelsamer auf das woit
näncke in seinem auf der Berliner bibliothek befiodlicbes
sehr seltenen büchlein 'Die rechte weis auffs kürtzist lesen
zu lernen* (Marburg 1584, neue ausgäbe) bL A. 3 b n
sprechen und nennt es auch hier nach seiner sonderbarea
ansieht undeutsch. . . . Luthers 'enne* = thor, narr, war mir
ganz unbekannt, in den mund arten findet sich nichts, und
der hennebergiache pl. *önn* [Randbemerkung : (Reinwald 1,
118)1, welches auf einem mhd. *egene* (Grieshabers pred. L
56) beruht, bedeutet brechahnen, stengelsplitter vom ge-
brechten flachse. — Br. 50 (offenbar eine Beilage sn einem
verlorenen Br. an W. Gr.) v. 24. 4. 1859 lautet: ^Nachtrag-
liches über enke. Auf weiteres befragen wurden mir aus
der gegend von Gladenbach folgende Verbindungen ange-
gegeben, in welchen enke gebraucht wird: 'ich weiss es
enke {= genau, bestimmt, gewis), ich bin dabei
gewesen, er sieht nicht enke (= genau), er hört [Rand-
bemerkung: *in der mundart *h6rt.*J nicht enke.
ich habe es enke gesehen*. — *ich weisz (es) enke* gut in
lener gegend als feste Versicherung dasz man es genau and
bestimmt weisz, und sagt jemand *ich sag's enke*, so sieht
es der sprechende wie eine beleidigung an, wenn das, wai
er so bekräftigt, noch bezweifelt wird . . .*
S. 858. Estor oberhess. idiot] Probe eines
oberhessischen Wörterbuchs in Estors Teutsche Rechts-
gelahrtheit Frankf. 1767 111. S. 1403-28.
S. 859. Müllenhof f). Die mir vorliegenden 35
Briefe M/s an Weigand (von 1850—76) beginnen mit einer
Aufraffe M.'s nach üss. des Wolfdietrich. Aus dem man-
nigfacn interessanten Inhalt der Briefe seien hier folgende
Stellen ausgehoben: Kiel 8. 4. 1850: .meine deutsche alter-
thumskunde, deren leitende ideen Sie, wenn es Ihnen darum
zu thun ist, aus der abh. depoesi chorica, aus einem
aufsatz in Schmidts Zeitschrift fttr gesch. bd. YlII. u. einem
auf der Lübeker Versammlung gehaltenen vortrage ungefähr
errathen werden, musz ein janr lang ruhen; aber mitnenem
y Google
Anmerkangen xa B. I S. 359. 355
eifer werde ich wieder daran gehen, sobald ich den Wolf-
dietrich abgethan, und so Gott will, wird es mir noch ein-
mal gelingen aus dem Zusammenhang der mythen und
mythischen Torstellangen mit der heimischen natur unseres
landes, der religion überhaupt mit dem ganzen sittlichen
staatlichen und geselligen leben des volkes und endlich des
epos mit der geschichte u. dem heldenleben zu zeigen,
welchen geistigen inhalt das leben unserer alten hatte u.
wi'lche entwiälung es bereits durch^j^emacht , als das
christenthum aufgenommen wurde zugleich mit einer frem-
den cultur. Einen groszen schmerz habe ich inmitten
solcher Studien gehabt und noch nicht überwunden: Jac.
Grimms geschichte der deutschen spräche, die thorheit
seines alters, es wird hohe Zeit etwas rechtes und ernstes
dawider zu setzen, damit uns forschungen dieser art nicht
zurückführen in einen zustand der Wissenschaft der ärger
wäre als er je zuvor auf diesen gebieten gewesen, eine
recension, die mir Waitz und andre, die mit meinen ar-
beiten vertraut sind, fast zur pflicht machen, vermag ich
indes bis jetzt nicht übers herz zu bringen, obgleich der
alte selbst mich dazu herausgefordert hat. aber es ist mir ein
bedürfnis von kundigen u. solchen die Grimm zugleich lie-
ben u. ihm nabestehen, ein urtheil zu hOren über das buch,
ich kann mir gar nicht denken, dasz man mit aufrichtiger
Überzeugung die dort geführten beweise für den getisch
gothi sehen Kram u. was damit zusammenhängt, aufnehmen
kann; ich vermag schlechterdings in dem buch im ganzen
weder sinn noch verstand zu entdecken, wenn Sie mir
einmal gelegentlich schreiben, so vergessen Sie nicht mir
Ihre memung zu sagen." — 24. 2. 1855 : ^^wenn man so viele
Jahre im Stoff u. Detail gelebt hat, so wird einem das ab-
stractere Denken doch beinahe fremd u. es gehört ein har-
tes Ringen dazu ehe man das wieder in das Leben der Er-
fahrung umsetzt. Jetzt bin ich am Ziel n. brenne fast vor
Ungeduld die solang bedachte Sache [d. h. die deutsche
Altertumskunde! zu Papier zubringen. Der Aufgabe gegen-
über, die wir Philologen, die wir überhaupt in der Wissen-
schaft haben, fühle ich mich ungeheuer klein u. alles was
wir leisten ist eigentlich nichts im Verhältnis zu dem was
wir sollen. Und jemehr ich dies einsehe, desto zorniger
werde ich jedesmal, wenn Menschen, die davon keine Ahnung,
dafür kein Gefühl haben, mit Anmaszung, wie Qoltzmai^n,
oder mit spatzenhafter Leichtfertigkeit u. Eitelkeit, wie . . .,
auftreten. Das was wir sollen, unsere Aufgabe, die hoffe
ich allerdings so bestimmt u. klar, u. so grosz zugleich
jetzt hinstellen zu können, dasz ein sicherer Maszstab da-
23*
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356 AnmerkuDgen zu B. I S. 859—360.
mit gegeben sein wird und es leicht sein wird hinfort die
Gecken Ton den Treuen zu unterscheiden. [V^I. II 313
u.: Vilmars Br. 4] Hab ich die Einleitung nur ent
überwunden, u. zu Ostern hoiFe ich Ihnen gute Nach-
richt geben zu kOnnen, so wird die letzte AuKarbeitung
des ersten Theils rascher von Statten geben und za Ende
der Michuelisferien hoffe ich ziemlich am Ende za sein.
[Der erste Band der Alterthumskunde erschien fhataäcblidb
erst 1870]. Erhalten Sie mir Ihre freundliche Theil nähme o.
Gesinnung. leb weisz wohl was die Leute von mir denken,
und dasz ich äuszerlich betrachtet anders erscheine, als ich
bin. Dem tiefer Blickenden kann es nicht entgehen , da^tz
mein böses Wesen einen ernsten u. gerechten Gmnd hat.
Werden Sie nicht irre an mir. Es wird sich alles offen-
baren. Sie aber gehOren zu den wenigen MenscheD. von
denen ich nicht möchte, dasz sie auch nur einen Augen-
blick an mir zweifelten.* — Berlin, Schellingstr. 7. 25. Jan.
1857: -Gerade heute kam ich in meiner Vorlesung über
die Nibelungen auf einen Punkt, über den ich Sie Iftngst
habe einmal fragen wollen. Sie wissen, dasz Wilh. Grimm
in d. Heldensage S. 41 u. Mone in d. seinigen S. 45 die
beiden Orte Horus u. Kiliandr, zwischen denen Sieg-
fried nach dem Itinerar des Abt Nicolaus den Fafnir er-
schlagen haben soll, auf Horhausen u. Kaldem (Kalantra)
gedeutet haben. Ich möchte von Ihnen hören, was
Sie nach Ihrer genaueren Localkenntniss von diesen
Namen und Deutungen halten und ob Sie nichts
besseres wissen. Es ist immer schon mein Gedankt* ge-
wesen einmal die Grenzen von Niedersacbsen u. Hessen u.
was sich daran schlieszt zu besuchen , besonders um der
Heldensage willen , dann aber freilich auch weil meine
Familie gerade dorther ,aus Winterberg* stammt.* —
11. 5. 62: ,Jac. Grimm ist unverwüstlich, wenn ersieh auch
zuweilen durch Kindereien allerlei zuzieht, z. B. eine Ei^
kältung dadurch, dasz er in der Nacht das Bettzeug von
sich wWt."* - 11 Br. d. Br. an M. s. Anz. f. d. A. 11, 235 C
S. 360. no. 179]. Voraufgeht W.'s Br. 51 an J. Gr. v.
2. 6. 1859: W. dankt darin tür die Abh. über die Göttin
Tanfana, freut sich auf die zweite Wb-Lief. vom E., schickt
weitere Zettel und berichtet über seinen, letzten Freitag |je-
haltenen Vortrag über V. Ickelsamer. — An diesen Brief
schlieszt sich W.'s Br. 52 v. 6. 8. 1859, worin er J. Gr. für
den Vortrag über die Göttin Freia dankt und sich über die
2. Lief, vom E äuszert: »besonders begierig war ich auf
den artikel 'emesz* . . . Ihre darlegung ist überzeugend, und
ie haben auch darin recht dasz das anlautende e gewis
y Google
Anmerlningen zu B. I S. 860—867. 357
nicht ursprünglich, sondern nur in der ausspräche lang ist.
übrigens wird, da die Wetterau neben %mBz" häufig genug
*1m8z* spricht und mitunter i für den umlaut e setzt, wol in
'emaz* das e dem ^ vorzuziehen sein, das wort ekstem,
weiches Sie sp. 899 haben , ist in der Wetterau so volks-
üblich, dasz es kaum fremdher sein dürfte, ich hab<^ es
extern geschrieben und werde einen zettel darüber ein-
senden. Campe führt es beiläufig in abeztern und ab-
äflchem an, und in dem Aachener idiotikon von Müller und
Weitz s 44 steht extere . . . von Wörtern finde ich nicht
eisenstimme ans Herders Cid und eisgangslied aus Elop-
stoek 1. 285, doch wer kann alle Zusammensetzungen ver-
zeichnen , sie sind zahllos. — Die auszüge ans unsem
Schriftstellern haben sich auch in der neuen lieferung ver-
mehrt, und es freut mich dasz unter den ausgezogenen
Schmidt von Wemeuchen ist, der so vieles aus dem volks-
ieben bringt, aus den anliegenden zetteln werden Sie er-
sehen dasz ich auch die trauerspiele von Weisze für das
Wörterbuch durchgehe. Sie geben aber geringe ausbeute.
Franz Roth , der einige tage oei mir war, hat die absieht,
die ihm erreichbaren Schritten Rists auszuziehen.
S. 862. no. 180]. Voraus geht W.'s Br. 68 (ein kurzer
Begleitzettel) an J. Gr. v. 29. 9. 1859: Neue Zettel, darun-
ter Aufzeichnungen aus einer Schrift des Franz v. Sickin-
gen. Dr. Crecelius theile ihm mit dasz das Citat im Wb.
8. 158 (unten) lauten müsse : 'Widerlegung des calvinischen
Testaments Casp. Peucers.* Tn einigen Tagen werde er
weiteres an W. Gr. schreiben.
S. 368. die luft in Pillnitzl. In dem in meinem
Besitz befindlichen Exemplar des 1858 erschienenen Karl
Meinet, (welches aus W. Gr. 's Bibliothek in die Weigand*8
[vgl. Weigand's Br. 93 in Anm. zu S. 380] übergegangen
war und 1879 vom Kerler'schen Antiquariat in Ulm von
mir gekauft wurde), findet sich eine getrocknete Pechnelke
in ein weisses Blättchen gezogen mit der Beischrift ^Buinen-
berg bei Pillnitz am 9. Sept. 1859* v. Wilhelm's Hand.
Ausserdem finden sich auf dem vorderen Einbanddeckel und
Vorsatzblatt eine grosse Zahl von kurzen Bleistift* Notizen,
welche bekunden, dass W. Gr. das Buch fieissig durch-
studiert hat.
S. 365 no. 181]. Darauf erwidert W.'s Br. 54 v. 27. 11.
1859: Dank für die Rede auf Schiller, neue Zettel. Der
Aufsatz über die Göttin Bendis sei ihm nicht zugekommen.
An Schwabe werde er den Dank ausrichten.
S. 367. Crecelius] zur Zeit Professor am Gymnasium
y Google
358 ÄDmerkangen za B. I S. 367—369.
in Elberfeld. Er wird das von Weigand geplante wettermaer
Wb. veröffentlichen (vgl. Anm. xu 8. 315). — Fol^^enden von
J. Gr. an ihn gerichteten Br., welcher sich auf s^ne Mit-
theilungen für das Wb. besieht, theilte er mir freundlichst vor
knrzero mit: , Hochgeehrter herr doctor, willkommen waren
die anezüge ans Amadis und Kömer, für deren Übersendung
ich noch nicht habe danken können, behalten Sie femer
Inst nnd mnsze unser werk zu fördern, von dem nftchsteas
zwei hefte auf einmal erscheinen sollen, so wünsche ich,
dasz Sie auf die buchst. F und G rücksicht nehmen, snmal
in werken von 1650 — 1750 danach suchen möchten, dem
in dieser zeit, wo die spräche gesunken und noch nicht ec^
hoben war, gewähren selbst mittelmäszige schrifUteller noch
hergebrachte Wörter und redensarten, die sich später ver-
kriechen, nachdem bedeutendere geister die poesie nea an-
fezündet haben, die gewöhnlichen autoren werden dann xu
loszen nachahmern und lassen alle eigenthümlichkeit
fahren, doch in der wähl seien Sie unbeschränkt. — Fröh-
liches nei\jahr wünschend verbleibe ich Ihr ergebenster
Jac. Grimm. Silvesterabend 1858*
S. 367. aufsatz über die göttin Bendis . . .
damit Sie ihn zu Tanfana u. Freia legen]. Alle
3 Aufsätze erschienen 1859 in den Monatsberichten d. Berl.
Akademie, wieder abgedruckt sind sie in den kl. Schriften
V, 416 ff.
S. 368J üeber Wilhelms letzte Krankheit und Tod vgl.
besonders noch, was sein Sohn Herman darüber im Anschlusi
an Jacobs Rede auf den Bruder mittheilt. (J. Gr.'s Kl. Sehr.
I, 178 f.) — In no 182 1. Lappenbergs Jubiläum.
S. 369 no. 1831 Vorauf gehen W.'s Br. 55-59. — fe.
55 V. 3. 1. 1860: Tröstender herzlicher Glückwunsch Eum
Geburtstag. — Br. 56 vom 11. 1. 1860: Kurzes Begleit-
schreiben zu neuen Zetteln. — Br. 57 v. 21. 1. 1860: Neue
Zettel. Aeusserung über die neue Lieferung von E. In
Giessen würden aie neuen Lieferungen von Verschiedenen
eifrig durchgelesen. Crecelius werae er an seine beab-
sichtigte Recension erinnern und selbst eine für das Central"
blatt liefern. Die Rede auf Schiller habe allgemein gefallen.
Den Dank an Schwabe für die Abb. über die Diminutive
habe er ausgerichtet — Br. 58 v. 21. 2. 1860: Dank ftlr
übersandte Schriften, neue Zettel und Notizen dazu. - Br.
59 V. 10. 6. 1860 : Neue Zettel, Erwähnung seiner Recension
von Wurms Wb. in no. 20 des lit. Centralbl., eine über
Sanders solle in kurzem folgen. — Auf no. 183 antwortet
W.'s Br. 60 V. 5. 8. 1860: W. dankt für das übersandte Bild
und hofft, dass die Krankheit bald überstanden nnd er J.
y Google
Anmerinmgen zu B. I S. 369—870. 359
in Giessen sehen werde. Die Bruchstücke ans dem Rosen-
fffurten habe er mit gleicher Wehmuth darchffegangen wie
die Schloszlieferong des zweiten Bandes desWb. Die vierte
Lieferung vom E habe ihm auch sehr gefallen. Als An-
denken ans Wilhelms Bücher bitte er um ein Exemplar der
Abb. über die Sa^e v. Ursprang der Christnsbilder , welche
er noch nicht besitze, ^sonst würde mir eine mhd. dichtung
lieb sein , besonders ein exemplar, in welchem sich kleine
bemerknngen, wenn auch nur wenige , von der band Ihres
herm bruders bei- oder eingeschrieben befänden, und ich
überlasze ganz Ihrer gute, welches buch Sie für mich be-
stimmen wollen. ..."
S. 370 no. 1841 Vorauf ffehen W.'s Br. 61-68. Br. 61
V. 2. 10. 1860: Neue Zettel aus Joannes Nasus heftiger
fegenschrift gegen des Georg Nigrinus buch *von brüder
ohann Nasen esel\ welches er für die Giessener Universitäts-
bibliothek gekauft habe. Sie hätten vergeblich mehrere
Wochen in den Abend-Eilzug von Norden her nach ihm
ausgeschaut. — Br. 62 v.25. 11. 1860: Neue Zettel. - Br.68
V. 11. 12. 1860: Neue Zettel, »nur zwei, die obenaufliegen-
den zu *fasznacht* und zu *feenland* erscheinen nach-
träglich, der Zettel zu jenem worte ergänzt die bereits
übersandten stellen aus den ersten drucken von Schillers
Wallenstein und Teil und zeigt dasz Schiller stets fz setzte,
nicht rt. der zettel zu *feenland* bringt eine hübsche stelle
aus den liedem Schmidts von Lübeck, die für das Wörter-
buch ausgezogen zu werden verdienten, ich will sehen dasz
ich jemand veranlaszen kann die geeigneten stellen auszu-
schreiben. — ^ In den weihnachtsferien werde ich die schon
lange beabsichtigte recension über Sanders liefern. ... —
Wird wol in München an dem ergänzungsbande zu den
weisthümern schon vorbereitet oder gar gedruckt? . . sollte
ich noch irgend ein ungedrucktes weistnum auffinden, so
werde ich es gleich abschreiben und an Sie senden. — Dasz
Philipp Dieflfenbach in Friedber^ zu ende des octobers ge-
storben ist, wiszen Sie vielleicht noch nicht, er litt an
einem ausgetretenen brache und es scheint noch ein lungen-
leiden dazu gekon^men zu sein, nur 5 tage lag er zu bette,
die trauernachricht hat mich recht betrübt. — Gymnasial-
lehrer Dithmar in Marburg will in dem osterprograram de«
fymnasiums eine abhandlung über die dentscne grammatik
es 16. jahrh. liefern und ich glaube dasz eine gründliche
arbeit zu erwarten ist. ..." — Auf no. 184 folgten W.'s Br.
64-8 - Br. 64 v. 31. 12. 1860 : W. dankt für das gütige Geschenk
des letzten vollendeten Werkes von W. Gr. f Freidank], welches
schon in der ersten Ausgabe sein Lieblingsbuch gewesen
y Google
360 Anmerkungen za B. I S. 370.
sei. Auch die beiden Abhandlangen in Hftupts Ze.
er demnächst genauer lesen. £r fireut sich über J.*8 Ge-
nesung, schickt neue Zettel, spricht sich anerkennend über
L. Diefenbachs Qloss. lat.-germ. aus. Rumpelts Lautlehre
habe ihn beim ersten Einblicke zurückgeatossen. Die Grösse
an Thodichum habe er bestellt und solle sie erwidern. Eib
Weisthum von Rodheim, welches wahrscheinlich fehlerhaft
bei Schatzmann gedruckt sei, habe J. Gr. von Th. srag^echickt
erhalten. Th/s "Gau- u. Mark Verfassung' sei recht fleise^
und scheine werthvoll, doch seien seine sprachlichen Be-
merkungen nicht immer vorsichtig. Dieser Tage irerde er
Sanders recensiren, Wurm scheine ohne Titelblatt erloschen.
Dr. F. Roth in Frankfurt sei wegen eines Brustleidens in
Ruhestand versetzt. — Br. 65 v. 3. 1. 1861 enthält W.'s Gebnrt»-
tagswüDsche u. eine Aeusserung über Eehreins Volkssprache o.
Volk^(sitteira Herzogthum Nassau. So wie das Idioticon vorliege
genüge es trotz der fleissigen Sammlungen nicht. — Br. 68
V. 10. 2. 1861: W. schickt eine neue Lief, seines Wbs. ,wie
wenig man sieb aber in ansetzung der formen immer auf
Graff verlaszen darf, habe ich wieder einmal bei rathfragen
gesehen , für welches derselbe im ahd. zwei formen , rftt-
frägön und rätfräg^n, hat. nach dem Substantiv rätfräga
ist die erste zu erwarten, richtig stellt sich auch seine
zweite auf -§n, die Zarncke bei Benecke 3, 390 b nach-
geschrieben hat, als unbegründet heraus, denn die gl. herrad.,
aus welchen Graff sein rätfräggn hernehmen will, enthalten
bereits Schwächung des -ön zu -ön. so musz man eben
überall selbst nachsehen, um sicheres geben zu können, wie
oft denke ich bei meinen Untersuchungen an Sie und spreche
im Geiste mit Ihnen. . .* — Br. 67 v. osterdienstag 1861:
W. freut sich über die neue Lieferung des Wbs. ,abtf
doch waren mir die artikel über ^es", auf welche Sie mich
bereits aufmerksam gemacht hatten, eine besondere freode
und wie sollte man diese nicht haben, wenn man die grossen
Schwierigkeiten so schön überwunden und sich tief in die
geschichte des wortes und in die feinsten fasern der stellang
und des gebrauches eingeführt sieht, dabei trotz der nm-
faszendsten Vollständigkeit überall mit der wünschens-
werthesten einfachheit und klarheit es ist eine wahre lost,
den gegenständ so durchgearbeitet und abgerundet vor
äugen zu haben, ein anderes *es* sp. 1138 haben Sie über-
raschend und vortrefflich aus *sich' nachgewiesen, dieses
*es' ist in Volksliedern hiesiger gegend überaus häufig, in der
Wetterau viel weniger gehört, aber merkwürdig bleibt in
dieser ein eindringliches *sichste sich* d. i. siehst du sich
= siehst du! z. b. : *sichste sich, er hats gethan, und alles,
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 870. 361
was er sagte, war gelogen*; .sichste sich, er wollte uns
betriegen*; ^sichste sich, wir sind um unser geld, wie ich
Srophezeit habe* u. s. w. -te, -de ist das aogeschwächte
n. *8ich* = uns sp. 1189 ist hier und in der Wetterau das
ailfibliche; aus dem Simplicissimus habe ich mir nicht
wenige stellen in mein wetterauisches Wörterbuch ein-
getragen, auch *sen' sp. 1189 erscheint hier und in der
Wetterau durchweg geläufig, z. b. *es is kein waszer da,
du must sen holen*; ,ich hab kein brot mehr, bring mr
(mir) sen* u. s. w. klar über dieses wort, das offenbar ge-
kürzt ist, bin ich noch nicht geworden. . . — hier erhalten
Sie eine nachlese von stellen, eine weitere sende ich ganz
in der kürze nach, bei den lustspielen von Kretschmann
aber kann ich nur die einzelnen stücke citieren ' —
Br. 68 V. 21. 5. 1861: Neue Zettel, einige würden wieder
zu spät kommen, so die Stellen für *8ich mchen*, für welche
kein deutsches Wb. belegende Stellen vorzubringen wusste.
Leider sei der *Schoszhund von Dusch' erst seit wenigen
Tagen in seinen Händen. Die Recension v. Sanders sei ab-
gesandt £r habe sich noch manchen Trumpf zurück-
behalten. Fr. Roth sei am Archive mit vollem Gehalte
angestellt.
S. 370. Ph. Dieffenbach]. Directer des Schul-
lehrer-Seminars in Friedberg und um die Localgeschichte
der Wetterau hoch verdient. Aus den 28 Brieten dieses
Gelehrten an Weigand von 1841 — 58 reichend , hebe ich
folgende Stellen aus, in welchen er J. Grimm erwähnt:
Friedberg 8. Dez. 1843: „Durch meinen Sohn Richard
habe ich Herrn Jacob Grimm ein Exemplar meines Werkes
über die Vorgeschichte der Wetterau übersandt; hoffent-
lich wird dieses und Jenes darin von einigem Interesse für
ihn Wyn.* — 24 12. 1846: „Lieb war mir in Frankfurt
mehrere der ausgezeichnetsten Männer unsers Vaterlandes
persönlich kennen gelernt zu haben. Unter diesen wird
Sie hauptsächlich Jac. Grimm, Schmeller und Wilh. Wacker-
nagel interessiren .... Jac. Grimm fragte mich nach
Ihnen." — 14. 7. 1856 : „Sie erwähnen Jacob Grimms neue
Abhandlung *über den Personenwechsel in der Rede*. Wie
freue ich mich, dasz dieser Mann, der mir beinahe gleich-
alterig u. dabei so lieb und werth , immer noch so jung
und frisch in der literarischen Welt dasteht. Ich werde
freilich in der Regel erst ein halbes Dezennium nachher
mit seinen Schriften bekannt. Seine Abhandlung 'über
das Verbrennen der Leichen* habe ich erst dieses Frühjahr
zu lesen Gelegenheit gehabt, dabei wieder seine Schärfe
und Belesenheit bewundert und hätte ihm gerne wegen
y Google
362 Anmerkmigen zu B. I S. 870.
einiger Punkte« über die ich nicht mit ihm einTerstand»
sein kann, geschrieben, wenn sich gerade Gelegenheit da-
zu gefunden hätte .... Über Ihre Anfrage in Betreff d«
*Wir* als Anrede hess. Lehrer kann ich Ihnen keine ge-
nügende Antwort ertheilen. So weit ich erfahren, 'wbt die-
ser pluralis majestaticus mehr nur persönlicher Natur/ ^
1. 4. 1858: j,Ich habe zwar in früneren Jahren Do rlar
worüber Sie in Ihrem gestrigen Schreiben für unsem lieben
Jacob Grimm anfragen, öfter besucht .... Ich meine, ia
früheren Jahren einmal eine alte Urkunde gelesen zn haben,
worin Dorlunlar vorkam, doch ist mir das Nähere ent-
fallen und es kann sein, dasz ich es mit Holonlar ver-
wechsele. Die Stelle im Cod. Laur. III. p. 1. No. 3032, wo
es Dorlenlar heiszt, wird Ihnen bekannt sein. Da aber
dort so viel verschrieben ist, so möchte es nöthig sein, ror-
erst bei Herrn Baur in Darmstadt, wo sich ein Verzeich-
nisz der falschen Namen des Cod. Laur. u. die Verbesserung
nach einem sorgfältig verglichenen Ms. (zu München?) be-
findet [Vgl. II 350 : no. 17 IJ, hierüber anzufragen. — Von dta an
kenne ich nur Urkunden, in welchen immer Dorlar steht . . .
Über den Grdahegau finden sich bekanntlich Nachrichten
bei Wenck (II, 445 Note o) u. kurz bei Schmidt (I, 69 Not. c.
und 154). interessant ist aber besonders die Angabe im
Cod. Laur. III. p. 46 No. 3181: 'in pago Er d ehe in Erd-
eher marca juxta fluvium A r d a h a \ weil noch jetzt die
A r d ( A b r d) ihren Namen hat. Dieser Bach entspringt
(wie auch auf der groszen Gen. Stabskarte Sect. Gladenbach su
ersehen) auf der Gränze des Gr.-H. Hessen am Holfholt
(worüber ich an Ort u. Stelle eine Sage gesammelt) zwischen
Hohen Solms u. Frankenbach, flieszt zuerst bei dem Dorfe
Erda, dann bei Ahrdt (beide Preuszisch) vorbei u. er-
S'eszt sich bei Burg, nördl. von Herborn m die Di IL
er Name des Gaues existirt aber soviel mir bekannt,- im
Munde des Volkes durchaus nicht mehr. Doch habe ich
hierüber keine besondere Nachfrage gethan. (Der Aar-
bach, welcher bei D i e z in die Lahn fällt, kommt von
Süden u. kann hier wohl nicht berücksichtigt werden.)*
S. 370. Dithmars* grammatishe Thätif^keit].
D. hatte siclr am 1. Nov. an Weigand mit der Bitte um
Hilfsmittel für sein 1862 veröffentlichtes Gyranasialprogramm ;
•Einleitung in die Greschichte der neuhochdeutscnen Gram-
matik* gewandt. Später erschien von ihm noch eine
längere Abhandlung über die altdeutsche Negation ne in
abhängigen Sätzen im Ergänzungsband zu Zacher*s Zeitechr.
f. deutsche Philologie 1874 S. 183—318.
ib. Rumpelts lautlehrej. H. Bh. R. Deutsche
; Google
Anmerkangen zn B. I S. 872. 363
Grammatik mit Rücksicht auf vergl. Sprachforsch. 1. Th.
Lautlehre Berl. 1860.
8. 370. ein baud weisthümer] der vierte, welchei
1863 erschien. Th. 1—3 er:»chienen 1840—2, Th. 5 u. 6 erst
1866-9; vgl. S. 384.
S. 372. no. 185]. Darauf antwortet W's v. Er. 69. 11.
6. 1861 : W. schickt Zettel zum Wb. Weisze's lustspiele habe
ich erst seit kurzem in der hand. sie bieten, wiedietrauer-
spiele, für das Wörterbuch weniger, als die komischen opern,
und ich freue mich dasz ich aiese zuerst auszuziehen be-
gonnen habe, überhaupt stehn dieselben auch viel hoher,
als jene lust- und trauerspiele. — Durch Hirzels gute bin
ich in den stand gesetzt, noch vier Schriften von Heinrich
Leopold Wagner für das Wörterbuch auszuziehen. . . .
Wagner schöpft in seiner spräche mehr aus dem volke und
so bieten seine stücke stellen, wie man sie nicht leicht bei
andern Schriftstellern findet. Göthe hatte den grösten ein-
flusz auf ihn. ... — Eben da ich weiter schreiben will , er-
halte ich Ihren lieben brief . . . und ich fühle mich wie zu
Ihnen in Ihr zimmer versetzt und mit Ihnen redend, ich
war sehr gespannt, wie Sie über meine anzeige des Sanders
urtheilen würden, und Ihre billigung ist mir eine wahre
freude. . . . dasz Sanders so schändlicn gegen Sie handeln
konnte, hat mich wahrhaft empört, doch in meinem nächsten
briefe mehr über ihn. ich bin begierig, ob er entgegnen
wird , und dasz er diesz thut , wahrscheinlich auf dem um-
schlage eines heftes, läszt sich . . . erwarten. ..."
3.372. wenn zehn, zwanzig unbeantwortete
B ri efe vor mir liegen ]. Vgl. hierzu einen Brief Prof. F. E.
Chr. Dietriches in Marburg an Weigand v. 16. Nov. 1861 : „Sehr
vermisse ich es aber , dasz er mich auf meinen schon vor
mehreren Monaten an ihn gerichteten Brief über mein Vor-
haben, die Aussprache des Gothischen zu behandeln, keiner
Antwort gewürdigt hat, obwohl ich mich zu seinen treuesten
Schülern und Verehrern rechne.* — Hier sei bemerkt, dasz
mir noch 2 andere Briefe Dietrichs an Weigand aus 1861
u. einer aus 1855 vorliegen, aus dem vom 25. Febr. 1861
folgende Stelle wegen ags. reöfan: „Da es in der Zusam-
mensetzung beröfe ^beraubt* heiszt, so erklärt sich der alte
Irrthum, dasz es mit redfian, beredfian zusammengehöre,
obwohl dies schwach ist, und ein reduplicirendes beredfan
als Particip beredfen voraussetzen würde. Bouterwecks
Schreibung röfen (8. 238 seines Glossars) gehört einfach in
die Reihe seiner Sprachschnitzer. Lye hatte es unter einem
fälschlich angenommenen rifan, u. kein reöfan angesetzt,
daher letzteres auch bei Bosw. fehlt. Erst Jac. Qrimm hat
y Google
364 Anmerknngen zu B. I S. 372— 374,
es aus dem ^anz üblichen altn. riufa richtig erkannt, ud
Bouterweck hat es offenbar besser wiszen wollen, indein er
ein redfan erfand.* Vgl. auch Anm. zu S. 377. — Briefe
J. Grimmas an Dietrich sind nicht erhalten, wie auch dk
übrige wissenschaftl. Correspondenz Dietrichs abhanden ge-
kommen zu sein scheint. Der oben erw&hnte Brief Diet-
richs an J. Gr. befindet sich dagegen in der Grimm-Coi^
respondenz und ist v. 19. 6. 1861 datirt. Die Schrift derent-
wegen D. um Mittheilnngr^n bat erschien 1862 in Mai^
bürg: 'Über die Aussprache des Goth. während d. Zeit
seines Bestehens*.
S. 372. Ihre anzeige des Sanders]. Wei^and*a
Polemik mit Sanders setzte sich fort. Er liesz später,
gerade wie Grimm, bei der Fortsetzung des Wörterouchs
anders völlig bei Seite, und wünschte, dasz es auch Ton
andern geschah. So schrieb er einem mir yorliefrenden
Concept nach am 9. 4. 1872 an Eehrein: «Meine empfeh-
lende recension des von Ihnen und Ihrem söhne erschiene-
nen Wörterbuchs der weidmannsprache (Wiesbaden 1871 8*j
ist abgegangen .... wie Sie aber bei der so schwierigen
ableitung von ,fialzen** s. 51 auf einen Sanders rücksiehi
nehmen Konnten, begreife ich nicht, denn dieser versteht
doch, wie sich in seinem dicken Wörterbuch fast unzählige
mal zeigt, von unserer deutschen spräche in ihrer entwick-
lung nichts . . . Jacob Grimms urtneil über ihn bringt die
vorrede zum Wörterbuch bd. 1 s. LXVII in kurzen schlacken-
den Worten; ausföhrlicher spricht er sich in einem briefe
an mich aus/
8. 373. des königs letzte rede die mit einer
phrase schlieszt welche ich für einen Sprachfehler erkläre].
Gemeint ist die Thronrede vom 5. 6. 1861 , welche mit :
*Da8 walte Gott* schliesst Gr. meint, es müsse entsprechend
dem früheren Sprachgebrauche: ^Des walte Gott* lauten.
S. 374. no. 186). Antwort auf W.'s Br. 70 u. 71 und
auf einen Br. seiner Tochter v. 11. 7. 1861, womit sie ihm
ihre Photographie zusendete : — W.*8 Br. 70 v. 7. 7. 1861
dankt für die Abhandlang *Über Maue* (Kl. Sehr. V 441),
übermittelt neue zettel rür's Wb., so wie den über-
sandten Brief Sanders und bringt verschiedene Aeusserungen
über Sanders. Vor S. sei ihm nur ein Jude bekannt, der
sich mit Forschen im deutschen abgegeben, Prof. Joel
Loewe zu Breslau. — Br. 71 v. 17. 7. 1861: Begleitworte
zu neuen Zetteln. — Auf no. 186 folgen W.'s Br. 72 8.
— Br. 72 V. 11. 8. 1861. Dankt für das Exemplar v. Wü-
helms Abband 1. über die Christusbilder und ebenso in sei-
ner Tochter Namen für das Geschenk von Frl. Augnstchen,
y Google
Anmerkungen zu 6. I S. 874. 365
bestellt Grüsze an Prof. Pfeiffer falls er noch in Berlin sei.
Er habe ihm seinen Vortrag über Ickelsamer für die Ger-
mania noch nicht zusenden können, da noch einiges anders
zu fassen sei u er auch eine in Weimar befindliche kleine
Schrift lokelsamers noch nicht habe bekommen kOnnen. Anf
Sanders Antwort denke er in der That nnr zu erwidern,
falls Zarncke einige Worte wünsche. »Die abscheuliche
that gegen kOnig Wilhelm , der auch in unserm grosz-
herzogtnum sehr beliebt ist , hat hier wie überall aufs
höchste erschreckt u. entrüstet . . . ." - Br. 73 v. 26. 8. 1861:
Dank für Abh. über einige goth. Wörter (Kl. Sehr. V, 445)
neue Zettel, am 8. Sept. feiere Oervinus seine silberne Hoch-
zeit. Warum wohl K, Gödeke einen Theil seiner schönen
Bibliothek verkaufe? — Br. 74 u. 76 v. 20 9. u. 29. 10.
1861 ; Neue Zettel. - Br. 75 v. 19. 10. 1861 : Neue Zettel.
,,Bei der philologenversaramlung wird nun, durch einstim-
migen beschlusz • zu Frankfurt a. M., eine germanistische
section gebildet und tritt im nächsten jähre zu Augsburg
ins leben, hätte sie gleich in Frankfurt erstehen können,
so würde sie. recht zahlreich geworden sein, indem viele
f^mnasiall ehrer an ihr theil genommen haben würden, es
ist diesz ^ewis erfreulich, denn es zei^. wie die erkenntnis
und der sinn für die deutsche sprachwiszenschaft gewachsen
sind, und ich denke dasz für diese die bildung der section
noch stärker wirken soll, die bei der Versammlung an-
wesenden germanisten wiszen Sie aus dem telegramm, des-
sen abfaszung Wackemagel übernommen hatte, es gieng
alsbald nach dem bei dem festeszen auf Sie und Uhland
ausgebrachten hoch, welches das nächste auf das auf
Deutschland war, an Sie ab. Ihre antwort hat uns sehr
gefreut und Ihr wünsch „seid froh** hat sich erfüllt, wir
waren recht froh, wären es aber doppelt gewesen , wenn
wir Sie noch bei uns gehabt hätten, wir waren, selbst in
den Sitzungen, fast immer beisammen, nur Rudolf von
Raumer verliesz uns schon am zweiten tage, indem ihn die
auf diesen fallende goldne hochzeit seiner eitern zur rück-
reise nöthigte. seine ^thesen über die behandlong des alt-
deutschen auf gymnasien und über die heranbildung der
dazu nöthigen lehrkräfte* hatte er in den Sitzungen der
pädagogischen section am ersten und zweiten tage mit ge-
wandtheit und beifall vertheidigt. es ist doch unter unsern
Philologen ein ganz andrer geist, was deutsche spräche
und literatur betrifft, als früher, wo sich dieselben starr
und steif abschJoszen. — Gestern abends waren weithin auf
den höhen feuer angezündet und auch hier in der nähe der
Stadt brannte eines zur feier des tages. das sind herrliche
y Google
366 Anmerkungen zn B. I S. 874
zeugen des irischeren geistes, der sich gewaltig in unserem
Volke regt, besonders dem erbfeinde unseres Vaterlandes,
den franzosen, gegenüber, för Preuszen ist der tag ein
doppelter festta^, und von hier aus sieht man auf dem
thurme der nahen burgruine Gleiberg eine mächtige fahne
wehen, aber auch viele deutsche auszerhalb rreuszens
feiern mit, denn auf dem könige Wilhelm ruhen grosse
hoffnungen itlr das ganze Vaterland. — Professor Diez war
mehrere wochen hier, der erste band der neuen aufläge sei-
nes etymol. Wörterbuchs der romanischen sprachen wird in
kurzem ausgegeben werden und am zweiten gedruckt, er
sagte mir dasz vieles geändert sei, doch habe er wegen der
kürze der zeit nicht alles aufs neue durcharbeiten können,
wie er es gerne gewünscht hätte, jedenfalls hat das vor-
treffliche werk auch ohne diese völlige durcharbeitnng noch
bedeutend gewonnen . . .- — Br. 77 v. 7. 11. 1861 : W. dankt für
die neue Lieferung des Wb., schreibt über Wurms Tod. — Br.
78 V. 8. 12. : Neue Zettel, er habe Freitag vor 8 Tagen über
den Buchstaben R einen Vortrag gehalten, sich aber da-
bei auf die deutsche Sprache beschränkt. Fr. Pfeiffers Kr-
krankung vor vier Wochen habe ihn erschreckt, er sei nun
wohl wieder hergsstellt.
S. 374. ab handl. V. den Christusbild ern). Sie
steht jetzt auch in W.'s kleineren Schriften lU. S. 138 ff.
c 376 no. 1871. Darauf antwortet W.'s Br. 79 v. 81.
12. 1861: Dank für Wilhelms Bild u. neue Zettel. Bei
öffentlichen Versammlungen würde zwar manches leere
Stroh gedroschen y aber er freue sich doch, dasz sogar die
Philologen alten Schlages , die sich sonst gef^en deutsche
Sprachwissenschaft sträubten,dieser sich jetztgeneigter zeigten.
— Es folgen W.'s Br. 80-4. — Br. 80 v. 3. 1. 1862: Ge-
burtstagsglückwunsch, neue Zettel, der Director des giesze-
ner Gymnasiums sei ein eifriger Leser des Wb.*8 — ßr. 81-
83 u. 85 V. 12. 1.. 2. 2., 23. 2., 5. 5. 1862. Begleitworte für
neue Zettel.- Br. 84 v 21. 4. 1862 : Neue Zettel aus dem Alma-
nach der deutschen Musen von 1774 u. 1776 sowie Beleg z.
*fliesner* aus Klamer Schmidt. „Herzlichsten Dank für das
^tigst übersandte schriftchen zur begründung des in der
Sitzung des Göthecomitäs am 7. april eingebrachten an-
trags. es ist mir von hohem Interesse, das nähere über die
angelegenheit, die mir aus den Berliner Zeitungen nicht eben
vollständig bekannt war, zu erfahren, was mich am meisten
interessierte, war Ihr brief s. 8 — 11, der sich so kurz und
treffend über die aufrichtnng der Standbilder und die Stel-
lung der drei heroen in unsrer literatur zu einander aus-
spricht, nach meiner vollen Überzeugung konnten Sie nach
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 374—377. 367
dem verkehrten beschlnsze der versammlnng vom 16. joli
y. j. nicht anders handeln, als austreten, wer mOchte auch
an den Verkehrtheiten nur irgend antheil haben! der neue
antrag bahnt an, aus diesen herauszukommen, und ich
wünsche dasz er schon darum den überwiegendsten beiCall
finden möge , . /
S. 376. ein von den Leipziger druckerraben
angeschrieener autor]. Vgl. «LGr. an v. Lassberg y.
19. oct 1836 : «der drucker , der wie ein rabe nach ms.
hungert, zwingt mich unablässig das grammatische feld zu
pflügen.'
8.377. Vorigen herbst, ja was solte ich in
Frankfurt!] Nach dem als Einladung versandten Pro-
gramm sollte in der pädagogischen Section Prof. Rudolf
y. Raum er: ,über die Behandlung des Altdeutschen auf
Gymnasien u. übi^r die Heranbildung der dazu nöthigen
Lehrkräfte" sprechen, ferner wollte Prof. Dr. Bursian: »Vor-
schläge zur Einigung über die Aussprache des Griechischen
auf deutschen Gymnasien und Universitäten* machen.
S. 377. Roth.] gemeint ist Franz Roth t 1869 in
Frankfurt a. M. der unter anderem lange an Eonrads von
Würzburg Trojanischem Krieg arbeitete. Das Gedicht
wurde dann von Keller für den Stuttg. litt Verein 1858 heraus-
gegeben. Er stand mit den Brüdern in brieflichem Verkehr,
wie folgende Stellen seiner Briefe an Weigand (52 der-
selben von 1844 — 67 liegen mir vor) ergeben : Frankfurt
6. 2. 1846: , Wissen Sie, dasz W. Grimm (wenn ich mich
recht besinne) über 'Athis u. Prophilias' in der akademie
d. Wissenschaften einen vertrag gebalten hat'' [vgl. S. 322].
— 14. 10. 1846, «Ihnen etwas ausführlicher über die Ver-
sammlung [d. Germanisten] zu schreiben . . ist mir sogar
ietzt noch nicht möglich . . und bemerke nur, dasz ich den
brief an Wilhelm Grimm besorgt, alle grüsze ausgerichtet
habe.** — 15. 7. 1851: »Ich wollte nun für diese geschenke
[über Freidank u. altdeutsche gespräche u. s. w.] nicht
mit leerer band [kommen] u. scnrieb für W. Grimm die
deutschen Sprüche des Freidanks aus einer Ascbaffenburger
hdschr. in Aschaffenburg ab , streng meine äugen etwas
an u. erkältete mich, so dasz ich ein sehr schlimmes äuge
bekam , in meinen ferien nur einen brief an W. Grimm
schrieb und anstatt nach Heidelberg zu gehen, das zimmer
hüten muszte Uhland der v. 30. juni an hier war,
einige ausflüge in die umgegend machte d. 8. juli zu Wolf
nach Jugenheim, dann nach Marburg ging (sicn in Gieszen
nicht aufhielt?) u. am donnerstag zurück nach Tübingen
ist ... . Als Uhland da war, stöberte ich meine notizen
y Google
368 Anmerkungen zu 6. I S. 377.
über hiesige hss. durch and fand dadurch noch Sprüche aas
dem Freidanke in einer hs. der hies. stadtbibliothek, die
ich sogleich an Wilhelm Grimm schickte a. ftlr die er in
dem 80 eben angekommenen briefe dankt; in dem vorigen
briefe schrieb er , dasz er erst 2 abhandl. für die akndemie
vollenden müsse, ehe er an eine nochmalige durcharbeitang^
des Preidank komme , woza ihn nener Stoff nOthige , ans
diesem entnehme ich , dasz er einige tage in Freien walde
wohl za seiner erholung zubrachte. Doch Sie müssen diese
briefe, wie manchen andern z. b. von Karl Roth, Schmeller
a. s. w. selbst lesen." — 11. 7. 1852: »Ich will meine
ferien zu einer reise nach Leipzig a. Berlin benutzen, wo
ich Sie bei meiner durchreise heute über 8 tage zu sehen
gedenke u. alles in auftrag nehmen will , was Sie mir an
laupt oder Grimm u. s. w. zu bestellen geben.* — 28. 8.
1852: «Von Jacob Grimm die herzlichsten gp-üsze u.
schönsten dank fQr die mittheilungen , denen er in betreff
der auswahl, Zuverlässigkeit u. nettigkeit, wie allen Ihren
arbeiten das gröszte lob spendete. Auch Wilhelm grüszt
herzlich u. bittet um Zusendung der für ihn in aussieht ge-
stellten Schriftsteller, die mir Wilhelm Grimm slIs noch
nicht für das Wörterbuch ausgezogen angab (nicht auf der
Frankfurter bibliothek befindlich) sind : Fuchs ameisen- u.
mückenkrieg, Sibylle Schwarz, Ernst Christoph Homburg,
Jacob Schwiger, Nicolaus Peuker, Benjamin I^eukirch (s.
Wachler TU, 279. 281. 283. 285). Was ist davon auf der
Gieszener bibliothek?* — 12. 9. 1852: »Soeben war Jacob
Grimm bei mir, der nach Heidelberg ist.* (vgl. Gervinus
an Weigand 23. 9. 1852. Anm. zu S. 308). - 17. 11. 1852:
,ln der einleitung, die mh: recht wohl geföllt [es handelt
sich jedenfalls um d. 2. Aufl. von W.'s Wörterbuch d. ^-
nonymen Mainz 1852], finde ich alles dahin gehörige an-
feführt Auch dürfte noch untersucht werden, ob
acob Grimm im 2. bände d. grammatik nach den *neuen
abkürzungen* (francof. frankrarter glossen) diese glossen
oder andere meint; denn Jacob Grimm besitzt, wie Wilh.
Grimm mir d. 26. 9. 1851 schrieb, von diesen glossen eine
abschrift Maszmanns, welche Wilhelm bei den Wiesbader
glossen benutzt haben wird , weshalb ihm die lesefehler
nicht zur last fallen. Wilhelm setzte damals hinzu *ein
genauer abdruck, etwa in Haupts Zeitschrift, würde immer
verdienstlich sein**. — 20. 12, 1852: mtnahren steht in der
hs. des herm v. Aufsesz (in der sich Albrechts von Keme-
naten Zwerff Goldmar findet) nr. 1359 b in einem verzeig-
nisse von pnanzennamen, das ich für Jacob Grimm abge-
schrieben habe und das ich im concepte noch besitze: es
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 377—379. 369
ist nirgends gedruckt." — 9. 9. 1855: ^Dasz W. Qrimm in
Soden war , nahen Sie wohl aus der zeitung erfahren ; er
lieez mich es wissen u. ich habe so einen herrlichen taff in
[seiner gesellschaft] verlebt. Auch Ihrer wurde gedacht*.
— 30. 8. 1857 : ^Zu Ihrer Berlinei reise das schönste wetter I
• an herzlichster aufnähme bei den beiden Cirimm, bei Masz-
mann u. s. w. . . wird es nicht fehlen . . . GrüszenSie mir doch
J.U.W. Gr., sowie Wilhelms frau r^cht herzlich u. die söhne
Wilhelms — die tochter, die ich wohl den 20. luli 1840 in
Cassel sah, war ende juli 1852 (als ich in Berlin) im Harze."
— 5. 1. 1860: , Leider hat Ihnen u. mir der schlusz des
iahrs durch das abieben Wilhelm Grimms noch unersetz-
lichen Verlust gebracht. Möge Jacob uns und der Wissen-
schaft noch recnt lange erhalten bleiben!* — 25. 1. 1862:
^Mit diesem briefe geht auch ein päckchen zettel fürs
Wörterbuch an Jacob Grimm ab, von aem ich lange nichts
gehört habe.*
Von den Briefen der Brüder an Fr. Roth scheint keiner
erhalten zu sein , wenigstens sind meine Nachforschungen
nach denselben bei dem Sohne erfolglos gewesen. In der
Grimm-Correspondenz finden sich auch nur zwei Briefe v.
Fr. Roth an J. Gr. Der erste v. 2. 1. 60 ist der Beileids-
brief aus Anlass v. Wilhelms Tod. Dr. Th. Creizenach habe
dem auch in Frankfurt tief empfundenen Verluste am
29. Dec. in d. lit. Section des Vereins f. Gesch. u. Alterthum
würdige Worte verliehen. Der zweite vom 13. 5. 1861 ent-
hält Mittheilungen über Weisthümer und einige Zettel
fürs Wb.
S. 378. ob das wb. gelesen wird von andern
als von Hildebrand u. von Ihnen] vgl. J. Grimm an
Franz Pfeiffer v. 11. 4. 1862 (Germ. XI, 252).
S. 379. Was Sie von Pfei fer melden]. Ein
Brief Pfeiffers an Weigand vom 8. 11. 1861 be^nnt: ,Da
ich an einem Fieber zu Bett liege, so musz ich mich zq
Beantwortung Ihres Briefes der Hand meiner Frau be-
dienen.* — L. »Megenberg'.
S. 379 no. ISS] Darauf antworten W.'s Br. 86—90. —
Br. 86 V. 3. 6. 1862: Neue Zettel. ,Wenn ich früher ein-
mal Ihre gedrängtheit erwähnte, so bezog sich diesz auf
die faszung Ihrer forschungen und der aus diesen gewonnenen
ergebnisse, und gerade die inhaltvolle kurze art Ihrer dar-
legung ist mir besonders lieb, begriffe und belebe, über-
haupt die ausführung der artikel sind nach meinem er-
meszen nicht zu kurz und es ist gewis höchst wünschens-
werth, wenn Sie hier so ausführTich, als möglich sind.
.... — Meinen besten dank für das schöne büd
E. StongeL Acten der Brüder Orlmm. 24
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370 AnmerkuDgen za 6. I S. 379.
Fichtes. Ihrem nrtheil über seine philosopbie stimme ich
Yollkommen bei, aber seine reden an die deutsche nation
habe ich immer geschätzt, besonders angezogen hat mich
von unsem philosophen überhaupt nur einer, nämlich Kant,
und ich habe in ihm stets den scharfen denker bewundert.
- Wilhelm Hoffmann ist nichts anders als ein bnchmacher,
dem es nur auf den verdienst ankam. . . bei der von mir
beabsichtigten recension gilt mir es weniger um das buch
selbst, vielmehr darum, manches sagen zu können, woiu
sich hier gelegenheit bietet. . . .* — Br. 87 v. pfingstsonntag
1862 : W. theilt einige Bemerkungen zur neuen Lieferung des
Wb. mit. „zu diesen rechne ich zunächst wenn ich die
Wörter *felddienst' und 'felddienstzeichen^ vermüst habe,
welche bei unsem Soldaten sehr geläufig sind. . . vielleicht
wären noch *feifeP und 'finkler* in der alphabetischen
folge zu erwähnen gewesen, um auf *feibel* und *finkeler'
zu verweisen, wo jene beiden formen auch angeführt sind.
bei *feldbett* fiel mir aus Waliensteins tod aufis. 3 auftr.
10 ein : ,was sagst du ? dreiszig jähre haben wir
zusammen ausgelebt und ausgehalten.
in äinem feldbett haben wir geschlafen,
aus ^inem glas getrunken, ^inen bissen
getheüt* —
und die stelle ist schön, aber sie konnte auch wegbleiben,
da das geläufige wort an sich in seiner bedeutung keines
beleges bedurfte, das *ein so* in der stelle aus Schwabes
tintenfäszl auf sp. 1444 z. 8 v. u. ist nach der Volkssprache
nicht ganz durch *80 einer* zu deuten, sondern diese £aazt
vielmehr das sp. 299 f, behandelte wort scharf in dem sinne
'so und nicht anders* (= in d^r und keiner andern weise
des handelns oder handelnd, in d^r und keiner andern weise
beschaffen, überhaupt in d^r und keiner andern weise), die
von Alberus in seinem dictionar. aus der Dreieich angeführte
redensart *der alb feist so* auf sp. 1466 stand bereits voll-
ständiger 1,245 unter *alp*, und ich hatte übersehen, sie
noch einmal bei *feisten* zu wiederholen, jetzt hört man
sie in jener gegend nicht mehr. sp. 1664 in der zweiten
bedeutung von *finkeln* wird funkeln zu schreiben sein und
ich werde einen zettel zu diesem worte nachbringen, der
ansdruck gehört der Volkssprache an füge zwei be-
merkungen von dr. Christian Rumpf bei, einem meiner
ersten zuhörer, der namentlich im niederländischen und im
friesischen sehr schöne kenntnisse besitzt. . . Rumpf ist ein
sehr eifriger leser Ihres Wörterbuchs. — Die Kölner zeitong
meldet von einem am 30. v. m. in der academie zu Wien
gehaltenen vertrag Franz Pfeiffers über das Nibelungelied,
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 379—380. 371
auf den ich begierig bin. es soll nicht aus Volksliedern
entstanden sein, sondern den von Kürenberg zum verfaszer
haben. Pfeiffer wird jedenfalls für seine behauptung seine
gewichtigen gründe haben ; wie ich die sache vor der band
ansehe, glaube ich kaum dasz er völlig überzeugen dürfte.
— Unsere verstorbene groszherzogin war im lande sehr be-
liebt « — Br. 88 V. 26. 6. 1862; Neue Zettel. »Eine
bildung Göthes vermisse ich in der neuen lieferung des
Wörterbuches, ^felsenmütze* aus bd. 13 s. 54, und es scheint
fast als habe der sonst so überaus sorgfältige auszieher des
grösten dichters das wort aus irgend einem besondem gründe
nicht auf£[ezeichnet. wäre nur der auszieher Höltys mit der
Genauigkeit Klees [der Göthe auszog ; s. J. Gr. 's Br. an ihn
Germ. 26, 127] verfahren, aus diesem dichter sind viele
aufzeichnenswerthe stellen unaus^ezogen geblieben, und ich
habe in meinen zetteln, wie Sie bemerkt haben werden,
nachzuhelfen gesucht, da ich aber bei manchen bildungen
dachte, sie mOchten Ihnen bereits von dem früheren aus-
zieher vorliegen, und sie deshalb nicht gleich ausschrieb, so
sind sie im wörterbuche weggeblieben, dahin ffehören, wie
ich nun sehe, in der neuen lieferung 'feuerscnmatz' und
•feuerstrand* Hölty (1804) s. 27 und 25. ich werde künftig
aufmerksamer sein und ohne rücksicht auf jenen auszieher
aus Hölty ausziehen, was mir für das Wörterbuch zu taugen
scheint, bisher hatte ich mein aagenmerk mehr auf die
eigentlichen früheren texte von Hölty und die von Voss
nicht aufgenommenen gedichte gerichtet. ..." — Br. 89 v. 16. 8.:
Neue Zettel. — 90 v. 31. 8. 1862: Zettel zum Quellenverzeich-
nisse, „es ärgert mich dasz ich Ihnen ein paar zettel nicht zeitig
habe zusenden können, so z. b. zu *d er fliedermus* mit dem be-
lege aus Schmidts von Wemeuchen almanach der musen und
grazien für 1802 s. 285, wo : 'kocht steifen fliedermus, macht
saure kirschen ein* und zu 'der fliesz*. wozu sich bei eben
diesem dichter, doch ohne dasz sich das ^eschlecht er-
kennen läszt, 'erlenfliesz' bietet. . . . habe bei ßchmidt ge-
sehen dasz er, wie ich früher bereits aus einzelnen gedichten
schlosz, für das Wörterbuch eine bedeutende ausbeute ge-
währt •
S. 380. Wh. Hoff mann] vgl. Anm. zu S. 352.
S. 380 no. 1891 Darauf erwidern W.'s Br. 91—93. - Br. 91
V. 4. 10. 1862: Neue Zettel, Erwähnung der Augsburger
Philologenversammlung. — Br. 92 v. 8. 11. 1862: Freude
über neue Lieferung, neue Zettel. „Fladungen sp. 1709 ist
sicher dativ plur. eines mannsnamens Fladung; ich kannte
einen mann zu Striaen in der Wetterau, der sich so schrieb,
dasz ich bei der sp. 1800 unter 'flink* angegebenen belegstelle :
24*
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372 Anmerkungen zu B. I S. 382—383.
im ganzen dorf ist kein gesiebt
der flinken Hanne gleich
Adelungs fehler aut einem zettel nicht berichtigt habe,
ärgert mich nun. die stelle ist nämlich nicht von Weisze,
sondern von Hagedorn und steht in dfr 1800 zu Hamburgs
erschienenen gesammtausgabe bd. 8 s. 80. der name dürfte
sich berichtigen laszen, wenn die stelle unter dem artikel
*gesicht', wohin sie auch trefl'lich pHfst, wiederholt würde.
. . . ich habe Ihnen doch wol früher einen zettel mit dem
Worte *forstteich' =■ im oder am forst befindlicher teich
und der stelle von Salis s. 51 *der forstteich mattversilbert
(vom monde) glimmt durch zarten ne bei dufl* zugesendet?
es wäre mir leid, wenn der hübsche ausdruck Ihnen viel-
leicht nicht vorgelegen haben sollte. . ." Br. 98 v. 11. 11.
1862: W. dankt für die übersandten Bücher, die mir stets
höchst werthe und liebe andenken sein werden, als ich
beim auspacken den Karl Meinet aufschlug und auf den
ersten blick Pillnitz mit bleistift eingeschrieben las, ergriff
mich ein schmerzliches geiühl, denn gerade über den auf-
enthalt zu Pillnitz verbreitete sich der letzte brief, welchen
ich von Ihrem lieben herm bruder erhielt, und dort, wo er
demnach die dichtung durchgegangen, hatte es ihm so wol
f feiallen, mit welchem fleisze aber und w.elcher Sorgfalt hat
hr seliger herr bruder die einzelnen werke durchgegangen
und durchgearbeitet, letzteres zeigt sich namentlich oei
dem Eraclius, bei welchem eine menge verbeszerungen mit
der grösten genauigkeit eingeschrieben sind. . . ." Neue
Zettel.
S. 388 no. 190] Darauf antwortet W.*s Br. 94 v. 23. 12.
1862: W. übersendet die neue Lieferung seines Wbs. bis
*schmiegen^ „Mit den auszögen aus dem vocabularios
teutonicus von 1482 bin ich nicht fertig geworden. . . auszer
den bisher angezogenen werken aber werden Sie auf den
zetteln manche neue finden, bo Frevers an Weisung zur
teutschen Orthographie (Halle, 1722), Öries gedichte, Gries
Übersetzung von Fortiguerras Richardett, Dreyers gedichte,
Tiedges elegien dritter band und frauenspiegel. die auf-
zeichnungen dr. Bindewalds aus Kist für aas F werde ich
in meine zettel einordnen, so dasz Sie diese auch gleich bei
der ausarbeitung benutzen können. . .*
S. 888. dasz ich anfangs october zur histori-
schen commission nach München muste] J. Gr.
Senoss das specielle Vertrauen von König Max, mit dessen
nterstützung auch der vierte Band der Weisthümer (S. 870)
erschien. Aus dem Brief eines jüngeren Germanisten an
Weigand vom 24. Dec. 1868 geht hervor, dass er sich noch
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 383—385. 373
20 Tage vor seinem Tode für denselben durch ein direct an
den König gerichtetes Schreiben verwandte. In der hist
Commission hatte J. Gr. , als es sich um die neue Ausgabe
von Schmeller's bayrischem Wörterbuch handelte, anfänglich
beantragt nur die nackten Nachträge von Schmeller selbst
abdrucken zu lassen.
S. 884 no. 191] Darauf antworten W.'s Br. 95 96. —
Br. 95 V. 14. 2. 18r3: ^ ... so empfangen Sie erst jetzt die
noch übrigen auszUge aus dem vocabular. teutonicus v. i.
1482 fQr aas F nebst weiteren aus Schillers Teil, den ich
eben in der obersten classe der realschule mit den schülem
lese, doch vielleicht liegen Ihnen bereits zettel von dem
auszieher der schillerscben werke vor, der aber manches
ausgelaszen hat, z. b. eben im Teil den ausdruck 'fluch-
Sebäude'. dann werden Sie einige zettel mit belegen aus
ists neuem deutschen Parnasz finden, die dr. Bindewald
ausgezogen hat, ebenso einige auszüge aus kirchenliedem
von demselben. . . . auffällig ist das von mir aus Vossens
briefen aufgezeichnete wort 'frägler', und ich bin begierig
ob Sie sonst noch einen beleg haben werden, hoffentlich
kommt der zettel nicht zu spät * — Br. 96 v. 18. 3.
18t)8 : Neue Zettel. „R. v. Kaumer hat in no. 9 des lit.
Centralbl. die deutsche Orthographie des 19. jahrh. v. d'Hargues
(seminarlehrer in Berlin, wenn ich nicht irre) angezeigt,
ohne das mangelhafte des buches u. seines Verfassers mit
schärfe hervorzuheben **
S. 385 no. 192] Darauf antworten W.'s Br. 97 u. 98. —
Br. 97 V. 30. 4. 1863: ,.Den herzlichsten dank, lieber ver-
ehrtester herr hofrath, für das unter dem 23. v. nv, gütigst
übersandte, es war mir lieb, das in Riga erschienene buch
über *das schreiben des deutschen' kennen zu lernen, zumal
da es nicht im buchhandel ist. bei allen Wunderlichkeiten,
die darin vorkommen, erscheint es, wie Sie mit vollem
rechte bemerken, viel beszer, als die mit Selbstgefälligkeit
geschriebene schlechte arbeit von d'Hargues. . . . sowie es
mir möglich ist, werde ich die beiden bücher anzeigen,
wahrscheinlich in der Darmstädter .schul zeitung, und da
keine so zahme recenaion des buches von d'Hargues liefern,
wie R. V. Kaumer. . . — Die gütigst übersandten aushänge-
bogen haben mir grosze freuae gemacht . . . übrigens hat
das landübliche, auch in der Wetterau vorkommende 'fort-
schustern' sp. 31 den genaueren begriff: einen durch freund-
liches zuthun sich fortbegeben machen, so schustert man
z. b. einen betrunkenen aus einer Gesellschaft fort, wenn
man ihn zum mitgehn mit einem sich wegbegebenden be-
redet, ihm auch wol vorspiegelt, es warte jemand auf ihn
y Google
374 Anmerkungen zu B. I S. 385—387.
zu hause u. s. w. Eehrein hat sich als director des schal-
lehrerseminars zu Montabaur groszentheils durch seine Semi-
naristen die idiotismen in Nassau aufsammeln laszen, ohne
selbst gewiszenhafb zu prüfen ob auch alles richtig steht^
zumal da er alles nicht geschwind genug gedruckt sehen
kann theils um des geldes theils um der ehre willen, and
so kommt es ihm auf genaue und scharfe begriffsbestimmang
eben nicht an. leichter hatte er es bei seinem onomatischen
Wörterbuche, denn hier hat er groszentheils mein Wörter-
buch der deutschen synonymen ausgeschrieben, weshalb ich
auch eine recension, die er von mir wünschte, ablehnte,
tadeln mochte ich nicht, weil ich ihn aus meiner Studien-
zeit her kannte, und loben konnte ich nicht. — Zu dem
Wörterbuche lege ich hier eine anzahl Wörter bei . . . manches
darunter ist aus öffentlichen blättern und dem gewöhnlichen
leben. — Mit gröstem bedauern habe ich den tod Ihres
herrn bruders in Kassel in den Zeitungen gelesen und es
schmerzt mich tief, dasz Sie wieder in trauer versetzt sind,
gott sei mit Ihnen und verleihe Ihnen trost in diesem neuen
tiefen leide " — Br. 98 v. 17. 6. 1863: Neue Zettel.
Er habe sein Wb. im S ein Stück weiter gebracht. ,in
Notkers aristotelischen abhandlungen s. 58 der ausgäbe
Graffs findet sich ein 'scregehöri.* das ist doch wol ans
einem ahd. scregi unserm nhd. schräge und einem adj. höri,
von höran, hörran unserm hören, erwachsen ? aber wie wird
da bei diesem höri zu erklären sein? etwa gehörig? und
also scregehöri gehöri^keit zum schrägen, schrägheit?
Graff läszt wie gewöhnlich bei schwierigen Wörtern, so auch
hier im stich. — Ags. *snican* = kriechen nehmen Sie doch
wol auch nicht als stark biegend. ... — Mit dem tode des
Professors Knobel ist in der hiesigen theologischen facultät
eine höchst empfindliche lücke eingetreten. . . in der grab-
rede wurde erwähnt, dasz er, als er hierher berufen worden,
auch nach Göttingen einen ruf erhalten habe, um an Ewalds
stelle zu treten, diese letzte berufung aber abgelehnt habe,
weil es ihm widerstanden, das amt des widerrechtlich ent-
setzten anzunehmen, das war auch ganz Knobels fester
gesinnung gemäsz, die jeder an ihm acuten muste und die
er unverholen und ohne scheu aussprach. . . *
S. 386. das elende buch von d'HarguesTF. d'H.
Die deutsche Orthogr. im 19. Jahrh. Berlin 186*2. 8. Weigand
scheint sein Vorhaben das Buch zu recensiren, aufgegeben
zu haben, so kann ich auch nichts über das ihm von Grimm
übersandte, in Biga erschienene sagen.
S. 387 no. 19äU^ygl. auch einen schon von Bindewald
angefahrten Brief Weigands an L.Diefenbach v.31. 10. 1863:
y Google
Anmerknngen zu B. I S. 387. 375
... «Sie erwähnen, lieber Diefenbach, den tod Jacob
Grimms und drücken Ihren schmerz aus. ich dachte Ihnen
an dem tage, an welchem ich an dem grabe des mannes,
an dem ich mit ganzer seele hing , gestanden hatte , von
Berlin aus zu schreiben, aber ich brachte nur wenige zeilen
ferti(^, mich überwältigte die wehmuth und so blieb der
brief unvollendet, dasz er krank gewesen war , hatte ich
nicht gewuszt, noch den 21. v. m., also den tag nach sei-
nem tode, hatte ich ihm aufzeichnungen fHr das Wörter-
buch geschickt und ihm geschrieben, dasz ich über Weimar
und Leipzig zur Philologenversammlung nach Meiszen zu
gehn vorhabe und von da nach Berlin, falls er zu der zeit
nicht verreist sei. während aber dieser brief nach Berlin
lief, lief ein an demselben tage in der frühe geschriebener
brief von Grimms nichte Auguste an mich feinj und meldete
mir das am tage vorher bald nach 10 uhr abends erfolg
hinscheiden sowie die vorausgegangene krankheit, eine
leberentzündung, und dann den nach beszerung derselben ein-
getretenen Schlaganfall, der den tod herbeiführte, meinen
schmerz können Sie Sich denken, ich eilte gleich , nach-
dem ich mich etwas gesammelt hatte, auf das telegraphen-
bureau und fragte bei frau professor Grimm an, wann die
beerdigung stattfinde, worauf ich alsbald die antwort er-
hielt, dasz sie donnerstags früh um 9 uhr sei. So eilte ich
denn mittwochs ^ dienstags hatte ich Augustchens brief
erhalten — mit dem morgens abgehnden eilzug nach Ber-
lin, wo ich abends gegen halb zehn eintraf, donnerstags
früh gieng ich zuerst zu MüUenhoff, um mich zu befragen,
in weicher weise die begleitung zum iriedhofe statthabe,
und begab mich dann etwa um acht uhr in Grimms wohnung,
wo der sarg in der wohnstube aufgestellt war. er war
schon geschloszen und so konnte ich die theuemzüge nicht
noch einmal sehen, oben, zu beiden seiten und an den
beiden enden war er mit kränzen geschmückt, am obem
ende hieng ein kränz von weiszen rosen mit zwei nieder-
hangenden breiten weiszen bändem, worauf die worte ge-
stickt waren ^dem freund der Jugend von dankbaren kin-
dem." ich blieb hier bis zur bestimmten stunde, die
trauerversammlung war grosz. propst Nitzsch hielt die
rede, die begleitung, die sich von dem hause nach dem
friedhofe bewegte war eine so zahlreiche, wie sie Berlin
selten sieht, am grabe, in welches der sarg gesenkt wor-
den war, sprach prediger Buttmann, ein söhn des berühm-
ten Philologen, oeide brüder ruhen neben einander, ich
habe mir das bild, wie ihre sarge stehn, wol eingeprägt,
sonntags nachmittags war ich mit Müllenhoff noch einmal
y Google
376 Anmerkungen zu B. I S. 387—388.
an der stelle; ich wollte gerne die gräber sehen, ehe ich
von Berlin abreiste, es ist die schönste Stelle des kirch-
hofs, wo das einzige brüderpaar ruht, an einer sanften an-
höhe, von welcher man gerade hier eine schöne anasicht
hat. ich war viel in Grimms wohnung, und es ergriff mich
tiefe wehmuth, als ich die zimmer betrat, in welchen ich
vor sechs jähren bei den beiden brüdem so frohe slunden
verlebt hatte, höchst schmerzlich war es itir mich, als ich
dann den 28. v. M. von Wilhelms familie schied, am den
darauf folgenden Tag morgens früh nach Meiszen zu reisen.
— Über die philologenver8ammlunf2[ an diesem orte wissen
Sie wol alles aus den zeitungen, wie schön wäre es doch
dort gewesen, wenn Jacob Grimm, wie es vor seiner krank-
heit seine absieht war, auch hingekommen wäre, mich er-
füllte der schmerz um ihn und ich kann darum nicht von
heitern tagen sprechen, wie andere bei der gedächtnia-
feier , der die gesammtversammlung anwohnte , sprach
Zamcke ganz vortrefflich, und was die grenzboten darüber
berichten, ist völlig der Wahrheit gemäsz. — Ich habe es
übernommen , vorerst das F zu ende zu führen, und Hilde-
brand, dem Grimm schon vor etwa sechs jähren das K
übertragen hatte , wird auch das G ausarbeiten. Grimm
ist im artikel 'frucht' stehn geblieben und von da habe ich
dann weiter zu arbeiten. der winter wird demnach ein
schwerer für mich sein , indem ich zugleich an meinem
eignen buche arbeiten musz. könnten Sie mir vielleicht
gütigst mittheilen, ob in den von Ihnen ausgezogenen
glossaren irgend 'frühling* sich findet und in welchen, so
würde ich Ihnen dafür herzlich danken.**
S. 38^. L. Diefenbach]. Der berühmte Sprachforscher
stand sowohl mit Fr. Diez, wie mit Wei^nd in intimen Vei>
kehr. Diez Briefe an ihn habe ich mit denen, die er an
Weigand schrieb, (vergl. hier IL 366) in meinen Erinnerungs-
worten an Fr. Diez Marb. 1883 veröffentlicht. Seine eige-
nen an Diez gedenkt Prof. Tobler zu veröflfentlichen, einige
der, welche Weigand an ihn richtete, besitzt jetzt Dr. 0.
Bindewald in Gieszen und hat mir Einsicht in dieselben
gestattet ; (s. v. Anra.) ; auch die, welche er an Weigand schrieb
(77 von 1837—1872) liegen mir "vor. Ich theile daraus das auf
Grimm bezügliche mit : Br. 17 fv. 1842:1 „ Die merkwürdigen
V. J. Grimm entdeckten ahd. Gedichte aus heidniscber
zeit, Berlin 1842, werden Sie nun auch aus d. Rhein. Zei-
tung oder aus Grimms Broschüre kennen ?" — Br. 21. v. Hanau
2. 12. 1843: „Sobald [meine Grammatik] im Druck ist, werdeich
sie Ihnen zusenden, um .... Ihre Ansichten über viele
wichtige Punkte zu hören, darunter gar manche, in welchen
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 388. 377
ich selbst v. J. Grimm abzuweichen wage .... Wenn die
Grimma noch zaudern, kommen Sie ihnen doch mit einem
nhd. Wb. zuvor , ehe Ihr tnonumentum aere perennius [d.
Wb. d. Synonymen) von andern Lexikographen, vielleicht
z. B. von mir, als Spicker benutzt wird". — Br. 24 v. 11. 3. 1844 :
„Besonders freue ich mich , dasz Grimm Sie zum Idiotikon
antreibt; wir sind ja wohl alle von der unschätzbaren u.
vielseitigen Wichtigkeit idiotischer Studien überzeugt ; be-
halten Sie nur in Gottes Namen meine Papiere länger . . .
Wenn Sie Hrn. J. Grimm wieder schreiben , so fragen Sie
ihn doch einmal über die captatio benevolentiae durch die
Titel vetter u. base in hiesiger gegend , auch anderswo in
Deutschland (dem Ruggau, Rud-liuthgau; beiläufig versteht
das Volk hier auch aas Wort gau). Dasz ein ESngel auf
dem Brodlaib sitzt, weshalb man ihn nicht verkehrt legen
darf, wird er wissen ; sodann dasz bei Finsternissen Gift
auf die Erde fällt u. diisz der Vogelflug Was bedeutet.
Schreiben Sie ihm diese Kleinigkeiten einmal gelegentlich,
so bitte ich meine Empfehlung zuzufügen, sowie noch eine
kleine Bemerkung, die mir gerade beifällt: dasz zu seiner
Erklärung von 'hiaford' (lord) ags. (noch mehr als z. B.
unser Brotherr in seiner speciellen Bedeutung) der Umstand
passe: dasz das Bulgarische Volk den Sultan 'unsem Sup-
penherrn* nennen soll, wenn der Berichter nc^e 6orhagi
nicht falsch verstanden hat. Meine Mutter will ich nochmals
nach dem Norntbörtiche fvgl. 11 381 u. 1 fragen oder lieber aus
den Dauemheimer Flurbüchern die älteste Schreibung etc. zu
erkunden suchen." — Br. 25 v. 9. 4. 1844: „Über den Nomen-
brunnen erwarte ich noch Auskünfte; einstweilen: Der ganze
Grund heisztbeim Volke nermburrem und wird Nornboden ge-
schrieben ; dort der nerm-bom (närn-). Die durch eine
noch existirende Geldstiftung bestätigte neuere Volkssage
von der Altenburg bei Dauemheim ist, glaube ich, Ihnen
u. Grimm bekannt. In der Dau. Gemarkung ist auch der
fßUe (gille, gülle) -born, dessen gelbes Waszer nur flieszt, wanns
'rieggiebt [vgl. II 382 o.]. Fieberfurcht hält, wie an vielen
Orten, die Leute vom Trinken aus diesem Brunnen zurück. —
Die Notiz über Alahstat aus Schannat (cf. Alahdorp- Allen-
dorf V) bei Grimm 3. 428 werden Sie kennen." — Br.26v.28.
5. 44 : „Nach Absendung meines Briefes an Sie, lieber Weigand !
kamen mir noch einige Teüfelnamen ganz zufällig in die Hände,
über die ich Sie u. J. Grimm fragen möchte, vorausgesetzt
dasz sie in der Mythologie (deren Studium ich demnächst
vorhabe) nicht berührt waren. 'De olle Firk* der Teufel
nnd.) hängt doch mit dem e. firth nicht zusammen? Das
e. firk (vgl. ferkeln u. ferl bei Klein ? gehört wol auch nicht
y Google
378 Anmerkungen zu B. I S. 388.
dazu. Steht es in Verbindung mit gth. fairhvus ahd. (fira-
him) ferh etc., wozu wol dän. fyr Bursche, Kerl; Geliebter,
gehört; vgl. altn. fiör = ferh. Verschieden ist dÄn. schwed.
f ö r gesund, tüchtig, das zu afrs. fere id. Rhof. 734 gehört
Ist das dort erw. altn. faere habilis, sufQciens, eine Ver*
wechselung mit foer meabilis Grm. 2,9 Nr. 73?? fcer pasat
durch OB besser zu dän. för — woher das glbd. iörlig,
schwed. fyrlig ; foere (faere) beszer zu den fries. Formen, an
welche sich femer altengl. schott. fere , fiere , fier soand,
(nicht von frz. fier, ferus), healthy, knüpft. Letzteres be-
deutet auch sodalis, Freund, Bruder, Ehemann etc. u. map
in dieser Bd. = ags gefgra (Syn. 833) sein. Wie ? — nnd.
Pfänder, fanner* Teufel ist doch wol der viant e. fiend , der
böse Feind? fankerl bei Klein 106 bed. ei^. Funken
(vanke). wester w. *feiwel* ist wol jedenfalls euphemistisch aiis
deiwel gebildet; indessen mag zum Anl. f irgend ein sinn-
verw. Name mitgewirkt haben. Es ist Schlafenzeit, gute
Nacht ! Ihr alter Freund Lorenz D." — Br. 27 v. 2. Pfingststa^ :
„Grimms Mythologie neue Ausg. besitze ich zwar, mag sie
aber vor ihrer Vollendung nicht binden laszen u. deshalb
auch nicht lesen. Deshalo mögen vielleicht folgende ganz
gelegentliche Notizen, die ich Sie ihm mitzutheilen bitte,
überflüszig sein. Der niederd. *B u d d e* (di ward de Budde
nig biten Dähnert 59) ist wol trotz des d Eins mit dem
Butzemann (cf. Gf v. Buzo)." ~ Br. 29 v. 23. 1. 1845: „Ich werde
gel. in Frankfurt noch einmal Bd. 70 der Wiener Jahrbücher
nachsehen ; alle übrigen Gothica Grimms habe ich, denke
ich, erschöpfend benutzt; in neuester Zeit föngt er an, sehr kühn
exoterisch zu vergleichen.* — Br. 31 v. 3. 4. 1845 : „Ihre lit.
Neuigkeiten von Grimm u. Vilmar sind mir noch fremd ; letztere
werde ich mir verschaflfen, ob ich schon (wenn ich nicht
irre!) hört«, dasz Vilmar zu der pietistischen, germanisch-
christlichen oder protestantisch-römischen Partei neige, die
mir mit allen ihren Producten widriger ist, als das Pabst-
thum selbst." — Br. 32 v. 5. 6. 1845 : „Auf Grimms Fortsetzung
[der Grammatik] habe ich nicht gewartet; sondern mir Th. 1
Ause. 2 für 3 fl. gekauft . . . Von Grimms Streite mit
Müller, dessen mitunter phantastisches Werk ich durchblätterte
u. für Sprachliches excerpierte, habe ich nur gehört; der
Streit mit Schaumann — worüber? — ist mir ganz unbe-
kannt, da ich hier die A. ZZ. nicht lese * -- - Vilmais
Idiotismen in der Kasseler Zeitschrift laszen mich das beste
von seinen Sprachkenntnissen erwarten." — Br. 34 v, Offenbach,
28. 7. 1845: „Ich fürchte, unser J. Grimm hat in dem Streite
mit Müller u. Schaumann neue Blöszen gegeben, um so
mehr, da er die zu seinen Arbeiten Helrenden nicht eben
y Google
Anmerkuiif^en zn B. I S. 388. 379
immer nennt." — Br. 35 v. 16. 3. 1846 : „Neulich las ich irgendwo
die Notiz, dasz endlich der erste Band des Grimmschen
Wörterbuchs herauskommen sollte. Wenn J. Grimm nur
erst seine Grammatik fortsetzte .** — Br. 37 v. 10. 5. 1846 : „Was
wiszen Sie vom Grimmschen Wörterbuch , dessen baldiges
Erscheinen (d. h. des 1. Heftes) alle Zeitungen ausrufen !" —
Br. 39 V. 13. 10. 1846 : „Ihrer gütigen Darleihung der Grimmschen
Abhandlungen (worunter die über Jomandes besonders in-
teressirte) bedarf ich nun nicht, da mir sie der Verf. selbst
verehrt hat . . Jac. Grimm wird zunächst eine Geschichte
der deutschen Sprache herausgeben. Ob wir aber das grosze
Wörterbuch erleben, fragt sich — eher am Ende noch
Weigands wetterauisches Idiotikon!" — Br. 40 v. 9. 12. 1846.
„Über Grimms interessante Abhandlungen sage ich Ihnen später
Manches mündlich oder schriftlich. Mit J. Grimm habe
ich öfters verkehrt [auf der Germanistenversammlung in
Frankfurt] ; er ist überaus gemüthlich u. sprach mich gleich
von Weitem viel mehr an, als sein Bruder, mit welchem ich
zuMlig auch nicht Einmal zusammentraf .... W. Grimm
hat sogar einen Vortrag über das künftige grosze Wb. ge-
balten, aber nur für das gröszere Publicum, darum gar
Nichts über die Art der Behandlung im Einzelnen; an ein
Erscheinen desselben ist noch lange nicht zu denken. Machen
Sie nur zu, dasz Ihres herauskommt! J. Grimm wird zu-
nächst eine Geschichte der d. Sprache herausgeben, — nach
seinen Aeuszerungen bald — , worauf wir uns gewisz freuen
dürfen. Von der neuen Ausgabe seiner R. A. weisz ich
Nichts." — Br. 44 v. 2. 1. 1848 : „Haben Sie nicht vernommen, ob
Grimms Sprachgeschichte bald herauskommt. Ich fürchte
nur, Grimm stirbt uns einmal weg, ehe er Grammatik,
Mythologie, Wörterbuch, Rechtsalterthümer etc. nach Ver-
sprechen completirt hat." — Br.45 v. Frankf. a. M. 19. 5. 1849:
„J. Grimm hat in seiner Schrift über die Diphthongen viele
geniale Forschungen gegeben oder eingeleitet. In den
meisten Fällen indessen , wo er die ursprüngliche Einheit
verwandter Wortstämme durch einen mehr mechanischen
Ausfall von Consonanten erklärt, nehme ich lieber die or-
ganische Entfaltung mehr oder minder synonymer Neben-
wurzeln aus je einer Primitivwurzel an." — ßr.46 v. 11. 1. 1851 :
„Wird denn endlich einmal das Grimmige Wörterbuch den
Kopf aus der Decke stecken ?" — Br. 49 v. 27. 6. 1852 : „Ich unter-
schreibe willig Weigands Witz contra Grimms Aberwitz
(vgl. Anm. zu S. 331 W.'s Bedenken gegen Grimms Deu-
tung) u. darf mich als propbeta post eventum berühmen,
von selbst auf Ihre Ansicht gekommen zu sein, jedoch
mehr an *aber* st. 'after* denkend vgl. Ihre no. 18." — Br.
y Google
,1 * ,
380 Anmerkungen zu B. I S. 388.
60 V. Bornheim b. Frankf. a. M. 24. 1. 1860 : „Unser J. Grimm
wird wegen seiner Schillerrede mehrfach angefochten , in
gewohnter ungezogener Weise von Schwenck im Convers.
der hiesigen (schwarzgelben) Postzeitung.* — Br. 63 v. 26. 10.
1863 : „Wollen Sie . — mir gelegentlich sagen : ob die Verbal-
endunff st der 2. p. sing, statt der älteren s aus Anleh-
nung aes Personförwortes entstand oder wie anders? Ver-
geblich suche ich bei Ihnen u. Grimm Auskunft. Indem
ich diesen theuren Namen schreibe, thut es mir aufs neue
weh, dasz ich seine Ansprache um Beiträge zu s. Wb. bia
auf unbestimmte Zeit ninaus ablehnte, gleichwohl eine
Sammlung begann, aber sie noch zu unbedeutend fand, um
sie ihm zu senden. Da er nicht in meine erdrückende Ar-
beitslast hineinsehen konnte , hielt er mich vielleicht fSLr
undankbar. Have pia anlmat Br. 64 v. 5. 11. 1863:
„Ihre Erzählung aus Berlin (die Begräbnisfeierlichkeiten
J. Gr. 's betreffend. Vgl. II, 375) rief mir eine Aenszenmg Ad.
Kuhns in einem Briefe an mich in den Sinn. Er war bei
W. Grimms Begräbnisse gewesen u. war sehr bewegt von Jacobs
Anblick, der immer nur stumm in das Grab gestarrt habe.
[Vgl. J. Gr.'s Kl. Sehr. I. 179.] Die Tragödien des Lebens
stimmen wenig zu dem anthropomorpheu Gotte des *Kad-
dissemes*! . . . Wer übernimmt die exotischen Sprach-
vergleichungen in Grimmas Wb.V Haben Sie nicht an mich
gedacht? Für jetzt freilich dürfte ich nicht darnach
streben. Den anliegenden Anfang einer Sammlung zu Gr.
Wb. benutzen Sie nach Belieben und geben ihn s. Z. mit
den Glossarauszügen zurück.**
Die 8 Briefe v. J. Gr. an D. wurden mir von D.'s Nichte,
Frau Prof. Böse in Giessen freundlichst mitgetheilt In der
Grimm-Correspondenz befinden sich nur 6 solcher, welche
D. an J. Gr. schrieb.
S. 388 no. 194) Antwort auf D.'s Br. 1 [praes. 22. dec.
1835], womit er seine Schrift *Über Leben, Geschichte
und Sprache. Giessen 1835* übersandte: ,Wolgeborener
Herr! Hochverehrtester Herr Professor! Ew. Wolgeboren
wollen mir nicht als Anmaszung oder Zudringlichkeit
auslegen , dasz ich wage , dem hohen Priester des
Tempels, in dessen Vorhofe ich diene, mit meinem
kleinen Geschöpfe näher zu treten. Ihre Forschungen und
noch mehr Ihr frommer, milder Sinn lehrten Sie ja längst,
auch das Kleine nicht zu verachten ; und in jedem Indi-
viduum — Menschen oder Buche — wohnt ja doch ein
Funken der unendlichen Lebensgluth. Diese Gedanken
geben mir den Muth, auch fQr mich und mein Büchlein
eine Stunde Ihrer unschätzbaren Zeit zu erbitten. Ich er-
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 388^-389. 381
laube mir nur noch zu erwähnen, dasz ich die Lyrik, mit
der mein Schriftchen beginnt, von dem philologischen
Theile desselben fern zu halten gesucht habe. - Noch be-
merke ich , dasz unsre hiesige — übrigens an 60,000 Bände
zählende — Bibliothek nicht« Interessantes für Deutsche
Sprache darbietet, als etwa eine, zum Theile auf Pergament,
zum Theile auf Papier geschriebene Randschrift des Barlaam.
Mit herzlicher Verehrung zeichne ich mich Ew. Wolgeboren
gehorsamster Diener Dr. Diefenbach. Laubach inOberHessen.*
S. 389 no. 195] Antwort auf D.'s Br. 2. Laubach 27. 3.
1836 : »Es war längst mein Wunsch, ein Autograph von Ihrer
Hand zu besitzen; ein so freundliches, an micn selbst ge-
richtetes muszte mir dreifache Freude machen und ich will
es gleich einer Reliquie aufheben. Ich bin aber nun so
unbescheiden und bitte Sie um Auskunft über folgende
literarische Angelegenheit: Auf unserer Bibliothek befindet
sich nämlich eine Handschrift des Barlaam. . . Eine Probe
liegt hierbei, nach deren Verschiedenheit von dem Köpke-
schen Barlaam Sie auf den Rest schlieszen mögen. Ich
laufe wol nicht Gefahr, mich bei Ihnen lächerlich zu machen,
indem ich in aufrichtiger Demuth frage: ob diese ver-
schiedenen Barlaame nicht schon eine weltbekannte Sache
sind? Ich bin nämlich für meine philologischen Studien
hier so isolirt, dasz nur die treueste Liebe dazu mich daran
festhalten läszt; das genuszreichc Studium jenes monu-
mentum aere perennius, Ihrer Grammatik, habe ich erst
kürzlich vollendet; den ersten Band hatte ich schon öfters
ganz durchgelesen, die beiden letzteren vor Ausarbeitung
meines Ihnen übergebenen Büchleins erst cursorisch, was
ich nun, da ich auch diese beiden Bände genauer erkannte
und genosz, sehr bereue früher herausgegeben zu haben. —
. . . Archäologisches aus diesen Gegenden weisz ich Ihnen
bis jetzt wenig zu bringen , theils weil ich selbst weniger
mein Augenmerk auf dasselbe — mit Ausnahme der Sprache
— gerichtet hatte, theils weil die raschere Modernisirung
der Wetterau das AlterthÜm liebe in Sprache, Sitten und
Sagen sehr verwischt. Stehen Sie vielleicht schon in Corre-
spondenz mit Professor DiefPenbach in Friedberg (einem
Verwandten von mir) ? Wo nicht, so denke ich von diesem
Notizen für Sie zu verschaffen. Indessen erlauben Sie mir,
Einiges zu bemerken. 1) Im Felde von Dauemheim, Dorfe
bei Nidda (Turenheim , von Karl d. Groszen an Fulda ge-
schenkt) ist ein Grund mit Brunnen, vom Volke Nöm-
burrem u. Nömborn , oder Nornb., von den Gebildeteren
Nomenb. etc. genannt. Wenn ich nicht irre gehört zu
diesem Brunnen die Qaelie, von der das dortige Volk be-
y Google
382 Anmerkungen zn B. I S. 389.
hauptet, dasz sie nur fliesze, wann es Kiieg geben solle [vgl. 11
377 Br. 25 J. — 2) An der Altenbargbei Danernneim (einem Berse
mit Gemäuer oder vielleicht nur Steinhaufen; eine Stunae
davon bei Nidda ist eine andre Altenburg, auf der sicher ein
Schlosz stand; im letzten Sommer fand mein genannter
Vetter bei einem flüchtigen Gange darüber einen antiken
Pfeil in den Steinen) fand ein JSauer eine schöne fremde
Blume, die er auf den Hut steckte. Bald fühlte er etwas
Schweres auf dem Hute, fand statt der Blume einen Schlüge!
u. gewahrte zugleich eine Thüre im Berge, die sich seinem
Schlüssel öffnete. Drinnen war reicher Glanz von Metallen
u. Edelsteinen, u. der Bauer griff wacker zu als eine Stimme
ertÖDte : vergisz das Beste nicnti Er versah sich nun noch
reichlicher; als er aber gehen wollte, rief die Stimme wieder
das Selbe u. so noch mehrmals ; als er keinen Baum mehr
hatte zu weiterem Einpacken, ging er ungeachtet jenes
Rufes weg; hinter ihm fiel die Thüre donnernd zu nnd
schlug ihm noch ein Stück von der Ferse (wett. fearschte)
u. siehe, da erst bemerkte er, dasz er den Schlüssel in der
Höhle liegen gelassen. Ähnliches wird auch anderswo er-
zahlt. Vgl. deutsche Sagen I No. 303. — 3) Ergänzung zu
ib. No. 166. Zwischen meinem früheren Wohnorte, Leid-
hecken, u. dem genannten Dauernheim liegt ein Waldberg,
der hüe bSark (hohe Ber^) genannt. In diesem sah ich oft
selbst die Stätte, woher ]ener Steintisch in Bingenheim ge-
nommen wurde : des wöUe-frä-geschtoils (wilde-Frau-Ch»stühl8)
genannt, ein wunderbares Naturspiel. Auf einem ungeheuren
u. hohen Steine sind die posteriora u. Hände zwei er-
wachsener Personen u. eines Kindes eingedrückt, an ent-
S »rechender Stelle unten am Vordertheile die Fuszzehen des
indes, wie beim Hinaufsteigen eingedrückt, oder nach
Variation der Sage , die Zehen eines zur Familie gehörigen
Hündchens. Dasz von keiner Sculptur die Rede sein kann,
zeigt der Augenschein ; das wilde Ehepaar mit seinem Kinde
hauste hier 'wei di schtän nä^h möU wä.m'; nachher wurde
es verfolgt, der Mann entfloh, Frau u. Kind lebten in Ver-
wahrsam zu Dauernheim bis zu ihrem Tode. Auszer jenem
Steine ist noch der Heerd mit Feuerstätte sichtbar. So das
Volk noch heute. Drauds Aussage (s. Sagen) befindet sich
wirklich noch unter den Urkunden, die von Bingenheim
nach Nidda gekommen sind. War hier eine Opferstätte?
Später eine Maistätte? — 4) Auf dem Glauberge unfern
Büdingen, auf welchem eine Ritterburg u. früher wol ein
Römercastell stand, erscheinen Römergestalten; noch bei
Menschengedenken kamen gerichtliche Verhandlungen dar-
über vor. Der Berg ist überhaupt interessant u. war in der
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 389—392. 383
Urzeit ein feuerspeiender Berg. — 5) Hier in Laubach be-
steht noch ein sonderbarer Rest früherer Zeit: die Blasius-
(Gesellschaft mit eignen Gütern, Rechten u. Lasten, die mit
jenen koroischen Gebräuchen, welche das Mittelalter u. die
daran stoszende Zeit in ihrem sonderbaren Humore zeigt,
en^ verwachsen sind. Sollten genauere Angaben Sie inter-
essiren , so stehn sie mit Vergnügen zu Diensten. — ....
Zugleich wird es Sie vielleicht nicht belästigen, wenn ich
Ihnen — bis jetzt erst unter der Hand zusammengestellte
— lexikalische u. grammatische Notizen üb. den Wetterauer
Dialekt mittheile; Sie wissen, dasz kein Yolksdialekt ganz
ohne Frucht für die historische Sprachforschung studirt wird. . .•
S. 390 no. 195] Der Brief D.'s, auf welchen no. 195
antwortet, liegt nicht vor. Er bat darin J. Gr. sein *Ver-
gleichendes Wb. d. gothischen Sprache. Frankf. 1846.* zu-
eignen zu dürfen.
Ihre persönliche Bekanntschaft] Auf der Ger-
manistenversammlung in Frankfurt. Vgl. D.'s Brief an
Weigand in Anm. zu S. 388.
S. 391 u.] Ähnliche Äusserung im Yorw. z. Gesch. d. d. Spr.
S. 392 no. 198] Antwort auf einen weiteren verlornen
Brief D.'s. womit er Gr. den Bd. II des *Vgl. Wb. d. goth.
Sprache* übersandte. Diesem vorauf ging D.*8 Br. 3 von
Frankf. a/M. 15. 7. 1849: Dank für J. Gr.'s *Marcellus*, der
manchen Satz seiner eigenen *Celtica* bestätige oder be-
richtige, ,Noch überraschender aber war mir unsere Be-
gegnung in der H^othese über gth. sauls st. stauls, welche
ich erst kürzlich in dem Msc. der Fortsetzung meines goth.
Wtb. nebst den weiteren Vergleichungen Marc. 30 nieder-
gelegt hatte. Übrigens verliert am Häufigsten, namentlich
in den litu-slavischen u. der galischen Sprache st sein t vor
Liquiden u. ohne Zweifel durch deren Einflusz, so auch in
slup &c — ' kein sulp &c. ; sollte dennoch vielleicht auch in
sauls die Liquide über den Vocal hinaus wirken? . . . Ich
habe den 2. Band (Rest, die mit L R S anl. Wörter enth.)
vollendet u; den dritten und letzten seit einigen Tagen be-
gonnen. Ihre so liebevollen Worte über mein Buch in der
Vorrede zu Schulzes Wtb. trieben mich um so kräftiger
wieder in meine Forschungen hinein, als die Politik mich
fänzlich missmütig u. müde gemacht hatte. . . . Aber nun
ann ich keinen Verleger finden, u. hatte schon lange vor,
für eine Entdeckungsreise nach einem solchen Ihre ^tige
Unterstützung nachzusuchen , was ich denn hiermit an-
gelegentlich thue Ich erlaube mir , einige flüchtige
Bemerkungen zu Ihrer Geschichte d. d. Spr. Ihnen vorzu-
legen u. dabei der Kürze wegen mitunter auf den in meinen
y Google
384 Anmerkungen zu B. I S. 392.
eigenen Schriften zusammengestellten Stoff zu verweisen.
Wahrscheinlich sind sie für Sie zum Theile üherflüszig,
sollen aber auch wirklich nur als anspruchslose Aphorismen
erscheinen. — G. d. d. Spr. S. 10—11. *arame* aus abramen
&c. vgl. Goth. Wtb. T. S. 15. — S. 12. »ezflst, ezüs* medo-
persischen Ursprungs, wie viele Wörter der finn. u. kaukas.
Sprachen vgl. osset. avzizt, dug. azuesta, klpr. taganr.
ävzist, digor. avieste, Liogr. argen tum. Nurdiedugor. l*orm
hat nicht die in den übrigen Mundarten übliche Umstellung
u. zeigt die wahrscheinliche Verwandtschaft mit sskr. 9veta
id. Weiteres s. Celtica I. 1. S. 29 ff. — *bronze' &c, doch wol
zu braun, brunire gehörig, vU. von der Bed. politum = bm-
nitum, 'stanno lucidissimo i. e. bene brunito* Gloss. man.
1, 812 ausgehend, i fiel aus in mit. bruntus, bruntiasaginm
ib. — 'brass* = gal. prais f. cymr. prSs m. com. brest. —
esthn. 'werrew* ruber von werri san^is, wie finn. werewfi
sanguineus, pulcher von weri sanguis. — S. 30. Über cymr.
08W, *echwa, ep.* &c., wie Übh. über Fferdenamen s. Gth. Wtb.
I. S. 28 ff. — nnl. *ruin*, mnnd. rüne, aachen. rong, JL nhd.
raun, esthn. ruun equus castratus. nnl. ruinen, nnd. rünen,
rünken, lett. rünit, esthn. runama castrare. vgl. vlL ahd.
runen (rimen Graff 2, 526) rautilare ; u. s. m. wahrscheinlich
andern Ursprunges, als warannio. — *page* equus machten
Sie mir schon hier bemerklieb. Hat das wort etwa noch
andre Bedeutungen? Ist nnd. pagem inte mentastrum neben
poggeminte menta palustris Br. Wtb. 3, 283. 348. zu beachten?
vgl. die entspr. Namen bei Nemnich vv. mentha aquatica,
arvensis, sylvestris. Mit afrz. paqu^e mauvais cheval hat
wol page eben so Wenig zu schaffen, als mit port. faca, sp.
haca &c. mannulus, das wiederum schwerlich mit altn.
f&kr zusammenhängt. Nach mehrfacher Analogie kann pai^
eher mit dän. dial. plagföll , föllplack, n. süddän. norafru.
plagge Füllen zusammenhangen. — Hänfj^ span. 'borro',
borricoEsel, frz. bourrique, mlat. (früh) buncus, burricus^^
nifirr. ßygfx^^ ^^' man. 1, 846 mit burdo .ib. 837 zusammen?
— S. 33. cymr. ^dafad' f. com. davat, davas, brt. danvad,
vann. davad comm. Schaf, vll. mit dant Zahn zusammen-
hangend, wie bidens &c. Gesch. S. 35? — S. 35. cymr.
ilamp* agnus ist, wenn ich nicht irre, eine der zahlreichen
Fictionen Leos , der das malb. lamph , lamb keltisieren
wollte ; dagegen gehört gal. lumhan, lubhan m. agnus hier-
her ; Inan finde ich, auszer bei Nemnich, nirgends, wol aber
uan, dessen vollere (wenn nicht bloss phonetisch oder
graphisch zu nehmende) Formen uaghn, uaghan Gesch. 35
den von mir Gth. Wtb. I, S. 82 geleugneten Zusammenhang
mit agnus möglich machen; vgl. meine Ntrr. in Bd. II. 1.
y Google
Anmerkongen zu B. I S. 392. 385
S. 123. Zu lamm* vgl. noch esthn. lammas, gen. lamba,
läpp, lamb neben libba, libbe a|y^ns, letzteres vll. zn
trennen u. za libbes mansuetus, mitis zu stellen. — S. 38.
Über slav. *py8ü, pes' &c. canis habe ich Gth. Wtb. I. S. 351
eine andre Hypothese gewagt. — S. 95 ff. Weigand in Gieszen
hat Ihnen wof die von ihm in einer Hs. gefundenen slav.
Monatsnamen zugesandt? — S. 169 ff. Den lithauischen
Sprachen weise ich ein nahes patriarchalisches Verhältniss
zn den slavischen zu, ähnlich wie der gothischen zu den.
neudeutschen Sprachen. — lett. Guddi Weiszreussen. —
S. 211. dak. daXsta (doch nicht st. ßUUtall) beziehe ich
(Celt. I. 1. S. 203) zu alban. diet, dieti Sonne (vgl. die Insel
JfjXog, von vorgriechischer Bevölkerung benannt, oder:
&riXbg &c.?) nach Analogie anderer Namen dieser Pflanze.
Überhaupt verdient die alban. Sprache Berücksichtigung bei
allen osteuropäischen Forschungen; leider mangeln uns
noch gute Hülfiamittel. — S. 236. adga caput (vll. = gr.
xäQa urverw.) gehOrt einer medopers. Sprache an vgl. pers.
sar u. kurd. afghan. ser, afghan. osset. digor. sar, osset.
tagaur. sär caput. — S. 343. Das armen. Alphabet beginnt,
wie das griechische (auf welches es sich auch meist graphisch
zurückfahren läszt) mit a, b, g, d u. ist nicht in Unordnung,
sondern snäter regelmäszig lautverschoben. Alle Mediae
haben nacnweislich später mit den Tenues die Aussprache
ausgetauscht. Noch ist dieser interessante Zweig des medo-
pers. Sprachstammes wenig durchforscht. — S. 433. slav.
*vjetrü* steht wol näher an wetter, weather als an wind,
vgl. goth. Wtb. V. 27. Vgl. noch Ith. newidönas Miss-
gönner, Feind, kurd. na-binum, osset. ne-fettun odi, eig. non
Video, vgl. goth. Wtb. I. S. 224. 225, wo ich auch neith
hinzugezogen habe, doch nur mit Bedenken; vgl. ib. II. 1.
S. 106 ff. — S. 968. Auch einer der sorbenwend. Dialekte
besitzt noch einen schönen Dual. — S. 974. Zu den nieder-
hess. Formen vgl. wetterau. was-, ob-, dasz-, wie (wel)- der,
ter = was ihr, worin nicht die Part, dar (Schmeller 1, 389),
sondern nur das enklit. Personfurwort steckt. Gehört hier-
her wett. da-t habter, sing, da hastu? Ich habe meine
Notizen über Letzteres verlegt. — S. 973. zigeun. *stvngo-
nester* (flectierte Form) stammt von dakorom. sti'ngu, ste'nga
link, f. sti'nffa* linke Hand, nach Ofen. Wtb. = it. man
stanca. Auen dieses stanco berührt sich mit deutschen
Wörtern; ich habe bereits mehreres darüber gesammelt. —
Erlebe ich die Vollendung und Herausgabe meines goth.
Wörterbuchs u. bin dann nicht genöthigt, einen schleunigen
Broterwerb zu suchen ; so werde ich vor Allem meine zanl-
reichen sprachvergleichenden Brouillons sichten u. ordnen.
E. StengeL Acten der Br&der Grimm. 25
Digitized by VjOOQ IC
386 AnmerkangeB eu B. I S. d9^--394.
Immer mehr wird mir bei diesen Stadien meine Mvtter-
Spracbe in allen ihren zeitlichen n. r&nmlichen Phasen d^i
entmm u. Hauptziel. Leider bin ich hier s^ir isoliert für
dieses Fach. Nehmen Sie mich als Famnlns aa! Yielleicfait
findet sich einmal eine halbe Sinecnre fQr mich in BerHn,
etwa an der Bibliothek, die bei mäszigem Saläre auch nvr
mäszige Amtspflichten gibt n. Zeit zu stillem Forsehea
gibt •
S. 398 no. 199] Darauf antwortet D.'s Br. 4. Frankfmrt a/M.
16. 6. 1854 : ,Mein verehrter Meister und Freund ! Von einer
Beise zurückgekehrt werde ich durch Ihren lieben Brief nnd
durch die wolwollende Ankündigung meines neuen Wörter-
buchs in Ihrer Vorrede Überrascnt. Letzteres wird, für Sie
wenigstens, multa, non multum, enthalten ; ich weide Qber-
zufirieden sein, wenn Sie es einst für eine brauchbare Schüler-
arbeit Ihres Schülers erklären u. hier und da gtut noch
Einiges von meinem Steingebrückel zwischen die Quadern
Ihres mächtigen Baues eintügen mögen. . . . Baer dahier
gedenkt, im nächsten Jahre die Herausjgabe zu bewerk-
stelligen, wenn bisz dahin — Europa die Wahl zwischen
Kosackisch u. Republikanisch getroffen hat. Leider bewegt
diese Wahl auch mich unseligen Europäer lebhafter, us
einem Alterthumsforscher heilsam ist, u. über die Telegraphie
Terffesse ich oft die Lexikographie. . . . Bizarrer Weise
deuKe ich manchmal bei meiner Arbeit, dasz einst Hercules
bei Aagias zwar die unreinlichste, aber darum nicht die
uninteressanteste seiner Arbeiten fand. Eine ähnliche Ge-
schmackslaune gab mir früher Geduld zu meinen Forschungen
über die 2^geunersprache. . . . Ich freue mich auf jede neue
Lieferunjsf Ihres Wörterbuchs, beklage aber oft, dasz Sie
nicht mindestens ein Dutzend Leben, wenn auch auf Kosten
müaziger Inhaber , vom lieben Gotte als Zulage für jedes
Ihrer Jahre erhalten — damit Sie auch in den Seiten-
kapellen Ihres Domes Amt halten können bisz in die tie&ten
Krypten hinab, ohne dem Dienste des Hochaltars Etwas
abzubrechen. Mit den Meinen Ihnen u. Ihrem ganzen lieben
Hause empfohlen Ihr Lorenz Diefenbach.*
S. 393. Halbertsma] 12 Briefe J. Gr.'s an Halbertsma
stehen in Zacher's Zs. f. d. Philol. 17, 257 ff.
S. 394 no. 200] Antwort auf D.*s Br. 5. Frankf. a/M.
16. 6. 1857, wo er Gr. sein Gloss. Latino-Germanicum etc.
übersandte. „Endlich sende ich Ihnen mein Glossar . . . ,
Freilich hätte ich noch die Bibliotheken der Universitäten.
Kirchen u. Klöster durchstöbern sollen; aber in beiden
letzteren hätte ich als persona ingrata selten Zugang ge-
y Google
Anmerkonfen zQ B. I S. 8^—385. 887
fanden, nnd zu Reisen überhaupt fehlte mir Zeit und Geld.
Ich habe Gründe zu fflauben, dasz in der That aach viele
Yon mir unbenutzte Glossarien mir verhältnisrnftsziK weniff
wesentlich Neues geboten haben würden — während freilich
selbst auf Misthaufen ungesuchte Perlen gefunden werden.
Massmann hat mir Hülfsmittel aus Berlin versprochen, aber
nicht gesandt. Seit dem Schlüsse des Druckes habe ich
selbst noch einige hübsche Voce, erhalten, namentlich eine
rein niederländische Gemma G^mmarum. Ich will auch
unter der Hand, je nach Kräften u. Gelegenheit, weiter
sammeln, um über kurz oder lang ein Nacntragshefk her-
auszugeben; die Auflage ist zu stark, um Aussicht auf eine
künftige Umarbeitung zu gestatten. Meine Manuscript-
numer 26 stammt, wie ich znföUig kürzlich von Weigand
erfahr, aus Nebels Bibliothek in Gieszen u. ist Ihnen von
W. excerpiert worden. — Ich war kürzlich nahe daran, mich
aus der Zersplitterung u. dem Dilettantismus zu retten,
denen ich mich in Frankfart, trotz meiner Eingezogenheit,
nicht entziehen kann. Aber Familienverhältnisse u. wieder-
holte finanzielle Schlaf hemniteo meine Bewegungen, und
ich habe wieder auf ein Jahr in Frankfart gemiethet, eine
sehr freundliche Wohnung unmittelbar vor dem Allerheiligen-
thore — wo mich Ihre freundlichen Augen gewiss einmal
finden werden, wann Sie wieder gen Süden wandern. Wäre
ich nicht auch dem EOnige von Preussen gegenüber ein
Ungläubiger, so würde ich Sie um Rath u. That bitten, um
von Jenem eine Sinecure an einer Bibliothek zu erhalten,
in welcher ich in friedlicherer Weise der Welt natzen könnte,
als hier , wo ich nicht aus den Katzbalgereien mit den
Ultramontanen herauskomme. — Mit meinen warmen
Grüszen an Sie u. an die edle Familie Wilhelm Grimm ver-
bindet meine Frau die ihren. Gedenken Sie Ihres treu-
ergebenen Lorenz Diefenbach.'
S. 395 no. 201] Antwort auf einen verlorenen Begleit-
brief D.'s und erwidert durch D.*8 Br. 6 v. Bomheim bei
Frankf. 14. 2. 1861 : ,Mein hochverehrter Freund! Nicht länger
will ich auf die Ankunft des Diplomes warten, um Ihnen zu
sagen, dasz dieses überraschende Ehrenzeugniss mir dadurch
noch eine höhere Weihe erhält, dasz ich es zunächst Ihrer
theuren Hand verdanke. - Seine, von Ihnen fragweise berührte,
günstige Einwirkung auf meine äuszeren Verhältnisse wird
leider durch die immer noch dauernde Verfehmung meiner
Confession (der deutsch-katholischen) aufgewogen werden,
ob ich gleich längst jüngeren Kräften meinen rlatz in der
ecclesia militans überlaszen habe. Meine biszherigen Ver-
suche , ein Lehr-, Bibliothekar- oder Archivai^amt zu er-
25*
y Google
388 Anmerkungen zu B. I S. 395—398.
halten (am liebsten eine halbe Sinecnre mit folglich aac
nnr halber Besoldung), blieben erfolglos, auch fehlte c
wirklich an passender Gelegenheit, oder sie ent^eng* mein«
Anfmerksamteit in meinem Stilleben. Wäre ich flr pa
pistische n. habsbnrglothringer Zwecke so thäÜg g^wesei
wie iUr protestantische^ n. prenssischdeutsche, so wäre mi
änszerlich geholfen, was mir freilich weder Ehre noch Freod
machte. Im Vertrauen gesagt, Hr. Max Dnncker hiU^
mehrerlei Wege gehabt, mich zu fördern, n. schien einma
dazu geneigt, rechnete aber auf mehr Zudringlichkeit, al
ich besitze. ~ Was Sie mir von Ihrem Oesundheitszastandi
schreiben, betrübt mich sehr, u. ich empfinde es um sc
deutlicher mit, weil auch ich Winterleiden (des Jahres a
des Lebens) trage. Es ist ein Jammer, dasz der Geist so oü
mit der Materie unterhandeln musz! — Was mögliche Bei-
träge zu Ihrem Wörterbuche betriflFt , so halte ich mich n
Diensten ftir dieses Volksdenkmal verpflichtet, waffe abei
keine bestimmter zu versprechen, solange meine Zeit ond
Zukunft nicht bestimmter vor mir steht Augenblicklicli
ist meine Arbeitszeit fast ausschlieszlich durch übernommene
novellistische Verpflichtungen in Anspruch genommen. —
Auch auf diesem Gebiete fällt es mir schwer, so weit auä
mir selbst herauszutreten, als es das Publicum verlangezi
darf, selbst das wähl verwandte, das ich zunächst im Auge
habe. Sollte Ihre, mit so freundlichem Beisatze g;emachte^
Rüge der ,schwierigen Anordnung' in meinen Origines dem
Lexikon gelten u. ich Ihnen dessen Benutzungdnrch ein
hs. Register der darinn besprochenen deutschen Wortreihen
erleichtem können, so verfugen Sie Über mich. — Auch für
die Reliquie Ihres lieben Bruders meinen besten Dank!
Eine Begegnung mit Ihm, Frau u. Tochter (die auch ein-
mal mit Ihnen uns besuchte} zwischen hier u. Gieszen (auf
dem Bahnhofe) bleibt mir eine werthe Erinnerung. Dajik-
baren Qrusz u. Händedruck von Ihrem getreuen Lorenz
Diefenbach."
S. 397. Landau]. Archivar, geb. in Cassel 26. 10.
1807, gest. ebenda 15. 2. 1865. vgl. über ihn Gerlands
Fortseteung zu Strieder-Justi S. d23 ff. u. Zs. d. V. fl h.
Ges. N. F. X. Suppl. S. 19. In der Grimm-Correspondens
befinden sich 7 Briefe Landaus an J. Gr.
S. 397 no. 2021. Antwort auf L.^s Br. 1 v. 16. 2. 1833,
mit welchem er J. Gr. Abschrift eines Rulaer Weisthums
nach dem Original des Casseler Archivs übersandte u. sich
zu weiteren Mittheilungen erbot
S. 398 no. 2031. Antwort auf L.^s Br, 2 v. 22. 10. 1883,
mit welchem L. Abschrift eines im Besitz des Pro! Nebel
y Google
Anmerkangen eu B. I S. 398. 389
in Gieszen befindlichen Weisthnms schickte, auch von 2
Weistbümem ans Kaltennordheim berichtet, die er in
einem alten Copialbnch in Fnlda gesehen
S. 898 ady. Carl], anch erwähnt in Bangs Brief 82
in Anm. zu S. 108.
S. 398. Bibl. Bernhard i]. Der hier erwähnte
Brief Bemhardi's ist nicht erhalten. In der Grimm-Cor-
respondenz sind nur 8 Briefe von ihm vorhanden. — Er. 1.
Kassel 26. 6. 1830, „Ich benutze das freundliche Anerbieten
des Überbringers, um durch Sie bejkommende Ankündigung
des thesaur. Stephan., an die Göttingische Bibliothek ab-
zuliefern. . . . Zu gleicher Zeit freue ich mich Ihnen bey dieser
Gelegenheit zu bezeigen dasz ich es mir zu einer vorzüg-
lichen Ehre schätze Ihr Nachfolger geworden zu sevn, uud
dasz es mein herzlichster Wunsch i^ Ihnen näher bekannt
zu werden. Sollte ich Ihnen bey Ihren wissenschaftlichen
Forschungen hier von einigem Nutzen sejn können« so er-
suche ich Sie nur frey über mich zu beschicken. , . ."
Br. 2. Kassel, 20. 6. 1831: ^»Mit Vergnügen übersende
ich Ihnen die verlangten Bücher. Sie wissen wahrscheinlich
dasz die Bibliothek an das Land abgetreten worden ist;
jedoch will der Kurfürst alle die Bücher zurücknehmen,
welche er aus der Wilhelmshöher Bibliothek ins Museum
gegeben hat. Da ich kein Verzeichnisz dieser Bücher unter
den Papieren der Bibliothek vorgefunden habe , so konnte
ich bisher diesz Geschäft, alle Cataloge mit Federstrichen
zu durchkreuzen, als uuthunlich zurückweisen. Nun hat
man mir aufgetragen, an Sie zu schreiben, um zu erfahren,
ob kein Katalog dieser Bücher aufgestellt und besonders
bewahrt worden ist. Ich bitte Sie daher, mir sobald als
möglich ein officielles Schreiben, welches ich den Herren Kom-
missaren vorlegen kann, über diesen Gegenstand zukommen
zu lassen.^
Br. 4. Kassel, 8. 2. 1835: , Verehrtester Freund! Ihr
beifälliges Urtheil in Beziehung auf die Bildung eines Ver-
eins für hessische Geschichte und Landeskunde hat unsem
Muth bedeutend erhöht. Im Auftrage des Ausschusses er-
suche Sie zugleich, uns womöglich inr das erste Heft eine
kleine Gabe zugehen zu lassen. Ihren besonderen Rath
und Ihre gütige Mitwirkung nehmen wir dann noch in
einer Angelegenheit in Anspruch, die wir ohne Ihre Lei-
tung schwerlich genügend würden durchführen können.
Wir beabsichtigen nämlich die Grenzen der verschiedenen
hessischen Mundarten zu ermitteln und das Gebiet einer
jeden topographisch darzustellen, als Vorarbeit zu einer
Sprachkarte von Deutschland. Gewisz haben Sie dazu schon
y Google
390 Anmerknngen zn B. I S.
Vorarbeiten, wir werden Ihnen gern, nach einer von Uma
m entwerfenden Anweisnne, alle erforde]4i<^lleIl Materialiea
liefern, und Ihnen die Arbeit soviel möglich erleichten
wenn Sie die Leitung dieser Forschungen übernehmen wol
len. Zu gleicher Zeit würde eine von Ihnen aosi^ehendi
Aufforderung an alle deutschen Geechichtsvereine zu eine
gemeinschamichen Ausarbeitung einer Sprachkarte ffii
fanz Deutschland nach denselben Gmnds&tBeii «nd
emselben Maasstab gewisz überall Anklang und willüf
Arbeiter finden. £s wäre diesz überaus wichtig* för £e
Geschichte so wie fCtr die Sprachforschung, und dämm haSi
ich keine abschlägige Antwort zu erhalten. Wenn Sie ei
wünschen und wenn Sie eine mündliche Beredung* dieser
Sache für ersprieszlicher halten , bin ich bereit nächstna
nach Göttingen zu kommen, denn ich verkenne keineswegs
die Schwierigkeiten, welche bei der vorgängigen Feststel-
lung der Mundarten zu überwinden sind, und weiez and
wie wenig Männer im Stande sein werden, die erforder-
lichen Nachrichten gehörig einzuziehen; es wird daher
einer recht ausfübrlicnen Erläuterung bedürfen, damit un-
sere zukünftigen Berichterstatter erst lernen, wie sie ihr«
Studien beginnen müssen/
Br. 7. Kassel, 4, 12. 1887: .Verehrte Herren Kollegen
und Landsleute! Dasz sich das Herz Ihrer alten Lands-
leute höher hob, als sie unter denen, welche bei der Wahl
zwischen Vortheilund Pflicht unbedenklich und laut
ihre Überzeugung aussprachen, zwei in ganz Deutschland
gefeierte Namen sah[enj, die Hessen noch näher angehöres
sollten, als diesz seit acht Jahren der Fall ist, das kann
Ihnen wohl keinen Augenblick zweifelhaft sein, und darum
bedarf es keines öffentlichen Ausdrucks der in dieser Be-
ziehung hier allgemein herrschenden Gesinnung. Ich aber
kann unmöglich diese Gelegenheit vorüber gehen lass^
ohne Ihnen, als Stellvertreter eines wahrhaft deutschen
Händedrucks von meinem Kollegen Schubart und mir einen
vaterländischen Grusz zu senden, womit sich der herzliche
Wunsch und die Hoffnung verbindet, dasz diese Verhält-
nisse Gelegenheit geben mögen, unserem Hessenlande ein
verlorenes Gut wiederzuerwerben. Freundschaftlichst Karl
BemhardL^
Br. 8. Kassel, 19. 4. 1848 an W.Gr. gerichtet: .Hoch-
verehrter Freund! Mit der gewünschten Anzeige, dasz
unsere Handschrift glücklich an die Bibliothek zurückgelangt
ist, verbinde ich Namens der Bibl. den freundlichsten Dau
für das stattliche Exemplar Ihrer *Ezhortatio*. Die Zeit-
ereignisse haben mir kaum eine flüchtige Ansicht gestattet
y Google
ABmeekun^ren bq B. I S. 398—399. ,^91
und da man mich nach Frankfort schicken will, so werden
die 8t>rach8tadien nnd die 2. Auflage meiner Sprachkarte
anch in diesem Jahre rohen. Es freot mich, daisz Bezsen-
b^rgers Arbeit Sie befriedigt hat, er ist bis jetzt fast der
Einzige, den ich hier in Kassel für ein ernsteres deotscbes
Spracnstodiom habe gewinnen kOnnen. Wir haben hier
▼oraosfi^esetzt dasz Ihr Hr. Broder Jakob in Preoszen fOr
Franktart gewählt wird, da Sie 110 Abgeordnete schicken.
Sollte dazo keine Aossicht sein, so wäre es mir lieb, om-
gehend Nachricht zu erhalten, indem hier wahrscheinlich
Doppelwahlen Statt finden. . . .'^
Br. 3, 5, 6 V. 22. 10. 1833, 17. 12. 1835, 1. 8. 1837 sind
nor korze Begleitschreiben zu ßüchersendongen. -- Auch von
Bemhardi*8 Collegen Schubart liegt in der Grimm-Corres-
pondenz ein Brief vom 16. 3. 1842 vor, womit er durch
bergk an die Brüder ein neues Heft des Geschichtsvereins
sendet und seine Freude über ihre Widerherstellung aus-
spricht. — Von Briefen der Brüder an Bemhardi scheint
wenig erhalten zu sein. Seine Tochter theilt mir mit, dasz
bei ihres Vaters Tod 1874 sich keine solche mehr vorfanden.
In der Zeitschr. d. Vereins f. hess. Gesch. Neue Folge X.
Suppl. S. 10 ist eine Stelle aus einem Br. J.*s an Bernhardi
V. 12. 12. 1834 mitgetheilt u. ebenda S. 9 eine solche aus
einem etwas älteren Br. Wilhelm's an Dr. Schubart Wegen
eines weiteren Briefes s. Anm. z. I, 5. üeber Bern-
hardi wie Scbubart vgl. vorgenannte Zs. S. 17 u. 22.
S. 399 no. 204 undatirt aber wegen der Erwähnung
von Schraders Tod (t Nov. 1834) wohl vor no. 205 ge-
schrieben. Die diesen beiden Briefen u. no. 206 entsprechen-
den Briefe L.*s liegen nicht vor.
S. 399. Einderlingscbe Bände]. K. war Archi-
var in Fulda u. starb 1819 zu Mainz.
S. 399. SchraderJ, L. , Lieutnant in Cassel. Seine
1832 von Dieterich in Göttingen verlegte (vgl. S. 400 no.
206) Geschichte der Grafen von Nordheim u. Kaltenburg
(Bd. 1. von: *Die älteren Dynastenstämme zwischen Leine,
Weser u. Diemel* u. s. w.) war den Brüdern Grimm gewid-
met. Von Sehr, finden sich in der Grimm-Correspondenz
14 Br. aus den Jahren 1829—1833, welche im wesentlichen
das vorgenannte Buch, welches J. Gr. auch in dem Gott.
Anzeiger besprochen hat, betreffen, u. die hohe Verehrung
Sch.*s für die Brüder bekunden, ebenso aoch die freunf
liehe Unterstützung« welche ihm Jacob Gr. in seinen wis-
senschaftlichen Bestrebungen gewährte. Die B. 1 S. 400 er-
wähnten nachgelassenen Abhandlungen Sehr. 's scheinen on-
gedruckt geblieben zu sein, wenigstens ist keine in der
Zeitschrift d. hess. Geschichtsvereins veröffentlicht worden.
y Google
392 Anmerkimgen zu B. I S. 399—402.
S. 899. Falkenhainer] = Falkenheiner, welcher
in Bd. I— m d. Zs. d. Y. f. hess. Qes. eine Anzahl An&äixe
veröffentlichte.
S. 400 no. 2061. Antwort anf L/s Br. 3 v. 13. 1. 1886:
.... ^Hinsichtlicn des Christenbergs erlaube ich mir noch
einige Bemerkungen. 1240 findet sich Eesterbarg zaerst
und 'diese Namensform bleibt bis gegen das Ende des 15.
Jahrh. Erst im 16. Jahrh. finde ich Christenberg. Schon
1240 findet sich K. als der Sitz eines Landdechanten, woxa
doch nur die ältesten, wenigstens wichtigem, Earchen erwählt
wurden. . . . Wie aber konnte sich Eesterburg in Christen-
berg verwandeln. . . . Diese Umwandlung schien mir eini^^
Analoge mit dem hessis<^en Eespem f&r Kirschen za
haben. Wenn Ew. Wohlg[eboren mir hierüber eine nnr
etwas bestimmte Ansicht mittheilen konnten, so würde mir
dieses sehr angenehm sejn, indem ich eine Geschichte die-
ser Kirche, wozu ich Verschiedenes gesammelt, für eines
der nächsten Hefte unserer Zeitschrift bestimmt habe. . . .*
S. 401 no. 208]. Darauf erwidert L.'s Br. 4 v. 8. 5.
1836 : . . . . „Morgen ^ehe ich nach Marburg. . . Namentlich
werde ich nach Nachrichten über den Christenberg forschen.
Ihrer in Ihrem letzten gütigen Schreiben geäuszerten Ver-
muthung, dasz Kester sich wohl anf den h. Castor be-
ziehen möchte, kann ich nicht beistimmen, weil nie Castor
sondern stets Kester geschrieben wird und sich dann ge-
wisz auch der Zusatz heilig finden würde, wie dieses stets
bei den Orten der Fall ist, die ihren Namen einem Hei-
ligen zu verdanken haben. ..." — Vgl. auch W. Kolbe : *Der
Christenberg im Bnrgwald* Marb. 1879.
S. 402 no. 209]. Antwort auf L.'s undatirten Br. 5
[praes. 5. 1. 1855J: „Theuerster Landsmann! unmöglich
kann ich die Anlagen an Sie abgehen lassen, ohne den-
selben einige Zeilen beizufügen. Qewisz nehmen auch Sie
Interesse an der projektirten Beschreibung der deutschen
Gaue. Um das grosze Unternehmen zu fördern habe ich
ein Exemplar der Beschreibung der Wetterau der dortigen
Akademie übersendet und dieselbe gebeten, durch einen
Ausspruch das Vorhaben zu empfehlen. Es würde dadurch
eine Anregung gegeben werden, welche sicher heilsame
Folgen haben würde. Haben Sie die Güte das Gesuch
durch Ihren Einflusz zu unterstützen. Indesz wäre es mir
auch sehr angenehm, wenn Sie sich persönlich gegen mich
aussprechen wollten. . . . Was sa^n Sie aber zu der von
mir nachgewiesenen eigenthümlichen Dreitheilung. Als
ich zuerst Waitz davon schrieb, hat dieser meine Mitthei-
lung durch Schweigen beantwortet Ich habe es ihm nicht
y Google
Anmerkungen zu B. I S. 402-409. 393
übel genommen, denn einer einfachen Versicherung würde
ich el^n so wenig Glauben schenken. Indessen überzeuge
ich mich immer mehr von der Wahrheit, denn auch im
fränkischen Hessen u. im Oberlahngaue, mit denen ich
jetzt beschäftigt bin, wiederholt sich fort und fort dieselbe
Thatsache. Ja, was den letztem betrifft, so erhält meine
frühere Behauptung, (Territorien etc.) dasz derselbe ein
von den Hessen unterworfenes Gebiet sey, durch jene Drei-
theilung eine auffallende Bestätigung. Der Niederlahngau
hat nämlich 6, der Oberlahngau 8 Centra, also waren beide
ein Gkinzes. Dazu kommt dann noch , dasz der Oberlahn-
fau keinen Centralpunkt hat, sondern aus drei abgeson-
erten unter verschiedenen Grafen bestehenden Theilen
besteht • — Auf no. 209 erwidert L.'s Br. 6 v. 1. 5. 1855, worin
L. für Gr. 's ürtheil über seine Arbeit dankt und sich weiter
über sein Unternehmen verbreitet. L.'s Br. 7. v. 28. 1. 1862,
womit er eine neue Abhandlung übersendet, beschlieszt die
Gorrespondenz.
S. 403. Dronke] Ernst Fr. Joh. D. Codex di^lom.
Fuldensis Cassel 1850 4. Erst 1862 erschien dazu ein *B«gister*
V. Jul. Schmincke.
S. 404. Kurfürstin Auguste] Tochter des EOnigs
Friedr. Wüh. II. v. Preuszen, sie starb 1841. Über die freund-
lichen Gesinnungen, welche sie gegen die Brüder hegte, die
schon von 1809 her datirten, aber dem Fortkommen der Brüder
in Cassel am meisten geschadet haben werden,- vgl. noch
Briefe m. v. Meusebacb S. 356 f. u. 369. Wie hoch diese
unglückliche Frau in der Achtung ihrer hessischen Unter-
thanen stand, dafür zeugt auch das schlichte Denkmal auf
der nach ihr benannten herrlichen Kuppe „Augustenruh**
in Marburg (vgl. S. 125 u. Anm. zu S. 127 Justij. —
1830 hatte die Kurfürstin die Brüder in Güttingen besucht
(vgl. W. Gr. an v. Meusebach S. 136) und im Herbst 1830
war Wilhelm bei ihr in Fulda (vgl. H. 225 S.'s Br. 64.) Dasz W.
in den 20er Jahren bei ihr die Stellung eines Vorlesers versehen
hatte, ergiebt der obige Briefwechsel ; vgl. dazu die Stellen aus
Völkel's Brief in Anm. zu S. 61. — Die „Briefe aus der
Gorrespondenz der Brüder mit der Kurfürstin Auguste u.
ihrer Tochter Marie*, wurden mir von Herrn Begierungsrath
Rudolph Grimm gütigst zugestellt. Sie ergeben überdies,
dass die KurfOrstin bei W.*8 Tochter Pathe stand und sie
reichlich beschenkte.
S. 409. Leben d. Herzogin von Briegl. vgl.
S. 411. Gemeint ist das seiner Zeit Aufsehen erregende
Buch des Sjndicus von Brieg Koch: 'Denkwürdigkeiten ans
y Google
394 AnmerlnmgeB bu B. I S. 409—416 n. B. n 8. 1.
dem Leben der Sibylla' Brieg 1830, welches dae Hm»- und
Tagebuch Val. 6ierth*8, Rothgerbermeisten bq Brieg wieder-
geben will nnd reichliche Nachriehten von Dorothea
Sibilla HersogiD Ton Liegnits a. Brieg (Tochter dee Kurt
Joh. Qeor^ t. Brandenb.) enthSIt. Nach einer Brealmn
1838 erschienenen Untersnchnng t. H. Wnttke ist dieses
Bach indessen grOsztentheis Eoch*s Erfindung. Die Fälsch nny
hatte Forscher wie Stenzel nnd Mensel irregeleitet. V^
hierüber noch Qrünhagen in d. allg. deutschen Biogruhae
V859.
8. 411. die letzten tranri^en Auftritte] w^elohe
durch das Zerwürfmss der KurfÜrstin mit ihrem Sohne dem
Kurprinzen veranlasst waren. 8iehe eine Schilderung der-
selben in Fr. Müller, Kassel seit 70 Jahren 8. 264 ff. Yp^
ausserdem hier 11 227 Suabedissens Br. 66 ▼. 23. 12. 1881
u. II 265 einen Br. J. Gr.*s an Hupfeld.
8. 413 Z. 8.] 1. Professor st Prossor.
8.416. die Professoren in alterthümlichea
Talaren u. Baretten]. Bekanntlich war aus Anlassder
Einführung dieser Festkleidung s wischen J. Grimm n.
Chr. Dahlmann eine vorübergehende Meinungsverschieden-
heit entstanden, worüber vgl. Allg. Zeit. 1885 Beil. no.
158-9.
Band n.
8. 1. Ich habe . . . nach erhaltener g^n&-
digster Erlaubniss jura studirt.] Für Jacob
fehlt eine derartige Notis. Bis 1880 bedurften alle Lan-
deskinder die nicht einer schriffcsässigen BeamtenfEimilie
angehörten, eine ausdrückliche Erlaubniss des Kurfürsten
wenn sie sich den Universitätsstudien widmen wollten.
8. 1. Ich habe mich im Sommer 1806 in Mar-
burg Gffe ntlich examiniren lassen.] Die wider-
sprecnende Angabe in der Autobiographie- ,Im Frühjahr
1807 wurde ich examinirt" (Justi 8. 171) ist unrichtig. Aus
den von mir nach langem Suchen aufgefundenen Acten
der Jurist. Facultät (Decanalien vom Jahre 1806) geht her-
vor, dass Wilhelm Grimm , der seit Jacobs Rückkehr aus
Paris d. h. seit Ende September 1805 mit ihm in Cassel
bei der Mutter lebte (vgl. Justi S. 154), am 14. Mai 1806
geprüft werden sollte. Er reichte jedoch fi^gendes Gesudi
um Aufschub ein : «Wohlgebor^ier Herr, j^hzuverehnsn-
y Google
Anmerkniigen zn B. 11 S. 1. 395
der Herr Professor! Die Heftigkeit eines wiederholten
Anfalls meiner Krankheit macht es mir leider anmöglich,
BU der so ^tig bestimmten Zeit in Marbnrg zn erscheinen,
nnd die Bitte oei Enrer Magnificenz nothwendig: meinen
Examen noch 8 Tage aa&nschieben, nnd mir daher den
21. Mai festznsetzen, oder, wo diesz nicht geht, den n&chst
möglichen Tag. — Ich hoffe, dasz, weil ich ohne alle Schuld
bin, Eare Ma^ificenz die Bitte nm Verzeihung, durch diese
Sache, Ihre vielen Geschäfte noch vermehrt zu haben, gütig
aufnehmen werden, wie die Versicherung der grOszten Ehr-
erbietung, mit der ich verharre Eurer Magnificenz gehor-
samster Diener Wilhelm Carl Qrimm, Cassel am 6. Mai 1806.*
— Der Aufschub wurde bewilligt und die Prüfung fiauid am
21. May 1806 statt. Das Protocoll darüber von Deoan
Robert aufgestellt besagt: ,Die heutige Versammlung war
zu dem Examitie pro advoc<Uura des Candidaten Wilhelm
Gbrirom aus Hanau bestimmt. Es examinirte A) Herr Vice-
kanzler Erxleben: 1) aus dem bürgerlichen Rechte die
Lehre von den Erbschafts-Klagen ; 2) aus dem Kirchen-
rechte die allgemeinen Begriffe von der Kirche, Kirchen-
Gewalt, dem jure circa sacra, der in Teutschland recipirten
Särohen und ihren Verhältnissen; B) Herr Professor
B u c h e r aus dem teutschen Staatsrecht die Lehre von der
Regierungsform des Reichs, der Person des Kaisers, dem
Reichstage : C) Herr Prof. Weis fragte : 1) aus der Rechts-
geschichte von den Bestandtheilen des corporis iuris
romani; 2) aus dem bürgerlichen Recht von der testamen-
tarischen Erbfolge; D) Herr Prof. Bauer examinirte:
1) aus dem teutschen Privatrecht die Lehre von der Güter-
ßemeinschaft unter Eheleuten ; sodann : 2) aus dem pein-
chen Rechte von dem Begaffe und den Erfordernissen des
Verbrechens; E) Ich fügte einige Fragen hinzu 1) aus dem
Lehnrecht von der Infeudation; 2) aus dem bürgerlichen
Process von dem Einreden. — Das Conclusum ging dahin,
dasz dem Cand. bezeugt werden solle : er habe aus allen
Theilen zur Zufriedenheit der Facultät geantwortet. Ich
nahm hiervon das Staatsrecht in meinem voto aus.* —
Hierauf wurde dem Examinanden folgendes S^ugniss aus-
gestellt: ,Qui per biennium annique dimidium in hao
alma nostra stuoiis legitimae inprimis -seien tiae laudabili
diligentia incubuit Guiiielmus Grimm, Hanouiensis, vitae
integritate morumque probitate conspicuus, ad examen pu-
*blicum, forum petituris praescriptum, hac ipsadieab ormne
nostro admissus, responsionibus suis ad quaestiones ex
historia iuris de partibus corporis iuris romani, ex iure pu-
blico germanico de forma regiminis Imperii , persona Im-
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396 Anmerkungen z. B. II S. 1—4.
peratoris, deqne comitiis imperii, ex jure criminali de
notione et reqnisitis delicti, porro ex inre cinili romano de
dioisione hereditatis in successione testamentaria,
atqne de actionibus ex inre hereditario descenden-
tibns, ex inre germanico prinato de commnnione bo-
nomm inter coninffeSf ex iure eccleeiastico de notione eccle-
siae, potestate ecclesiastica et inre circa sacra maiestatioo,
nee non de religionibns in Germania reeeptis eammqne
nexn, ex inre fendali de infendatione, deniqne ex processa
cinili de notione et distinctionibns exceptionnm, ipsi pro-
I>08ita8 nobis satisfecit. Qnanropter hoc ei testimoniam
si^lo ordinis nostri mnnitnm aecrenimns. D. in Academia
Marpurgica d. XXI. m. Maii d. MDCCCVI/ Die Angabe im
Eingang dieses Zeugnisses « dasz Wilhelm 5 Semester in
Maronrg stndirt habe, stimmt nicht zu der Angabe seiner
Eingabe vom 11. 12. 1813, wonach er nur von 1804—6 da-
selbst stndirt haben will, eine Angabe, welche bestätigt zu
werden scheint, wenn W. in seiner Autobiographie (Justi 170)
sagt: «Ich hatte mich einiger Maszen erholt, als mich im
Frülgahr 1804 Jacob nach Marburg abholte, wohin er voraas-
gegangen war'. Dem gegenüber sagt aber Jacob in seiner
Autobioffraphie (ib. 151) ausdrücklich : ,Im Frülgahr 1802, ein
Jahr früher als Wilhelm , der um diese Zeit lange und ge-
fährlich kränkelte, bezog ich die Universität* Diese Ang^>e
wird durch die weitere, dasz im Sommer 1804 Savigny, von
dessen Vorlesungen auch Wilhelm mehrere gehört zu haben
anhebt, Marburg verliesz. (Aus der Statistik des Lycenm
Fndericianum von Grosz, Gymnasialprogr. von 1879 ergiebt
sich nur dasz W. 1799 der Quarta angehörte und 1802 ans
Obersecunda zur Universität abg^g. Wie W.'s obige Worte
andeuten, bezog er krankheitshalber nicht sofort mit Jacob
die Universität). W. hat sich wie hinsichtlich der Prü-
fungszeit, also auch hinsichtlich des Beg^ns seiner Studien
rirrt (vgl. auch Rassmann in Ersch u. Grubers Enc^cl.
276, Anm. 3.) Auch das Datum der Doctorpromoäon
giebt er (Justi S. 188) unrichtig an, ebenso auch den Hoch-
zeitstag seiner Schwester Lotte (vgl. I. S. 212) und die Jahres-
zahl einiger nach Nei:gahr geschriebener Briefe. — J. Gr. hat
scheint es die Facultä&prüfung nicht abgelegt vgL L S. 109.
S. 3. Zur Ernennung v. W. Grimm zum Secretarins
vgl. I. S. 4 u. 6 , Freundesbriefe S. 20 u. Briefe aus d.
Jugendzeit S. 224, 248.
S. 4. 2) vgl. Br. an Jacob v. 5. Mai Briefe aus d.
Jugendzeit. S. 320.
S. 4. Zwei meiner Brüder] Karl u. Ludwig. Der letz-
tere als Officier, vgl. Anm. zu I. S. 24.
y Google
Anmerkungen zn B. II S. 5—12. 397
8.5. zwei jüngere Geschwister] Ferdinand
vgl. I. S. 25) u. Lotte.
S. 6. 8) vgl. I, S. 4 no. 8, Br. an Jacob v. 8. u. 12.
Nov. (ib. S. 376, 384).
S. 6. Enzeroth]. vgl. über ihn Briefe ans d«
Jagendzeit.
S. 7. Zwischen 4) u. 5) sollte ein nenes Gesuch v. W.
Gr. um Gehalts Vermehrung und die zweite Bibliothekar-
stelle stehen, welches nach einem Brief W.^s an J. v. 5. 11.
1815 (Jugendbr. S. 482) mit «beruhef abgewiesen war. Es
findet sich aber in den Acten davon keine Spur.
S. 7. Wegen dieser Reise nach Franlnurt u. weiter
vgl. Anm. zu L S. 27. Auf der Rückreise muss W. eine
spassige Verwechslung widerfahren sein. Thomas schreibt
ihm darüber am 22. 10. 1815 : ,,Dasz Sie als Kron-Prinz
von Preuszen im Postwagen den Magistrat in Wabern im
Schlafe fanden, wird diesem zur ewigen Schande gereichen
u. ich weis nicht wie er das gut machen kann. Ich würde
ihm rathen, in Zukunft so weise, wie die zu Schiida
zu werden, seine Thaten u. Reden aufzuzeichnen und sie
Ihnen mit goldnen Buchstaben auf Purpurpergament, etwa
in einer Hs. aus dem 8. Jh. zu überreichen, damit sie in
den groszen Vorrath kämen, wo die geladenen Flinten von
hinten feuern.**
ib S. 10. Ableben Voeikelsl. Er war am 31. Jan.
S. 7. Prof. Conradi]. vgl. I. S. 24.
Ikelsl. "
1829 gestorben, vgl. Anm. I, 8. 61, 125,
ib. S. 12. no. 13] vgl. Briefw. m. v. Meusebach S. 122
wo Wilh. Gr. im Nov. 1829 schreibt: .Unser am Mittag
eingereichtes Abschiedsgesuch erhielten wir schon am an-
dern Morgen gewährt, die einzige schnelle Beförderung,
der wir uns im hessischen Dienste zu erfreuen gehabt. Der
Kurfürst hat geäuszert: *Die Herrn Grimms ^ehen wegl
groszer Verlust! sie haben nie etwas fCLr mich gethan!*
Als eine besondere Aufmerksamkeit dürfen wir betrachten,
dasz, während die Bescheinigiing der Behörde, worauf die
Entlassung erst konnte ertheilt werden, dasz Archiv, Siegel
in ordentlichem Zustande übergeben worden, erst am 2.
Nov. auszustellen möglich war, doch der förmliche Abschied
in den Oct. zurückdatiert wurde, um uns den Anspruch auf
die laufende Besoldung zu entziehen. Den 2. Nov. um halb
12 Uhr habe ich das letzte Buch, ein juristisches aufge-
stellt u. s. w.' Vgl. auch oben I. S. 404 Anm. zu I. S. 112,
sowie II. 251 u. 253 m., wo ebenso wie im Briefwechsel m.
V. Meusebach S. 124 des 6 Wochen später erfolgten *lirritu8
conatus* die Brüder zu halten, gedacht wird. Vgl. II 158 n.
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398 Anmerkungen bu B. n & 18.
S. 18. Die Acten über J. Gr.*8 Mission sind erst seit
dem 8. Aug. 1881 dem hiesigen Archiv einverleibt, n&mlioh
mit den Acten der Verwaltung des ehemaligen kurf&rsi-
lichen UansschatEes, welche erst nach Regelung des Agnaten-
Processes an das Archiv abgegeben worden sind. Archiv-
rath Dr. EGnnecke hatte die Freundlichkeit mich auf die-
selben aufmerksam zu machen und mir die VerOffenÜichang
derselben zu überlassen. Hierfür, wie fCLr die freundliche
lÜlfe bei diesem wie bei so manchem andern Anlass meinen
besten Dank, der zugleich auch den andern Beamten des
Archivs, insbesondere den Herren Archivaren Dr. Reimer
und Dr. Winter gebührt.
ib. V. Carls hausen]. Buderus v. C. hatte sich in unter-
geordneter Stellung das Vertrauen des Kurfürsten erworben
und hatte während der westphälischen Zeit in Prag seine
Geldangelegenheiten besorgt. £r wurde nach der Rück-
kehr d. EurfOrsten geadelt u. vom geh. Eriegsrath som
Kammerpräsidenten ernannt. In diesen Stellungen ffelan^^
er (nach Wippermann S. 12) zu Reichthümern. Nach sei-
ner Rückkelur von Paris wurde er Gesandter des EurfOrsten
beim Bundestag (vgl. Anm. IL 72) u. danach Präsident der
Re^erung in Hanau. In der Correspondenz der Brüder
Gnmm aus der Jugendzeit wird er immer als Buderus er-
wähnt. Wie unbeliebt er in Gassei war, geht aus einer
Correspondenz, welche W. Gr. dem Rhein. Merkur ein-
sandte, hervor, (no. 224 Mont. d. 17. 4. 1815 = El. Sehr.
I. 546—7). Zum Bundestag sollte ihn Jacob als Secretär
begleiten und auch Thomas hätte es gern gesehen, wenn dieser
die Stellung angenommen hätte. So schreibt er an Wilhelm
d. 12. 12. 1815 : «Senator Smid ist hier .... Er glaubt, dasz
der Mensch (v. Carlshausen) die Geschäfte nicht verstehe u.
dasz Jacob sie fuhren könne , mithin die Sache in die
Hände bekäme; was doch zu vielem gut wäre.*
S. 18. Die Angelegenheit der Rückerstattung der aus
Cassel entführten Gemfide hatte nach Geheimrath Buderus
von Carlshausens Berichten an den Eurfürsten bis zu seiner
Abreise Ende Sept. folgenden Verlauf gehabt:
Bericht 1. (v. 5. 8. 1815): «Über die Eunstsachen . . ist
befohlen worden, dasz alles erst im diplomatischen Wege
ausgeglichen werden müsse und ich habe alle Einleitungen
dazu schon gemacht."
2. (v. 9. 8.) bestätigt den ausdrücklichen Befehl des
Königs von Preuszen, dasz hinsichtlich der Abgabe der
Eunstsachen die Berechtigten ihre Ansprüche bei den ver-
bündeten Mächten geltend machen müssen; doch habe er
den Fürsten Blücher Wahlstadt in Rambouillet bewogen.
y Google
Anmerkoiigen zn B. n S. 13. 399
sich sn HesseiiB GDnsten bei dem Fürsten ▼. Hardenberg
Ml verwenden, ebenso habe derselbe den Staataraifi
Ribbentrop brieflich ersucht, f£Lr möglichst schnelle Ab-
gabe der Ennstsachen ZQ wirken. Er habe sich dann ebenso
wie der Braanschweigische Commissar von Münchhaosen
direct an den Direeteur general du Musie Denen gewandt.
4. (t. 15. 8.): .Vom frühen Morgen bis in die späte
Nacht bin ich wegen der Ennstsachen herumgelaufen und
doch noch nicht am Ziele.' Nach nnsfthligen Bemühungen
sei ihm militairische Hilfe zugesagt, wenn die gutwimf|^
Bückgabe yerweigert würde. Denon habe sich wie ein
wahnsinniger Mensch bei der Rückgabeforderung betragen
und gerufen: *ee sotU les bijoux du Muah, on ne doit paa
les rendre*,
5. (v. 17. 8.): .Mit den Eunstsachen bin ich noch um
nichts weiter.' ... In einem Schreiben des Ministers des k.
Palastes Graf v. Pradel an Staatsrath Ribbentrop, sei
allerdin^ eine befriedigende Antwort an ihn, v. Carlshausen,
in Aussicht gestellt
6. (v. 18. 8.) Die Antwort y. Pradels sei vollständig
zufriedenstellend. (Sie ist in den Acten). Er, v. C, werde nun
mit möglichstem Fleisse in Paris und in den auswärti^n
Schlössern nach diesen Gegenständen forschen und seine
Abreise thunlichst beschleunigen. (Unter dem 27. 9. erfolgte
hierauf von Cassel aus ein Dankschreiben an den Eönig v.
Frankr. sowie die Genehmigung, dasz G. seine Rückreise
nach Rückgabe der Eunstsachen antreten könne.)
7. (v. 22. 8.): ,Bis heute habe ich nun 205 Gemähide
in Empfang genommen.'' Er sei so schnell zum Ziel ge-
kommen, weil er die Vorsteher des Musäe schon 2 mal zum
Essen gebeten hätte. Die Franzosen suchten sich auf alle
Weise aer Rückgabe zn entziehen. „Mehrere Gemähide be-
finden sich in Compiegne, Rambouillet, Lyon, Brüssel,
Strasburg u. an anderen Orten, deren Wiedererlangung noch
manche Schwierigkeit haben wird. Von den 48 Gemänlden,
welche der General la Grange vor der Ankunft des Di-
rectors Denen aus Cassel hatte wegbringen lassen*^, seien
überhaupt nur 36 nach Malmaison gelangt, die andern seien
niemals zum Vorschein gekommen [vgl. II 406 zu S. 50]. „Die
Direction des Musde hat sich in früherer Zeit die g^röste Mühe
gegeben, um diese Gemähide zu erlangen, alle ihre Nach-
forschungen musten aber aufhören, als Napoleon auf ihre
Anzeige von der Weigerung der Eaiserin zur Herausgabe
die Entscheidung ertheilte : elU ne seroU pas ImpSrcUricef si
eUe €tgir<nt aufrement. Nach EngeUand soll nichts von
diesen Gemähiden verkauft worden sejn.'
y Google
400 Anmerlningen zn B. n S. 18.
9. (y. 26. 8.): Gestern sei Malmaison durchsucht,
doch seien nar 4 der 48 Gemählde daselbst Torgefonden
(vgl. oben S. 47) und zn deren Wiedererlangnngdie n5thiffeii
Vorschritte gemacht. Nach dem Tode aer Kaiserin Jo-
seph ine hätten die Directoren des Mnsenms wieder alle
möglichen Schritte gethan um die 48 Bilder in das Museum
zn bekommen, aber vergeblich. Die Franzosen hätten die-
selben auf 780,000 Franken geschätzt .... Von den von
La Orange aas dem Museo in Cassel genommenen a. in
2 Kisten verpackten Sachen, von welchen von Oberhofrath
VGlkel am 16. 9. 1806 ein Verzeichnis aufgestellt worden
sei, befinde sich nichts in den Museen. £r werde ev. einem
Advoc. die Verfolgung der Sache gegen La Grange fiber-
geben und wenn die übrigen Sachen fertig seien abreisen.
11. (v. 30. 8.) Betrifft die Verschickung der Gem&hlde.
12. (v. 4. 9.): ,Nach den von ProtT Robert mit-
gebrachten Verzeichnissen hat der Director Denon in
Cassel überhaupt 299 Gemähide genommen. Hiervon sind
abgeliefert 271 Stück*", 1 sei beim Einpacken in Cassel ge-
stohlen, 1 ein Kind mit einer Seifenblase v. Mieris soll
nicht in das Museum gekommen sein. In den Zwischen-
iahren seien entwendet in auswärtigen Schlössern 4. j^Es
hängen in Strasburg 9, Brüssel 2, Lyon 4, Toolonse 1,
Caen 1, Rambouillet 2, Fontainebleau 1, H6tel de TEmpire
in Paris 1.* Das Zimmer, in welchem letzteres sich be-
finde, sei derzeit unzugänglich. ,Eine Kirche von Peter
Neefs findet sich nicht mehr.*' Die 21 somit restirenden
Bilder sollten mit anderen Preuszen gehörigen nach Paris
gebracht werden. „Ich bin gesonnen, den hiesigen Mahler
Ünger, welcher ein Schwestersohn vom verstorbenen In-
spector Tischbein — u. in der GaJlerie zu Cassel erzogen
worden ist, zum Empfange dieser 21 Gemähide, u. zur Be-
sorgung des Transports nach Cassel zn bevollmächtigen,
weil mehrere Monate verstreichen werden, bis sie zusammen-
gebracht worden sind. Er kennt die Gemähide ebenso gut,
wie der Prof. Robert. 2 Gemähide, welche nicht in dem
Verzeichnisse der genommenen Sachen ständen, seien ihm
noch übergeben , er habe also 273 erhalten. Die aus dem
Museo durch Denon entnommenen Sachen seien ihm eben-
falls zum Theil schon übergeben.*
14. (v. 14. 9. 1815) stellt den Bericht 16 in Aussicht
16. (V. 20. 9. 1815, bis auf die Respectformel u. Unter-
schrift V. Grimmas Band):
«Mit Beziehung auf meinen allerunterthänigsten Bericht
vom 14. d. widme ich diesen submiszen Vortrag lediglich
den vom Gouverneur La Grange in Caszel vor der An-
y Google
Anmerkungen zu B. II S. 13. 401
knnft des Directors Denon genommenen und der ver-
storbenen Kaiserin Josephine nach Malmaison geschickten
Gemählden.
Ich hatte den Staatsrath Kibbentrop um die nöthige
Hülfe zur Wegnahme der an letzterem Orte noch befind-
lichen vier Gemählde ersucht und von diesem wurde der
Kriegs Comraissarius von Martens beauftragt dem Geschäfts-
träger der Beau h arnaischen Familie, Chevalier Sou-
lange zu bedeuten, dasz man die befragten vier Gemählde
mit Gewalt nehmen werde, wenn man sie nicht gutwillig
aushändigen wolle.
Der Chevalier Soulange antwortete in dem sub 1 bei-
gefügten Schreiben, dasz diese Gemählde zu denjenigen
gehören, welche von Sr. Maj. dem Kaiser von Rusziana in
Gefolg älterer Unterhandlungen gekauft und dem Fürsten
von Wolkonsky seit dem Einmarsch der alliirten Armeen
in Paris ü berge l»en worden seyen.
Niemand hielt den Handel für richtig, der General
vonGneisenau, an welchen ich wegen der Auswirkung
der militairiachen Hülfe zur vorläufigen Wegnahme der ^ner
Gemählde in dem von den Engelländern besetzten Schiosze
Malmaison gewiesen wurde , verweigerte aber auf mehr-
maliges Ersuchen seinen Heistand gänzlich und der Staats-
rath Ribbentrop ertheilte keine Antwort mehr. — Ich
habe mich darauf an den ruBzischen Staats-Minister Grafen
Nesselrode und den FürHten von Wolkonsky, nach-
dem mehrere Bemühungen eine Unterredung zu erlangen,
vergeblich gewesen sind, in den Anlagen sub 2 u. 3 schrift-
lich gewendet und gegen den Ankauf der 48 Gemählde
protestiret, von jenem indessen auf fünfmalige Erinnerungen
bis heute noch keine Antwort — u. von diesem in der An-
lage sub 4. die Nachricht erhalten , dasz er einige von den
in Malmaison zu verkaufen gewesenen Gemählden angekauft
und in das ruszische Gesandtschaftshaus hätte bringen
lassen.
Da hiernach die verkauften Gemählde weggebracht
worden sind, so fand ich gut, den Herzog von Welling-
ton in der Anlage sub 5. um eine Ordre an den englischen
General in Malmaison, dasz er sich der Wegnahme der
vier Gemählde daselbst nicht wiedersetzen möge — den
Fürsten von Wolkonsky m der Anlage sub 6 um die Be-
zeichnung der angeblich gekauften einigen Gemählde in
dem ihm mitgetheilten Verzeichnisse der 48 Stücke und den
Fürsten von Hardenberg in der Anlage sub 7. um seine
Verwendung zur Wiedererlangung der 48 Gemählde zu
bitten. — Der erste hat mir auf einmalige Erinnerung in
£. Stengel. Acten der Brüder Orlmm. 26
Digitized by VjOOQ IC
402 Anmerkungen sn B. II S. 18.
der Anlsj^e snb 8. beantwortet, dasz nach dem ßeechlosae
der Minister von den verbündeten Mächten die vier Ge-
mähide nicht weggenommen werden könnten, man sich aber
über die Zurückgabe der sämmtlichen Q^mählde berath-
schlage und ich weiter beschieden werden solle ; vomxweiten
ist aaf viermalige Erinnerungen gar keine Antwort gegeben
worden und der dritte hat auf zweimalige Erinnemn^ in
der Anlage sub 9. die Antwort an mich gelangen lassen,
dasz das Ministerialconseil der verbündeten Höfe sich schon
mit diesem wichtigen Gegenstand beschäftige, und ich anf
die lebhafteste Theilnahme und Unterstützung des i>reiiszi-
sehen Ministerii rechnen könne. — Durch den hier an-
wesenden Handelsmann Toussaint den jung, aus Hanau,
welcher lange in Petersburg war und viele ruszische Con-
nexionen hat, habe ich zu erfahren gesucht: welche Ge-
mählde des Kaisers von Ruszland Maj. besitzen; mein
Bemühen ist aber ebenso wenig von Erfolg gewesen , als
unzählige andere Versuche, welche ich zur Beförderung der
Wiedererlangung gemacht habe. — Ich befürchte nicht den
Vorwurf irgend emer Versäumnis in dieser Angelegenheit
und der indessen hier eingetroffene Legationssecretarins
Grimm wird entweder durcn den Mahler Unger die Ge-
mählde in Empfang nehmen laszen können oder von der
Unmöglichkeit der Wiedererlangung Anzeige machen. —
Vertraulich ist mir eröffnet worden, dasz nach den öster-
reichischen, englischen und preuszischen Abstimmungen die
Wiederaushändigung der Gemähide ganz bestimmt — nach
der ruszischen aoer gar nicht zu er^^urten ist. — Der Lord
Castlereagh hat vorzüglich mit dem gröszten Nachdrucke
auf die Zurückgabe angetragen.'
Aus J. Grimmas Berichten ergiebt sich, dasz von den
21 restirenden Bildern nach und nach abgeliefert wurden
aus Fontainebleau (II 8. 48) 1 Rubens, der von der Sieges-
göttin gekrönte Mars (no. 55 nach dem Catalog von 1783,
jetzt no. 188), das Gegenstück zu dem aus Caen nicht za-
rückgelieferten (vgl. Anm. zu II 8. 69), aus Rambonillet
Ol S. 55) 2 Mignon (alt no. 68 u. 70, jetzt no. 597 u. 596),
aus Lyon 3 Bilder (II 8. 82), das vierte dort befindliche wird
noch in den letzten Ta^en vor Grimmas Abreise ihm zu-
gestellt sein (vgl. II 8. 95 u. 82), aus dem Hotel de TEmpire
n^helusson) 1 Rembrandt, Alter Mann mit Winkelmasz u.
Feder an einem Tische (alt no. 18, jetzt no. 350), endlich
gleichfalls in letzter Stunde 8 Bilder aus Strassburg (ein
neuntes blieb daselbst zurück). Im ranzen also 16 Bilder,
welche nach Roberts Angabe (s. Anm. u 69) Grimm und Unger
mit nach Cassel brachten. Dazu kamen später noch die 2
y Google
Amnerkangen zu B. II 8. 18. 403
aus Brüssel. Wegen dieser, sowie der 3 nicht zurück-
gegebenen Bilder s. Anm. zu II S. 69. Vergeblich waren
Grimmas Bemühungen:
1) wegen 45 Bildern von 48, welche General Lagrange
bereits 1800 nach Frankreich schickte, und welche zum grossen
Theil (s. II 406 Anm. z. 69) nach Schloss Malmaison ge-
langten; V. Carlshausen (vgl. Anm. zu II S. 17 no. 8) hatte
nur 8 Stück zurück erhalten, ein viertes, welches anfangs
vorhanden war (eine Landschaft v. Berchem nach II S. 47),
war bei der Ablieferung auch verschwunden. Nach Toossaint^s
Ermittelongen waren 88 dieser fehlenden 45 Bilder vom
russ. Kaiser angekauft (vgl. Anm. zu II S. 50) und 4 bereits
früher von einem russ. General weggenommen worden
(ib.). Unter diesen Bildern befanden sich (ib. 8. 28) 4 Claude
Lorrain 'die vier Tageszeiten' (no. 8, 17, 82, 41) u. der be-
rühmte Potter *Jagdstück' (no. 62). Die 'CaritV Leonardo da
Vinci's (no^ 46) scheint nie nach Malmaison gekommen zu
sein (ib. 8. 41, vgl. auch Anm. zu II 8. 24).
2) wegen der erst unter dem 19. October 1815 (vgl. n
8. 69 f.) nachträglich reclamirten 18 Bilder (ib. 8. 85) aus
dem Casseler 8chloss (ib. 8. 88), unter denen sich (nach 8. 79)
3 Ostade befanden, welche in einer Ausstellung des Pariser
Museums einige Jahre früher vom Maler Unger gesehen u.
copirt waren und die Nummern 128, 124 u. 126 trugen.
Von der Rücklieferung dieser Bilder musste nach Abscmuss
des Friedens Abstand genommen werden (vgl. 8. 94).
8) wegen der 2 Eisten mit Konstschätzen des Kasseler
Museums (vgl. Anm. zu II 8. 25). Bei der Aushändiffunff
der grossen Masse der Bilder war ein Elzheimer verwechselt
worden, nämlich no. 292 (^cole allemande) des franz Cat.
statt no. 294 abgeliefert. Auch hinsichtlich des Tintoretto
in Brüssel bestanden Zweifel (vgl. 8. 97, Anm. zu II 8. 69).
8. 18. man wünscht von 8eiten d. k. pr. Be-
hörde .... denselben hierher zu senden]. Man
vgl. hierzu eine Aeusserung J.'s gegen W. v. 21. 10. 1815
(Jngendbr. 8. 479): , Die Freunde, die mich, da ich kaum
los geworden war, nun wieder nach Paris jagten, haben mir
einen ungebetenen Dienst erwiesen u. s. w.* Unter diesen
Freunden sind 8avign7 und Thomas gemeint. Am 27. 7.
1815 schreibt Thomas an Wilhelm : j^Fjichhom ist dieser
Tage durch nach Paris. Er hatte 8ie, lieber Jacob, der 8ie
nun zu Haus seyn werden, auf der Liste derer, die die fran*
zösischen Bibliotheken examinieren und respective leeren
sollen. 8avi^jr hat 8ie ihm dazu empfohlen. Ich habe
auch das meimge gethan und wünsche, dasz die 8ach6 zu
Stand käme, es Ihnen auch nicht unangenehm wäre." VgL
hierzu J.'s Br. an W. v. 13. 9. 1815 (von Mainz aus ge-
y Google
404 Anmerkungen zu B. II S. 13—25.
schrieben): ,Am Samstag (d. 9. 9.) bekam ich plötzlich
Befehl zufolge der noch eingetroffenen Berufung, von der
Ihr beide wiszt, woran meine Seele aber nicht mehr dachte,
schleunig nach Paris zu reisen.*
S. 15. Buderus] s. v. Carlshausen Anm. zu S. 13.
S. 14 — 5. Kammergeri chts-Ra th v, Eich-
horn] vgl. Anm. zu I. S. 175.
S. 17. Z. 3. worauf ich 3 zurückerhalten] näm-
lich zwei von Nicolas Poussin und eins von Guido Reni ; vg-l.
Duncker in d. Zeit«chr. d. Vereins f. hess. Gesch. u. Lan-
desk. IX. S. 324.
S. 24. Die Sache liegt so dasz sie mit der
Zeit einmal öffentlich in Deutschland zur
Sprache gebracht werden musz.] Das geschah
denn auch durch W. Grimm im Rheinischen Merkur no.
340 Mittw d. 6. 12. 1815 = Kl. Sehr. I. 556 ,hier werden
berühmte Stücke vom ersten Bang: die vier Tageszeiten
von Claude Lorraine, eine heilige Familie von da Vinci, die
wunderherrliche Charitas, die Kuh von Potter u. a. ver-
misst .... Niemand dachte . . ., dasz sie könnten zurück-
gehalten werden, dennoch haben es . . . die Russen gethan
.... Der russische Hof hat diese Gemälde für eine halbe
Million Franken gekauft . . . .* Er schickte diese Artikel
an Görres am 21. 11. 1815 mit einem Brief (Görres Briefe
II. S. 478) in dem es heiszt: ,Es ist doch schändlich,
gerade die Meisterstücke für dies Lumpengeld für sich zu
nehmen. Ich überlasse Ihnen zu mildem , wie es Ihnen
gutdünkt. " Nach Waagen ,Die Gemäldesammlung der
Eremitage* S. 16 u. 20 zahlte der Kaiser für 38 dieser Bil-
der sowie für drei AJarmorstatuen Canovas 400.000 Rubel
(vgl. noch Anm. zu IL , 17 u. 50 und die Angabe in
V. Carlshausens Bericht no. 9 in Anm. zu IL S. 13). Wilh.
Gr. 's Angabe beruht auf einer Mittheilung von Thomas vom
22. 10. 1815: ^W.'s Bruder Ludwig der Maler habe einen
groszen Ärger gehabt ,v. Bethmann kam von Paris zurück
u. erzählte, wie der Kaiser v. Russland die Gallerie v. Mal-
maison um 500,000 fr. gekauft- [Aehnlich schrieb Th. an
23. 10. 1815 an J |
S. 25. in Angelegenheit der zwei Kistenl.vgL
IL S. 16 2) u. V. CHrlshausens Bericht 9 (Anm. zu IL ö. 13).
Das in diesem Bericht erwähnte Verzeichniss ist 1882 in
der Zeitschr. des Vereins f. hess. Gesch. u. Landeskunde
Bd. IX. S. 336 ff. von A. Duncker mitgetheilt Eben da ist
auch von ihm angegeben, dasz 1816 ein erneuter Versuch
gemacht wurde dein (geraubten auf die Spur zu kommen,
aber ebenso vergeblich. Die näheren Umstände des Raubes
y Google
Anmerkungen zu B. II S. 38—48. 405
ergeben sich aus den dort voraufgehenden Aufzeichnungen
Völkeis und den dazu gefügten Erläuterungen Dunckers.
Letztere erfahren hinsichtlich der geraubten Bilder durch
vorstehende Anmerkungen einige Berichtigungen und Er-
gänzungen.
S. 88. Der Mahler Unger, der. . . dem Aller-
gnädigsten Herrn empfohlen zu werden ver-
dient etc.] Nach v. Carlshausens Bericht V2 (Anm. zu II.
S. 13) war W. ünger ein Neffe Tischbeins. Des weiteren
8. über ihn J. Hofmeister's gesammelte Nachrichten über
Künstler u. Kunsthandwerker in Hessen herausgeg. v. Prior
Hannover 1885 , wo indessen dessen Verwandtschaft mit
Tischbein unerwähnt geblieben ist. Wegen der wieder-
holten Erwähnungen seiner thätigen Hilie s. den Index,
erwähnt mag besonders werden, dasz er nach II S: 88 seine
Abreise von Mitte October bis in den December verschoben
um Grimm in Brüssel bei Reclamirung der dorthin gerathe-
nen Bilder behilflich zu sein. Trotz alledem scheint U. für
alle seine Opfer von der hessischen Regierung nicht die
mindeste Entschädigung, ja nicht den mindesten Dank er-
halten zu haben, wie das mehrfach erwähnte Actenfascikel
über V. Carlshausens Mission ergiebt. Am 1. Oct. 1817
überreichte er endlich dem Kurfürsten eine Eingabe, worin
er um Schadloshaltung für die gehabten Unkosten bittet
und hervorhebt, dasz verschiedene Erinnerungen bei
V. Carlshausen vergeblich gewesen seien. Letzterer und da-
nach auf seinen Antrag der Gallerieinspector Robert wurden
über dieses Gesuch zum Bericht aufgefordert. Obwohl nun
beide, besonders aber Robert in energischer Weise Ungers
Anspruch auf Entschädigung befürworteten, lautete die am
7. März 1818 gefasste Resolution : „bleibt offen* und weiteres
besagen die Acten nicht.
8. 40. eine ihm v. dem preusz. Commiss. Hr.
V. Martens eingehändigte Liste]. vgL v. Carls-
hausens Bericht 16 m Anm. zu U S. 13.
ib. auf d as fehlend e vierte BildJ. vgl. S. 17
oben u. S. 47, sowie v. Carlshausens Bericht 9 in Anm. zu
II S. 13.
S. 41. Ich gestehe, dasz es mir kaum glaub-
haft erscheint etc.] vgL Bericht 7 v. Carlshausens in
Anm. zu 11 S. 13.
ib. Versuche der Minister gescheitert etc.]
vgl. ib. Bericht 7 u 9 v. Carlshausens.
S. 48. der auch die ausgewechselte Urkunde
mitbringt]. VgL dazu die Stelle aus dem nicht abge-
druckten Bericht 4 (v. 9. 10.): „Gestern habe ich von
y Google
406 Anmerkungen zu B. 11 S. 48—69.
Cassel mit der Briefpost den engl. Acceszvertrag lichtif^
empfangen u. dafOr 36 Franken Porto erlegen müszen. Dem
zur Auswechselung dieser Urkunde AUergnädigst beordneten
hannöv. Legations-Rath von Bodennausen habe ich
solche ungesäumt selbst überbracht und er behält sich Tor,
in einem eigenen Schreiben seine Dankbarkeit für das ihm
geschenkte Zutrauen auszudrücken.'
S. 50. dasz 38 Stück Gemähide .. für den
rusz. Kaiser eingepackt]. Diese Angabe Toussaints
wird durch die von Waagen (Die Gemäldesammlung der
Eremitage S. 16 u. 20; vgl. hier II 404 Anm. z. 24) be-
stätigt, y. Carlshausen war also falsch unterrichtet, wenn
er in seinem Bericht 7 (Anm. zu II 13) behauptete es aeien
überhaupt nur 36 dieser Bilder nach Malmaison gekommen.
n S. 57. Brief an meinen Bruder]. vgL Br.
aus d. Jugendzeit. S. 477.
S. 69. wir sollten . . beweisen, dasz die
Preuszen das Bild zu Caen gelaszen hätten . .
suchen die Franzosen . . Zeit Zugewinnen].
In diesem Falle war es ihnen thatsächlich geglückt, das
Bild (s. unten) vorzuenthalten und trotz der Warnungen
Grimms und der Erinnerung des Galleriedirectors Robert
kümmerte sich die hessische Regierung nach Grimms Weg-
gang von Paris nicht weiter um dasselbe. Erst 1826 erin-
nerte sie sich desselben und nun begannen breitspurige und
kostspielige Verhandlungen zwischen dem hessischen Ge-
sandten Ri viere und der französischen Regierung, welche
endlich 1830 dazu führten, dasz der KOnig der Stadt Caen
das Bild abkaufen und dem Kurfürsten schenken wollte.
Thatsächlich ist auch daraus nichts geworden. Das nähere
ergiebt das 11 S. 13 erwähnte Acten£ascikel über v. Carls-
hausens Sendung nach Paris, aus welchem auch hervor-
geht, dasz laut einem Bericht des Gallerieinspectors Robert
über das Gesuch des Maler Unger (vgl. Anm. zu II 8. 38)
vom 3. 3. 1818 von den restirenden 21 Bildern 16 im Decem-
ber 1815 zurückkamen und noch 4 Bilder vorenthalten
waren: 1) Distribution de pain ä des Soldats;
oder Abraham u. Melchisedec etc. v. P. P. Rubens zu Caen
(alte Nummer 96). 2) Un Paysage; oder eine Land-
schaft mit vielen Bäumen und einem Wasser auf dem Yor-
ffrunde einige Bauern u. Ziegen. Von Johann Roth. In
Strasbourg, (alte Nummer 7o). 3) T§te d'homme oder
Hugo Grotius in seinem mittleren Alter, mit einem nieder-
ländischen Kragen von Arnold von Ravesteyn. In Tou-
louse (alte Nummer 199). 4) Interfeur d'Eglise oder ein
Prospect einer Kirche mit Säulen, und in derselben eine
y Google
Anmerkungen zu B. n S. 69—122. 407
Menge Menschen. Von Peter Neefe. In Paris (alte Nummer
175). Das letzte Bild war nach v. Carlshausens Bericht 13
[Anm. zu II S. 18] in Paris nicht mehr vorhanden. Die beiden
Bilder in Brüssel ein Titian (Lebensgroszes Bildniss des Alfonso
d*Ayalo8 Marchese del Guasto) und ein Tintoretto deren
Auslieferung bereits Dec. 1816 (vgl. S. 97) von der nieder-
ländischen Regierung zugestanden war, sollen im August
1817 abgeliefert worden sein; (alte no. 2u. 76, neue no. 2b
u. 71). Hinsichtlich des Tintoretto (Bildniss eines alten
Mannes) soll Robert bestritten haben , dasz es das nach
Cassel gehörige Bild sei, der Kurfürst aber befohlen haben
von weiteren Reclamationen Abstand zu nehmen. Vor-
stehende Angaben ergänzen und berichtigen mehrfach
Duncker's Aufsatz in d. deutschen Rundschau 1883 Febr. und
noch mehr das in jeder Hinsicht ungenügende Schriftchen:
pDie Gründung der Hessen-Casserschen Gemälde-Gallerie u.
ihre nachmaligen Schicksale. Cassel 1880.*
S. 72. Ew. Hochwohlgeb auszeichnen-
den Ernennung] offenbar zum Bevollmächtigten beim
Bundestage; vgl. Il S. 91 Bericht 10. Auszerdem musz
V. Carlshausen damals den Freiherrntitel erhalten haben
und zum Cammerpräsidenten ernannt worden sein, darauf
hin deutet die veränderte Anrede von Bericht 8. VgL
Anm. zu II S. 13.
8. 85. den Plan dieser Compensation fest-
zustellen und . . . den Franzosen so annehmlich
als möglich darzustellen] vgl. Jacob an Wilhelm
V. 23. 9. 1815. (Briefe aus d. Jug. S. 471).
S. 96. vielleicht auch noch eins aus Tou-
louse]. Dasselbe ist überhaupt nicht eingetroffen, obwohl
es schon S. 69 als angelangt bezeichnet wurde. VgL Anm.
zu II S. 69.
S. 100. Vor einem halben Jahre nicht Gnade
gehabt . . . Gesuch um Urlaub ... zu willfah-
ren]. Offenbar weil im Frühjahr 1816 Wilhelm einen
längeren Urlaub erhalten hatte (vgl. Anm. zu I S. 187).
Auen später wurde Jacob noch einmal ein nachgesuchter
Urlaub versagt, vgl. seinen schönen Br. an Hoffm. v. Fal-
lersleben v. 6. 3. 1826, in Germ. XII, 500.
S. 103. Über sein Verhältnisz zum Ober-Hof-Marschall-
Amt hat sich J. Gr. schon in seiner Autobiographie bei
Justi 8. 159 f. ausgesprochen.
S. 122. Seine Thätigkeit in der Censur-Commission be-
friedigte J. Gr. durchaus nicht, wie er das auch gegen
y Google
408 Besserungen und Nachträge.
V. Meusebach unter dem 25. 11. 1829 (BriefV. S. 119) «r©-
äussert hat. Vgl. überdies seine Autobiographie bei Justi
S. 169, Brief, an Tydemann v. 12. 5. 1824 (Briefe an T. S.
78j, Germ. XQ 499 u., sowie hier I S. 165 und BangsBr. 11
V. 22. 12. 1819 in Anm. zu S. 53.
S. 133. 7)] Dieses Votum datirt v. 9. 7. 1828, wie ans
den Voten von Bommel u. Völkel hervorgeht.
S. 135. einigen Bogen gramm. Inhalts]. Znr
Recension der deutschen Grammatik unwiderlegt hersg^.
Cassel 1826. 8.
Besserungen und Nachträge.
I Vorwort S. VIll 1. MüUenhoff.
— 139 Z. 10 V. 0. 1. Willen st. Wille; vgl. S. 145 Z. 9 v. a.
339 Abs. 3 vgl H 182: 116 — ib. Z. 6 1. studiere st.
sudiere.
395 Z. 3 V. u. 1. origines europaeae st. origines.
europaeae.
II 24 und 39 1. Wolkonskv. st. Wolkowsky, Wolkovsky.
— 25 Z. 9 V. u. 1. restituiblen st. restituiben.
47 Z. 1 V. u. 1. S. 17 und 405 u. st. S. . . .
140 0. fuge hinzu : 1837 war Jacob während der Herbst-
ferien einen Tag bei Hupfeld in Marburg. Vgl. II 268
Br. 33.
— 144: 11 no 15. Dieser Brief ist, wie mirDr. Stosch nach-
träglich mittheilte, zum grössten Theil schon von
Gödeke selbst in der Einleitung seiner ttir dieCottaVhe
Bibliothek d. Weltliteratur besorgten Platenausgabe
I s. 45 f. mitgetheilt.
— 149: 22-3 füge hinzu: schon am 3. 4. 30 erklärt sich
Thomas W. Grimm gegenüber gern bereit ,wenn Dahl-
manns kommen, Ihnen soviel Angenehmes zu erzeigen,
als in seinen Kräften steht*. W. Gr. hatt« ihm also in
diesem Sinne geschrieben.
— 150. Die Briefe von Thomas an die Brüder geben über
die Geschichte der Ausgabe d. Armen Heinricn specielle
Auskunft. Thomas besorgte die Correctur allein.
— 152 Z. 4. Vgl. noch Anm. II S. 7.
— 168: 73 8. Namen-Verzeiohniss.
y Google
Besser angen und 1^ achträge. 409
II 168 Z. 6 V. u. u. 170 Z. 6 v. o. s. Namen- Verz. u. Thomas.
— 169 0. füge noch hinzu: Am 29. 11. 15 schreibt Thomas
an Wilh. Gr.: „dasz meine gute Frau nun schon seit
mehreren Wochen recht bedenklich krank ist. Sie hat
Sie besonders lieb u. mich öfters gefragt, ob ich an
Sie geschrieben. Wenn Grimm wüszte, sagte sie, dasz
ich krank wäre, der bäte den lieben Gott um Besserung,
denn der steht gut bey ihm angeschrieben**. Einige
Ta^e später am 5. 12. 15 in der Fortsetzung desselben
Briefes musste Th. den Tod seiner Frau melden.
— 170 füge ein : S. 76 falsche Wanderjahre Wilh. Meister'sJ
V. Pustkuchen; vgl. 11 213 u.
— 181 : 112 vgl. noch Anm. z. II 12.
— 190 Abs. 1, Z. 1 V. u. 1. no 75 st. no 77.
— 191 : 144 Schmalz vgl. noch Br. v. Thomas an W. Gr. v.
22. 10. 15: «Das Schmalzische Buch ist sicher auf Be-
stellung der Regierung geschrieben u. macht mich
sehr trüb. Der Geist der Freyheit kann nur dadurch
beängstigend werden, dasz man ihn so hartnäckig
widerstrebt."
— 214 Z. 12 V. u. 1.: S. 211. Harnier].
— 221 füge zu : S. 248 etwas Gothisches etc.] = Zur Literatur
d. Runen, Kl. Sehr. IV 83 ff.
— 224 Mitte 1.: v. 2. 11. 1829 st. v. 2. 18. 1829.
— 243 Abs. 1 Z. 3 V. u. 1. : belästigt.** — Es etc.
— 247 Abs. 1 Z. 5 V. u. 1. : Ostindienfahrer.
— 251 u. Vgl. Anm. zu II S. 12.
— 255 Br. 20 Z. 7 1. : ostem st. Ostern.
— 325 : 328 Abs. 2 Z. 2. tilge : [fehltj.
— 345: 338 Z. 2 1. : schon 1846 st. erst 1866.
y Google
Chronologische Tabelle
der in dieser Sammlung entlialtenen Grimmbriefe.
L Brief« ▼on J. Orimm.
Jfthr MoDftt AdreiMt Silto
1802 Mai P. Wigand 1
Juni , 1
Aug. , 2
1813 Dec 16. Kurfürst 4
1814 Aug. 3. P. Wigand 2
1815 Aug. 10. Kurfürst 5
Sept. 9. 10. K.-B. Knatz U 18
Sept. 29. Kaiser v. Russland . . . . 11 27
Oct. 1. V. Carlshausen n 19
„ 4. Chev. Soulange If 45
„ 5. V. Oarlshausen 11 31
„ 6. Chev. Soulange n 47
„ 8. y. Carlshausen IT 35
„9. „ n 47
„15. „ n 48
„ 15. Pozzo di Borgo 11 58
„ Comte de Pradel IT 59
„ 20. y. Carlshausen U 54
„22. „ n «2
„ 22. Duc de Richelieu U 76
„ 23. y. Altenstein U 76
„ 26. Quatrem^re 11 78
„ 28. y. Altenstein ü 74
„ 28. y. Carlshausen U 65
H 31. PozKO di Borgo II 88
„ ? Vaublanc II 89
y Google
I. Briefe von J. Qrimm. 411
AdreiMt Seit«
V. Carlshaasen II 80
H 91
n 94
n 95
EurfOrst 11 96
II 98
9
Bang 28
Thomas 11168
KnrfÄrst R 100
Oerling 123
Frl. RamoB 9
Bang 42
Bang .47
Snabedissen 141
Bang
Gerling 13J
Bang 55
55
61
Censnr-Commission . . . . n 123
Bang 64
68
Snabedissen 142
Censnr-Commission .... II 123
Bang 74
77
78
„ . . Antiqaaschrifb *) 81
Censnr-Commission . . . . n 126
Bang 82
*) Bnter Brief mit AnttooMobrift. Die Voten f&r die Censar-Oom-
missioii sind der Mehrsalü naob in Fr»etnrsohrift, in AntiqaMehrift (»nwer
2 nngedmokten Tom 38. 6. und 8. 9. 18M) nor das Tom 2. Sept. 1828, »ber
den dAsngehörlgen (nicht mitgetheilien) AnsfertigangsentwnTf Yom 8. 10.
1828 sohrieb J. Or. in Fraetorschrift, ebeneo wie noob eine AutfertlRnng Tom
80. 10. 1827, während ein Yotnm Tom 12. 19. 1827 wiedenim AntiöoMohrift
seigt Im Verkehr mit dem Oberhofmftrsohallftmt bediente tioh J. Or .durch-
weg (ftuoh in den sahlreiohen angedruckten Schreiben) der AnttqnMchrift.
Kur die erste Singibe an diese Behtode Tom 4. 8. 1828 ist in FrMtnr-
Schrift sbgefksst wie sehr sich J. Or. in den niohsten Jshren schon der
Frscturs^rift entwöhnt hstte, seigt seine Unterschrift unter die Ton
Wilhelm geschriebene Singsbe sn den Kurfürsten Tom 2. 2. 1829, wo er
bei den wenigen Worten fortwihrend siu der Frsoturschrift in die Antiqus
TcrfUH AnniUg ist hierbei, dsss er in seinem Nsmenssug dss Frsctur r
bis sum 24. Not. 1880 durchweg beibehllt. Bpiter begegnet diese Form
des r nur noch In den sorgfUtfg gesobriebenen Br. Tom 27. 12. 1888 »n
die Kurf&rsttn Auguste.
Jftlir
Monst
1815
Nov. 7. u. 10.
„ 14.
Dec 4.
„ 6.
n 28.
1816
Febr. '9.
Aprü 14.
Jnni 12.
Sept. 8.
1817
März 14.
Jnni 17.
Dec. 5.
1818
Jan. 22.
1819
Jan. 3.
Aprü 15.
Aug. 18.
Sept. 3.
Dec. 7.
1820
Juni 28.
Oct 8.
„ 15. 23.
Dec. 22.
1821
Jnni 14.
Nov. 12.
1822
Febr. 12.
Mai 14.
Ang. 11.
Sept. 6.
Nov. 21.
Dec. 14.
„ 19.
y Google
412
Chronologische Tabelle.
Jahr
1823
1824
1825
1826
1827
1828
1829
1880
1831
1832
1833
1834
1835
Monat
Jan. 13.
Febr. 19.
,. 26.
Aug. 3.
n 4.
Sept. 16.
Dec. 19.
Jan. 5.
. 14.
März 7.
AprU 19.
Mai 10.
» 24.
[Juli 9.]
Juli 25.
Febr. 23.
„ 27.
Juni 22.
Juli 30.
Aug. 10.
» 15.
Sept. 2.
Jan. 18.
Mai 10.
Juni 13.
Aug. 20
Sept. 1.
März 16.
Jan. 19.
Mai 9.
Dec. 21.
März 13.
Nov. 24.
Dec. 20.
Jan. 9.
Febr. 22.
Dec. 13.
Sept. 5.
Febr. 25.
Juli 9.
April 25.
? ?
März 8.
April 22.
Aug. 5.
▲dreisat
Censur-Commisfdon
Bang
Censur-Commission
O.-H.-Marschall-Amt
Censur-Commission
O.-H.-Marschall-Amt Ant.-Schr.
Bang Ant-Schr.
„ .... Fract-Schr.
O.-H.-Marschall-Amt Ant.-Schr.
Censur-Commission Fract.-Schr.
0.-H.-Mar8chall-Amt Ant.-Schr.
„ Ant.-Schr.
Censur-Commission Fract.-Schr.
O.-H.-Marschall-Amt Ant.-Schr.
Bang Ant.-Schr.
„ Ant.-Schr.
Censur-Commission Fract.-Schr.
Fract.-Schr.
Fract.-Schr.
„ Fract-Schr.
„ Ant.-Schr.
Bang
Hupfeld
Banff .
Hupfeld
»»
Bang
Hupfeld
Schotten
Bang
Hupfeld
Landau
Bang
Landau
Frau Bauer, geb. Ramus
Landau
Seite
n 127
87
8^
n 12^
n 101
u r^i
U 104
8s
89
II 107
n 134
II 109
II 111
n 133
121
92
96
n 135
104
U234
n2ds
n 178
II 238
n245
108
n249
n251
n255
n257
U260
ni64
115
0264
0266
397
118
399
10
400
y Google
IL Briefe von J. Grimm. 413
Jahr Monat Adressat Seite
1835 Nov. 25. Vümar 298
1836 Jan. 17. Landau 400
März 20. L. Diefenbach !..!!." 388
Mai 10. „ 389
1838 April 12. Gödek«^ 11
Mai 5. J. Müller 296
„ 15. Hupfeld n273
Aug. 28. „ n 277
Nov. 4. Vilmar 299
Dec. 1. „ 300
„ 27. Kurfarstin Auguste .... 419
1889 Jan. 20. Bang 121
Febr. 8. Hupfeld 11 279
April 9. Vilmar 301
Mai 19. „ 302
Sept. 22. „ 304
Oct. 23. Berlit 13
? ? ? Dorothee Dahlmann .... 22
1840 März 15. Weigand 315
Mai 29. „ 316
Oct. 10. „ 317
Dec. 5. Vilmar 307
1841 März 11. Weigand 317
., 12. iupfeld n282
1843 Mai 10. J. W. Wolf H 307
1844 Jan. 25. Weigand 318
„ 25. Dieterich II 306
Aprü 4. Hupfeld 11 283
„ 25. J. W. Wolf n 308
Juni 20. Hupfeld H 284
Aug. 7.- J.W.Wolf n308
1845 Febr. 1. Vilmar 308
? „ 310
Oct. 25. J. W. Wolf n 309
1846 Jan. 12. Weigand 320
Nov. 12. L. Diefenbach 390
Dec. 30. „ 391
1847 Dec. 30. Weigand 324
Juni 28. J. W. Wolf H 310
1848 Juli 23. Weigand 326
Dec. 5. Hupfeld H 284
1849 Jan. 7. Weigand 327
JuU 28. „ 828
y Google
414 Clironologische Tabelle«
Monat AdresMt Seifee
1849 Juli 28. J.W.Wolf n312*)
Aug. 23. , n 313
[1850] Oct. 31. Weigand 329
Nov. 28. J. W. Wolf n 317
1851 Juli 15. L. DiefesbMh 392
Dec 3. J. W. Wolf n 319
1852 Jan. 10. WeiganT 331
Mai 22. J. W. Wolf H 330
Aug. 3 Berlit 15
1853 Mai 25. Weigand 333
1854 April 4. „ 335
Mai 25. L. Diefenbach 39S
1855 Febr. 3. Weigand 3S7
,, 22. Landau 402
Juli 16. Vilmar 311
1856 Juni 27. Weigand 340
1857 Juni 28. L. Diefenbach 394
Juli ? Weigand 341
1858 Febr. 12. „ 346
Dec. 10. „ 352
„ 30. Frl. Gies Iß
„ 31. Crecelius II 357
1859 Febr. 6. Weigand 354
„ 28. Vilmar 315
April 11. Weigand 358
„ 18. Frl. Gies 18
Nov. ? Weigand 365
Dec. 17. „ 368
1860 Juli 81. „ 369
„ 31. Frl. Gies 20
Oct. 29. Fr. Oetker 21
Dec. J6. Weigand 870
1861 Febr. 2. L. Diefenbach 3^
Mai 4. H. Dahlmann 22
Juni 9. Weigand 372
Aug. 6. „ 374
Dec. 21. „ 376
1862 Mai 29. „ 379
Sept. 5. „ 380
Nov. 29. „ 38a
1863 Jan. 5. , 384
März 23. , 385.
*) Dies ist der n 8. 835 irrig eU fehlend beseiolmete Büet
y Google
n. Briefe von W. Grimm.
415
XL Brlefi Ton W. Orlmm.
Jahr
1806
1813
1814
1815
1816
1817
1818
1819
1820
Monat
Mai 6.
Mai 29.
Dec 11.
Febr. 9.
n 28.
April 5.
Mid ?
Nov. 4.
Ende
Aug. 17.
„ 28.
Dec. 15.
März 23.
Mai 10.
Juli 3.
Nov. 10.
Dec. 12.
„ 23.
Jan. 7.
Osterfeiertag 2.
Aprü 25.
Juni 24.
Juli 24.
Nov. 5.
„ 5.
„ 6.
,» 26.
Jan. 20.
., 22.
März 10.
Aug. 25.
Nov. 9.
Jan. 3.
,, 3.
„ 29.
4. März
Mai 9.
Oct 25.
Dec 7.
Febr. 20.
Juni 1.
Oct 8.
AdreiMt
Bector d. Univ. Marburg .
P. Wigand
Kurfürst Wilhelm 1 n
P. Wigand
Kurfürst' Wilhelm I. '. ! *. ! 11
P. Wigand
Kurfürst Wilhelm 1 11
P. Wigand
Kurfürst Wilhelm I U
Bang
Suabedissen
Seite
n394
3
Bang . .
Suabedissen
Bang . .
Suabedissen
Gerling
Ban^ . .
Gerling
Suabedissen
Gerling
Bang . .
Suabedissen
Gerling
Ban^ . .
Gerling
Suabedissen
Gerling
Bang . .
Suabedissen
Gerling . .
Bang . .
1
4
24
4
4
6
4
7
25
143
146
151
152
155
159
160
29
162
33
165
124
37
126
170
128
129
38
173
176
130
42
132
47
182
187
134
53
189
135
y Google
416 Chronologische Tabelle.
Jahr Monftt Adressat Selto
1820 Oct. 27. Suabediasen 191
1821 Jan. 7. „ 192
„30. „ 196
Mai 2. Gerling 138
„ 23. Suabedissen 198
Juni 14. Bang 65
Aug. 16. 68
Sept. 19. Suabedissen 202
Oct. 15. Bang 69
„ 23. Kurfürst Wilhelm 11. ... 11 7
„ 29. Suabedissen 204
1822 Jan. 22. „ 205
Febr. 19. (?) „ 207
Mai 14. Bang 75
Juli 22. Suabedissen 209
Aug. 12. Gerling 140
1823 Mai 16. Suabedissen 222
Juli 25. „ 224
Oct 19. „ 226
1824 Jan. 12. „ 215
Oct. 2. „ 229
Dec. 17. „ 234
. 23. (?) , 236
1825 Jan. 12. „ 2:37
März 10. Bang 90
April 9. 0.-H.-Mar8chall-Amt ... IT 9
2. Pfingsttag Suabedissen 238
Dec. 27. „ 239
1826 April ? Bang 97
„ 21. Suabedissen 241
Sept. 15. Bang 101
1827 Jan. 3. Suabedissen 242
Mai 28. „ 246
1828 Jan. 7. „ 252
Febr. 24. Bang 105
Juli 10. Suabedissen 254
Sept. 11. „ 256
„28. „ 257
Oct. ? ,, 222
„18. „ 258
1829 Jan. 2. „ ....... 259
Febr. 2. Kurfürst Wilhelm H H 102
Mai 7. Suabedissen 261
Aug. 13. „ 263
»22. „ 264
y Google
IL Briefe von W. Grimm. 417
Jfthr MoDftt AdreMftt BMte
1829 Not. 1. Snabedissen 265
,, 25. Kurfarstin AogOBte .... 407
1830 März 15. Bang 112
1831 Dec. 4. KnrfOrstin Auguste .... 409
1882 März 13. Suabedissen 266
Mai 25. Eurfdrstin Auguste .... 411
Oct. 18. Suabedissen 269
1833 Jan. 10. „ 274
Oct. 9. „ 274
1835 März 22. „ 277
Mai 19. Hupfeld 280
1837 März 24. Eurftirstin Auguste .... 415
Dec. 3. J. Müller 284
„23. „ 285
„30. „ 286
1838 Jan. 3. ,, 292
1839 JuU 14. Hupfeld . Antiqua-Schrift*) 281
1840 Oct 7. „ 283
1842 Aprü 23. J. MüUer 294
1846 Febr. 2. Weigand 822
Juli 12. „ 323
1851 März 2. J. W. Wolf H 317
Mai 19. Weigand 330
Dec. 7. J. W. Wolf n 319
1852 Sept. 10. „ n 321
1853 Mai 12. „ H 822
1855 März 3. Weigand 339
1857 Dec. 30. „ 344
1858 Febr. 18. „ 348
Mai 11. „ 349
1859 Febr. 27. „ ....... 356
Aprü 16. „ 359
Aug. 5. „ 360
Nov. 6. , 362
*) Bnter Brief WUbelm Oxlmm's In AntiqiiMohrtfl» alle folgenden
sind ebenso gesohrieben.
K. Stengel. Acten der BrAder Oxlmm. 27
Digitized by VjOOQ IC
Namen- und Wort-Verzeichniss.
(Oiirsiv-Zfthleii deuten »vf Anmei^iuigeii, [] dMS der Name nicht an-
gefOhrt ist, ( ) dam die ErwUmnng sieh nicht In einem Qrimmhxlelb
findet)
abenel (11 340 o).
aberwitz (II 331 m., 339 u.,
379 u.)
Abrion II 266: 29.
abtröseln (II 340 o.)
Adelung 36, H 236 : 6, (344 m.)
adlerfittig, adlerajüngling,
adlersschwinge (II 340).
adogean (II 338 m.)
Adrian 325, (II324 : 324,330 m.)
Aeglesthorp (11 326 m.)
ahne (II 332 o.)
Abrd B. Ard.
üh (II 329 m.)
al (n 332 0.)
Alberus 316-1 (H 305, 332 o.,
339 0., 340 Br. 17, 344 o..
346 0.)
Albrecht 293.
Aifonsua, Petr. II 277 u.
Alfred, König 14.
Allianz heil. 68.
aln (II332oJ
Altenburg (U 382.)
Altenstein, Minister v.94, 110,
n 42, 52, 56-7, 60, 62,
64, 67 8, 71, 76, 80, 86, 90,
94-5; an A. U 74, 76, 90.
Amadis (U 358 o.)
andelagen andeln 316, (II
3280,332 m.)
Anhalt, Herzogin fFriederike]
V. 161, 167, n [125).
arabisch 11 238 : 8.
arame (II 384 o.)
Aristoteles 217.
armenisches Alphabet CD.
385 m.).
Arnim, Achim 7. 31, 44, 46,
48, 64-5, 81, 102, 107,
117, 129, 145, 151, 169, 171,
174, 195, 202.
— , Bettine v., geb. Brentano
117, 233 [27f\,
Ard [Flnss] 346, (n 362 o.)
Arndt (II 285 n.)
Arnoldi 127, 186(11 151,238:7).
Arnsberger nrknnden 329 (U
329 Br. 11.)
Arnstadt 380.
Arwidsson II 280 n.
Ascanins, aschkenas 11 283 o.
Ast 38 no. 30.
aswinka (IT. 304 n.)
Anbei, Wittwe 173, (ü 196:
170).
Anchenfort, Friedr. y., 310.
Anerhahnpfals 335.
augengleff (11 335.)
Angsburg 383.
Angnsti 89.
ant (U 304 n.)
y Google
Namen- und Wort-Veraeichnias.
419
bacco (n 338 m.)
backe (II 332 u.)
bkfixr (U 335.)
Baiem II 52, 55 ; Kronprinz
V. 408; König v. B. 416,
(II 372 u.)
Baldacci II 26.
balken II 345 o.
balzen (U 341 m., 364.)
Bang, Dan. (11 139.)
Bang (Bange), Job. H. Chr.
82, 125, 129, 132, 236, U
150, 218: 236, 220o4; an
B. no. 24— ei n. n.l78no.
55a ; von B. II 150 ff. ; sein
Sohn (11 176: 97); dritter
Sohn Btnd. jur. (II 179: 108).
Barakia II 322:20.
Bardeleben, v. (II 165).
Barlaam 389 (U 381).
base (II 377 o).
Basse 317.
Baner, Prof. 109, 289, [407],
(n 395).
— , Dr. 10, 127, 130-1, 135-6.
168, 170, 173, 176, (II 188:
135, 198 : 170).
— , Charlotte geb. Ramns
[168J; an Ch. B. no. 13-4,
Banr 329, (U 325:328, 329
Br. 11, 333 u. 362 o.)
Beanfort II, 82, 93.
Beanhamais (11 25, 29-31,
41, 85, 401 0.)
Becker (II 342 m.)
beede, bode, beide (II 305 o.)
Beienheim (II 305 n.)
Belgien 11 307, 313:7.
Belli 393.
Below 139, 145, 150, 156, 169,
172, 182, 187-8, 192, 195,
197, 200, (H 190, 192 Br. 5,
196:165, 207:192, 208 u.,
210 0.)
Benecke 184, 246, 257, 389.
Bentheim, v. (El 139).
Beownlf 13-4.
Berfurt fll 318 u.)
Bergen (U 146).
Bergk (II 391).
Bergmann, Prof. in ööt-
tingen 289, (U 279).
Bergmann , Prof. in Strass-
bnrg n 280 m.
Berlepsch 165,
Berlin 17, 145, 193,318,331,
345, 360, 410, II (154:38,
204, 209 0.), 236:6, (249:
15, 282 0.),- Akademie 396;
üniv. n 151 no. 24; jur.
Fak. 110 ; deutsche Sprach-
gesellschaft 155, 159, (H
195 m., u.); Hotel z. Stadt
Braunschw. 358.
Berlit, S., an B. no. 16-1.
Bemhardi 398, 399, (U 122),
252:17; von ihm 389 ff.
Bemwalde 145, 151.
Bertheau 291.
Berthold v. Chiemsee 352.
Bertuch 43-4.
besebeln (II 342 o).
beseu II (3i5 o.)
Bethmann, v. (H 404 u.)
Bezzenberger (II 391 o).
Bickel 11 (236:7), 238:8,
239:8, (242m.), 252:17,
(254:19), 256:20, 257:22,
260:24, 265:27 u., (266o.,
272 u.), 273:35, 278:37,
293 u.)
Biener (II 254 u.)
Bindewald (II 372 u., 373 m.)
Bingenheim (U 382 m.)
Blasius-Gesellschaft (II383o.)
Blackert 122, 299^800
blandiniense, chron. II 309 : 3.
bleckchen (II 328 m.)
bleide (H 344 u.)
27*
y Google
420
Namen- und WortrVeneiobniss.
Blindbeim, Schulmeisterwahl
zu B. nnd Ernennung o.
Heirath d. Schnlm. zu B.
[2 dram. Stücke in schwäb.
Mundart, 8. Jahns Jahrb.
IX (1829) S. 836 Anmu]
n240 m.)
Blücher, V. 67, H 44, 72, (397 xl)
Blum, Robert 329.
— , Maler (U 209).
Blumenbach 114, 416.
Bodenhausen, v. n 17,24,48,
55, 62, 65, 94, (406 o.).
BOckh 43, 55, 105, (U 161 :
53).
Böhmer SSO.
böhmisch (II 334 o, 336 m.)
pökendorf] 170.
Börsch, Prof. 47 (H 154:38),
215 : 17, (253).
BOttner, Wittwe 113, 408.
— , Tochter, L. Grimms Frau
113, 408.
bol (U 328 m., 329 u.)
hole (U 344 m.)
Bologna 80.
Bonaparte, s. Napoleon.
Bonifacius (U 316 m.)
Bonn, Univ. 46 [176).
Bopp 38, n 233:3, (239:9,
&7:21, 258 m.)
Bosz, Weiszbind. in Saman
[101].
Bosworth IS, (ü. 369 u.)
Bothmer, v. II 27.
Bouquet 38.
Bourget et Oie. II 17.
Bouterweck (II 363 u.) [5Br.
J. Gr.*s an ihn V. 1849—57 s.
Germ. 19, 247 ff.]
braccho (11 332 u.)
brass (11 384 m.)
Braun 330-1, (U 330 m.)
Braunschweig 320, 1185,260:
24. (261 n.); Herzog y.
Bremen 207.
Brentano 70, 74-5, 93, 104,
154, 156-7, 202, (U 150,
152:27.)
— , Clemens 31, 40, 45, 49,
64, 94, 103, (n 153:32,
174:92, 177:104), 179.
— , Christian 32, 37, 39, 41,
45, 55, 64, 70, 74, 76. n
(154:38, 178:104^ 179.
— , Franz 64.
— .George 94.
Kunigunde, s. Sayi^y.
— , Luaovica, s. Jordis.
— , Meline, s. Guaita.
Brieg, Doroth. Sibylla, Her-
zojnn y. 409, 411.
Brockes 122.
bronze Ol 384 o.)
Bucher [U 139, 395).
Buchholz (U 204).
Budde (U 378 m.)
Buderus, s. y. Carlshansen.
Büdingen 226, (n 343: 337).
Burchardi 166.
Bnmouf n234:3.(4,2d5:5).
burro (II 384 u.)
burschenschaft , (11 201 : 176.)
ButÜar, Treusch y., 305.
Buttmann 80, 93, (11 171:
82, 176:97.)
— , PflEunrer, söhn d. y. (11
375 u.)
Bjrgicn 189:138.)
Byron 208, 220.
Caesar in Cassel [60].
Caedmon 14.
Caen n 50, 69.
Caldem, s. Ealdem.
Calderon 44, 230-l,(U 217:229.)
Cambridge, Herzog y. 267,
Campe SSO.
Canitz, y. 101, pi 122]
s. Kanitz.
Canoya n 22, 83, 37.
y Google
Namen- und Woit-Verzeiclmiss.
421
Capo d*l8tria, Graf n 23, 89.
Carber , Markordnnng (ü
330 m.)
Cardale, 14.
Carl, Adv., 398, (U 179:108).
Carl d. Grosse, 306, s. Earl-
m einet.
Carlsbader beschlüsse (11
205 Q.)
Carlshausen , v. 6, 11 i5-7,
46,97,(405m.);anC.II19ff.
Carlsruhe II 265 o.
Casanova 76, 89.
Cassel, 4«, 112-8, 128-4, 266,
269, 380, 404, 407-8, n(227
u., 281 0.), 251:17, (259),
265 m ; Wilhelmshöher Thor
(n 163); Fünifensterstrasse
(n213m., 214:210); Belle-
Yuestrasse (TL 218:233).
Bibliothek 116.11,8,(174:
92), 256:20, (389 Er. 2).
Hofarchiyar 7.
Gymnasium 60, 84 f.
Bildergallerie 11 28, 38,
41, 47-8, 55, 69, 79, 83, 85,
88, 96-7, (398 ff., 400 m.,
402 f., 404:17.
Verein f. hess. Gesch.
299 u., 399, 400, (H 158, 389
Br. 4).
Oberhofmarschallamt (II
9-12, 101 4), 103 ff.
Censur-Commission 165,
Verhandl. d. C. ü, 122 ff.
(Vgl. n 161:58).
Castlereagh (II 402 m.)
Castorkirche 401-2,
Öechen (11 334)
celtisch II 250 m.
Cervantes 44.
Chateaubriand (U 225 m.)
chranne (II 827 u.)
Chrimhild (U 173 : 90), s. Grim-
matik.
Christenberg 400-2.
Christian, s. Brentano.
Clemens, s. Brentano.
Cleve, Graf v. 147.
Clodius 49, 184, 239, (II 195:
155, 219 : 289) ; seine Frau f
(H 222:261).
Clusa, Jac. de, 11 277 u.
Coblenz 402.
Collmann 88.
Colmar 306.
Conrad v. Würzburg S14.
Conradi 24, 26-7,88, 113,116,
289, 407, n 7, (150, 151);
von ihm 1 Br. 11 151.
Corpus juris 75.
Corvetto 11 62.
Cramer, 80, 84, 218, (ü 171:
82).
Crecelius 367, 378, (U 348:
337, 348 m., 850 u., 351 o.,
358:369; an ihn U 857:
363.
Credner 338.
Creizenach, Th. (II 369 m.)
Creuzer, Prof. in Heid., 60,
56-7, 68-9, 73, 78, 80, 82-4,
86, 93-6, 111, (U 150, 152:
28, 163, 169, 170:82, 174:
92. 179:105, 212:207.)
— , Prof. in Marb. (U 151).
— , Gymn. Lehrer, Sohn d.
V. 86, 95, 99, 104, (H 171:
82, 173:90,174:92,176:97).
— , Weinwirth 25, (II 150j.
Curländer Studenten 181.
Curtius (II 202 u.)
Dänmark 11 309:3.
dafad (II 384 u.)
Dahlmann, Chr., Prof. 114,
117, 120, 267, 293, 418, ü
(185, 276 0.), 279 u., 282:
40, (394:416).
— . Dorothee, Tochter d. Prof.
D., verh. m. B«yscher; an
sie no. 22.
y Google
422
Namen- und Wori-Verzeichniss.
Dahlmann, Herman, Land-
gerichtsdir., Sohn d. Prof. ;
(h 292:295), an ihnno.23.
Dahme 145, 151.
Darmstädter Schulzeitung.
336; D. Nibelungenfragm.
337.
Daeypodius 317, 335,
Daub (H 174:92, 195:155).
Dauemheim (II 381 u.,382u.)
Deffermon IT 17, 26.
Dehnhard (II 139).
Denhard, B. II 148 : 19.
Denon II 37-8, 49, 79, 84,
(399 o., u., 400 m.)
Deutschland [327, 330]. II 30,
336 u., 337 m.; Süd. D. 362,
n 52, 313 0.
deutsche Constitution, Pro-
toooUe d. Conferenzen über
(II 142-3). alt-, neu-deutsch
(11 199:173\ hochtütsch
(II 349:341); d. postein-
richtungen II 313:8.
de Wette, s. Wette.
Dickerhof 25 (vgl. II S. 151).
Diefenbach, L. 326, 343, 353,
370; an D. no. 194-201; von
D. U 376 ff.
Dieffenbach, Ph., 318, 325,
370, (II 324 : 324, 338 u.. 347
u., 348 m., 350: 346 no. 171,
359 u., 381 u ; von ihm 11
361 m. ; sein Sohn Richard
(II 361 m.)
e^XB^a (n 385 0.)
Diemeistrom 150.
Diemer (11 330 m.)
Dieterich, Verleger ; an ihn 11
306.
Dietrich, Franz, (£1 298 u.);
von ihm II 363 m.
Diez (n 366, 376). fJ. Gr.'s
Corr. m. ihm s. Zs. f. r.
Ph. VI 501 ff., VII 481 ff.]
Dithmar 370, (U 359 u.)
Docen 56, 133.
DObel 15.
Döring II 13.
DOml^rg, 8. Frau v. Wita-
leben.
Dohm 43.
Doaar n 310:5, (316 m.)
Dorlar 346, (II 362 o.)
Draud 11 382 u.
Dresden iJl 204 u., 337 m.)
Dreyer (U 372 u.)
Dronke 403.
Dudon U 63, 66.
Dülmen, Nonne in 45, 103.
Dürer, Alb. 2.
dula (II 338 o.)
dulths 390.
Duncker, Max U 388 o.
dürft (II 353 o.)
Dusch, schosshund von (II
361 0.)
dutte, dütte 360.
ivm (n 329 Br. 11).
Eckhart 314.
Edda, sämundische (11 278);
Snorra E. II 280.
Edinburgh Review 48.
Eersel II 307 u.
Egloffstein II 133.
ehschwingen (11 304 u.)
Eichels-dorf, -Sachsen (II 326
m.)
Eichendorf 352.
Eichhof (U 170:82).
Eichhorn, J. Gottfr. 87,89,
(H 173:89, 243:11).
-, K. Fr. 111, (TL 179:108).
-, Joh. Albr. Fr. ü 14-6,26,
71, (201 : 175), 403 u.
Eichstädt (n 241 u.)
Einbetta U (311), 312 u.
ein so (11 370 m.)
ekstem (H 357).
elbentrOtschen s.hilpentrit8ch.
Elberfeldermundart(n2^a.)
y Google
Nainen- und WortrVerzeichnies.
423
Elgersburg 381.
Omen (II 332 m.)
emeaz (II 356 n.)
emet (II 337).
Ems, 8. Rudolf v. E.
Enenkel (II 325 u.)
Engelhard U 44, 53, 72.
engl. Sprache 364, (11 166,
267:31); s. firk, himself.
enk, enker 53.
enke (H 353 : 35^, 354 m.)
enken, enkede 358.
enne 359.
Enzeroth II 6.
Eos, Zeitschrift 133.
Eraclius (11 372 m.)
Erdehe 346, (U 362 m.)
Erfurt 381.
Emesti 79, 84.
Ernst n 135, (231 o.)
Erxleben (11 395).
es (H 360 m.)
Estor 368, II 234:3.
Estocq, r 159-60, (U 195 : 155.)
Ettmüller U 280.
euch (H 152:28).
Eugen, Prinz 11 87.
Euler, Dr., s. Thomas 74,
Eusebius (II 285 u.)
Ewald 288, (H 241, 244:11,
254:19), 256 o., 258 m.,
(261 m.), 265:27 u., 278:
38, (374 u.)
ewart (II 180 : 108 u. 110).
ezast (II 384 0.)
fachen, sich (II 361 Br. 68.)
Fafnir 305.
Fagel; v. n 97.
Falkenheiner 399.
fander, fanner II 378 o.
fasznacht (IL 359 m.)
Fauenbach (11 305 u.)
feifei, feisten, feld-bett, -dienst
(n 370).
feiwel (II 378 m.)
felsenmfitze (11 371 o.)
Feltre, duc de II 25.
Feodosia n 284:44.
Ferdusi $1, 56, 59,
feuer- schmatz, -Strand (11
371 m.)
Fichte 380, (U 370 o.)
Filidor 300.
finkein, finkler (U 370).
firk (II 377 u.)
Fischer (II 301 u.)
Fischart 311, 315, 352.
Fladungen (II 371 u.)
Flaxmann 235.
Fleckenland, Harnisch v. 312.
FlemmiDg 301.
fliedermus, flieez, flink (11
371 u.)
Florenz, medic. Venus von
II 21.
fluchgeb&ade (11 373 m.)
Förstemann 387, 346, 386.
Fontanus, Conradus 399.
forstteich (U 372 o.)
fortschustern (II 373 u.)
Fox, Samuel 14.
fr&gler (ü 373 m.)
fränkische spräche (11 327 m.)
Freyer (II 372 u.)
Franck, Seb. 300, 304.
Frankfurt a/M. 27, 36, 70, 77,
202, 263, 277, 324,527,377,
395; II 7, 101, (338 n.U
Bandesversammlung 7, (U
194:155, 197:165); Parla-
ment in d. Paulskirche II
(285 u.), 310:5, (391 Br. 8);
Gymnasium 74; fr. Btirger-
capitain U 245 : 13.
Frankreich 41, 60-1, (225 m.);
Eon. V. II 21, 82; Akademie
V. 354.
Franzosen 177, 11 52, 64, 68,
83.
Freidank 330, (II 330 m.)
Freygang 38.
y Google
424
Namen- und Woit-Verzeichniss.
Friedberg (U 338 u.)
Friedberger Passionsspiel 326,
(II 337 0.); F. Christ u.
Antichrist 327,
Friedrichsroda U 321 : 18.
Frischen 344 m., 3480., 351 m.)
frucht, frühling (11 376 m.)
Fulda 226, 270, U 36.
Gagern, v. 64, 69, 96.
Gains 31, [41], 51.
galische spräche II 281 o.
ans 110, (n 179 : 105).
garbe 321.
Gargantua 315,
Sw-Re, järgel (II 335 o.)
artner 11340 Br. 18.)
Sm (n 377 m.)
ansz290, 11256:20.
Geibel (II 210 n., 221 u.)
Geliert 351.
Genelli 85.
Gentü II 87.
Genz 49,
Gercken 400.
Geriing, 36, 42, 143, 154-5,
158, 161, 163, 166, 186, 192,
200, 204, 213, 228,234,238,
242, 245, 260, 274, 282, (ü
154:38, 186:123,211 0., 225
Br. 63, 290); an G. no. 62-74;
von ihm 11 186 ff.
— , Christiane, Wilhelmine,
geb. Snabedissen, Frau d.
Vor. 154-5, 259, 280.
— , Emma, Tochter d. Vor.
127, 130.
Germanns, Lebend, h. (11 314).
Gervinns 508, (II 365 o.); von
ihm II 299.
Gesellschaft f. deutsche Ge-
schichte 35.
Gesenins 347, (II 241).
gesiebt (H 372 o.)
^eszler 399.
get 63,
fi^traide 22.
Gierth, Val. (H 394).
Gies , Luise ; an sie no. 18 —
20; von ihr 11 146.
Gieseler 288.
Giessen 226, 380 ; (H 350 : 352,
388 n.) ; ünivers. (11 347 o.) ;
kath. theol. Facnlt (0339);
Ünivers.-Bibl. (11 350 u.);
Hs. (385 0.); Hs. 878 (II
336 m.); Hs. 1247 (ÜSSO:
330).
GKustiniani, Galerie 11 28.
Glanberg fÜ 382 n.)
Glimmerode 125,
Gneisenan II 23, 44, (401 m.)
Gnissberg, Gnitberg 122.
Gnitaheide 305-6.
Godülot n 42, 70.
Göcking (n 345 u.)
GOdeke, E. 357 (11 228 n.,
365 0.); an G. no. 15, s.
Nachtr. S. 408.
GOrres, Jos. v., 4, 51, 56, 59,
94, 103, 107, 123, 125, 129,
[146], 147, 164, 174; II 128,
126, 128, (178:104), 178,
(188:128, 191:146, 197:
165, 200 Br. 15).
— , Guido, Sohnd.v. (n 178:
104, 179:105).
Göschen 114, H 239:8.
Göthe 12, 32, 35, 37. 43, 50.
55-6, 59, 64, 70-1, 73-4, 76,
153, 157, 168, 213,214,215,
227, 229. 231, 234,255.279,
339, 350-2, 364, 366, 378,
382,412,11(153:28,155:38.
194 : 152. 155, 213 u., 216 :226.
218:234). 266:29, (340 o..
352 u., 363, 371 o.); Frau
Göthe's t 153.
Göttingen 121. 123. 149, 181,
266, 274. 294, 386. 4034.
n (249: 15), 251:17, (268:
33), 274 u., (279 0., 289 m.,
y Google
Namen- und Wort-Verzeichniss.
!425
374 u.); üniversitätainbil.
416, (n 184:121); Univ.-
Cnrat. 285, Bibliothek lU
—115, 408, n (225 Br. 63),
234:3, 256:20, (389 o.);
Societät d. Wissenach. 91,
Alleestr. 407; Gott. Revo-
lution (IX 226 u., 261 u.)
Golownin 55-4.
Goltz, V. n 95.
Gossfelden 39, 82, (H 220 o.)
Gotha 328.
Gottsched (U 350 : 352).
Grftffendorf, Frl. v. 263.
Graff 322, II (260 u.), 281 m.
(360 m.).
Gramave II 307, (315 o.)
greizzet 321.
Grethe 283,
Griechen 68, 72.
Gries 44, (ü 372 u.)
Grieshaber 321.
Grimm, Vorfahren d. Brüder
n 3, 5, (146).
— , Grossvater 16.
— , Phil., Wüh. Vater, 16.
— , Dorothea, geb. Zimmer,
Mutter lU, 240, 243, 261,
266, 404, n 10.
^, Tante, s. Zimmer.
— , Base, 8. Hohne.
— , Carl, Bruder (geb. 24. 4.
1787, t 25. 5, 1852) 131,
136, 140, 177, 188, 190, 198,
201, 241, n 4,(151, 210 m.)
— , Ferdinand, Bruder (geb.
18. 12. 1788, t 6. 1. 1845)
86, 131, 178, n 4, (151,
203:182).
— , Ludwig Emil, Bruder,
(geb. 14. 3. 1790, t 4. 4.
1863) 106, 112, 128, 136,
150, 154, 156, 172, 175,
190, 198, 224, 234, 258,
262, 408, n 4, (147:17,
148:19, 151, 160:4), 179,
(209 0., 216:224, 218:234,
374 m., 404 u.) (dessen
Frau , geb. Böttner).
Grimm, (Charlotte Amalie,
Schwester (geb. 10. 3. 1793,
t 15. 6. 1833) verh. ra.
Hassenpflug 77, 88, 118-P,
124, 128-30, 133, 140, 163,
168, 176-7, 183, 212, 216,
239, 243, 253, n 4.
—.Dorothea, geb. Wild, W.'s
Frau, 23, ^, 96, 105,
112, 118-9, 121, 238, 240-1,
243, 246, 251-2, 255, 258,
263, 268, 270, 275, 278,
284, 296, 354-5, 363, 369,
380-1, 385, 408, 418, n 9
f., 179, 280 0., 282 u. ; von
ihr no. 14, II 304.
— , Jacob, W.'s Sohn 97, 241-
3, 266, 404.
— , Herman Friedrich , W.'s
Sohn, 105, 111-2, 342, 345,
363-4, 375, 415.
— , Gisela, geb. Arnim, H.'s
Frau 364.
— , Rudolf, W.*s Sohn 113,
252, 255,257,260, 342,345,
356, 360-1, 415.
— , Auguste, W.*s Tochter,
273, 342, 354-6, 360 f., 363,
867, 369, 376, 380,385,418,
415,419, n 266:29, 280, o.
(349:341), 864 u.; von ihr
no. 193.
— , Jacob Ludwig Karl (geb.
4. 1. 1785, t 20. 9. 1863)
149 etc.
— , Wühelm Cari, (geb. 24.
2. 1786, t 16. 12. 1859)
368 etc.
Sehrlften der Brfider :
(t Ton beiden gemeinsam. * von
Wilh. [ ] nloht ersohlenen.)
Adiectiva, Preisschrift über
die deutschen 89.
y Google
426
Samen- und Wort-Verzeichniss.
Andreas n. Helene, Ausg.
n 145 : 14.
Antrittsrede, göttinjfer (De
desiderio patriae) 116.
t Armer Heinrich 24, 26,
408:n 150.
* Athis u. Prophilias 322,
323 (H 294 m.)
Autobiographie J. Gr.'s
[118].
Bendis, Über die Göttin,
367,
Besitzes, das Wort des,
329 III 329 m.)
* Christnsbilder, Sage v. Ur-
sprung d., 313. (II 359 o.)
Corveier Urkunde (d. XH
Jh.), über eine U aS8 u.
Diphthonge nach weggef.
Conaon. E 294 m. , 324 :
321, 379 u.
t Edda 149, 179, (H 192,
201 : 176).
t Elfenmärchen, irische 243.
Entlassung, über meine 121 j
[287 f(.], 296, n (185),
278 u., (276 0.)
* Exhortatio ad plebem ehr.,
(II 390 u.)
Freia, über die Göttin 367,
* Freidank, 270-1, [330], 348,
396.
Gedichte aus d. Zeit des
deut. Heidenthums, über
zwei entdeckte (n376u.)
* [Gesch. d. deutschen epi-
schen Poesie] s. Helden-
sage.
Gesch. d. deutschen Sprache
325, [327], 391, (R 327 m.,
342 u., 355 0., 379 o.,
383 u.)
Gott. Gel. Anz. 1824 no.
143 etc. : 232; 1833 no. 12:
120; 1852 no. 175:552.
* Goldene Schmiede Konrads
V. Würzbuijf (U 298 n.)
gothische Wörter , über
einige (U 365 o.)
gothisches Glossar y. Ernst
Schulze, Vorrede za (II
383, 386 0.)
* Graf Rudolf 106.
Grammatik, deutsche 42,
46-7, 52, 62, 68, 78-9, 86,
92, 116, 132, 141, 179,
198, 305, 307, U (160:47,
170:82, 278 m.), 281:39,
(379 0., 381 m.)
— , Zur Recension d. d. Gr.
[U 135].
— , serbische 89,
* Heldensage, die deutsche
[216, 260], (H 356 vgl,
298:305).
t Hildebrand u. Hadubrand
u. das Weissenbnmner
Gebet (II 156 Z. 3).
[hochdeutsch, über d. Be-
griff) 344.
Hymnorum veteris ecciesiae
XXVI interpretatio Theo-
disca 11257:22.
Jean Paul , Artikel wider
(Hermes 1819) 158.
Jornandes u. d. Geten [388],
391, (11 294 m., 824:321,
345: 338,3790., (409: 345.)
Lachmann, Rede auf 332,
Leichen, über das Ver-
brennen der 328 0 317:
11, (327 0.^
Lex salica hersg. v. Job.
Merkel, Vorrede zur H
817:11, 327.
* Literatur, die altnordische,
in der gegenw. Periode
179, 184.
t Märchen, Kinder- u. Haus-
30, 50, 53, 190, 223, H
(206,268o.),817:12,(847u.)
y Google
Namen- und Wort-Verseichnisa.
427
Marcellische Formeln (ü
346 n.)
Marcellas Burdigalensis,
über (H 388 m.)
mane, aber (ü 364 u.)
Mythologie , deutsche 11,
297. 299, 310, 318, U
(296 m.), 307, 309:3. 4,
320:17, (322:19, 329 o.),
a34 D.
[Nebenstunden] (U 334 u.)
Nenjahrswansch, poetischer
161.
Ortsnamen, Bemerknn^n
über hessische 303,
Personenwechsel in der
Bede, über den 341, II
347 u.
Poesie, Verhältniss der
Philosophie SEur 247.
Becht8alterthümer,deatsche
[114], in 179 :108,379 m.)
• Beinhart Fuchs, 38. [127],
170, 179, (U 199 : 173).
Bosengarte, der 359.
' Bunen, über deutsche 66,
218, (n 167 u.)
— , zur Litterat. d. [243 u.]
' Sagen, deutsche 28, 30, 47,
ä, 149, 179, (ü 201: 176).
Schüler, Bede auf (U 358
m., 380 o.)
Schule, Universität, Aka-
demie, über [328], (ü
327 o.)
Sprache, Ursprung der (U
340 m.)
Sünde, Abstammung des
Wortes 303,
Taciti germania 297.
Tanfana, über die GOttin
367,
Volkslieder , Übersetzung
serbischer 229.
Weisthümer 110, 299, 370,
373, 377, 384,397,11281:
39, (372 u.)
* Wernher v. Niederrhein (II
298 m.)
t Wörterbuch,Deutsches 14-5,
121, 282, 298, 303, 307,
313-4, 332-6, 338-42, 344,
349, 1362], 355, 357-60,
362, 365-7, 371, 373-86,
396, n 277:37, 319:14,
(331, 840 u., 343 n.. 358
0., 377 o., 879, 380).
Grimmatik (II 174:90); vgl.
grimmige Wb. (II 379 Br.
46) und Chrimhild.
Grosse (II 139).
Grotefend 60, 86, (H 168 :74).
Groth, Kl. 381.
Grouchy II 35.
Grüner H 16, 25, 42, 70.
Gryphius 301.
Guaita, Mann von Meline
Brentano 74-5.
guddi (II 385 o.)
Gudrun, 217, U 321:18,
(322 : 19).
günter (U 335).
Gustav Wasa II 51.
Gutzeit. 355.
Hach (H 223:265).
Hagedom 351, (U 372 o.)
ha£nenbalze 335.
Haiti, Majestät zu 158.
Halbertsma 393,
Halbir (II 338 u.)
Halle 145; hallische Jahrb.
n 279 m. ; h. Literat. Zeit.
(H 241).
Haller 43, 172.
halsmeni 311.
Haman 215.
Hamburg 177, i98, 367-8;
n 93.
Hameln, Uattenfänger v., H
317: IL
y Google
428
Namen- und Woit-VeneichiuBs.
Hammer 59.
Hanau 16-1 , II 36. 146;
Marktpl. no. 1 und Lanff-
gasse 41 (H 147:18).
Hannchen s. Molter.
Hannover 196, 266, 270, 28B,
404, II (281 m. ; König v. H.
404, iE 269, 272), Reg. y.
H. (U227 0.)
hannoversche Zeitung 267,
n 265 : 27.
Hans 8. Hannchen Molter.
Hansen (H 149).
Hanstein, v., 37, 128, 899
Frau V. H. 50.
Hardenberg, Fürst 174, II 16,
23, 32, 42, 71, 94, 200 Br.
15, 399 0., 401 u.)
Hargues, d* 386, (U 873 m.,
n.)
Harles 79.
Hamier [R.]. 129, 139, 141,
154, 157, 160-1, 167, 172,
186, 200, 203, 209, 211,
223, 225,(11165?, 193,194:
152?: 204).
— E 211
Hartmann {JI 244:11).
Hassenpflug 77, 120, 140
212. IT (184:121, 185,
278.34) 282:40,(283:42),
288 0.
— . Vater d. Vor. 216.
Hatto, Bischof 148.
haudem, hauem (II 825 u.)
Haupt Mor.. 304, 806 808-9,
gl2], 314, 837-8 848. 857.
1, 371. 875. (H 294
u.- 801 u.); von ihm H
297.
-. Jos., 367.
Hausmann 290.
Haxthausen. v., 170, U 168:
74. 284:44.
Haynau, Major, E 72.
hebräisch 11 288 : 8.
Heckmann (ü 188).
Heeren 87, 89, n 284:8
(285:4).
Hefner, [Jacob, H. ▼.] (11
815 : 10).
Hefter 111.
Hegel 94, 110-1, 256, 262,
ai 176:97).
Heidelberg 86, 168, 266, H
7. 83 100. (220 m.); Pro-
fessoren V. U.. 46.
Heine (U 279 m.)
Heinrich, Kaiser 843.
Heinroth, s. Wellentreter.
Helbling, Seifr., 309.
Helene s. Molter.
Heliand 810, H 256:20, 260
u., (295 u.)
Helmannshausen (H 341).
Henschel 146, 14a
Heppe 15.
Herbart 275.
Heringsdorf ü 303 u.
Hermann, [Joh. Gottfir.] 50,
85, 207.
— , [Karl, Friedr.l 283,11 26i
m., 277 u., (279 u., 281 m.,
289 0.)
Hermes, Zeitschr. 48, 58, 95,
179, 183-4, n (167, 203:
182, 204), 245:18.
Herodot 57.
Hersfeld 226, 29a
Hensog s. Cambridge, Sacbseii-
Meiningen.
Hensogin s. Anhalt
Hessen (H 140).
Hessen-Darmstadt U 52, (32S
u.); Landtag (H 829 o.);
Ministerium (ü 347 o.)
~ Grosshersogin v. 379, (H
871 o.)
Hessen-Gassel 66, 74, 271, 384»
380, 404; n, 34, 53, 60-1,
66, 74-5, 85, 87, 98, 125,
n(252: 18), 260 m., 282:41;
y Google
Namen- und Wort-Yerzeicbniss.
429
Hessen-Cassel, Oberheasen 28 ;
Constitution y. H. 117, 150,
(H 193, 227 m.) ; Landst&nde
34 ; Landtaff(226 o.) ; Kriegs-
GoUegUUl; Staatsminist,
an Y. Eichhorn 11 14.8.Ca88el.
— , Kurfürst Wilhelm I v.: 2,
66, 161, 165. n 127, (167);
Leichenbegängniss (11 164).
an ihn no. 9-12, n, L l)-4)i
n, IL 13)-4), n, m. A 3); von
ihm n 141.
— , EurfGlrstin Wilhelmine v.
(t 1820>, 191, 202.
-^, Kurprinz, seit 1821 KurfElrst
Wilhelm Hv. 8, ü 27, (167,
889 m.); an ihn 11 I.5),II,
ni A 6).
— , Kurprinzessin, sp. Kur-
ftbrstin Auguste v. 26, 125,
148, 194, 235, 273, n 27,
(225 m., 227 u.) ; an sie no.
210, 212-3,215,219-20; von
ihr 211, 214, 216-7.
— , Princessin Friederike . v.,
sp. Herzogin von Anhalt
— , Prinz Friedrich sp. Kur-
fürst Friedr. Wilh. I v. ^5,
131-2, 142, 152, 169, 172,
183, fl98J, 201, 224, 240,
(H 165, 190. 197:165, 202:
182, 203:182, 206, 209 m.,
210 m., 219 0., 224 u.,
225 m.)
— , Princessin Marie v, sp. Her-
^ zogin V. Sachsen-Meiningen.
— , Princessin Caroline v. 406,
408, 410, 413-4, 417, 419.
— , Princessinen v. 235, (11
219 0.)
Hexenprocesse 303, 319.
Heyne 56,
Hieron vmus 11 284 : 45, (285 u.)
Hildebrand, B. 372, (H 376
HüdebrandsHed 345, (n 350 o.)
hilpentritsch, hersfelder 298,
(n 296 : 138).
himself (II 166).
Hirzel, S. 375, (H 352:353).
hlaford (iord) (ü 377 m.)
HOfer 401.
Hohne, Philippine, Tochter
des Pfarrer Höhne in Hoch-
stadt u. dessen Frau, geb.
Zimmer, Base der Brüder
Grimm 19, (H 145-6).
Hölty (H 371 m.)
Hoffmann E 234:3.
— , [Amad.] 215,
— , [W.l 352, 380 (11 370 o.)
— ^, Hotkammerrath in Cassel
n S. 111.
— , in Priedberg 328.
Hohenlohe, Fürst 70.
Holländer 45, TL 239:8, s.
Niederlande.
Holtzmann 337, (11 801 m.,
346 m., 355 u.)
Holweg 110.
Homer 217, 229; Odyssee (11
152:28).
Hopf, Pfarrer 25, (U 150).
Hom 39.
-, Job. V. n 134-5.
Hortensia, Königin IE 51.
Horus 305.
Hrede, Hruodtac 11 307 u.
Huber, Prof. 291, II 283: 4L
(42, 288 m., 290, 292:294),
308:2, 309 o.
— , Dorothea, Catharina verh.
m. J. R. Wild.
Hüningen H 20, 82, 36.
Hufeland 109,
Huftirsheim (II 341 m.)
Hugo 41, 103, 114, 290, 296,
II256 u.
Humboldt, [W.l U 53-4, 234
:3. (4, 235:5), 236:6, ^^
:9).
- [A.] 44.
y Google
430
Namen- und W ort-Verxeicliniss.
Hnmmel 125.
hunddwati, hunzen (ü 334 o.)
Hupfeld 26, (U 150) 279, (II
149, 175:92, 227 Br. 67,
228 m., 231 m., u., 280,
290); an ihnno. 130-2; von
u. an ihn II 232 ff.; seine
Grossmutter (II 240); sein
Bruder (U 268 o., 287 : 281).
— , Marie, T. ▼. Suabedissen.
Hütten 369.
Ickelsamer 340, (ü 340, Br.
18, 854 m., 365 o.)
iderüchen (II 304 u.)
Ihre 36.
Hbenstadt, Kloster (U 325.)
Ilmenau 380.
indisch II 238 : 8.
ink, inker 53.
Isländinga sOgur 11 280.
Italien 168, [319J , U 306.
(334 u.)
itaruhhan (ü 804 u.)
Jacobus a Voragine (ü 312 :
6, 314 m.)
Jäger II 228 u.); s. Elise
Suabedissen.
Jahn's Jahrb. U 245 : 13.
Japan 34.
Jaup (U 329 m., 339 u.)
Jean Paul 58, 133.
Jena 182, 418, ü 279:39.
Jesuiten (II 339 m.)
jit (vob) 53.
Jordan (U 227 m.)
Jordis, Frau Ludowica, geb.
Brentano 71.
Josephine, Kaiserin II, 28-9,
41, 91 (399 u., 400 0., 401 0.)
jüdische Elemente in der
deutschen Spr. (H 335.)
Jung 34.
Justi 118, 127, n (151), 257:
22.
Jostitia, madame J. im Guck-
kasten n (240), 245:13;
s. Blindheim.
Kaldem 122, 306.
Kaltennordheim, weisthnia t.
(II 389).
Kamptz 52.
Kanits, y. (H 290 u.) b. Canits.
Kanne 83, 150.
Kant 122, (U 370 o.)
Karaim U 284: 44.
Karlmeinet, W. Grimms Ex.
V. (II 357, 372 m.)
kassen, kassbeeren 400.
Katholik, Zs. v. Görres 103.
Kaupen, y. 398.
Kehrein (H 351 m., 360 o.,
364, 374 0.)
Keü U 197 : 165.
Keisersberg n 347 m., 348 o.
KeUe 371, (II 305:316).
Keller, Ad. v. 333, von ihm
n 333.
~, Graf Y. (H 141-2).
Kellner 11 199 u.
Kemble 13.
Kephalides (U 195:155X
kersbeeren, kerstnen, kespein
400.
Kessler (H 216).
Kesterburg 400.
Kiliandr 305^.
Kindlinger 399.
klecke321.
Klee (H 371 m.)
Klein 343.
Kleist 32.
Klense 111.
Klinger (U 352 o.)
Knatz, an ihn II 18.
— , 0.-A.-(Jericht8rafch, vgL
n 164.
Knobel 329, 347, (11 340 m.^
345 0., 374 u.)
Koch, Chr., Pro£ in Marb.
78 (II 139).
Digitized by VjOOQ IC
Namen- and Wort-Yerzeichniss.
431
. Koch, Synd. v. Brieg (II 393
' n.)
Kochelsee 365.
Kochern 852.
Köllner 288.
Koppen II 280.
Körner (II 350 u.. 358 o.)
Körte 54, 58.
Kosen 152.
Köster (II 346 o.)
Kopp 213, II (220 m.),238:8.
Kosegarten 34, 352.
Kotze bue 52.
Kraft 85, 96, [lOOj, (U 175 :
97, 211 m.)
Kraus 55-6, 62.
Krause 30.
Kraut 290.
Krieffer 26, 32-3, 37, 227, U
Krodo U 307 u.
Krücke 25, (II 150).
Krüdener, Frau v. 184, (II
199 : 173).
Krug 141, 184, 262, (U 167,
204).
Kruse, Prof. (II 197 : 165).
Kühne, 0. V. (U 147).
Kürenberg (II 371 o.)
Küster, V. Ü 53.
Kuhn, A. (ü 380 m.)
Kuithan 79, (U 170:82.)
kummer 355, (II 351 u.)
Laberer (11 386.)
La Bouillerie n 92.
Lachmann 85, 298, 508, 314,
332, 337-8, 345, 357, 375,
II 236 : 6, (264 m., 301 m.)
Lacombiet 322-3.
Lagrange U 16-7, 26. 41, 67,
70, 85/93, (399 u.. 400 o.)
Lamprecht 316, 18211.
Landau 800. 889, 847; an
ihn no. 202-209,
Landgrebe 258, 261.
landsmannschaft 182, (U
201 : 176).
Lang 279.
Langenbeck 288, 298.
Laplace 140.
Lappenberg 867-8, II 281 o.
Laroche (U 189).
Lassen II 234 : 8. (4).
Laubach (II 881 o., 388 o.)
Laureshamensis. cod. 11 312:
7 (350:346, 862.)
LavaUäe II 87, 49, 51, 68-9,
79, 84
Lazius 259.
Ledebur 402.
Leipold 25. (II, 150)
Leipzig 145, 292; Feier d.
Öchlacht bei L. 155-6, 171,
259, 278.
Leist 157. 160,
Lene s. Molter.
Lenz 255-6,
Leo 14, 298, H 279:88, 808:
2, (327 m., 884 u.)
Lepel. V. 5-6 U 100, (148)
von ihm an d. Kurf. 11
142.
Lessing 888, 350.
Letzner 899.
Lieh (U 885).
Licherhof s. Dickerhof.
likkan (il 328 u.)
Lindheimer (II 286).
Line. s. Caroline Suabedissen.
Lippspringe 324.
Litthauen 164 ; litthanisch
n 238 : 8. (285 o).
llamps (U 884 u.)
Lobeck 58, 86, 93.
Löwe, Joel (H 364).
Lope de Vega s. Vega.
Lossberg, y. (U 850 o.)
Lössius 48.
losung (U 348 m.)
Lotz. E. R. 202, 207-8. 228.
(H 189, 211 no. 96, 212: 207.)
y Google
432
Namen- und WortrVeraeichniM.
Lücke 114, 275, 278, 287,
291, n (225, 280 m.), 281 :
39, (287:281).
Lüder 38.
Luther 70, 122, 174,190,311,
352.
Lye 13 (H 368 n.)
Mackeldei 186.
Magnussen II 280.
Mahn (H 244:11).
Mahner U 69, 76.
Mailand 410.
Mainz 11 32; Bischof v. M.
(U 339 u.)
Maio 41.
Maistre, Xavier de 108.
Malbergische glosse (IT 827m.)
Maimaison Schloss II 23 28-
30, 70, (399 n. 400 o., 401 o.)
Malsburg, Frau y., 125.
— , Ernst, Fr. v., 231, (11 139).
mandw&ri II 328 u.
Manso 38, 67.
Marburg 2, 27, 46, 58-9, 69,
77, 89. 96-7, 103, 109,
117, 119, 123, 130, 133,
186, 194-5, 205. 213, 222,
226, 240, 246, 258, 264,
274, 283, 285, 294, 306,
310, 407, II 1, (138 227 o.)
265 m., (268:33), 281:39.
40, 282 u.. (290 o.); Uni-
versität (n 153:33 159:
46, 177:103. 188:135 189:
138. 208, 219:239, 220,
227 m., 263 : 26 288 m.,
289 0.) . Univ.-Jubiläum H
179:105, 220); phü Facult.
(n 149:22, 156, 211 o.);
jur. Facult. Prüf. W. Gr.*s
vor d. (U 394 ff. Bibl. d.
Univ. (n 284:4); Forstr
hof (n 242 u., 213, 226 uj
Marcus. Buchh. in Bonn u
309:4.
Marheinecke (11 209 o.)
Mark. Grafeohaft 58.
Marlowe 48.
Martelliere 11 41.
Martens, v. U 40, (405: 40).
Martin 77.
Marx 289.
Massmann 300-1.
mat 318.
Mathesius 39-40, 129, 171,
174, 370.
Matsko 138.
Matthiae (U 168:74).
Matthisson 382 (II 346 o.)
Mecklenburg n 34, 74.
medum 303.
Megenberg 314, 379.
Megerle 352.
Meiningen 418, s. Sacbsen-
Meiningen.
Meisner 125.
Meisten (EL 376 o.)
Melanchthon 39, 174.
Melsungen 135, 202.
Menontes 350.
Menzel H (173:90), 178,
(311 o.)
mergel (0 348: 6r. 39.)
Merkur, rheinischer 4, li$,
(II 191 : 146).
Mertin 77.
Mettemich, Fürst, 49.
Meusebach, v. 316,
Meyenberg s. Megenberg.
Meyem, (i. v. 11 318.
Michel-Angelo 379.
Michelbach 306.
Moser a% 175.
Mohr 298.
Molter in Lübeck, Schwager
Suabedissens (II 210 o.,
221 u.)
Molter , Hannchen (Hans),
Nichte V. Suabedissens
Frau u. in S.*s Hans er-
Digitizedby VjOOQIC '
Namen- und Wort-Verzeichniss.
433
zogen 145. 158, 162. 175-
6, 251-3, 260, 263, 273.
Molter, Lene. Schwester cL V.,
158, 251, 253, 273.
Mone 73 f (Briefe an ihn be-
sitzt seit knrzem die bei-
delb. Bibi.)
Moritz (U 343 n.)
Mosern 234:8.
Müllenhoff ^59, 871,(11301 m.,
375 m., u.); von ihm IT
359 f.
MüUer 317.
-, Mahler ttl 167).
^, Adam 153.
— , Bemh., H, (ll 139).
— . JnUn8;?78-9, 281,283,
n (231 m., 268 u., 269 m..)
281:39, 284:44; an ihn
no. 133-7.; von ihm II
289 ff.; seine Tochter
Klara (II 292: 294.)
— , Ottfried 90, 114, \290\
— , Wüh. 309, (E 378 u.)
München 365, 377; Universi-
tät M. 107; historische
Gommission 383.
Münchhausen, v. (11 399 o.)
Münscher 254, (EL 221 n.)
Mnnke 36, U 154:33.
Murhardt (II 139).
Mumer, Th., 301.
Mythologie, Zs. für H (321 : 19),
nachahmen 317.
nänke (11 354 o.)
Nagele, v. II 65.
Napoleon Bonaparte 180, II
^, 60, 90, (399 n.)
narrenbrunnen 389.
Nasns, Joh. (U 359 o.)
nant (ü 304 u.)
Neander 32, 48.
Nebel 323, (U 387 m., 388u.)
Nepos (II 152:28).
B. Stengel. Acten dar Brüder Orimm.
Nesselrode U 24, 39, 51,
(401 m.)
Neufville (H 177 : 104).
Ney 93.
Nibelnngen 216, 270, 308,
314,^2, 337, (II 192 Br.
5, 338 u., 371 0.)
Niebohr 83, 41, 94, 111, 117,
144, 250, n 178, 234:3,
260:24, (279 u.)
Niederlande n 96, (225 u.)
Nissberg, Nnssberg 122.
Nitzsch (n 875 n.)
Nodnagel (U 322 : 19.)
Nordheim, v. (U 147-8):
Nomen U (311. 377 m., 381 u.)
Nvenip II 280 n.
Nürnberg 383.
O'Connor II (278 u.), 281 o.
Odinssalr ü 307.
Odsleben 39.
Oehlenschläger 227.
Gnn (H 354 m.)
Oesterreich 1152, 124; Kaiser
Franz v. Oe. 11 21.
Oetker, Fr., an ihn no. 21,
Ohlnhansen II 234 : 3.
Olshausen (II 235:5.)
Opitz 301.
Oppositions-Zeitong 175, 184.
Ortenfels H 33.
Osann 354, (U 351 n.)
Osterhansen 88, 11 171 : 82.
Otfried 310, 871, II 256
260 a.
ovanhüson (II 339 o.)
Overbeck II 345 u.
Page, paqn^e (11 384 m.)
anzer 395, H 312:7.
Paris 36 ; theatre Favart II 35 ;
pont S. Michel U 45 ;' hötel
de TEmpire (Thelosson) 11
37, 82, 88; me de Tnni-
versit^ no. 7 : 11 27.
28
y Google
434
Namen- und Wort-Yerzeicbniss.
Passavant (U 177 : 1<H).
passional (U. 825 n.)
Passow 93, II 176 : 97.
PauluB 54, 142, 180, (II 170 :
82, 176:97).
peltenere 826.
persisch II 288 : 8.
Perte 267'S, 306, 312, U 265 :
27.
Peschek II 299 o.
Petters (U 305:316).
?fee8chen (II 335).
ieiffer, Räthin, 125,
— , Franz 312, 314, 357, 375,
379, (U 294 n., 371 o.)
Pfizer, G. n 265 m.
Pfizer, P. II (227 : 67), 265 m.
Philippeville II 20.
Philologenversammlung,
germanistische Section (II
?hol 310.
ictet II 281 0.
Pillnitz 363, 365, (II 372 m.)
Planck 275.
Platen 12, 97, (ü 408:144)
Platner, E. 224.
— , Fran 264.
plecken JI 338 m.)
Plönnies, W. v. H [321:18],
(332:19).
Polen (U 261 u.)
Polgöns (II 328, 329 u.)
Portal II 54.
Porter 33, 37.
Portugal Königin y. 351.
Pott, Prof. d. Theol. 287-8.
— , Prof. d. vgl. Sprachw. 300-
1, 393, n 329 Br. 11.
Pozzo di Borgo II 51, 56, 71,
83 ; an ihn II 58, 88.
Pradel, Graf v. II 17 , 26,
38, 43, 48, 57, 64, 67-8, 76,
(399 m.) ; an ihn H 59.
Prenssen 35, 59, 164, 362;
II 52. 85, 87, 124-6, (151,
271), 282 0., (314 m., 826 u.);
Rheinpr. II 197: 165; neupr.
Farben 11 818 o.; Preossen-
thnm II 279 n.); prenssi-
sche Kegiemng 11., 204;
— , König V. 378; ü 21, 23,
82, 36, (II 292 : 295, 365,
387 m., 398 u.); Kronprin-
cessin 846, 348; Prinz Wil-
helm 855; Prinz Albrecht
u, Frau (II 227).
Prichard (U 279).
Pustkuchen 1761 (II 213 u.,
409 : 170).
Putbns, Füret II 51.
Pyrker 867, (ü 846 o.)
pysü (U 385 0.)
Quarterlj Review 48.
Qaatremere II 70, 83; an
ihn U 78.
qnercrecht (II 327).
Rabbek U 280 u.
Rabenau (11 340 u.)
Radlof 29 39, (II 158 :28. 33.)
Rambouillet II 87, 48.
Ramus 127, 163, 175.
— , Charlotte, s. Bauer.
— , Julie 10.
Ranke 273, 293, U 178, 308 o.
Rask 13, (11 285 : 5).
Raszmann 343.
rathfragen II 860.
Raumer 76, (II 206, 254 u.)
-, R. V., 349-50, [377, 385J,
(II 852 0., 873 m., u.)
Ravnouard II 250 m. (s. 2js.
{. r. Ph. VI 504).
Redwitz 852.
Räe, Dr., (II 335).
Reform ationsfe^^t 171, 17;i
regen 35 (II 15o : ;)o .
y Google 1
Namen- und Wort-Verzeichniss.
435
Rehm II (167, 222:258),
234:3.
Reiche 288.
Reimer 51, 167, (U 196:206,
209 0.)
Reinecke Fuchs II 266: 29.
Reinhard (II 139).
Reinwald 305.
Reiske 11 239 : 8.
Remusat II 234:3, (239:9).
Renaud. Prof. (II 327).
Renneval II 37.
rennferkel (II 327 u.)
reöfan (U 363.)
Rettberg 288.
Reuter, Fritz 381.
Reyscher (II 294 u.)
Reyacher, Dorothee, geb.
Dahtmann.
— , Luischen 23 ; verh. m.
Dr. Veiel (II 149).
Ribbentrop 289, II (14), 52,
69, 71, (899 0., 401 o.)
Richelieu II 20, 37. 56, 64,
67-9, 81-2,89; an ihn U 76.
Richter 84-b.
Rieger 337,
Riemer 93, (U 176:97).
Ries 97,
Rigi 410.
Rimberge (II 294 ra.)
Rist (II 372 u., 373 o.)
Ritter, K., 51, 55-7.
— , Aug. Heinr. 290.
Rivalier II 19, (164 u.)
Riviere (II 406 m.)
Robert, Prof. [591 II 395.
— , Galerieinspector II, 13, 70,
(400 m., 405 m., 406 m.)
Robertson II 234 : 3.
Rochard II 97.
Roche - Jaquelein , Marquise
de la 32, 157.
Rochow, V. 11(271 m.), [274 o.]
Rodenstein II 310 : 5, (316 m.,
318 u.)
Rodheim (II 360 o.)
roggen 36, (II 153 : 33.)
Rohde 56.
Rollenhagen 300, 302.
Rom, Museum : Transfigu-
ration, Apollo 11 33.
Römer = Ultramontane 11
274 m. ; vgl. II. 378 m.
romanische Sprachen II 250m.
Rommel, Gen.-Superint. 60,
171, (II 222 fl'., 258 a.)
— , Archivdirector , 41, 59,
116, 401, II 11,(154:38,
162:55, 233:1): von ihm
16 Br., U 155 ff.
Rosenblüth 333, (II 381 o.,
338 m.)
Rost 353, (II 345 u.)
Roth , [Franz] 874, 377, (II
360 0., 361 m.)
— , [K.J 302, 403.
Rothschild, 285, II 48, 55-7,
63, 65, 72, 80, (290 o.)
Ronen II 315.
Rouxel II 43, 57, 59-61, 67-8,
76, 81-2, 87.
roydach. Roysei II 307 (315 o.)
Rubino (II 264 m.)
Rudolf V. Ems 301, 304, 310,
312, 314.
— , v.Montfort 389 s. Barlaam.
Ru(iolph in Marburg i^il 139).
rücken 36.
R ackert 12.
Rühs 57.
Ruhkopf 196.
Ruhl, J. Chr. (U 164).
Ruhl, L.S., (II 164); von ihm
22 Br. II 166.
Ruhmann 139.
ruin, rünen (tl 384 m.)
Rulaer weistnum (II 388 u.)
Rumohr 101, 411.
Rumpelt 370,
Rumpf, Chr. (II 370 u.)
Ruozelenswilre 320.
28*
y Google
436
Namen- und Wori-VerzeiclmiÄs.
Russen 41.
Rnssland II 90; Kaiser v. R.
n 21, 23, 39, 42, 50, (402
m.), Alexander (II 199 n.) ;
an ihn II 27.
mssische Botschaft in Paris
n S. 82.
Rjse, Adam (11 347 m.)
Saarbrücken II 20, 32.
Saarioois II 32.
Sachs, Hans 338.
Sachsen, 1167, 74-5, (193,
199:198), 260 m.; Prinz
Anton in S. 153; KOnig
292, 364; Eöniffin 364.
Sachsen-Cobnrg II 75.
— , -Meiningen, Herzog Bern-
hard 92; Herzogin Marie
92, 132, [406], 413, 419;
von ihr no. 218; Prinz
Georg [413], 414.
sah in 329 Br. 11).
Sailer 45.
Salis (H 372 o.)
Salomon, Sage von 34.
Salvandy 231, 235-7, (ü 218
0., u.)
Salzburg II 36.
Sand 52.
Sanders 5ßj2, 355, 357, 367,
371, 57^,873,375 (n351o.)
sänge (II 340 u.)
sanskrit U 238:8.
cdga (n 885 m.)
Sardinien, Gesandter v. 069.
Sartorins 70,
sanls (II 288).
Savigny , K. Fr. v. , 27, 81,
85, 40, 42, 44-5, 49, 51,
54-5, 58, 61, 65, 71, 76, 80,
91, 98, 97, 102-8, 106-7,
109, HO, 117, 120, 123, 202,
210, 241, n (154:38, 160 Z.
3, 169, 170:82, 173:90,
174:92, 176:97, 178:104),
179, (179:108. 180:108,
184:120, 236:7, 238:7),
289:8, (279 n., 408 n.)
Savigny, Ennignnde v., Fraa
d. V. geb. Brentano 71, 81,
91. 103.
— , Franz v., 49.
— , [KarlJ V., 108, (H 178:
104.)
— , Bettinchen 71, 103.
— , Victoria 45.
Scanms 85.
Schadewitz 312 (H 302 o.)
Schäfer ausHeidelb. (U 169).
Schannat 306.
Scharf TL 17a
schander, schauer (H 325 o.)
Schaum, Dr. (II 338 o.)
Schanmann 309, (II 378)
— , Dr. II 123.
ScheeUe), Frl. v. 176, 262, (H
201 Br. 16).
Scheffer 165.
Scheidler 248, 260, 262.
Schelling 107, fU 154:38).
schelmacker 328.
Schelmnfeky, v. 168.
Schenk, F. K. W. H., Freih. v.
89, 117,
— , Sohn d. V. 222, (U 220).
— , Tochter, verk m. v. Witz-
Schiller' 12, 350-2, 365, (D
352:353, 359 m., 873 o.)
Schlangenbad (H 101 4).
Schlarbanm (II 139).
schlar-,schlander-affe(lI326o.)
schlarr (II 339 o.)
Schlegel, A. W. '24, 49. 180,
184-5, n (177:104), 234:3,
(235:4), 236:6.
— , Friedr. 56, 153, 181.
Schleiermacher 54, 206, 278,
(H 212 0., 279 u.)
Schlesien H 317 : 12.
Schleswig-Holstein (11339 n.)
y Google
Namen- und Wori-Verzeichniss.
437
schlendern (11 326 o.)
Schlosser 85, 90, 227, H 178.
Schmalz 144, 157, (II 191:
146).
Schmeller 333, (II 341 o., 348
Br.39, 351 m., 373 o.); von
ihm II 333 ff.
Schmerfeld, v. ü 18, 42.
Schmidt, G.-R. in Jena 11
245:13, (246:14).
— , Fr. W. Val. YL 278.
— , Kl. 353.
— . V. Lübeck ü 359 m.
Schmidt v. Werneuchen 382,
(II 351 0., 371 u.)
Schmidts 11 167.
Schmieder 85.
Schmitthenner 336, 338, 342,
385, (II 304 m., 328 n., 331
c, 342 0., u.)
Schneider, Leop. 60.
Schnellert H 310:6 (316 m.,
318 n.)
schnübe (304 u.)
Schödde U 136.
SchOnlein 295,
Schopenhauer, Frau (IT 199:
173).
Schott, A. II 309 u.
Schotten 125 (vgl. 11 187:
124); an ihn 1 Br. U 164.
Schrader 555-400.
Schraidt (U 139).
Schröder 397, U (244:12),
245:13.
Schubart (ü 390-1).
Schubert 76 = Schubarth?
Schuckmann 154,
Schütz, W. 206, (n 212 o.)
— , Rechnungsr. II 52.
Schultens U 239:8.
Schulz 25, (n 150).
Schulze 88.
- (U 383 u.)
Schwab n 265 m.
Schwabe 336, 367, (H 342 o.,
344 u., 345 u., 357 u.)
Schwaben (U 240, s. Blind-
heim, Justitia).
schwälmertanz 41,
Schwanritter 147.
Schwarzkopf 166.
Schweden II 309 : 3.
Schweinichen 68.
Schweinsberg, von no. 102,
Schweitz 410, II 265 o.
Schwenk 85-4, 86, (U 170: 82,
380 0.)
Schwertzeil 204.
— , Frau V. 223,
Scott 108, 208.
scregehöri (II 374 m.)
Sebiz, Melchior 300.
Seiler (II 205 : 189).
semde (II 305 o.)
sen (II 361 o.)
Serranus 335, (H 344 u.)
Seyffart (II 176 : 97).
Shakespeare 49, 185, 214, (II
204).
sich, sichste sich (11 360-1).
Siebold 289.
Sigurd 305.
slavisch II 238 : 8.
slup (II 383 u.)
Smid 153-4, 196, (U 224 m.,
398 m.J
snlcan (II 374 m.)
snuaba (II 305 o.)
Soden (11 369).
Soldan 319,
Solger 33, 256,
Sommer II 284:44
Sophronizon, 2ieit8chr. 54, 142.
Soulange, Chev. U 25,29,40,
42, 50-1, 71, 87, (401 o.)
Corresp. m. ihm 45-7.
Spangenberg, Wolf v. 300.
Spamen, König v. 276,
Spee 32, 46.
Spener 205,
y Google
438
Namen- und Wort-Verzeichniss.
sprenfi^er (11 327 n.)
spuken 21.
Stael, Fr. V. 43-4,47, 180, 226.
Starenberjfersee 365.
Steffens 185, (II 203 : 182, 204).
Stegmann 138, vgl. 11 188.
Stein, Frh. v. II 53.
Steinau 16, 226, 247, (II 257 :
21).
Stephanowitsch s. Wnk.
Stieglitz 86.
Stieler 305, 317.
Stollberg 45, 54, 58, 189-90.
Stourdza 184.
Strasse 36, (II 153 :.33).
Stransz (II 290).
Strieder II 2, 6, 7, (252 n.)
Sturz (II 344).
Stuttgart II 265 o.
Stuttgarter Verein 333.
styngonester 11 385 u.
Suabedissen 32, 49, 76, 78,
119, 125-6, 129, 131, 133,
137, 139, 198, 279-80, H
(188:135, 189: 141), 251: 16,
(257:21, 261m.),^65,i283:
42. 286:280); an ihn no.
75-129; von ihm II 190 ff ;
seine Mutter 135 206, 261;
8. Frau geb. Molter (II 206,
283 : 42).
— , Marip, Tochter, verh. m.
H. Hupfeld 151, 162, 176,
251, 253, 264, 273-4, 276,
280-2, 285, II (227 Br. 67,
263:26), 265 o., 268 u.,
281:40, 282 u., (283:42)
= Täubchen 158, Lach-
täubchen 145; von ihr II
228.
— , Elise, Tochter, verh. m.
Geh. Justizrath Jäger, ver-
wittwet, lebt in Cassel.
176, 210, 254, 266, 274,
280, 282. (II 2061,221:252,
228 Br. 67, 267 : 30 = Brum-
basz 145, 158, Frau Nim-
rod 273.
Suabedissen, Christiane, Wü-
helmine, verh. m. Gerlin^,
Schv^ester v. S.
—»Caroline, unverh. Schwester
V. S. 135, 145, 281. — Vgl.
auch Molter.
Tacitus 30.
Tänzer 15.
tage, böse TL 337 o.
Talleyrand 11 20.
Tatian (II 328 u.)
Taube II 2U:S.
Tennemann 25, (II 150).
Teplitz 324.
Ters (U 315:9).
Teutonia 394.
themselves (II 166).
Theobald 25, n 150.
Thiele, Minister U 309:4.
Thiersch (II 179:105).
Thomas 74, 77,82-3,104, 111,
U (177:104), 178; 1 Br. an
Th. II 168 rder von Dr.
Euler eben veröffentlichte
Grimm-Brief soll nicht an
Thomas sondern an ihn
selbst gerichtet sein); von
ihm II 168, 184, 214:210,
224, 397:7, 398 m., 403 a.,
404 u.. 408:149. 150, 409:
169. 191.
Thorsage (II 314 u.)
Thorbecke 76, 226.
Thorpe 13-4.
Thudichum 371, 373, (0360 o.)
Thümmel, G. 160, 336.
Thüringer 380.
Thumb, V. II ia5.
Thuret II 66.
Tibet (200 Hr. 15).
Tidge (II 372 uj
Tieck 34, 96, 227, 244, 247,
255-6.
y Google
Namen- und Wort-Verzeichniss.
439
Tischbein (II 400:12).
Tochter Sion s. Lamprecht.
Tolentino, Frieden v. II 22.
Tommaseo 873.
topp (II 3:33.)
TosKana, Princessin v. 364.
Touseaint II 17, 23, 25, 39-40,
50, (402 m.)
tranken 358.
trensch 305.
trincar (11 333 u.)
Troiafontaines (II 311 u.)
trom (II 337 m.)
Trost 157.
T8cheming, A. II 340 Br. 18.
Tschirner II 127.
Türken 72.
tnpfen (II 333 n.)
Turin II 69.
Twesten 275.
Tydeman [41J.
üssel (II 304 n.)
ühland, L. II 265 m., (286 0.,
295).
Ukraine 41.
Ulphilas 41.
ünger U 17, 38, 48-9, 55, 69-
70, 79, 88, 95, 97,99,(400:
12, 402 m., 403 m.)
nngethüm (II 334 o.)
Urlaub 17, (n 147).
nrschwinge II 304 u.
ürenla, h. (II 311).
Usener 82 (II 169, 170:82).
— , Pfarrer (H 159).
Vamhagen 231-2.
Vater 36, H 236:6.
Vanblanc, Graf II 21, 86, 89,
95.
Vega 230-1, (II 217 : 229).
Veiel 8. Reyscher.
Venedig, Rosse von 1121,33;
Löwen von II 33.
Vetter (II 377 o.)
vietrü (II 385 m.)
Villers (II 191 : 143.)
Vilmar 122, 282, 326; U
(144:13), 283, (378 u.); an
ihn no. i58-148 ; von ihm
II 294 ff., 297 : 298 n., 299.
Vinke 33, 37.
Vocabnlar. praedicant. (II
331 u.); V. teutonicus (II
344 0., 372 m., 373 0.)
Völkel 61, 138, 256-7, 403,
II 3, 6, 7, 10, 102, 103,
107, [112, 120 ff.J, 123,(157,
400 0., 405 0.); von ihm
21 Br. II 164.
~, Amalie; 1 Br. von ihr
II 164.
Vömel II 169).
Vogelsang, zu den II (338 u.)
Vogt, [K.] 329, (U 326 m.,
339 m.)
Voigt 32, 44.
Voigtel II (844 0.)
Volkssagen 319.
voUborn = Januar 321.
Voltaire 71.
Vorbetta U (311), 312 u.
Voss 36, 49, 54, 58, 64, 67,
69, 72. 90, 91, 93, 184-5,
189, 382, (II 161:53. 173:
90, 176:97, 344 m., 348 m.)
Vulpius 34.
Wabern (II 397.)
Wachler II 121 u., (151.)
Wackernagel, W. 298, 338,{U
267:31, 347 u., 349:341.)
währewarte, oberhessische
110.
Wagner, K. F. Chr., Prof. in
Marb. 127, 139, (II 166).
— , J. J. , Prof. in Erlangen
248.
— , H. L. (II 352 m.,363 0.)
— , Dr. Karl, in Darmstadt
(II 342 m.)
y Google
440
Namen- und Wort-Verzeichniss.
Waitz (11 355 m., 392 u.)
Waldis, Burkhard 300, 302.
Walper (H 139.)
walten [373].
Walther u. Hildegund 371.
Wangemann (11 139.)
Wartburg 171.
Weber (U 169, 171 : 82.)
Weigand, an ihn no. 145-93,
von ihm II 304 ff., 352,
363 m., 375 f., 376 u.
— , Mathilde, verh. m. Ober-
lehrer Dr. Flach 342, 345,
348, 351, 354, 358-60, 362,
367, 372, 374-5, 379, 386,
(n349 0.); vonihr n364:
374.
Weiland II 309:4.
Weiller (U 205 : 189.)
Weimar 152.
Weis, Prof., (U 395.)
Weismann 393.
Weisz 25, {U 150).
Weisze 353, (II 363 o., 372 o.)
Weitzel 215.
Welker 83, 87, 90, 103, (U
161:55, 170:82, 171:83.)
Wellentreter(=Heinroth),itftf,
171, cn 196:165).
Wellington 33, U 35, (401 u.)
welsche Sprache II 281 o.
Wenk 122, 306.
Werlauff 305.
Werner 227.
— , W., Probator II 110.
werrew (II 384 m.)
de Wette (U 264, 267 : 31).
Wetterau 316, 318-21, 325,
330, 339, 347, 402, (H 304
u., 381 u., 383 o., 392 u.)
Wetzlar 321.
Wieland 34, 43, (H 155:88^
Wien 36; Congress zu W.
(II 142); Wiener Jahrb.
II 245 : 13, (378 m.)
Wiesbaden 119, 274, 277.
Wigand, P. 330; an ihn no.
i-8; (n 138).
Wüd, Joh. Rud. n 10.
— , Dor. Cath., geb. Haber,
Frau d. v. II 10.
—, Dorothea, Tochter, verh.
m. W. Grimm.
— , Grethchen, Tochter /]?407.
Wildt 223.
Wildungen 177.
Wilhelmshöher Biblioth. 21;?,
ai 389 m.)
Wübetta U (311), 312 u.
Wilken 11 33.
WiUems TL 307 u., 309:3.
4, 312 : 7.
willetzknaben 333, (II 332 m.)
Willingshausen 41, 223, 11
146 Z. 1., 148 Z. 2 ▼. u.
Windischmann 103.
wir 341, (H 362 o.)
Wippersdorf 151.
Witt, Dörring 108.
Wittgenstein II 27.
Witzenhausen 219.
Witzleben, Minister 137.
— , Frau V., Schwiegertochter,
geb. V. Schenk 264,(11 220
u.)
Wochenblatt, polit (EL 276).
Wodana, Zeitschr. II 307 c,
308:2, 309:3.4.
Woensdrecht, Woensel 11 307.
Wolf, U 266: 29.
— , Pfarrer in Leipz. (II 202 :
182?, 206, 223:264).
— , Fr.A. 38,217,(11171:82).
— , Joh. Wilh. (n 325 u., 345
o.); von u. an ibnU306ff.
Wolfdieterich 359.
Wolfenbütte), Bibl. in 115.
Wolke 30.
Wolkonsky U 24, (verdr. Wol-
kowsky), 39 (verdr. Wol-
kovskyj, 51, (401 m., u.)
y Google
i_
Namen- und Wort^Verzeichniss.
441
Würtenberg ü 52, 55, (240,
8. Blindheim, Ja8titia),(272).
wnhrewarte = währewarte.
Wak Stephanowitsch [89]^
228,
wuol 328,
Wuotan n 310:5 (316 m.)
Wurm 352, 355,357, 367,371,
(II 301 u., 351 0., 366 m.)
Wurzer 61, 186, (H 163, 167).
yBla (H 304 u.)
Zamcke 376, II 301 u., 365 o.,
376 m.
Zend 11(235:5), 238:8.
Zenodot 217.
ZezBchwitz (II 301 m.)
Zimmer, Henriette Philippine,
Tante der Brüder Gnmm
[191].
Zimmermann (II 139).
Zöckler (U 301 m., 347 Br.
35).
Zoega 55-6« 62.
Zopi (H 183 : 120).
zween, zwo, zwei (II 305 o.)
Zwehren 156.
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y Google
Inhalt.
Seite
I. Acten über Wilhelm Grimm als Secretär bei der
Maseumsbibliothek in Cassel 1
n. Acten über Jacob Grimm's Mission nach Paris
im Herbst 1815 13
in. Acten über Jacob Grimm als Bibliothekar in Cassel 100
IV. Acten über Jacob Grimm als Mitglied der Censur-
Commission in Cassel 122
Anmerkungen zu Band I 188
Briefe zwischen Jacob Grimm und Hupfeld . . 282
. J. W. Wolf . 307
Anmerkungen zu Band II 394
Besserungen und Nachträge 408
Chronologishe Tabelle der in dieser Sammlung ent-
haltenen Grimmbriefe 410
Namen- und Wort-Verzeichniss 418
Digitized by VjOOQ IC
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Digitized by VjOOQIC
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